Allgemein entzückte die Schönheit, die behende Aufmerksamkeit der

Hausfrau; die Männer priesen den Baron glücklich, einen solchen Schatz

im Hause zu haben, und mehrere der älteren Damen sagten ihm unverhohlen

ihre Bewunderung über die seltenen Talente zur Wirtschaft, über die

Einsicht und Ordnung einer so jungen Frau. »Siehst du,« flüsterte

der Glückliche Fröben zu, »siehst du, was eine Zucht wie die meinige

Wunder wirkt? Ich bin im ganzen heute recht zufrieden mit ihr, aber

wenn ich nicht im geheimen überall selbst nachhülfe, wie stünde es

dann um die wirtschaftliche Ehre der Hausfrau! Aber es macht sich, ich

sagte es ja immer, es macht sich.« Die allgemeine Fröhlichkeit und

der Wein steigerten Faldner immer höher, und es war endlich hohe Zeit,

die Tafel aufzuheben, denn er und einige Herren aus der Nachbarschaft

erlaubten sich schon Scherze und Anspielungen, welche jedes zartere Ohr

beleidigten.

Man fuhr nach der neuen Dampfmühle, man weihte sie unter Scherz und

Lachen förmlich ein, man ging wieder zurück und erstaunte aufs neue

über die geschmackvollen und doch so bequemen Anordnungen, welche

Josephe indessen im Garten getroffen hatte. Sie hatte es gewagt, nach

ihrer eigenen Erfindung schnell eine große geräumige Laube errichten

zu lassen; alle möglichen Erfrischungen erwarteten dort die Gäste, und

ihr allgemeines Lob bewirkte ein Wunder: der Baron wurde nicht einmal

ungehalten, daß man junge Eschen und Tannen aus seinem Walde zu der

Laube verwendet, daß man seinen eigenen Plan, ein Zelt aus Brettern und

Teppichen aufzuschlagen, nicht befolgt hatte. Er küßte seine Frau auf

die Stirne und dankte ihr für die angenehme Ueberraschung.

Man setzte sich in bunten Reihen umher. Die Männer sprachen den alten

Weinen des Hausherrn fleißig zu, und bald hatte eine allgemeine

Fröhlichkeit die Gesellschaft erfaßt. Man spielte witzige, geistreiche

Spiele, und als die mutwillige Laune der Männer noch höher stieg,

wurden sogar Pfänderspiele nicht verschmäht. So kam es, daß bei ihrer

Auslösung auch Fröben sein Pfand mit einer Strafe lösen sollte, und

Josephe, welcher die Bestimmung dieser Strafe aufgelegt war, befahl

ihm, eine _wahre_ Geschichte aus seinem Leben zu erzählen. Man gab

ihrer Wahl allgemeinen Beifall, der Baron schlug vor Freuden über seine

kluge Frau in die Hände, und als Fröben zauderte und sich besann, rief

er: »Nun soll ich etwas für dich erzählen aus deinem Leben? Etwa die

pikante Geschichte _von dem Mädchen vom Pont des Arts_?«

Fröben errötete und sah ihn mißbilligend an; aber die Gesellschaft, die

hier vielleicht ein lustiges Geheimnis ahnete, rief: »Die Geschichte

von dem Mädchen, die Geschichte vom Pont des Arts!« und vielleicht nur,

um der Indiskretion seines Freundes zu entgehen, den der Wein schon

etwas über die gewöhnlichen Grenzen hinausgerückt hatte, bequemte er

sich zu erzählen; der Baron aber versprach der Gesellschaft, sobald der

Erzähler von der genauen Wahrheit abweichen würde, wolle er Noten zu

der Geschichte geben, denn er sei selbst dabei gewesen.

21.

