Faldner; »ganz kann ich nicht darüber urteilen, weil ich nie das Glück
oder das Unglück hatte, in jenen Zirkeln zu leben. Aber mir scheint
auch dort, wie überall, das minder Gute nur aus der Uebertreibung
hervorzugehen. Es ist wahr, was Sie sagen, daß uns Frauen ein engerer
Kreis angewiesen ist, jene Häuslichkeit, die einmal unser Beruf ist.
Wir werden ohne wahren Halt sein, wir werden uns in ein unsicheres Feld
begeben, wenn wir diesen Kreis gänzlich verlassen. Aber wollen Sie
uns die Freude einer geistreichen Unterhaltung mit Männern gänzlich
rauben? Es ist wahr, sieben solche Abende in der Woche müssen zum
Unnatürlichen, zur Ueberbildung oder zur Erschöpfung führen; aber
ließe sich denn hier nicht ein Mittelweg denken?«
»Ich habe mich vielleicht zu stark ausgedrückt, ich wollte --«
»Lassen Sie auch mich ausreden,« sagte sie, ihn sanft zurückdrängend:
»Sie sagten selbst, daß Frauen unter sich seltener ein sogenanntes
geistreiches Gespräch lange fortführen. Ich weiß nur allzuwohl, wie
peinlich in einer Frauengesellschaft eine sogenannte geistreiche
Dame ist, welcher alles frivol erscheint, was nicht allgemein,
nicht interessant ist. Wir fühlen uns beengt und wollen am Ende mit
unserem bißchen Wissen lieber vor einem Mann erröten als vor einer
Frau. Gewöhnlich wird, wenn nur Frauen zusammen sind oder Mädchen,
die Wirtschaft, das Hauswesen, die Nachbarschaft, vielleicht auch
Neuigkeiten oder gar Moden abgehandelt; aber sollen wir denn ganz auf
diesen Kreis beschränkt sein? Soll denn, was allgemein interessant und
bildend ist, uns ganz fremd bleiben?«
»Gott! Sie verkennen mich, wollte ich denn _dies_ sagen?«
»Es ist wahr,« fuhr sie eifriger fort, »es ist wahr, die Männer
besitzen jene tiefe, geregeltere Bildung, jene geordnete Klarheit,
die jede Halbbildung oder gar den Schein von Wissen ausschließt oder
gering achtet. Aber wie gerne lauschen wir Frauen auf ein Gespräch der
Männer, das an Gegenstände grenzt, die uns nicht so ganz ferne liegen,
zum Beispiel über ein interessantes Buch, das wir gelesen, über Bilder,
die wir gesehen; wir lernen gewiß recht viel, wenn wir dabei zuhören
oder gar mitsprechen dürfen; unser Urteil, das wir im stillen machten,
bildet sich aus und wird richtiger, und jeder gebildeten Frau muß eine
solche Unterhaltung angenehm sein. Auch glaube ich kaum, daß die Männer
uns dies verargen werden, wenn wir nur,« setzte sie lächelnd hinzu,
»nicht selbst glänzen, den bescheidenen Kreis nicht verlassen wollen,
der uns einmal angewiesen ist.«
14.
Wie schön war sie in diesem Augenblick; das Gespräch hatte ihre Wangen
mit höherem Rot übergossen, ihre Augen leuchteten, und das Lächeln,
womit sie schloß, hatte etwas so Zauberisches, Gewinnendes an sich, daß
Fröben nicht wußte, ob er mehr die Schönheit dieser Frau oder ihren
Geist und die einfache schöne Weise, sich auszudrücken, bewundern
sollte.
»Gewiß,« sagte er, in ihren Anblick verloren, »gewiß, wir müßten
sehr ungerecht sein, wenn wir solche zarte und gerechte Ansprüche
nicht achten wollten; denn _die_ Frau müßte ich für recht unglücklich
halten, die bei einem gebildeten Geist, bei einer Freude an Lektüre
und gebildeter Unterhaltung keine solche Anklänge in ihrer Umgebung
fände; wahrlich, so ganz auf sich beschränkt, müßte sie sich für sehr
unglücklich halten.«
Josephe errötete, und eine düstere Wolke zog über ihre schöne Stirne;
sie seufzte unwillkürlich, und mit Schrecken nahm Fröben wahr, daß
ja eine solche Frau, wie er sie eben beschrieben, an seiner Seite
sitze. Ja, ohne es zu wollen, hatte sie ihren eigenen Gram verraten.
