England in Stuttgart kam oder nachmittags zwischen zwei und drei in
den Anlagen auf dem breiten Wege promenierte, muß sich, wenn anders
sein Gedächtnis nicht zu kurz ist, noch einiger Gestalten erinnern, die
damals jedes Auge auf sich zogen. Es waren nämlich zwei Männer, die
ganz und gar nicht unter die gewöhnlichen Stuttgarter Trinkgäste oder
Anlagenspaziergänger paßten, sondern eher auf den Prado zu Madrid oder
in ein Café zu Lissabon oder Sevilla zu gehören schienen. Denket euch
einen ältlichen, großen, hageren Mann mit schwärzlichgrauen Haaren,
tiefen, brennenden Augen von dunkelbrauner Farbe, mit einer kühn
gebogenen Nase und feinem eingepreßten Mund. Er geht langsam, stolz
und aufrecht. Zu seinen schwarzseidenen Beinkleidern und Strümpfen,
zu den großen Rosen auf den Schuhen und den breiten Schnallen am
Kniegürtel, zu dem langen, dünnen Degen an der Seite, zu dem hohen,
etwas zugespitzten Hut mit breitem Rande, schief an die Stirne
gedrückt, wünschet ihr, wenn euch nur einigermaßen Phantasie innewohnt,
ein kurzes, geschlitztes Wams und einen spanischen Mantel statt des
schwarzen Frackes, den der Alte umgelegt hat.
Und der Diener, der ihm ebenso stolzen Schrittes folgt, erinnert
er nicht durch das spitzbübische, dummdreiste Gesicht, durch die
fremdartige, grelle Kleidung, durch das ungenierte Wesen, womit er um
sich schaut, alles angafft und doch nichts bewundert, an jene Diener
im spanischen Lustspiel, die ihrem Herrn wie ein Schatten treu, an
Bildung tief unter ihm, an Stolz neben ihm, an List und Schlauheit über
ihm stehen? Unter dem Arm trägt er seines Gebieters Sonnenschirm und
Regenmantel, in der Hand eine silberne Büchse mit Zigarren und eine
Lunte.
Wer blieb nicht stehen, wenn diese beiden langsam durch die Promenade
wandelten, um ihnen nachzusehen? Es war aber bekanntlich niemand
anders, als _Don Pedro di San Montanjo Ligez_, der Haushofmeister des
Prinzen von P., der sich zu jener Zeit in Stuttgart aufhielt, und
Diego, sein Diener.
Wie es oft zu geschehen pflegt, daß nur ein kleines, geringes Ereignis
dazu gehört, einen Menschen berühmt und auffallend zu machen, so
geschah dies auch mit dem jungen Fröben, der schon seit einem halben
Jahr (so lange mochte er sich wohl in Stuttgart aufhalten) alle Tage
Schlag zwei Uhr durch das Schloßportal in die Anlagen trat, dreimal um
den See und fünfmal den breiten Weg auf und nieder ging, an allen den
glänzenden Equipagen, schönen Fräulein, an einer Masse von Direktoren,
Räten und Leutnants vorüberkam und von niemand beachtet wurde, denn er
sah ja aus wie ein ganz gewöhnlicher Mensch von etwa achtundzwanzig
bis dreißig Jahren. Seitdem er aber eines Nachmittags im breiten Weg
auf _Don Pedro_ gestoßen, solcher ihn gar freundlich gegrüßt, seinen
Arm traulich in den seinigen geschoben hatte und mit ihm einigemal,
eifrig sprechend, auf und ab spaziert war, seitdem betrachtete man ihn
neugierig, sogar mit einer gewissen Achtung; denn der stolze Spanier,
der sonst mit niemand sprach, hatte ihn mit auffallender Aestimation
behandelt.
