Der Baron ließ Wein in eine Laube setzen und erzählte von seinem

Leben und Treiben. Seine Erzählung bestand beinahe in nichts als in

Klagen über schlechte Zeit und die Torheit der Menschen. Er gab nicht

undeutlich zu verstehen, daß er es in den wenigen Jahren mit seinem

hellen Kopf und den Kenntnissen, die er auf Reisen gesammelt, in der

Landwirtschaft weit gebracht habe. Aber bald hatten ihm seine Nachbarn

unberufen dies oder jenes abgeraten, bald hatte er unbegreifliche

Widerspenstigkeit unter seinen Arbeitern selbst gefunden, die alles

besser wissen wollten als er und in ihrer Verblendung sich auf lange

Erfahrung stützten. Kurz, er lebte, wie er gestand, ein Leben voll

ewiger Sorgen und Mühen, voll Hader und Zorn, und einige Prozesse

wegen Grenzstreitigkeiten verbitterten ihm noch die wenigen frohen

Stunden, die ihm die Besorgung seines Gutes übrig ließ. »Armer Freund!«

dachte Fröben unter dieser Erzählung, »so reitest du noch dasselbe

Steckenpferd, und es geht, wie der wildeste Renner, mit dir durch, ohne

daß du es zügeln kannst.«

Doch die Reihe zu erzählen kam auch an den Gast, und er konnte

seinem Freund in wenigen Worten sagen, daß er an einigen Höfen bei

Gesandtschaften eingeteilt gewesen sei, daß er sich überall schlecht

unterhalten, einen langen Urlaub genommen habe und jetzt wieder ein

wenig in der Welt umherziehe.

»Du Glücklicher!« rief Faldner. »Wie beneide ich dir deine

Verhältnisse; heute hier, morgen dort kennst keine Fesseln und kannst

reisen, wohin und wie lange du willst. Es ist etwas Schönes um das

Reisen! Ich wollte, ich könnte auch noch einmal so frei hinaus in die

Welt!«

»Nun, was hindert dich denn?« rief Fröben lachend; »deine große

Wirtschaft doch nicht? Die kannst du alle Tage einem Pächter geben,

läßt dein Pferd satteln und ziehest mit mir!«

»Ach, das verstehst du nicht, Bester!« erwiderte der Baron verlegen

lächelnd. »Einmal, was die Wirtschaft betrifft, da kann ich keinen Tag

abwesend sein, ohne daß alles quer geht, denn ich bin doch die Seele

des Ganzen. Und dann -- ich habe einen dummen Streich gemacht -- doch

laß das gut sein; es geht einmal nicht mehr mit dem Reisen.«

In diesem Augenblicke kam ein Bedienter in die Laube, berichtete, daß

die gnädige Frau zurückgekommen sei und anfragen lasse, wo man den Tee

servieren solle?

»Ich denke oben im Zimmer,« sagte er, leicht errötend, und der Diener

entfernte sich.

»Wie, du bist verheiratet?« fragte Fröben erstaunt. »Und das erfahre

ich jetzt erst! Nun, ich wünsche Glück; aber sage mir doch -- ich hätte

mir ja eher des Himmels Einfall träumen lassen als diese Neuigkeit; und

seit wann?«

»Seit sechs Monaten,« erwiderte der Baron kleinlaut und ohne seinen

Gast anzusehen; »doch wie kann dich dies so in Erstaunen setzen; du

kannst dir denken, bei meiner großen Wirtschaft, da ich alles selbst

besorge, so --«

»Je nun! ich finde es ganz natürlich und angemessen; aber wenn ich

zurückdenke, wie du dich früher über das Heiraten äußertest, da dachte

ich nie daran, daß dir je ein Mädchen recht sein würde.«

»Nein, verzeihe!« sagte Faldner, »ich sagte ja immer und schon

damals --«

»Nun ja, du sagtest ja immer und schon damals,« rief der junge Mann

lächelnd, »und schon damals und immer sagte ich, daß du nach deinen

Prätensionen keine finden würdest, denn diese gingen auf ein Ideal,

das ich nicht haben möchte, und wohl auch nicht zu finden war. Doch

noch einmal meinen herzlichen Glückwunsch. Da aber eine Dame im Hause

ist, die uns zum Tee ladet, so kann ich doch wahrlich nicht so in

Reisekleidern erscheinen; gedulde dich nur ein wenig, ich werde bald

wieder bei dir sein. Auf Wiedersehen!«

Er verließ die Laube, und der Baron sah ihm mit trüben Blicken nach.

