erklärte sehr bestimmt, daß ihn seine Geschäfte nach Portugal rufen
und zugleich schien er gar nicht einzusehen, was Josephen abhalten
könnte, ihm dahin zu folgen; er hegte zu strenge Grundsätze über die
Artikel seiner Kirche, als daß er den Gedanken für möglich gehalten
hätte, Fröben könne Josephe, die getrennte Gattin eines andern, zur
Frau begehren. Es ist uns nicht bekannt geworden, was die Liebenden
über diesen strittigen Punkt verhandelten; nur so viel ist gewiß, daß
Fröben einigemal darauf hindeutete, sie solle zum evangelischen Glauben
zurückkehren, daß sie jedoch, zwar mit unendlichem Schmerz, aber sehr
bestimmt, diesen Vorschlag abwies. Oft soll ihr der junge Mann in
Verzweiflung über die herannahende Trennung vorgeschlagen haben, sie
solle Don Pedro ziehen lassen, sie solle für sich leben, in Deutschland
bleiben, er wolle, wenn er nicht ihr Gatte werden könne, auf immer
als Freund um sie sein. Aber auch dies lehnte sie ab; sie gestand ihm
offen, daß sie sich zu schwach fühle, ein solches Verhältnis mit Ehren
hinauszuführen, und stolzer gemacht durch ihr Unglück, bebte sie zurück
vor dem Gedanken an eine unwürdige Verbindung mit einem Mann, den sie
so hoch achtete, als sie ihn liebte. Allein mit sich, gestand sie sich
wohl, daß ein noch edelmütigerer Gedanke ihre Schritte lenke. »Sollte
er,« sagte sie zu sich, »die Blüte des Lebens an ein unglückliches
Geschöpf verlieren, das ihm nur Freundin sein darf? Soll er den hohen
Genuß häuslicher Freuden, das Glück, Kinder und Enkel um sich zu
versammeln, wegen meiner aufgeben? Nein, er hat mich schon einmal
verloren und die Zeit wird auch jetzt seinen Schmerz lindern, er wird
ein unglückliches Wesen vergessen, das ewig an ihn denken, ihn lieben,
für ihn beten wird.«
So schienen denn jene prophetischen Worte Josephens: »Auf immer!« in
Erfüllung zu gehen. Don Pedro verließ mit seiner neuen Verwandten das
Gut der Gräfin, um durch Holland auf die See zu gehen. Fröben, den
vielleicht nur der Gedanke, Josephen bald nach Portugal nachzufolgen
und dort ihr Freund zu sein, aufrecht erhielt, geleitete die Geliebte
auf der Reise durch Deutschland und Holland; und so oft sie ihn bat,
durch längeres Begleiten die Tage der Trennung nicht noch schwerer
zu machen, bat er mit Tränen im Auge: »Nur bis ans Meer und dann auf
immer!«
36.