Die schönsten Fräulein fanden jetzt, daß er gar kein übles Gesicht
habe, ja es liege sogar etwas Interessantes, überaus Anziehendes darin,
was man in den Anlagen eben nicht häufig sehe; die Direktoren und
allerlei Räte fragten: »Wer der junge Mann wohl sein könnte?« und nur
einige Leutnants konnten Auskunft geben, daß er hie und da im Museum
Beefsteaks speise, seit einem halben Jahre in der Schloßstraße wohne
und einen schönen Mecklenburger reite, so ihm eigen angehörig. Sie
setzten noch vieles über die Vortrefflichkeit dieses Pferdes hinzu,
wie es gebaut, von welcher Farbe, wie alt es sei, was es wohl kosten
könnte, und kamen so auf die Pferde überhaupt zu sprechen, was sehr
lehrreich zu hören gewesen sein soll.
Den jungen Fröben aber sah man seit dieser Zeit öfter in Gesellschaft
Don Pedros, und gewöhnlich fand er sich abends im König von England
ein, wo er, etwas entfernt von andern Gästen, bei dem Sennor saß
und mit ihm sprach. Diego aber stand hinter dem Stuhl seines Herrn
und bediente beide fleißig mit Xeres und Zigarren. Niemand konnte
eigentlich begreifen, wie die beiden Herren zusammengekommen oder
welches Interesse sie aneinander fanden. Man riet hin und her, machte
Konjekturen, und am Ende hätte doch der junge Mann selbst den besten
Aufschluß darüber geben können, wenn ihn nur einer gefragt hätte.
2.
Und war es denn nicht die schöne Galerie der Brüder _Boisserée_ und
_Bertram_, wo sie sich zuerst fanden und erkannten? Diese gastfreien
Männer hatten dem jungen Manne erlaubt, ihre Bilder so oft zu
besuchen, als er immer wollte; und er tat dies, wenn er nur immer in
der Mittagstunde, wo die Galerie geöffnet wurde, kommen konnte. Es
mochte regnen oder schneien, das Wetter mochte zu den herrlichsten
Ausflügen in die Gegend locken, er kam; er sah oft recht krank aus und
kam dennoch. Man würde aber unbilligerweise den Kunstsinn des Herrn
von Fröben zu hoch anschlagen, wenn man etwa glaubte, er habe die
herrlichen Bilder der alten Niederländer studiert oder nachgezeichnet.
Nein, er kam leise in die Türe, grüßte schweigend und ging in ein
entferntes Zimmer, vor _ein_ Bild, das er lange betrachtete; und ebenso
still verließ er wieder die Galerie. Die Eigentümer dachten zu zart,
als daß sie ihn über seine wunderliche Vorliebe für das Bild befragt
hätten; aber auch ihnen mußte es natürlich aufgefallen sein, denn oft,
wenn er herausging, konnte er nur schlecht die Tränen verbergen, die
ihm im Auge quollen.
Großen historischen oder bedeutenden Kunstwert hatte das Bildchen
nicht. Es stellte eine Dame in halb spanischer, halb altdeutscher
Tracht vor. Ein freundliches, blühendes Gesicht mit klaren, liebevollen
Augen, mit feinem, zierlichem Mund und zartem, rundem Kinn trat sehr
lebendig aus dem Hintergrund hervor. Die schöne Stirne umzog reiches
Haar und ein kleiner Hut, mit weißen buschigen Federn geschmückt,
der etwas schalkhaft zur Seite saß. Das Gewand, das nur den schönen
zierlichen Hals frei ließ, war mit schweren goldenen Ketten umhängt und
zeugte ebensosehr von der Sittsamkeit als dem hohen Stand der Dame.