»Ich weiß nicht,« hub Fröben an, »ob der Gesellschaft bekannt ist,

daß ich vor mehreren Jahren mit unserem Faldner reiste, namentlich

in Paris mit ihm einige Zeit zusammenlebte, ja _ein_ Haus mit ihm

bewohnte? Wir hatten so ziemlich gemeinschaftliche Studien, besuchten

dieselben Zirkel, machten gegenseitig unsere früheren Bekannten mit

dem Freunde bekannt und lebten auf diese Weise unzertrennlich. Wir

hatten einen gemeinschaftlichen Freund, den ebenso liebenswürdigen als

gelehrten Doktor M., einen Landsmann, der in der Rue Taranne wohnte,

die bekanntlich in die Rue St. Dominique führt und auf dem linken

Ufer der Seine liegt. Unser gewöhnlicher Abendspaziergang war durch

die ~Champs elysées~ über die schöne Brücke ins Marsfeld und von da

durch Faubourg St. Germain in die Wohnung unseres Freundes, wo wir

oft noch bis tief in der Nacht vom Vaterlande, von Frankreich, von

dem, was wir gesehen, von allem möglichen plauderten. Wir wohnten, um

dies noch hinzuzusetzen, an der Place des Victoires, ziemlich entfernt

von der Rue Taranne, und wählten zum Rückweg gewöhnlich den Pont des

Arts, um das Louvre zu durchschneiden und uns einen Umweg durch die

Seitenstraßen zu ersparen. Eines Abends, es mochte nach elf Uhr sein --

es hatte etwas geregnet und der Wind wehte besonders in der Nähe des

Flusses sehr kalt und schneidend -- gingen wir auch vom Quai Malaquais

über den Pont des Arts dem Louvre zu. Der Pont des Arts ist nur für

Fußgänger zugänglich, und so kam es, daß um diese Zeit nicht mehr

viel Leben um und auf der Brücke war. Wir gingen, die Mäntel fester

um uns ziehend, stillschweigend über die Brücke; schon wollte ich die

Brückenstufen auf der andern Seite hinabeilen, als ein überraschender

Anblick mich festhielt.

An die Brücke gelehnt, stand eine schlanke, ziemlich hohe weibliche

Gestalt. Ein schwarzes Hütchen war tief ins Gesicht geknüpft und zum

Ueberfluß noch mit einem grünen Schleier versehen; ein schwarzer

Mantel von Seide fiel um den Leib, und der Wind, der die Gewänder in

diesem Augenblick fester anschmiegte, verriet eine ungemein zarte,

jugendliche Taille; aus dem Mantel ragte eine kleine Hand hervor, die

einen Teller hielt; vor ihr aber stand ein kleines Laternchen, dessen

Licht unruhig flackerte, sein Schein fiel auf einen zierlichen Fuß.

Es wohnt vielleicht nirgends so sehr als in jener Stadt das tiefste

Elend neben dem höchsten Glanz und Wohlleben, aber dennoch sieht man

verhältnismäßig wenige Bettler. Sie drängen sich selten unverschämt

herzu, und nie wird man sehen, daß sie dem Fremden nachlaufen, ihn mit

Bitten verfolgen. Alte Männer oder Blinde sitzen oder knien an den

Ecken der Straßen, den Hut ruhig vor sich hinhaltend, und überlassen es

dem Vorübergehenden, ob er ihren bittenden Blick beachten will.

Am schauerlichsten, wenigstens für mein Gefühl, waren immer jene

verschämten Bettler, die nachts mit verhülltem Haupt eine brennende

Kerze vor sich, regungslos, fast schon wie erstorben in einer Ecke

stehen; viele meiner Bekannten in Paris hatten mir versichert, daß

man darauf rechnen könne, daß dies meistens Leute aus besseren

Ständen seien, die durch Unglück so tief herabgekommen sind, daß sie

entweder Arbeit suchen müssen, oder sind sie zu verschämt, vielleicht

zu schwach, um für Brot zu arbeiten, so ergreifen sie diesen letzten

Ausweg, ehe sie, wie so viele Unglückliche, ihr Leben in der Seine der

Vergessenheit übergeben.