»Er hat nicht unrecht,« flüsterte er.

Doch in demselben Augenblick trat eine hohe weibliche Gestalt in die

Laube. »Wer ging soeben von dir?« fragte sie schnell und hastig. »Wer

sprach dies _auf Wiedersehen_?«

Der Baron stand auf und sah seine Frau verwundert an; er bemerkte, wie

die sonst so zarte Farbe ihrer Wangen in ein glühendes Rot übergegangen

war. »Nein! das ist nicht auszuhalten,« rief er heftig; »Josephe, wie

oft muß ich dir sagen, daß Hufeland Leuten von deiner Konstitution jede

allzurasche Bewegung streng untersagt; wie du jetzt glühst! Du bist

gewiß wieder eine Strecke zu Fuß gegangen und hast dich erhitzt und

gehst jetzt gegen alle Vernunft noch in den Garten hinab, wo es schon

kühl ist. Immer und ewig muß ich dir alles wiederholen wie einem Kind;

schäme dich!«

»Ach, ich wollte dich ja nur abholen,« sagte Josephe mit zitternder

Stimme; »werde nur nicht gleich so böse; ich bin gewiß den ganzen Weg

gefahren und bin auch gar nicht erhitzt. Sei doch gut.«

»Deine Wangen widersprechen,« fuhr er mürrisch fort. »Muß ich denn auch

dir immer predigen? Und den Schal hast du auch nicht umgelegt, wie ich

dir sagte, wenn du abends noch herab in den Garten gehst; wozu werfe

ich denn das Geld zum Fenster hinaus für dergleichen Dinge, wenn man

sie nicht einmal brauchen mag? O Gott! ich möchte oft rasend werden.

Auch nicht das geringste tust du mir zu Gefallen; dein ewiger Eigensinn

bringt mich noch um. O ich möchte oft --«

»Bitte, verzeihe mir, Franz!« bat sie wehmütig, indem sie große Tränen

im Auge zerdrückte; »ich habe dich den ganzen Tag nicht gesehen und

wollte dich hier überraschen; ach, ich dachte ja nicht mehr an das Tuch

und an den Abend. Vergib mir, willst du deinem Weib vergeben?«

»Ist ja schon gut, laß mich doch in Ruhe, du weißt, ich liebe solche

Szenen nicht; und gar vollends Tränen! Gewöhne dir doch um Gottes

willen die fatale Weichlichkeit ab, über jeden Bettel zu weinen. -- Wir

haben einen Gast, Fröben, von dem ich dir schon erzählte, er reiste mit

mir. Führe dich vernünftig auf, Josephe, hörst du? Laß es an nichts

fehlen, daß ich nicht auch die Sorgen der Haushaltung auf mir haben

muß. Im Salon wird der Tee getrunken.«

Er ging schweigend ihr voran die Allee entlang nach dem Schlosse. Trübe

folgte ihm Josephe; eine Frage schwebte auf ihren Lippen, aber so gern

sie gesprochen hätte, sie verschloß diese Frage wieder tief in ihre

Brust.

11.

