so fröhlichen und sorglosen Freundes las, nicht wenig; er erzählte
den Vorfall, wie er ihn mit angesehen hatte, und sah, wie sich
die Neugierde des Freundes mehr und mehr steigerte, wie seine
Blicke feuriger wurden; als er aber beschrieb, wie Süß nach jenem
geheimnisvollen Ausruf wütend geworden, aufgesprungen sei, da fühlte
er die Hand des Kapitäns auf sonderbare Weise in der seinigen zucken.
»Was bewegt dich so sehr?« fragte Gustav befremdet. »Wie nimmst du
nur an solchen Karnevalsscherzen, die am Ende auf irgend eine Torheit
hinauslaufen, solchen Anteil? Wenn ich nicht wüßte, daß du evangelisch
bist, ich glaubte, mein Bericht habe dich beleidigt.«
»Herr Bruder,« erwiderte der Kapitän, indem er seinen Ernst hinter
einem gleichgültigen Lächeln zu verbergen suchte, »du kennst mich
ja, mich interessiert alles auf der Welt, und ich bin erstaunlich
neugierig; überdies ist manches ernster, als man glaubt, und im Scherz
liegt oft Bedeutung.«
»Wie verstehst du das?« sagte der Aktuarius verwundert. »Was macht dich
so nachdenklich? Hast du wieder Schulden? Kann ich dir vielleicht mit
etwas dienen?«
»Bruderherz,« entgegnete der Soldat, »du mußt in den letzten Wochen
gewaltig verliebt gewesen sein, sonst wäre deinem klaren Blick
manches nicht entgangen, was selbst an meinem leichten Sinn nicht
vorüberschlüpfte. Sag einmal, was spricht der Papa von solchen Zeiten?
Siehst du den Oberst von Röder nie bei ihm? Waren nicht am Freitagabend
die Prälaten in eurem Hause?«
»Du sprichst in Rätseln, Kapitän!« antwortete der junge Mann staunend.
»Was soll mein Vater mit einem Oberst von der Leibschwadron und mit
Prälaten?«
»Freund, mach es kurz!« sagte Reelzingen. »Halte mich in solchen
Dingen nicht für leichtsinnig; ich will mich nicht in euer Vertrauen
eindrängen, aber ich kann dir sagen, daß ich dennoch schon ziemlich
viel weiß, und -- ~Parole d'honneur!~« setzte er hinzu, »ich denke
darüber, wie es einem Edelmann und meinem Portepee geziemt.«
»Was geht mich dein alter Adelsbrief und dein neues Portepee an?«
erwiderte der Aktuar; »und wie kommst du dazu, dich mit diesen Dingen
gegen mich breit zu machen? Ich sage dir, daß ich von allem, was du da
so geheimnisvoll schwatzest, keine Silbe verstehe, und kann dir mein
Wort darauf geben, und damit genug, Herr von Reelzingen!«
»~O mon Dieu!~« rief jener lächelnd; »Herr Bruder, wir sind nicht
mehr in Leipzig, dies Zimmer ist nicht der göttliche Ratskeller,
sondern eine Wachtstube; wir sind keine Musen mehr, sondern du bist
herzoglicher Aktuar, und ich -- Soldat; aber Freunde sind wir noch in
Not und Tod, und darum sei vernünftig und brause nicht mehr auf wie
vorhin. Ich glaube dir ja aufs Wort, daß du nichts weißt, aber gut wäre
es von deinem Vater gewesen, wenn er dich präveniert hätte. Deine Amour
mit der Jüdin ist überdies jetzt ganz und gar nicht an der Zeit, wir
alle bitten dich, laß deine Scharmante, mit der du doch niemals eine
vernünftige und ehrenvolle Liaison treffen kannst --«
»Was wißt Ihr denn von diesem Verhältnis?« unterbrach ihn der junge
Mann düster und erbittert. »Ich dächte, ehe ich Euch hierüber um Rat
gefragt, könntet Ihr billigerweise mit Eurer Mahnung warten.«
Der feurige junge Soldat, um seinem Freunde zu nützen, wollte eben
in derselben Sprache etwas erwidern, als man an der Türe pochte.
