sah und hörte, verletzt wurde, wagte nichts entgegenzureden. Er folgte
dem Hausherrn, als dieser jetzt aufstand, hielt seine Umarmung geduldig
aus und nahm sogar, mehr um Josephen so bald nach diesem Vorfall nicht
zu sehen, als aus Freude an des Barons Gesellschaft, seine Einladung
an, ihn nach der neuen Dampfmühle zu begleiten. Die Pferde wurden
vorgeführt, die Männer schwangen sich auf, und schon wollte Fröben
um die Ecke biegen, als er noch einen Blick zurückwarf und Josephens
Gestalt im Fenster erblickte; sie zog ihr Tuch von dem Auge, sie
blickte ihnen wehmütig nach, sie grüßte mit der zierlichen Hand. »Deine
Frau winkt uns noch, um Abschied zu nehmen,« rief er Faldner zu; aber
dieser lachte ihn aus. »Was meinst du denn?« sagte er im Weiterreiten.
»Glaubst du, ich habe sie so zart und weich gewöhnt, daß wir auf einen
Nachmittag mit Küssen und Drücken, mit Grüßen und Schnupftuchwedeln
Abschied nehmen? Gott bewahre mich, dadurch verwöhnt man die Weiber,
und, wenn es dir einmal begegnen sollte, daß du auch heiratest, so
mache es um Gottes willen wie ich. Kein Wort von einer Reise oder einem
Spazierritt vorher. Das Pferd wird vorgeführt -- ›Wohin, mein Lieber?‹
fragt sie dann das erste oder zweite Mal. Keine Antwort, sondern die
Handschuhe angezogen. ›Aber wirst du mich denn so allein lassen?‹
fragt sie weiter und streichelt dir die Wangen; du nimmst getrost die
Reitpeitsche und sagst: ›Ja, ich will heute abend noch auf das Vorwerk,
es ist dies und das zu tun. Adieu! und wenn ich bis neun Uhr nicht zu
Hause bin, brauchst du mit der Suppe nicht zu warten.‹ Sie erschrickt,
du achtest es nicht; sie will nach, du winkst ihr mit der Reitgerte
zurück; sie stürzt ans Fenster, hängt sich und das Tränentüchlein
heraus und ruft adieu! und wedelt hin und her mit dem weißen Fahnen.
Laß wehen und achte nicht darauf. Drück dem Gaul die Sporen in den Leib
und davon; ich kann dir schwören, das setzt die Weiber in Respekt. Das
dritte Mal fragte die meine nicht mehr, und gottlob! das Gewinsel hat
ein Ende!«
Der Baron hatte während dieser trefflichen Rede in größter Gemütsruhe
eine Pfeife gestopft, Feuer angeschlagen und dampfte jetzt, indem er
seine Felder und Wälder überschaute, ohne eine Antwort seines Gastes
zu erwarten; aber dieser preßte die Lippen zusammen, und noch stärker
preßte die Rede des rohen Mannes sein volles Herz. »O, du Hund von
einem Menschen,« sprach er bei sich, »schlechter noch als ein Hund,
denn der Herr hat dir ja Vernunft gegeben. Wie man ein Pferd zureitet
oder einen Baum in bessere Erde setzt, hast du gelernt, aber eine
schöne Seele zu behandeln, ein liebendes Herz zu verstehen, liegt außer
deinen Grenzen. Wie sie ihm nachsah, so voll Wehmut, denn er hatte ja
nicht von ihr Abschied genommen, so voll Engelsgeduld, sie hatte ihm ja
seine rohen Worte schon wieder vergeben; mit einem Blick so voll von
Liebe! Von Liebe? _Kann_ sie ihn denn lieben? Wird nicht ihr zarter
Sinn tausendmal von ihm beleidigt? Sieht sie denn nicht, wie er seinem
Jagdhund mehr Zärtlichkeit beweist als ihr? Oder wie?« fuhr er in
seinem Hinträumen fort, »sollte sie, weil sie einmal sein Weib geworden
ist, Zärtlichkeit für den fühlen, den sie an Geist so weit überragt
und den sie dennoch -- fürchtet? Oder sollte es immer und ewig das
Los dieser armen Wesen sein, daß unter Hunderten nur _eine_ wahrhaft
lieben darf, daß die andern, von der Natur zu einem herrlichen Gefäß
zärtlicher, hoher Liebe ausgerüstet, erwachsen, blühen, verwelken, ohne
wahre Liebe zu kennen? Doch, dieser Gedanke wäre mir noch erträglicher
als der, daß sie ihn wirklich lieben könnte! Nein, es kann, es darf
nicht sein!« Unwillkürlich hatte er bei dem letzten Gedanken durch eine
rasche Bewegung seinem Pferde die Sporen gegeben, es raffte sich auf
und flog dahin. »Ho, ho, Junge! du willst mit mir in die Wette reiten?«
rief ihm der Baron nach und steckte die Pfeife bei. »Zweihundert
Schritte gebe ich dir vor und hole dich dennoch ein.« Kunstgerecht
berechnete er dann den Zwischenraum, und als er dachte, Fröben habe
die vorgegebenen Schritte zurückgelegt, ließ er sein Pferd weit
ausstreichen und gelangte zu seinem nicht geringen Triumph in demselben
Moment mit dem Freunde vor der Dampfmühle an.