Denn konnte ihr roher Gatte jenen zarten Forderungen entsprechen?
Er, der in seiner Frau nur seine erste Schaffnerin sah, der jedes
Geistige, was dem Menschen interessant oder wünschenswert dünkt, als
unpraktisch geringschätzte, konnte er diese Ansprüche auf den Genuß
einer gebildeten Unterhaltung befriedigen? War nicht zu befürchten, daß
er ihr solche sogar geflissentlich entzog?
Noch ehe Fröben so viel Fassung gewonnen hatte, seinem Satz eine
allgemeinere Wendung zu geben und das ganze Gespräch von diesem
Gegenstand abzuleiten, sagte Josephe, ohne ihn seinen Verstoß fühlen
zu lassen: »Wir Frauen auf dem Lande genießen diese Freude freilich
seltener; übrigens sind wir dennoch nicht so allein, als es dem Fremden
vielleicht scheinen möchte; man besucht einander um so öfter; sehen Sie
nur, welche Masse von Besuchen dort am Spiegel hängt.«
Fröben sah hin, und jene Karte fiel ihm bei. »Ach ja,« sagte er,
indem er sie hervorzog, »da habe ich vorhin einen kleinen Diebstahl
begangen;« er zog sie hervor und zeigte sie. »Können Sie glauben, daß
ich bis gestern nicht einmal wußte, daß mein Freund verheiratet sei?
Und Ihren Namen erfuhr ich erst vorhin durch diese Karte. Sie heißen
Tannensee?«
»Ja,« antwortete sie lächelnd, »und diesen unberühmten Namen tauschte
ich gegen den schönen von Faldner um.«
»Unberühmt? Wenn Ihr Vater der Oberst von Tannensee war, so war Ihr
Name wohl nicht unberühmt.«
Sie errötete. »Ach, mein guter Vater!« rief sie. »Ja, man erzählte mir
wohl von ihm, daß er für einen braven Offizier des Kaisers gegolten
habe und -- sie haben ihn als General begraben. Ich habe ihn nicht
gekannt; nur einmal, als er aus dem Feldzug zurückkam, sah ich ihn und
nachher nicht wieder.«
»Und war er nicht ein Schweizer?« fragte Fröben weiter.
Sie sah ihn staunend an. »Wenn ich nicht irre, sagte mir meine Mutter,
daß Verwandte von ihm in der Schweiz leben.«
»Und Ihre Mutter, heißt sie nicht Laura und stammt aus einem spanischen
Geschlecht?«
Sie erbleichte, sie zitterte bei diesen Worten. »Ja, sie hieß Laura,«
antwortete sie; »aber mein Gott, was wissen Sie denn von uns, woher? --
Aus einem spanischen Geschlechte?« fuhr sie gefaßter fort. »Nein, da
irren Sie, meine Mutter sprach Deutsch und war eine Deutsche.«
»Wie? So ist Ihre Mutter tot?«
»Seit drei Jahren,« erwiderte sie wehmütig.
»O, schelten Sie mich nicht, wenn ich weiter frage; hatte sie nicht
schwarze Haare, und, wie Sie, braune Augen? Hatte sie nicht viele
Aehnlichkeit mit Ihnen?«
»Sie kannten meine Mutter,« rief sie ängstlich und zitterte heftiger.
»Nein; aber hören Sie einen sonderbaren Zufall,« erwiderte Fröben; »es
müßte mich alles täuschen, wenn ich nicht einen trefflichen Verwandten
Ihrer Mutter kennen gelernt hätte.« Und nun erzählte er ihr von Don
Pedro. Er beschrieb ihr, wie sie sich vor dem Bilde gefunden, er ließ
die Kopie von seinem Zimmer bringen und zeigte sie; er sagte ihr, wie
sie genauer bekannt geworden und wie ihm Don Pedro seine Geschichte
erzählte. Aber die letztere wiederholte er mit großer Schonung; er
datierte sogar aus einem gewissen Zartgefühl jene Vorfälle und Lauras
Flucht um ein ganzes Jahr zurück und schloß endlich damit, daß er,
wenn Josephe ihre Mutter nicht eine Deutsche nennen würde, bestimmt
glaubte, Mutter Laura und jene Donna Laura Tortosi des Spaniers, der
Schweizerhauptmann Tannensee und ihr Vater, der Oberst, seien dieselben
Personen.
