Hatte sich denn heute auf einmal alles so ganz anders gestaltet, oder

war nur er selbst anders geworden? Josephens Züge, ihr ganzes Wesen

schien Fröben verändert, als er bei ihr eintrat. Eine stille Wehmut,

eine weiche Trauer schien über ihr Antlitz ausgegossen, und doch war

ihr Lächeln so hold, so traulich, als sie ihn willkommen hieß. Sie

schrieb ihr gestriges Uebel allzugroßer Anstrengung zu und schien

überhaupt von dem ganzen Vorfall nicht gerne zu sprechen. Aber Fröben,

dem an der guten Meinung seiner Freundin so viel lag, konnte es nicht

ertragen, daß sie beinahe geflissentlich seine Erzählung gar nicht

berührte. »Nein,« rief er, »ich lasse Sie nicht so entschlüpfen,

gnädige Frau! An dem Urteil der andern über mich lag mir wenig; was

kümmert es mich, ob solche Alltagsmenschen mich nach ihrem gemeinen

Maßstab messen! Aber wahrhaftig, es würde mich unendlich schmerzen,

wenn auch Sie mich falsch beurteilten, wenn auch Sie Gedanken Raum

gäben, die mich in Ihren Augen so tief herabsetzen müßten, wenn auch

Sie die Wahrheit jener Erzählung bezweifelten, die ich freilich solchen

Ohren nie hätte preisgeben sollen. O, ich beschwöre Sie, sagen Sie

recht aufrichtig, was Sie von mir und jener Geschichte denken?«

Sie sah ihn lange an; ihr schönes, großes Auge füllte sich mit Tränen,

sie drückte seine Hand: »O Fröben, was ich davon denke?« sagte sie.

»Und wenn die ganze Welt an der Wahrheit zweifeln würde, ich wüßte

dennoch gewiß, daß Sie wahr gesprochen! Sie wissen ja nicht, wie gut

ich Sie kenne!«

Er errötete freudig und küßte ihre Hand. »Wie gütig sind Sie, daß Sie

mich nicht verkennen. Und gewiß, ich habe alles, alles genau nach der

Wahrheit erzählt.«

»Und dieses Mädchen,« fuhr sie fort, »ist wohl dieselbe, von welcher

Sie mir letzthin sagten? Erinnern Sie sich nicht, als wir von

Viktor und Klothilden sprachen, daß Sie mir gestanden, Sie lieben

hoffnungslos? Ist es dieselbe?«

»Sie ist es,« erwiderte er traurig. »Nein, Sie werden mich wegen

dieser Torheit nicht auslachen; Sie fühlen zu tief, als daß Sie dies

lächerlich finden könnten. Ich weiß alles, was man dagegen sagen kann,

ich schalt mich selbst oft genug einen Toren, einen Phantasten, der

einem Schatten nachjage; ich weiß ja nicht einmal, ob sie mich liebt --«

»Sie liebt Sie!« rief Josephe unwillkürlich aus; doch über ihre eigenen

Worte errötend, setzte sie hinzu: »Sie muß Sie lieben; glauben Sie

denn, so viel Edelmut müsse nicht tiefen Eindruck auf ein Mädchenherz

von siebzehn Jahren machen, und in allen ihren Aeußerungen, die Sie uns

erzählten, liegt, es müßte mich alles trügen, oder es liegt gewiß ein

bedeutender Grad von Liebe darin.«

Der junge Mann schien mit Entzücken auf ihre Worte zu lauschen. »Wie

oft rief ich mir dies selbst zu,« sprach er, »wenn ich so ganz ohne

Trost war und traurig in die Vergangenheit blickte; aber wozu denn?

Vielleicht nur, um mich noch unglücklicher zu machen. Ich habe oft

mit mir selbst gekämpft, habe im Gewühl der Menschen Zerstreuung, im

Drang der Geschäfte Betäubung gesucht, es wollte mir nie gelingen.

Immer schwebte mir jenes holde, unglückliche Wesen vor; mein einziger

Wunsch war, sie nur noch einmal zu sehen. Es ist noch jetzt mein

Wunsch, ich darf es Ihnen gestehen, denn Sie wissen meine Gefühle zu

würdigen; auch diese Reise unternahm ich nur, weil meine Sehnsucht mich

hinaustrieb, sie zu suchen, sie noch einmal zu sehen. Und wie ich denn

so recht über diesen Wunsch nachdenke, so finde ich mich sogar oft auf

dem Gedanken, sie auf immer zu besitzen! -- Sie blicken weg, Josephe?

