Sie nahm meine Hand, sie drückte sie bewegt. ›Habe ich Sie denn

beleidigt?‹ rief sie. ›O, Gott weiß, das wollte ich nicht; verzeihen

Sie einem armen unerfahrenen Mädchen; Sie sind so großmütig, und ich

sollte Sie beleidigen?‹

›Nun denn, so komm,‹ sagte ich, indem ich sie weiterzog, ›es ist keine

Zeit zu verlieren, es ist spät, und der Weg ist weit.‹ Aber sie blieb

stehen, weinte und flüsterte: ›Nein, um keinen Preis gehe ich weiter.‹

›Aber vor wem fürchten Sie sich denn? Es kennt Sie ja kein Mensch, es

sieht Sie ja keine Seele; Sie können getrost mit mir kommen.‹

›Ich bitte Sie um Gottes willen, lassen Sie mich! Nein, nein, es darf

nicht sein, dringen Sie nicht weiter in mich!‹ Sie zitterte; ich fühlte

wohl, wenn ich ihr die Not der Mutter noch einmal recht dringend

vorstellte, so ging sie mit, aber die Angst des Mädchens rührte mich

tief.

›Gut, so bleiben Sie hier,‹ sprach ich. ›Aber sagen Sie mir, können Sie

vielleicht arbeiten?‹

›O ja, mein Herr,‹ erwiderte sie, ihre Tränen trocknend.

›Könnten Sie vielleicht meine feinere Wäsche besorgen?‹

›Nein,‹ antwortete sie sehr bestimmt. ›Dazu sind wir nicht

eingerichtet.‹

›Hier ist ein weißes Tuch,‹ fuhr ich fort. ›Können Sie mir vielleicht

ein halb Dutzend besorgen und fertig machen?‹

Sie besah das Tuch und sagte: ›Mit Vergnügen, und recht fein will ich

es nähen!‹ Zu meiner eigenen Beschämung mußte ich jetzt dennoch Geld

hervorziehen, obgleich ich es vorhin verleugnet hatte.

›Kaufen Sie sechs solcher Tücher,‹ fuhr ich fort, ›und können Sie wohl

drei davon bis Sonntagabend fertig machen?‹ Sie versprach es; ich gab

ihr noch etwas für die Mutter, und sagte ihr, daß ich heute darauf

nicht eingerichtet sei, aber Sonntag mehr tun könne. Sie dankte innig;

es schien sie zu freuen, daß ich ihr Arbeit gegeben, denn noch einmal

plauderte sie davon, wie schön sie die Tücher machen wolle, ja wenn

ich nicht irre, so fragte sie mich sogar, ob sie nicht einen englischen

Saum einnähen dürfe? Ich sagte ihr alles zu, aber als sie nun Abschied

nehmen wollte, hielt ich sie noch fest. ›Eines müssen Sie mir übrigens

noch zu Gefallen tun,‹ sprach ich, ›Sie können es gewiß und leicht.‹

›Und was?‹ fragte sie. ›Wie gern will ich alles für Sie tun.‹

›Lassen Sie mich diesen neidischen Schleier aufheben und Ihr Gesicht

sehen, daß ich doch _eine_ Erinnerung an diesen Abend habe.‹

Sie wich mir aus und hielt ihren Schleier fester.

›Bitte, lassen Sie das,‹ erwiderte sie und schien ein wenig mit

sich selbst zu kämpfen; ›Sie haben ja die schöne Erinnerung an Ihre

Wohltaten; die Mutter hat mir streng verboten, den Schleier zu lüften,

und ich versichere Ihnen,‹ setzte sie hinzu, ›ich bin häßlich wie die

Nacht, Sie würden nur erschrecken!‹

Aber dieser Widerstand reizte mich nur noch mehr; ein wirklich

häßliches Mädchen, dachte ich, spricht nicht so von ihrer Häßlichkeit,

ich wollte den Schleier fassen, aber wie ein Aal war sie entwischt:

›~Dimanche à revoir!~‹ rief sie und eilte davon. Erstaunt blickte ich

ihr nach, etwa fünfzig Schritte von mir blieb sie stehen, winkte mir

mit meinem weißen Tuch und rief mit ihrer silberhellen Stimme: ›Gute

Nacht!‹

24.

