etwas zu warten schienen, trat ein Mann in der Kleidung eines Bauern
aus der Steinlach aus den Reihen der Neugierigen; ein alter Hut auf
dem Kopf, eine grobe blaue Jacke, eine rote Weste mit großen Knöpfen
von Zinn, Beinkleider von gelbem Leder und schwarze Strümpfe machten
sein unscheinbares Kostüm aus; aber er trug eine sehr feine, gutgemalte
Larve. Er stützte sich nach Art der Landleute mit der Hand auf den fünf
Fuß hohen Knotenstock, legte sein Kinn auf die Hand und sprach in gut
nachgeahmtem Dialekt des Steinlachtals: »Viel Geld habt Ihr daliegen,
Herr! Und habt alles selbst verdient?«
Der Minister sah sich um und bemühte sich, über diese Maskenfreiheit
zu lächeln. Vielleicht mochte ihm diese Gelegenheit erwünscht kommen,
um sich ein populäres Ansehen zu geben, denn er antwortete freundlich:
»Guten Abend, Landsmann.«
»Euer Landsmann bin ich gerade nicht,« erwiderte der Bauer mit großer
Ruhe: »so wie ich tragen sich gewöhnlich die Mausche nicht.« Ein
unterdrücktes Lachen flog durch die Reihen der Zuschauer. Der Minister
schien es aber nicht zu bemerken, denn er fuhr ganz leutselig fort: »Du
bist witzig, mein Freund.«
»Gott bewahr' mich, daß ich Euer Freund sei, Herr Süß,« entgegnete der
Bauer. »Wär' ich Euer Freund, so ging' ich wohl nicht in dem schlechten
Rock und durchlöcherten Hut; Ihr macht ja Eure Freunde reich.«
»Nun, dann muß ganz Württemberg mein Freund sein, denn ich mache es
reich,« sagte Süß und begleitete seine Rede mit heiserem, unangenehmem
Lachen.
»Ihr seid ein Allerweltsgoldmacher,« entgegnete der Bauer. »Wie schön
diese Dukaten sind; wieviel Schweißtropfen armer Leute gehen wohl auf
ein solches Goldstück?«
»Du bist ein kapitaler Kerl!« rief Süß, ganz ruhig weiter spielend.
Als der Bauer zu einer neuen Rede ansetzen wollte, zog eine neue
Gestalt die Aufmerksamkeit auf sich. Es war ein Mann, dessen Kostüm
beinahe ebenso war wie des Bauers, nur hatte er einen langen, spitzen
Bart am Kinn, und trug einen Tressenrock. Der Bauer sah ihn eine
Zeitlang verwundert an, schüttelte ihm dann die Hand und rief: »Ei
Hans! Wo kommst du her, und so schmuck und stattlich! Gar nicht mehr
wie unsereiner!«
»Das macht,« erwiderte Hans, indem er aus einer silbernen Dose
schnupfte, »ich bin bei einem vornehmen Herrn in Dienst getreten.«
»Wer ist denn dein Herr?« fragte der Bauer.
»Ein Schinder, aber ein vornehmer. Meinst du, er schindet gemeines
Vieh, Pferde, Hunde und dergleichen? Nein, ein Leuteschinder ist er und
noch überdies ein Kartenfabrikant.«
»Ein Kartenfabrikant?« rief der Bauer.
»Jawohl, denn alle Karten im Lande muß man von ihm kaufen, er stempelt
sie; er ist aber auch ein Gerber.«
»Wie das?«
»Nun alle Gerber im Lande müssen die Häute gegerbt von ihm kaufen; er
ist aber auch ein Prägestock.«
»Wie! ein Prägestock?«
»Ja, er macht alles Geld, was im Lande ist.«
»Das ist erlogen,« sagte der Bauer, »du willst sagen, er macht alles zu
Geld, was im Lande ist; aber darum ist er noch kein Prägestock. Es gibt
nur _einen_ Prägestock in Württemberg, der dem Land seinen Namenszug
aufgedrückt hat.«
Die Menge hatte bisher nur ihren Beifall gemurmelt, aber bei der
letzten Anspielung auf die Münze brach sie in lautes Gelächter aus; die
Stirne des Gewaltigen verfinsterte sich etwas, aber noch immer spielte
er ruhig weiter.