»Am Ende ist er wohl in das Bild verliebt,« dachte man, »wie Kalaf in
das der Prinzessin Turandot, obschon mit ungleich geringerer Hoffnung,
denn das Bild ist wohl dreihundert Jahre alt und das Original nicht
mehr unter den Lebenden.«
Nach einiger Zeit schien aber Fröben nicht mehr der einzige Anbeter
des Bildes zu sein. Der Prinz von P. hatte eines Tages mit seinem
Gefolge die Galerie besucht. Don Pedro, der Haushofmeister, hatte die
umherschreitende Schar der Zuschauer verlassen und besah sich die
Gemälde, einsam von Zimmer zu Zimmer wandelnd; doch wie vom Blitz
gerührt, mit einem Ausruf des Erstaunens, war er vor dem Bild jener
Dame stehen geblieben. Als der Prinz die Galerie verließ, suchte
man den Haushofmeister lange vergebens. Endlich fand man ihn, mit
übergeschlagenen Armen, die feurigen Augen halb zugedrückt, den Mund
eingepreßt, in tiefer Betrachtung vor dem Bilde.
Man erinnerte ihn, daß der Prinz bereits die Treppe hinabsteige,
doch der alte Mann schien in diesem Augenblicke nur für _eines_ Sinn
zu haben. Er fragte, wie dies Bild hierher gekommen sei. Man sagte
ihm, daß es von einem berühmten Meister vor mehreren hundert Jahren
gefertigt und durch Zufall in die Hände der jetzigen Eigentümer
gekommen sei.
»O Gott, nein!« antwortete er, »das Bild ist neu, nicht hundert Jahre
alt; woher, sagen Sie, woher? O, ich beschwöre Sie, wo kann ich sie
finden?«
Der Mann war alt und sah zu ehrwürdig aus, als daß man diesen Ausbruch
des Gefühls hätte lächerlich finden können; doch als er dieselbe
Behauptung wieder hörte, daß das Bild alt und wahrscheinlich von Lukas
Cranach selbst gemalt sei, da schüttelte er bedenklich den Kopf.
»Meine Herren,« sprach er und legte beteuernd die Hand aufs Herz,
»meine Herren, Don Pedro di San Montanjo Ligez hält Sie für ehrenwerte
Leute. Sie sind nicht Gemäldeverkäufer und wollen mir dies Bild nicht
als alt verkaufen; ich darf durch Ihre Güte diese Bilder sehen, und Sie
genießen die Achtung dieser Provinz. Aber es müßte mich alles täuschen
oder -- ich kenne die Dame, die jenes Bild vorstellt.«
Mit diesen Worten schritt er, ehrerbietig grüßend, aus dem Zimmer.
»Wahrhaftig!« sagte einer der Eigentümer der Galerie, »wenn wir nicht
so genau wüßten, von wem dieses Bild gemalt ist, wann und wie es in
unsern Besitz kam, und welche lange Reihe von Jahren es vorher in
K. hing, man wäre versucht, an dieser Dame irre zu werden. Scheint
nicht selbst den jungen Fröben irgend eine Erinnerung beinahe täglich
vor dieses Bild zu treiben, und dieser alte Don, blitzte nicht ein
jugendliches Feuer aus seinen Augen, als er gestand, daß er die Dame
kenne, die hier gemalt ist? Sonderbar, wie oft die Einbildung ganz
vernünftigen Menschen mitspielt; und mich müßte alles täuschen, wenn
der Spanier zum letztenmal hier gewesen wäre.«
3.
Und es traf ein; kaum war die Galerie am folgenden Vormittag geöffnet
worden, trat auch schon Don Pedro di San Montanjo Ligez festen,
erhabenen Schrittes ein und strich an der langen Bilderreihe vorüber
nach jenem Zimmer hin, wo die Dame mit dem Federhute aufgestellt war.
Es verdroß ihn, daß der Platz vor dem Bilde schon besetzt war, daß er
es nicht allein und einsam Zug für Zug mustern konnte, wie er so gerne
getan hätte. Ein junger Mann stand davor, blickte es lange an, trat an
ein Fenster, sah hinaus nach dem Fluge der Wolken und trat dann wieder
zu dem Bilde. Es verdroß den alten Herrn etwas; doch -- er mußte sich
gedulden.