18.
Der Mechanikus, ein bescheidener Mann, der aber allgemein den Ruf
großer Geschicklichkeit genoß, empfing sie an der Türe. »Noch immer
nicht weiter?« fragte Faldner, indem sein Gesicht sich verfinsterte.
»Wahrhaftig, entweder ist mein Korrespondent in London ein Schurke
und verdient gehangen zu werden, oder Ihr, Meister Fröhlich, versteht
zwar Taschenuhren zusammen zu drechseln, aber keine Dampfmühle
aufzuschlagen, wie Ihr mir vorgespiegelt.«
Der Mann schien tief gekränkt durch die Worte des Barons; eine hohe
Röte überflog sein Gesicht und ein bitteres Wort schwebte auf seinen
Lippen, aber er unterdrückte es und fuhr mit der Hand über sein
schlichtes Haar, als wollte er seinen inneren Unmut wie seine Haare
glätten. »Halten zu Gnaden, Herr Baron,« antwortete er; »wenn man
mir Aufriß und Berechnung einer Maschine vorlegt und dazu Räderwerk
und Schrauben so genau verzeichnet sind, so will ich eine Maschine
zusammensetzen, wenn ich sie auch nie zuvor gesehen. Aber dann muß ich
freies Spiel haben und dann steh' ich auch davor, daß alles recht wird,
aber so --«
»Nun, daß ich selbst ein wenig mitgeholfen, meint Ihr? Darauf soll also
alles geschoben werden? Ihr sagt selbst, daß Ihr in Eurem Leben noch
keine solche Maschine gesehen, und ich habe eine gesehen, zwei, drei,
in Frankreich und England, und weiß recht gut, daß die größeren Räder
in der Mitte des Zylinders eingreifen und die kleineren oben angebracht
sind --«
»Aber mein Gott, erlauben Eure Gnaden,« entgegnete der Künstler
ungeduldig, »diese _Ihre_ Dampfmühle ist nun einmal nach anderer
Struktur, das kann man ja schon an der Zeichnung sehen --«
»Zeichnung hin, Zeichnung her, Dampfmaschinen sind Dampfmaschinen,
und eine sieht aus wie die andere. Betrogen bin ich; von allen Seiten
angeführt, das Geld zum Fenster hinausgeworfen!«
Fröben hatte indessen die Zeichnungen zur Hand genommen und sie
durchgesehen. Er fand, daß die Struktur dieser Mühle sehr einfach und
schön, und wenn die bezeichneten Räder und Schrauben paßten, sehr
leicht aufzuschlagen sei. Er hatte in früheren Zeiten Mathematik und
Physik gründlich studiert, er hatte zugleich mit dem Freunde die
berühmtesten Maschinenwerke gesehen und kennen gelernt, kam aber, weil
er sich selten darüber äußerte, bei dem Herrn von Faldner, der sich
mit seinen Kenntnissen ungemein viel wußte, in den Verdacht, wenig
oder nichts vom Maschinenwesen zu verstehen. Er wandte sich nun, als
Faldners Unmut noch größer zu werden drohte, an den Mechanikus, fragte
nach diesen und jenen Stücken, die auf der Zeichnung angegeben waren,
und als jener sie vorwies, als man sah, wie richtig sie ineinander
passen, sagte er zu Faldner: »Ich wollte wetten, du bist durchaus nicht
betrogen, denn so gut hier F und H in P passen -- du siehst, es sind
