»_Sie_ haben mich also getäuscht?« sagte er bitter, indem alle

Hoffnung, alle Seligkeit des vorigen Augenblicks an ihm vorüberflog.

»O, dieses Possenspiel konnten Sie uns ersparen. Doch,« fuhr er fort,

indem ein Gedanke ihn durchblitzte; »um Gottes willen, wo haben Sie den

Ring her, woher das Tuch?«

Sie errötete von neuem, sie brach in Tränen aus, sie verbarg ihr Haupt

an seiner Brust. »Nein,« rief er, »Antwort muß ich haben; es ist mein

Ring, das Tuch -- ich beschwöre Sie, wie kam beides in Ihre Hände,

woher haben Sie den Ring?«

»Von _dir_!« flüsterte sie, indem sie sich beschämt fester an ihn

drückte.

Da fiel ein Lichtstrahl in Fröbens Seele; noch blendete ihn dies zu

helle Licht, aber er hob sanft ihr Haupt in die Höhe und sah sie an

mit Blicken voll Verwunderung und Liebe. »Du bist es? Träume ich denn

wieder?« sprach er, nachdem er sie lange angeblickt. »Sagtest du nicht,

du seiest mein süßes Mädchen? O Gott, welcher Schleier lag denn auf

meinen Augen? Ja, das sind ja deine holden Wangen, das ist ja dein

reizender Mund, der mich heute nicht zum erstenmal küßte!«

Eine hohe Glut bedeckte ihre Wangen. Sie sah ihn voll Wonne und

Entzücken an. »Was wäre aus mir geworden ohne dich, du edler Mann!«

rief sie, indem sich in Tränen der Schimmer ihrer Augen brach. »Ich

bringe dir den Segen meiner guten Mutter, du hast ihre letzten Tage

leicht gemacht und die Decke des Elends gelüftet, die so schwer auf

ihrer kranken Brust lag. O! Wie kann ich dir danken? Was wäre ich

geworden ohne dich! Doch --« fuhr sie fort, indem sie mit ihren Händen

das Gesicht bedeckte, »was _bin_ ich denn geworden, das Weib eines

andern, deines Freundes Weib!«

Er sah, wie ein unendlicher Schmerz ihren Busen hob und senkte, wie

durch die zarten Finger ihre Tränen gleich Quellen herabrieselten. Er

fühlte, wie innig sie ihn liebe, und kein Gedanke an einen Vorwurf,

daß sie einem andern als ihm gehören könnte, kam in seine Seele. »Es

ist so,« sagte er traurig, indem er sie fester an sich drückte, als

könne er sie dennoch nicht verlieren. »Es ist so; wir wollen denken,

es sollte so sein, es habe so kommen müssen, weil wir vielleicht zu

glücklich gewesen wären. Doch in diesem Moment bist du mein, denke, du

kommst herüber über den Platz der Arzneischule und ich erwarte dich: o

komm, umarme mich so wie damals, ach, nur noch ein einziges Mal!«

In Erinnerung verloren, hing sie an seinem Hals; hinter ihren düsteren

Blicken schien der Gedanke an die Wirklichkeit sich zu verlieren;

