Der junge Mann ließ seinen Tränen freien Lauf, als er allein den Berg

von Hohenneuffen herabstieg; er erfuhr zwar nachher, daß ihn der Jude

belogen habe, daß er, obgleich man über fünfmalhunderttausend Gulden in

Gold und Juwelen in seinem Hause fand, doch beinahe hunderttausend in

Frankfurt in sichern Händen habe, und Gustav konnte leicht einsehen,

daß ihn Süß durch diese Vorstellungen von Elend nur habe weich stimmen

wollen; aber dennoch konnte er den Gedanken nicht entfernen, daß

Lea verlassen und unglücklich sei, und dieser Gedanke wurde immer

peinlicher, als er trotz seiner Nachforschungen keine Spur von ihr

entdecken konnte.

Der Frühling, Sommer und Herbst waren vorüber gegangen und noch immer

dauerte der Prozeß. Es waren Dinge zur Sprache gekommen, wovor selbst

den kältesten Richtern graute; aber obgleich der junge Lanbek der

Kommission mit edlem Unwillen vorstellte, daß noch vier andere Männer

nicht minder schuldig seien als Süß, so schien man doch nur gegen

diesen ernstlich verfahren zu wollen, weil ihn der allgemeine Haß als

den Schuldigsten bezeichnete.

Es war an einem trüben Oktoberabend -- der alte Konsulent war seit

einigen Tagen verreist und sein Sohn arbeitete im Bibliothekzimmer

an einem neuen Verhör --, als seine jüngere Schwester, jetzt die

glückliche Braut des Kapitäns Reelzingen, ernster als gewöhnlich zu ihm

eintrat. Sie sprach anfangs Gleichgültiges, schien aber nur mit Mühe

eine Träne unterdrücken zu können, die endlich wirklich in dem sanften

Auge glänzte, als sie fragte, ob er ihr nicht zürnen werde, wenn sie

eine bekannte Person zu ihm führe? Er sah sie staunend und verwundert

an, doch noch ehe er eine Antwort zu geben vermochte, eilte Käthchen

weinend aus dem Zimmer und trat bald darauf mit einem verschleierten

Mädchen wieder ein. Noch ehe die trübe Kerze ihre Umrisse deutlich

zeigte, noch ehe sie den Schleier zurückschlug, sagte ihm sein

ahnendes Herz, wen er vor sich habe; errötend sprang er auf, aber

schon hatte die Unglückliche sich vor ihm niedergeworfen, den Schleier

zurückgeschlagen, und Lea war es, welche die einst so geliebten Augen

düster und bittend zu ihm aufschlug und die bleichen, magern Hände

ineinander gerungen, flehend nach ihm hinstreckte. »Barmherzigkeit!«

rief sie. »Nur nicht sterben lassen Sie ihn; man sagt, er müsse

sterben; seine einzige Hoffnung ruht noch auf Ihnen. Wo soll ich Worte

nehmen, Ihr großmütiges Herz zu erweichen? Welche Sprache soll ich

erdenken, an ein Ohr zu sprechen, das mich einst so wohl verstand?«

-- Tränen ließen sie nicht weiterreden, und auch Käthchen weinte

bitterlich. Voll von Schmerz und Ueberraschung faßte Gustav ihre kalten

Hände und richtete sie auf; er sah sie an -- wie schmerzlich war ihm

ihr Anblick! Ihre Wangen waren bleich und eingefallen, die schönen

Augen lagen tief, und der Mund, der sonst nur zum Lächeln geschaffen

schien, zeigte, daß er jenes süße Lächeln längst nicht mehr kenne. Das

schwarze Haar, das um die weiße Stirne hing, und das bleiche Gesicht

vollendeten das Gespenstische ihres Anblicks.

