Regiment, und er und meine Mutter stammten aus den ältesten Familien
dieses Königreichs. Ich wurde im Christentum und allen Wissenschaften
erzogen, die einen Edelmann zieren, und mein Vater bestimmte mich, als
ich zwanzig Jahre alt und gut gewachsen war, zum Soldaten. Aber er
war ein Mann, streng und ohne Rücksicht im Dienste, und weil er die
Zärtlichkeit meiner Mutter für mich kannte und fürchtete, sie möchte
ihn oft verhindern, mich meine Pflicht gehörig vollbringen zu machen,
beschloß er, mich zu einem andern Regiment zu schicken, und seine
Wahl fiel auf Pampeluna, wo mein Oheim kommandierte. Ich lernte dort
den Dienst sorgfältig und genau und brachte es in den folgenden zehn
Jahren bis zum Kapitän. Als ich dreißig alt war, wurde mein Oheim nach
Valencia versetzt. Er hatte Einfluß und wußte zu bewirken, daß ich
ihm schon nach einem halben Jahr als Adjutant folgen konnte. Als ich
aber in Valencia ankam, hatte sich in meines Oheims Hauswesen vieles
geändert. Er war schon längst, noch in Pampeluna, Witwer geworden.
In Valencia hatte er eine reiche Witwe kennen gelernt und sie einige
Wochen früher, als ich bei ihm eintraf, geheiratet. Sie können denken,
wie ich überrascht war, als er mir eine ältliche Dame vorstellte und
sie seine Gemahlin nannte; meine Ueberraschung stieg aber und gewann an
Freude, als er auch ein Mädchen, schön wie der Tag, herbeiführte und
sie seine Tochter Laura, meine Cousine, nannte. Ich hatte bis zu jenem
Tage nicht geliebt, und meine Kameraden hatten mich oft deshalb Pedro
el pedro (den steinernen Pedro) genannt; aber dieser Stein zerschmolz
wie Wachs von den feurigen Blicken Lauras.
Ihr habt sie gesehen, Don Fröbenio, jenes Bild gibt ihre himmlischen
Züge wieder, wenn es anders einem irdischen Künstler möglich ist, die
wundervollen Werke der Natur zu erreichen. Ach, gerade so trug sie ihr
Haar, so mutig wie auf jenem Gemälde hatte sie das Hütchen mit den
wallenden Federn aufgesetzt, und wenn sie ihr dunkles Auge unter den
langen Wimpern aufschlug, so war es, als ob die Pforten des Himmels
sich öffneten und ein leuchtender Engel freundlich herabgrüßte.
Meine Liebe, Sennor, war eine freudige; ich konnte ja täglich um
sie sein; jene Schranken, die in meinem Vaterlande gewöhnlich die
Liebenden trennen und die Liebe schmerzlich, ängstlich, gramvoll und
verschlagen machen, jene Schranken trennten uns nicht. Und wenn ich
in die Zukunft sah, wie lachend erschien sie mir! Mein Oheim liebte
mich wie seinen Sohn; verstand ich seine Winke recht, so schien es
ihm nicht unangenehm, wenn ich mich um seine Tochter bewerbe; und von
meinem Vater konnte ich kein Hindernis erwarten, denn Laura stammte
aus edlem Blute und der Reichtum ihrer Mutter war bekannt. Wie mächtig
meine Liebe war, könnt Ihr schon daraus ersehen, daß ich da liebte, wo
es so gänzlich ohne Not und Jammer abging. Denn gewöhnlich entsteht die
Liebe aus der angenehmen Bemerkung, daß man der Geliebten vielleicht
nicht mißfallen habe; wie Feuer unter den Dächern fortschleicht und
durch eine Mauer aufgehalten plötzlich verzehrend nieder in das
Haus und prasselnd auf zum Himmel schlägt, so die Liebe. Die kleine
Neigung wächst. Die unüberwindlich scheinenden Hindernisse spornen an;
man glaubt, eine Glut zu fühlen, die nur im Arme der Geliebten sich
abkühlen kann. Man spricht die Dame am Gitter, man schickt ihr Briefe
durch die Zofe, man malt im Traume und Wachen ihr Bild, ihre Gestalt
so reizend sich vor, denn bisher sah man sie nicht anders als im
Schleier und der verhüllenden Mantilla. Endlich, sei es durch List oder
Gewalt, fallen die Schranken. Man fliegt herbei, führt die Errungene
zur Kirche und -- besiehet sich nachher den Schatz etwas genauer.