heller und heller, freundlicher und immer freundlicher schien die

Erinnerung aufzutauchen; ein holdes Lächeln zog um ihren Mund und

senkte sich auf ihren Wangen in zarte Grübchen. »Und kanntest du mich

denn nicht?« fragte sie lächelnd. »Und du kanntest mich nicht?« fragte

er, sie voll Zärtlichkeit betrachtend. »Ach!« antwortete sie. »Ich

hatte mir damals deine Züge recht abgelauscht und tief in mein Herz

geschrieben, aber wahrlich, ich hätte dich nimmer erkannt. Es mochte

wohl auch daher kommen, daß ich dich nur immer bei Nacht sah in den

Mantel eingewickelt, den Hut tief in der Stirne, und wie konnt' ich

auch denken -- Freilich, als du am ersten Abend Faldner zuriefst: ›Auf

Wiedersehen!‹ da kam mir der Ton so bekannt vor, als hätte ich ihn

schon gehört; aber ich lachte mich immer selbst aus über die törichten

Vermutungen. Nachher war es mir hie und da, als müßtest du der sein,

den ich meinte; doch zweifelte ich immer wieder; aber als du am Sonntag

nur erst Pont des Arts genannt hattest, da ging auf einmal eine eigene

Sonne auf deinem Gesicht auf; du schienest ganz in Erinnerung zu leben

und mit den ersten Worten ward es mir klar, daß du, du es bist! Aber

freilich, mich konntest du nicht wiedererkennen, nicht wahr, ich bin

recht bleich geworden?«

»Josephe,« erwiderte er; »wo waren meine Sinne? Wo mein Auge, mein Ohr,

daß ich dich nicht erkannte? Gleich bei deinem ersten Anblick flog ein

freudiger Schreck durch meine Seele, du glichst ja ganz jenem Bilde,

das ich, durch einen wahrhaften Kreislauf der Dinge, als dir ähnlich

gefunden und geliebt hatte; aber die Entdeckung über das Geschlecht

der Mutter führte mich in eine Irrbahn; ich sah in dir nur noch die

ähnliche Tochter der schönen Laura, und oft, während ich neben dir saß,

streifte mein Geist ferne, weithin nach -- dir!«

»O Gott!« rief Josephe, »ist es denn wahr, ist es möglich? Kannst du

mich denn noch lieben?«

»Ob ich es kann? -- Aber darf ich denn? Gott im Himmel, du heißt ja

Frau von Faldner; sage mir nur um des Himmels willen, wie fügte sich

dies alles? Wie hast du auch nicht ein einzigesmal mehr mich erwarten

mögen?«

32.

Sie stillte ihre Tränen, sie faßte sich mit Mühe, um zu sprechen.

»Siehe,« sagte sie, »es war, als ob ein feindliches Geschick alles nur

so geordnet hätte, um mich recht unglücklich zu machen. Als du weg

warst, hatte ich keine Freude mehr. Jene Abende mit dir waren mir so

unendlich viel gewesen. Siehe, schon von dem ersten Moment an, als du

in der lieben Muttersprache deinen Begleiter um Geld batest, von da an

schlug mein Herz für dich; und als du mit so unendlichem Edelmut, mit

so viel Zartsinn für uns sorgtest, ach, da hätte ich dich oft an mein

Herz schließen und dir gestehen mögen, daß ich dich wie ein höheres

Geschöpf anbete. Ich weiß nicht, was mir für dich zu tun zu schwer

gewesen wäre; und wie groß, wie edel hast du dich gegen mich benommen!