Von dieser Klasse der Bettelnden war die weibliche Gestalt an dem

Pont des Arts, deren Anblick mich unwiderstehlich fesselte. Ich sah

sie näher an; ihre Glieder schienen vor Frost noch heftiger zu zittern

als das Flämmchen in der Laterne, aber sie schwieg und ließ ihr Elend

und den kalten Nachtwind für sich reden. Ich suchte in der Tasche nach

kleinem Gelde, aber es wollte sich kein Sou, sogar kein einzelner

Frank finden. Ich wandte mich an Faldner und bat ihn um Münze; aber

unmutig, durch mein Zögern der schneidenden Kälte ausgesetzt zu sein,

rief er mir in unserer Sprache zu: ›So laß doch das Bettelvolk und

spute dich, daß wir zu Bette kommen, mich friert!‹ -- ›Nur ein paar

Sous, Bester!‹ bat ich; aber er packte mich am Mantel und wollte mich

wegziehen.

Da rief die Verhüllte mit zitternder, aber wohltönender Stimme und

zu unserer Verwunderung auf gut deutsch: ›O meine Herren! sein Sie

barmherzig!‹ Diese Stimme, diese Worte und unsere Sprache hatten etwas

so Rührendes für mich, daß ich nochmals um einige Münze bat. Er lachte:

›Nun wohlan, da hast du ein paar Franken,‹ sagte er, ›versuche dein

Heil mit der Jungfer, aber laß mich aus dem Zug treten.‹ Er drückte

mir das Geld in die Hand und ging lachend weiter. Ich war in diesem

Augenblick wirklich verlegen, was ich tun sollte; sie mußte ja gehört

haben, was Faldner sagte, und beleidigen mag ich am wenigsten einen

Unglücklichen. Ich trat unschlüssig näher. ›Mein Kind,‹ sagte ich,

›Sie haben hier einen schlechten Standpunkt gewählt, hier werden heute

abend nicht mehr viele Menschen vorübergehen.‹ Sie antwortete nicht

gleich. ›Wenn nur,‹ flüsterte sie nach einer Weile kaum hörbar, ›diese

wenigen Gefühl für Unglück haben!‹ Diese Antwort überraschte mich, sie

war so ungesucht und doch so treffend. Die edle Haltung des Mädchens,

der Ton, womit sie jene Worte gesagt, verrieten Bildung. ›Wir sind

Landsleute,‹ fuhr ich fort, ›darf ich Sie nicht bitten, daß Sie mir

sagen, ob ich vielleicht mehr für Sie tun kann, als so im Vorübergehen

zu geschehen pflegt?‹ -- ›Wir sind sehr arm,‹ antwortete sie, wie mir

schien, etwas mutiger, ›und meine Mutter ist krank und ohne Hilfe.‹

Ohne weitere Ueberlegung, nur von dem unbestimmten Gefühl, daß mich das

Mädchen sehr anzog, getrieben, sagte ich: ›Führen Sie mich zu ihr!‹ Sie

schwieg, der Vorschlag schien sie zu überraschen. ›Halten Sie dieses

für nichts anders,‹ fuhr ich fort, ›als für meinen redlichen Willen,

Ihnen zu helfen, wenn ich kann.‹ -- ›So kommen Sie,‹ erwiderte die

Verschleierte, hob ihr Laternchen auf, löschte es aus und verbarg es

samt dem Teller unter dem Mantel.« --

22.

»Wie?« rief der Baron laut lachend, als Fröben schwieg, »weiter willst

du nicht erzählen? Willst es auch heute wieder machen, wie du es mir

schon damals machtest? Nämlich bis hierher, meine Herren und Damen,

hat er ganz nach reiner historischer Wahrheit erzählt. Er glaubte

mich vielleicht weit weg, und ich stand keine zehn Schritte von der

erbaulichen Samariterszene unter dem Portal des Palais und sah ihm

zu; ob der Dialog wirklich so vor sich gegangen, weiß ich nicht, denn

der schändliche Wind verwehte die Worte, aber ich sah, wie die Dame

ihr Lämpchen auslöschte, und mit ihm zurück über die Brücke ging.

