»Nun, wie fragst du doch wieder so sonderbar! Du hast bei meinem Bruder
um mich angehalten, und er sagte dir zu, im Fall ich wollte und der
Herzog durch ein Reskript das Hindernis wegen der Religion zwischen uns
aufhöbe. Ich bin nur froh, daß du nicht Katholik bist, da wäre es nicht
möglich, aber ihr Protestanten habt ja kein kirchliches Oberhaupt und
seid doch eigentlich so gut Ketzer wie wir Juden.«
»Lea! Um Gottes willen, frevle nicht!« rief der junge Mann mit
Entsetzen. »Wer hat dir diese Dinge gesagt? O Gott, wie soll ich dir
diesen furchtbaren Irrtum benehmen?«
»Ach, geh doch!« erwiderte Lea. »Daß ich es wagte, mein verhaßtes Volk
neben euch zu stellen, bringt dich auf. Aber sei nicht bange; mein
Bruder, sagen die Leute, kann alles, er wird uns gewiß helfen, denn was
er sagt, ist dem Herzog recht. Doch eine Bitte habe ich, Gustav: willst
du mich nicht bei den Deinigen einführen? Du hast zwei liebenswürdige
Schwestern; ich habe sie schon einigemal vom Fenster aus gesehen; wie
freut es mich, einst so nahe mit ihnen verbunden zu sein! Bitte, laß
mich sie kennen lernen.«
Der unglückliche junge Mann war unfähig, auch nur _ein_ Wort zu
erwidern; seine Gedanken, sein Herz wollten stille stehen. Er blickte
wie einer, der durch einen plötzlichen Schrecken aller Sinne beraubt
ist, mit weiten, trockenen Augen nach dem Mädchen hin, das, wenn auch
nicht in diesem Augenblick, doch bald vielleicht, noch unglücklicher
werden mußte als er, und das jetzt lächelnd, träumend, sorglos wie ein
Kind an einem furchtbaren Abgrund sich Blumen zu seinem Kranze pflückte.
»Was fehlt dir, Gustav?« sprach sie ängstlich, als er noch immer
schwieg. »Deine Hand zittert in der meinigen: bist du krank? Du bist
so verändert.« Doch -- noch ehe er antworten konnte, sprach eine tiefe
Stimme neben Lea: »~Bon soir~, Herr Expeditionsrat; Sie unterhalten
sich hier im Dunkeln mit Dero Braut? Es ist ein kühler Abend; warum
spazieren Sie nicht lieber hinauf ins warme Zimmer? Sie wissen ja, daß
mein Haus Ihnen jederzeit offen steht.«
»Mit wem sprichst du hier, Gustav?« sagte der alte Lanbek, der beinahe
in demselben Augenblick herantrat. »Deine Schwestern behaupten, du
unterhieltest dich hier unten mit einem Frauenzimmer.«
»Es ist der Minister,« antwortete Gustav beinahe atemlos.
»Gehorsamer Diener,« sprach der Alte trocken; »ich habe zwar nicht
das Vergnügen, Ew. Exzellenz zu sehen in dieser Dunkelheit, aber ich
nehme Gelegenheit, meinen gehorsamsten Dank von wegen der Erhebung
meines Sohnes abzustatten; bin auch sehr scharmiert, daß Sie so treue
Nachbarschaft mit meinem Gustav halten.«
»Man irrt sich,« erwiderte Süß, heiser lachend, »wenn man glaubt, ich
bemühe mich, mit dem Herrn Sohn im Dunkeln über den Zaun herüber zu
parlieren, ich kam nur, um meine Schwester abzuholen, weil es etwas
kühles Wetter ist und die Nachtluft ihr schaden könnte.«
»Mit Ihrer Schwester?« sagte der Alte streng. »Bursche, wie soll ich
das verstehen, sprich!«
»Echauffieren sich doch der Herr Landschaftskonsulent nicht so sehr!«
erwiderte der Jude. »Jugend hat nicht Tugend, und er macht ja nur
meiner Lea in allen Ehren die Cour.«
»Schandbube!« rief der alte Mann, indem er seine Hand um den Arm seines
Sohnes schlang und ihn hinwegzog. »Geh auf dein Zimmer; ich will ein
Wort mit dir sprechen; und _Sie_, Jungfer Süßin, daß Sie sich nimmer
einfallen läßt, mit dem Sohn eines ehrlichen Christen, mit _meinem_
Sohn ein Wort zu sprechen, und wäre Ihr Bruder König von Jerusalem, es
würde meinem Hause dennoch keine Ehre sein.« Mit schwankenden unsichern
Schritten führte er seinen Sohn hinweg. Lea weinte laut, aber der
Minister lachte höhnisch. »~Parole d'honneur!~« rief er. »Das war eine
schöne Szene; vergessen Sie übrigens nicht, Herr Expeditionsrat, daß
Sie nur noch vierzehn Tage Frist zu Ihrer Werbung haben; bis dahin und
von dort an werde ich mein Wort halten.«
10.