Du gingst, ich weinte lange, denn ein schmerzliches Gefühl sagte mir,

daß es auf immer geschieden sei; acht Tage nachdem du abgereist warst,

starb meine arme Mutter sehr schnell. Was du mir damals noch gegeben,

reichte hin, meine Mutter zu beerdigen und ihr Andenken nicht in

Unehre geraten zu lassen. Eine Dame, es war die Gräfin Landskron, die

in unserer Nachbarschaft wohnte und von uns Armen hörte, ließ mich zu

sich kommen. Sie prüfte mich in allem, sie durchschaute die Papiere

meiner Mutter, die ich ihr geben mußte, genau; sie schien zufrieden

und nahm mich als Gesellschaftsfräulein an. Wir reisten; ich will

dir nicht beschreiben, wie mein Herz blutete, als ich dieses Paris

verlassen mußte; es fehlten nur noch vierzehn Tage, bis die Zeit um

war, die du zu deiner Rückkehr bestimmtest; dann wäre ich am Ersten

auf den Platz gegangen, hätte dich noch einmal gesprochen, noch einmal

von dir Abschied genommen! Es sollte nicht so sein; als wir aus der

St. Severinstraße über den wohlbekannten Platz der Ecole de Médecine

hinfuhren, da wollte mein Herz brechen, und ich sagte zu mir: ›Auf

immer!‹ Eduard! ich habe nie wieder von dir gehört, dein Name war mir

unbekannt, du mußtest ja die Bettlerin längst vergessen haben; ich

lebte von der Gnade fremder Leute, ich hatte manches Bittere zu tragen,

ich trug es, es war ja nicht das Schmerzlichste. Als aber die Gräfin in

diese Gegend auf ihr Gut zog, als Faldner sich um mich bewarb, als ich

merkte, daß sie es gutmütig für eine gute Versorgung halte, vielleicht

auch meiner überdrüssig war -- nun ich war ja nur ein einzigesmal

glücklich gewesen, konnte nimmer hoffen, es wieder zu werden; das

übrige war ja so gleichgültig -- da wurde ich seine Frau.«

»Armes Kind! an diesen Faldner, warum denn gerade du mit so weicher

Seele, mit so zartem Sinn, mit so viel gültigem Anspruch auf ein zum

mindesten edleres Los, warum gerade du seine Frau? Doch es ist so;

Josephe, ich kann, ich darf keinen Tag mehr hier sein; ich habe ihn

bei allem, was er Rohes haben mag, einst Freund genannt, bin jetzt

sein Gastfreund, und wenn auch alles nicht wäre, wir dürfen ja nicht

zusammen glücklich sein!« Es lag ein unendlicher Schmerz in seinen

Worten; er küßte die Augen der schönen Frau, nur um durch den Gram,

der in ihnen wohnte, nicht noch weicher zu werden. »O, nur noch

_einen_ Tag,« flüsterte sie zärtlich; »hab' dich ja jetzt eben erst

gefunden, und du denkst schon zu entfliehen. Siehe, wenn du weg bist,

da verschließt sich wieder die Türe meines Glücks auf immer; ich werde

Hartes ertragen müssen, und da muß ich doch ein wenig Erinnerung mir

aufsparen, von der ich zehren kann in der endlosen Wüste.«

»Höre, ich will Faldner alles gestehen,« sprach nach einigem Sinnen der

junge Mann, »ich will es ihm alles vormalen, daß es ihn selbst rühren

muß; er liebt dich doch nicht, du ihn nicht und bist unglücklich; er

soll dich _mir_ abtreten. Mein Haus liegt nicht so schön wie dieses

Schloß; meine Güter kannst du vom Belvedere auf dem Dache übersehen, du

verließest hier großen Wohlstand, aber wenn du einzögest in mein Haus,

wollte ich dir meine Hände als Teppich unterlegen, auf den Händen

wollte ich dich tragen, du solltest die Königin sein in meinem Hause

und ich dein erster treuer Diener!«

Sie blickte schmerzlich zum Himmel auf, sie weinte heftiger. »Ach ja,

wenn ich deines Glaubens wäre, dann ginge es wohl, aber wir sind ja gut

katholisch getraut worden, und das scheidet nur der Tod! O du großer

Gott, wie unglücklich machen oft diese Gesetze! Welch eine Seligkeit

mit dir, bei dir zu sein, immer für dich zu sorgen, an deinen Blicken

zu hängen und alle Tage dir durch zärtliche Liebe ein Tausendteil von

dem heimzugeben, was du an meiner lieben Mutter und an mir getan.«

»Also dennoch auf immer,« erwiderte er traurig; »also nur noch morgen,

und dann für immer scheiden?«

»Für immer!« hauchte sie kaum hörbar, indem sie ihn fester an ihre

Lippen schloß.