die Hauptzüge, wodurch die Stampfmühle mit der Oelpresse in Verbindung
gesetzt wird --, so gut muß sich auch das übrige fügen.«
»Ach, Sie hat unser Herrgott hergesandt;« rief der Mechanikus freudig,
»wie Sie doch dies gleich so wegbekamen! Ja, das F ist der Hauptzug, H
hier greift in das Stangenwerk ein, hier wird das Rad KL befestigt.«
»Die Maschine ist sehr einfach,« fuhr Fröben fort, »und der ganze
Irrtum meines Freundes kommt daher, daß er die Struktur größerer Werke
vor Augen hat, die freilich anders aussehen. Du wirst dich übrigens
erinnern, daß wir in Devonshire bei Sir Henry Smith eine Oelmühle
sahen, die beinahe ganz nach diesem Plan gebaut war.«
Der Baron verbarg sein Staunen hinter einem ironischen Lächeln,
womit er bald den Freund, bald den Mechanikus ansah. »Machet, was
ihr wollt,« sagte er gleichgültig, »ich gebe die ganze Geschichte
verloren; vernünftiger wäre es gewesen, ich hätte einen englischen
Mechaniker mitkommen lassen. Versuche immer dein Heil an dem heillosen
Schraubenwerk; ich denke, wenn ich dich in einigen Stunden abhole,
wirst du dieses Maschinen-Abc schon satt haben; denn darin, ich weiß es
ja, bist du doch nur ein Abcschütze.« Pfeifend verließ er das Gebäude,
setzte sich auf und ritt in den Wald.
Fröben aber ließ sogleich wieder auseinanderlegen, was nach des Barons
eigenmächtigem Plan bisher zusammengefügt war. Die Nummern wurden
geordnet, und er wurde unter diesem Geschäft nach und nach heiterer,
denn es zerstreute die düsteren Bilder in seiner Seele, und nicht
ohne Lächeln bemerkte er, wie ihn der Mechanikus mit leuchtenden
Blicken betrachtete, wie ihn seine Gesellen und Jungen gleich einem
Altmeister ihrer Kunst ehrfurchtsvoll ansahen. Freude und Leben war
in die Werkstätte gekommen, wo man diesen Morgen nur die Befehle, die
Flüche des Barons, die Bitten und Gegenreden des Meisters gehört hatte;
bald war alles in Ordnung gebracht, und als der Baron abends aus dem
Wald zurückkam, seinen Gast abzuholen, erstaunte er und schien sich
im ersten Augenblick nicht einmal über das sichtbare Fortschreiten
des Werkes zu freuen. Er hatte erwartet, alles in Bestürzung und
Konfusion zu treffen, aber der Mechanikus überreichte ihm lächelnd die
Zeichnung, führte ihn an den Zylinder und zeigte ihm, indem er bald
auf das Papier, bald auf das Werk hindeutete, mit stolzer Freude, was
sie bis jetzt schon geleistet haben. »Wenn es so fortgeht,« setzte der
Mechanikus hinzu, »und wenn der fremde Herr dort uns auch morgen so
trefflich an die Hand geht, so garantiere ich, daß wir noch vor Sonntag
fertig werden.«
»Tolles Zeug!« war alles, was der Baron antwortete, indem er die
Zeichnung zurückgab, und Fröben war ungewiß, ob es Flüche oder
Danksagungen seien, was sein Freund hin und wieder murmelte, als sie
zusammen nach dem Schloß zurückritten.