Er machte sich an andern Bildern zu schaffen, aber erfüllt von dem
Gedanken an die Dame drehte er alle Augenblicke den Kopf um, um zu
sehen, ob der junge Herr noch immer nicht gewichen sei, aber er stand
wie eine Mauer, er schien in Betrachtung versunken. Der Spanier
hustete, um ihn aus den langen Träumen zu wecken, jener träumte fort;
er scharrte etwas weniges mit dem Fuß auf dem Boden, der junge Mann sah
sich um, aber sein schönes Auge streifte flüchtig an dem alten Herrn
vorüber und haftete dann von neuem auf dem Gemälde.
»San Pedro! San Jago di Compostella!« murmelte der Alte, »welch
langweiliger, alberner Dilettante!« Unmutig verließ er das Zimmer
und die Galerie, denn er fühlte, heute sei ihm schon aller Genuß
benommen durch Verdruß und Aerger. Hätte er doch lieber gewartet!
Den Tag nachher war die Galerie geschlossen, und so mußte er sich
achtundvierzig lange Stunden gedulden, bis er wieder zu dem Gemälde
gehen konnte, das ihn in so hohem Grade interessierte. Noch ehe
die Glocken der Stiftskirche völlig zwölf Uhr geschlagen, stieg er
mit anständiger Eile die Treppe hinan, hinein in die Galerie, dem
wohlbekannten Zimmer zu, und getroffen! Er war der erste, war allein,
konnte einsam betrachten.
Er schaute die Dame lange mit unverwandten Blicken an, sein Auge
füllte nach und nach eine Träne, er fuhr mit der Hand über die grauen
Wimpern. »_O Laura!_« flüsterte er leise. Da tönte ganz vernehmlich
ein Seufzer an seine Ohren, er wandte sich erschrocken um, der junge
Mann von vorgestern stand wieder hier und blickte auf das Bild.
Verdrießlich, sich unterbrochen zu sehen, nickte er mit dem Haupt ein
flüchtiges Kompliment, der junge Mann dankte etwas freundlicher, aber
nicht minder stolz als der Spanier. Auch diesmal wollte der letztere
den überflüssigen Nachbar abwarten; aber vergeblich, er sah zu seinem
Schrecken, wie jener sogar einen Stuhl nahm, sich einige Schritte vor
dem Gemälde niedersetzte, um es mit gehöriger Muße und Bequemlichkeit
zu betrachten.
»Der Geck,« murmelte Don Pedro, »ich glaube gar, er will mein graues
Haar verhöhnen.« Er verließ, noch unmutiger als ehegestern, das Gemach.
Im Vorsaal stieß er auf einen der Eigentümer der Galerie; er sagte
ihm herzlichen Dank für den Genuß, den ihm die Sammlung bereitete,
konnte sich aber nicht enthalten, über den jungen Ruhestörer sich
etwas zu beklagen. »Herr B.,« sagte er, »Sie haben vielleicht bemerkt,
daß vorzüglich _eines_ Ihrer Bilder mich anzog; es interessiert mich
unendlich, es hat eine Bedeutung für mich, die -- die ich Ihnen nicht
ausdrücken kann. Ich kam, so oft Sie es vergönnten, um das Bild zu
sehen, freute mich recht, es ungestört zu sehen, weil doch gewöhnlich
die Menge nicht lange dort verweilt, und -- denken Sie sich, da hat es
mir ein junger, böser Mensch abgelauscht, und kommt, so oft ich komme,
und bleibt, _mir zum Trotze_ bleibt er stundenlang vor diesem Bilde,
das ihn doch gar nichts angeht!«
Herr B. lächelte; denn recht wohl konnte er sich denken, wer den alten
Herrn gestört haben mochte. »Das letztere möchte ich denn doch nicht
behaupten,« antwortete er; »das Bild scheint den jungen Mann ebenfalls
nahe anzugehen, denn es ist nicht das erste Mal, daß er es so lange
betrachtet.«
»Wieso? Wer ist der Mensch?«
»Es ist ein Herr von Fröben,« fuhr jener fort, »der sich seit fünf,
sechs Monaten hier aufhält, und seit er das erste Mal jenes Bild
gesehen, eben jene Dame mit dem Federhut, das auch Sie besuchen, kommt
er alle Tage regelmäßig zu dieser Stunde, um das Bild zu betrachten.