»Hier also findet man dich, du niederträchtige Metze!« schrie in diesem

Augenblick ein dritter, der neben dieser Gruppe stand. Sie sprangen

erschreckt auf; zitternd vor Zorn, knirschend vor Wut stand der Baron,

in der einen Hand ein Papier, in der andern die Reitpeitsche haltend,

die er eben aufhob, um sie über den schönen Nacken der Unglücklichen

herabschwirren zu lassen. Fröben fiel ihm in den Arm, entwand ihm mit

Mühe die Peitsche und warf sie weit hinweg. »Ich bitte dich,« sagte er

zu dem Wütenden; »nur hier keine Szene; deine Leute sind im Garten, du

schändest dich und dein Haus durch einen solchen Auftritt.«

»Was?« schrie jener, »ist mein Haus nicht schon genug geschändet durch

diese niederträchtige Person, durch dieses Bettlerpack, das ich in

meinem Haus hatte? Meinst du, ich kenne deine Handschrift nicht,«

fuhr er fort, indem er ihr das Papier hinstreckte; »das ist ja ein

süßes Briefchen an den Herrn Galan hier, an den Romanhelden. Also eine

Dirne mußte ich heiraten, die du unterhieltst, und als du ihrer satt

warest, sollte der ehrliche Faldner sie zur gnädigen Frau machen; dann

kommt man nach sechs Monaten so zufällig zu Besuch, um den Hörnern

des Gemahls noch einige Enden anzusetzen. Das sollst du mir bezahlen,

Schandbube; aber dieses Bettelweib mag immer wieder mit Teller und

Laterne sich am Pont des Arts aufstellen oder von deinem Sündenlohn

leben. Meine Knechte sollen sie mit Hetzpeitschen vom Hof jagen!«

33.

Der Mann von gediegener Bildung hat in solchen Momenten ein

entschiedenes Uebergewicht über den Rohen, der von Wut zur

Unbesonnenheit hingerissen, unsicher ist, was er beginnen soll. Ein

Blick auf Josephe, die bleich, zitternd, sprachlos auf der Moosbank

saß, überzeugte Fröben, was hier zu tun sei. Er bot ihr den Arm und

führte sie aus der Laube nach dem Schlosse. Wütend sah ihnen der Baron

nach; er war im Begriff, seine Knechte zusammenzurufen, um seine

Drohung zu erfüllen, aber die Furcht, seine Schande noch größer zu

machen, hielt ihn ab. Er rannte hinauf in den Saal, wo Josephe auf dem

Sofa lag, ihr weinendes Gesicht in den Kissen verbarg, wo Fröben wie

gedankenlos am Fenster stand und hinausstarrte. Scheltend und fluchend

rannte jener in dem Saal umher; er verfluchte sich, daß er sein Leben

an eine solche Dirne gehängt habe. »Es müßte keine Gerechtigkeit mehr

im Lande sein, wenn ich sie mir nicht vom Halse schaffte!« rief er.

»Sie hat Taufschein und alles fälschlich angegeben; sie hat sich für

ebenbürtig ausgegeben, die Bettlerin, diese Ehe ist null und nichtig!«

»Das wird allerdings das vernünftigste sein,« unterbrach ihn Fröben;

»es kommt nur darauf an, wie du es angreifst, um dich nicht noch mehr

zu blamieren --«

»Ha, mein Herr!« schrie der Baron in wildem Zorn, »Sie spotten noch

über mich, nachdem Sie durch Ihre grenzenlose Frechheit all diese

Schande über mich brachten? Folgen Sie mir, zu _unserer_ Scheidung

brauchen wir weiter keine Assisen; die kann sogleich abgemacht werden.

Folgen Sie!«

Josephe, die diese Worte verstand, sprang auf; sie warf sich vor dem

Wütenden nieder, sie beschwor ihn, alles nur über sie ergehen zu

lassen; denn sein Freund sei ja ganz unschuldig; sie wies hin auf den

Zettel in seiner Hand, den sie erkannte; sie schwur, daß Fröben erst

heute erfahren, wer sie sei. Aber der junge Mann selbst unterbrach ihre

Fürbitten, er hob sie auf und führte sie zum Sofa zurück. »Ich bin

gewohnt,« sagte er kaltblütig zum Baron, »bei solchen Gängen zuerst

meine Arrangements zu treffen, und du wirst wohl tun, es auch nicht zu

unterlassen. Vor allem geht deine Frau jetzt aus dem Schloß, denn hier

will ich sie nicht mehr wissen, wenn ich nicht da bin, sie vor deinen

Mißhandlungen zu schützen.«

»Du handelst ja hier wie in deinem Eigentum,« erwiderte der Baron vor

Zorn lachend; »doch Madame war ja schon vorher dein Eigentum, ich hätte

es beinahe vergessen; wohin soll denn der süße Engel gebracht werden?