O, ich verstehe; Sie denken, ein Geschöpf, das so tief im Elend war,

dessen Verhältnisse so zweideutig sind, dürfe ich nie wählen; Sie

denken an das Urteil der Menschen; an alles dies habe auch ich recht

oft gedacht, aber so wahr ich lebe, wenn ich sie so wiederfände, wie

ich sie verlassen, ich würde niemand als mein Herz fragen. Würden Sie

mich denn so strenge beurteilen, Josephe?«

Sie antwortete ihm nicht; noch immer abgewandt, ihre Stirne in die

Hand gestützt, bot sie ihm ein Buch hin und bat ihn vorzulesen. Er

ergriff es zögernd, er sah sie fragend an; es war das einzige Mal, daß

er sich in ihr Betragen nicht recht zu finden wußte; aber sie winkte

ihm, zu lesen, und er folgte, wiewohl er gerne noch länger sein Herz

hätte sprechen lassen. Er las von Anfang zerstreut; aber nach und

nach zog ihn der Gegenstand an, entführte seine Gedanken mehr und

mehr dem vorigen Gespräch und riß ihn endlich hin, so daß er im Fluß

der Rede nicht bemerkte, wie die schöne Frau ihm ein Angesicht voll

Wehmut zuwandte, daß ihre Blicke voll Zärtlichkeit an ihm hingen,

daß ihr Auge sich oft mit Tränen füllen wollte, die sie nur mühsam

wieder unterdrückte. Spät erst endete er, und Josephe hatte sich

soweit gefaßt, daß sie mit Ruhe über das Gelesene sprechen konnte,

aber dennoch schien es dem jungen Mann, als ob ihre Stimme hie und da

zittere, als ob die frühere gütige Vertraulichkeit, die sie dem Freund

ihres Gatten bewiesen, gewichen sei; er hätte sich unglücklich gefühlt,

wenn nicht jener leuchtende Strahl eines wärmeren Gefühles, der aus

ihrem Auge hervorbrach, ihn an seiner Beobachtung irre gemacht hätte.

28.

Da der Baron erst bis Abend zurückkehren wollte, Josephe sich aber

nach dieser Vorlesung in ihre Zimmer zurückgezogen hatte, so beschloß

Fröben, um diesen quälenden Gedanken auf einige Stunden wenigstens

zu entgehen, die heiße Mittagszeit vor der Tafel zu verschlafen.

In jener Laube, die ihm durch so manche schöne Stunde, die er mit

der liebenswürdigen Frau hier zugebracht, wert geworden war, legte

er sich auf die Moosbank und entschlief bald. Seine Sorgen hatte

er zurückgelassen, sie folgten ihm nicht durch das Tor der Träume;