Die an Furcht grenzende Achtung des jungen Lanbek hieß ihn geduldig
und ohne Murren dem Vater folgen, und langjährige Erfahrungen über
den Charakter des Alten verboten ihm in diesem Augenblick, wo der
Schein so auffallend gegen ihn war, sich zu entschuldigen. Der
Landschaftskonsulent warf sich in seinem Zimmer in einen Armsessel und
verhüllte sein Gesicht. Besorgt und ängstlich stand Gustav neben ihm
und wagte nicht zu reden; aber die beiden schönen Schwestern des jungen
Mannes flogen herbei, als sie die Schwäche des Vaters sahen, fragten
zärtlich, was ihm fehle, suchten seine Hände vom Gesicht herabzuziehen
und benetzten sie mit ihren Tränen. -- »Das ist der Bube,« rief er nach
einiger Zeit, indem sein Zorn über seine körperliche Schwäche siegte;
»_der_ ist es, der das Haus eures Vaters, unsern alten guten Namen,
euch, ihr unschuldigen Kinder, mit Elend, Schmach und Schande bedeckte;
der Judas, der Vatermörder -- denn heute hat er den Nagel in meinen
Sarg geschlagen.«
»Vater! Um Gottes willen! Gustav!« riefen die Mädchen bebend, indem sie
ihren bleichen Bruder scheu anblickten und sich an den alten Lanbek
schmiegten.
»Ich weiß,« sagte der unglückliche junge Mann, »ich weiß, daß der
Schein gegen mich --«
»Willst du schweigen!« fuhr der Konsulent mit glühenden Augen und
einer drohenden Gebärde auf. »Schein? Meinst du, du könntest meine
alten Augen auch wieder blenden wie damals nach dem Karneval? Nicht
wahr, es wäre weit bequemer, wenn sich diese beiden Augen schon ganz
geschlossen, wenn sie den alten Lanbek so tief verscharrt hätten, daß
keine Kunde von der Schande seines Namens mehr zu ihm dringt. Aber
verrechnet hast du dich, Elender! Enterben will ich dich; hier stehen
meine lieben Kinder, du aber sollst ausgestoßen sein, meines ehrlichen
Namens beraubt, verflucht --«
»Vater!« riefen seine drei Kinder mit _einer_ Stimme; die Töchter
stürzten sich auf ihn und zum erstenmal wagte es Hedwig, ihre Lippen
auf die geheiligten Lippen des Vaters zu legen, indem sie ihm den zum
Fluch geöffneten Mund mit Küssen verschloß. Die jüngere hatte sich
unwillkürlich vor Gustav gestellt, seine Hand ergriffen, als wollte
sie ihn verteidigen, der junge Mann aber riß sich kräftig los; nie so
als in diesem Augenblick glich sein Gesicht, sein drohendes Auge den
Zügen seines Vaters, und die beengte Brust weit vorwerfend, sprach er:
»Ich habe alles ertragen, was möglicherweise ein Sohn von seinem Vater
ertragen darf, ich habe aber noch andere Pflichten, meine eigene Ehre
muß ich wahren, und wäre es mein eigener Vater, der sie antastet. Es
hätte Ihnen genügen können, wenn ich bei allem, was mir heilig ist,
versichere, daß ich nicht das bin, wofür Sie mich halten. Wenn _Sie_
keinen Glauben mehr an mich haben, wenn Sie mich aufgeben, dann bleibt
nichts mehr übrig. _Lebet_ wohl -- ich will euch nur noch _eine_
Schande machen.«
»Du bleibst!« rief ihm der Alte, mehr ängstlich und bebend als
befehlend nach. »Meinst du, dies sei der Weg, einen gekränkten Vater
zu versöhnen? Hast du so sehr Eile, mir voranzugehen, und einen Weg
einzuschlagen, wo ich dich nie mehr träfe? Denn ich habe redlich und
nach meinem Gewissen gelebt, dich aber und deine Absicht verstand ich
