dieser leichtfertige Ton möchte dem alten Herrn mißfallen. »Wie können
wir dies wissen?« erwiderte Hedwig. »Ich habe nie danach gefragt, wo du
dich mit deinen Kameraden umtreibst; doch heute, Bruder, bist du mir
ein Rätsel.«
»Und in einem Lustschloß bin ich gewesen,« fuhr der junge Mann fort,
»wo weder ihr beide noch Papa jemals waren; ihr erratet es doch nie --
auf der Wache.«
»Auf der Wache!« riefen die Schwestern entsetzt.
»Das ist mir sehr unangenehm, Gustav,« setzte der Landschaftskonsulent
hinzu; »meines Wissens bist du der erste Lanbek, den man auf die Wache
setzte.«
»Mir ist es doppelt unangenehm,« antwortete sein Sohn, indem er den
Vater fest anblickte, »weil es im Grunde eine Namensverwechslung zu
sein scheint; denn meines Wissens bin nicht _ich_ jener Lanbek, der die
Szene an dem Tisch des Juden aufführte.«
Der Alte sah ihn bleich und betroffen an. »Gehet ins Nebenzimmer,
Mädchen!« rief er, und als sich die Schwestern staunend, aber schnell
und gehorsam zurückgezogen hatten, faßte er die Hand seines Sohnes,
zog ihn auf einen Stuhl neben sich nieder und fragte hastig, aber mit
leiser Stimme: »Was ist das? Woher weißt du? Wer sagt dir davon?«
»Er selbst,« antwortete der Sohn.
»Der Jude?« fragte der Alte. »Wie ist dies möglich?«
»Er war bei mir auf der Wache; ich sehe, wie Sie staunen, Vater, aber
bereiten Sie sich auf noch wunderlichere Dinge vor.« Der junge Mann
hielt es für das beste, seinem Vater soviel als möglich zu entdecken;
er erzählte ihm also, wie aufgebracht der Minister auf den Konsulenten
und seine Partei sei, wie der Sohn ihm widersprochen, wie der Minister,
statt in heftigeren Zorn zu geraten, ihn plötzlich zum Expeditionsrat
ernannt habe. Nur Leas erwähnte er mit keiner Silbe, der Kapitän
hatte ihm dies geraten, und er beschloß, davon zu schweigen, bis er
seine Maßregeln getroffen hätte oder die Entdeckung des unglücklichen
Verhältnisses unvermeidlich wäre.
»Ich sehe, was ich sehe,« sprach der Konsulent nach einigem Nachdenken.
»Meinst du, wenn er uns nicht gefürchtet hätte, er würde mich geschont
und dich dafür ergriffen haben, um mich gleichsam durch seine Gnade
zu beschämen? Er hat mich gefürchtet, und er hat alle Ursache dazu.
Ich bin ihm zu populär, und auch du wirst ihm nach und nach zu bekannt
mit den hiesigen Bürgern, weil du jetzt statt meiner die Armenprozesse
führst. Der Expeditionsrat ist -- _eine Falle_, die er uns beiden legen
wollte, der kluge Fuchs.«
»Wie verstehen Sie dies, Papa?« fragte Gustav, dem es leichter ums Herz
wurde, seit er ahnte, wie sein Vater die Sache aufnehme.