In ein Armenhaus, in ein Spital oder an den nächsten besten Zaun, um

ihr Gewerbe fortzusetzen?«

Fröben hörte nicht auf ihn; er wandte sich zu Josephe. »Wohnt die

Gräfin noch in der Nähe?« fragte er sie. »Glauben Sie wohl für die

nächsten Tage einen Aufenthalt dort zu finden?«

»Ich will zu ihr gehen,« flüsterte sie.

»Gut; Faldner wird die Gnade haben, Sie hinfahren zu lassen, dort

erwarten Sie das Weitere, ob er einsieht, wie unrecht er uns beiden

getan, oder ob er darauf beharrt, sich von Ihnen zu trennen.«

34.

Josephe war zu der Gräfin abgefahren; der Freund hatte ihr geraten, bei

ihrer Ankunft nur einen Besuch von einigen Tagen vorzugeben, indessen

wolle er ihr über die Stimmung seines Freundes Nachricht geben, und

wenn es möglich wäre, ihn bereden, sich mit ihr zu versöhnen. »Nein,«

rief sie leidenschaftlich, indem sie von der Terrasse an den Wagen

hinabstieg, »in diese Türe kehre ich nie mehr zurück, auf ewig wende

ich diesen Mauern den Rücken. Glauben Sie, eine Frau vermag viel zu

ertragen, ich habe lange dulden müssen, und das Herz wollte mir oft

zerspringen, aber heute hat er mich zu tief beleidigt, als daß ich ihm

vergeben könnte. Und sollte ich wieder zurückkehren müssen auf den

Pont des Arts, die Menschen um ein paar Sous anzuflehen, ich will es

lieber tun, als noch länger solche niedrige Behandlung von diesem rohen

Menschen mir gefallen lassen. Mein Vater war ein tapferer Soldat und

ein geachteter Offizier Frankreichs, seine Tochter darf sich nicht bis

zur Magd eines Faldner entwürdigen.«

Der junge Mann hatte nach ihrer Abreise einige Briefe geschrieben und

war gerade mit Ordnen seines kleinen Gepäcks beschäftigt, als Faldner

in das Zimmer trat. Fröben sah ihn verwundert an und erwartete neue

Angriffe und Ausbrüche seines Zorns. Jener aber sagte: »Ich glaube,

je mehr ich diese unglücklichen Zeilen lese, die ich heute mittag auf

deinem Zimmer fand, immer mehr, daß du eigentlich doch unschuldig an

der miserablen Historie bist, nämlich, daß du vorher nichts wußtest

und die Person nicht kanntest; daß ich mein Weib in deinen Armen traf,

verzeihe ich dir, denn jene Person hatte aufgehört, mein zu sein, als

sie den törichten Brief an dich schrieb.«

»Es ist mir wegen unseres alten Verhältnisses erwünscht,« antwortete

Fröben, »wenn du die Sache so ansiehst, hauptsächlich auch, weil ich

dadurch Gelegenheit bekomme, vernünftig und ruhig mit dir über Josephe

zu sprechen. Fürs erste mein heiliges Wort, daß zwischen ihr und

mir bis heute mittag nie, auch früher nicht, etwas vorging, was im

geringsten ihrer Ehre nachteilig wäre; daß sie arm war, daß sie einmal

genötigt war, die Hilfe der Menschen anzurufen --«

»Nein, sag lieber, daß sie bettelte,« rief Faldner hitzig, »und nachts

auf den Straßen und Brücken der liederlichen Hauptstadt umherzog, um

Geld zu verdienen; ich hätte ja schon damals das Vergnügen ihrer nähern

Bekanntschaft haben können, ich war ja bei der rührenden Szene auf dem

Pont des Arts. Nein, wenn ich dir auch alles glaubte, ich bin dennoch

