Dazu kamen noch die sonderbaren und widersprechenden Gerüchte, die

im Umlauf waren. Die einen sagten, der Herzog sei nach Philippsburg

und Kehl gereist, habe aber das Regiment nicht an den Geheimenrat,

sondern das Siegel dem Juden Süß gegeben; andere widersprachen und

behaupteten, man habe den Herzog an einem Fenster des Ludwigsburger

Schlosses gesehen, auch seien seine Pferde noch dort, und er sei nicht

abgereist. In einem Dorf an der österreichischen Grenze im Oberland

sollen die Katholiken plötzlich über die protestantischen Einwohner

hergefallen sein, und als letztere den Kampfplatz behaupteten, sei eine

Kompagnie Kreistruppen über die Grenze herein ins Dorf gerückt. Am

sonderbarsten klang das Gerücht, das sich überdies noch bestätigte, der

Oberfinanzrat Hallwachs habe ein kostbares Meßgewand beim Hofsticker

bestellt und ihm befohlen, es bis zum achtzehnten März fertig zu machen

und wenn er mit fünfzig Gesellen arbeiten müßte; bringe er es nicht

fertig, so werde er eingesetzt. Ein lutherischer Geistlicher, den man

mit Namen nannte, soll den Kindern in der Schule Kreuzchen, aus Holz

geschnitzt, geschenkt haben, mit den Worten: »Nur wenn ihr diese in

Händen haltet, könnet ihr recht beten.« Endlich erzählte man sich als

etwas Verbürgtes, der Jude habe zum Herzog über der Tafel gesagt: »Ihre

Stände, Durchlaucht, sind eigentliche Widerstände; aber sie stehen

schon so lange, daß sie müde und matt sind.« Karl Alexander habe ihm

lächelnd zur Antwort gegeben: »~C'est vrai; allons donc leur donner

des chaises, et une fois assis, ils ne se leveront plus.~« Auch jene

Männer, die entschlossen waren, dem drohenden Verderben zuvorzukommen,

hörten diese Gerüchte. Aber sie waren dabei kalt und ruhig; wußten

sie ja doch, Württemberg stehe eine solche Veränderung bevor, daß es

entweder erleichtert oder so tief ins Unglück gestürzt werden würde,

daß der Jammer des einzelnen davor verstummen müßte. Man erzählt sich,

sie haben alles, was dazu gehört, einem mächtigen und bösartigen Feind

mit Hilfe des Landvolks zu begegnen, vorbereitet gehabt, und wenn ihr

Unternehmen gelingen sollte, so verdankten sie es nur den wenigen

hellstrahlenden Namen einiger Männer aus der Landschaft; denn an diese

war man in Württemberg gewöhnt, das Interesse des Landes zu ketten.

Es war spät abends den elften März, als der Landschaftskonsulent

Lanbek mit seinem Sohne und dem Kapitän Reelzingen in seiner Wohnstube

beim Weine saß. Die beiden Lanbek waren ernst und düster, der Kapitän

aber konnte auch jetzt seinen fröhlichen Lebensmut nicht verbergen,

denn er teilte seine Aufmerksamkeit und sein Gespräch zwischen der

Fensternische, wo die beiden Schwestern Gustavs saßen, und zwischen den

beiden Männern an seiner Seite. Hedwig sah bleich und still vor sich

hin auf ihre Nadeln, aber auf Käthchens Gesichtchen lag eine höhere

Röte als gewöhnlich und alle Augenblicke zeigte sie die weißen Zähne

und die schönen Grübchen in ihren Wangen, denn der Kapitän wußte wieder

wunderschöne Späße und Geschichten.

»Wie ist Euer Pferd, Kapitän?« fragte der alte Lanbek.

»Mein Fuchs ist ein besserer Infanterist als ich selbst,« erwiderte er.