»Sieh, Freund,« sprach der Alte zutraulicher, als er je getan, »du
wirst das Opfer dieser Kabale; aber so wahr ich dein Vater bin, du
sollst es nicht lange sein. Dieser Jude denkt aber also: Verwehre ich
dir, diese Stelle anzunehmen, weil du dadurch in übeln Geruch kommen
könntest, so macht er es zu seiner Ehrensache, beklagt sich beim Herrn
und ergreift die einzige Gelegenheit, die sich bot, mich zu zwingen,
auch _mein_ Amt aufzugeben. Er kennt mich, er weiß, daß er so wenig als
der Herzog mich absetzen kann, er weiß auch, wer der alte Lanbek ist,
nämlich -- sein Feind. Nehmen wir die Stelle an, kalkulierte er weiter,
so werden wir verdächtig bei allen, die das Bessere wollen. Der Vater,
Konsulent der Landschaft, würde man denken, der Sohn -- Expeditionsrat;
gekauft hat ihm der Alte die Stelle nicht und der Süß gibt bekanntlich
nichts ohne großen Gewinn an Geld oder geheimem Einfluß, folglich --
sind wir übergetreten zu dem Gewaltigen. So, glaubt er, werden die
Leute urteilen, und er hat es recht klug gemacht, aber er kennt mich
nicht ganz; noch weiß ich, gottlob! ein Mittel, uns das Vertrauen der
Besseren zu erhalten, und du -- wirst und bleibst Expeditionsrat;
ändern sich die Verhältnisse, so wirst du wieder Aktuarius und die
Menschen erkennen dann deine Unschuld.«
»Aber Vater!« sagte der junge Mann zaudernd. »_Ihr_ Ruf ist felsenfest,
aber der _meinige_? Wie lange wird es noch anstehen, bis die
Verhältnisse sich ändern!«
»Sohn!« erwiderte der Alte nicht ohne Rührung. »Du siehst, wie dieses
schöne Land bis in sein innerstes Mark zerrüttet ist; meinst du, es
könne immer so fortgehen? -- Glaube mir, ehe der Frühling ins Land
kommt, _muß_ es anders werden; schlechter kann es nimmer werden, aber
besser. Darum glaube mir und vertraue auf Gott!«
8.
Während der alte Lanbek noch so sprach und seinem Sohn Mut einzureden
suchte, wurde die Hausglocke heftig angezogen, und bald darauf trat ein
Offizier in das Zimmer, dem der Konsulent freundlich entgegeneilte.
Wenn man das dunkelrote Gesicht, die freien, mutigen Züge und das
kleine, aber scharfblickende Auge des Mannes sah, so konnte man die
Sage von kühner Entschlossenheit und beinahe fabelhafter Tapferkeit,
die er unter dem Herzog Alexander und dem Prinzen Eugenius bewiesen
haben sollte, glaublich finden.
»Mein Sohn, der vormalige Aktuarius Lanbek,« sprach der Alte, »der
Oberst von Röder, den du wenigstens dem Namen nach kennen wirst.«
»Wie sollte ich nicht?« erwiderte Gustav, indem er sich verbeugte;
»wenn unsere Truppen von Malplaquet und Peterwardein erzählen, so hört
man diesen Namen immer unter die ersten und glänzendsten zählen.«
»Zu viel Ehre für einen alten Mann, der nur seine Schuldigkeit getan,«
antwortete der Oberst. »Aber Konsulent, was sagt Ihr dazu, daß der Jude
jetzt auch uns ins Handwerk greift? Ich komme zu Euch eigentlich nur,
um zu fragen: soll ich, oder soll ich nicht?«
»Wie soll ich das verstehen?« fragte der Konsulent staunend; »Röder,
nur jetzt keinen übereilten Streich!«
»Das ist es eben!« rief jener auf den Boden stampfend, »meine Ehre und
die Ehre des ganzen Korps ist gekränkt! einen meiner talentvollsten
Offiziere sollte ich nach Fug und Recht kassieren lassen um dieses
Hundes willen, und tu' ich's, so bin ich morgen selbst außer Dienst.«
»Aber so sprecht doch, Oberst!« sagte der Alte, indem er seinem Sohn
winkte, Stühle zu setzen, »setzt Euch, Ihr seid noch in der ersten
Hitze.«
»Mein Regiment hat gestern und heute den Dienst,« fuhr jener eifrig
fort; »da bringt man nun gestern nacht von der Redoute weg einen
Menschen auf unsere Wache, mit dem ausdrücklichen Befehl vom Juden,
ihn wohl zu bewachen, aber keinen weitern Rapport abzustatten; heute
früh zieht der Kapitän Reelzingen auf, findet einen Gefangenen im
Offizierszimmer, von welchem nichts im Rapport steht, und denkt Euch
-- nach einer halben Stunde kommt der Minister selbst, schickt den
Kapitän aus dem Zimmer, verhört auf unserer Wache den Gefangenen
insgeheim, entläßt ihn dann und _befiehlt_ dem Kapitän noch einmal,
keinen Rapport abzustatten und -- nimmt ihm das Ehrenwort ab -- er
einem Offizier auf der Wache -- nimmt ihm das Wort ab, den Namen des
Gefangenen nicht zu nennen; dahin also ist es gekommen, daß jeder
Schreiber oder gar ein hergelaufener Jude uns kommandiert? Nach
Kriegsrecht muß ich den Kapitän kassieren lassen; meine Ehre fordert,
daß ich es nicht dulde, denn ich hatte den Dienst, und ich muß mich
rühren, sollte es mich auch meine Stelle kosten.«
Die beiden Lanbek hatten sich während der heftigen Rede des Obersten
bedeutungsvolle Blicke zugeworfen. »Der Jude ist listiger, als wir
dachten,« sagte, als jener geendet hatte, der Vater; »also auch auf den
Oberst war es abgesehen, auch für ihn war die Falle aufgestellt! Wer
meint Ihr wohl, daß der Gefangene war? Da, seht ihn, mein leiblicher
Sohn saß heute nacht auf Eurer Wache!«
Der Oberst fuhr staunend zurück, und so groß war der Unmut über den
Eingriff in seine militärischen Rechte, daß er sich nicht enthalten
konnte, einen unwilligen, finstern Blick auf den jungen Mann zu werfen.