»Aber warum hast du dir den Bart so spitzig wachsen lassen?« fragte der
Bauer weiter. »Das sieht ja ganz jüdisch aus.«
»Es ist halt so Mode,« erwiderte Hans, »seit die Juden Meister im Lande
sind; bald will ich vollends ganz jüdisch werden.«
Als Hans diese letzten Worte sprach, rief eine vernehmliche Stimme aus
dem dicksten Haufen: »Warte noch ein paar Wochen, Hans, dann kannst du
gut katholisch werden.«
Wem je der schreckliche Anblick wurde, wie in einer volkreichen
Straße, durch Unvorsichtigkeit oder Bedacht entzündet, eine Tonne
Pulvers aufspringt, dem bot sich kaum eine so seltsame Szene dar, als
die, welche diese wenigen geheimnisvollen Worte hervorbrachten. Der
Minister, bleich wie eine Leiche, springt vom Sessel auf, er wirft die
Karten mit wütendem Blick auf den Tisch: »Wer sagt dies? Greift ihn
im Namen des Herzogs!« ruft er und stürzt, wie von einer unsichtbaren
Macht getrieben, auf die Menge; seine Genossen, nicht weniger bestürzt,
aber besonnener, ergreifen seinen Arm und ziehen ihn zurück, suchen
ihn zu beschwichtigen -- sein dunkles Auge will sich durch die Menge
bohren, um den Gegenstand seiner Wut zu fassen, die Masken murmeln
unwillig und drängen sich; doch als der gefürchtete Mann seine Hand
nach dem Bauer ausstreckt und ruft: »So sollst du mir für ihn haften,«
da ist er plötzlich von einer drohenden Menge umringt. »Maskenfreiheit,
Jude!« hört man in dumpfen, gefährlichen Tönen, der Bauer und sein
Geselle sind in einem Augenblick von ihm getrennt, verschwunden, und so
schnell als er vorhin umringt war, ist er wieder verlassen, denn die
Menge zerstiebt, von geheimer Furcht gejagt, nach allen Seiten.
Das Gedränge riß Gustav Lanbek mit sich hinweg; seine Gedanken
verwirrten sich, es war ihm noch nicht möglich, sich klar vorzustellen,
was diesen seltsamen Auftritt verursacht haben könnte. So stand er
einige Augenblicke in seinen Gedanken verloren, als er plötzlich seine
Hand von einer andern ergriffen fühlte; er sah sich um, die Orientalin
stand vor ihm.
4.
»Wo stammt die Rose her auf deinem Hut, Maske?« fragte die Orientalin
mit zitternder Stimme.
»Vom See Tiberias,« war die Antwort des Sarazenen.
»Schnell! Folgen Sie mir!« rief die Dame und schlüpfte durchs Gedränge.
Er folgte, mit Mühe sich durch die Massen schiebend, und nur ihr Turban
zeigte ihm hin und wieder den Weg; sein Herz pochte lauter, sein Ohr
trug noch die letzten Laute dieser süßen Stimme, und sein Auge sah
keinen andern Gegenstand mehr als sie. In einer dunkleren Ecke des
zweiten Saales hielt sie an und wandte sich um. »Gustav, ich beschwöre
Sie, was ist mit meinem Bruder vorgefallen? Die Menschen flüstern
allenthalben seinen Namen; ich weiß nicht, was sie sagen, aber ich
denke, es ist nichts Gutes; hat er Streit gehabt? Ach, ich weiß wohl,
diese Menschen hassen unser Volk.«
Der junge Mann war in peinlicher Verlegenheit. Sollte er mit einemmal
den arglosen Wahn dieses liebenswürdigen Geschöpfes zerstören? Sollte
er ihr sagen, daß auf ihrem Bruder der Fluch der Württemberger
ruhe, daß sie für alle Menschen beten, und nur ihn aus dem Gebet
ausschließen, daß es zur Sitte geworden sei, zu bitten: »Herr erlöse