»Wenn ich die sechs ersten Stunden Trab und bergauf Schritt reite, so

kann ich die nächsten sechs bequem Galopp reiten. Er hat nur _einen_

Fehler, den, daß er noch nicht bezahlt ist, und macht mir durch diese

Untugend oft großen Jammer.«

»Ihr könnt,« fuhr der Alte fort, »wenn ihr von der Galgensteige an

scharf Trab reitet, zwischen elf und zwölf Ludwigsburg passieren; um

vier Uhr müßt ihr in Heilbronn sein und dort laßt ihr die Pferde ruhen;

zwischen acht und zehn Uhr seid ihr morgen in Oehringen.«

»Aber Vater,« fiel Gustav ein, »wäre es nicht ratsamer, gegen

Heidelberg zu reiten? Ich wollte darauf wetten, wir sind gegen

Oehringen hin nicht mehr sicher. Bedenken Sie, daß der Deutschorden

dort tief herein sich erstreckt, daß sie in Mergentheim gewiß von dem

Bischof in Würzburg unterrichtet sind, daß --«

»Daß,« fuhr der Vater fort, »ihr auf der Straße nach Heidelberg viel

mehr auffallet und daß ihr, wenn ihr etwa die Gegend nicht mehr rein

fändet eine letzte Zuflucht bei meinem alten Herrn und Gönner, dem

Herzog in Neustadt, habt, der euch gewiß in den ersten Tagen nicht

herausgibt. Ist dann Karl Alexander zufrieden mit dem, was wir hier

getan, so könnet ihr immer zurückkehren; wo nicht, so gehet ihr, wie

schon gesagt, weiter nach Frankfurt.«

»Gott! daß ich euch in einer solchen Krisis zurücklassen soll!« rief

Gustav mit Tränen. »Daß ich vielleicht an eurem Unglück schuld bin; daß

alles schlecht gehen kann, wenn Süß meine Flucht erfährt und sich an

Ihnen, Vater, rächt! Nein, ich kann, ich darf nicht gehen!«

»Nein, Vater,« fiel Hedwig ein, indem sie noch bleicher als zuvor

herbeieilte und ihres Vaters Hand ergriff, »er darf uns nicht

verlassen; o, ihr habt schreckliche Dinge vor, ich weiß es wohl, ihr

wollt eine Verschwörung gegen diese mächtigen Menschen machen. Lassen

Sie ab davon, Vater; Süß und die andern werden Ihnen verzeihen; ach,

mich tötet die Angst!«

»Geh, Mädchen,« sprach Käthchen, die auch herangetreten war; »was

Männer tun und was unser Vater tut, geht uns nichts an. Aber warum soll

denn gerade jetzt Gustav so schnell hinweg? Er könnte uns allen so

nützlich sein.«

»Weil ich keine Jüdin zur Tochter mag;« sagte der Alte streng, »darum

soll er fort. Weil ich ein Briefchen seiner Scharmanten aufgefangen und

mit Protest an den Juden geschickt habe, und weil dieser jetzt wütet

und euren Bruder mit Gewalt zum Schwager haben oder auf Neuffen setzen

will, darum soll und muß er ihm jetzt aus dem Wege gehen. Doch, ich

wollte dir in dieser Stunde nicht wehe tun, Gustav; wir scheiden als

Freunde, und alles andere soll vergessen sein, wer weiß, wann und wo

wir uns wiedersehen!«

Indem der Alte die letzten Worte sprach und seinem Sohn die Hand

reichte, wurde schnell und heftig an der Tür gepocht, und ehe noch

jemand antwortete, trat plötzlich eine Gestalt, in einen Mantel

gehüllt, ein. »Was soll dies?« fuhr der alte Lanbek auf. »Wer drängt

sich so bei Nacht in mein Haus, wer sind Sie?«

»Blankenberg!« rief Hedwig, als jener den Mantel abwarf, und trat

schnell und errötend einige Schritte vor.