Als aber der alte Lanbek fortfuhr und ihm erzählte, wie er selbst
eigentlich die Ursache dieses Vorfalls gewesen, und wie alles andere so
sonderbar gekommen sei, als er ihm den arglistigen Plan des Ministers
näher auseinandersetzte, da sprang Herr von Röder von seinem Stuhl auf.
»Wohlan, Alter!« sagte er mit bewegter Stimme zu dem Konsulenten, »daß
er _mich_ verfolgt und haßt, hat am Ende nichts zu bedeuten, und daran
ist nur der General Römchingen schuld, der mich nie leiden konnte; aber
über _dir_ soll er den Hals brechen, oder ich will nicht selig werden!
Herr Aktuarius! Die Stelle müßt Ihr annehmen, das ist jetzt keine Frage
mehr! Denn Euer Vater darf jetzt nicht von seinem Amt kommen, oder
Verfassung und Religion stehen auf dem Spiel. Aber zum Herzog will ich
gehen, will sprechen, und sollt' es mich mein Leben kosten.«
»Das werdet Ihr _nicht_ tun, Oberst!« sagte der Alte mit Nachdruck und
Ernst. »Leset diesen Brief, den man uns aus Würzburg schickt, und sagt
mir dann, ob Ihr noch waget, zum Herzog zu gehen und zu sprechen.« Der
Oberst nahm aus seiner Hand ein Schreiben und fing an zu lesen; doch
je weiter er las, desto bestürzter wurden seine Züge, bis er staunend,
aber mit zornsprühenden Augen den Alten anblickte und die Arme sinken
ließ.
»Vater!« sprach der junge Mann, der betroffen bald den Alten, bald den
Obersten betrachtete, »Vater, Sie machen mich hier zum Zeugen eines
Auftrittes, bei welchem ich vielleicht besser nicht zugegen gewesen
wäre. Ich soll aber gezwungenerweise eine Rolle übernehmen, die mir
nicht zusagt. Ich bin zum Expeditionsrat ernannt und weiß nicht warum;
ich darf die Stelle nicht ablehnen, obgleich sie mich vor der Welt zum
Schurken macht, und weiß nicht warum; es gehen Dinge vor im Staat und
in meines Vaters Hause, man verhehlt sie mir, und ich weiß wieder nicht
warum. Herr Oberst von Röder, Sie überreden mich, eine Stelle nicht
auszuschlagen, die meines Vaters Namen beschimpft; von Ihnen glaube ich
Gründe verlangen zu können, warum ich es nicht tun soll?«
»Gott weiß, er hat recht!« rief Röder, indem er den jungen Mann
nachdenkend betrachtete. »Ich weiß auch nicht, Alter, warum Ihr ihm
nicht längst den Schlüssel gegeben habt. Wenn Ihr ihm übrigens die
Augen nicht öffnen wollt, so will ich ihm diesen Dienst tun, weil ich
weiß, wie drückend es ist, ein wichtiges Geheimnis halb zu erraten und
halb zu ahnen.«
»Es sei,« sagte der Vater, »setzet Euch wieder; wenn ich dich, mein
Sohn, bis jetzt nicht mit Dingen dieser Art vertraut gemacht habe, so
geschah es nur aus Furcht, für einen allzu stolzen Vater zu gelten,
denn wir hatten uns das Wort gegeben, nur erprobten und ausgezeichneten
Männern uns anzuvertrauen. Ich darf dir nicht erst sagen, was in den
drei Jahren, seit Alexander regiert, aus Württemberg geworden ist.