Wie auf dem schönen Wiesengrund, der nur ein Teppich ist, über ein
sumpfig Moorland gedeckt, wenn du wie auf fester Erde ausschreitest,
deine Füße einsinken und Quellen aus der Tiefe rieseln, so hier. Alle
Augenblicke zeigt sich eine neue Laune bei der Dame, alle Tage lüftet
sie Schleier und Mantilla ihres Herzens freier, und am Ende stündest
du lieber wieder an dem Gitter, Liebesklagen zu singen, um -- nie
wiederzukehren.«
7.
»Bei Gott, Ihr seid ein scharfer Kritiker,« erwiderte Fröben errötend;
»es liegt in dem, was Ihr saget, etwas Wahres, aber ganz so? Nein, da
müßte ja jener Götterfunke, der zündend ins Herz schlägt, jener selige
Augenblick, wo die Hälfte einer Minute zum Verständnis hinreicht, müßte
lügen, und doch glaube ich an seine himmlische Abkunft. O, ist es mir
denn besser ergangen?«
»Ich verstehe, was Ihr sagen wollt,« sprach Don Pedro; »jener Moment
ist himmlisch schön, aber er beruht gar oft auf bitterer Täuschung.
Höret weiter. Mich reizten, mich hinderten keine Schranken, und dennoch
liebte ich so warm als irgend ein junger Kavalier in Spanien. Das
einzige Hindernis konnte Lauras Herz sein, und -- ihr Auge hatte mir
ja schon oft gestanden, daß es dem meinigen gerne begegne. Alle jene
kleinen Beweise meiner Zärtlichkeit, wie man sie in diesem Zustand
gibt, nahm Donna Laura gütig auf, und nach einem Vierteljahre erlaubte
sie mir, ihr meine Liebe zu gestehen. Die Eltern hatten die Sache
längst bemerkt; mein Oheim gab mir seine Einwilligung und sagte, er
habe für mich wegen guter Dienste, die ich geleistet, beim König um
ein Majorspatent nachgesucht. Mit der Nachricht meines Steigens soll
ich dem Vater meine Liebe gestehen und ihn um Einwilligung bitten. Ich
gelobte es; ach, warum habe ich's getan! Sollte man nicht immer einen
Dämon hinter sich glauben, der uns das Glück wie ein schönes Spielzeug
gibt, nur um es plötzlich zu zerschlagen?
Ich hatte bald nach der Gewißheit meines Glückes mit einem Hauptmann
aus einem Schweizerregiment Bekanntschaft gemacht, den ich lieb gewann
und täglich in mein Haus führte. Es war ein schöner, blonder Jüngling,
mit klaren blauen Augen, von weißer Haut und roten Wangen. Er hätte zu
weich für einen Soldaten ausgesehen, wenn nicht berühmte Waffentaten,
die er ausgeführt, in aller Munde lebten. Um so gefährlicher war er
für Frauen. Seine ganze Erscheinung war so neu in diesem Lande, wo die
Sonne die Gesichter dunkel färbt, wo unter schwarzem Haar schwarze
Augen blitzten; und wenn er von den Eisbergen, von dem ewigen Schnee
seiner Heimat erzählte, so lauschte man gerne auf seine Rede, und
manche Dame mochte schon den Versuch gemacht haben, das Eis seines
Herzens zu schmelzen.
Eines Morgens kam ein Freund zu mir, der um meine Liebe zu Laura
wußte, und gab mir in allerlei geheimnisvollen Reden zu verstehen,
ich möchte entweder auf der Hut sein oder ohne das Majorspatent meine
Base heiraten, indem sonst noch manches sich ereignen könnte, was mir
nicht angenehm wäre. Ich war betreten, forschte näher und erfuhr, daß
Donna Laura bei einer verheirateten Freundin hie und da mit einem Mann
zusammenkomme, der in einen Mantel verhüllt ins Haus schleiche. Ich
entließ den Freund und dankte ihm. Ich glaubte nichts davon, aber ein
Stachel von Eifersucht und Mißtrauen war in mir zurückgeblieben. Ich
dachte nach über Lauras Betragen gegen mich, ich fand es unverändert;
sie war hold, gütig gegen mich wie zuvor, ließ sich die Hand, wohl auch
den schönen Mund küssen -- aber dabei blieb es auch; denn jetzt erst
fiel mir auf, wie kalt sie immer bei meiner Umarmung war, sie drückte
mir die Hand nicht wieder, wenn ich sie drückte, sie gab mir keinen Kuß
zurück.