wohl.«
»Aber Vater,« sprach seine jüngste Tochter mit sanfter Stimme, »wir
hatten ja alle Gustav immer so lieb, und Sie selbst sagten so oft, wie
tüchtig er sei; was kann er denn so Schreckliches verbrochen haben, daß
Sie so hart mit ihm verfahren?«
»Das verstehst du nicht, oder ja, du kannst es verstehen: des Juden
Schwester liebt er, und mit ihr und mit seinem Herrn Schwager Süß
hat er sich am Gartenzaun unterhalten. Jetzt sprich! Kannst du dich
entschuldigen? O, ich Tor, der ich mir einbildete, man habe ihn, um mir
eine Falle zu legen, erhoben und angestellt! Seine jüdische Scharmante
hat ihn zum Expeditionsrat gemacht!«
»Der Vater will mich nicht verstehen,« sprach der junge Mann mit Tränen
in den Augen, »darum will ich zu euch sprechen. Euch, liebe Schwestern,
will ich redlich erzählen, wie die Umstände sich verhalten, und ich
glaube nicht, daß ihr mich verdammen werdet.« Die Mädchen setzten sich
traurig nieder, der Alte stützte seine gefurchte Stirne auf die Hand
und horchte aufmerksam zu. Gustav erzählte anfangs errötend und dann
oft von Wehmut unterbrochen, wie er Lea kennen gelernt habe, wie
gut und kindlich sie gewesen sei, wie gerne sie mit ihm gesprochen
habe, weil sie sonst niemand hatte, mit dem sie sprechen konnte. Er
wiederholte dann das Gespräch mit dem jüdischen Minister und dessen
arglistige Anträge; er versicherte, daß er nie dem Gedanken an
eine Verbindung mit Lea Raum gegeben habe, und daß er diesen Abend
dem Minister es selbst gesagt haben würde, wäre nicht der Vater so
plötzlich dazwischen gekommen.
»Du hast sehr gefehlt, Gustav,« sagte Hedwig, seine ältere Schwester,
ein ruhiges und vernünftiges Mädchen. »Da du nie, auch nur entfernt,
an eine Verbindung mit diesem Mädchen denken konntest, so war es deine
Pflicht als redlicher Mann, dich gar nicht mit ihr einzulassen. Auch
darin hast du sehr gefehlt, daß du nicht gleich damals schon deinem
Vater alles anvertraut hast; aber so hast du jetzt deine ganze Familie
unglücklich und zum Gespött der Leute gemacht; denn meinst du, der Süß
werde nicht halten, was er gedroht? Ach, er wird sich an Papa, an dir,
an uns allen rächen.«
»Geh, bitte den Vater um Verzeihung!« sprach das schöne Käthchen
weinend. »Du mußt ihm nicht noch Vorwürfe machen, Hedwig, er ist
unglücklich genug. Komm, Gustav,« fuhr sie fort, indem sie seine Hand
ergriff und ihn zu dem Vater führte, »bitte, daß er dir vergibt; ja,
wir werden recht unglücklich werden, der böse Mann wird uns verderben,
wie er das Land verdorben hat, aber dann lasset doch wenigstens Frieden
unter _uns_ sein. Wenn wir uns noch haben, so haben wir viel, wenn er
uns alles übrige nimmt.«
Der Alte blickte seinen Sohn lange, doch nicht unwillig an. »Du hast
gehandelt wie ein eitler junger Mensch, und die Aufmerksamkeit, die
dir diese Jüdin schenkte, hat dich verblendet. Du hast, ich fühle es
für dich, vielleicht schon seit geraumer Zeit, gewiß aber diesen Abend
dafür gebüßt. Katharine hat recht; ich will dir nicht länger grollen;
wir müssen uns jetzt gegen einen furchtbaren Feind waffnen. Glaubst
du, daß er Wort halten wird mit den vierzehn Tagen Frist, die er dir
nachrief?«
»Ich glaube und hoffe es,« antwortete der junge Mann.