Der Kapitän schloß auf, und einer seiner Sergeanten winkte ihm,
herauszutreten. Gustav hörte sie einige Worte wechseln und sah den
Freund bald darauf mit verstörter Miene wieder zurückkehren: »Du
bekommst einen sonderbaren Besuch,« flüsterte er ihm zu, »er wird
gleich selbst eintreten, und ich darf nicht zugegen sein.«
»Wer doch? Mein Vater?« fragte Gustav bestürzt.
»Er kommt,« sagte der Kapitän, indem er eilends Hut und Degen vom
Tische nahm, »_der Jud Süß_!«
6.
Vor der Tür des Offizierszimmers hatten seine Diener dem Minister
den spanischen Mantel abgenommen, und er trat jetzt ein, stattlich
geschmückt und vornehm gekleidet, wie es einem Günstling des Glücks und
eines Herzogs in damaliger Zeit zukam. Er trug einen roten Rock mit
goldenen Troddeln und Quasten besetzt; die goldgestickten Aufschläge
seines Rocks gingen bis zum Ellbogen zurück, und die Weste von
Goldbrokat reichte herab bis an das Knie. Ein kurzer, breiter Degen
mit reichbesetztem Griff hing an seiner Seite, ein mächtiger Stock
unterstützte seine Hand, und auf den reichen, hellbraunen Locken,
die bis tief in den Nacken herabfielen, saß ein Hütchen von feinem
schwarzen Wachstuch, mit Gold und weißen Federn verbrämt. Die Züge
dieses merkwürdigen Mannes waren, in der Nähe betrachtet, zwar etwas
zu kühn geschnitten, um schön und anmutig zu heißen, aber sie waren
edler als sein Gewerbe und ungewöhnlich; sein dunkelbraunes Auge, das
frei und stolz um sich blickte, konnte sogar für schön gelten; die
ganze Erscheinung imponierte, und sie hätte sogar etwas Würdiges und
Erhabenes gehabt, wäre es nicht ein hämischer, feindlicher Zug um die
stolz aufgeworfenen Lippen gewesen, was diesen Eindruck störte und
manchen, der ihm begegnete, mit unheimlichem Grauen füllte.
Der Kapitän stand fest und aufgerichtet an der Tür, den Hut in der
einen, den Degengriff in der andern Hand, als der Minister Süß eintrat.
Dieser nahm sein Hütchen ab, musterte, auf seinen Stock gestützt, den
Soldaten mit scharfem Blick und sagte dann kurz und mit leiser Stimme:
»Wie ist der Name?«
»Hans von Reelzingen, Kapitän im zweiten Grenadierbataillon, dritte
Kompagnie.«
»Man hat studiert?« fuhr der Jude etwas artiger fort.
»Die Jurisprudenz in Leipzig,« antwortete der Kapitän mit militärischer
Kürze.
»Wie lange dient der Herr Kapitän?«
»Ein Jahr und zwei Monate; zuerst bei --«
»Schon gut,« unterbrach ihn der Minister mit einer gnädigen Bewegung
der Hand; »können abtreten.«
Der Kapitän Reelzingen verbarg seinen Verdruß über das stolze Wesen
des Emporkömmlings unter einer tiefen Verbeugung und trat ab. Dem
Aktuarius aber, obgleich er keine Menschenfurcht kannte, pochte das
Herz, als er nun mit dem Mann allein war, vor dem ein ganzes Land mit
abergläubischer Furcht zitterte. Er errötete unwillkürlich, als jener
ihn lange und prüfend ansah und ihm Gelegenheit gab, auch seine Züge
zu mustern und hin und wieder etwas zu finden, das ihn an die schöne
Lea erinnerte. Der Minister setzte sich endlich in den Armstuhl, den
die Offiziere der Garnison zur Bequemlichkeit dieses Zimmers gestiftet
hatten, und winkte dem Sarazenen herablassend, sich auf einer Bank, die
unfern stand, niederzulassen.
»Junger Mann,« sprach er, »wenn Euch Eure eigene Ruhe und Wohlfahrt
lieb ist, so antwortet mir auf das, was ich Euch fragen werde, offen
und ehrlich; denn Ihr könnet leichtlich denken, daß es mir nicht schwer
werden kann, Euch jeder Lüge, die Ihr wagtet, zu überweisen.«
»Ich bin herzoglich württembergischer Aktuar,« erwiderte der junge
Mann, »und der Eid, den ich als Christ und Bürger --«
»~Laissez cela~,« fiel ihm der Jude ins Wort, »Ihr wäret nicht der
erste, der seinen Eid gebrochen. Wer waren gestern, frag' ich, die
beiden Masken, die sich an meinem Tisch zur Belustigung des Publikums
unterhielten? Ihr wißt es, Ihr standet zunächst bei mir.«
»Das ist mir nicht bekannt, Ew. Exzellenz,« sagte Gustav mit fester
Stimme.