Zweifel quälten mich; der Freund kam wieder, schürte durch bestimmtere
Nachrichten das Feuer mächtiger an und ich beschloß bei mir, die
Schritte meiner Dame aufmerksamer zu bewachen. Wir speisten gewöhnlich
zusammen, der Oheim, die Tante, meine schöne Base und ich. Am Abend des
Tages, als mein Freund zum zweitenmal mich gewarnt, fragte die Tante
bei Tische ihre Tochter, ob sie ihr Gesellschaft leisten werde auf dem
Balkon?
Sie antwortete, sie habe ihrer Freundin einen Besuch zugesagt.
Unwillkürlich mochte ich sie dabei schärfer angesehen haben, denn sie
schlug die Augen nieder und errötete. Sie ging eine Stunde, ehe die
Nacht einbrach, zu jener Dame. Als es dunkel wurde, schlich ich mich an
jenes Haus und hielt Wache; rasende Eifersucht kam über mich, als ich
die Straße herauf, nahe an die Häuser gedrückt, eine verhüllte Gestalt
schleichen sah. Ich stellte mich vor die Haustüre, die Gestalt kam
näher und wollte mich sanft auf die Seite schieben; aber ich faßte sie
am Gewand und sprach: ›Sennor, wer Ihr auch seid, in diesem Augenblick
glaube ich einen Mann von Ehre vor mir zu haben, und bei Eurer Ehre
fordere ich Euch auf, steht mir Rede!‹
Bei dem ersten Ton meiner Stimme sah ich ihn zusammenschrecken; er
besann sich eine kleine Weile und entgegnete dann: ›Was soll es?‹
›Schwört mir bei Eurer Ehre,‹ fuhr ich fort, ›daß Ihr nicht wegen Donna
Laura di Tortosi in dieses Haus geht.‹
›Wer erkühnt sich, mir über meine Schritte Rechenschaft abzufordern?‹
rief er mit dumpfer verstellter Stimme. An seiner Aussprache merkte
ich, daß er ein Fremder sein müsse; eine düstere Ahnung ging in meiner
Seele auf. ›Der Kapitän di San Montanjo wagt es,‹ antwortete ich und
riß ihm, ehe er sich dessen versah, den Mantel vom Gesicht -- es war
mein Freund Tannensee, der Schweizer.
Er stand da wie ein Verbrecher, keines Wortes mächtig. Aber ich hatte
meinen Degen blank gezogen, und sprachlos vor Wut deutete ich ihm an,
dasselbe zu tun. ›Ich habe keine Waffen bei mir, als einen Dolch,‹
erwiderte er. Schon war ich willens, ihm ohne Zögern den Degen in den
Leib zu rennen; aber als er so regungslos auf alles gefaßt vor mir
stand, konnte ich das Schreckliche nicht vollbringen. Ich behielt noch
so viel Fassung, daß ich ihn bestimmte, am andern Morgen vor dem Tor
der Stadt mir Rechenschaft zu geben. Die Türe hielt ich besetzt; er
sagte zu und ging.
Noch lange hielt ich Wache, bis endlich die Sänfte für Laura gebracht
wurde, bis ich sie einsteigen sah; dann folgte ich ihr langsam nach
Hause. Die Qualen der Eifersucht ließen mich keinen Schlaf auf meinem
Lager finden, und so hörte ich, wie sich um Mitternacht Schritte meiner
Türe näherten. Man pochte an; verwundert warf ich meinen Mantel um
und schloß auf; es war die alte Dienerin Lauras, die mir einen Brief
übergab und eilends wieder davonging.
Sennor! Gott möge Euch vor einem ähnlichen Brief in Gnaden bewahren!