nur liebliche Erinnerungen verschmolzen und mischten sich zu neuen

reizenden Bildern; das Mädchen aus der St. Severinstraße mit ihrer

schmelzenden Stimme schwebte zu ihm her und erzählte ihm von ihrer

Mutter; er schalt sie, daß sie so lange auf sich habe warten lassen,

da er doch ja den Ersten und Fünfzehnten gekommen sei; er wollte sie

küssen zur Strafe, sie sträubte sich, er hob den Schleier auf, er

hob das schöne Gesichtchen am Kinn empor, und siehe -- es war Don

Pedro, der sich in des Mädchens Gewänder gesteckt hatte, und Diego,

sein Diener, wollte sich totlachen über den herrlichen Spaß. -- Dann

war er wieder mit einem kühnen Sprung der träumenden Phantasie in

Stuttgart in jener Gemäldesammlung. Man hatte sie anders geordnet, er

durchsuchte vergebens alle Säle nach dem teuren Bilde; es war nicht

zu finden; er weinte, er fing an zu rufen und laut zu klagen; da kam

der Galeriediener herbei und bat ihn, stille zu sein und die Bilder

nicht zu wecken, die jetzt alle schlafen. Auf einmal sah er in einer

Ecke das Bild hängen, aber nicht als Brustbild wie früher, sondern in

Lebensgröße; es sah ihn neckend, mit schelmischen Blicken an, es trat

lebendig aus dem Rahmen und umarmte den Unglücklichen; er fühlte einen

heißen, langen Kuß auf seinen Lippen. Wie es zu geschehen pflegt, daß

man im Traum zu erwachen glaubt, und träumend sich sagt, man habe ja

nur geträumt, so schien es auch jetzt dem jungen Mann zu gehen. Er

glaubte, von dem langen Kuß erweckt, die Augen zu öffnen, und siehe,

auf ihn niedergebeugt hatte sich ein blühendes, rosiges Gesicht, das

ihm bekannt schien. Vor Lust des süßen Atems, der liebewarmen Küsse,

die er einsog, schloß er wieder die Augen; er hörte ein Geräusch, er

schlug sie noch einmal auf und sah eine Gestalt in schwarzem Mantel,

schwarzem Hütchen mit grünem Schleier entschweben; als sie eben um

eine Ecke biegen wollte, kehrte sie ihm noch einmal das Gesicht zu;

es waren die Züge des geliebten Mädchens, und neidisch wie damals

hatte sie auch jetzt die Halbmaske vorgenommen. »Ach, es ist ja doch

nur ein Traum!« sagte er lächelnd zu sich, indem er die Augen wieder

schließen wollte; aber das Gefühl, erwacht zu sein, das Säuseln des

Windes in den Blättern der Laube, das Plätschern des Springbrunnens war

zu deutlich, als daß er davon nicht völlig wach und munter geworden

wäre. Das sonderbare, lebhafte Traumbild stand noch vor seiner Seele;

er blickte nach der Ecke, wo sie verschwunden war; er sah die Stelle

an, wo sie gestanden, sich über ihn hingebeugt hatte, er glaubte die

Küsse des geliebten Mädchens noch auf den Lippen zu fühlen. »So weit

also ist es mit dir gekommen,« sprach er erschreckend zu sich, »daß du

sogar im Wachen träumst, daß du sie bei gesunden Sinnen um dich siehst?