»Um jene Zeit muß sich mehr entscheiden als nur das Schicksal unsers
Hauses,« fuhr der Alte fort; »Römchingen und Süß -- oder wir; wer
verliert, bezahlt die Zeche. Jetzt gelobe mir aber, Gustav, die Jüdin
nie mehr, weder im Garten noch sonstwo aufzusuchen, und unter dieser
Bedingung will ich deine Torheit verzeihen.«
Gustav versprach es mit bebenden Lippen und verließ dann das Zimmer,
um seine Bewegung zu verbergen. Noch lange und mit unendlicher Wehmut
dachte er dort über das unglückliche Geschöpf nach, dessen Herz ihm
gehörte, und das er nicht lieben durfte. Er teilte zwar alle strengen
religiösen Ansichten seiner Zeit, aber er schauderte über dem Fluch,
der einen heimatlosen Menschenstamm bis ins tausendste Glied verfolgte
und jeden ins Verderben zu ziehen schien, der sich auch den Edelsten
unter ihnen auf die natürlichste Weise näherte. Er fand zwar keine
Entschuldigung für sich und seine verbotene Neigung zu einem Mädchen,
das nicht auch seinen Glauben teilte, aber er gewann einigen Trost,
indem er sein eigenes Schicksal einer höheren Fügung unterordnete.
Sein Vater und die Schwestern unterhielten sich noch lange über ihn
und diese Vorfälle, und die Erinnerung an so manche schöne Tugend des
jungen Mannes versöhnte nach und nach den Alten, so daß er selbst das
Geheimhalten jener Vorschläge des Ministers einigermaßen entschuldigte.
Als aber spät abends die beiden Schwestern allein waren, sagte
Käthchen: »Wahr ist es doch, Gustav hat zwar gefehlt. Ich habe sie
einmal am Fenster und einmal im Garten gesehen; so schön und anmutig
sah ich in meinem ganzen Leben nichts. Was sind alle Gesichter in
Stuttgart, was ist selbst die schöne Marie, von der man so viel Wunder
macht, gegen dieses herrliche Gesicht! Nein, Hedwig, ich hätte mich
ganz in sie verlieben können!«
»Wie magst du nur so töricht schwatzen!« erwiderte Hedwig unwillig.
»Mag sie sein, wie sie will, sie ist und bleibt doch nur eine Jüdin.«
11.
Nicht die unglückliche Liebe ihres Bruders allein war es, was in den
folgenden Tagen die schönen Töchter des Landschaftskonsulenten Lanbek
ängstigte; nein, es war das sonderbare und drückende Verhältnis, das
zwischen Vater und Sohn zu herrschen schien, was den vier schönen
blauen Augen im stillen so manche Träne kostete. Man konnte nicht
sagen, daß sie sich finster angeblickt, mürrisch gefragt oder kalt
geantwortet hätten; aber dennoch sah man ihnen beiden an, daß Gram
und Sorgen sie beschäftigten, und die Mädchen wurden immer wieder in
ihren Vermutungen über den Grund dieses Grämens irre geleitet, wenn
sie zuweilen den alten Mann und seinen Sohn in einer Fensternische
beisammenstehen und zutraulicher, aber auch ernster als je zusammen
flüstern sahen. Endlich wurden sie sogar für drei Abende in der
Woche förmlich aus dem großen Familienzimmer, das winters allen zum
Aufenthalt diente, verwiesen, und, was ihres Wissens nie geschehen war,
Papas kleines Bibliothekzimmer wurde ihnen für solche Abende besonders
geheizt und ihnen die Erlaubnis gegeben, sich an den trefflichen
Juristen und Philosophen zu amüsieren.