uns von dem Uebel und von dem Juden Süß.« -- »Lea,« antwortete er sehr
befangen, »Ihr Bruder wurde von einigen Masken im Spiel gestört und
hatte einen Wortwechsel, der vielleicht gerade an diesem Ort auffiel,
ängstigen Sie sich nicht.«
»Was bin ich doch für ein törichtes Mädchen!« sagte sie. »Ich habe
so schwere Träume, und dann bin ich den Tag über so traurig und
niedergeschlagen. Und so reizbar bin ich, daß mich alles erschreckt,
daß ich immer gleich an meinen Bruder denke und glaube, es könnte ihm
Unglück zugestoßen sein.«
»Lea,« flüsterte der junge Mann, um diese Gedanken zu zerstreuen,
»erinnerst du dich, was du versprachst, wenn wir uns auf dem Karneval
träfen? Wolltest du mir nicht einmal eine einsame Stunde schenken, wo
wir recht viel plaudern könnten?«
»Ich will,« sagte sie nach einigem Zögern; »Sara, meine Amme, steht am
Ausgang und wird mich begleiten. Doch wo?«
»Dafür ist gesorgt,« erwiderte er; »folge mir, verliere mich nicht aus
dem Auge; am Eingang rechts.«
Der erfinderische Sinn des jüdischen Ministers hatte, als er den
Karneval in Stuttgart arrangierte und diese Säle schnell aus Holz
aufrichten ließ, dafür gesorgt, daß, wie in großen Häusern und
Schlössern, an diese Säle auch kleinere Zimmer stoßen möchten, wo
kleine Zirkel ein Abendessen verzehren konnten, ohne gerade im
allgemeinen Speisesaal ihr Inkognito abzulegen. Der Aktuarius hatte
durch eine dritte Hand und hinlängliche Bezahlung sich den Schlüssel
zu einem dieser Zimmer zu verschaffen gewußt, eine kleine Kollation
stand dort bereit, und Lea freute sich über diese Artigkeit des jungen
Christen, der sein möglichstes getan hatte, den Sinn einer in der
Küche erfahrenen Dame zu befriedigen, obgleich das Zimmerchen, das
nur einen Tisch und wenige Stühle von leichtem Holz enthielt, wenig
Bequemlichkeit bot.
»Wie bin ich froh, endlich die lästige Larve ablegen zu können!« sagte
sie, als sie mit ihrer Amme eintrat; sie sah sich nach einem Spiegel
um, und als sie nur leere Bretterwände erblickte, setzte sie lächelnd
hinzu: »Sie müssen mir schon statt eines Spiegels dienen, Gustav, und
sagen, ob diese drängende Menge mir den Haarputz nicht verdorben hat?«
Entzückt und mit leuchtenden Augen betrachtete der junge Mann das
schöne Mädchen. Man konnte ihr Gesicht die Vollendung orientalischer
Züge nennen. Dieses Ebenmaß in den feingeschnittenen Zügen, diese
wundervollen dunkeln Augen, beschattet von langen, seidenen Wimpern,
diese kühngewölbten, glänzend schwarzen Brauen und die dunkeln Locken,
die in so angenehmem Kontrast um die weiße Stirne und den schönen Hals
fielen und den Vereinigungspunkt dieser lieblichen Züge, zarte rote
Lippen und die zierlichsten weißen Zähne noch mehr hervorhoben; der
Turban, der sich durch ihre Locken schlang, die reichen Perlen, die
den Hals umspielten, das reizende und doch so züchtige Kostüm einer
türkischen Dame -- sie wirkten, verbunden mit diesen Zügen, eine solche
Täuschung, daß der junge Mann eine jener herrlichen Erscheinungen
zu sehen glaubte, wie sie Tasso beschreibt, wie sie die ergriffene
Phantasie der Reisenden bei ihrer Heimkehr malte.