In den nächsten Tagen beschäftigte mich der Gedanke, welchem Stande

das Mädchen wohl angehören könnte. Je lebhafter ich mir ihre gebildete

Sprache, ihren zarten Sinn zurückrief, desto höher steigerte ich sie in

meinen Gedanken. Darüber wenigstens mußte sie mir Gewißheit geben, nahm

ich mir vor, und beschloß, mich nicht wieder so abspeisen zu lassen wie

mit dem Schleier. Der Sonntag kam; du wirst dich noch jenes Nachmittags

erinnern, Faldner, wo wir mit den Freunden in Montmorency im Garten des

großen Dichters saßen. Ihr wolltet spät in der Nacht zu Hause fahren,

und ich trieb immer zu einer frühen Rückfahrt, und als ihr dennoch

bliebet, da machte ich mich trotz eures Scheltens davon. Freilich

glaubtest du damals nicht, was ich vorgab, ich könnte die Nachtluft

nicht vertragen, aber daß ich zu einem Rendezvous mit der Bettlerin vom

Pont des Arts eile, konntest du auch nicht denken? Sie war diesmal die

erste auf dem Platz, und weil sie mir die Tücher zu bringen hatte, war

sie schon bange geworden, ich könnte sie verfehlt haben und glauben,

sie werde nicht Wort halten. Mit beinahe kindischer Freude und, wie es

mir schien, noch größerem Zutrauen als früher plauderte sie, indem sie

mir beim Schein einer Straßenlaterne die Tücher zeigte.

Sie schien es gern zu hören, daß ich ihre feine Arbeit lobte. ›Sehen

Sie, auch Ihren Namen habe ich herein gezeichnet,‹ sagte sie, indem sie

das zierliche E. v. F. in der Ecke vorwies. Dann wollte sie mir eine

Menge Silbergeld als Ueberschuß zurückgeben, und nur meine bestimmte

Erklärung, daß sie mich dadurch beleidige, konnte sie bewegen, es als

Arbeitslohn anzunehmen.

Ich bestellte aufs neue wieder Arbeit, weil ich sah, daß dem zarten

Sinn des Mädchens ein solcher Weg meiner Gaben mehr zusagte, und

diesmal waren es Jabots und Manschetten, die ich bestellte. Ihre Mutter

war nicht kränker geworden, konnte aber das Bett noch nicht verlassen;

doch schon dieser Mittelzustand erschien ihr tröstlich. Als die Mutter

abgehandelt war, wagte ich es, sie geradehin zu fragen, wie denn

eigentlich ihre Verhältnisse seien.

Die Geschichte, die sie mir in wenigen Worten preisgab, ist

in Frankreich so alltäglich, daß sie beinahe jedem Armen zum

Aushängeschild dienen muß. Ihr Vater war Offizier in der großen Armee

gewesen, war nach der ersten Restauration der Bourbons auf halben Sold

gesetzt worden, hatte nachher während der hundert Tage wieder Partei

ergriffen und war bei Mont St. Jean mit den Garden gefallen; seine

Witwe verlor die Pension und lebte von da an ärmlich und elend. In den

zwei letzten Jahren fristeten sie ihr Leben meist vom Verkauf ihrer

geringen Habe, und waren jetzt eben an jenen äußersten Grad des Elends

gekommen, wo dem Armen nichts übrig bleibt, als aus der Welt zu gehen.

Ich fragte das Mädchen, ob sie nicht ihr Verhältnis hätte bessern

können, wenn sie etwa ihre Mutter auf andere Weise zu unterstützen

gesucht hätte.

›Sie meinen, wenn ich einen Dienst genommen hätte?‹ erwiderte sie

ohne alle Empfindlichkeit. ›Sehen Sie, das war nicht möglich. Vor

der Krankheit der Mutter war ich viel zu jung, kaum vierzehn Jahre

vorüber, und dann wurde sie auf einmal so elend, daß sie das Bett

nicht verlassen konnte; da brauchte sie also immer jemand um sich, und

konnte ich denn ihre Pflege einer Fremden überlassen? Ja, wenn sie

gesund geblieben wäre, da hätte ich mit Freuden alle unsere früheren

Verhältnisse verleugnet, wäre etwa in einen Putzladen gegangen oder als

Gouvernante in ein anständiges Haus, denn ich habe manches gelernt,

mein Herr! Aber so ging es ja nicht!‹

Auch diesmal bat ich vergeblich, den Schleier zu lüften. Die

Andeutungen, die sie über ihr Alter gegeben, reizten mich, ich gestehe

es, nur noch mehr, das Gesicht dieses Mädchens zu sehen, die wenig

über sechzehn Jahre haben konnte; aber sie bat mich so dringend, davon

abzulassen, ihre Mutter habe ihr so triftige Gründe angegeben, daß es

nimmer geschehen könne.