»Nicht bekannt?« rief der Minister. »Bedenket wohl, was Ihr gesagt, ich
stehe hier als Euer Richter; habt Ihr keinen an der Stimme gekannt?«
»Keinen.«
»Keinen?« fuhr jener heftiger fort. »Und Euren Vater solltet Ihr nicht
an der Stimme kennen?«
»_Meinen Vater!_« rief der junge Mann erblassend; doch besonnen setzte
er nach einer Weile hinzu: »Ihr irrt Euch, Herr Finanzdirektor, oder
vielmehr, Ihr seid schlecht berichtet; mein Vater ist ein ruhiger,
gesetzter Mann, und sein Charakter, sein Amt, seine Jahre verbieten
ihm, das Publikum auf einem Maskenball zu amüsieren.«
»_Sie sollten_ es ihm verbieten,« erwiderte jener mit blitzenden Augen,
»und ich werde Mittel finden, es ihm zu verbieten. Ich weiß recht
wohl, daß ich diesen Herren von der Landschaft ein Dorn im Auge bin,
und zwar aus dem einzigen Grund, weil die Herren nicht rechnen können;
verständen sie das Einmaleins so gut wie ich, sie würden sehen, was dem
Lande frommt. Noch ist aber nicht aller Tage Abend, und ich will diesen
Rebellen zeigen, wer _sie_ sind und wer _ich_ bin!«
»Herr Finanzdirektor!« rief der junge Mann mit der Röte des Unmutes auf
den Wangen.
»Herr Aktuarius?« erwiderte Süß mit spöttischem Lächeln.
»Mein Vater ist ein Ehrenmann,« fuhr Gustav fort, ohne sich von der
stolzen Miene des Gewaltigen einschüchtern zu lassen; »Sie sprechen
von Rebellen? Wie können Sie sagen, daß mein Vater dem Herzog nicht
immer treu gedient hat? Wie können Sie wagen, ihn einen Rebellen zu
schimpfen?«
»Wagen?« lachte Süß. »Hier ist von keiner Wagnis die Rede, Herr
Aktuarius, aber Rebell ist jeder, der nur dem Land und nicht dem
Herzog dient; er ist des Herzogs Diener, aber er dient ihm schlecht;
doch das soll nicht lange mehr so bleiben. Das mögt Ihr übrigens dem
Herrn Landschaftskonsulenten, Eurem Vater, sagen, daß ich recht wohl
weiß, was die beiden Masken wollten, und daß sie es mit dem dritten
abgekartet hatten; ich konnte ihn gestern nacht so gut wie Euch
verhaften lassen, und wenn ich es _nicht_ tat, so verdankt er diese
Schonung nur Euch!«
»Mir?« antwortete der junge Mann staunend. »Mir? Und ist dies etwa auch
Schonung, daß ich, ohne ein Verbrechen begangen zu haben, diese Nacht
in diesem Zimmer zubringen durfte?«
»Nein!« fuhr jener gütig lächelnd fort, »dies war nur zur Abkühlung
auf Euer Rendezvous veranstaltet.« Er weidete sich einige Augenblicke
an der Verlegenheit des Jünglings und fuhr dann fort: »Das gute
Kind, wie hat sie mich gefleht und auf den Knieen gebeten, Euch zu
retten! Sie glaubte nicht anders, als Ihr seiet wegen irgend eines
Kapitalverbrechens gefangen. Wie? Und habt Ihr mir gar nichts zu sagen,
Herr Lanbek?«
»Ihr kanntet mich nicht,« erwiderte Gustav, »und es ist mir nun wohl
begreiflich, warum Ihr so hart mit mir verfuhret; aber Leas Charakter
hätte Euch wohl dafür bürgen können, daß nichts Strafbares in diesem
Verhältnis liege.«
»Wirklich? ~Mort de ma vie!~« rief der Minister. »Nichts Strafbares?