Im August dieses Jahres wurde in Ostende ein englisches Schiff klar,
das nach Portugal Schiffsgut und Passagiere brachte. Es war ein
schöner Morgen, die Nebel hatten sich gesenkt und die Tage schienen
für die Fahrt günstig werden zu wollen. Es war um neun Uhr morgens,
als ein Kanonenschuß von dem Engländer herüberschallte, zum Zeichen,
daß die Passagiere sich an die Küste begeben sollen. Zu gleicher Zeit
ruderte eine Schaluppe heran und warf ihr Brett aus, um die Reisenden
einzunehmen. Vom Land her kamen viele Personen mit Gepäck, gingen über
das Brett, und bald war die Schaluppe voll und die erste Ladung wurde
an Bord gebracht. Ehe noch die Schaluppe zum zweitenmal anlegte, sah
man vier Personen sich dem Strande nähern, die sich durch Gang, Haltung
und Kleidung von den übrigen ärmlicheren Passagieren unterschieden. Ein
hoher, ältlicher Mann ging stolzen Schrittes voraus; er hatte einen
breitgekrempten Hut auf und den Mantel so kunstreich und bequem um die
Schultern geschlagen, daß ein Schiffer, der ihn kommen sah, ausrief:
»Ich laß mich fressen, wenn es kein Spanier ist!« hinter jenem kam ein
jüngerer Herr, der eine schöne, schlankgebaute Dame führte. Der junge
Herr war sehr bleich, schien einen großen Kummer niederzukämpfen, um
durch Zureden einen noch größeren bei der Dame zu beschwichtigen. Ihr
schönes Gesicht war um Auge und Stirne von heftigem Weinen gerötet,
der Mund schmerzlich eingepreßt und die Wangen und untern Teile des
Gesichtes sehr bleich. Sie ging schwankend, auf den Arm des jungen
Mannes gestützt; ein Hütchen mit wallenden Straußfedern; ein wallendes
Kleid von schwerem schwarzen Seidenzeug, um Hals und Busen reiche
Goldketten, schienen nicht zur Reise zu passen, und man konnte daher
glauben, daß sie den jungen Mann an Bord begleite; hinter beiden ging
ein Diener in bunten Kleidern; er trug einen großen Sonnenschirm unter
dem Arm und hatte ein spanisches Netz über seine dunkeln Haare gezogen.
Als sie so weit herabgekommen waren, wo der Sand von der vorigen Flut
noch feucht war, an die Stelle, wo man das Brett nach der Schaluppe
auswarf, blieben sie stehen, und das schöne junge Paar sah nach dem
Schiff, dann sahen sie sich an und die Dame legte ihr Haupt auf die
Schulter des Mannes, daß die Straußfedern um sein Gesicht spielten und
seine stillen Tränen den Augen der Neugierigen verbargen. Der alte Herr
stand nicht weit davon, wickelte sich, finster auf die See blickend,
tief in seinen Mantel, und sein Auge blinkte, man wußte nicht ob von
einer Träne oder dem Widerschein der glänzenden Wellen. Jetzt kam die
Schaluppe plätschernd ans Ufer; das Brett wurde ausgeworfen und ein
donnernder Schuß vom Schiffe schreckte das Paar aus seiner Umarmung.
Der alte Herr trat heran, bot dem jungen Mann die Hand, schüttelte sie
kräftig und stieg dann schnell über das Brett, sein Diener folgte,
nachdem auch er dem Jüngling herzlich die Hand geboten. Jetzt umarmten
sich die jungen Leute noch einmal; er wandte sich zuerst los und führte
die Dame nach dem Brett. »Auf immer!« flüsterte sie mit wehmütigem
Lächeln. »Auf immer!« antwortete der junge Mann, indem er sie bebend,
mit Tränen ansah. Noch einen Händedruck und sie wandte sich, das
Brett hinanzusteigen. Schon stand sie oben, der Oberbootsmann, ein
breiter Engländer, wartete am Brett, streckte seine breite Hand aus,
um die schöne Dame zu empfangen, und hatte schon einige gutgemeinte
Trostgründe in Bereitschaft. Da wandte sie von dem unendlichen Meer
ihr dunkles Auge noch einmal zurück nach dem jungen Mann. Ihre hohe
herrliche Gestalt schwebte kühn auf dem schmalen Brett, ihr schlanker
Hals war nach dem Land zurückgebogen, die schwankenden Federn des Hutes