Wir trafen uns von da an alle drei Tage. Ich hatte immer einige kleine

Arbeiten für sie, und pünktlich war sie damit fertig. Je fester ich in

dem Betragen blieb, das ich einmal gegen sie angenommen, je strenger

ich mich immer in den Grenzen des Anstandes hielt, desto zutraulicher

und offener wurde das gute Mädchen. Sie gestand mir sogar, daß sie zu

Hause die drei Tage über immer an den nächsten Abend denke. Und ging

es mir denn anders? Tag und Nacht beschäftigte ich mich mit diesem

sonderbaren Wesen, das mir durch seinen gebildeten Geist, durch sein

liebenswürdiges Zartgefühl, durch sein eigentümliches Verhältnis zu mir

immer interessanter wurde.

Der Frühling war indessen völlig heraufgekommen, und die Zeit war

da, die ich mit Faldner schon längst zu einer Reise nach England

festgesetzt hatte. Mancher hält es vielleicht für töricht, was

ich ausspreche, aber wahr ist es, daß ich an diese Reise nur mit

Widerwillen dachte; Paris an sich hatte nichts Interessantes mehr für

mich; aber jenes Mädchen hatte alle meine Sinne so gefangen genommen,

daß ich einer längeren Trennung nur mit Wehmut entgegensah. Ausweichen

konnte ich nicht, ohne mich lächerlich zu machen, denn es war sonst

kein bündiger Grund vorhanden, die Reise aufzuschieben; ich schämte

mich sogar vor mir selbst und stellte mir die ganze Torheit meines

Treibens vor; ich beschloß die Abreise, aber gewiß hat sich wohl keiner

je so wenig auf England gefreut als ich.

25.

Acht Tage zuvor sagte ich es dem Mädchen; sie erschrak, sie weinte.

Ich bat sie, ihre Mutter zu fragen, ob ich sie nicht besuchen dürfe,

sie sagte es zu. Das nächste Mal aber brachte sie mir sehr betrübt die

Antwort, daß mich ihre Mutter bitten lasse, diesen Besuch aufzugeben,

der für ihren Gemütszustand allzu angreifend sein würde. Ich hatte

jenen Besuch eigentlich nur darum nachgesucht, um mein Mädchen bei

Tag und ohne Schleier zu sehen; ich verlangte dies also aufs neue

wieder; aber sie bat mich, am Abend vor meiner Abreise noch einmal zu

kommen, sie wolle ihre Mutter so lange bestürmen, bis sie die Erlaubnis

erhalte, den Schleier aufzuheben. Unvergeßlich wird mir immer dieser

Abend sein. Sie kam, und meine erste Frage war, ob die Mutter es

erlaubt habe; sie sagte ja und hob von selbst den Schleier auf. Der

Mond schien helle, und zitternd, begierig blickte ich unter den Hut.

Aber die Erlaubnis schien nur teilweise gegeben zu sein, denn meine

Schöne trug sogenannte Venezianeraugen, die den oberen Teil ihres

Gesichtes verhüllten. Doch wie schön, wie reizend waren die Partien,

welche frei waren! Eine feine, zierliche Nase, schöngeformte, blühende

Wangen, ein kleiner, lieblicher Mund, ein Kinn wie aus Wachs geformt,

und ein schlanker, blendend weißer Hals. Ueber die Augen konnte ich

nicht recht ins reine kommen, aber sie schienen mir dunkel und feurig.

Sie errötete, als ich sie lange, entzückt betrachtete. ›Werden Sie

mir nicht böse,‹ flüsterte sie, ›daß ich diese Halbmaske vornahm; die

Mutter wollte es von Anfang ganz abschlagen, nachher gestattete sie es

nur unter dieser Bedingung; ich war selbst recht ärgerlich darüber,

aber sie sagte mir einige Gründe, die mir einleuchteten.‹

›Und was sind das für Gründe?‹ fragte ich.