Josephe war nachdenklich geworden; sinnend legte sie die Stirn in die
Hand; sie schien ihm, als er geendet hatte, nicht sogleich antworten zu
können.
»O, zürnen Sie mir nicht,« sagte Fröben, »wenn ich mich hinreißen ließ,
dem wunderlichen Spiel des Zufalls diese Deutung zu geben.«
»O, wie könnte ich denn Ihnen zürnen?« sagte sie bewegt, und Tränen
drängten sich aus den schönen Augen. »Es ist ja nur mein schweres
Schicksal, das auch dieses Dunkel wieder herbeiführt. Wie könnte ich
auch wähnen, jemals _ganz_ glücklich zu sein?«
»Mein Gott, was habe ich gemacht!« rief Fröben, als er sah, wie ihre
Tränen heftiger strömten. »Es ist ja alles nur eine törichte Vermutung
von mir. Ihre Mutter war ja eine Deutsche, Ihre Verwandten und Sie
werden ja dies alles besser wissen --«
15.
»Meine Verwandten?« sagte sie unter Tränen. »Ach, das ist ja gerade
mein Unglück, daß ich keine habe. Wie glücklich sind die, welche
auf viele Geschlechter zurücksehen können, die mit den Banden der
Verwandtschaft an gute Menschen gebunden sind; wie angenehm sind
die Worte Oheim, Tante; sie sind gleichsam ein zweiter Vater, eine
zweite Mutter, und welcher Zauber liegt vollends in dem Namen Bruder!
Wahrlich, wenn ich fähig wäre, einen Menschen zu beneiden, ich hätte
oft dies oder jenes Mädchen beneidet, die einen Bruder hatte, es war
ihr inniger, natürlichster, aufrichtigster Freund und Beschützer.«
Fröben rückte ängstlich hin und her; er hatte hier, ohne es zu wollen,
eine Saite in Josephens Brust getroffen, die schmerzlich nachklang; es
standen ihm Aufschlüsse bevor, vor welchen ihm unwillkürlich bangte. Er
schwieg, als sie ihre Tränen trocknete und fortfuhr:
»Das Schicksal hat mich manchmal recht sonderbar geprüft. Ich war das
einzige Kind meiner Eltern, und so entbehrte ich schon jene große
Wohltat, Geschwister zu haben; wir wohnten unter fremden Menschen,
und so hatte ich auch keine Verwandten. Mein Vater schien mit den
Seinigen in der Schweiz nicht im besten Einverständnisse zu leben,
denn meine Mutter erzählte mir oft, daß sie ihm grollen, weil er sie
geheiratet habe und nicht ein reiches Fräulein in der Schweiz, das man
ihm aufdringen wollte. Auch meinen Vater sah ich nur wenig; er war bei
der Armee, und Sie wissen, wie unruhig unter dem Kaiser die Zeiten
waren. So blieb mir nichts als meine gute Mutter; und wahrlich, sie
ersetzte mir alle Verwandten. Als sie starb, freilich, da stand ich
sehr verlassen in der großen Welt; denn da war unter Millionen niemand,
zu dem ich hätte gehen und sagen können: Nun sind sie tot, die mich
ernährten und beschützten, seid ihr jetzt meine Eltern!«
»Und Ihre Mutter hieß also nicht Tortosi?« fragte Fröben.
»Ich nannte sie nicht anders als Mutter, und nie hatte sie über ihre
früheren Verhältnisse mit mir gesprochen; ach, als ich größer wurde,
war sie ja immer so krank! Mein Vater nannte sie nur Laura, und in den
wenigen Papieren, die man nach ihrem Tode fand und mir übergab, wird
sie Laura von Tortheim genannt.«
»Ei nun!« rief Fröben heiter, »das ist ja so klar wie der Tag; Laura
hieß Ihre Mutter, Tortheim ist nichts anders als Tortosi, das die
lieben Flüchtlinge veränderten, Tannensee hieß jener Kapitän in
Valencia, er ist Ihr Vater, der Oberst Tannensee, und noch mehr,
sagen Sie nicht selbst, daß dieses Bild Ihrer Mutter Laura vollkommen
gleiche, und erkannte nicht mein werter Don Pedro in dem Urbild seine
Donna Laura? Jetzt sind Sie nicht mehr einsam, einen trefflichen Vetter
haben Sie wenigstens, Don Pedro di San Montanjo Ligez! Ach! wie wird
sich mein Freund über die berühmte Verwandtschaft freuen!«
»O Gott, mein Mann!« rief sie schmerzlich und verhüllte das Gesicht in
ihr Tuch.