Die Nacht war mir zu kalt, um ihm bei seinem galanten Abenteuer zu

folgen, aber am Ende, ich wollte wetten, sah er weder eine kranke Mama

noch dergleichen, sondern die Dame vom Pont des Arts hatte das alte

Sirenenlied nur auf andere Weise gesungen.«

Er belachte seinen eigenen Witz, und die Männer stimmten ein in das

rohe Gelächter, die Damen aber sahen vor sich nieder, und Josephe

schien mit den Worten ihres Gatten so unzufrieden als mit der

sonderbaren Erzählung ihres Freundes, denn bleich wie der Tod hielt

sie ihre Tasse in den Händen, daß sie klirrte, und sandte dem jungen

Mann nur _einen_ Blick zu, für den er in diesem Augenblick keine andere

als eine tief beschämende Deutung wußte. »Ich glaube zwar,« sprach

er, mit starker Stimme das Gelächter der Männer unterbrechend, »mein

Pfand gelöst zu haben, aber mein eigener Vorteil will, daß ich eine

Deutung dieses Vorfalls nicht zulasse, die mein Freund ihm unterzulegen

scheint; Sie erlauben mir daher, daß ich fortfahre, und bei meinem

Leben,« setzte er hinzu, indem er errötete und sein Auge höher

leuchtete, »ich will Ihnen die reine Wahrheit sagen.

Das Mädchen bog über die Brücke ein, woher ich gekommen war. Während

ich schweigend mehr hinter als neben ihr ging, hatte ich Zeit, sie

zu betrachten. Ihre Gestalt, so weit sie der Mantel sehen ließ, ihre

ganze Haltung, besonders aber ihre Stimme war sehr jugendlich. Ihr Gang

schnell, aber leicht und schwebend. Sie hatte meinen Arm abgelehnt, als

ich ihn zur Führung angeboten. Am Ende der Brücke bog sie nach der Rue

Mazarin ein. ›Ist Ihre Mutter schon lange krank?‹ fragte ich, indem ich

wieder an ihre Seite trat und versuchte, durch den Schleier etwas von

ihren Zügen zu erspähen. ›Seit zwei Jahren,‹ antwortete sie seufzend,

›aber seit acht Tagen ist sie recht elend geworden.‹ -- ›Waren Sie

schon öfter an jenem Ort?‹ -- ›Wo?‹ fragte sie. -- ›Auf der Brücke.‹ --

›Diesen Abend zum erstenmal,‹ erwiderte sie. -- ›Dann haben Sie sich

keinen guten Platz gesucht, andere Passagen sind frequenter.‹ Doch

schon, indem ich dies sagte, bereute ich, es gesagt zu haben, denn es

mußte sie ja verletzen. Mit unterdrücktem Weinen flüsterte sie: ›Ach,

ich bin ja hier so unbekannt und -- ich schämte mich, so ins Gedränge

zu gehen.‹

Wie grenzenlos mußte das Elend sein, das dieses Geschöpf zwang, zu

betteln. Zwar wollten auch mir, ich gestehe es, einigemal solche

Gedanken kommen, wie sie Faldner hatte, aber immer verschwanden sie

wieder, weil sie widersinnig, unnatürlich waren; wenn sie zu jener

verworfenen Klasse von Mädchen gehörte, warum sollte sie sich verhüllt

an einen einsamen Ort stellen? Warum geflissentlich eine Gestalt

verbergen, die, soviel die Umrisse flüchtig zeigten, gewiß zu den

schöneren zu zählen war? Nein, es war gewiß wirkliches Elend und jene

zarte Verschämtheit vor unverschuldeter Armut da, die das Unglück so

unbeschreiblich rührend macht.