Meinen Sie, wenn ich etwas Strafbares in diesem Verhältnis ahnete, Sie
hätten es mit einer Nacht auf der Wache abgebüßt? Bei den Gebeinen
meiner Väter! Wenn ich -- auf Neuffen oder Asperg gibt es Keller und
Kasematten, wo kein Mond und keine Sonne scheint, da hätte ich den
Herrn Sarazenen sitzen lassen, bis er sein Schwabenalter erreicht
hätte. Oder meint Ihr etwa in Eurem christlichen Hochmut, einem
Israeliten gelte die Ehre seiner Familie nicht ebenso hoch als einem
Nazarener?«
Der junge Mann erschrak vor dieser Drohung, denn er bedachte, daß es
dem Allgewaltigen ein leichtes gewesen wäre, ihn spurlos von der Erde
verschwinden zu lassen, aber sein mutiger Sinn lehnte sich auf gegen
den Uebermut dieses Mannes, der seine Privatsache zu einer öffentlichen
machte, und zur Wahrung seines Hausrechtes mit den Festungen des
Landes drohte. »Exzellenz,« sagte er mit Blicken, vor welchen der
Minister die Augen niederschlug, »wie Sie über Ihre eigene Ehre denken,
weiß ich nicht, doch scheint es mir nicht sehr ehrenvoll zu sein,
solche Drohungen auszustoßen. Mein Vater ist zwar nur ein geringer
Mann im Vergleich mit einem so gewaltigen und hohen Herrn; aber der
Landschaftskonsulent Lanbek weiß, wo man in Deutschland Gerechtigkeit
findet. Wien ist nicht so fern von Stuttgart, und Euern Gnadenbrief von
gestern hat der Kaiser nicht unterzeichnet; was aber die Ehre Eurer
Schwester betrifft, so kann ich Euch versichern, daß sie mir nicht
minder teuer ist als meine eigene.«
»Ihr habt hübsche Anlagen zu einem Landschaftskonsulenten,« sagte der
Jude ruhig lächelnd; »übrigens im Vertrauen gesagt, auf den Kaiser müßt
Ihr nicht zu sehr pochen; wegen eines württembergischen Schreibers
fängt man in Wien mit uns keine Händel an. Aber Ihr gefallt mir, mein
Schatz; ich habe Eure Arbeiten loben hören, und Köpfe wie der Eure kann
man zu etwas Besserem brauchen, als Akten zu heften und Fascikel zu
binden; Ihr seid Expeditionsrat mit sechshundert Gulden Besoldung, und
es freut mich, daß ich der erste bin, der Euch hierzu gratuliert.«
Der junge Mann sprang von seiner Bank auf und wollte reden, aber
Ueberraschung und Schrecken schlossen ihm den Mund. Hundert Gedanken
kreuzten sich in seinem Kopf. Es war nicht die Freude, vier Stufen,
durch welche man sich sonst lange und mühevoll schleppte, nun in einem
Augenblicke übersprungen zu haben, was seine Seele füllte; es war der
schreckliche Gedanke, vor der Welt für einen Günstling dieses Mannes
zu gelten, vor seinem Vater, vor allen guten Männern gebrandmarkt
dazustehen.
»Exzellenz!« sprach er befangen. »Ich darf, ich kann diese Gnade nicht
annehmen! Bedenken Sie, was wird man sagen, so viele ältere, verdiente
Männer --«
»Was da! Ich habe Euch Platz gemacht,« antwortete der Jude in
befehlendem Ton, »ich habe Euch zum Rat ernannt und Ihr seid es.