»Lea! Unglückliche Lea!« rief der junge Mann. »Wie lange haben Sie sich

verborgen gehalten und Ihren Freunden den letzten Trost geraubt, zu

wissen, ob es Ihnen an nichts gebricht, ob die Freunde etwas für Sie

tun können?«

»Ach! Das ist es nicht, um was ich Ihre edelmütige Schwester gebeten

habe, mich hierher zu führen;« sagte sie schmerzlich lächelnd. »Warum

soll es mir denn nicht gut gehen? Ich habe alle meine Hoffnungen und

Träume längst begraben, ich pflanzte die Erinnerungen als Blumen auf

das Grab und begieße diese Blumen mit meinen Tränen. Nein! Sie waren

immer so großmütig gegen Unglückliche, geben Sie mir nur den Trost, daß

mein Bruder nicht sterben muß. Ach! es ist so bitter zu sterben, und

was nützt sein Tod diesem Lande?«

»Lea,« antwortete der junge Mann verlegen, »gewiß, es ist bis jetzt

noch nicht davon die Rede gewesen, und ich glaube auch nicht -- Sie

dürfen sich trösten -- es wird nicht so weit kommen.«

»Es wird, und in Ihrer Hand liegt sein Schicksal,« flüsterte sie;

»er hat es mir gesagt, ich habe ihn gesprochen: ›Wenn nur der Brief

nicht wäre, der Brief kann mich verderben.‹ O Gustav! Halten Sie ihn

jahrelang, auf immer im Gefängnis, was liegt an ihm, wenn er in Ketten

sitzt? Nur nicht sterben; Gustav sein Sie edelmütig -- vergessen Sie

den Brief, um den niemand weiß als Sie -- mit jener schwachen Kerze

dort können Sie das Leben eines Menschen retten.«

»Bruder,« sagte Katharina, nähertretend, indem sie seine Hand faßte,

»tu es, dein Gewissen kann nicht gefährdet werden, denn er ist ja

auf immer unschädlich gemacht; verbrenne den Brief, er kann sich ja

verloren haben.«

Der junge Mann sah die weinenden Mädchen an; ein unabweisbares Gefühl

kämpfte in ihm, er schwankte einen Augenblick, und Lea, die diesen

Kampf in seinen Mienen las, faßte seine Hand, drückte sie stürmisch

an ihr Herz, zog sie zärtlich an ihre Lippen. »Er will!« rief sie

entzückt. »O, ich wußte es wohl, er ist edel; er will sich nicht wie

die andern, an dem Unglücklichen rächen, der ihn einst beleidigt hat,

er läßt ihn nicht sterben, belastet mit Sünden, er läßt ihn leben und

fromm und weise werden. Wie gütig bist du, o Gott, daß du noch deiner

Engel einen gesendet hast auf diese öde Erde, der mit der offenen Hand

der Barmherzigkeit segnet und nicht mit dem flammenden Schwert der

Rache den Verbrecher zerschmettert!«

»Nein -- nein -- es ist nicht möglich!« sprach Lanbek mit tiefem

Schmerz. »Sieh, Lea, mein Leben möchte ich hingeben, um deine Ruhe zu

erkaufen, aber meine Ehre! Meinen guten Namen! Es ist nicht möglich!

Sie wissen um diesen Brief, einige haben ihn gelesen und -- morgen soll

ich ihn vortragen. Käthchen! Sprich, ich beschwöre dich, kann, darf ich

es tun?«

Käthchen weinte, und eine leise Bewegung ihres Hauptes schien

anzudeuten, daß es auch ihr unmöglich scheine. Lea aber hatte ihm mit

starren Blicken zugehört; über die bleichen Wangen ergoß sich die

Röte der Angst, sie beugte sich vor, als könne sie die schreckliche

Verneinung nicht recht vernehmen; sie sah, als sich Gustav auf seine

Schwester berief, mit einem Blick voll schmerzlicher Zuversicht nach

dieser hin, sie streckte die Hand krampfhaft aus wie ein Ertrinkender,

der nach dem schwachen Zweig am Ufer die Hand ausstreckt -- vergebens.

»So muß er sterben,« sagte sie nach einer Weile leise, »und du -- du

brichst ihm den Stab? Das war es also, warum ich lebte -- und liebte?