›Hat Ihre Mutter einen Arzt?‹ fragte ich wieder nach einiger Weile.

›Sie hatte einen; aber als wir keine Arznei mehr kaufen konnten, wollte

er sie ins Spital des Incurables bringen lassen, und -- das konnte ich

nicht ertragen. Ach Gott, meine arme Mutter ins Spital!‹ Wieviel tiefer

Schmerz lag in den letzten Worten dieses Mädchens!

Sie weinte, sie führte ihr Tuch unter dem Schleier ans Auge, und

Laterne und Teller, die sie in der andern Hand trug, verhinderten

sie, den Mantel zusammenzuhalten; der Wind wehte ihn weit auseinander

und ich sah, daß ich mich nicht betrogen hatte; sie war von feiner

schlanker Taille, sie trug ein einfaches, soviel mein flüchtiger Blick

bemerkte, sehr reinliches Kleid. Sie haschte nach dem Mantel, und indem

ich ihr behilflich war, ihn wieder umzulegen, fühlte ich ihre weiche,

zarte Hand.

Wir waren schon durch die Straßen Mazarin, St. Germain, Ecole de

Médecine und von dort durch einige kleine Seitenstraßen gegangen, als

sie auf einmal stehen blieb und klagte, sie habe den Weg verfehlt.

Ich fragte sie, in welcher Gegend sie wohne, und sie gab St. Severin

an. Ich war in Verlegenheit, denn diese Straße wußte ich selbst nicht

zu finden. Machte es Angst oder Kälte, ich sah sie heftiger zittern.

Ich sah mich um; ich bemerkte noch Licht in einem Souterrain, wo

Branntwein verkauft wurde, ich bat sie, zu warten, stieg hinab und

erkundigte mich. Man wies mich zurecht, und ich glaubte mich hinfinden

zu können. Als ich heraufkam, hörte ich in der Nähe laut reden; ich

sah beim schwachen Schein einer Laterne, wie sich das Mädchen heftig

gegen zwei Männer wehrte, von denen der eine ihre Hand, der andere den

Mantel gefaßt hatte; sie lachten, sie sprachen ihr zu; ich ahnete, was

vorging, sprang herzu und riß dem einen die Hand weg, die er gefaßt

hatte; sprachlos, weinend klammerte sie sich fest an meinen Arm.

›Meine Herren,‹ sagte ich, ›ihr sehet, ihr seid hier im Irrtum, ihr

werdet im Augenblick den Mantel von Mademoiselle loslassen!‹

›Ach, Verzeihung, mein Herr!‹ erwiderte der, welcher ihren Mantel

gefaßt hatte. ›Ich sehe, Sie haben ältere Rechte auf Mademoiselle!‹ Und

lachend zogen sie weiter.

Wir gingen weiter, das arme Kind zitterte heftig, sie hielt noch immer

meinen Arm fest, sie war nahe daran, niederzusinken.

›Nur Mut!‹ sagte ich zu ihr, ›St. Severin ist nicht mehr ferne, Sie

werden bald zu Hause sein.‹ Sie antwortete nicht, sie weinte noch

immer. Als wir in der Straße waren, die nach der Beschreibung St.

Severin sein mußte, blieb sie wieder stehen. ›Nein, Sie dürfen nicht

weiter mit mir gehen, mein Herr!‹ sagte sie. ›Es darf nicht sein.‹ --

›Aber warum denn nicht, da Sie mich so weit mitgenommen haben; ich

bitte, trauen Sie mir keine schlechten Absichten zu!‹ Ich hatte bei

diesen Worten, ohne es zu wissen, ihre Hand ergriffen und vielleicht

gedrückt; sie entzog sie mir hastig und sagte: ›Vergeben Sie, daß ich

die Unschicklichkeit beging, Sie so weit mitzuführen; bitte, verlassen

Sie mich jetzt!‹ Ich fühlte, daß der Auftritt vorhin sie tief verletzt

hatte, daß er ihr vielleicht gegen mich selbst Mißtrauen einflößte, und

eben dies rührte mich unbeschreiblich; ich nahm das Silber, das mir

Faldner gegeben, und wollte es ihr hinreichen; aber der Gedanke, wie

wenig diese kleine Gabe ihr helfen könne, zog meine Hand zurück, und

ich gab ihr das wenige Gold, das ich bei mir trug.