Unbegreiflich war es Fröben, wie sie dies alles so ganz anders
ansehen könne als er; er sah ja in diesem allen nichts als die Freude
Don Pedros, eine Tochter seiner Laura zu finden. Er war reich,
unverheiratet, trug noch immer den alten Enthusiasmus für seine schöne
Cousine in sich, also auch eine schöne Erbschaft kombinierte Fröben aus
diesem wunderbaren Verhältnis. Er ergriff Josephens Hand, zog sie herab
von ihren Augen; sie weinte heftig.
»O, Sie kennen Faldner schlecht,« sagte sie, »wenn Sie meinen, daß ihn
diese Vermutungen freudig überraschen werden! Sie kennen sein Mißtrauen
nicht. Alles soll ja nur seinen ganz gewöhnlichen Gang gehen, alles
recht schicklich und ordentlich sein, und alles Außergewöhnliche haßt
er aus tiefster Seele. Ich mußte es ja,« fuhr sie nicht ohne Bitterkeit
fort, »ich mußte es ja als eine Gnade ansehen, daß mich der reiche,
angesehene Mann heiratete, daß er mit den wenigen Dokumenten zufrieden
war, die ich ihm über meine Familie geben konnte. Muß ich es denn,«
rief sie heftiger weinend, »muß ich es denn nicht noch alle Tage
hören, daß er mit den angesehensten Familien sich hätte verbinden,
daß er dieses oder jenes reiche Fräulein hätte heiraten können? Sagt
er es mir nicht so oft, als er mir zürnt, daß mein Adel neu sei, daß
man von dem Geschlecht meiner Mutter gar nichts wisse, und daß sogar
einige Tannensee in der Schweiz das _von_ abgelegt haben und Kaufleute
geworden seien?«
Jetzt erst ging dem jungen Mann ein schreckliches Licht auf. »Also in
ein Haus des Unglücks, in eine unglückselige Ehe bin ich gekommen,«
sprach er zu sich. »Ach, nicht aus Liebe hat sie ihn geheiratet,
sondern aus Not, weil sie allein stand; und Faldner, so kenne ich ihn,
hat sie genommen, weil sie schön war, weil er mit ihr glänzen konnte.
Das unglückliche Weib! Und der Barbar macht ihr Vorwürfe über ihr
Unglück, läßt sie sogar fühlen, was sie ihm verdanke?« Ein gemischtes
Gefühl von Unmut über seinen Freund, von Mitleid und Achtung gegen die
schöne, unglückliche Frau zog ihn zu ihr hin; er bemühte sich, ihr
Mut und Vertrauen einzuflößen. »Sehen Sie dies alles als nicht gesagt
an,« flüsterte er; »ich sehe, es macht Ihnen Kummer; was nützt es denn
Faldner? Verschweigen wir ihm die törichten Mutmaßungen, die ich hatte,
die ja ohnedies zu nichts führen können.« --
Josephe sah ihn bei diesen Worten groß an; ihre Tränen verlöschten in
den weitgeöffneten Augen, und Fröben glaubte eine Art von Stolz in
ihren Mienen zu lesen. »Mein Herr,« sagte sie, und ihre Gestalt schien
sich höher aufzurichten, »ich kann unmöglich glauben, daß, was Sie
sagten, Ihr Ernst sein kann; auf jeden Fall werden Sie wissen, daß die
Gattin des Baron von Faldner kein Geheimnis mit Ihnen teilt, das nicht
ihr Gatte wissen dürfte.«
Unter diesen Worten hatte sie das Teegeschirr unsanft von sich gerückt,
war aufgestanden und -- nach einer kurzen Verbeugung verließ sie