Sie gestand mir, daß sie den Schweizer längst geliebt habe, als sie
mich noch gar nicht kannte; daß sie aus Furcht vor dem Zorn ihrer
Mutter, die alle Fremden hasse, ihn immer zurückgehalten, um sie zu
werben; daß sie, von den Drohungen meiner Tante genötigt, meine Anträge
sich habe gefallen lassen. Sie nahm alle Schuld auf sich, sie schwur
mit den heiligsten Eiden, daß Tannensee mir oft habe alles gestehen
wollen und nur durch ihr Flehen, durch ihre Furcht, nachher strenger
verwahrt zu werden, sich habe zurückhalten lassen. Sie deutete mir ein
schreckliches Geheimnis an, das die Ehre der Familie beflecken werde,
wenn ich ihr und dem Hauptmann nicht zur Flucht verhelfe. Sie beschwor
mich, von meinem Streit abzustehen, denn wenn er falle, so bleibe ihr,
_seiner Gattin_, nichts übrig, als sich das Leben zu nehmen. Sie schloß
damit, meine Großmut anzurufen, sie werde mich ewig _achten_, aber
niemals _lieben_.
Ihr werdet gestehen, daß ein solcher Brief gleich kaltem Wasser alle
Flammen der Liebe löschen kann; er löschte sogar zum Teil meinen Zorn.
Aber vergeben konnte ich es meiner Ehre nicht, daß ich betrogen war,
darum stellte ich mich zur bestimmten Stunde auf dem Kampfplatz ein.
Der Kapitän mochte tief fühlen, wie sehr er mich beleidigt; obgleich
er ein besserer Fechter war als ich, verteidigte er sich nur, und
nicht seine Schuld ist es, daß ich meine Hand hier zwischen Daumen und
Zeigefinger in seinen Degen rannte, so daß ich außer stande war, weiter
zu fechten. Ich gab ihm, während ich verbunden wurde, Lauras Brief.
Er las, er bat mich flehend, ihm zu vergeben, ich tat es mit schwerem
Herzen.
Die Geschichte meiner Liebe ist zu Ende, Don Fröbenio, denn fünf Tage
darauf war Donna Laura mit dem Schweizer verschwunden.«
»Und mit Ihrer Hilfe?« fragte Fröben.
»Ich half, so gut es ging. Freilich war der Schmerz meiner Tante groß;
aber in diesen Umständen war es besser, sie sah ihre Tochter nie
wieder, als daß Unehre über das Haus kam.«
»Edler Mann! Wie unendlich viel muß Sie dies gekostet haben!
Wahrhaftig, es war eine harte Prüfung.«
»Das war es,« antwortete der Alte mit düsterem Lächeln. »Anfangs
glaubte ich, diese Wunde werde nie vernarben; die Zeit tut viel, mein
Freund! Ich habe sie nie wieder gesehen, nie von ihnen gehört, nur
einmal nannten die Zeitungen den Oberst Tannensee als einen tapfern
Mann, der unter den Truppen Napoleons in der Schlacht von Brienne dem
Feinde langen Widerstand getan habe. Ob es derselbe ist, ob Laura noch
lebt, weiß ich nicht zu sagen.
Als ich aber in diese Stadt kam, jene Galerie besuchte, und nach
zwanzig langen Jahren meine Laura wieder erblickte, ganz so, wie sie
war in den Tagen ihrer Jugend, da brachen die alten Wunden wieder auf,
und -- nun Ihr wisset, daß ich sie täglich besuche.«
8.