Es ist ein sonderbares Rätsel, das Leben! Hätte ich dies gedacht,

als ich noch ein fröhliches Kind war? Hätte ich gedacht, daß wir so

untergehen müßten?«

»Armes, unglückliches Mädchen!« sprach Käthchen und schloß sie in ihre

Arme. »Ach, gewiß, er kann nicht anders handeln, ich sehe es selbst

ein; und wenn es dich trösten kann, komm zu mir, so oft du willst, du

sollst gewiß treue Teilnahme finden --«

»Lea,« unterbrach sie ihr Bruder, »wenn wir etwas für Sie tun können;

Sie sind an Wohlstand gewöhnt -- dieses Kleid hier sagt mir, daß Sie in

Not sind.«

»Komm, Lea,« fuhr Käthchen fort, »wir sind beinahe von derselben Größe,

nimm von meinen Tüchern, von meinen Kleidern, du machst mir Freude,

wenn du es tun willst.«

»Das Vermögen Ihres Bruders, das er außer Landes besitzt,« sagte

Gustav, »soll und muß für Sie gerettet werden, Sie haben die nächsten

Ansprüche, und ich will gewiß das Meinige tun.«

»Guter Gustav,« unterbrach sie ihn, indem sie sich zu einem Lächeln

zwang; »lassen wir das; die Leute sagen, daß er sein Vermögen den Armen

dieses Landes entzogen habe. Da hatte er unrecht, und es wäre besser,

er hätte dieses Land nie gesehen; aber ebenso unrecht wäre es von mir,

von diesem Golde Gebrauch zu machen, das ihm den Tod bringen wird.

Aber von dir, liebes, schönes Mädchen, nehme ich ein Tuch an, weil es

jetzt so kalt wird. Ich höre, du bist Braut; sei doch recht glücklich!

Möchten dies die letzten Tränen sein, die jetzt in deinen Wimpern

hängen; und wenn du weinen mußt, so sei es nur fremdes Unglück, um das

dein schönes Herz trauert.«

»Lea,« sagte der junge Mann mit tiefem Schmerz, »ich kann dich nicht so

hinweglassen; es ist die trügerische Ruhe der Verzweiflung die aus dir

spricht. Besuche doch meine Schwester; sage, wo du wohnst. -- Ach, wenn

du Mangel littest! -- Scheide nicht im Groll von mir, Lea! Gott weiß,

daß ich nicht anders konnte!«

»Und auch ich weiß es, Gustav, und war ein törichtes Mädchen, dich auf

diese gefährliche Probe zu stellen; unser Unglück ist so groß, daß

eine kleine Hilfe mit deiner Ehre, mit deiner Ruhe zu teuer erkauft

wäre. Lebet wohl! Ich brauche wenig, vielleicht bald gar nichts mehr,

und sollte ich etwas nötig haben, so bin ich nicht zu stolz, zu dieser

Freundin zu kommen, der einzigen, die mir das Unglück erworben hat.«

»Und vergibst du?« sagte Gustav mit Tränen.

»Ich habe nichts zu vergeben,« erwiderte sie, indem sie ihm mit mehr

Fassung, als die beiden Geschwister erhalten hatten, die Hand bot.

»Lebe wohl, Freund! Ich gehe, meine Blumen zu begießen. Möge der

Gott meiner Väter dich so glücklich machen, als es dein reines Herz

verdient!« Sie sagte es, warf noch einen Blick voll Liebe auf ihn und

ging, von Käthchen begleitet.

Der junge Mann blickte ihr wehmütig nach; es war ihm, als hätte diese

Stunde einen mächtigen Einfluß auf sein Leben, aber er ahnte auch, daß

er das unglückliche Mädchen zum letztenmal gesehen habe.

15.