den erstaunten Gast. Fröben wollte ihr nach, wollte abbitten, was
er getan, wollte alles auf einmal gut machen, aber sie war schon in
der Türe verschwunden, ehe er nur Fassung genug hatte, sich vom Sofa
aufzuraffen. Unmutig ging er hinab in den Garten; er wußte nicht,
sollte er sich selbst grollen oder der Empfindlichkeit der Dame, die
ihm in diesem Augenblick übergroß erschien. Doch wie es in solchen
Fällen zu geschehen pflegt, sein aufgeregtes Blut wallte nach und nach
ruhiger und sein Geist gewann Raum, über sich selbst nachzusinnen. Und
hier fand er nun manches, was Josephen zur Entschuldigung diente. »Sie
liebt ihn nicht,« sagte er zu sich, »er behandelt sie vielleicht roh,
zeigt sich mehr als Herr denn als Gatte. Sie wurde weich, als ich mit
ihr über höhere Genüsse des Lebens sprach, ich sah, wie sie erschrak,
als sie sich gegen mich verraten hatte, als sie aussprach, welcher
Mangel selbst mitten im äußeren Glück sie drücke. Und mußte sie sich
nicht ängstlich berührt fühlen, daß sie diesen Mangel einem Freunde
ihres Gatten verriet? Und weiter, als ich ihr alles, alles sagte, als
ich mit einer gewissen Bestimmtheit von ihrer Abstammung sprach, als
ich, vielleicht etwas unzart, Saiten berührte, die sonst niemand bei
ihr antastete, mußte sie nicht dadurch schon außer sich selbst geraten?
Und als sie vollends den Argwohn, die Zweifelsucht des Barons bedachte,
wurde sie nicht immer ängstlicher, immer verlegener, und ich,« fuhr er
fort, indem er sich vor die Stirne schlug, »ich konnte ihr zumuten,
ein Geheimnis mit mir zu teilen, das sie ihrem nächsten Freund, ihrem
Gatten, nicht verraten dürfte? Mußte sie nicht fürchten, wenn sie es
verheimlichte, ganz in meiner Hand zu sein? Mußte ihr nicht das ganze
Anerbieten sonderbar, unzart vorkommen?« Wie hoch, wie edel erschien
ihm jetzt erst der Charakter dieser Frau, wo nahm sie bei dieser
Jugend, denn sie konnte höchstens neunzehn zählen, solche Stärke,
solche Umsicht, solche ungewöhnliche Bildung, solche feine geselligen
Formen her? Er fühlte, vielleicht zum erstenmal in seinem Leben, daß
den Frauen etwas von Feinheit, Schlauheit, Kraft, Ueberwindung, kurz,
daß ihnen ein Geheimnis innewohne, dem der Mann, selbst der stolze,
gewichtige, nicht gewachsen sei.
16.
Der Baron von Faldner war zum Mittagessen zurückgekommen und Josephe
hatte ihn mit der gewohnten Anmut, vielleicht ein wenig ernster als
gewöhnlich, empfangen. Aber hastig riß er sich aus ihrer Umarmung. »Ist
es nicht, um toll zu werden, Fröben?« rief er, ohne seine Frau weiter
zu beachten. »Mit horrenden Kosten lasse ich mir eine Dampfmaschine
aus England kommen, lasse sie, auf die Gefahr hin, daß alles zu Grunde
gehe, ausschwärzen -- du kennst ja die Gesetze hierüber --, und jetzt,
da ich meine, im Trockenen zu sein, da ich schon achtzig, ja hundert
Prozent berechnete, jetzt geht sie nicht!«
»Franz!« rief Josephe erbleichend.
»Sie geht nicht?« rief ihr Fröben nach.