schienen hinüberzugrüßen. Er breitete die Arme aus, in seinen Zügen
mischte sich die Seligkeit der Liebe mit dem Schmerz der Trennung. Da
schien sie ihrer selbst nicht mehr mächtig zu sein; sie sprang über
das Brett und hinab auf das Land, und ehe der Bootsmann die Hände vor
Verwunderung zusammenschlagen konnte, hing sie schon an des jungen
Mannes Hals, an seinen Lippen. »Nein, ich kann nicht über das Meer,«
rief sie, »ich will bleiben; ich will alles tun, was du willst, will
diese Fesseln eines Glaubens von mir werfen, der mich hindert, meinem
bessern Gefühl zu folgen; du bist mein Vaterland, meine Familie, mein
alles; ich bleibe!«
»Josephe, meine Josephe!« rief der junge Mann, indem er sie mit
stürmischem Entzücken an sein Herz drückte. »Mein, mein auf immer? Ein
Gott hat dein Herz gelenkt, o, ich wäre untergegangen unter der Qual
dieser Trennung!« Sie hielten sich noch umschlungen, als der alte Herr
mit hastigen Schritten über Bord und das Brett herabstieg und zu der
Gruppe trat: »Kinder,« sagte er, »einmal Abschied zu nehmen wäre genug
gewesen; komm, Josephe, es hilft ja doch zu nichts, sie werden gleich
zum drittenmal schießen.«
»Laßt sie mit Stückkugeln schießen, Don Pedro,« rief der junge Mann mit
freudig verklärten Zügen, »sie bleibt hier, sie bleibt bei mir!«
»Was höre ich?« erwiderte jener sehr ernst. »Ich will nicht hoffen, daß
dies so ist, wie der Kavalier sagt; du wirst deinem Verwandten folgen,
Josephe!«
»Nein!« rief sie mutig, »als ich dort oben auf dem Rand der Schaluppe
stand und hinaussah auf diese Fluten, die mich von ihm trennen sollten,
da stand fest in mir, was ich zu tun habe; meine Mutter hat mir den
Weg gezeigt; sie ist einst dem Mann ihres Herzens in die weite Welt
gefolgt, hat Vater und Mutter verlassen aus Liebe; ich weiß, was auch
ich zu tun habe, hier steht der, dem meine arme Mutter ihre letzten
süßen Stunden, dem ich Leben, Ehre, alles verdanke, und ich sollte ihn
verlassen? Grüßet die Gräber meiner Ahnen in Valencia, Don Pedro, und
saget ihnen, daß es noch eine aus dem Stamm der Tortosi gibt, der die
Liebe höher gilt als das Leben!«
Don Pedro wurde weich. »So folge deinem Herzen, vielleicht ratet es dir
besser als ein alter Mann; ich weiß dich zum mindesten glücklich in den
Armen dieses edlen Mannes, und sein hoher Sinn bürgt mir dafür, daß ihm
unsere Ehre nicht minder hoch als die seine gilt. Aber, Don Fröbenio,
was werden Sie zu Ihren stolzen Verwandten sagen, wenn Sie dieses Kind
des Elends vorstellen? Gott! Werden Sie auch den Mut haben, den Spott
der Welt zu ertragen?«
»Fahre wohl, Don Pedro,« sagte der junge Mann mit mutigem Gesicht,
indem er jenem die eine Hand zum Abschied bot und mit der andern die
Geliebte umschlang; »seid getrost und verzaget nicht an mir. Ich werde
sie der Welt zeigen, und wenn man mich fragt: Wer war sie denn? so
werde ich mit freudigem Stolz antworten: Es war _die Bettlerin vom Pont
des Arts_.«
Jud Süß.
1.
Der Karneval war nie in Stuttgart mit so großem Glanz und Pomp gefeiert
worden als im Jahr 1737. Wenn ein Fremder in die ungeheuren Säle trat,
die zu diesem Zwecke aufgebaut und prachtvoll dekoriert waren, wenn
er die Tausende von glänzenden und fröhlichen Masken überschaute, das
Lachen und Singen der Menge hörte, wie es die zahlreichen Fanfaren der
Musikchöre übertönte, da glaubte er wohl nicht in Württemberg zu sein,
in diesem strengen, ernsten Württemberg, streng geworden durch einen
eifrigen, oft asketischen Protestantismus, der Lustbarkeiten dieser Art
als Ueberbleibsel einer andern Religionspartei haßte; ernst, beinahe
finster und trübe durch die bedenkliche Lage, durch Elend und Armut,
worein es die systematischen Kunstgriffe eines allgewaltigen Ministers
gebracht hatten.