Der glückliche Fortgang des Maschinenbaues, vielleicht auch die
schimmernde Aussicht auf Don Pedros spanische Quadrupeln, hatte den
Baron in den nächsten Tagen fröhlicher gestimmt. Fröben hatte an
den Spanier nach W. geschrieben, und sein Gastfreund nahm ihm das
Versprechen ab, so lange bei ihm zu verweilen, bis aus W. eine Antwort
angelangt sei. Auch gegen Josephe betrug er sich etwas menschlicher,
und er hatte ihr, wahrscheinlich mehr aus Rücksicht auf den Freund als
auf sie, sogar erlaubt, daß sie ihre Haushaltungsgeschäfte abkürzen
und vormittags oder abends, wenn ihn selbst Geschäfte abhielten, sich
von Fröben vorlesen lassen oder Spaziergänge mit ihm machen dürfe. Und
sie lebte in diesen wenigen Tagen zusehends auf. Ihre Haltung wurde
kräftiger, ihre Wangen rötete ein Schimmer von stillem Vergnügen,
und in manchen Augenblicken, wenn ein holdes Lächeln um ihre Lippen
zog, wenn jene feinen Grübchen in den Wangen erschienen, gestand sich
Fröben, daß er selten eine schönere Frau gesehen habe, ja ihr Anblick
verwirrte ihn oft so ganz, daß er ein geliebtes Bild seiner Träume
verwirklicht glaubte, daß halbversunkene Erinnerungen wieder in ihm
auftauchten, daß ihm sogar ihre Stimme, wenn sie bewegt, gerührt
war, so bekannt deuchte, als hätte er sie nicht hier zum erstenmal
gehört. Seltener zog er in jenen Tagen das Bild hervor, das er sonst
stundenlang betrachtet hatte, und wenn es ihm zufällig in die Hände
fiel, wenn er es aufrollte, wenn er in das Auge der unbekannten
Geliebten sah, so fühlte er sich beschämt, er glaubte, ihrem leblosen
Bilde diese Vernachlässigung abbitten zu müssen. »Doch,« sprach er
dann zu sich, als müßte er sich entschuldigen, »ist es denn unrecht,
der armen Freundin einige Tage ihres freudelosen Lebens angenehmer zu
machen? Und wie wenig gehört dazu, dieses holde Wesen zu erfreuen, sie
glücklicher zu stimmen! Ein schönes Buch mit ihr zu lesen, mit ihr
zu sprechen, sie auf einem Spaziergang an ihre Lieblingsplätzchen zu
begleiten -- dies ist ja alles, was sie braucht, um heiter und froh zu
sein. Welchen Himmel könnte Faldner in seinem Hause haben, wenn er nur
zuweilen die eine oder andere dieser kleinen Freuden mit ihr teilte!«
Der junge Mann fühlte sich übrigens, ohne daß er es sich selbst recht
gestand, angenehm berührt, geschmeichelt von Josephens Anhänglichkeit
an ihn. Schien ihr nicht jeder Morgen, jeder Abend ein neues Fest zu
sein? Wenn er herabkam zum Frühstück, hatte sie schon alles zierlich
und nett bereitet; bald wählte sie den Saal, der eine herrliche
Aussicht auf den fernen Rhein öffnete, bald die Terrasse, von wo
sie das ländliche Gemälde der Arbeiter in den Feldern und an den
Weinbergen vor sich hatten, so nah, um alles, wie ein treues Tableau,
zu betrachten, und doch ferne genug, um im stillen Genuß des Morgens
nicht gestört zu sein, bald hatte sie eine Laube im Garten ausgesucht,
wo die Welt ringsum von dichten Platanen abgeschlossen und nur der
frischen Morgenluft oder dem Frührot der Zutritt gestattet war. So
erschien sie immer neu und überraschend, und wenn der Freund herzutrat,
wie freudig stand sie auf, wie hold bot sie ihm die Hand zum Gruß, wie
lebhaft wußte sie, wenn er noch ganz in ihren Anblick versunken ohne
Worte war, das Gespräch anzuknüpfen, dies und jenes zu erzählen, durch
Laune und feine Beobachtung allem, was sie sagte, ein eigenes Gewand,
einen eigentümlichen Reiz zu geben! Und wenn sie dann nachher schnell
und emsig das Geräte des Frühstücks auf die Seite räumte, wenn er sein
Buch hervorzog, wenn sie mit der Arbeit, die sie selten beiseite legte,
ihm sich gegenübersetzte und erwartungsvoll an seinen Lippen hing, da
war es ihm oft, als müsse er alles, die ganze Welt vergessen, und einen
kleinen, kurzen, seligen Augenblick träumte er, er sei ein glücklicher
Gatte und sitze hier an der Seite eines geliebten Weibes.