»Wahrlich,« rief er, »du gleichst der Zauberin Armida, und so denke ich
mir die Töchter deines Stammes, als ihr noch Kanaan bewohntet. So war
Rebekka und die Tochter Jephthas.«
»Wie oft schon habe ich dies gesagt,« bemerkte Sara, »wenn ich mein
Kind, meine Lea in ihrer Pracht anblickte; die Poschen und Reifröcke,
die hohen Absatzschuhe und alle Modewaren stehen ihr bei weitem nicht
wie diese Tracht.«
»Du hast recht, gute Sara,« erwiderte der junge Mann; »doch setze dich
hier an den Tisch; du hast zu lange unter Christen gelebt, um vor
diesem Punsch und diesem Backwerke zurückzuschaudern; unterhalte dich
gut mit diesen Dingen.«
Sara, welche den Sinn und die Weise des Nachbars kannte, sträubte sich
nicht lange und erbarmte sich über die Kunstprodukte der Zuckerbäcker;
der junge Mann aber setzte sich einige Schritte vor ihr neben die
schöne Lea. »Und nun aufrichtig, Mädchen,« sagte er, »du hast Kummer,
du hast gestern kaum das Weinen unterdrückt, und auch heute wieder ist
eine Wolke auf dieser Stirne, die ich so gern zerstreuen möchte. Oder
glaubst du etwa nicht, ungläubiges Kind, daß ich dein Freund bin und
gern alles tun möchte, um dich aufzuheitern?«
»Ich weiß es ja, o, ich sehe es ja immer und auch heute wieder,« sagte
sie, mühsam ihre Tränen bekämpfend, »und es macht mich ja glücklich.
Als Sie mich das erste Mal an unserem Gartenzaun grüßten, als Sie
nachher, es war Anfang Oktober, mit mir über den Zaun hinübersprachen,
und nachher und immer so freundlich und traulich waren, gar nicht wie
andere Christen gegen uns, da wußte ich ja wohl, daß Sie es gut mit mir
meinen, und -- es ist ja mein einziges, mein stilles Glück!« Sie sagte
es, und einzelne Tränen stahlen sich aus den schönen Augen, indem sie
sich bemühte, ihn freundlich und lächelnd anzusehen.
»Aber dennoch --« fragte Gustav.
»Aber dennoch bin ich nicht glücklich, nicht ganz glücklich. In
Frankfurt hatte ich meine Gespielinnen, hatte meine eigene Welt, wollte
nichts von der übrigen. Ich dachte nicht nach über unsere Verhältnisse,
es kränkte mich nicht, daß uns die Christen nicht achteten, ich saß
in meinem Stübchen unter Freunden, und wollte nichts von allem, was
draußen war. Mein Bruder ließ mich zu sich nach Stuttgart bringen. Man
sagte mir, er sei ein großer Herr geworden, er regiere ein Land, in
seinem Hause sei es herrlich und voll Freude, und die Christen leben
mit ihm, wie wir unter uns; ich gestehe, es freute mich, wenn meine
Freundinnen meine Zukunft so glänzend ausmalten; welches Mädchen hätte
sich an meiner Stelle nicht gefreut?«
Tränen unterbrachen sie aufs neue, und der junge Mann, voll Mitleid mit
ihrem Kummer, fühlte, daß es besser sei, ihre Tränen einige Augenblicke
strömen zu lassen. Es gibt ein Gefühl in der menschlichen Brust, das
wehmütiger macht als jeder andere Kummer; ich möchte es Mitleiden mit
uns selbst heißen, es übermannt uns, wenn wir am Grabe zerstörter
Hoffnungen in die Tage zurückgehen, wo diese Hoffnungen noch blühten,
wenn wir die fröhlichen Gedanken zurückrufen, mit welchen wir einer
heiteren Zukunft entgegengingen; wahrlich, dieser bittere Kontrast hat
wohl schon stärkere Herzen in Wehmut aufgelöst als das Herz der schönen
Jüdin.
»Ich habe alles anders gefunden,« fuhr Lea nach einer Weile fort. »In
meines Bruders Hause bin ich einsamer als in meiner Kindheit. Ich darf
nicht kommen, wenn er Bälle und große Tafeln gibt. Die Musik tönt in
mein einsames Zimmer, man schickt mir Kuchen und süße Weine wie einem
Kinde, das noch nicht alt genug ist, um in Gesellschaft zu gehen. Und
wenn ich meinen Bruder bitte, mich doch auch einmal, nur in seinem
Hause wenigstens, teilnehmen zu lassen, so schlägt er es entweder ganz
kalt ab, oder wenn er gerade in sonderbarer Laune war, erschreckte er
mich durch seine Antwort.«
»Was antwortete er denn?« fragte der Jüngling gespannt.