Der prachtvollste dieser Freudentage war wohl der zwölfte Februar,
an welchem der Stifter und Erfinder dieser Lustbarkeiten und so
vieles andern, was nicht gerade zur Lust reizte, der _Jud Süß_,
Kabinettsminister und Finanzdirektor, seinen Geburtstag feierte. Der
Herzog hatte ihm Geschenke aller Art am Morgen dieses Tages zugesandt;
das angenehmste aber für den Kabinettsminister war wohl ein Edikt,
welches das Datum dieses Freudentages trug, ein Edikt, das ihn auf ewig
von aller Verantwortung wegen Vergangenheit und Zukunft freisprach.
Jene unzähligen Kreaturen jeden Standes, Glaubens und Alters, die er an
die Stelle besserer Männer gepflanzt hatte, belagerten seine Treppen
und Vorzimmer, um ihm Glück zu wünschen, und manchen ehrliebenden,
biedern Beamten trieb an diesem Tage die Furcht, durch Trotz seine
Familie unglücklich zu machen, zum Handkuß in das Haus des Juden.
Dieselben Motive füllten auch abends die Karnevalsäle. Seinen Anhängern
und Freunden war es ein Freudenfest, das sie noch oft zu begehen
gedachten; Männer, die ihn im stillen haßten und öffentlich verehren
mußten, hüllten sich zähneknirschend in ihre Dominos und zogen mit Weib
und Kindern zu der prachtvollen Versammlung der Torheit, überzeugt,
daß ihre Namen gar wohl ins Register eingetragen und die Lücken schwer
geahndet würden; das Volk aber sah diese Tage als Traumstunden an,
wo sie im Rausch der Sinne ihr drückendes Elend vergessen könnten;
sie berechneten nicht, daß die hohen Eintrittsgelder nur eine neue
indirekte Steuer waren, die sie dem Juden entrichteten.
Der Glanzpunkt dieses Abends war der Moment, als die Flügeltüren
aufflogen, eine erwartungsvolle Stille über der Versammlung lag, und
endlich ein Mann von etwa vierzig Jahren, mit auffallenden, markierten
Zügen, mit glänzenden, funkelnden Augen, die lebhaft und lauernd durch
die Reihen liefen, in den Saal trat. Er trug einen weißen Domino, einen
weißen Hut mit purpurroten Federn, auf welchen er die schwarze Maske
nachlässig gesteckt hatte; es war nichts Prachtvolles an ihm als ein
ungewöhnlich großer Solitär, welcher am Hals die purpurrote Bajute von
Seidenflor, die über den Domino herabfiel, zusammenhielt. Er führte
eine schlanke, zartgebaute Dame, die, in ein mit Gold und Steinen
überladenes orientalisches Kostüm gekleidet, aller Augen auf sich zog.
»Der Herr Finanzdirektor, der Herr Minister,« flüsterte die Menge,
als er vornehm grüßend durch die Reihen ging, die sich ihm willig
öffneten; und als er in der Mitte des Hauptsaales angekommen war,
begrüßten ihn Trompeten und Pauken und ein nicht unbeträchtlicher Teil
der Masken klatschte ihm Beifall, während man andere wie von einem
unzüchtigen Schauspiele sich abwenden sah. Aber allgemein schien die
Teilnahme, womit man die schöne Orientalin betrachtete, die mit dem
Minister gekommen war. Seine Lebensweise war zu bekannt, als daß nicht
die meisten unter der Larve der reich geschmückten Dame eine seiner
Freundinnen geahnet hätten, nur darüber schien man uneinig, welcher
von diesen solche Auszeichnung zu teil geworden sei; die eine schien
zu klein für diese Figur, die andere zu korpulent für diese zierliche
Taille, die dritte zu schwerfällig, um so leicht und beinahe schwebend
über den Boden zu gleiten, und einer vierten, bei welcher man endlich
stille stehen wollte, konnte nicht dieses glänzend schwarze Haar, das
in reichen Locken um den stolzen Nacken fiel, nicht dieses herrliche,
dunkle Auge gehören, das man aus der Maske hervorleuchten sah.