Als der Baron spät in der Nacht seinen Gast auf sein Zimmer begleitete,

konnte sich dieser nicht enthalten, ihm zu seiner Wahl Glück zu

wünschen. »Wahrhaftig, Franz!« sagte er, indem er ihm feurig die Hand

drückte, »ein solches Weib hat dir gefehlt. Du warst ein Glückskind

von jeher, aber das hätte ich mir nicht träumen lassen, daß du bei

deinen sonderbaren Maximen und Forderungen ein solch liebenswürdiges,

herrliches Kind heimführen werdest.«

»Ja, ja, ich bin mit ihr zufrieden,« erwiderte der Baron trocken,

indem er seine Kerze heller aufstörte; »man kann ja nicht alles

haben. An diesen Gedanken muß man sich freilich gewöhnen auf dieser

unvollkommenen Welt.«

»Mensch! ich will nicht hoffen, daß du undankbar gegen so vieles Schöne

bist. Ich habe viele Frauen gesehen, aber weiß Gott, keine von solch

untadelhafter Schönheit wie dein Weib. Diese Augen! Welch rührender

Ausdruck! Glaubt man nicht liebliche Träume auf ihrer schönen Stirne zu

lesen? Und diese zarte, schlanke Gestalt! Und ich weiß nicht, ob ich

ihren feinen Takt, ihr richtiges Urteil, ihren gebildeten Geist nicht

noch mehr bewundern soll.«

»Du bist ja ganz bezaubert,« lächelte Faldner; »doch von jeher hast du

zu viel gelesen und weniger aufs Praktische gesehen; ich sagte es ja

immer -- mit den Weibern ist es ein eigenes Ding,« fuhr er seufzend

fort, »glaube mir, in der Wirtschaft ist oft eine, die es versteht und

die Sache flink umtreibt, besser als ein sogenannter gebildeter Geist.

Gute Nacht; sei froh, daß du noch frei bist und -- wähle nicht zu

rasch.«

Unmutig sah ihm Fröben nach, als er das Zimmer verlassen hatte. »Ich

glaube, der Unmensch ist auch jetzt nicht mit seinem Lose zufrieden;

hat einen Engel gewählt und schafft sich durch seine lächerlichen

Prätensionen eine Hölle im Haus. Das arme Weib!«

Es war ihm nicht entgangen, wie ängstlich sie bei allem, was sie tat

und sagte, an seinen Blicken hing, wie er ihr oft ein grimmiges Auge

zeigte, wenn sie nach seinen Begriffen einen Fehler begangen, wie er

ihr oft mit der Hand winkte, die Lippen zusammenbiß und stöhnte, wenn

er glaubte, von dem Gast nicht gesehen zu werden. Und mit welcher

Engelsgeduld trug sie dies alles! Sie hatte tiefen, wunderbaren

Eindruck auf ihn gemacht. Das reiche blonde Haar, das um eine freie

Stirn fiel, ließ blaue Augen, rote Wangen, vielleicht auch ein Näschen

erwarten, das durch seine zierliche Keckheit Blondinen mehr als

Brünetten ziert. Aber von alledem nichts. Unter den blonden Wimpern

ruhte wie das Mondlicht hinter dünnen Wolken ein braunes Auge, das

nicht durch Glut oder bloße Lebendigkeit, sondern durch ein gewisses

Etwas von sinnender Schwermut überraschte, das Fröben bei schönen

Frauen, so selten er es fand, so unendlich liebte. Ihre Nase näherte

sich dem griechischen Stamm, die Wangen waren gewöhnlich bleich, nur

von einem leisen Schatten von Rot unterlaufen, und das einzige, was in

ihrem Gesichte blühte, waren statt der Rosen der Wangen die Lippen,

bei deren Anblick man sich des Gedankens an zarte, rote Kirschen nicht

erwehren konnte.

»Und diese herrliche Gestalt,« fuhr Fröben in seinen Gedanken weiter

fort, »so zart, so hoch und, wenn sie über das Zimmer geht, beinahe

schwebend! Schwebend? Als ob ich nicht gesehen hätte, daß sie recht

schwer zu tragen hat, daß diese Lippen so manches Wort des Grams

verschließen, daß diese Augen nur auf die Einsamkeit warten, um über

den rohen Gatten zu weinen! Nein, es ist unmöglich,« fuhr er nach

einigem Sinnen fort, »sie kann ihn nicht aus Liebe geheiratet haben.