Mit umständlicher Gravität, wie es dem Haushofmeister eines p...schen
Prinzen, einem Mann aus altkastilischem Geschlechte geziemte, hatte
Don Pedro di San Montanjo Ligez seine Geschichte vorgetragen. Als er
geendet, trank er einigen Xeres, lüftete den Hut, strich sich über die
Stirne und Kinn und sagte zu dem jungen Mann an seiner Seite: »Was
ich wenigen Menschen vertraut, habe ich Euch umständlich erzählt,
Don Fröbenio, nicht um Euch zu locken, mir mit gleichem Vertrauen zu
erwidern, obgleich Euer Geheimnis so sicher in meiner Brust ruhte als
der Staub der Könige von Spanien im Eskorial! -- Obgleich ich gespannt
bin, zu wissen, inwiefern Euch jene Dame interessiert; -- aber Neugier
ziemt dem Alter nicht, und damit gut.«
Fröben dankte dem Alten für seine Mitteilung. »Mit Vergnügen werde
ich Ihnen meinen kleinen Roman zum besten geben,« sagte er lächelnd,
»er betrifft keiner Dame Geheimnisse und endet schon da, wo andere
anfangen. Aber wenn Sie erlauben, werde ich morgen erzählen, denn für
heute möchte es wohl zu spät sein.«
»Ganz nach Eurer Bequemlichkeit,« erwiderte der Don, seine Hand
drückend. »Euer Vertrauen werde ich zu ehren wissen.« So schieden sie;
der Spanier begleitete den jungen Mann höflich bis an die Schwelle
seines Vorsaals, und Diego leuchtete ihm bis auf die Straße.
Nach seiner Gewohnheit ging Fröben den Tag nachher in die Galerie;
er stand lange vor dem Bilde, und wirklich dachte er an diesem Tage
mehr an den Alten denn an die gemalte Dame; aber er wartete über eine
Stunde -- der Alte kam nicht. Er ging mit dem Schlag zwei Uhr in die
Anlagen, ging langsamen Schrittes um den See, zog oft sein Fernglas
und schaute die lange Promenade hinab, aber die ehrwürdige Gestalt
seines alten Freundes wollte sich nicht zeigen; umsonst schaute er
nach den dünnen, schwarzen Beinen, nach dem spitzen Hut, umsonst nach
Diego und den bunten Kleidern, mit Sonnenschirm und Regenmantel, er war
nicht zu sehen. »Sollte er krank geworden sein?« fragte er sich, und
unwillkürlich ging er nach dem Schloßplatz hin und nach dem Gasthof
zum König von England, um Don Pedro zu besuchen. »Fort ist die ganze
Wirtschaft, auf und davon;« antwortete auf seine Frage der Oberkellner,
»gestern abend noch bekam der Prinz Depeschen, und heute vormittag
sind Seine Hoheit nebst Gefolge in sechs Wagen nach W. abgereist;
der Haushofmeister, er fuhr im zweiten, hat für Sie eine Karte hier
gelassen.«
Begierig griff Fröben nach diesem letzten Freundeszeichen. Es war nur
_Don Pedro di San Montanjo Ligez, Major Rio di S. A._ etc. darauf zu
lesen. Verdrießlich wollte Fröben diesen kalten Abschied einstecken,
da gewahrte er auf der Rückseite noch einige Worte mit der Bleifeder
geschrieben, er las: »Lebt wohl, teurer Don Fröbenio; Eure Geschichte
müßt Ihr mir schuldig bleiben; grüßet und küsset Donna Laura.«
Er lächelte über den Auftrag des alten Herrn, und doch als er in den
nächsten Tagen wieder vor dem Bilde stand, war er wehmütiger als je,
denn es war in seinem Leben eine Lücke entstanden durch Don Pedros
Abreise. Er hatte sich so gerne mit dem guten Alten unterhalten,
er hatte seit langer Zeit zum erstenmal wieder in einem genaueren
Verhältnis mit Menschen gelebt, und deutlicher als je fühlte er
jetzt, daß nur der Einsame, der Hoffnungslose ganz unglücklich ist.
Wäre das Bild nicht gewesen, das ihn mit seinem eigentümlichen Zauber
zurückhielt, schon längst hätte er Stuttgart verlassen, das sonst keine
Reize für ihn hatte. Als ihm daher eines Tages die Herren Boisserée die
treue Kopie jenes lieben Bildes, ein lithographiertes Blatt, zeigten
und ihn damit beschenkten, nahm er es als einen Wink des Schicksals
auf, verabschiedete sich von dem Urbild, packte die Kopie sorgfältig
ein und verließ diese Stadt so stille, als er sie betreten hatte.
9.