Man soll von einem Lanbek nicht sagen können, daß er gegen seinen
Herrn gemurrt hätte, er ist ein tapferer Mann und nach Prinz Eugenius
vielleicht der erste Feldherr unserer Zeit, aber das Feldregiment taugt
wohl im Lager und vor dem Feind, nicht so in der Kanzlei. Er sieht die
Regierung des _Ländchens_, wie er sagt, etwas zu heldenmäßig an, das
heißt, er sieht darüber hinweg und läßt andere dafür sorgen.«
»Dieses Ländchen!« rief der Oberst bitter. »Dieses schöne Württemberg!
Es heißt wohl ein alter Spruch, daß, wenn man auch sich alle Mühe gebe,
dieses Land doch nicht könne zu Grunde gerichtet werden; aber ~nous
verrons~! Wenn es so fortgeht, wenn man es durch Verkauf der Aemter,
durch Verhöhnung der Besseren, durch Erhebung der niederträchtigsten
Bursche geflissentlich verderbt, wenn man seine Kräfte bis aufs Mark
aussaugt --«
»Kurz, mein Freund,« fuhr der Alte fort, »es kann nicht so fortgehen.
Nach und nach kann es nicht besser werden, denn schon jetzt sitzen
bei uns in der Landschaft fünf Schurken, die nicht einmal der
Gott-sei-bei-uns für sich repräsentieren ließe, alle Aemter sind
verkauft oder für Süßsche Kreaturen käuflich, also kann es nur
schlechter werden. Aber es sind zwei Parteien, die da sagen: ›Es muß
anders werden.‹ Die eine Partei ist Süß, der schnöde Jude, der General
Römchingen, der feinste von diesen Burschen, Hallwachs, dein neuer
Kollege, Metz und noch einige von der Landschaft. Wir wissen, was sie
wollen, und es ist nichts Geringeres, als die Stände und den Landtag
völlig aufzuheben.«
»Und, Gott sei's geklagt,« sagte Herr von Röder, »den Herzog haben Sie
von seiner edelmütigen Seite gepackt, er ist mit allem zufrieden. Das
Land sei aufgebracht über die Stände, sagen sie ihm, man murre über
die Landschaft, und nun hat er sich entschlossen, das Institut wie ein
Korps Invaliden aufzulösen, dem Lande die jährlichen Kosten der Stände
edelmütig zu schenken und allein zu regieren.«
»Wie? Verstehe ich recht?« rief der junge Lanbek. »Also unsern letzten
Schutz gegen den übeln Willen oder gegen die unrichtige Ansicht eines
Herrn will man uns rauben? Auf die Verfassung ist es abgesehen? Doch
das ist nicht möglich, Alexander hat sie ja beschworen, und mit welchen
Mitteln will er dies wagen? Meinen Sie wirklich, Herr Oberst, der
württembergische Soldat werde seine eigenen Rechte unterdrücken?«
»Hier sind die Hunde,« erwiderte der Oberst, indem er auf den Brief
zeigte, »die man bei diesem Treibjagen hetzen will.«
»Nur ruhig,« sprach der Landschaftskonsulent, »höre mich ganz. Der
Herzog ist aufs abscheulichste getäuscht; er glaubt fest, daß es ihn
nur ein Wort koste, so werden die Stände nicht mehr sein, und alle
Herzen werden ihm zufliegen. So haben es der Jude und Römchingen ihm
vorgeschwatzt; aber sie kennen uns besser und wissen, daß Gewalt zu
einem solchen Schritt gehört. Hier ist ein Brief an den Erzbischof von
Würzburg, den der General Römchingen geschrieben: man wolle zum Besten
des Landes einige Aenderungen vornehmen, man könne sich aber auf die
Truppen im Lande nicht verlassen, daher solle der Bischof bewirken, daß
die Truppen des fränkischen Kreises an einem bestimmten Tag an unserer
Grenze seien. Auch an einige Reichsstände in Oberschwaben hat er
ähnliche Schreiben erlassen.«
»Und im Namen des Herzogs?« fragte der junge Mann.