»Verzeihung, Herr Konsulent,« sprach der junge Mann eilend, »die

Not muß mich entschuldigen. Gustav, du mußt im Augenblick fort; der

Leutnant Pinassa schrieb mir soeben, daß er dich auf Befehl des General

Römchingen heute nacht zwischen elf und zwölf Uhr aufheben müsse. Der

ehrliche Junge möchte dich nicht gern im Nest treffen.«

»Dank, Dank,« erwiderte der Alte, indem er Blankenberg die Hand

drückte. »Trinket aus, Kinder, und macht den Abschied schnell; hier,

mein lieber Reelzingen,« fuhr er fort und drückte dem überraschten

Kapitän einen großen Beutel in die Hand; »man kann nicht wissen, ob

sich euer Weg nicht teilt. Sie sind so edelmütig, meinen Sohn zu

begleiten.«

»Und mit Geld wollen Sie dies lohnen?« unterbrach ihn der Kapitän

unmutig. »~Parole d'honneur~, Herr! ich begleite meinen Bruder, weil

wir alte Amicisten sind, und nicht wegen Ihrer Spieße. Da soll mich

doch --«

»Reelzingen,« sagte Käthchen mit ihrer süßen Stimme, »Ihr versteht doch

gar keinen Scherz; es sind lauter Kupfermünzen, und ich habe dem Vater

den Beutel gegeben, Euch in April zu schicken.«

»Ich verstehe,« flüsterte der Kapitän, indem er errötend dem schönen

Mädchen die Hand küßte. »Ich will Euch dafür etwas Schönes von

Frankfurt mitbringen.«

»Bringet mir,« antwortete sie, indem sie die Tränen nicht mehr

zurückhalten konnte, »nur unsern Gustav wohlbehalten zurück, und,«

setzte sie, durch Tränen lächelnd, hinzu, »machet mir keine tollen

Streiche, die euch verraten könnten.«

»Die Pferde sind vor dem Seetor,« sprach der Alte zu Reelzingen und

seinem Sohn. »Ihr dürft nicht das Tor selbst passieren; denn die

erste Runde ist schon vorüber. Begleiten Sie meinen Sohn, Herr von

Blankenberg, durch die Gärten und bringen Sie mir Nachricht, wie sie

fortgekommen sind.«

Der junge Lanbek umarmte Vater und Geschwister, die Schwestern folgten

ihm und seinen Freunden weinend bis unter die Gartentüre, und als

nachher Hedwig ihre jüngere Schwester bitter tadelte, weil sie erlaubt

habe, daß der Kapitän sie auf den Mund küsse, antwortete jene: »Du hast

gefehlt, nicht ich, daß du es unterlassen hast; solche Höflichkeit

waren wir einem Manne schuldig, der für unsern Bruder so viel tut.«

»Ei,« erwiderte Hedwig errötend, »Blankenberg hat ihn eigentlich doch

auch gerettet.«

13.

Die beiden jungen Männer ritten schweigend durch die finstere Nacht

hin. Kein Stern war am Himmel und der Wind heulte um die Berge. »Hu!

Siehst du dort?« flüsterte Reelzingen, als sie an dem eisernen Galgen

vorbeiritten, den einst (1597) Herzog Friedrich dem Alchimisten Honauer

aus dem Metall errichten ließ, das er in Gold zu verwandeln versprochen

hatte. »Schau, diese ungeheure Menge Raben, es ist, als witterten sie

eine neue Beute.«

Sein Freund blickte schweigend hinauf, schlug aber plötzlich wieder die

Augen nieder, denn ihm war, als sähe er Leas feine, liebliche Gestalt

klagend unter dem Galgen sitzen. »Fest genug ist diese Schandsäule aus

Eisen,« fuhr der Kapitän fort, »um alle Schurken im Lande zu tragen;

aber wollte man das Gold mit aufhängen, das sie eingesackt haben,

würde selbst dieser Galgen wie ein morscher Stab zusammenbrechen! Wie

diese Raben schaurige Melodien singen! Doch wie? -- ~Dieu nous garde~,

Kamerad! Gib deinem Roß die Sporen, wahrhaftig, dort sitzt ein Gespenst

am Galgen!«

Es war, als ob die Pferde selbst diesen Ort des Schreckens fürchteten,

denn auf diesen Ruf jagten sie mit Sturmeseile den Berg hinan und waren

nicht mehr ruhig, bis man das Gekreisch der Raben nicht mehr hörte.

Es liegt eine kleine Brücke zwischen Stuttgart und Ludwigsburg, von

welcher das Volk viel Schauerliches zu erzählen weiß; so viel ist

gewiß, daß schon Unerklärliches dort vorgefallen ist, und daß mancher

Mann sein Gebet spricht, wenn er nachts allein über diese Stelle

reitet. Die Sage sagt, daß der Sohn des Konsulenten und sein Freund,

der muntere Kapitän, glücklich und in kurzer Zeit bis an jene Brücke

gekommen seien; dort aber seien ihre Pferde nicht mehr von der Stelle

gegangen und haben geschnaubt und gezittert. Die jungen Leute spornten

und gebrauchten ihre Peitschen, als eine alte, zitternde Stimme rief:

»Gebt einem alten Mann doch ein Almosen!«

»Wer wird bei Nacht und Nebel den Beutel ziehen? Zurück, Alter, von der

Brücke weg, unsere Pferde scheuen vor Euch, zurück, sag' ich, oder Ihr

sollt meine Peitsche fühlen!«

»Nicht so rasch, junges Blut! Nicht so rasch!« sagte der Alte, dessen

dunkle Gestalt sie jetzt auf dem Brückengeländer sitzen sahen. »Eile

mit Weile! Kommet noch früh genug, gebet einem alten Mann ein Almosen!«

»Jetzt ist meine Geduld zu Ende,« rief der Kapitän und schwang seine

Peitsche in der Luft. »Ich zähle drei, wenn du nicht weg bist, hau' ich

zu.«

Der Alte hüstelte und kicherte, Gustav kam es vor, als wachse seine

dunkle Gestalt ins Unendliche und -- ein langer Arm streckte einen

großen Hut heran, und zum drittenmal, aber drohend und mit furchtbarer

Stimme krächzte der Mann von der Brücke: »Einem alten Mann gib ein

Almosen! Es wird dir Glück bringen, und reite nicht so schnell; vor

zwölf Uhr darfst du nicht dort sein.«

Reelzingen ließ kraftlos und zitternd seinen Arm sinken; er gestand

nachher, daß ihn eine kalte Hand angefaßt habe. Gustav aber zog mit

pochendem Herzen die Börse und warf ein Silberstück in den großen Hut.

»Wieviel Uhr ist's, Alter?« fragte er.

»Weiß keine Stund' als zwölf Uhr,« sprach die Gestalt, die wieder

auf dem Geländer zusammenkauerte, mit dumpfer Stimme. »Dank dir,

sollst Glück haben; reit' zu!« Er sagte es und stürzte rücklings mit

einem dumpfen Fall in den Sumpf, über den die Brücke führte. Entsetzt

gab Reelzingen seinem Pferde die Sporen, daß es sich hoch aufbäumte

und dann in zwei Sprüngen über die Brücke setzte. Gustav aber hielt

erschrocken sein Pferd an, stieg ab und blickte über das Geländer

der Brücke. Es rührte sich nichts. »Alter!« rief er hinab, »hast du

Schaden genommen? Kann ich dir helfen?« -- Keine Antwort, und alles

war still unten wie im Grabe. Jetzt faßte auch den jungen Lanbek

eine unerklärliche Angst; er fühlte, als er aufstieg, wie sein Pferd

zitterte; er wagte es nicht, sich noch einmal nach dem grauenvollen Ort

umzusehen, als er seinem Freund nachjagte.

»Das ist das zweite Mal, daß er mir begegnet ist,« flüsterte Reelzingen

tief aufatmend, als Lanbek wieder an seiner Seite war.

»Wer?« fragte dieser betroffen.

»Der Teufel,« antwortete der Kapitän.

Lanbek gab ihm keine Antwort auf die sonderbare Rede, und sie jagten

weiter durch die Nacht hin. In Zuffenhausen schlug es Viertel vor

zwölf Uhr, als sie durchritten; in den meisten Häusern brannten noch

die Kerzen und da und dort hörte man geistliche Lieder aus den Stuben.

Der Nachtwächter stieß eben ins Horn und rief die Stunde; der Kapitän

hielt an und fragte ihn, was die späten Gesänge und Gebete zu bedeuten

haben.

»Ach Herr! Das ist eine arge Nacht,« antwortete dieser, »es hat ein

Mann an vielen Häusern gepocht und befohlen, die Leute sollen die ganze

Nacht bis zwölf Uhr beten.«

»Wer ist der Mann?« fragte Lanbek staunend.

»Alte Leute, Herr, die ihn gesehen haben, versichern, es sei unser

alter Pfarrer gewesen; Gott hab' ihn selig, er ist seit zwanzig Jahren

tot; aber es war ja nichts Unchristliches, was er verlangte, drum beten

und singen sie in den Lichtkarzstuben und spinnen dazu.«

»Diese Nacht kann mich noch wahnsinnig machen!« rief der Kapitän, indem

sie wegritten. »Gustav, ich glaube, heute nacht geht er leibhaftig

auf der Erde um; ich denke, es wäre jetzt gerade die beste Zeit, den

alten Burschen zu zitieren, wenn man etwa schnell Oberst werden oder

zweimalhunderttausend spanische Quadrupel haben möchte.«

»Tor!« antwortete der Freund. »Der, den du meinst, hat mit dem Gebet

nichts gemein.«

Es war, als ob ihre Pferde nur zum Schein die Beine aufhöben, denn jede

Viertelstunde, die sie zurücklegten, schien zu einer neuen anzuwachsen.