»Sie geht nicht!« wiederholte der unglückliche Landwirt. »Die Fugen
greifen nicht ein, das Räderwerk steht, es muß irgend etwas verloren
gegangen sein. Ich ließ, wie du weißt, Josephe, ich ließ es mich ja
alles kosten, mit teurem Gelde ließ ich einen Mechanikus aus Mainz
kommen; ich legte ihm die Zeichnung vor. ›Nichts leichter als dies,‹
sagte der Hund, und jetzt, da ich ihm A zu A, B zu B gebe, denn
es ist alles numeriert und beschrieben, jetzt kann es kein Teufel
zusammensetzen; o, es ist um rasend zu werden!«
Man setzte sich verstimmt zu Tische. Der Baron verbiß seinen inneren
Grimm über die fehlgeschlagene Hoffnung und den wahrscheinlichen
Verlust des Kapitals, er trank viel Wein und exaltierte sich zu
schlechten Scherzen. Josephe war noch bleicher als gewöhnlich; sie
besorgte still ihr Amt als Hausfrau, und nur Fröben wußte einigermaßen
ihre Gefühle zu deuten, denn sie vermied es, ihn anzusehen. Ihm quoll
der Bissen im Munde; er sah den Unmut einer getäuschten Hoffnung in
den Mienen seines Freundes, er sah den Mut, die Entschlossenheit und
doch wieder die unverkennbare Angst auf den Mienen der schönen Frau,
es war ihm zuweilen, als sei mit ihm erst das Unglück über dieses Haus
hereingebrochen. Das Gespräch schlich während der Tafel nur mühsam und
stockend hin, doch als das Dessert aufgetragen war und die Diener auf
Josephens Wink sich entfernt hatten, holte sie einigemal mühsam Atem,
ihre Wangen färbten sich röter, und sie sprach:
»Du hast heute früh eine recht sonderbare Unterhaltung zwischen mir
und deinem Freunde versäumt. Schon oft, wie du weißt, klagten wir über
Mangel an Verwandtschaft von meiner Seite, jetzt scheint mir auf einmal
ein neues Licht aufzugehen, denn er bringt uns ja viele und angesehene
Verwandte ins Haus.«
Verwundert und fragend sah Faldner seinen Freund an; dieser war im
ersten Augenblicke etwas betroffen, doch hier galt es, mit Umsicht zu
handeln. Wunderbar fühlte er in diesem Augenblicke das Uebergewicht
eines Mannes von Welt über die niedere, beinahe rohe Denkungsart eines
Baron Faldner, und mit mehr Gelassenheit, mit weiser Benützung der
Umstände erzählte er die sonderbare Geschichte des Bildes und seiner
Bekanntschaft mit Don Pedro.
Gegen alle Erwartung wurde der Baron zusehends heiterer während der
Erzählung. »Ei -- sonderbar,« waren die einzigen Worte, die ihm hie
und da entschlüpften, und als Fröben geendet hatte, rief er: »Was
ist klarer als dies? Donna Laura Tortosi und Laura von Tortheim, der
Schweizer Kapitän Tannensee und dein Vater sind dieselben. Und reich
sagst du, lieber Fröben, reich ist der Haushofmeister? Begütert,
unverheiratet und hegt noch die alte Vorliebe für seine Dulcinea von
Valencia? Ei der Tausend! Josephchen, da könnte es ja noch eine reiche
Erbschaft von Piastern geben!«
Josephe hatte wohl diese Aeußerung nicht erwartet; der Gast sah ihr an,
daß sie dieses gemeine Wort lieber ohne Zeugen gehört hätte; aber eine
drückende Last schien sich dennoch ihrem Busen zu entladen, sie drückte
die Hand ihres Gatten, vielleicht nur, weil er ihr diesmal weniger
Bitteres gesagt hatte als sonst, und ziemlich aufgeheitert sagte sie:
»Mir selbst scheint in dem sonderbaren Zusammentreffen unseres Freundes
mit dem Spanier eine eigene Fügung des Schicksals zu liegen; ja ich
glaube sogar, daß es spanische Lieder waren, die hie und da meine
Mutter, wenn sie einsam war, zur Laute sang. Ja vielleicht kommt es
eben daher, daß ich nicht in eurem Glauben erzogen wurde, obgleich mein
Vater, wie ich bestimmt weiß, reformierten Glaubens war. Nun, das beste
ist, unser Freund schreibt an Don Pedro.«
»Ja, tu mir den Gefallen,« sagte Faldner; »schreibe an den alten Don,
seine Laura habest du nicht gefunden, aber offenbar ihre Tochter; es
könnte doch zu etwas führen, du verstehst mich schon; wem will er auch
seinen Mammon vermachen als dir, du Goldkind? Ich habe es ja immer
gesagt, und auch zur Gräfin Landskron sagt' ich es, als ich um dich
anhielt, wenn sie auch nicht viel, eigentlich gar nichts hat, mit ihr
kommt Segen in mein Haus. Und haben wir da nicht den Segen? Wie hoch,
sagtest du, daß du den Spanier schätzest?«
17.