»Nein, sie lassen ihn nur so durchblicken, aber eine andere Lockspeise
haben sie dem Bischof hingeworfen; man sagt nicht umsonst, daß unser
alter Reformator Brenz seit einigen Nächten aus seinem Grab aufstehe
und die Kanzel besteige -- katholisch wollen sie uns machen. Du
staunst? Du willst nicht glauben? Auch ich glaube, daß sie es nicht
aus Religiosität tun wollen, sondern entweder soll es den Bischof und
die Oberschwaben enger für die Sache verbinden, oder sie meinen, dem
Herzog gefällig zu sein, wenn sie in vierundzwanzig Stunden den Glauben
reformieren, wie sie das alte Recht reformieren wollen.«
»Es kann, es darf nicht sein!« rief der junge Mann. »Die Grundpfeiler
unseres Glückes und unserer Zufriedenheit mit _einem_ Schlag umstürzen?
Es ist nicht möglich, der Herzog kann es nicht dulden.«
»Er weiß und denkt nicht, daß sie dies alles vorhaben,« sagte der
Oberst; »sein Ruhm ist ihm zu teuer, als daß er ihn auf diese Weise
beflecken möchte; aber wenn es geschehen ist, ohne daß die Schuld auf
ihn fällt, dann, fürchte ich, wird er das Alte nicht wiederherstellen.
Zu welchem Zweck, glaubt Ihr denn, habe der Jude dem Herzog das Edikt
von gestern abgeschwatzt, worin er für Vergangenheit und Zukunft von
aller Verantwortlichkeit freigesprochen wird? Das soll ihn schützen in
dem kaum denkbaren Fall, wenn der Herzog über die treuen und ergebenen
Herren Räte erbost würde, die ihm die unumschränkte Macht zu Füßen
legen und in der Stiftskirche einen Krummstab aufpflanzen.«
»Und gegen diese wollt ihr kämpfen?« fragte Gustav besorgt und
zweifelhaft.
»Kämpfen oder zusammen untergehen,« sprach der Alte. »Wer mit uns
verbunden ist, mußt du jetzt nicht wissen; es genüge dir zu erfahren,
daß es die Trefflichsten des Adels und die Wackersten der Bürger
sind. Wir wollten den Kaiser um Schutz anflehen, aber die Umstände
sind ungünstig, die Zeit ist zu kurz, um durch alle Umwege zu ihm zu
gelangen, und überdies hat der Herzog einen gewaltigen Stein im Brett
seit den letzten Kriegen; man würde uns abweisen. Uns bleibt nichts
übrig als --«
»Wir müssen,« rief der Oberst mutig und entschlossen, »das Prävenire
müssen wir spielen; St. Joseph, den neunzehnten März, haben sie sich
zum Ziel gesteckt; aber einige Tage zuvor müssen wir die Feinde des
Landes gefangen nehmen, die treuen Truppen nach Stuttgart ziehen,
das Landvolk zu unserer Hilfe aufrufen, und wenn es gelungen ist,
dem Herzog von neuem huldigen und ihm zeigen, an welchem furchtbaren
Abgrund er und wir gestanden. Und dann -- er ist ein tapferer Soldat
und ein Mann von Ehre, dann wird er erröten vor der Schande, zu welcher
ihn jene Elenden verführen wollten.«
»Aber der Herzog,« fragte der junge Mann, »wo soll er sein und bleiben,
während ihr diese furchtbare Gegenmine auffliegen lasset?«
»Das ist es ja gerade, was uns zur Eile zwingt,« erwiderte der Oberst;
»sie haben ihn überredet, im nächsten Monate die Festungen Kehl
und Philippsburg zu bereisen, und hinter seinem Rücken wollen sie
reformieren. Den elften will er abreisen; schon sind die Adjutanten
ernannt, die ihn begleiten sollen, und, wenn ich es sagen darf, mit
solchem Gepränge und so viel und laut wird von dieser Reise gesprochen,
daß ich fürchte, die ganze Fahrt ist nur Maske und der Herzog wird
nicht über die Grenze gehen.«
»Du kennst jetzt unsere Pläne,« sprach der alte Herr zu seinem Sohn,
»sei klug und vorsichtig. _Ein_ Wort zuviel kann _alles_ verraten.