Noch immer wollte Ludwigsburg nicht erscheinen und die Nacht war so

finster, daß sie auch an der Gegend nicht erkennen konnten, ob sie

fehlgeritten oder ob sie der Stadt schon nahe seien. Endlich, nachdem

sie etwa wieder eine halbe Stunde geritten sein mochten, sahen sie in

der Entfernung von etwa tausend Schritten Lichter schimmern, fanden

aber auch zugleich ihren Weg durch vier Pferde versperrt, die, an einen

Reisewagen gespannt, quer über die Landstraße standen.

»Führ' deine Pferde hinweg, Fuhrmann!« rief der Kapitän, »oder meine

Peitsche wird sie bald weggetrieben haben; warum versperrst du den Weg?«

»Gemach, ihr Herren, soll gleich geschehen,« antwortete ein Mann,

der von dem Wagen stieg. Aber die Zeit, die er dazu brauchte, die

herabgefallenen Zügel aufzunehmen und zu ordnen, dauerte dem raschen

Soldaten zu lange, er versuchte über die schlaff liegenden Stränge

des vordersten Gespanns wegzusetzen, und forderte seinen Freund auf,

ein gleiches zu tun; doch wie es in solchen Fällen blinder Eile zu

geschehen pflegt, in demselben Augenblick zog der Mann am Wagen die

Zügel an, und das Pferd des Kapitäns blieb mit einem Fuß in den straff

aufgerichteten Strängen hängen.

Lanbek sprang ab, um dem Freund zu helfen, der Kutscher lief bedauernd

herzu, und eben war der Fuß des unbezahlten Rosses frei, als man einige

Reiter in aller Eile von der Stadt herbeijagen hörte. Der erste mochte

einen Vorsprung von fünfhundert Schritten, aber kein gutes Pferd haben,

denn der Kapitän unterschied deutlich, daß es kurzen Paradegalopp ging,

die Tritte der nachfolgenden Pferde schlugen zwar minder kräftig auf,

waren aber flüchtiger. »Platz -- ~allons!~ -- Platz!« rief der erste

Reiter; aber in demselben Augenblick hörten auch die beiden jungen

Männer eine bekannte Stimme, die mit dem wildesten Ausdruck rief:

»Halt, Jude! oder ich schieß' dich mitten durch den Leib!«

Unter dem Volke in Württemberg hört man zuweilen noch einen Reim, der

diesen merkwürdigen Moment bezeichnet, er heißt:

Da sprach der Herr von Röder:

Halt oder stirb entweder!

Und der alte Oberst war es auch, der in diesem Augenblick seinen

Begleitern weit voran, eine Pistole in der Hand, ansprengte, den ersten

Reiter wütend am Arme packte und schrie: »Wo hinaus, Jude? Warum so

schnell zu Roß, als ich dir nachrief zu warten?«

»Mäßigt Euch, Herr Oberst,« erwiderte der erste mit stolzem Ton, in

welchem aber doch einige Angst durchzitterte; »ich gehe nach Stuttgart,

der Frau Herzogin Durchlaucht zu sagen, was in diesem Augenblick für

Maßregeln --«

»Das ist auch mein Weg, Herr!« erwiderte der Oberst mit furchtbarer

Stimme; »und keinen Augenblick geht Ihr von meiner Seite, sonst werde

ich mit meiner Pistole Beschlag auf Euch legen. Platz da, wer steht

hier im Weg?«

»Der Kapitän von Reelzingen von der dritten Kompagnie und der

Expeditionsrat Lanbek.«

»Guten Abend, meine Herren!« fuhr Röder fort. »Habt Ihr geladene

Pistolen, Kapitän?«

»Ja, mein Herr Oberst,« war die Antwort des Soldaten, indem er sie aus

den Halftern losmachte.