›Ach mein Herr,‹ erwiderte sie wehmütig. ›Sie werden ewig in unserem

Herzen leben, aber Sie selbst sollen uns ganz vergessen; Sie sollen

mich nie, nie wiedersehen, oder wenn Sie mich auch sehen, nicht

erkennen.‹

›Und meinen Sie denn, ich werde Ihre schönen Züge nicht wiedererkennen,

wenn ich auch Ihre Augen, Ihre Stirne nicht sehen darf?‹

›Die Mutter meint,‹ antwortete sie, ›das sei nicht wohl möglich; denn

wenn man ein Gesicht nur zur Hälfte gesehen, sei das Wiedererkennen

schwer.‹

›Und warum soll ich dich denn nicht wiedersehen, nicht wiedererkennen?‹

Sie weinte bei dieser Frage, sie drückte meine Hand und sagte: ›Es darf

ja nicht sein! Was kann Ihnen denn daran liegen, ein unglückliches

Mädchen wiederzuerkennen; und -- nein, die Mutter hat recht; es ist

besser so.‹

Ich sagte ihr, daß meine Reise nicht lange dauern werde; daß ich

vielleicht schon nach zwei Monaten wieder in Paris sein könne, daß ich

sie wiederzusehen hoffe. Sie weinte heftiger und verneinte es. Ich

drang in sie, mir zu sagen, warum sie glaube, ich werde sie nicht mehr

sehen.

›Mir ahnt,‹ erwiderte sie, ›ich sehe Sie heute zum letztenmal; ich

glaube, meine Mutter wird nicht lange mehr leben, der Arzt sagte es

mir gestern, und dann ist ja alles vorbei! Und wenn sie auch länger

lebt, in London werden Sie ein so armes Geschöpf, wie ich bin, lange

vergessen.‹

Ihr Schmerz machte mich unendlich weich; ich sprach ihr Mut ein; ich

gelobte ihr, sie gewiß nicht zu vergessen; ich nahm ihr das Versprechen

ab, immer den Ersten und Fünfzehnten eines jeden Monats auf diesen

Platz zu kommen, damit ich sie wiederfinden könnte, sie sagte es unter

Tränen lächelnd zu, als ob sie wenig Hoffnung hätte. ›Nun so lebe wohl

auf Wiedersehen,‹ sagte ich, indem ich sie in meine Arme schloß und

einen kleinen einfachen Ring an ihre Hand steckte, ›lebe wohl und denke

an mich und vergiß nicht den Ersten und Fünfzehnten!‹

›Wie könnte ich Sie vergessen!‹ rief sie, indem sie weinend zu mir

aufblickte. ›Aber ich werde Sie nimmer wiedersehen; Sie nehmen Abschied

auf immer.‹

Ich konnte mich nicht enthalten, ihren schönen Mund zu küssen; sie

errötete, ließ es aber geduldig geschehen; ich steckte ihr einen

Tresorschein in die kleine Hand, sie sah mich noch einmal recht

aufmerksam an und drückte sich heftiger an mich. ›Auf Wiedersehen!‹

sprach ich, indem sie sich sanft aus meinen Armen wand. Der letzte

Moment des Abschieds schien ihr Mut zu geben: sie zog mich noch einmal

an ihr Herz, ich fühlte einen heißen Kuß auf meinen Lippen. ›Auf immer!

Lebe wohl auf immer!‹ rief sie schmerzlich, riß sich los und eilte über

den Platz hin.

Ich habe sie nicht wiedergesehen! Nach einem Aufenthalt von drei

Monaten kehrte ich von London nach Paris zurück; ich ging am

Fünfzehnten auf die Place de l'Ecole de Médecine, ich wartete über eine

Stunde, mein Mädchen erschien nicht. Noch oft am Ersten und Fünfzehnten

wiederholte ich diese Gänge; wie oft ging ich durch die Straße St.

Severin, blickte an den Häusern hinauf, fragte wohl auch nach einer

armen deutschen Frau und ihrer Tochter, aber ich habe nie wieder etwas

von ihnen erfahren, und das reizende Wesen hatte recht, als sie mir

beim Abschied zurief: _Auf immer!_«

26.