Darum, wie es unter uns gebräuchlich ist, lege deine Hand in die deines
Vaters und dieses tapfern Mannes und schwöre uns, zu schweigen.«
»Ich schwöre,« sagte Lanbek mit fester Stimme, aber bleich und mit
starren Augen; und sein Vater und der Oberst zogen ihn an ihre Brust
und begrüßten ihn als einen der Ihrigen.
9.
Ein drückender, trüber Nebel lag über Stuttgart und gab den Bergen
umher und der Stadt ein trauriges, ödes Ansehen; gerade so lag auch
ein trüber, ängstlicher Ernst auf den Gesichtern, die man auf den
Straßen sah, und es war, als hätte ein Unglück, das man nicht vergessen
konnte, oder ein neuer Schlag, den man fürchtet, alle Herzen wie die
sonst so lieblichen Berge umflort und in Trauer gehüllt. Am Abend eines
solchen Tages schlich der junge Lanbek durch die feuchten Gänge des
Gartens. Sein Gesicht war bleich, sein Auge trübe, sein Mund heftig
zusammengepreßt, seine hohe Gestalt trug er nicht mehr so leicht und
aufgerichtet wie zuvor, und es schien, als sei er in den letzten
acht Tagen um ebenso viele Jahre älter geworden. Was er vorausgesehen
hatte, war eingetroffen; niemand, der die Lanbeks auch nur dem Rufe
nach kannte, konnte die schnelle Erhebung des jungen Mannes begreifen
oder rechtfertigen. Die Günstlinge und Kreaturen des mächtigen Juden
traten ihm mit jener lästigen Traulichkeit, mit jener rohen Freude
entgegen, wie etwa Diebe und falsche Spieler einem neuen Genossen ihrer
Schlechtigkeit beweisen, und des jungen Lanbeks Gefühl bei solchen
neuen, werten Bekanntschaften läßt sich am besten mit den unangenehmen
und wehmütigen Empfindungen eines Mannes vergleichen, den das Unglück
in _einen_ Kerker mit dem Auswurf der Menschen warf, und der sich von
Räubern und gemeinen Weibern als ihresgleichen begrüßen lassen muß.
Die gnädigen Blicke, die ihm der Minister hin und wieder öffentlich,
beinahe zum Hohn, zuwarf, bezeichneten ihn als einen neuen Günstling.
Jetzt erst sah er, wie viele gute Menschen ihm sonst wohlgewollt
hatten; denn so manches bekannte Gesicht, das sonst dem Sohne des alten
Lanbek einen »guten Tag« zugelächelt hatte, erschien jetzt finster, und
selbst wackere Bürgersleute und jene biederen, ehrlichen Weingärtner,
die sich bei ihm und dem Alten so oft Rats erholt hatten, wandten jetzt
die Augen ab und gingen vorüber, ohne den Hut zu rücken.
Der Gedanke an Lea erhöhte noch sein Unglück. Er wußte genau, wie
unglücklich sein alter Vater, er selbst und die Seinigen werden
könnten, wenn der verzweifelte Schlag, den sie führen wollten, mißlang;
und doch, so groß der Frevel war, den jener fürchterliche Mann auf sich
geladen hatte, dennoch graute ihm, wenn er sich die Folgen überlegte,
die sein Sturz nach sich ziehen würde. Was sollte aus der armen Lea
werden, wenn der Bruder vielleicht monatelang gefangen saß? Konnte
der Herzog, ein so strenger Herr, Vergehungen und Pläne, wie die des
Juden, vergeben, selbst wenn er ihm durch jenes Edikt Straflosigkeit
zugesichert hatte?