Freilich bedachten bei solchem Exil weder Vater noch Sohn, daß man von
der Bibliothek im oberen Stock in das Studierzimmer, von diesem in das
Gastzimmer und von dem Gastzimmer in die sogenannte Rumpelkammer kommen
könne, von welcher eine viereckige Oeffnung, mit einem kleinen Deckel
versehen, in das Wohnzimmer hinabging, um Luft oder Wärme in dieses
Gemach zu leiten; sie bedachten auch nicht, daß weibliche Neugierde
wohl noch stärkere Schranken durchbrochen haben würde als diese, die
zwischen jener Kammer und der Bibliothek lagen. Einige Abende hatte
übrigens doch noch ein mächtigeres Gefühl als Neugierde die Mädchen in
der Bibliothek zurückgehalten, nämlich Furcht. Hedwig behauptete, schon
öfters oben in jener Kammer Fußtritte und ein schreckliches Stöhnen
gehört zu haben, und dem schönen Käthchen graute dort hinzugehen, weil
jenes Gemach nur eine dünne Wand aus Holz und Backsteinen von den
Zimmern des gefürchteten Juden Süß trennte.
Eines Abends jedoch, als man die Mädchen schon längst weggeschickt
hatte, sah Käthchen, die sich bis auf die Mitte der Treppe
hinabgeschlichen hatte, drei Männer bei ihrem Vater eintreten, die
ihre Neugierde aufs höchste trieben. Der erste, der sich langsam und
schnaubend die untere Treppe heraufschob und auf der Hausflur einige
Minuten stehen blieb, um Atem zu sammeln, war niemand Geringeres als
der lutherische Prälat Klinger. Seine schneeweiße Perücke, seine
Prälatenkette, die gerade auf dem Magen ruhte, und seine alten
verwitterten Züge flößten dem Mädchen ungemeine Ehrfurcht ein; ihm
folgte hastigen Schrittes der Oberst und Stallmeister von Röder, ein
Mann, den man für sehr klug und tapfer, aber zugleich auch in seinen
Sitten für sehr unheilig hielt, und über den dritten hätte sie beinahe
laut aufgelacht, es war der fröhliche Kapitän Reelzingen, der so
drollige Geschichten und Schnurren zu erzählen wußte, und sie schon
auf manchem Ball beinahe zum Lachen gebracht hatte. Heute hatte er
sein Gesicht in ganz ehrbare Falten gelegt und sah gerade aus wie
damals, als er ihr auf ~Parole d'honneur~ schwur, daß er sie ~vraiment~
liebe. Sie sah ihm lächelnd nach, bis sein ungeheurer Degen in der
Türe verschwunden war, und eilte dann in das Bibliothekzimmer, wo sie
die blonde Hedwig traf, welche die Augen fest zugeschlossen hatte, um
nicht über ein Gespenst zu erschrecken, wenn etwa zufällig eines in der
Bibliothek auf und ab wandelte. »Heute _müssen_ wir hinuntergucken!«
erklärte Käthchen. »Und komm nur jetzt gleich mit; denke dir, die Leute
kommen hier zusammen wie beim Karneval. Hast du je sonst den Prälaten
Klinger und den Kapitän Reelzingen in _einem_ Zimmer gesehen, und dazu
den Oberst Röder und« -- setzte sie hinzu, als die Schwester zauderte
-- »ich müßte mich sehr irren, wenn ich nicht, als die Tür einmal
aufging, auch Blankenberg gesehen hätte.«
Dieser letzte Name entschied; Käthchen nahm das Licht und ging mit
pochendem Herzen voran, Hedwig folgte ihr, so nahe als möglich an die
mutigere Schwester gedrängt, und als jene die verhängnisvolle Kammertür
aufschloß, hielt sie sich fest an ihrem Kleide. Die Oeffnung war gerade
über dem Ofen des Wohnzimmers, das einen Stock tiefer lag, angebracht,
und Käthchen konnte, als sie die Klappe aufzog, selbst wenn sie sich
auf die Knie legte und den Kopf tief herabbeugte, doch nicht mehr
als vier oder fünf der versammelten Männer sehen; auch Hedwig beugte
sich jetzt herab und versuchte es, noch tiefer zu blicken als ihre