Der junge Mann hatte seine Erzählung mit einem Feuer vorgetragen, das

ihr große Wahrheit verlieh und wenigstens auf den weiblichen Teil

der Gesellschaft tiefen Eindruck zu machen schien. Josephe weinte

heftig, und auch die andern Fräulein und Frauen wischten sich hin und

wieder die Augen. Die Männer waren ernster geworden und schienen mit

großem Interesse zuzuhören, nur der Baron lächelte hin und wieder und

flüsterte ihm seine Bemerkungen zu. Jetzt, als Fröben geschlossen

hatte, brach er in lautes Gelächter aus: »Das heiße ich mir sich gut

aus der Affaire ziehen!« rief er. »Ich habe es ja immer gesagt, mein

Freund ist ein Schlaukopf. Seht nur, wie er die Damen zu rühren wußte,

der Schelm! Wahrhaftig, meine Frau heult, als habe ihr der Pfarrer die

Absolution versagt. Das ist köstlich, auf Ehre! Dichtung und Wahrheit!

Ja, das hast du deinem Goethe abgelauscht, Dichtung und Wahrheit, es

ist ein herrlicher Spaß.«

Fröben fühlte sich durch diese Worte aufs neue verletzt. »Ich sagte

dir schon,« sagte er unmutig, »daß ich die Dichtung oder Erdichtung

gänzlich beiseite ließ und nur die Wahrheit sagte; ich hoffe, du wirst

es als solche ansehen.«

»Gott soll mich bewahren!« lachte der Baron. »Wahrheit, das Mädchen

hast du dir unterhalten, Bester, das ist die ganze Geschichte, und aus

den Abendbesuchen bei ihr hast du uns einen kleinen Roman gemacht. Aber

gut erzählt, gut erzählt, das lasse ich gelten.«

Der junge Mann errötete vor Zorn; er sah, wie Josephe ihren Gatten

starr und ängstlich ansah; er glaubte zu sehen, daß auch sie vielleicht

seinen Argwohn teile und schlecht von ihm denke; die Achtung dieser

Frau wenigstens wollte er sich durch diese gemeinen Scherze nicht

nehmen lassen. »Ich bitte, schweigen wir davon,« rief er, »ich habe

nie in meinem Leben Ursache gehabt, irgend etwas zu bemänteln oder zu

entstellen, kann es aber auch nicht dulden, wenn mir andere dieses

Geschäft abnehmen wollen. Ich sage dir zum letztenmal, Faldner, daß

sich, auf mein Wort, alles so verhält, wie ich es erzählte.«

»Nun dann sei es Gott geklagt,« erwiderte jener, indem er die Hände

zusammenschlug. »Dann hast du aus lauter übertriebenem Edelsinn und

theoretischer Zartheit ein paar hundert Franken an ein listiges

Freudenmädchen weggeworfen, das dich durch ein gewöhnliches Histörchen

von Elend und kranker Mutter köderte; hast nichts davon gehabt als

einen armseligen Kuß! Armer Teufel! In Paris sich von einer Metze so

zum Narren halten zu lassen.«

Noch mehr als die vorige Beschuldigung reizte den jungen Mann dieses

spöttische Mitleid und das Gelächter der Gesellschaft auf, die auf

seine Kosten den schlechten Witz des Barons applaudierte. Er wollte

eben, aufs tiefste gekränkt, die Gesellschaft verlassen, als ein

sonderbarer, schrecklicher Anblick ihn zurückhielt. Josephe war, bleich

wie eine Leiche, langsam aufgestanden; sie schien ihrem Gatten etwas

erwidern zu wollen, aber in demselben Moment sank sie ohnmächtig, wie

tot zusammen. Bestürzt sprang man auf, alles rannte durcheinander, die

Frauen richteten die Ohnmächtige auf, die Männer fragten sich verwirrt,

wie dies denn so plötzlich gekommen sei, Fröben hatte der Schrecken

beinahe selbst ohnmächtig gemacht, und der Baron murmelte Flüche über

die zarten Nerven der Weiber, schalt auf die grenzenlose Dezenz, auf

die ängstliche Beobachtung des Anstandes, wovon man ohnmächtig werde,

suchte bald die Gesellschaft zu beruhigen, bald rannte er wieder zu

seiner Frau; alles sprach, riet, schrie zusammen und keiner hörte,

keiner verstand den andern.