Ihre Hand zuckte, als sie es nahm; sie schien es für Silber zu halten,

dankte mir aber mit zitternder, rührender Stimme und wollte gehen.

›Noch ein Wort,‹ sagte ich und hielt sie auf; ›ich hoffe, Ihre Mutter

wird gesund werden, aber es könnte ihr doch noch an etwas gebrechen,

und Sie, mein Kind, sind nicht für solche Abendgänge, wie der heutige,

gemacht. Wollen Sie nicht heute über acht Tage um dieselbe Zeit vor

der Ecole de Médecine sein, daß ich mich nach Ihrer Mutter erkundigen

kann?‹ Sie schien unschlüssig, endlich sagte sie: ›Ja.‹ -- ›Und setzen

Sie doch den Hut mit dem grünen Schleier wieder auf, daß ich Sie

erkenne,‹ fügte ich hinzu; sie bejahte es, dankte noch einmal, ging

eilend die Straße hin und war schnell in der Nacht verschwunden.

23.

Als ich am Morgen nach dieser Begebenheit erwachte, schien es mir,

als hätte mir von diesem allen nur geträumt. Aber Faldner, der bald

herbeikam und mich nach seiner zarten Manier zu schrauben anfing,

riß mich aus meinem Zweifel. Die Sache schien mir, so recht deutlich

am Morgenlicht betrachtet, doch allzu fabelhaft, als daß ich sie dem

ungläubigen Freund hätte erzählen mögen. Man ist in neuerer Zeit zu

jenem Grad der Sittenverfeinerung gekommen, die schon ins Gebiet der

Unsittlichkeit hinüberstreift; man will in manchen Fällen lieber

wild, etwas liederlich und schlecht erscheinen, man gibt lieber eine

Zweideutigkeit zu, nur um nicht als ein Tor, als ein Sonderling, als

ein Mensch von schwachem Verstand und beschränkten Lebensansichten zu

gelten.

Im Innern kränkte mich aber noch mehr als Faldners Schraubereien eine

Unruhe, ein Etwas, was ich nicht zu deuten wußte. Ich machte mir

Vorwürfe, daß ich nicht einmal ihr Gesicht gesehen hatte. ›Wozu,‹

sagte ich mir, ›wozu diese übertriebene Diskretion? Wenn ich ein

paar Napoleons hingebe, so kann ich doch um die Gunst bitten, den

Schleier etwas zu lüften?‹ Und doch, wenn ich mir das ganze Betragen

des Mädchens, das, so einfach es war, doch von Gemeinheit auch nicht

im geringsten etwas an sich hatte, zurückrief, wenn ich bedachte, wie

mich ihre edle Haltung, der gebildete Ton ihrer Antworten anzog, so

mußte ich mich, halb zu meinem Aerger, rechtfertigen. Es liegt etwas in

der menschlichen Stimme, das uns, ehe wir Züge und Auge, ehe wir den

Stand der Sprechenden kennen, den Ton angibt, in welchem wir mit ihm

sprechen müssen. Wie unendlich, nicht sowohl in der Form als im Klang

der Sprache, unterscheidet sich der Gebildete vom Ungebildeten, und des

Mädchens Töne waren so weich und zart, ihre kurzen Antworten oft so aus

der tiefsten Seele gesprochen. Den ganzen Tag konnte ich diese Gedanken

nicht los werden, sogar abends, in eine glänzende Gesellschaft von

Damen begleitete mich das arme Mädchen mit dem schwarzen Hütchen, dem

grünen Schleier und dem unscheinbaren Mantel.