Die Welt, die hinter diesem Auge liegt, ist zu groß für Faldners

Verstand, das Herz seines Weibes zu zart für den rohen Druck ihres

Haustyrannen. Ich bedaure sie!«

Er war während dieser Worte an einen Schrank getreten, worin die Diener

sein Reisegeräte niedergelegt hatten. Er schloß ihn auf, sein erster

Blick fiel auf die wohlbekannte Rolle, und er errötete. »Bin ich dir

nicht ungetreu gewesen diesen Abend?« fragte er. »Hat nicht ein anderes

Bild sich in mein Herz geschlichen? Ja, und ertappe ich mich nicht auf

Reflexionen über das Weib meines Freundes, die mir nicht ziemen, die

ihr auf jeden Fall nichts nützen können?« Er entrollte das Bild der

Geliebten und blieb betroffen stehen. Wie ein Gedanke, der bisher in

ihm schlummerte und verworren träumte, erwacht es jetzt mit einemmal

in ihm, daß Frau von Faldner wunderbare Aehnlichkeit mit diesem

Bilde habe. Zwar waren ihre Haare, ihre Augen, ihre Stirn gänzlich

verschieden von denen des Bildes, aber überraschende Aehnlichkeit

glaubte er in Nase, Mund und Kinn, ja sogar in der Haltung des

zierlichen Halses zu finden. »Und diese Stimme!« rief er. »Klang mir

diese Stimme nicht gleich anfangs so bekannt? Wie ist mir denn? Wäre es

möglich, daß die Gattin meines Freundes jenes Mädchen wäre, die ich nur

einmal, nur halb gesehen und ewig liebe und, von jenem Augenblick an,

vergebens suche? Die Gestalt -- ja auch sie war groß, und als ich ihr

den Mantel umschlang, als sie an meinem Herzen ruhte, fühlte ich eine

feine schlanke Taille. Und begegnete ich nicht heute abend so oft ihrem

Auge, das prüfend auf mir ruhte? Sollte auch sie mich wiedererkennen?

Doch -- ich Tor! wie könnte Faldner bei seinem Mißtrauen, bei seinen

strengen Grundsätzen über Adel und unbescholtenen Ruf eine --

unbekannte Bettlerin geheiratet haben?«

Er sah wieder prüfend auf das Bild herab, er glaubte in diesem

Augenblick Gewißheit zu haben, im nächsten zweifelte er wieder. Er

klagte sein treuloses Gedächtnis an. Hatte nicht dieses Gemälde sich so

ganz mit seinen früheren Erinnerungen vermischt, daß er die Unbekannte

sich nicht mehr anders dachte als wie dieses Bild? Und nun, da er auf

eine neue, auffallende Aehnlichkeit gestoßen, stand er nicht vor einem

Labyrinth von Zweifeln? Er warf das Gemälde auf die Seite und verbarg

seine heiße Stirn in die Kissen seines Bettes. Er wünschte sich tiefen

Schlaf herbei, damit er diesen Zweifeln entgehe, daß ihm das wahre Bild

mit siegender Kraft in seinen Träumen aufgehe.

12.

Als Fröben am andern Morgen in den Salon trat, wo er frühstücken

sollte, war sein rastloser Freund schon ausgeritten, um eine Dammarbeit

an der Grenze seines Gutes zu besichtigen. Der Diener, der ihm diese

Nachricht gab, setzte mit wichtiger Miene hinzu, daß sein Herr

wohl kaum vor Mittag zurückkommen dürfte, weil er noch seine neue

Dampfmühle, einige Schläge im Wald, eine neue Gartenanlage, nebst

vielem andern besichtigen müsse. »Und die gnädige Frau?« fragte der

Gast.

»War schon vor einer Stunde im Garten, um Bohnen abzubrechen, und wird

jetzt bald zum Frühstück hier sein.«

Fröben ging im Saal umher und musterte in Gedanken den vergangenen

Abend. Wie anders erscheinen alle Bilder in der Morgenbeleuchtung,

als sie uns im Duft des Abends erschienen! Auch mit den verworrenen

Gedanken, die gestern in ihm auf und ab schwebten, ging es ihm so;

er lächelte über sich selbst, über die Zweifel, die ihm seine rege

Phantasie aufgeweckt hatte. »Der Baron,« sprach er zu sich, »ist am

Ende doch ein guter Mensch; freilich viele Eigenheiten, einige Roheit,

die aber mehr im Aeußern liegt. Aber wer länger mit ihm umgeht, gewöhnt

sich daran, weiß sich darein zu finden. Und Josephe? wie vorschnell man

oft urteilt! Wie oft glaubte ich rührenden Kummer, tiefe Seelenleiden,

Resignation in den Augen, in den Mienen einer Frau zu lesen, ließ

mich vom Teufel blenden, sie recht zart zu trösten und aufrichten

zu wollen, und am Ende lag der ganze Zauber in meiner Einbildung:

es war dann, näher betrachtet, eine ganz gewöhnliche Frau, die mit

den sinnenden Augen, worin ich Wehmut sah, ängstlich die Augen an

ihrem Strickstrumpf zählte, oder hinter der von Gram umwölkten Stirne

bedachte, was sie auf den Abend kochen lassen wollte.« Er verfolgte

diese Gedanken, um sich selbst mit Ironie zu strafen, um die zartere

Empfindung, jene Nachklänge von gestern, zu verdrängen, die ihm heute

töricht, überspannt erschienen. In diese Gedanken versunken, war er an

den Spiegel getreten und hatte die Besuchskarten überlesen, die dort

angesteckt waren. Da fiel ihm eine in die Hand, welche Faldners eigene

Verlobung ankündigte. Er las die zierlich gestochenen Worte: »Freiherr

F. von Faldner mit seiner Braut Josephe von Tannensee.«

»Von Tannensee?« Wie ein Blitz erleuchtete ihm dieser Name jene dunkle

Aehnlichkeit, die er zwischen der Gattin seines Freundes und seinem

lieben Bilde gefunden. »Wie? Wäre sie vielleicht die Tochter jener

Laura, die einst mein guter Don Pedro geliebt? Welche Freude für ihn,

wenn es so wäre, wenn ich ihm von der Verlorenen Nachricht geben

könnte. Fand er nicht in jenem wunderbaren Bilde die täuschendste

Aehnlichkeit mit seiner Cousine? Kann nicht die Tochter der Mutter

gleichen?«

Er verbarg die Karte schnell, als er die Türe gehen hörte; er sah sich

um und -- Josephe schwebte herein. War es das zierliche Morgenkleid,

das ihre zarte Gestalt umschloß, war ihr die Beleuchtung des Tages

günstiger als das Kerzenlicht? Sie kam ihm in diesem Augenblick noch

unendlich reizender vor als gestern. Ihre Locken flatterten noch

kunstlos um die Stirne, der frische Morgen hatte ein feines Rot auf

ihre Wangen gehaucht, sie lächelte zu ihrem Morgengruß so freundlich,

und doch mußte er sich schon in diesem Augenblick einen Toren schelten,

denn ihre Augen erschienen ihm trübe und verweint.

13.

Sie lud ihn ein, sich zu ihr zum Frühstück zu setzen. Sie erzählte

ihm, daß Faldner schon mit Tagesanbruch weggeritten sei und ihr

seine Entschuldigung aufgetragen habe; sie beschrieb die mancherlei

Geschäfte, die er heute vornehme und die ihn bis zu Mittag zurückhalten

werden. »Er hat ein Leben voll Sorgen und Mühen,« sagte sie, »aber ich

glaube, daß diese Geschäftigkeit ihm zum Bedürfnis geworden ist.«

»Und ist dies nur in diesen Tagen so?« fragte Fröben; »ist jetzt gerade

besonders viel zu tun auf den Gütern?«

»Das nicht,« erwiderte sie; »es geht alles seinen gewöhnlichen Gang, er

ist so, seit ich ihn kenne. Er ist rastlos in seinen Arbeiten. Diesen

Frühling und Sommer verging kein Tag, an welchem er nicht auf dem Gute

beschäftigt gewesen wäre.«

»Da werden Sie sich doch oft recht einsam fühlen,« sagte der junge

Mann, »so ganz allein auf dem Lande und Faldner den ganzen Tag

entfernt.«

»Einsam?« erwiderte sie mit zitterndem Ton und beugte sich nach einem

Tischchen an der Seite; und Fröben sah im Spiegel, wie ihre Lippen

schmerzlich zuckten. »Einsam? Nein! Besucht ja doch die Erinnerung

die Einsamen und --« setzte sie hinzu, indem sie zu lächeln suchte:

»glauben Sie denn, die Hausfrau habe in einer so großen Wirtschaft

nicht auch recht viel zu tun und zu sorgen? Da ist man nicht einsam

oder -- man darf es nicht sein.«

Man _darf_ es nicht sein? Du Arme! dachte Fröben, verbietet dir dein

Herz die Träume der Erinnerung, die dich in der Einsamkeit besuchen,

oder verbietet dir der harte Freund, einsam zu sein? Es lag etwas im

Ton, womit sie jene Worte sagte, das ihrem Lächeln zu widersprechen

schien.