Schwester, aber verdrießlich stand sie wieder auf und sagte: »Nichts
als den breiten Rücken des Prälaten, einige Perücken und die Uniform
des Obersten kann ich sehen; weißt du denn gewiß, daß Blankenberg
zugegen ist?«
»Sicher!« erwiderte Käthchen, schalkhaft lächelnd. »Doch laß uns
horchen, was sie sprechen; vielleicht kennst du deinen Liebhaber an der
Stimme.«
Sie setzten sich auf den Fußboden neben der Oeffnung und lauschten;
die angenehme Wärme, die von dem Ofen heraufdrang, und ihre Neugierde
ließen sie eine Zeitlang die empfindliche Kälte der Märznacht
vergessen; endlich richtete sich Hedwig unmutig auf. »Meinst du, wir
werden klug werden aus diesem Geplauder, wovon man nur die Hälfte
versteht? Sie schwatzen wieder, wie immer, vom Wohl des Landes, vom
Herzog, von Süß, von allem; was geht das uns an! Komm! Es ist gar
schaurig hier und kalt. Mädchen, so steh doch auf!«
Aber Käthchen winkte ihr zu schweigen; man hörte jetzt eben den Oberst
Röder mit bestimmter und vernehmlicher Stimme etwas vorlesen; die tiefe
Stille umher unterbrach nur zuweilen ein schnell verrauschendes Murmeln
des Unwillens. Jetzt sprach der alte Lanbek; Käthchens fröhliche
Züge gingen nach und nach in Staunen und Angst über; endlich, als die
Männer unten wieder laut, aber beifällig zusammensprachen und die
Gläser anstießen, flog eine hohe Röte über das Gesicht des Mädchens,
ihre Augen leuchteten, als sie vorsichtig die Klappe schloß, die Lampe
ergriff und mit ihrer Schwester den Rückweg einschlug.
»Hast du was verstanden?« fragte Hedwig. »Du schienst auf einmal so
aufmerksam; was haben sie denn Besonderes gesprochen?«
»Ich weiß nicht alles, ich kann nicht alles sagen,« erwiderte Käthchen
nachdenkend; »mir ist's, als hätte mir alles geträumt. Höre -- aber
schweig! Es könnte uns alle unglücklich machen. Das sind gefährliche
Menschen in Vaters Zimmer unten. Mir graut, wenn ich daran denke, was
daraus entstehen kann.«
»So sprich doch, einfältiges Kind! Ich bin zwei Jahre älter als du, und
du sollst keine Geheimnisse vor mir haben.«
»Denke dir,« fuhr Käthchen mit leiser Stimme fort, »der Süß will uns
katholisch machen und die Landschaft umstürzen; da verlöre der Vater
und alle andern verlören ihre Stellen!«
»Katholisch!« rief Hedwig mit Entsetzen. »Da müßten wir ja Nonnen
werden, wenn wir ledig blieben? Nein, das ist abscheulich!«
»Ach, warum nicht gar,« erwiderte Käthchen, lächelnd über den Jammer
ihrer Schwester, »da müßte es viele Nonnen geben, wenn alle, die keine
Männer bekommen, ins Kloster gingen; aber sei ruhig, es kommt nicht
so weit. In drei Tagen, sagte Röder, werde der Herzog verreisen, und
während er in Philippsburg ist, wollen die Männer da unten den Juden
und alle seine Gehilfen im Namen der Landschaft gefangen nehmen und
dann dem Herzog beweisen, wie schlecht seine Minister waren.«
»Ach Gott, ach Gott! Das geht nicht gut,« sagte Hedwig weinend. »Alles
werden sie verlieren, denn der Herzog traut allen eher als denen von
der Landschaft; ich weiß ja, was mir einmal die Oberstjägermeisterin
über den Vater sagte. Du wirst sehen, es geht unglücklich!«
»Und wenn auch,« antwortete Käthchen, »so sind wir die Töchter eines
Mannes, der, was er tut, zum Besten seines Vaterlandes tut. Das kann
uns trösten.« Das mutige Mädchen holte aus dem Schranke eine mit vielen
schönen Kupfern geschmückte Bibel. Sie gab der weinenden Schwester das
neue Testament, um sich an den Kupfern und Reimsprüchen zu zerstreuen.