Zu welchem Wahnwitz soll dies noch führen? Nein, daß man so deutlich

träumen könne, hätte ich nie geglaubt. Es ist eine Krankheit des

Gehirns, ein Fieber der Phantasie, ja es fehlt nicht viel, so möchte

ich sogar behaupten, Traumbilder können Fußtapfen hinterlassen; denn

diese Tritte hier im Sande sind nicht von meinem Fuß.« Sein Blick fiel

auf die Bank, wo er gelegen, er sah ein zierlich gefaltetes Papier

und nahm es verwundert auf. Es war ohne Aufschrift, es hatte ganz die

Form eines Billetdoux; er zauderte einen Augenblick, ob er es öffnen

dürfe; aber neugierig, wer sich hier wohl in solcher Form schreiben

könnte, entfaltete er das Papier -- ein Ring fiel ihm entgegen. Er

hielt ihn in der Hand und durchflog den Brief, er las: »Oft bin ich

Dir nahe, Du mein edler Ritter und Wohltäter; ich umschwebe Dich mit

jener unendlichen Liebe, die meine Dankbarkeit anfachte, die selbst

mit meinem Leben nicht verglühen wird. Ich weiß, Dein großmütiges Herz

schlägt noch immer für mich, Du hast Länder durchstreift, um mich

zu suchen, zu finden; doch umsonst bemühst Du Dich -- vergiß ein so

unglückliches Geschöpf; was wolltest Du auch mit mir? Wenn auch mein

höchstes Glück in dem Gedanken liegt, ganz Dir anzugehören, so kann

es ja doch nimmermehr sein! Auf immer! sagte ich Dir schon damals, ja

auf immer liebe ich Dich, aber -- das Schicksal will, daß wir getrennt

seien auf immer, daß nie an Deiner Seite, vielleicht nur in Deiner

gütigen Erinnerung leben darf

_Die Bettlerin vom Pont des Arts._«

Der junge Mann glaubte noch immer oder aufs neue zu träumen; er sah

sich mißtrauisch um, ob seine Phantasie ihn denn so ganz verführt

habe, daß er in einer Traumwelt lebe; aber alle Gegenstände um ihn

her, die wohlbekannte Laube, die Bank, die Bäume, das Schloß in der

Ferne, alles stand noch wie zuvor, er sah, er wachte, er träumte

nicht. Und diese Zeilen waren also wirklich vorhanden, waren nicht ein

Traumbild seiner Phantasie? »Hat man vielleicht einen Scherz mit mir

machen wollen?« fragte er sich dann; »ja gewiß; es kommt wohl alles von

Josephe; vielleicht war auch jene Erscheinung nur eine Maske?« Indem

er das Papier zusammenrollte, fühlte er den Ring, der in dem Briefchen

verborgen gewesen, in seiner Hand. Neugierig zog er ihn hervor,

betrachtete ihn und erblaßte. Nein, das wenigstens war keine Täuschung,

es war derselbe Ring, den er dem Mädchen in jener Nacht gegeben, als

er auf immer von ihr Abschied nahm. So sehr er im ersten Augenblick

versucht war, hier an übernatürliche Dinge zu glauben, so erfüllte ihn

doch der Gedanke, daß er ein Zeichen von dem geliebten Wesen habe, daß

sie ihm nahe sei, mit so hohem Entzücken, daß er nicht mehr an die

Worte des Briefes dachte, er zweifelte keinen Augenblick, daß er sie

finden werde, er drückte den Ring an die Lippen, er stürzte aus der

Laube in den Garten, und seine Blicke streiften auf allen Wegen, in

allen Büschen nach der teuren Gestalt. Aber er spähte vergebens; er

fragte die Arbeiter im Garten, die Diener im Schlosse, ob sie keine

Fremde gesehen haben; man hatte sie nicht bemerkt; bestürzt, beinahe

keiner Ueberlegung fähig, kam er zu Tische; umsonst forschte Faldner

nach dem Grund seiner verstörten Blicke, umsonst fragte ihn Josephe, ob

er denn vielleicht von gestern her noch so trübe gestimmt sei. »Es ist

mir etwas begegnet,« antwortete er, »das ich ein Wunder nennen müßte,

wenn nicht meine Vernunft sich gegen Aberglauben sträubte.«

29.

Dieser sonderbare Vorfall und die Worte des Briefchens, das er wohl

zehnmal des Tages überlas, hatten den jungen Mann ganz tiefsinnig

gemacht. Er fing an nachzusinnen, ob es denn möglich sei, daß

überirdische Wesen in das Leben der Sterblichen eingreifen können.

Wie oft hatte er über jene Schwärmer gelacht, die an Erscheinungen,

an Boten aus einer andern Welt, an Schutzgeister, die den Menschen

umschweben, wie an ein Evangelium glaubten. Wie oft hatte er ihnen

sogar die physische Unmöglichkeit dargetan, daß körperlose Wesen

dennoch sichtbar erscheinen, daß sie dies oder jenes verrichten können.

Aber was ihm selbst begegnet war, wie sollte er es deuten? Oft nahm er

sich vor, alles zu vergessen, gar nicht mehr daran zu denken, und im

nächsten Augenblick quälte er sich ab, seine Erinnerung recht lebhaft

vor das Auge treten zu lassen; deutlicher als je erschienen dann

wieder ihre Züge, er hatte sie ja gesehen, als sie sich an der Ecke

noch einmal umwandte; er hatte den holden Mund, diese rosigen Wangen,

dieses Kinn, diesen schlanken Hals wiedergesehen! Er holte jenes Bild

herbei, er verglich Zug um Zug, er deckte die Hand auf Augen und Stirne

der Dame, und es war das holde Gesichtchen, wie es unter der Halbmaske

hervorschaute!

Er hatte sich, weil Josephe am nächsten Morgen im Hause allzusehr

beschäftigt war, um ihn zu unterhalten, wieder in die Laube gesetzt.

Er las, und während des Lesens beschäftigte ihn immer der Gedanke, ob

sie ihm wohl wieder erscheinen werde. Die Hitze des Mittags wirkte

betäubend auf ihn; mit Mühe suchte er sich wach zu halten, er las

eifriger und angestrengter, aber nach und nach sank sein Haupt zurück,

das Buch entfiel seinen Händen, er schlief.