Die Menge pflegt, wenn ihre Neugier nicht sogleich befriedigt wird,
bei Gelegenheiten von so glänzender und rauschender Art, wie dieser
Karneval war, nicht lange bei _einem_ Gegenstand stille zu stehen.
»Wenn sie die Maske abnimmt, wird man ja sehen!« sprach man, ohne der
Dame noch längere Aufmerksamkeit zu schenken, als nötig war, um zu
bemerken, wie sie zum Menuett antrat. Aber drei junge Männer, die müßig
hinter den Reihen der Tanzenden standen, schienen diese Erscheinung
noch immer unablässig zu verfolgen.
»Wer sie nur sein mag?« rief der eine ungeduldig. »Ich wollte gern
dem verzweifelten Juden fünfzig Eintrittskarten abkaufen, wenn er mir
sagte, woher dieses Mädchen kommt, das er wie eine Fürstin in den Saal
führte.«
»Herr Bruder!« erwiderte der zweite, indem er unter dem Sprechen kein
Auge von der Orientalin abwandte: »Herr Bruder, ~Parole d'honneur~!
Diese Widersprüche kann ich nicht vereinigen, und wenn ich bei
Cartesius selbst die Logik samt dem ›~cogito, ergo sum~‹ studiert
hätte; eine so ungewöhnliche feine Gestalt, diese Haltung, diese nach
den neuesten und vornehmsten Regeln abgemessene Bewegung, diese Art,
das Handgelenk rund und spielend zu bewegen, wie ich sie nur in den
bedeutendsten Zirkeln zu Wien und Paris sah, dieser Anstand, womit sie
den Nacken trägt --«
»Gott verdamm' mich, du hast recht, Herr Bruder!« unterbrach ihn der
dritte. »Dieses alles und -- mit Süß auf den Ball zu kommen! Nein, ein
solcher Kontrast ist mir in meinem Leben nicht vorgekommen!«
»Aus unserer Bekanntschaft,« fuhr der erste fort, »aus unsern Kreisen
kann sie nicht sein; denn wenn es auch wahr ist, was man flüstert,
daß schon mancher elende Kerl von einem Vater seine Tochter mit einer
Bittschrift zum Juden schickte, so laut läßt keiner seine Schande
werden, daß er sein leibliches Kind mit dieser Mazette auf den Ball
schickt!«
»Bitte dich ums Himmels willen, Herr Bruder, nicht so laut, er hat
überall seine Spione, und uns ist er ohnedies nicht grün; denk an deine
Familie, willst du dich unglücklich machen? Aber wahr ist's, es kann
kein Mädchen aus bessern Ständen sein, und doch ist ihr Wesen für eine
Bürgerstochter zu anständig. Doch halt, wer ist der Sarazene, der dort
auf uns zukommt? Die Farbe seines Turbans ist ja dieselbe, wie ihn die
Scharmante des Juden hat!«
Die jungen Männer wandten sich um und sahen einen schlanken,
schöngewachsenen Mann, der, als Sarazene gekleidet, sich durch
die einfache Pracht seines Kostüms wie durch Gang und Haltung vor
gemeineren Masken auszeichnete. Auch er schien die jungen Männer ins
Auge gefaßt zu haben, denn er ging langsam an sie heran und zögerte, an
ihnen vorüber zu schreiten.
»Was ist deine Parole?« fragte der eine der jungen Männer, der in der
Maske einen Freund zu erkennen glaubte. »Hast du nur dein _Allah_ zum
Feldgeschrei, oder weißt du sonst ein Sprüchlein?«
»~Gaudeamus igitur, juvenes dum sumus~,« erwiderte der Sarazene, indem
er stille stand.