»Er sieht mich dann lange und seufzend an, seine Augen werden trüber,
seine Züge düster und melancholisch, und er antwortet: Ich dürfe nicht
auch verloren gehen; ich solle unablässig zu dem Gott unserer Väter
beten, daß er mich fromm und rein erhalte, auf daß meine Seele ein
reines Opfer werde für _seine_ Seele.«
»Törichter Aberglaube!« rief der junge Mann unmutig. »Darum also sollst
du, armes Kind, allen Freuden des Lebens entsagen, damit er --«
»Hat er sich denn so arg versündigt?« fragte Lea, als ihr Freund, wie
bei einer unbesonnenen Rede, schnell abbrach. »Was soll ich denn büßen?
Solche hingeworfenen Worte machen mich so unglücklich: es ist mir, als
schwebe irgend ein Unglück über meinem Bruder, auch sei nicht alles
recht, was er tut. Niemand steht mir darüber Rede, auch Saras Worte
kann ich nicht deuten, denn wenn ich sie darüber befrage, weicht sie
aus oder nennt ihn geheimnisvoll den Rächer unseres Volkes.«
»Sie ist nicht klug,« erwiderte der junge Mann befangen; »dein Bruder
hat, wie es überall geht, eine mächtige Gegenpartei; manche seiner
Finanzoperationen werden getadelt. Aber wegen seiner darfst du ruhig
schlafen,« setzte er bitter lachend hinzu, »der Herzog hat ihm heute
einen Freibrief geschenkt, der ihn vor jeder Gefahr und Verantwortung
sichert.«
»O, wie danke ich dies dem guten Herzog!« sagte sie aufgeheitert, indem
sie die dunklen Locken aus der weißen Stirne strich. »So hat er also
gar niemand zu fürchten? Die Christen können ihn nicht verfolgen? --
Sie antworten nicht? Gestehen Sie nur, Gustav, Sie sind meinem armen
Bruder gram?«
»Deinem _armen_ Bruder? -- Wenn er arm wäre, könnte ich ihn vielleicht
um seines Verstandes willen ehren! Aber was geht uns dein Bruder an,«
fuhr Lanbek düster lächelnd fort; »ich liebe dich, und hättest du alle
bösen Engel zu Brüdern; aber _eines_ versprich mir, Lea, die Hand
darauf.«
Sie sah ihn erwartungsvoll und zärtlich an, indem sie ihre Hand in die
seinige legte.
»Bitte deinen Bruder niemals wieder,« fuhr er fort, »dich zu seinen
Zirkeln zuzulassen. Mag er nun Gründe haben, welche er will, es ist
gut, wenn du nicht dort bist. So viel kann ich dir versichern,« setzte
er mit blitzenden Augen hinzu, »wenn ich wüßte, daß du ein einzigesmal
dort gewesen, kein Wort mehr würde ich mit dir sprechen!«
Befangen und mit Tränen im Auge wollte sie eben um Aufschluß über
dieses neue Rätsel bitten, als ein lauter Zank im Nebenzimmer die
Liebenden aufstörte. Mehrere Männer schienen mit der Polizei sich zu
streiten, man hatte die Türe des Kabinetts gesprengt, und über diesen
Eingriff in die Rechte des Karnevals wurde schnell und mit Heftigkeit
gestritten.
»Mein Gott! das ist meines Vaters Stimme,« rief der junge Lanbek,
»schleiche dich mit Sara in den Saal, Mädchen; nehmet den Schlüssel
dieser Türe zu euch, vielleicht können wir später uns wiedersehen.« Er
drückte der überraschten Lea schnell einen Kuß auf die Stirne, nahm
seine Maske vor, und noch ehe sie sich über diesen schnellen Wechsel
besinnen konnte, war der Aktuarius schon aus der Tür gestürzt. Im
Korridor, den er jetzt betrat, stand schon eine dichte Menschenmasse
um die geöffnete Tür des Nebenzimmers versammelt. Deutlicher vernahm
er die gewichtige, tiefe Stimme seines Vaters; er stieß und drängte
sich wie ein Wütender durch und kam endlich in das Gemach. Fünf alte
Herren, die ihm als ehrenwerte Männer und Freunde seines Vaters
wohlbekannt waren, standen um den alten Landschaftskonsulenten
Lanbek; die einen zankten, die andern suchten zu beruhigen. Es war
damals eine gefährliche Sache, mit der Polizei in Streit zu geraten;
sie stand unter dem besondern Schutz des jüdischen Ministers, und
man erzählte sich mehrere Beispiele, daß biedere, ruhige Bürger und
Beamte, vielleicht nur weil sie einem Diener dieser geheimen Polizei
widersprochen oder Gewalttätigkeiten verhindert hatten, mehrere Wochen
lang ins Gefängnis geworfen und nachher mit der kahlen Entschuldigung
es sei aus Versehen geschehen, entlassen worden waren. Doch der alte
Lanbek schien keine Furcht vor diesen Menschen zu kennen; er bestand
darauf, daß die Häscher das Zimmer sogleich verlassen müßten, und es
wäre vielleicht zu noch schlimmeren Händeln als einem Wortwechsel
gekommen, wenn nicht in diesem Augenblick ein ganz anderer Gegenstand
die Aufmerksamkeit des Anführers der Häscher auf sich gezogen hätte.