»Und doch,« fuhr er fort, um seinen Empfindungen und ihren Worten eine

andere Richtung zu geben, »und doch scheinen gerade die Frauen von

der Natur ausdrücklich zur Stille und Einsamkeit bestimmt zu sein;

wenigstens war bei jenen Völkern, die im allgemeinen die herrlichsten

Männer aufzuweisen hatten, die Frau am meisten auf ihr Frauengemach

beschränkt, so bei Römern und Griechen, so selbst in unserem

Mittelalter.«

»Daß _Sie_ diese Beispiele anführen könnten, hätte ich nicht gedacht;«

entgegnete Josephe, indem ihr Auge wie prüfend auf seinen Zügen

verweilte. »Glauben Sie mir, Fröben, jede Frau, auch die geringste,

merkt dem Mann, ehe sie noch über seine Verhältnisse unterrichtet ist,

recht bald an, ob er viel im Kreise der Frauen lebte oder nicht. Und

unbestreitbar liegt in solchen Kreisen etwas, das jenen feinen Takt,

jenes zarte Gefühl verleiht, immer im Gespräch auszuwählen, was gerade

für Frauen taugt, was uns am meisten anspricht; ein Grad der Bildung,

der eigentlich keinem Manne fehlen sollte. Sie werden mir dies um so

weniger bestreiten,« setzte sie hinzu, »als Sie offenbar einen Teil

Ihrer Bildung meinem Geschlecht verdanken.«

»Es liegt etwas Wahres darin,« bemerkte der junge Mann, »und

namentlich das letztere will ich zugeben, daß Frauen weniger auf meine

Denkungsart, als auf die Art, das Gedachte auszudrücken, Einfluß

hatten. Meine Verhältnisse nötigten mich in der letzten Zeit viel in

der großen Welt, namentlich in Damenzirkeln zu leben. Aber eben in

diesen Zirkeln wird mir erst recht klar, wie wenig eigentlich die

Frauen, oder um mich anders auszudrücken, wie wenige Frauen in dieses

großartige Leben und Treiben passen.«

»Und warum?«

»Ich will es sagen, auch auf die Gefahr hin, daß Sie mir böse

werden. Es ist ein schöner Zug der neueren Zeit, daß man in den

größeren Zirkeln eingesehen hat, daß das Spiel eigentlich nur eine

Schulkrankheit oder ein modischer Deckmantel für Geistesarmut sei. Man

hat daher Whist, Boston, Pharo und dergleichen den älteren Herren und

einigen Damen überlassen, die nun einmal die Konversation nicht machen

können. In Frankreich freilich spielen in Gesellschaft Herren von

zwanzig bis dreißig Jahren; es sind aber nur die armseligen Wichte, die

sich nach einem englischen Dandy gebildet haben oder die selbst fühlen,

daß ihnen der Witz abgeht, den sie im Gespräch notwendig haben müßten.