19.
Es gereichte Josephen in den Augen ihres Freundes zu keinem geringen
Ruhm, daß sie gerade jenen Dichter zu ihrem Liebling erwählt hatte, der
auch ihn vor allen anzog. Zwar mußte er ihr oft bei Vorlesungen aus
Jean Pauls herrlichen Dichtungen zu Hilfe kommen, um dieses oder jenes
dunklere Gleichnis zu erklären; aber sie faßte schnell, ihr natürlicher
Takt und ihr zarter Sinn, der so ganz in dem Dichter lebte, ließ sie
manches erraten, ehe ihr noch der Freund Gewißheit gegeben hatte.
»Es liegt doch,« sagte sie eines Tages, »eine Welt voll Gedanken in
diesem Hesperus! Jede menschliche Empfindung bei Freude und Schmerz,
bei Liebe und Gram liegt zergliedert vor uns da; er weiß uns, indem
wir den süßen Duft einer Blume einsaugen, ihre innersten Teile, ihre
zarten Blätter, ihre feinsten Staubfäden zu beschreiben, ohne daß er
sie zerstört, entblättert. Denn das, glaube ich, ist ja das große,
tiefe Geheimnis dieses Meisters, daß er jede tiefere Empfindung nicht
beschreibt, sondern andeutet, und doch wieder nicht flüchtig andeutet,
sondern wie durch das feine Mikroskop eines Gleichnisses uns einen
tiefen Blick in die Menschenseele tun läßt, wo Gedanke an Gedanke
aufsteigt und das Auge überrascht, aber entzückt über die wundervolle
Schöpfung, in eine Träne übergeht.«
»Sie haben,« erwiderte der Gastfreund, »wie es mir scheint, in diesen
Worten sein Geheimnis wirklich ausgesprochen. Mir ist sonst, ich
gestehe es offen, nichts so in der innersten Seele zuwider, als das
sichtbare Abmühen eines Autors, dem Leser recht klar und deutlich zu
machen, was sein Held oder die Heldin oder eine dritte, vierte Person
da oder dort empfunden oder gedacht. Aber unser Dichter! Wie herrlich,
wie reich ist auch hierin seine Erfindung; wir leben, wir denken, wir
weinen unwillkürlich mit Viktor, und Klothildens bleichere Wangen,
ihre klaglose Trauer trifft uns tiefer, als jede Beschreibung es sagen
kann, und im warmen, weichen Glück der Liebenden möchten wir ein
Strahl der Abendsonne sein, der in der Laube um ihre Umarmung spielt,
jene Nachtigall, die ihnen die fromme Feier ihrer Seligkeit mit ihrer
glockenhellen Stimme einläutete.«
»Es ist sonderbar,« bemerkte Josephe, »der Faden dieses Romans, was
man sein Gerippe nennt, würde uns bei andern nicht im mindesten
interessant, vielleicht sogar gesucht, langweilig dünken. Sechs
verlorene, vertauschte, wiedergefundene Söhne, statt daß z. B.