Sein Aufenthalt in Stuttgart hatte nur dem Bilde gegolten, das er in
jener Galerie gefunden. Er war, als er die Hauptstadt Württembergs
berührte, auf einer Reise nach dem Rhein begriffen, und dahin zog er
nun weiter. Er gestand sich selbst, daß ihn die letzten Monate beinahe
allzuweich gemacht hatten. Er fühlte nicht ohne Beschämung und leises
Schaudern, daß sein Trübsinn, sein ganzes Dichten und Trachten schon
nahe an Narrheit gestreift hatten. Er war zwar unabhängig, hatte dieses
Jahr noch zu Reisen bestimmt, ohne sich irgend einen festen Plan, ein
Ziel zu setzen und wollte diese lange Unterbrechung seiner Reise auf
die angenehme Lage der Stadt, auf die herrlichen Umgebungen schieben.
Aber hatte er denn wirklich jene Stadt so angenehm gefunden? Hatte
er Menschen aufgesucht, kennen gelernt? Hatte er sie nicht vielmehr
gemieden, weil sie seine Einsamkeit, die ihm so lieb geworden, störten?
Hatte er die herrlichen Umgebungen genossen? »Nein,« sagte er lächelnd
zu sich, »man wäre versucht, an Zauberei zu glauben! Ich habe mich
betragen wie ein Tor! Habe mich eingeschlossen in mein Zimmer, um
zu lesen. Und habe ich denn wirklich gelesen? Stand nicht ihr Bild
auf jeder Seite? Gingen meine Schritte weiter als zu _ihr_ oder um
einmal unter dem Gewühl der Menge auf und ab zu gehen? Ist es nicht
schon Raserei, auf so langen Wegen einem Schatten nachzujagen, jedes
Mädchengesicht aufmerksam zu betrachten, ob ich nicht den holden Mund
der unbekannten Geliebten wiedererkenne?«
So schalt sich der junge Mann, glaubte recht feste Vorsätze zu fassen,
und wie oft, wenn sein Pferd langsamer bergan geschritten war, vergaß
er oben es anzutreiben, weil seine Seele auf andern Wegen schweifte;
wie oft, wenn er abends sein Gepäck öffnete und ihm die Rolle in die
Hände fiel, entfaltete er unwillkürlich das Bild der Geliebten und
vergaß, sich zur Ruhe zu legen.
Aber die reizenden Gebirgsgegenden am Neckar, die herrlichen Fluren
von Mannheim, Worms, Mainz verfehlten auch auf ihn den eigentümlichen
Eindruck nicht. Sie zerstreuten ihn, sie füllten seine Seele mit
neuen, freundlichen Bildern. Und als er eines Morgens von Bingen
aufbrach, stand nur ein Bild vor seinem Auge, ein Bild, das er noch
heute erblicken sollte. Fröben hatte mit einem Landsmann Frankreich
und England bereist, und aus dem Gesellschafter war ihm nach und nach
ein Freund erwachsen. Zwar mußte er, wenn er über ihre Freundschaft
nachdachte, sich selbst gestehen, daß Uebereinstimmung der Charaktere
sie nicht zusammenführte; doch oft pflegt es ja zu geschehen, daß
gerade das Ungleiche sich heißer liebt als das Aehnliche. Der Baron
_von Faldner_ war etwas roh, ungebildet, selbst jene Reise, das
bewegte Leben zweier Hauptstädte, wie Paris und London, hatte nur
seine Außenseite etwas abschleifen und mildern können. Er war einer
jener Menschen, die, weil sie durch fremde oder eigene Schuld,
gewählte Lektüre, feinere tiefere Kenntnisse und die bildende Hand
der Wissenschaften verschmähten, zur Ueberzeugung kamen, sie seien
praktische Menschen, d. h. Leute, die in sich selbst alles tragen, um
was sich andere, es zu erlernen, abmühen, die einen natürlichen Begriff
von Ackerbau, Viehzucht, Wirtschaft und dergleichen haben, und sich nun
für geborene Landwirte, für praktische Haushälter ansehen, die auf dem
natürlichsten Wege _das_ zu erreichen glauben, was die Masse in Büchern
sucht. Dieser Egoismus machte ihn glücklich, denn er sah nicht, auf
welchen schwachen Stützen sein Wissen beruhte; noch glücklicher wäre er
wohl gewesen, wenn diese Eigenliebe bei den Geschäften stehen geblieben
wäre, aber er trug sie mit sich, wohin er ging, erteilte Rat, ohne
welchen anzunehmen, hielt sich, was man ihm nicht gerade nachsagte,
für einen _klugen Kopf_, und ward durch dieses alles ein unangenehmer
Gesellschafter und zu Hause vielleicht ein kleiner Tyrann, aus dem
einfachen Grunde, weil er klug war und immer recht hatte.