Beinahe um dieselbe Zeit wie gestern erwachte er, aber keine Gestalt

mit grünem Schleier war weit und breit zu sehen; er lächelte über sich

selbst, daß er sie erwartet habe, er stand traurig und unzufrieden auf,

um ins Schloß zu gehen, da erblickte er neben sich ein weißes Tuch,

das er sich nicht erinnern konnte, hingelegt zu haben; er sah es an,

es mußte wohl dennoch ihm gehören, denn in der Ecke war sein Namenszug

eingenäht. »Wie kommt dies Tuch hierher?« rief er bewegt, als er bei

genauerer Besichtigung entdeckte, daß es eines jener Tücher sei, die

ihm das Mädchen hatte fertigen müssen, und die er wie Heiligtümer

sorgfältig verschloß. »Soll dies aufs neue ein Zeichen sein?« Er

entfaltete das Tuch, und suchte, ob nicht vielleicht wieder einige

Zeilen eingelegt seien? Es war leer; aber in einer andern Ecke des

Tuches entdeckte er noch einige Lettern, die wie sein Name eingenäht

waren; zierlich und nett standen dort die Worte: _Auf immer!_ »Also

dennoch hier gewesen!« rief der junge Mann unmutig. »Und ich konnte

ihre liebliche Erscheinung schnöderweise verschlafen? Warum gibt sie

mir wohl ein neues Zeichen? Warum diese traurigen Worte wiederholen,

die mich schon damals und erst gestern wieder so unglücklich machten?«

Auch heute befragte er nach der Reihe die Domestiken, ob nicht eine

fremde Person im Garten gewesen sei? Sie verneinten es einstimmig, und

der alte Gärtner sagte, seit drei Stunden sei gar niemand durch den

Garten gegangen als nur die gnädige Frau. »Und wie war sie angezogen?«

fragte Fröben, auf sonderbare Weise überrascht. »Ach, Herr, da fragt

Ihr mich zu viel,« antwortete der Alte; »sie ist halt angezogen gewesen

in vornehmen Kleidern, aber wie, das weiß ich nicht zu beschreiben; als

sie vor mir vorbeiging, nickte sie freundlich und sagte: ›Guten Tag,

Jakob!‹«

Der junge Mann führte den Alten beiseite: »Ich beschwöre dich,«

flüsterte er; »trug sie einen grünen Schleier? Hatte sie nicht eine

große schwarze Brille auf?«

Der alte Gärtner sah ihn mißtrauisch und kopfschüttelnd an. »Eine

schwarze Brille?« fragte er. »Die gnädige Frau eine große schwarze

Brille? Ei, du Herrgott, wo denken Sie hin, sie hat so scharfe, klare

Augen wie eine Gemse und soll eine Brille auf der Nase tragen, mit

Respekt zu melden, eine große schwarze Brille, wie sie die alten Weiber

in der Kirche auf die Nase klemmen, daß es feiner schnarrt, wenn sie

singen? Nein, gnädiger Herr, solche schlechte Gedanken müssen Sie sich

aus dem Kopf schlagen, das ist nichts; und nehmen Sie es nicht ungütig,

aber eine Mütze sollten Sie doch aufsetzen bei dieser Hitze, es ist von

wegen des Sonnenstichs.« So sprach der Alte und ging kopfschüttelnd

weiter; den übrigen Dienstboten aber deutete er mit sehr verdächtiger

Bewegung des Zeigefingers ans Hirn an, daß es mit dem jungen Herrn Gast

hier oben nicht ganz richtig sein müsse.

30.

Auch jetzt kam Fröben zu keinem andern Resultat, als daß das Betragen

jenes Mädchens, das er so innig liebte, unbegreiflich sei, und

dieses rätselhafte Spiel mit seinem Schmerz, mit seiner Sehnsucht,

beschäftigte ihn so ganz ausschließlich, daß ihm vieles entging, was

ihm sonst wohl hätte auffallen müssen. Josephe kam mit verweinten Augen

zu Tische; der Baron war verstimmt und einsilbig und schien seinem

inneren Unmut, der ihm um die Stirne lag und deutlich aus den Augen

sprach, hie und da durch einen Fluch über die schlechte Küche und die

noch schlechtere Haushaltung Luft machen zu müssen. Die unglückliche

Frau ließ alles still und geduldig über sich ergehen, sie schickte

zuweilen, als wolle sie Hilfe und Trost suchen, einen flüchtigen Blick

nach Fröben hinüber; ach, sie bemerkte nicht, wie ihr Gatte diese

Blicke belauerte, wie seine Stirne sich röter färbte, wenn er ihre

Augen auf diesem Wege traf.