beschimpft; die Familie Faldner und eine Bettlerin!«

»Ihr Vater und ihre Mutter waren von gutem Hause --«

»Fabeln, Dichtung! Daß ich mich so fangen ließ; ebensogut hätte ich die

Kellnerin aus der Schenke heiraten können, wenn sie ein Bierglas im

Wappen führte und ein falsches Zeugnis ihrer Geburt brachte!«

»Das ist in meinen Augen das Geringste bei der Sache; die Hauptsache

ist, daß du sie gleich von Anfang wie eine Magd behandeltest und nicht

wie deine Frau; sie konnte dich nie lieben; ihr paßt nicht füreinander.«

»Das ist das rechte Wort,« entgegnete der Baron, »wir passen nicht

zusammen; der Freiherr von Faldner und eine Bettlerin können nie

zusammen passen. Und jetzt freut es mich erst recht, daß ich meinem

Kopf folgte und sie so behandelte, die Dirne hat es nicht besser

verdient. Ich hab' es ja gleich gesagt, sie hat so etwas Gemeines an

sich.«

Diese Roheit empörte den jungen Mann, er wollte ihm etwas Bitteres

entgegnen, aber er bezwang sich, um Josephen nützlich zu sein. Er

redete mit dem Baron ab, was hierin zu tun sei, und sie kamen dahin

überein, daß sie die ganze Sache vor die bürgerlichen Gerichte bringen

und gegenseitige Abneigung als Grund zur Trennung angeben sollten.

Freilich konnte bei ihren Glaubensverhältnissen keiner der beiden

Teile hoffen, in einer neuen Verbindung Trost zu finden; aber Josephen,

wenn sie auch mit Schrecken in eine hilflose Zukunft blickte, schien

kein Los so schwer, daß es nicht gegen die unwürdige Behandlung, die

sie in Faldners Hause erduldete, erträglich geschienen hätte, und der

Baron, wenn ihn auch in manchen einsamen Stunden Reue anwandelte,

suchte Zerstreuung in seinen Geschäften und Trost in dem Gedanken, daß

ja niemand seine Schande erfahren habe, eine Bettlerin von zweideutigem

Charakter zur Frau von Faldner gemacht zu haben.

35.

Einige Wochen nach diesem Vorfall ging Fröben in Mainz, wohin er

sich, um doch in Josephens Nähe zu sein, zurückgezogen hatte, auf

der Rheinbrücke abends hin und wieder. Er gedachte der sonderbaren

Verkettung des Schicksals, er dachte an mancherlei Auswege, die ihn

und die geliebte Frau vielleicht noch glücklich machen könnten; da

fuhr ein Reisewagen über die Brücke her, dessen wunderlicher Bau

die Aufmerksamkeit des jungen Mannes schon von weitem auf sich zog.

Bald aber haftete sein Auge nur noch an dem Bedienten, der auf dem

Bock saß; dieses braungelbe, heitere Gesicht, das neugierig um sich

schaute, schien ihm ebenso bekannt als die grellen Farben der Livree.

Als der Wagen, der sich auf der Brücke nur im Schritt weiter bewegen

durfte, näher herankam, bemerkte auch der Diener den jungen Mann und

rief: »San Jago di Compostella! Das ist er ja selbst!« Er riß das

Wagenfenster auf, das ihn von dem Innern des Wagens trennte, und sprach

eifrig hinein. Alsobald wurde auf der Seite des Wagens ein Fenster

niedergelassen und heraus fuhr das wohlbekannte Gesicht Don Pedros di

San Montanjo Ligez. Der Wagen hielt; der junge Mann sprang freudig

herzu, um den Schlag zu öffnen, und der alte Herr sank in seine Arme.