Es würde unsere Leser ermüden, wollten wir sie von dem Prozeß des

Juden Süß noch länger unterhalten. Es ging damals wie ein Lauffeuer

durch alle Länder und wird da und dort noch heute erwähnt, daß am

4. Februar 1738 die Württemberger ihren Finanzminister wegen allzu

gewagter Finanzoperationen aufgehenkt haben. Sie hingen ihn an einem

ungeheuren Galgen von Eisen in einem eisernen Käfig auf. Im Dekret

des Herzogs Administrator heißt es: »Ihme zu wohlverdienter Straff,

jedermänniglich aber zum abscheulichen Exempel.« Beides, die Art,

wie dieser unglückliche Mann mit Württemberg verfahren konnte, und

seine Strafe sind gleich auffallend und unbegreiflich zu einer Zeit,

wo man schon längst die Anfänge der Zivilisation und Aufklärung

hinter sich gelassen, wo die Blüte der französischen Literatur mit

unwiderstehlicher Gewalt den gebildeten Teil Europas aufwärts riß.

Man wäre versucht, das damalige Württemberg der schmählichsten Barbarei

anzuklagen, wenn nicht ein Umstand einträte, den Männer, die zu jener

Zeit gelebt haben, oft wiederholen, und der, wenn er auch nicht die Tat

rechtfertigt, doch ihre Notwendigkeit darzutun scheint. »Er mußte,«

sagen sie, »nicht sowohl für seine eigenen schweren Verbrechen als

für die Schandtaten und Pläne mächtiger Männer am Galgen sterben.«

Verwandtschaften, Ansehen, heimliche Versprechungen retteten die

andern, den Juden -- konnte und mochte niemand retten, und so schrieb

man, wie sich der alte Landschaftskonsulent Lanbek ausdrückte, »was die

übrigen verzehrt hatten, auf _seine Zeche_.« Es sind seitdem neunzig

Jahre verflossen, und wir wissen nicht, ob damals der schmähliche

Tod dieses Mannes die Gemüter über alles Frühere beruhigte und

befriedigte. Ein Edikt des Administrators wenigstens scheint es nicht

ganz zu beweisen, denn er sah sich genötigt, zu _verordnen_: »daß die

Untertanen alle widrigen Nachreden und ungleichen Urteile über den

hochseligen Herrn, bei Strafe und Ahndung, vermeiden, und denselben im

schuldigst-respektuösesten Andenken halten sollen.«

Der alte Lanbek tat das letztere auch ohne dies Edikt, denn so oft der

Name Karl Alexanders genannt wurde, lüftete er mit besorgter Miene

sein Mützchen und sagte: »Gott habe ihn selig!« Er folgte auch dem

hochseligen Herrn noch unter der Vormundschaft Rudolfs von Neustadt.

Man sagt, sein Sohn habe nie wieder gelächelt, und selbst Schwager

Reelzingen konnte ihm mit den herrlichsten Späßen keine heitere Miene

abgewinnen. Noch Anno 93 sah man ihn als einen hohen, magern Greis

an einem Stock über die Straße schreiten; seine Miene war ernst und

düster, aber sein Auge konnte zuweilen weich und teilnehmend sein.

Er hat nie geheiratet, und die Sage ging damals, daß er nur einmal,

und ein unglückliches Mädchen geliebt habe, das ihren Tod im Neckar

freiwillig fand. Männer, die ihn gekannt haben, versichern, daß er

gewöhnlich kalt und verschlossen, dennoch sehr interessant in der

Unterhaltung gewesen sei, wenn man ihn auf gewisse metaphysische

Untersuchungen brachte, mit welchen er sich in seinem hohen Alter

hauptsächlich beschäftigte. Er starb, betrauert von vielen, die ihn und

sein Schicksal kannten, und beweint von den Armen und Unglücklichen.

Mein Großvater pflegte von ihm zu sagen: »Es war einer von jenen

Menschen, die, wenn sie einmal recht unglücklich gewesen sind, sich

nicht mehr an das Glück gewöhnen mögen.«

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die

Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.

Korrekturen:

S. 71: keinen → keiner

Es hat ja noch {keiner} vom achten Regiment

S. 205: Melancholei → Melancholie

durch sonderbare {Melancholie} prostituierte

S. 247: Stadium → Studium

mochte das {Studium} der Geschichte

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 1 · 第 22 / 22 段