»Er ist's, er ist's,« riefen zwei dieser jungen Herren und schüttelten
die Hand des Sarazenen. »Gut, daß wir die Parole gaben, ich hätte sonst
kein Erkennungszeichen für dich gehabt, denn ich war meiner Sache so
gewiß, du seiest als Bauer hier, daß ich mit dem Kapitän eine Flasche
gewettet habe, du müßtest ein Bauer sein!«
»Laßt uns ans Büffet treten,« sagte der zweite, »ich habe dir hier
jemand vorzustellen, Bruder Gustav, der sich auf deine Bekanntschaft
freut, und du weißt, in Larven erkennt man sich schlecht.«
»Freund,« erwiderte Gustav, »ich nehme die Larve nicht ab, ich habe
Gründe; so angenehm mir die Bekanntschaft dieses Herrn wäre, so muß ich
sie doch bis morgen versparen.«
»Und wenn es nun Pinassa wäre, nach welchem du so oft gefragt?«
antwortete jener.
»Pinassa? Mit dem du dich geschlagen? Nein, das ändert die Sache, den
will ich sehen und begrüßen; aber -- meine Maske nehme ich nur auf zwei
Augenblicke und im fernsten Winkel des Speisesaals ab.«
»Wir sind's zufrieden, Bruder Sarazene,« antwortete der Kapitän. »Aber
laß uns nur erst an die zweite Flasche kommen, dann sollst du auch die
Gründe beichten, warum du dein Angesicht nicht leuchten lassen willst
vor den Freunden!«
2.
In dem Speisesaal, welchen sie wählten, waren nur wenige Menschen,
denn man verkaufte hier nur ausgesuchte Weine, feine Früchte und warme
Getränke, während die größeren Trinkstuben, wo Landwein, Bier und
derbere Speisen zu haben waren, die größere Menge an sich zogen. In
einer Ecke des Zimmers war ein Tischchen leer, wo der Sarazene, wenn
er dem übrigen Teil des Saales den Rücken kehrte, ohne Gefahr, erkannt
zu werden, die Maske abnehmen konnte. Sie wählten diesen Platz, und
als die vollen Römer vor ihnen standen, legten die zwei jungen Krieger
die Masken ab, und der Kapitän begann: »Herr Bruder, ich habe die
Ehre, dir hier den unvergleichlichen Kavalier Pinassa vorzustellen,
den berühmtesten Fechter seiner Zeit; denn es gelang ihm, durch eine
unbesiegliche Terz-Quart-Terz, _mich_, bedenke, mich den Senior des
Amicistenordens, in Leipzigs unvergeßlichem Rosenthal ~hors de combat~
zu machen. Er hat gleich mir die Musen verlassen, hat gesungen: ›Will
mich Minerva nicht, so mag Bellona raten‹, und hat den alten Hieber
und sein ungeheures Stichblatt, worauf er sein Frühstück zu verzehren
pflegte, mit dem Paradedegen eines herzoglich württembergischen
Leutnants vertauscht.«
»Der Tausch ist nicht übel, Herr von Pinassa, und mein Vaterland kann
sich dazu Glück wünschen,« sagte der Sarazene, indem er sich vor dem
neuen Leutnant verbeugte. »Wolltet Ihr einmal in unsern Dienst treten,
so war diese Laufbahn die angenehmste. Der Zivilist hat zu dieser Zeit
wenig Aussicht, wenn er nicht ein Amt für fünftausend Gulden oder für
sein Gewissen und ehrlichen Namen beim Juden kaufen will. Doch diese
dünnen Bretterwände haben Ohren -- stille davon, es ist doch nicht zu
ändern. Wie anders sind Eure Verhältnisse! Der Herzog ist ein tapferer
Herr, dem ich einen Staat von zweimalhunderttausend Kriegern gönnen
möchte; für uns -- ist er zu groß. Der Krieg ist sein Vergnügen, ein
Regiment im Waffenglanz seine Freude; leider fällt für uns andere