Der Baron hatte frische Flaschen befohlen, und Josephe stand bei den
letzten Worten auf und entfernte sich. Unbegreiflich war Fröben, wie
unzart sein Freund mit dem holden, edlen Wesen verfuhr, er fühlte,
wie sie sich vor ihm der Gemeinheit ihres Gatten schäme, er fühlte es
und antwortete daher ziemlich unmutig: »Was weiß ich; meinst du denn,
ich frage die Leute, mit denen ich umgehe, wie ein Engländer. Wieviel
wiegst du?«
»Ach, ich kenne ja deine sonderbaren Grillen über diesen Punkt,«
lachte der Baron, »dir ist ein armseliger Geselle, wenn er nur das
sogenannte Sentiment und ~Savoir vivre~ besitzt, so gut als einer, der
zweimalhunderttausend Pfund Renten hat; aber ernstlich, mit dem Don
müssen wir ins reine kommen, und ich rechne ganz auf dich.«
»Ja doch; du kannst gänzlich auf mich rechnen. Aber wie war es denn mit
der Gräfin Landskron? Du sagtest mir ja noch nicht einmal, wie du deine
Frau kennen lerntest.«
»Nun, das ist eigentlich eine kurze Geschichte,« erwiderte Faldner,
indem er sich und dem Freunde von neuem Wein in das Glas goß. »Du
kennst meinen praktischen Sinn, meinen richtigen Takt in dergleichen
Dingen. Es stand mir die Wahl frei unter den Töchtern des Landes;
reiche, bemittelte, schöne, hübsche, alles stand mir zu Gebot. Aber
ich dachte: Nicht alles ist Gold, was glänzt, und suchte mir eine
tüchtige Hausfrau. So kam ich durch Zufall auch auf das Gut der
Gräfin Landskron. Josephe war damals noch als Fräulein von Tannensee
ihre Gesellschaftsdame. Das emsige, geschäftige Kind gefiel mir; Tee
eingießen, Aepfel schälen, Bohnen brechen, Blumen begießen, kurz
alles wußte sie so zierlich und nett zu machen, daß ich dachte, diese
oder keine wird eine gute Hausfrau werden. Ich sprach mit der Gräfin
darüber. Zwar schreckten mich anfangs die kurzgefaßten Nachrichten
wieder ab, die mir die Landskron über Josephens Verhältnisse geben
konnte. Sie sagte mir, daß sie Josephens Mutter gekannt und nach ihrem
Tode das Mädchen zu sich genommen habe; Vermögen hatte sie nicht, aber
die Gräfin gab eine anständige Ausstattung. Das Kopulationszeugnis
ihrer Eltern, ihr Taufschein war richtig -- nun, man ist ja in der
Liebe gewöhnlich ein Narr, und so nahm ich sie zu mir.«
»Und bist gewiß unendlich glücklich mit diesem holden Wesen?«
»Nun, nun, das geht so; praktisch ist sie nun einmal gar nicht, und ich
muß ihr die dummen Bücher ordentlich konfiszieren, nur daß ich sie an
Haus und Garten gewöhne; denn wie will man am Ende hier auf dem Lande
auskommen, wenn die Hausfrau sich vornehm in das Sofa setzt, Romane und
Almanachs liest, empfindelt, wozu sie ohnedies großen Hang hat, und
weder Küche noch Garten besorgt?«
»Aber mein Gott, dazu könntest du ja Mägde halten?« bemerkte Fröben,
den der Wein und das Gespräch noch wärmer und unmutiger gemacht hatten.
»Mägde?« fragte Faldner lachend und sah ihn groß an. »Mägde! Da sieht
man wieder den Theoretiker! Freund, davon verstehst du nichts! Würden
mir nicht die Mägde hinterrücks den halben Garten, die schönen Gemüse,
Obst und Salat verkaufen? Und vollends in der Küche. Woher nur Holz und
Butter genug nehmen, wenn alles den Mägden anvertraut ist! Nein, die
Frau muß da schalten und walten, und leider! bin ich da mit Josephen
schlecht gefahren; doch komm, stoß an; der Don soll alles gut machen!«