»Ob er wohl sein Sprichwort noch an sich hat,« fragte sich Fröben
lächelnd, »das unabwendbare: ›Das habe ich ja gleich gesagt!‹ Wie oft,
wenn er am wenigsten daran gedacht hatte, daß etwas gerade so geschehen
werde, wie oft faßte er mich da bei der Hand und rief: ›Freund Fröben,
sag' an, hab' ich es nicht schon vor vier Wochen gesagt, daß es so
kommen würde? Warum habt Ihr mir nicht gefolgt?‹ Und wenn ich ihm so
sonnenklar bewies, daß er zufällig gerade das Gegenteil behauptet habe,
so ließ er sich unter keiner Bedingung davon abbringen und grollte
drei, vier Tage lang.«
Fröben hoffte, Erfahrung und die schöne Natur um ihn her werden
seinen Freund weiser gemacht haben. An einer der reizendsten Stellen
des Rheintals, in der Nähe von Caub, lag sein Gut, und je näher der
Reisende herabkam, desto freudiger schlug sein Herz über alle diese
Herrlichkeit der Berge und des majestätischen Flusses, um so öfter
sagte er zu sich: »Nein! er _muß_ sich geändert haben; in diesen
Umgebungen kann man nur hingebend, nur freundlich und teilnehmend sein,
und im Genuß dieser Aussicht muß man vergessen, wenn man auch wirklich
recht hat, was bei ihm leider der seltene Fall ist.«
10.
Gegen Abend langte er auf dem Gute an; er gab sein Pferd vor dem
Hause einem Diener, fragte nach seinem Herrn und wurde in den Garten
gewiesen. Dort erkannte er schon von weitem Gestalt und Stimme seines
Freundes. Er schien in diesem Augenblick mit einem alten Mann, der an
einem Baum mit Graben beschäftigt war, heftig zu streiten. »Und wenn
Ihr es auch hundert Jahre nach dem alten Schlendrian gemacht habt,
statt fünfzig, so _muß_ der Baum doch so herausgenommen werden, wie ich
sagte. Nur frisch daran, Alter; es kommt bei allem nur darauf an, daß
man klug darüber nachdenkt.« Der Arbeiter setzte seufzend die Mütze
auf, betrachtete noch einmal mit wehmütigem Blick den schönen Apfelbaum
und stieß dann schnell, wie es schien unmutig, den Spaten in die Erde,
um zu graben. Der Baron aber pfiff ein Liedchen, wandte sich um, und
vor ihm stand ein Mensch, der ihn freundlich anlächelte und ihm die
Hand entgegenstreckte. Er sah ihn verwundert an. »Was steht zu Dienst?«
fragte er kurz und schnell.
»Kennst du mich nicht mehr, Faldner?« erwiderte der Fremde. »Solltest
du bei deiner Baumschule London und Paris so ganz vergessen haben?«
»Ist's möglich, mein Fröben!« rief jener und eilte, den Freund zu
umarmen. »Aber, mein Gott, wie hast du dich verändert, du bist so
bleich und mager; das kommt von dem vielen Sitzen und Arbeiten; daß du
auch gar keinen Rat befolgst, ich habe dir ja doch immer gesagt, es
tauge nicht für dich.«
»Freund!« entgegnete Fröben, den dieser Empfang unwillkürlich an seine
Gedanken unterwegs erinnerte: »Freund, denke doch ein wenig nach;
hast du mir nicht immer gesagt, ich tauge nicht zum Landwirt, nicht
zum Forstmann und dergleichen, und ich müßte eine juridische oder
diplomatische Laufbahn einschlagen?«
»Ach, du guter Fröben!« sagte jener zweideutig lächelnd, »so laborierst
du noch immer an einem kurzen Gedächtnis? sagte ich nicht schon
damals --«
»Bitte, du hast recht, streiten wir nicht!« unterbrach ihn sein Gast,
»laß uns lieber Vernünftigeres reden, wie es dir erging, seit wir uns
nicht sahen, wie du lebst?«