selten eine müßige Stunde ab, und daher kommt es, daß diese Juden und
Judenchristen das Zepter führen. Er gilt für einen großen General, er
hat mit Prinz Eugen schöne Waffentaten verrichtet, und ein schlanker,
junger Mann, mit einer Narbe auf der Stirne, Mut in den Blicken, wie
Ihr, Herr von Pinassa, ist ihm jederzeit in seinem Heere willkommen.«
»Was der Sarazene altklug sprechen kann über Juden und Christen!«
sprach der Kapitän. »Doch öffne dein Visier und zeige deine Farben,
mein Kamerad soll nun auch wissen, mit wem er spricht: das ist der
umsichtige, rechtskundige, fürtreffliche Herr ~Juris utriusque~ Doctor
Lanbek, leiblicher Sohn des berühmten Landschaftskonsulenten Lanbek,
welchem er als Aktuarius substituiert ist; ein vortrefflicher Junge,
~Parole d'honneur~, wenn er sich nicht in neuerer Zeit hin und wieder
durch sonderbare Melancholie prostituierte, noch trefflicher, wenn ihm
der Herr auch einen Sinn für das schöne Geschlecht eingepflanzt hätte.«
Lanbek nahm bei diesen Worten die Maske ab und zeigte dem neuen
Bekannten ein errötendes Gesicht von hoher Schönheit. Unter dem Turban
stahlen sich gelbe Locken hervor und umwallten kunstlos und ungepudert
die Stirne. Eine kühn gebogene Nase und dunkle, tiefblaue Augen gaben
seinem Gesicht einen Ausdruck von unternehmender Kraft und einen
tiefen Ernst, der mit den weichen Haaren und ihrer sanften Farbe in
überraschendem Widerspruch war. Doch das Strenge dieser Züge und dieser
Augen milderte ein angenehmer Zug um den Mund, als er antwortete: »Ich
öffne mein Visier und zeige Euch ein Gesicht, das Euch recht herzlich
bei uns willkommen heißt. Ich trinke auf Euer Wohl dieses Glas, dann
aber werdet Ihr entschuldigen, wenn ich aufbreche.«
»~Pro poena~ trinkst du zwei,« rief der Kapitän mit komischem Pathos,
indem er einen ungeheuren Hausschlüssel aus der Tasche nahm und ihn
als Zepter gegen den Sarazenen senkte. »Hast du so wenig Ehrfurcht vor
deinem Senior, daß du dich erfrechst, ~in loco~ Gläser zu trinken, ohne
daß sie dir ordentlich vom Präses diktiert sind? ~O tempora, o mores!~
Wo ist Zucht und Sitte dieser Füchse hin? Pinassa! Zu unserer Zeit war
es doch anders!«
Die jungen Männer lachten über diese klägliche Reminiszenz des
ehemaligen Amicistenseniors; der Kapitän aber faßte Lanbek schärfer
ins Auge und sagte: »Herr Bruder, nimm mir's nicht übel, aber in dir
steckte schon lange etwas wie ein Fieber, und heute abend ist die
Krisis; ich setze meine verlorene Flasche, davon geht nichts ab, aber
ich wette zehn neue; sei ehrlich, Gustav -- du warst heute abend schon
als Bauer hier, und dein Alter weiß nichts vom Sarazenen.«
Gustav errötete, reichte dem Freunde die Hand und winkte ihm ein Ja zu.
»Alle Tausend!« rief der Kapitän. »Junge, was treibst du? Wer hätte das
hinter dem stillen Aktuarius gesucht? Auf dem Karneval das Kostüm zu
ändern! Und so ängstlich, so geheimnisvoll, so abgebrochen; willst du
etwa dem Juden zu Leibe gehen?«
Der Gefragte errötete noch tiefer und nahm schnell die Maske vor; ehe
er noch antworten konnte, sagte Reelzingen: »Herr Bruder, du bringst
mich auf die rechte Fährte. Wo habt ihr beide, du und die Orientalin,
die der Finanzdirektor führte, das Zeug zu euren Turbanen gekauft?