»Ich kommandiere Euch, in welchem Auftrag Ihr jetzt auch sein

möget, auf der linken Seite des Herrn Ministers Süß zu reiten. Bei

Eurem Dienst und Eurer Ehre als Edelmann, sobald er Miene macht zu

entfliehen, jagt ihm eine Kugel nach. Die Verantwortung nehme ich auf

mich.«

»Herr Expeditionsrat,« rief Süß, »ich nehme Euch zum Zeugen, daß mir

hier schändliche Gewalt geschieht. Oberst Röder, ich warne Sie noch

einmal; dieser Auftritt soll gerächt werden!«

»Aber Herr von Röder,« flüsterte Gustav; »ums Himmels willen, übereilen

Sie nichts, bedenken Sie, was daraus entstehen kann. Bedenken Sie,«

setzte er lauter hinzu, »den furchtbaren Zorn des Herzogs.«

»Der Herzog ist tot,« sagte Röder laut genug, daß es alle hören konnten.

»Karl Alexander tot?« rief der Kapitän, auf den alle Begebenheiten

dieser Nacht mit einemmal in schrecklichen Erinnerungen hereinstürzten.

»Hat man sichere Nachricht? Gott! welch ein Fall!« sagte Gustav

besorgt. »War er in Kehl?«

»Er ist in Ludwigsburg vor einer Viertelstunde schnell und plötzlich

gestorben. Drum ist es unsere Pflicht, diesen Herrn da, der sich

mit der Regierung sehr stark beschäftigte, schnell an das verwaiste

Staatsruder zu bringen.«

»Wie, in Ludwigsburg, sagt Ihr,« rief Lanbek, »und schnell gestorben?

O, ewige Vorsicht!«

»In diesem Ludwigsburg hier,« sagte Röder wehmütig, »und im Bette am

Schlag gestorben. Friede mit seiner Asche! Er war ein tapferer Herr.

Aber jetzt weiter, ihr Freunde, daß die Nachricht nicht vor uns nach

Stuttgart kommt!«

»Meine Herren,« rief Süß mit einer Stimme, die Zorn und Angst beinahe

erstickte, »noch bin ich Minister, und erinnere Sie an das Edikt des

Herzogs, das mich von aller Verantwortung freispricht; ich sage Ihnen,

es kann Ihnen allen schlimm gehen, wenn Sie sich mit Herrn von Röder

verbinden. Im Namen des Herzogs und seines Erben befehle ich Ihnen, von

mir abzulassen.«

»Jetzt hat dein Reich ein Ende, Jude!« rief der Kapitän, lachte wild,

riß ihm den Zaum aus der Hand und schlug sein Pferd mit der langen

Peitsche auf den Rücken; der Oberst ritt an der rechten Seite, seine

Pistole in der Hand; der Zug setzte sich in Galopp, und Gustav folgte

halb träumend durch das singende Dorf, an dem alten Mann, der heiser

lachend wieder auf der Brücke saß, und an dem Galgen vorüber, wo die

Raben krächzten und mit den Flügeln schlugen. Erst hier, als er einen

scheuen Blick nach der Richtstätte warf, fiel ihm mit ängstlicher

Ahnung Lea und ihr unglückliches Schicksal bei.

14.

Als die Stuttgarter am Morgen nach dieser verhängnisvollen Nacht

erwachten, wurden sie von zwei beinahe ganz unglaublichen Nachrichten

überrascht. Der Herzog sei, statt außer Landes verreist zu sein, in

dieser Nacht zu Ludwigsburg schnell gestorben. Er war ein gesunder,

kräftiger Mann gewesen, dem mancher, der ihn gesehen, wohl noch zwanzig

bis dreißig Jahre gegeben hätte. Die Klagen um seinen Tod verstummten

beinahe vor der Freude über eine andere Nachricht: der Jude Süß sei mit

mehreren der höchsten Hofherren im Ludwigsburger Schloß gewesen, als

der Herzog so plötzlich starb; er habe sich alsobald, nachdem er die

Leiche gesehen, aufs Pferd geschwungen und sei wie wahnsinnig Stuttgart

zu geritten; Herr von Röder aber, ein Mann, mit dem sich nicht spaßen

lasse, habe ihn eingeholt und bewacht nach Stuttgart geführt. Man

lachte über die sonderbare Verblendung des Juden; als er nämlich von

der Frau Herzogin, welcher er noch in der Nacht aufgewartet hatte,

um zu kondolieren, heraustrat und eine Eskorte nach Haus verlangte,

weil er wichtige Akten holen müsse, schloß sich ein Leutnant mit sechs

Mann an ihn an. Am Ende des Korridors machte ihm ein Hauptmann das

Kompliment und folgte mit zwölf Mann; jener meinte zwar lächelnd,

»es sei zuviel Ehre,« als er aber an Lanbeks Haus um die Ecke bog,

und vier Schildwachen vor seinem Palais bemerkte, als er oben an der

Treppe Bajonette blitzen sah und Lea bleich, verstört und weinend ihm

entgegenstürzte, da merkte er, welche Stunde geschlagen habe, und rief:

»~Ciel, je suis perdu!~«

Obgleich das Testament des verstorbenen Herzogs im Fall seines Todes

eine Administration bestellt hatte, welche seinen Ministern angenehmer

gewesen wäre, so übernahm doch Herzog Rudolf von Neustadt, trotz seines

hohen Alters, als der nächste Agnat, die Administration, und das Land

fühlte sich erleichtert und zufrieden dabei. Er ließ, außer anerkannt

schlechten Menschen, jeden in der Würde, in der er unter der vorigen

Regierung stand, und es war dies wirklich eine Art von Gnadenakt, wenn

man bedenkt, daß früher zwei Dritteile aller Aemter im Lande gekauft

worden waren. Nur _einer_ war nicht zufrieden mit dem Amt, das ihm der

Herzog Administrator mit den huldreichsten Ausdrücken bestätigt hatte;

es war der junge Lanbek. Er wurde nicht nur als Expeditionsrat aufs

neue ernannt, sondern, als der alte Röder, im Feuer der Freundschaft

für den Landschaftskonsulenten, dessen Sohn als einen klugen Kopf und

trefflichen Juristen schilderte, wählte ihn der Herzog sogar in die

Kommission, die den Prozeß gegen den Juden Süß zu führen hatte. Der

alte Lanbek fühlte sich dadurch nicht wenig geehrt und nannte seinen

Sohn mehreremal den Stolz und die Stütze seines Alters; aber Gustav

machte diese Wahl unaussprechlich unglücklich. Nicht als ob er nicht,

wie jeder andere Bürger, den Mann verdammt hätte, der das Land in so

tiefes Elend gestürzt; nicht als ob es gegen sein Gewissen gewesen

wäre, Verbrechen ans Licht zu ziehen, die man so künstlich verborgen

hatte; aber Lea, es war ja ihr Bruder, den er richten sollte, und der

Gedanke war es, der ihm dieses Geschäft zum Abscheu machte. Kleine

Seelen sättigen sich gerne an Rache, und manchem wäre es eine innige

Freude gewesen, einen Mann, der noch vor kurzem so hoch stand, jetzt in

der tiefsten Kasematte der Festung zu besuchen, mit herrischer Stimme

ihn von seinem Lager aufzujagen und ihn zu martern und zu peinigen.

Dieser Mann hatte sich noch überdies gegen Gustav persönlich verfehlt,

er hatte ihn mit dem empörendsten Uebermut behandelt, ihm sogar mit

demselben Gefängnis gedroht, in welchem er jetzt selbst, bange um

künftige Freiheit, vielleicht selbst um sein Leben, schmachtete. Aber

das Herz des jungen Mannes war zu groß, als daß es hätte freudig

pochen sollen, als er zum erstenmal als Richter in den Kerker des

Mannes trat, der jetzt, entblößt von aller irdischen Herrlichkeit,

angetan mit zerlumpten Kleidern, bleich, verwildert, sich langsam aus

seinen rasselnden Ketten aufrichtete. Erinnerte ihn doch jetzt noch

dieses Gesicht an die Züge eines unglücklichen, geliebten Wesens; und

er konnte sich kaum der Tränen enthalten, als nach dem Schlusse des

Verhörs der Gefangene sprach: »Herr Lanbek, es gibt ein unglückliches,

unschuldiges Mädchen, das wir beide kennen; als man in meinem Hause

versiegelte, haben sie die rohen Menschen auf die Straße gestoßen --

sie war ja eine Jüdin und verdiente also kein Mitleid. -- Mir, Herr,

ist kein Pfennig geblieben, womit ich ihr Leben fristen könnte; ich

weiß nicht, wo sie ist -- wenn Sie etwas von ihr hören sollten -- sie

hat nichts als das Kleid, das sie trug, als man sie von der Schwelle

stieß -- geben Sie ihr aus Barmherzigkeit ein Almosen.«

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 1 · 第 21 / 22 段