Sie selbst schlug sich das Alte Testament auf. Sie verbarg ihre eigene
Besorgnis um ihren Vater unter einem Liedchen, das sie leise vor sich
hinsang, während ihre schönen Fingerchen emsig die vergilbten Blätter
von einem Bilde zum andern durcheilten.
12.
Es gibt im Leben einzelner Staaten Momente, wo der aufmerksame
Beschauer noch nach einem Jahrhundert sagen wird, hier, gerade hier
mußte eine Krise eintreten; ein oder zwei Jahre nachher wären dieselben
Umstände nicht mehr von derselben Wirkung gewesen. Es ist dann dem
endlichen Geist nicht mehr möglich, eine solche Fügung der Dinge
sich hinwegzudenken, und aus der unendlichen Reihe von möglichen
Folgen diejenigen aneinander zu knüpfen, die ein ebenso notwendig
verkettetes Ganze bilden als ein verflossenes Jahrhundert mit allen
seinen historischen Wahrheiten. Hier zeigt sich der Finger Gottes,
pflegt man zu sagen, wenn man auf solche wichtige Augenblicke im Leben
eines Staates stößt. Es hat aber zu allen Zeiten Männer gegeben,
die, mochte ihr eigener Genius, mochte das Studium der Geschichte
sie leiten, solche Momente geahnet, berechnet haben, und sie wirkten
dann am überraschendsten, wenn sie sich nicht begnügten, solche
Krisen vorhergesehen zu haben, sondern wenn sie Mut genug besaßen,
zu rechter Zeit selbst einzuschreiten, Kraft genug, um eine Rolle
durchzuführen. Die Geschichte hat längst über die kurze Regierung der
Minister Karl Alexanders entschieden. Sie flucht keinem Sterblichen,
sonst müßte sie die Tränen und Seufzer Württembergs in schwere Worte
gegen die Urheber seines Unglücks im Jahre 1737 verwandeln; aber sie
gedenkt mit Liebe einiger Männer, die sich nicht von dem Strome der
allgemeinen Verderbnis hinreißen ließen, die ahneten, es müsse anders
kommen, die vor dem Gedanken nicht zitterten, eine Aenderung der Dinge
herbeizuführen, und die auch dann mit Ruhe und Gelassenheit die Sache
ihres Landes führten, als ein _Höherer_ es übernommen hatte, einen
unerwartet schnellen Wechsel der Dinge herbeizuführen, indem er zwei
feurige Augen schloß und ein tapferes Herz stille stehen hieß.
Wer sollte es diesem heiteren Stuttgart und seinen friedlichen Straßen
ansehen, daß es einst der Schauplatz so drückender Besorgnisse war? Wie
beruhigt über den Gang der Dinge sind die Enkel derer, die in jenem
verhängnisvollen März jede Stunde für das Schicksal ihrer Familien,
für die alten Rechte ihres Landes, selbst für ihren Glauben zittern
mußten!
Wer den übermütigen Süß in seiner Karosse, mit sechs Pferden bespannt,
durch die »reiche Vorstadt« fahren sah, wie er stolz lächelnd auf
die bleichen, feindlichen Gesichter herabblickte, die ihm überall
begegneten; wer den schrecklichen _Hallwachs_, seinen innigen Freund
und Ratgeber, neben ihm sah und bedachte, wie viele verderbliche Pläne
dieser Mann ersonnen, wie viele unerhörte Monopole er eingeführt
habe und wie er immer neue zu erfinden trachte; wer das unbegrenzte
Vertrauen kannte, das der Herzog in diese Menschen setzte, der mußte
wohl an der Möglichkeit der Rettung verzweifeln.