Keinen Dank, keine übergroße Delikatesse, ich liebe das nicht. Nun,«
fuhr er gütig, beinahe zärtlich fort, »und wie steht Ihr mit meiner
Lea? Ihr habt mir ja das stille blöde Kind ganz verzaubert. Fürchtet
Euch nicht vor mir, junger Herr, ich bin nicht der Mann, der gerade so
sehr auf Reichtum sieht; Eure Familie gehört unter die ältesten und
angesehensten Bürgerfamilien, und das gilt mir in diesem Fall so viel
oder mehr als Reichtum. Euer Vater wird Euch zwar nicht viel mitgeben,
aber mit mir sollt Ihr zufrieden sein; fürstlich will ich meine Lea
ausstatten.«
Die Felsenkeller von Neuffen und die tiefen Kasematten von Asperg wären
in diesem Augenblick dem jungen Manne willkommener gewesen als diese
Versicherung; er dachte an seinen stolzen Vater, an seine angesehene
Familie, und so groß war die Furcht vor Schande, so tief eingewurzelt
damals noch die Vorurteile gegen jene unglücklichen Kinder Abrahams,
daß sie sogar seine zärtlichen Gefühle für die schöne Tochter Israels
in diesem schrecklichen Augenblick übermannten. »Herr Minister!« sprach
er zögernd, »Lea kann keinen wärmeren Freund als mich haben; aber
ich fürchte, daß Sie dieses Gefühl falsch deuten, mit einem andern
verwechseln, das -- ich möchte nicht, daß Sie mich falsch verstehen,
und Lea wird Ihnen nie gesagt haben, daß ich jemals davon gesprochen
hätte --«
Der stolze Mann errötete, warf seine Lippen auf, drückte die Augen
beinahe zu, und an seiner Stirne begann eine Ader hoch anzuschwellen.
»Was ist das?« sagte er streng. »Wie soll ich diese Redensart deuten?«
»Herr Minister,« erwiderte Gustav gefaßter, »bedenken Sie doch den
Unterschied der Religion.«
»Habt Ihr diesen bedacht, Herr! als Ihr meiner Schwester diese
Liebeleien in den Kopf setztet? Aber ich kann Euch darüber trösten,
Lea wird Euch in dieser Hinsicht kein Hindernis geben. Ihr schweigt?«
fuhr er heftiger fort, »soll ich mit Eurem Vater darüber reden, junger
Mensch? War etwa meine Schwester gut genug dazu, Eure müßigen Stunden
auszufüllen, zur Gattin aber wollt Ihr sie nicht? Wehe Euch, wenn
Ihr so dächtet! Dich und deinen ganzen Stamm würde ich verderben!
Euer Vater ist gestern eines schweren Verbrechens schuldig worden, es
steht in meiner Hand, ihn zur Verantwortung zu ziehen; in Eure Hand
lege ich nun das Schicksal Eures Vaters; entweder -- Ihr macht Eure
Unvorsichtigkeit gegen mein Haus gut und heiratet meine Schwester, oder
ich erkläre Euch öffentlich für einen Schurken und lasse den Herrn
Konsulenten in Ketten legen. Vier Wochen gebe ich Euch Bedenkzeit; mein
Haus steht Euch offen, Ihr könnt Eure Braut besuchen, so oft Ihr wollt;
vier Wochen, versteht Ihr mich? Jetzt seid Ihr frei, und morgen, Herr
Expeditionsrat, werdet Ihr Euer Amt antreten.«
Nach diesen Worten verbeugte er sich kurz und verließ stolzen Schrittes
das Zimmer; dem Kapitän, den er im Vorzimmer traf, befahl er, Kleider
für den Herrn Expeditionsrat herbeischaffen zu lassen und ihm seine
Freiheit anzukündigen.
Staunend über diesen ganzen Vorfall, besonders über die letzten Worte
des Ministers, trat Reelzingen in sein Zimmer. Er fand den Freund
bleich und verstört, die Arme über die Brust gekreuzt, das Haupt
kraftlos auf die Brust herabgesunken. »Nun, sag mir ums Himmels
willen,« fing der Kapitän an, indem er vor Gustav stehen blieb, »was
wollte er bei dir? warum ließ er dich verhaften? Was hat sein Besuch zu
bedeuten?«
»Er kam, um mir zu gratulieren,« antwortete er mit sonderbarem Lächeln.
»Zu gratulieren? Wozu? Daß du eine Nacht auf der Wache zubrachtest?«
»Nein, weil ich in dieser Nacht Expeditionsrat geworden bin.«
»Du?« rief der Kapitän lachend. »Gottlob, daß du so heiter bist und
scherzen kannst; als ich hereintrat und dich sah, glaubte ich dich
nicht so spaßhaft zu finden; aber im Ernst, Freund, was wollte der
Jude?«
»Ich sagte es ja, und es ist Ernst; zum Rat hat er mich gemacht. Ist
das nicht ein schönes Avancement?«
Der Kapitän sah ihn mit zweifelhaften Blicken lange an; endlich sagte
er gerührt: »Nein, du kannst nicht auch zum Schurken werden, Gustav;
Gott weiß, wie dies zusammenhängen mag! Aber siehe, wenn ich dich
nicht so lange und so genau kennte -- glaube mir, die Welt wird dich
hart beurteilen; doch nein, du lächelst, gestehe, es ist alles Scherz.