Der junge Lanbek hatte sich beinahe bis an die Seite seines Vaters
vorgedrängt, bereit, wenn es zu Tätlichkeiten kommen sollte, den
alten Herrn kräftig zu unterstützen. Er hatte eben seine Maske fester
gebunden, damit sie ihm im Handgemenge nicht verloren gehen möchte, als
ihn der Polizeidiener erblickte und mit lauter Stimme, indem er auf ihn
deutete, rief: »Im Namen des Herzogs, diesen greift, den Türken dort,
der ist der Rechte!«
Die Ueberraschung und sechs Arme, die sich plötzlich um ihn schlangen,
machten ihn wehrlos. So nahe seinem Vater, der ihn hätte retten können,
wagte er doch nicht, sich auch nur durch einen Laut zu erkennen zu
geben, weil er den Zorn seines Vaters noch mehr fürchtete als die
Gewalt des Juden.
Die alten Herren waren stumm vor Staunen über diesen Vorfall, der
Anführer der Häscher wurde, als er seinen Zweck erreicht hatte, artiger
und entschuldigte sich, worauf jene kalt und abgemessen dankten.
Willenlos ließ sich der junge Mann dahinführen. Die Menge, die sich
vor der Tür versammelt hatte, teilte sich, aber manche schauten ihm
neugierig in die Augen, um zu erraten, wer es sein möchte, den man
hier mitten aus der öffentlichen Lust herausriß. Gustav hörte, als er
weiter hingeführt wurde, einen schwachen Schrei; er sah sich um, und
beim schwachen Schein der Lampen glaubte er, den Turban der schönen
Orientalin gesehen zu haben. Schmerzlich bewegt ging er weiter, und
erst, als die kalte Winternacht schneidend auf ihn zuwehte, erwachte er
aus seiner Betäubung und übersah nicht ohne Besorgnis die Folgen, die
seine Gefangennehmung haben könnte.
5.
Die Polizeidiener hatten den Sarazenen, wahrscheinlich aus Rücksicht
auf seine feine und reiche Kleidung, in das Offizierszimmer der
Hauptwache gebracht. Der wachhabende Offizier wies ihm mit einer
mürrischen Verbeugung eine Bank, die in der fernsten Ecke des Zimmers
stand, zu seiner Schlafstätte an, und ermüdet von dem langen Umherirren
auf dem Ball, fand der junge Mann dieses Lager nicht zu hart, um nicht
bald einzuschlafen.