Und dann durchzuckte ihn wieder die Erinnerung an jene schreckliche
Drohung, die Süß gegen ihn ausgestoßen, als er das Verhältnis des
jungen Mannes zu seiner Schwester berührte. Alle Angst vor seinem alten
Vater, vor der Schande, die eine solche Verbindung, wenn sie auch nur
besprochen würde, brächte, kam über ihn. Es gab Augenblicke, wo er
seine Torheit, mit der schönen Jüdin auch nur ein Wort gewechselt zu
haben, verwünschte, wo er entschlossen war, den Garten zu verlassen,
sie nie wieder zu sehen, seinem Vater alles zu sagen, ehe es zu
spät wäre; aber wenn er sich dann das schöne Oval ihres Hauptes, die
reinen, unschuldigen und doch so interessanten Züge und jenes Auge
dachte, das so gerne und mit so unnennbarem Ausdruck auf seinen eigenen
Zügen ruhte, da war es, ich weiß nicht ob Eitelkeit, Torheit, Liebe
oder gar der Einfluß jenes wunderbaren Zaubers, der sich, aus Rahels
Tagen, unter den Töchtern Israels erhalten haben soll -- es zog ihn
ein unwiderstehliches Etwas nach jener Seite hin, wo ihn, seit die
Dämmerung des ersten Märzabends finsterer geworden war, die schöne Lea
erwartete.
»Endlich, endlich!« sagte Lea mit Tränen, indem sie ihre weiße Hand
durch die Staketen bot, welche die beiden Gärten trennten. »Wenn nicht
der Frühling indes hätte kommen müssen, wahrhaftig, ich hätte gedacht,
es sei schon ein Vierteljahr vorüber. Ich bin recht ungehalten; wozu
denn auch in den Garten gehen bei dieser schlimmen Jahreszeit, wenn
Ihr frei und offen durch die Haustüre kommen dürft? Wisset nur, Herr
Nachbar, ich bin sehr unzufrieden.«
»Lea,« erwiderte er, indem er die schöne Hand an seine Lippen zog,
»verkenne mich nicht, Mädchen! Ich konnte wahrhaftig nicht kommen,
Kind! Zu dir durfte ich nicht kommen, und in die Zirkel deines Bruders
gehe ich nicht; und wenn ich wüßte, daß du ein einzigesmal da warst,
würde ich dich nicht mehr sprechen.« Trotz der Dunkelheit glaubte der
junge Mann dennoch, eine hohe Röte auf Leas Wangen aufsteigen zu sehen.
Er sah sie zweifelhaft an; sie schlug die Augen nieder und antwortete:
»Du hast recht, ich darf nicht in die Zirkel meines Bruders gehen.«
»So bist du da gewesen? Ja, du bist dort gewesen!« rief Lanbek unmutig.
»Gestehe nur, ich kann jetzt doch schon alles in deinen Augen lesen.«
»Höre mich an,« erwiderte sie, indem sie bewegt seine Hand drückte,
»die Amme hat dir gesagt, was nach dem Karneval vorging, und wie ich
ihn bat und flehte, dich frei zu lassen. Seit jener Zeit hat sich
sein Betragen ganz geändert; er ist freundlicher, behandelt mich, wie
wenn ich auf einmal um fünf Jahre älter geworden wäre, und läßt mich
zuweilen sogar mit sich ausfahren. Vor einigen Tagen befahl er mir,
mich so schön als möglich anzukleiden, legte mir ein schönes Halsband
in die Hand, und abends führte er mich die Treppe herab in seine
eigenen Zimmer. Da waren nur wenige, die ich kannte, die meisten Herren
und Damen waren mir fremd. Man spielte und tanzte, und von Anfang
gefiel es mir sehr wohl, nachher freilich nicht, denn --«
»Denn?« fragte Lanbek gespannt.
»Kurz, es gefiel mir nicht, und ich werde nicht mehr hingehen.«
»Ich wollte, du wärest nie dort gewesen,« sagte der junge Mann.
»Ach, konnte ich denn wissen, daß die Gesellschaft nicht für mich
passen würde?« erwiderte Lea traurig. »Und überdies sagte mein Bruder
ausdrücklich, es werde meinen Herrn Bräutigam freuen, wenn ich auch
unter die Leute komme.«
»Wen hat er gesagt, _wen_ werde es freuen?« rief Lanbek.
»Nun dich,« antwortete Lea; »überhaupt, Lanbek, ich weiß gar nicht, wie
ich dich verstehen soll; du bist so kalt, so gespannt; gerade jetzt,
da wir offen und ohne Hindernis reden können, bist du so ängstlich,
beinahe stumm; statt ins Haus zu uns zu kommen, bestellst du mich
heimlich in den Garten, ich weiß doch nicht, vor wem man sich so sehr
zu fürchten hat, wenn man einmal in einem solchen Verhältnis steht?«