In den nächsten Tagen ärgerte ich mich über meine Torheit, welche

schuld war, daß ich das Mädchen erst nach acht Tagen wiedersehen

konnte: ich zählte die Stunden ab bis zu dem nächsten Freitag, und es

war, als hätte jene Hauptstadt der Welt, wie sie ihre Bewohner nennen,

nichts Reizendes mehr in sich als die Bettlerin vom Pont des Arts.

Endlich, endlich erschien der Freitag. Ich brauchte alle mögliche List,

um mich auf diesen Abend von Faldner und den übrigen Freunden los zu

machen, und trat, als es dunkel wurde, meinen Weg an. Ich hatte über

eine Stunde zu gehen, und Zeit genug, über meinen Gang nachzudenken.

›Heute‹, sagte ich zu mir, ›heute, wirst du ins reine kommen, was du

von dieser Person zu denken hast; du wirst ihr anbieten, mit ihr zu

gehen, nimmt sie es an, so hast du dich schon das erste Mal betrogen.

Auch das Gesicht muß sie heute zeigen.‹

Ich war so eilends gegangen, daß es noch nicht einmal zehn Uhr war,

als ich auf der Place de l'Ecole de Médecine anlangte, und -- auf

elf Uhr hatte ich sie ja erst bestimmt. Ich trat noch in ein Café,

durchblätterte gedankenlos eine Schar von Zeitungen --; endlich schlug

es elf Uhr.

Auf dem Platz waren wenige Menschen, und so weit ich mein Auge

anstrengte, kein grüner Schleier zu sehen. Ich hielt mich immer auf

der Seite der Arzneischule, weil dort mehrere Laternen brannten.