Gustav, Gustav!« setzte er, mit einem Finger drohend, hinzu. »Du wohnst
dem Juden gegenüber, ich wette, du weißt, wer die stolze Donna ist, die
er führt.«
»Was weiß ich!« murmelte Lanbek unter seiner Larve.
»Nicht von der Stelle, bis du es sagst,« rief der Kapitän; »und wenn
du auf deinem Trotz beharrst, so schleiche ich mich an die Orientalin
und flüstere ihr ins Ohr, der Sarazene habe mich in sein Geheimnis
eingeweiht.«
»Das wirst du nicht tun, wenn ich dich ernstlich bitte, es zu
unterlassen,« erwiderte der junge Mann, wie es schien, sehr ernst;
»wenn ich übrigens Vermutungen trauen darf, so ist es Lea Oppenheimer,
des Ministers Schwester. Und nun adieu! Wenn ihr mir im Saal begegnen
solltet, kennt ihr mich nicht, und Reelzingen, wenn mein Vater fragt --«
»So weiß ich nichts von dir, versteht sich,« erwiderte dieser. Der
Sarazene erhob sich und ging. Die Freunde aber sahen einander an, und
keiner schien zu wissen, ob er recht gehört habe, oder wie er dies
alles deuten sollte. »Hat denn der Jude eine Schwester?« fragte Pinassa.
»Man sprach vor einiger Zeit davon, daß er eine Schwester zu sich
genommen habe, doch hielt man sie für noch ganz jung, weil sie sich
nirgends sehen läßt;« erwiderte Reelzingen nachdenklich. »Und wie er
errötete, Herr Bruder, du wirst sehen, da läßt auch einmal wieder der
Satan einen vernünftigen Jungen einen dummen Streich machen.«
3.
Lanbek irrte, als er die Freunde verlassen hatte, in den Sälen umher;
seine Blicke gleiteten unruhig über die Menge hin, sein Gesicht glühte
unter der Larve, und mühsam mußte er oft nach Atem suchen, so drückend
war die Luft in dem Saale und so schwer lag Erwartung, Sehnsucht und
Angst auf seinem Herzen. Dichter und stürmischer drängte sich die
Menge, als er in die Mitte des zweiten Saales kam; mit Mühe schob er
sich noch eine Zeitlang durch, aber endlich riß ihn unwillkürlich der
Strom fort, der sich nach einer Seite hindrängte, und ehe er sich
dessen versah, stand er an einem Spieltisch, wo _Süß_ mit einigen
seiner Finanzräte Karten spielte. Große Haufen Goldes lagen auf dem
Tische, und die neugierige Menge beobachtete den berühmtesten Mann
ihres Landes und teilte sich flüsternd und murmelnd Bemerkungen mit
über die ungeheuren Summen, die er, ohne eine Miene zu verändern,
hingab oder gewann.
Gustav hatte den Gewaltigen noch nie so in der Nähe beobachtet wie
jetzt, da er, festgehalten durch die Menge, die wie eine Mauer um ihn
stand, zum unwillkürlichen Beobachter wurde. Er gestand sich, daß
das Gesicht dieses Mannes von Natur schön und edel geformt sei, daß
sogar seine Stirne, sein Auge durch Gewohnheit zu herrschen etwas
Imponierendes bekommen haben; aber feindliche, abstoßende Falten lagen
zwischen den Augenbrauen da, wo sich die freie Stirne an die schön
geformte Nase anschließen wollte, das Bärtchen auf der Oberlippe konnte
einen hämischen Zug um den Mund nicht verbergen; und wahrhaft greulich
schien dem jungen Mann ein heiseres, gezwungenes Lachen, womit der
jüdische Minister Gewinn oder Verlust begleitete.