Josephe kam nach einigen Minuten wieder zu sich; sie verlangte nach

ihrem Zimmer, man brachte sie dahin, und die Mädchen und Frauen

drängten sich neugierig und geschäftig nach; sie gaben hunderterlei

Mittel an, die wider die Ohnmacht zu gebrauchen, sie erzählten, wie

ihnen da und dort dasselbe begegnet, sie wurden darüber einig, daß die

große Anstrengung der Frau von Faldner, die vielen Sorgen und Geschäfte

an diesem Tage diesen Zufall notwendig haben herbeiführen müssen, und

die Sorge, der Baron möchte sich vielleicht blamieren, da er ohnedies

schon recht unanständig gewesen, habe die Sache noch beschleunigt.

Der Baron suchte indessen unter den Männern die vorige Ordnung

wiederherzustellen. Er ließ fleißig einschenken, trank diesem oder

jenem tapfer zu, und suchte sich und seine Gäste mit allerlei

Trostgründen zu beruhigen. »Es kommt von nichts,« rief er, »als von dem

Unwesen der neuern Zeit; jede Frau von Stande hat heutzutage schwache

Nerven, und wenn sie die nicht hat, so gilt sie nicht für vornehm;

Ohnmächtigwerden gehört zum guten Ton; der Teufel hat diese verrückten

Einrichtungen erfunden. Und auch daher kommt es, daß man nichts mehr

beim rechten Namen nennen darf. Alles soll so überaus zart, dezent,

fein, manierlich hergehen, daß man darüber aus der Haut fahren möchte.

Da hat sie sich jetzt alteriert, daß ich einigen Scherz riskierte, was

doch die Würze der Gesellschaft ist; daß ich über dergleichen zarte,

feingefühlige Geschichten nicht außer mir kam vor Rührung und Schmerz

und mir einige praktische Konjekturen erlaubte. Was da! Unter Freunden

muß dergleichen erlaubt sein! Und ich hätte dich für gescheiter

gehalten, Freund Fröben, als daß du nur dergleichen übelnehmen

könntest.«

Aber der, an den der Baron den letzteren Teil seiner Rede richtete, war

längst nicht mehr unter den Gästen; Fröben war auf sein Zimmer gegangen

im Unmut, im Groll auf sich und die Welt. Noch konnte er sich diesen

sonderbaren Auftritt nicht ganz enträtseln, seine Seele, halb noch

aufgeregt von dem Zorn über die Roheit des Freundes, halb ergriffen

von dem Schrecken über den Unfall der Freundin, war noch zu voll, zu

stürmisch bewegt, um ruhigeren Gedanken und der Ueberlegung Raum zu

geben. »Wird auch _sie_ mir nicht glauben,« sprach er kummervoll zu

sich, »wird auch sie den schnöden Worten ihres Gatten mehr Gewicht

geben als der einfachen, ungeschmückten Wahrheit, die ich erzählte?

Was bedeuteten jene seltsamen Blicke, womit sie mich während meiner

Erzählung zuweilen ansah? Wie konnte sie diese Begebenheit so tief

ergreifen, daß sie erbleichte, zitterte? Sollte es denn wirklich wahr

sein, daß sie mir gut ist, daß sie innigen Anteil an mir nimmt, daß sie

verletzt wurde von dem Hohne des Freundes, der mich so tief in ihren

Augen herabsetzen mußte? Und was wollte sie denn, als sie aufstand,

als sie sprechen wollte? Wollte sie den unschicklichen Reden Faldners

Einhalt tun, oder wollte sie mich sogar verteidigen?«

Er war unter diesen Worten heftig im Zimmer auf und ab gegangen, sein

Blick fiel jetzt auf die Rolle, die jenes Bild enthielt, er rollte

es auf, er sah es bitter lächelnd an. »Und wie konnte ich mich auch

von einem Gefühl der Beschämung hinreißen lassen, mein Herz Menschen

aufschließen, die es doch nicht verstehen, von Dingen zu reden,

die solch überaus vornehmen Leuten so fremd sind; das Schlechte,

das Gemeine ist ihnen ja lieber, scheint ihnen natürlicher als das

Außerordentliche; wie konnte ich von deinen lieben Wangen, von deinen

süßen Lippen zu diesen Puppen sprechen? O, du armes, armes Kind;

wieviel edler bist du in deinem Elend als diese Fuchsjäger und ihr

Gelichter, die wahren Jammer und verschämte Armut nur vom Hörensagen

kennen und jede Tugend, die sich über das Gemeine erhebt, als Märchen

verlachen! Wo du jetzt sein magst? Und ob du des Freundes noch gedenkst

und jener Abende, die ihn so glücklich machten!«

Seine Augen gingen über, als er das Bild betrachtete, als er bedachte,

welch bitteres Unrecht die Menschen heute diesem armen Wesen angetan.