An Fröbens Auge und Ohr ging dies vorüber als etwas, an das er sich

schon gewöhnt hatte; er gab sich nicht einmal die Mühe, Josephe um die

Ursache dieses Aufbrausens zu befragen. Es fiel ihm nicht auf, daß sie

zurückhaltender gegen ihn war im Beisein Faldners; er schrieb es der

gewöhnlichen Geschäftigkeit seines Freundes zu, daß ihn dieser in den

nächsten Tagen nötigte, mit ihm da- und dorthin auf das Gut zu gehen

und in Wald und Feld oft einen großen Teil des Tages mit Messungen und

Berechnungen hinzubringen. Als er aber eines Morgens, als ihn Faldner

schon gestiefelt und gespornt erwartete, eine kleine Unpäßlichkeit

vorschützte, um diesen unangenehmen Feldbesuchen zu entgehen, als

er arglos hinwarf, daß er doch Josephen auch einmal wieder vorlesen

müsse, da wollte es ihm doch auffallend dünken, daß der Baron unmutig

rief: »Nein, sie soll mir nichts mehr lesen, gar nichts mehr. Es geht

ohnedies seit einiger Zeit alles konträr. Das könnte ich vollends

brauchen, wenn sie den ganzen Morgen mit Lesen zubrächte und solche

Romanideen im Kopfe trüge, wie ich schon welche habe spuken sehen.

Lies dir in Gottes Namen selbst vor, lieber Fröben, und nimm mir nicht

übel, wenn ich mein Weib anders placiere. Du gehst in den Garten nach

dem Frühstück, Josephe, es soll heute Gemüse ausgestochen werden,

nachher bist du so gütig und gehst zu Pastors, du bist dort seit lange

einen Besuch schuldig.« Mit diesen Worten nahm er seine Reitpeitsche

vom Tische und schritt davon.

»Was soll denn das? Was hat er denn heute?« fragte Fröben staunend die

junge Frau, die kaum ihre Tränen zurückzuhalten vermochte.

»O, er ist so ziemlich wie sonst,« erwiderte sie ohne aufzublicken.

»Ihre Anwesenheit hat ihn einige Zeitlang aus dem gewöhnlichen Geleise

gebracht; Sie sehen, er ist jetzt wieder wie zuvor.«

»Aber mein Gott,« rief er unmutig, »so schicken Sie doch eine Magd in

den Garten!«

»Ich darf nicht,« sagte sie bestimmt, »ich muß selbst zusehen; er will

es ja haben.«

»Und den Besuch bei Pastors --?«

»Muß ich machen, Sie haben es ja gehört, daß ich ihn machen _muß_;

lassen wir das, es ist einmal so. Aber Sie,« fuhr Josephe fort, »Sie,

mein Freund, scheinen mir seit einigen Tagen verändert, gar nicht mehr

so munter, so zutraulich wie früher. Sollten Sie sich vielleicht nicht

mehr hier gefallen? Sollte mein Mann, sollte vielleicht ich Ursache

Ihrer Verstimmung sein?« --

Fröben fühlte sich verlegen; er war auf dem Punkt, der Freundin jene

sonderbaren Vorfälle im Garten zu gestehen, aber der Gedanke, sich vor

der klugen jungen Frau eine Blöße zu geben, hielt ihn zurück. »Sie

wissen,« sagte er ausweichend, »daß ich in den letzten Tagen Briefe

aus S. bekam. Und wenn ich verstimmt erscheine, so tragen diese Briefe

allein die Schuld.« Sie sah ihn zweifelnd an; eine Antwort schien auf

ihren Lippen zu schweben, aber wie wenn sie den Mangel an Vertrauen in

dem Blicke des jungen Mannes gelesen und sich dadurch gekränkt gefühlt

hätte, zuckten ihre schönen Lippen und drängten die Antwort zurück;

sie zog schweigend die Glocke, befahl ihrer Zofe, ihr Hut und Schirm

zu bringen, und ging dann, ohne ihn zu diesem Gang einzuladen, in den

Garten an die Arbeit.