Walter Scott gewöhnlich nur _einen_ hat und sogar der Verfasser des
_Walladmor_ in seiner Parodie mit zweien sich begnügt; eine junge
Dame, die zu ihrer Qual von ihrem Bruder geliebt wird, selbst aber
seinen Freund liebt; ein kleiner, simpler Hof in Duodez, ein Pfarrhaus
voll Ratten und Kinder, und ein Edelsitz, wo Unedle wohnen; denken
Sie sich diese gewöhnlichen Dinge in einer Reihenfolge, so haben Sie
einen unserer gewöhnlichen Romane von verlorenen Söhnen etc. und nicht
einmal einen rechten Jammer, um mich so auszudrücken, als etwa La
Beaus Ermordung durch den Hofjunker oder das tragische Ende des Lords
im fünften Akt. Aber welch ein Leben, welch eine Welt wird aus dieser
Geschichte, wenn ihr jener Dichter seinen Blumenmantel umhängt! Welche
geistreiche Luft, höher und reiner als jede irdische, kommt uns aus
der verehrenden Liebe Viktors und Klothildens zu ihrem Lehrer Emanuel,
welche Wehmut aus den Täuschungen eines kalten Lebens, wenn Viktor und
jenes liebenswürdige Wesen sich verkennen, nicht finden; welche Wonne
endlich, wenn ihre Seelen unter dem nächtlichen, gestirnten Himmel im
Schmerz der Trennung sich aufschließen und überströmen in Liebe!«
»Ja,« rief der junge Mann, »unser Dichter ist ein großer Musiker! Er
hat ein ausgespieltes, altes, längst gehörtes Thema vor sich; aber
indem er den Gang des alten Liedchens beibehält, führt er die Gedanken
auf eine Weise aus, die uns so überraschend, so neu erscheint, daß
wir das Thema vergessen und nur auf die Wendungen horchen, in die er
übergeht, in welchen er die Himmelsleiter der Töne wie ein Engel auf
und ab geht und uns einen geöffneten seligen Himmel im Traume zeigt,
während wir vielleicht wie Jakob in der Wirklichkeit auf recht hartem
Lager liegen. Dann ist er bald weich wie eine Flöte, durchdringend wie
die Hoboe, bald voll, rührend wie das Waldhorn aus der Ferne, bald
braust er daher wie mit den mächtigsten tiefsten Bässen, majestätisch,
erhaben, bald nur sanft lispelnd wie die Aeolsharfe oder in Wehmut
aufgelöst wie die Töne der Harmonika.«
»Wie danke ich es ihm,« sagte Josephe weich, »daß er versöhnt, daß er
die Wunden unserer Wehmut heilt! Es hätte ja in seiner Macht gestanden,
Klothilden untergehen zu lassen im Schmerz unerwiderter Liebe, vor
ihrem Tode hätte ihr Viktor noch zugerufen: ›Ich liebte dich ja über
alles,‹ und sie wäre lächelnd eingeschlafen. Denken Sie sich den
ungeheuren Schmerz, die Bitterkeit gegen das Geschick, wenn wir diese
Menschen so hätten untergehen sehen, ohne Hoffnung, ohne Trost! Aber
es wäre ja nicht möglich gewesen; Viktor hätte nicht so lange geliebt,
hätte sich an Joachime oder die Fürstin hingegeben, denn ein Mann kann
ja ohne erwiderte Liebe nicht lange lieben!«
»Glauben Sie das wirklich?« erwiderte Fröben wehmütig lächelnd. »O, wie
wenig müssen Sie uns kennen, wie klein müssen Sie von uns denken, wenn
wir nicht einmal den Mut besäßen, dieses kurze Leben hindurch treu zu
lieben, auch ohne geliebt zu werden!«
»Ich halte es bei Frauen für möglich,« sagte die schöne Frau; »Liebe
ohne Gegenliebe ist ein tiefes Unglück, und Frauen sind ja mehr dazu
gemacht, stille Leiden zu tragen ein Erdenleben lang als ihr. Der Mann
würde einen solchen Gram von sich werfen, oder der glühende Kummer
müßte ihn verzehren!«
»Beides nicht -- ich lebe ja noch und liebe,« sagte Fröben, zerstreut
vor sich hinblickend.
»Sie lieben!« rief Josephe, und mit so eigenem Ton, daß der junge Mann
erschrocken aufblickte; sie schlug die Augen nieder, als ihr sein Blick
begegnete, eine tiefe Röte überflog ihr Gesicht und ging ebenso schnell
wieder in tiefe Blässe über.