Die Momente solchen Erwartens sind peinlich. ›Wenn sie an deinem

Golde genug hätte und gar nicht käme? Wenn sie deine Gutherzigkeit

verlachte?‹ dachte ich, als ich den Platz wohl schon zehnmal auf und

ab gegangen war. Es schlug halb zwölf, schon fing ich an, über meine

eigene Torheit zu murren, da wehte im Schein einer Laterne etwa dreißig

Schritte von mir etwas Grünes; mein Herz pochte ungestümer, ich eilte

hin -- sie war es. ›Guten Abend,‹ sagte ich, indem ich ihr die Hand

bot, ›schön, daß Sie doch Wort halten; schon glaubte ich, Sie würden

nicht mehr kommen.‹ Sie verbeugte sich, ohne meine Hand zu fassen, und

ging an meiner Seite hin; sie schien sehr gerührt: ›Mein Herr, mein

edler Landsmann,‹ sprach sie mit bewegter Stimme, ›ich muß ja Wort

halten, um Ihnen zu danken. Ich komme heute gewiß nicht, um Ihre Güte

aufs neue in Anspruch zu nehmen. Ach, wie reich, wie freigebig haben

Sie uns beschenkt! Kann Sie der innige Dank einer Tochter, können die

Gebete und Segenswünsche meiner kranken Mutter Sie entschädigen?‹

›Sprechen wir nicht davon,‹ erwiderte ich. ›Wie geht es Ihrer Mutter?‹

-- ›Ich glaube wieder Hoffnung schöpfen zu dürfen,‹ antwortete sie,

›der Arzt spricht zwar nichts Bestimmtes aus, aber sie selbst fühlt

sich kräftiger. O, wie danke ich Ihnen! Von Ihrem Geschenk konnte ich

ihr wieder kräftige Speisen bereiten, und glauben Sie mir, der Gedanke,

daß es noch so gute Menschen gibt, hat sie beinahe ebensosehr gestärkt.‹

›Was sagte Ihre Mutter, als Sie zu Hause kamen?‹ -- ›Sie war sehr in

Sorgen um mich, weil es schon so spät war,‹ erwiderte sie, ›ach, sie

hatte so ungern mir die Erlaubnis zu diesem Gang gegeben und malte sich

jetzt irgend ein Unglück vor, das mir begegnet sei. Ich erzählte ihr

alles, aber als ich mein Tuch öffnete, und die Gaben, die ich gesammelt

hatte, hervorzog und Gold dabei war, Gold unter den Kupfer- und

Silberstücken, da erstaunte sie, und --‹ Sie stockte und schien nicht

weiter reden zu können; ich dachte mir, die Mutter habe sie arger Dinge

beschuldigt, und forschte weiter, aber mit rührender Offenheit gestand

sie: die Mutter habe gesagt, der großmütige Landsmann müsse entweder

ein Engel oder ein Prinz gewesen sein.

›Weder das eine noch das andere,‹ sagte ich ihr. ›Aber wie weit haben

Sie ausgereicht? Haben Sie noch Geld?‹

›O wir haben noch,‹ erwiderte sie mutig, wie es scheinen sollte, aber

mir entging nicht, daß sie vielleicht unwillkürlich dabei seufzte.

›Und was haben Sie noch?‹ sagte ich etwas bestimmter und dringender.

›Wir haben eine Rechnung in der Apotheke davon bezahlt und einen Monat

am Hauszins, und der Mutter habe ich davon gekocht, es ist aber immer

noch übrig geblieben.‹

›Wie ärmlich mußten Sie wohnen, wenn Sie von diesem Gelde eine

Apothekerrechnung, einen Monat Hauszins bezahlen und acht Tage lang

kochen konnten? Ich will aber genau wissen,‹ fuhr ich fort, ›was und

wieviel Sie noch haben.‹

›Mein Herr!‹ sagte sie, indem sie beleidigt einen Schritt zurücktrat.

›Mein gutes Kind, das verstehen Sie nicht,‹ erwiderte ich, indem ich

ihr näher trat; ›oder Sie wollen es sich aus übertriebenem Zartgefühl

nicht gestehen; ich frage Sie ernstlich: wenn Sie mit den paar Franken

zu Rande sind, haben Sie Hilfe zu erwarten?‹

›Nein!‹ sagte sie schüchtern und weich; ›keine!‹

›Denken Sie an Ihre Mutter und verschmähen Sie meine Hilfe nicht!‹ Ich

hatte ihr bei diesen Worten meine Hand geboten; sie ergriff sie hastig,

drückte sie an ihr Herz und pries meine Güte.

›Nun wohlan, so kommen Sie,‹ fuhr ich fort, indem ich ihren Arm in

den meinigen legte; ›ich kam leider nicht gerade von Hause, als ich

mich hierher begab, und hatte mich nicht versehen; Sie werden daher

die Güte haben, mich einige Straßen zu begleiten bis in meine Wohnung,

daß ich Ihnen für die Mutter etwas mitgebe.‹ Sie ließ sich schweigend

weiterführen, und so angenehm mir der Gedanke war, sie noch ferner

unterstützen zu können, so war doch mein Gefühl beinahe beleidigt, als

sie so ganz ohne Sträuben mitging; nachts in die Wohnung eines Mannes;

aber wie ganz anders kam es, als ich dachte. Wir mochten wohl etwa

zwei- oder dreihundert Schritte fortgegangen sein, da stand sie stille

und entzog mir ihren Arm. ›Nein, es kann, es darf nicht sein,‹ rief

sie, in Tränen ausbrechend. ›Was betrübt Sie auf einmal?‹ fragte ich

verwundert, ›was darf nicht sein?‹

›Nein, ich gehe nicht mit, ich darf nicht mit Ihnen gehen.‹

›Aber mein Gott,‹ erwiderte ich, indem ich mich etwas aufgebracht

stellte. ›Sie haben doch wahrhaftig sehr wenig Vertrauen zu mir; wenn

nicht Ihre Mutter wäre, gewiß ich ginge jetzt von Ihnen, denn Sie

kränken mich.‹

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 1 · 第 12 / 22 段