Als der junge Mann einige Stunden nachher ebenfalls in den Garten

hinabstieg und nach Josephe fragte, hieß es, sie sei zu Pastors

gegangen. Er eilte der Laube zu, er setzte sich mit pochendem Herzen

nieder. Heute hatte er sich vorgenommen, nicht einzuschlafen. »Ich

will doch sehen,« sagte er zu sich, »ob dieses Wesen, das mich so

geheimnisvoll umschwebt, noch ein drittes Zeichen für mich hat? Ich

will mich wie zum Schlummer niederlegen, und so wahr ich lebe, wenn

es wieder erscheint, will ich es haschen und schauen, welcher Natur

es sei.« Er las, bis der Mittag herangekommen war, dann legte er sich

nieder und schloß die Augen. Oft wollte sich der Schlummer wirklich

über ihn herabsenken, aber Erwartung, Unruhe und sein fester Wille, der

die Mohnkörner von ihm ferne hielt, ließen ihn wach bleiben. Er mochte

wohl eine halbe Stunde so gelegen haben, als die Zweige der Laube

rauschten. Er öffnete die Augen kaum ein wenig und sah, wie zwei weiße

Hände die Zweige behutsam teilten, vermutlich um eine Aussicht auf

den Schlummernden zu öffnen. Dann knisterten leise, leise Schritte im

Sand. Er blickte verstohlen nach dem Eingang der Laube, und sein Herz

wollte zerspringen voll freudiger Ungeduld, als er sein Mädchen sah im

schwarzen Mantel und Hut, den grünen Schleier zurückgeschlagen, die

schwarzen Maskenaugen vor den obern Teil des schönen Gesichts gebunden.

31.

Sie nahte auf den Zehenspitzen. Er sah, wie auf ihrem Gesicht ein

höheres Rot aufstieg, als sie näher trat. Sie betrachtete den Schläfer

lange; sie seufzte tief und schien Tränen abzutrocknen. Dann trat sie

nahe heran; sie beugte sich über ihn herab, ihr Atem berührte ihn wie

ein Himmelsbote, der die Nähe ihrer süßen Lippen ansagte, sie senkte

sich tiefer und ihr Mund legte sich auf den seinigen so sanft, wie das

Morgenrot sich auf den Hügel senkt.

Da hielt er sich nicht länger; schnell schlang er seinen Arm um ihren

Leib, und mit einem kurzen Angstschrei sank sie in die Kniee. Er sprang

erschrocken auf, er glaubte sie ohnmächtig, aber sie war nur sprachlos

und zitterte heftig; er hob sie auf, er zog sie, erfüllt von der Wonne

des Wiedersehens, an seiner Seite auf die Bank nieder, er bedeckte

ihren Mund mit glühenden Küssen, er drückte sie fest an sich: »O, so

habe ich dich wieder, endlich, endlich wieder, du geliebtes Wesen!«

rief er; »du bist kein Trugbild, du lebst, ich halte dich in meinen

Armen wie damals und liebe dich wie damals und bin glücklich, selig,

denn du liebst ja auch mich!« Eine hohe Glut bedeckte ihre Wangen, sie

sprach nicht, sie suchte vergebens sich aus seinen Armen zu winden.

»Nein, jetzt lasse ich dich nicht mehr,« sprach er, und Tränen, Tränen

des Glücks hingen an seinen Wimpern; »jetzt halte ich dich fest und

keine Welt darf dich von mir reißen. Und komm, hinweg mit dieser

neidischen Maske, ganz will ich dein schönes Antlitz schauen, ach, es

lebte ja immer in meinen Träumen!« Sie schien mit der letzten Kraft

die Hand von der Halbmaske abhalten zu wollen, sie atmete schwer, sie

rang mit ihm, aber die trunkene Lust des jungen Mannes, nach so langer

Entbehrung sich so unaussprechlich glücklich zu wissen, gewährte ihm

einen leichten Sieg. Er hielt ihre Arme mit der einen Hand, zitternd

stieß er mit der andern den Hut zurück, band die Maske los und

erblickte -- die Gattin seines Freundes.

»Josephe!« rief er, wie in einen Abgrund niedergeschmettert, und seine

Gedanken drehten sich im Ringe. »Josephe!«

Bleich, erstarrt, tränenlos saß sie neben ihm und sagte wehmütig

lächelnd: »Ja, Josephe.«

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 1 · 第 14 / 22 段