»Ja,« sagte er, indem es ihm mit Mühe gelang, es scherzhaft zu sagen;
»der Fall, den Sie setzten, ist der meinige, und noch liebe ich,
vielleicht ruhiger, aber nicht minder innig als am ersten Tag, ich
liebe sogar beinahe ohne Hoffnung, denn die Dame meines Herzens weiß
nicht um meine Liebe, und dennoch, wie Sie sehen, hat mich der Kummer
noch nicht getötet.«
»Und darf man wissen,« sagte sie zutraulich, aber, wie es Fröben
schien, mit zitternder Stimme, »darf man wissen, wer die Glückliche
ist?«
»Ach, sehen Sie, das ist gerade das Unglück, ich weiß ja nicht, wer
sie ist, noch wo sie sich aufhält, und liebe dennoch; ja Sie werden
mich für einen zweiten Don Quichotte halten, wenn ich gestehe, daß ich
sie nur einigemal flüchtig sah, mich nur noch einiger Partien ihres
Gesichtes erinnern kann, und dennoch in der Welt umherstreife, um sie
zu finden, weil es mir zu Hause keine Ruhe läßt.«
»Sonderbar,« bemerkte Josephe, indem sie ihn nachdenklich ansah,
»sonderbar; es ist wahr, ich kann mir einen solchen Fall denken, aber
dennoch machen Sie eine seltene Ausnahme, lieber Fröben; wissen Sie
denn, ob Sie geliebt werden? Ob das Mädchen Ihnen treu ist?«
»Nichts weiß ich von diesem allen,« erwiderte er ernst und mit
verschlossenem Gram, »ich weiß nichts, als daß ich glücklich wäre, wenn
ich jenes Wesen mein nennen könnte, und weiß nur allzugut, daß ich
vielleicht auf immer verzichten muß und nie ganz glücklich werde!«
Je seltener sonst der junge Mann über diese Gefühle sich aussprach,
desto mächtiger kamen in diesem Augenblicke alle Schmerzen der
Erinnerung an gramvolle Stunden und eine Wehmut über ihn, der er sich
nicht gewachsen fühlte. Er stand schnell auf und ging aus der Laube dem
Schlosse zu. Aber Josephe sah ihm mit Blicken voll unendlicher Liebe
nach, Träne um Träne löste sich aus den zuckenden Wimpern, und erst
als sie wie ein Quell auf ihre schöne Hand herabfielen, erweckten sie
Josephen aus ihren Träumen. Und beschämt, als hätte sie sich bei einer
geheimen Schuld belauscht, errötete sie und preßte ihr Tuch vor diese
verräterischen Augen.
20.
Die Vorhersagung des alten Mechanikus war eingetroffen, denn mit dem
letzten Tage der Woche waren auch die Maschinen der Dampfmühle fertig
aufgestellt. Der Baron, so unmutig er anfangs gewesen war, hatte in
der Freude seines Herzens, als der erste Versuch glücklich gelungen
war, den Alten und seine Gesellen reichlich beschenkt entlassen und
auf Sonntag alle seine Nachbarn in der Umgegend eingeladen, um mit
einem kleinen Feste seine Mühle einzuweihen. So glücklich und heiter
er an diesem Tage war, so fröhlich und jovial er seine zahlreichen
Gäste empfing, so entging es doch Fröbens beobachtenden Blicken nicht,
daß er die arme Josephe mit hunderterlei Aufträgen und Anordnungen
plagte, daß sie ihm nichts zu Dank machen konnte. Bald sollte sie in
der Küche sein, um das Gesinde anzutreiben und selbst mitzuhelfen, bald
besserte er dies oder jenes an ihrem Putz, bald wollte er vor Ungeduld
verzweifeln, wenn sie nicht schnell genug die Treppe herabflog, um mit
ihm am Portal die Ankommenden zu empfangen, bald wollte er die Tafel
so oder anders gestellt haben, bald wollte er den Kaffee im Garten,
bald im Salon trinken. Mit Engelsgeduld und einer Resignation, die dem
Freunde unbegreiflich war, ertrug sie alle diese Unbilden. Sie war
überall, sorgte für alles und wußte sogar einen Augenblick zu finden,
um den Gastfreund zu fragen, warum er gerade heute so trübe sei, ihn
aufzumuntern, an der allgemeinen Fröhlichkeit teilzunehmen.