Expeditionsrat! Ebensogut könntest du seine Schwester heiraten.«
»Ei, das wird ja auch geschehen,« sagte Lanbek düster lächelnd; »in
vier Wochen, meint mein Schwager, soll die Hochzeit sein.«
»Tod und Hölle!« fuhr der Kapitän auf, »mach mich nicht rasend mit
diesen Antworten. Wahrhaftig, mit solchen Dingen ist nicht zu spaßen.«
»Wer sagt dir denn, daß ich spaße?« erwiderte Lanbek, indem er langsam
aufstand. »Es ist alles so, wie ich sagte, auf Ehre!«
Dem Kapitän schwamm eine Träne im Auge, als er den Freund, den er
geliebt hatte, also sprechen hörte; doch nur einen Augenblick gab er
diesen weichern Empfindungen nach, dann trat er heftig auf den Boden,
setzte seinen Hut auf und rief: »So sei der Tag verflucht, an welchem
ich dich zum erstenmal sah und Bruder nannte. Geh, hilf deinem Juden,
dem armen Land das Fell vollends vom Leibe ziehen, schinde dir auch
ein Stück herunter und mach dich reich. O Lanbek, Lanbek! Aber mein
Portepee, ja ein Jahr meines Lebens wollte ich verhandeln, um einem
meiner Kameraden die Wache abzukaufen; ich selbst will die Exekution
kommandieren, wenn man dich und den Juden zum Galgen führt.«
»So hoch werde ich mich wohl nicht poussieren,« erwiderte Gustav ruhig
und ernst; »aber meiner Leiche kannst du folgen, wenn sie mich morgen
um Mitternacht neben der Kirchhofsmauer einscharren.«
Der Kapitän sah ihn erschrocken an; er mochte tiefen Ernst auf der
Stirne des jungen Mannes lesen, denn er wiederholte diesen Blick und
begegnete Gustavs Auge. »Willst du mich fünf Minuten lang anhören,
Reelzingen?« fragte er. »Du wirst dann über die Uneigennützigkeit
dieses Ministers staunen. Sonst war doch der Preis einer Amtei
zweitausend und ein Expeditionsrat galt seine dreitausend Gulden unter
Brüdern; aber ich Glückskind bekomme ihn umsonst, rein ~pour rien~!
Denn das Glück meines Lebens, die Ruhe meiner Familie, der heitere
Frieden meines Vaters -- daß diese bei dem Handel verloren gehen, ist
ja gering zu achten. Doch höre.«
Staunend vernahm der Kapitän diese Worte; aufmerksam setzte er sich
neben Gustav nieder. Je höher der Glaube an seinen Freund während
seiner Erzählung stieg, desto ängstlicher wurde er für ihn und seine
Familie besorgt. Er schloß ihn in seine Arme, er versuchte es, ihm
Trost einzusprechen, obgleich er selbst an diese Trostgründe nicht
glaubte. »Der Jude ist ein feiner Spieler,« sagte er, »deine besten
Tarocks hat er dir abgejagt und das Spiel scheint in seiner Hand zu
liegen; aber -- er könnte sich verrechnet haben, wir wollen sehen, wie
er beschlagen ist, wenn wir -- Spadi anspielen.«
7.
Wir führen unsere Leser aus dem Offizierszimmer der Hauptwache in
Stuttgart nach dem Hause des Landschaftskonsulenten Lanbek. In einem
weiten, geräumigen Zimmer, dessen Hausrat nicht überladen und prächtig,
aber solid und stattlich ist, finden wir einen ältlichen Mann von mehr
als mittlerer Größe. Sein Gesicht und seine Gestalt beweisen, daß er,
als er in den Fünfzigen stand, wohlbeleibt gewesen sein mochte, jetzt,
zehn Jahre später, hatten sich Falten um Mund und Stirne gelegt, und
der weite Schlafrock von feinem grünen Tuch, mit Pelz verbrämt, war für
eine reichliche Fülle gefertigt und schlug jetzt weite Falten um den
Leib; aber die rötlichen Wangen, die klaren grauen Augen, der feste
Schritt, womit er im Zimmer auf und ab ging, ließen, noch ehe man seine
volle, sonore Stimme vernahm, ahnen, daß der alte Konsulent an Geist
und Körper noch frisch und rüstig sei.