Seitdem man nun, seien die Zirkel groß oder klein, die sogenannte

Konversation macht, das heißt, sich um den Kamin oder in Deutschland um

das Sofa pflanzt, Tee dazu trinkt und ungemein geistreiche Gespräche

führt, sind die Frauen offenbar aus ihrem rechten Gleise gekommen.«

»Bitte, Sie sind doch gar zu strenge, wie sollten denn --«

»Lassen Sie mich ausreden,« fuhr Fröben eifrig fort; »eine Dame der

sogenannten guten Gesellschaft empfängt jede Woche Abendbesuche

bei sich; sechsmal in der Woche gibt sie solche heim. In solchen

Gesellschaften tanzt höchstens das junge Volk einigemal, außer es wäre

auf großen Bällen, die schon seltener vorkommen. Der übrige Kreis,

Herren und Damen, unterhält sich. Es gibt nun ungemein gebildete,

wirklich geistreiche Männer, die im Männerkreise stumm und langweilig,

vor Damen ungemein witzig und sprachselig sind, und einen Reichtum

sozialer Bildung, allgemeiner Kenntnisse entfalten, die jeden staunen

machen. Es ist nicht Eitelkeit, was diese Männer glänzend oder beredt

macht, es ist das Gefühl, daß das Interessantere ihres Wissens sich

mehr für Frauen als für Männer eignet, die mehr systematisch sind, die

ihre Forderungen höher spannen.«

»Gut, ich kann mir solche Männer denken, aber weiter.«

»Durch solche Männer bekommt das Gespräch Gestaltung, Hintergrund,

Leben; Frauen, besonders geistreiche Frauen, werden sich unter sich bei

weitem nicht so lebendig unterhalten, als dies geschieht, wenn auch nur

_ein_ Mann gleichsam als Zeuge und Schiedsrichter dabei sitzt. Indem

nun durch solche Männer allerlei Witziges, Interessantes auf die Bahn

gebracht wird, werden die Frauen unnatürlich gesteigert. Um doch ein

Wort mitzusprechen, um als geistreich, gebildet zu erscheinen, müssen

sie alles aufbieten, gleichsam alle Hahnen ihres Geistes aufdrehen, um

ihren reichlichen Anteil zu der allgemeinen Gesprächsflut zu geben, in

welcher sich die Gesellschaft badet. Doch, verzeihen Sie, dieser Fond

ist gewöhnlich bald erschöpft; denken Sie sich, einen ganzen Winter

alle Abende geistreich sein zu müssen, welche Qual!«

»Aber nein, Sie machen es auch zu arg, Sie übertreiben --«

»Gewiß nicht; ich sage nur, was ich gesehen, selbst erlebt habe. Seit

in neuerer Zeit solche Konversation zur Mode geworden ist, werden

die Mädchen ganz anders erzogen als früher; die armen Geschöpfe! Was

müssen sie jetzt nicht alles lernen vom zehnten bis zum fünfzehnten

Jahr. Geschichte, Geographie, Botanik, Physik, ja sogenannte höhere

Zeichenkunst und Malerei, Aesthetik, Literaturgeschichte, von Gesang,

Musik und Tanzen gar nicht zu erwähnen. Diese Fächer lernt der Mann

gewöhnlich erst nach seinem achtzehnten, zwanzigsten Jahre recht

verstehen; er lernt sie nach und nach, also gründlicher; er lernt

manches durch sich selbst, weiß es also auch besser anzuwenden, und

tritt er im dreiundzwanzigsten oder später noch in diese Kreise, so

trägt er, wenn er nur halbwegs einige Lebensklugheit und Gewandtheit

hat, eine große Sicherheit in sich selbst. Aber das Mädchen? Ich bitte

Sie! Wenn ein solches Unglückskind im fünfzehnten Jahre, vollgepfropft

mit den verschiedenartigsten Kenntnissen und Kunststücken in die große

Welt tritt, wie wunderlich muß ihm da alles zuerst erscheinen! Sie

wird, obgleich ihr oft ihr einsames Zimmer lieber wäre, ohne Gnade

in alle Zirkel mitgeschleppt, muß glänzen, muß plaudern, muß die

Kenntnisse auskramen, und -- wie bald wird sie damit zu Ende sein!

Sie lächeln? Hören Sie weiter. Sie hat jetzt keine Zeit mehr, ihre

Schulkenntnisse zu erweitern; es werden bald noch höhere Ansprüche an

sie gemacht. Sie muß so gut wie die Aelteren über Kunstgegenstände,

über Literatur mitsprechen können. Sie sammelt also den Tag über alle

möglichen Kunstausdrücke, liest Journale, um ein Urteil über das

neueste Buch zu bekommen, und jeder Abend ist eigentlich ein Examen,

eine Schulprüfung für sie, wo sie das auf geschickte Art anbringen muß,

was sie gelernt hat. Daß einem Mann von wahrer Bildung, von wahren

Kenntnissen vor solchem Geplauder, vor solcher Halbbildung graut,

können Sie sich denken; er wird diese Unsitte zuerst lächerlich,

nachher gefährlich finden; er wird diese Ueberbildung verfluchen,

welche die Frauen aus ihrem stillen Kreise herausreißt und sie zu

Halbmännern macht, während die Männer Halbweiber werden, indem sie

sich gewöhnen, alles nach Frauenart zu besprechen und zu beklatschen;

er wird für edlere Frauen jene häusliche Stille zurückwünschen,

jene Einsamkeit, wo sie zu Hause sind und auf jeden Fall herrlicher

brillieren als in einem jener geistreichen Zirkel!«

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 1 · 第 9 / 22 段