Er wollte seine Tränen unterdrücken, aber sie strömten nur noch

heftiger. Es gab eine Stelle in der Brust des jungen Mannes, wohin,

wie in ein tiefes Grab, sich alle Wehmut, alle zurückgedrängten

Tränen des Grames still und auf lange versammelten; aber Momente wie

dieser, wo die Schmerzen der Erinnerung und seine Hoffnungslosigkeit

so schwer über ihn kamen, sprengten die Decke dieses Grabes und ließen

den langverhaltenen Kummer um so mächtiger überströmen, je mehr sein

gebrochener Mut in Wehmut überging.

27.

Fröben überdachte am andern Morgen die Vorfälle des gestrigen Tages

und war mit sich uneinig, ob er nicht lieber jetzt gleich ein Haus

verlassen sollte, wo ihn ein längerer Aufenthalt vielleicht noch öfter

solchen Unannehmlichkeiten aussetzte, als die Türe aufging und der

Baron niedergeschlagen und beschämt hereintrat. »Du bist gestern abend

nicht zu Tisch gekommen, du hast dich heute noch nicht sehen lassen,«

hub er an, indem er näher kam, »du zürnst mir; aber sei vernünftig und

vergib mir; siehe es ging mir wunderlich; ich hatte den Tag über zu

viel Wein getrunken, war erhitzt, und du kennst meine schwache Seite,

da kann ich das Necken nicht lassen. Ich bin gestraft genug, daß der

schöne Tag so elend endete, und daß mein Haus jetzt vier Wochen lang

das Gespräch der Umgegend sein wird. Verbittere mir nicht vollends das

Leben und sei mir wieder freundlich wie zuvor!«

»Lasse lieber die ganze Geschichte ruhen,« entgegnete Fröben finster,

indem er ihm die Hand bot; »ich liebe es nicht, über dergleichen mich

noch weiter auszusprechen; aber morgen will ich fort, weiter; hier

bleibe ich nicht länger.«

»Sei doch kein Narr!« rief Faldner, der dies nicht erwartet hatte und

ernstlich erschrak. »Wegen einer solchen Szene gleich aufbrechen zu

wollen! Ich sagte es ja immer, daß du ein solcher Hitzkopf bist. Nein,

daraus wird nichts; und hast du mir nicht versprochen, zu warten bis

Briefe da sind vom Don in W.? Nein, du darfst mir nicht schon wieder

weggehen; und wegen der Gesellschaft hast du dich nicht zu schämen, sie

alle, besonders die Frauen, schalten mich tüchtig aus, sie gaben dir

völlig recht und sagten, ich sei an allem schuld.«

»Wie geht es deiner Frau?« fragte Fröben, um diesen Erinnerungen

auszuweichen.

»Ganz hergestellt, es war nur so ein kleiner Schrecken, weil sie

fürchtete, wir werden ernstlich aneinander geraten; sie wartet mit dem

Frühstück auf dich; komm jetzt mit herunter und sei vernünftig und nimm

Raison an. Ich muß ausreiten, nimm es mir nicht übel, die Mühle kommt

heute in Gang. Du bist also wieder ganz wie zuvor?«

»Nun ja doch!« sagte der junge Mann ärgerlich. »Laß doch einmal die

ganze Geschichte ruhen.« Er folgte mit sonderbaren Gefühlen, die er

selbst nicht recht zu deuten wußte, dem Baron, der vergnügt über die

schnelle Versöhnung seines Freundes ihm voraneilte, seiner Frau schnell

berichtete, was er ausgerichtet habe, und dann das Schloß verließ, um

seine Mühle in Gang zu bringen.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 1 · 第 13 / 22 段