Trommeln weckten ihn am nächsten Morgen; schlaftrunken sah er sich in
dem öden Gemach um, blickte bald auf sein hartes Lager, bald auf seine
Kleidung, und nach einer geraumen Weile erst konnte er sich besinnen,
wo er sei und wie er hierhergekommen. Er trat ans Fenster, noch war
alles still auf dem Platze vor der Hauptwache, und nur die Kompagnie,
die gerade vor seinem Fenster zur Ablösung aufzog, unterbrach die
Stille des trüben Februarmorgens. Indem die Trommeln auf der Straße
schwiegen, hörte er von der Stiftskirche acht Uhr schlagen, und der Ton
dieser Glocke rief ihm alles Unangenehme und Besorgliche seiner Lage
zurück. »Bald wird er nach dir fragen,« dachte er, »und wie unangenehm
wird es ihn überraschen, wenn er hört, ich sei in der Nacht nicht zu
Hause gekommen!« --
Im Hause des alten Landschaftskonsulenten Lanbek ging alles einen so
geordneten Gang, daß dieses Ereignis allerdings sehr störend erscheinen
mußte. Zu dieser Stunde pflegte der alte Herr, seit vielen Jahren,
sein Frühstück zu nehmen; mit dem ersten Glockenschlag erschien dann,
zugleich mit dem Diener, der den Kaffee auftrug, sein Sohn; man
besprach sich über Tagesneuigkeiten, über den Gang der Geschäfte,
und zu jener Zeit ließ es der allgewaltige Minister nicht an Stoff
zu solchen Gesprächen fehlen. Das Gespräch war regelmäßig mit dem
Frühstück zu Ende; der Aktuarius küßte dem Alten die Hand und ging
dann, einen Tag wie den andern, ein Viertel vor neun Uhr nach seiner
Kanzlei. Diese langjährige Sitte des Hauses rief sich Gustav in diesen
Augenblicken zurück. »Jetzt wird Johann die Tassen bringen,« sagte
er zu sich, »jetzt wird er erwartungsvoll nach der Türe sehen, weil
ich noch nicht eingetreten bin, jetzt wird er mich rufen lassen; daß
ich doch dem guten alten Herrn solchen Aerger bereiten mußte!« Er
warf unwillig seinen Turban weg, stützte die Stirne in die Hand, und
beschloß, den Offizier, sobald er wieder erscheinen würde, um die
Ursache seiner Verhaftung zu fragen.
Die Trommeln ertönten wieder, die Abgelösten zogen weiter, er hörte
die Gewehre zusammenstellen und bald darauf trat ein Offizier in
das halbdunkle Gemach. Er warf einen flüchtigen Blick nach seinem
Gefangenen in der Ecke, legte Hut und Degen auf den Tisch und setzte
sich nieder. Lanbek, der jenen nicht zuerst anreden mochte, bewegte
sich, um anzudeuten, daß er nicht mehr schlafe. »~Bonjour~, mein
Herr,« sagte der Offizier, als er ihn sah, »wollen Sie vielleicht mein
Dejeuner mit mir teilen?«
Die Stimme schien Gustav bekannt; er stand auf, trat höflich grüßend
näher, und mit einem Ausruf des Staunens standen sich die beiden jungen
Männer gegenüber. »~Parole d'honneur~, Herr Bruder!« rief der Kapitän
von Reelzingen, »_dich_ hätte ich hier nicht gesucht! Wie kommst du in
Arrest? Weiß Gott, Blankenberg hat nicht unrecht, als er prätendierte,
du werdest irgend etwas ~contra rationem~ riskieren.«
»Ich möchte dich fragen, Kapitän,« entgegnete der junge Mann, »warum
ich hier sitze? Mir hat kein Mensch den Grund angegeben, warum man mich
gefangen nehme; du hast die Wache, Reelzingen; bitte dich, du mußt doch
wissen --«
»~Dieu me garde!~ Ich?« rief der Kapitän lächelnd. »Meinst du, er habe
mich mit seiner besondern Aestimation beehrt und in seine Konfidenz
gezogen? Nein, Herr Bruder! Als ich ablöste, sagte mir der Leutnant von
gestern: ›Oben sitzt einer, den sie vom Karneval auf ausdrücklichen
Befehl hergebracht haben.‹ Er pflegt es gewöhnlich so zu machen.«
»Wer pflegt es so zu machen?« fragte Lanbek erblassend.
»Wer?« erwiderte jener leise flüsternd; »dein Schwager ~in spe~, der
Jude.«
»Wie?« fuhr jener errötend fort, »du glaubst, er selbst? Ich hoffte
bisher, es sei vielleicht eine Verwechslung vorgefallen! Du hast wohl
von dem Auftritte gehört, der, bald nachdem ich euch verlassen hatte,
mit dem Juden vorfiel, man rief etwas von Katholischwerden, und da fuhr
der Finanzminister auf --«
»Was sagst du?« unterbrach ihn der Kapitän mit ernster Miene, indem er
näher zu dem Freund trat und seine Hand faßte. »Das war es also? Uns
hat man es anders erzählt; wie ging es zu? Was hat man gerufen?«