In der Vertiefung des breiten Fensters saßen zwei schöne Mädchen von
achtzehn bis zwanzig Jahren, die dem Alten, so oft er ihnen den Rücken
wandte, besorglich und ängstlich nachschauten, wohl auch untereinander
flüsterten, so lange sie von ihm nicht gesehen wurden. Die eine war
bemüht, des Vaters ungeheure Allongeperücke in Ordnung zu bringen,
und trotz dem Kummer, der aus ihren Blicken sprach, schien sie doch
Freude an dem schönen Kontrast zu finden, welchen die schwarzen Locken
dieses Haargebäudes mit ihren zarten, weißen Händchen bildeten.
Die dunkelblauen Augen der andern jungen Dame schienen mehr mit der
Straße als mit der feinen Arbeit, an welcher sie nähte, beschäftigt,
doch waren ihre Züge zu ernst, als daß man es müßiger Neugier hätte
zuschreiben dürfen.
Sie hatten mehrere Minuten lang geschwiegen, denn die Mädchen waren
viel zu streng erzogen, als daß sie den Vater, der seinen Gedanken
nachhing, mit Fragen belästigt hätten; plötzlich sprang die junge
Nähterin auf, ließ ihre schöne Arbeit zu Boden fallen, beugte den
schlanken Hals näher ans Fenster und sah gespannt nach der Straße. Der
Vater sah diese Bewegungen, hielt seine Schritte an, blickte aufmerksam
nach seiner Tochter und fragte nur mit Blicken; Käthchen, die jüngere
Schwester, vollendete schnell noch eine Stirnlocke der Perücke, setzte
dann das Prachtwerk behutsam auf eine Kommode und kam eben noch zeitig
an, um mit Hedwig zu rufen: »Er ist's, er hat heraufgesehen, Vater; er
geht sehr schnell; sieh doch, was er für einen sonderbaren Rock anhat!«
»Das ist Blankenbergs Jagdkleid;« sagte Hedwig leise zu ihrer Schwester.
»Geh doch, was weißt du von Blankenbergs Garderobe?« erwiderte die
jüngere, bedeutungsvoll lächelnd.
»Er hat Gustav schon oft in diesem Kleid besucht,« antwortete sie,
indem eine dunkle Röte über ihre Wangen flog.
Die Ankunft Gustavs verhinderte seine jüngere Schwester, Hedwig nach
ihrer Gewohnheit noch länger zu quälen. Der Vater sah noch ernster aus
als vorhin, er hatte sich in seinen Lehnstuhl gesetzt und die strengen
Augen auf die Türe geheftet; bang und ängstlich pochte den Schwestern
das Herz, als jetzt die Türe aufging und ihr Bruder hereintrat. -- Nach
dem ersten »Guten Morgen« trat für alle drei Parteien eine peinliche
Pause ein; endlich trat der Sohn bescheiden zum Vater. »Sie haben mich
wohl diesen Morgen vermißt, Vater?« fragte er. »Es ist allerdings ein
seltener Fall in unserm Hause, und Sie wurden vielleicht besorgt um
mich.«
»Das nicht,« antwortete der Alte sehr ernst; »du bist alt genug, um
nicht verloren zu gehen; aber zweierlei ist mir aufgefallen, nämlich,
daß man dich nur eine Stunde auf dem Karneval sah, und daß du diese
Nacht und ihre Lustbarkeiten so unregelmäßig lang bis morgens neun Uhr
ausdehnst; du solltest schon seit einer halben Stunde in deiner Kanzlei
sein.«
»Ich bin heute dort entschuldigt,« sagte Gustav lächelnd; »ich habe
auch seit heute früh ein Uhr so schrecklich geschwärmt und so
unordentlich gelebt, daß es kein Wunder ist, wenn man so spät zu Hause
kommt; ratet einmal ihr Mädchen, wo ich gewesen bin!«