»Wo ist sie, wo habt Ihr sie, die Tochter meiner Laura? O, um der

heiligen Jungfrau willen, habt Ihr sie hier? Sagt an, junger Herr! Wo

ist sie?«

Der junge Mann schwieg betreten; er führte den Alten auf der Brücke

weiter und sagte ihm dann, daß sie nicht weit von dieser Stadt sich

aufhalte, und morgen wolle er ihn zu ihr führen.

Der Spanier hatte Freudentränen im Auge. »Wie danke ich Euch für die

Nachrichten, die Ihr mir gegeben!« sprach er. »Sobald ich Urlaub

bekommen hatte, setzte ich mich mit Diego in den Wagen und ließ mich

von W. bis hier täglich sechs Meilen fahren, denn länger hielt ich es

nicht aus. Und lebt sie glücklich? Sieht sie ihrer Mutter ähnlich, und

was erzählt sie von Laura Tortosi?« Fröben versprach, auf seinem Zimmer

alle seine Fragen zu beantworten. Er ließ, nachdem sich der Spanier ein

wenig ausgeruht und umgekleidet hatte, Xeres bringen, schenkte ein,

Diego reichte, wie damals, die Zigarren, und als Don Pedro recht bequem

saß, fing der junge Mann seine Erzählung an. Mit steigendem Interesse

hörte ihn der Spanier an; zu großem Aergernis Diegos ließ er seit

zwanzig Jahren zum erstenmal die Zigarre ausgehen, und als der junge

Mann an jene empörende Szene zwischen Faldner und der unglücklichen

Frau kam, da konnte er sich nicht mehr halten; sein altes, südliches

Blut kochte auf; er drückte den Hut tief in die Stirne, wickelte den

linken Arm in den Mantel und rief mit blitzenden Augen: »Meinen langen

Stoßdegen her, Diego, den mach' ich kalt, so wahr ich ein guter Christ

und spanischer Edelmann bin; ich stech' ihn nieder und hätte er ein

Kruzifix vor der Brust, ich bring' ihn um; ohne Absolution und ohne

alle Sakramente schick' ich ihn zur Hölle, so tu' ich. Bring mir mein

Schwert, Diego!«

Aber Fröben zog den zitternden, vom Zorn erschöpften Alten zu sich

nieder; er suchte ihm begreiflich zu machen, wie dies alles nicht nötig

sei, denn Josephe sei schon aus der Gewalt des rohen Menschen befreit

und lebe getrennt von ihm. Er holte, um ihn noch mehr zu besänftigen,

jenes Bild herbei und entfaltete es vor den staunenden Blicken Pedros.

Entzückt betrachtete es der Don. »Ja, sie ist es,« rief er, alles

übrige vergessend, »meine arme, unglückliche Laura!« Und weinend

umarmte er den jungen Mann, nannte ihn seinen lieben Sohn und dankte

ihm mit gebrochener Stimme für alles, was er an der unglücklichen

Mutter und ihrer armen Tochter getan.

Am andern Morgen brach er mit Fröben nach dem Gut der Gräfin auf. Es

war ein rührender Anblick, wie der alte Mann die schöne jugendliche

Gestalt Josephens umschlungen hielt, wie er ihre Züge aufmerksam

betrachtete, wie seine strengen Züge immer weicher wurden, wie er sie

dann gerührt auf Auge und Mund küßte. »Ja, du bist Lauras Tochter!«

rief er. »Dein Vater hat dir nichts gegeben als sein blondes Haar, aber

das sind ihre lieben Augen, das ist ihr Mund, das sind die schönen

Züge der Tortosi! Sei meine Tochter, liebes Kind; ich habe keine

Verwandten und bin reich; durch Verwandtschaft, mein Herz und einen

zwanzigjährigen Gram gehörst du mir näher an als irgend jemand auf der

Erde!« Ihre Blicke, die über seine Schultern weg auf Fröben fielen,

schienen diese letztere Behauptung nicht gerade zu bestätigen, aber

sie küßte gerührt seine Hand und nannte ihn ihren Oheim, ihren zweiten

Vater.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 1 · 第 15 / 22 段