Sie sehen also zum wenigsten, daß er Interesse an dem Bilde nehmen muß,
da er es schon so lange besucht.«
»Herr! Sechs Monate?« rief der Alte. »Nein, dem habe ich bitter unrecht
getan in meinem Herzen, Gott mag es mir verzeihen! Ich glaube gar, ich
habe ihn unhöflich behandelt im Unmut. Und ist ein Kavalier, sagen Sie?
Nein, man soll von Pedro di Ligez nicht sagen können, daß er einen
fremden Mann unhöflich behandelte. Ich bitte, sagen Sie ihm -- doch
lassen Sie das, ich werde ihn wieder treffen und mit ihm sprechen.«
4.
Als er den andern Tag sich wieder einfand und Fröben schon vor dem
Gemälde traf, trat er auch hinzu mit recht freundlichem Gesicht; als
aber der junge Mann ehrerbietig auf die Seite wich, um dem alten Herrn
den bessern Platz einzuräumen, verbeugte sich dieser höflich grüßend
und sprach: »Wenn ich nicht irre, Sennor, so habe ich Sie schon mehrere
Male vor diesem Gemälde verweilen sehen. -- Da geht es Ihnen wohl
gleich mir; auch mir ist dieses Bild sehr interessant, und ich kann es
nie genug betrachten.«
Fröben war überrascht durch diese Anrede; auch ihm waren die Besuche
des Alten vor dem Bilde aufgefallen, er hatte erfahren, wer jener
sei, und nach der steifen, kalten Begrüßung von gestern war er dieser
freundlichen Anrede nicht gewärtig. »Ich gestehe, mein Herr!« erwiderte
er nach einigem Zögern, »dieses Bild zieht mich vor allen andern an,
denn -- weil -- es liegt etwas in diesem Gemälde, das für mich von
Bedeutung ist.« -- Der Alte sah ihn fragend an, als genüge ihm diese
Antwort nicht völlig, und Fröben fuhr gefaßter fort: »Es ist wunderbar
mit Kunstwerken, besonders mit Gemälden. Es gehen an einem Bilde oft
Tausende vorüber, finden die Zeichnung richtig, geben dem Kolorit ihren
Beifall, aber es spricht sie nicht tiefer an, während einem einzelnen
aus solch einem Bilde eine tiefere Bedeutung aufgeht; er bleibt
gefesselt stehen, kann sich kaum losreißen von dem Anblick, er kehrt
wieder und immer wieder, von neuem zu betrachten.«
»Sie können recht haben,« sagte der Alte nachdenkend, indem er auf
das Gemälde schaute, »aber -- ich denke, es ließe sich dies nur von
größeren Kompositionen sagen, von Gemälden, in welche der Maler eine
tiefere Idee legte. Es gehen viele vorüber, bis die Bedeutung endlich
_einem_ aufgeht, der dann den tiefen Sinn des Künstlers bewundert. Aber
sollte man dies von solchen Köpfen behaupten können?«
Der junge Mann errötete. »Und warum nicht?« fragte er lächelnd. »Die
schönen Formen dieses Gesichtes, die edle Stirne, dieses sinnende
Auge, dieser holde Mund, hat sie der Künstler nicht mit tiefem Geiste
geschaffen, liegt nicht etwas so Anziehendes in diesen Zügen, daß --«
»O bitte, bitte,« unterbrach ihn der Alte, gütig abwehrend; »es war
allerdings eine recht hübsche Person, die dem Künstler gesessen, die
Familie hat schöne Frauen.«
»Wie? welche Familie?« rief der Jüngling erstaunt; er zweifelte an dem
gesunden Verstand des Alten, und doch schienen ihn seine Worte aufs
höchste zu spannen. »Dies Bild ist wohl reine Phantasie, mein Herr, ist
zum wenigsten mehrere hundert Jahre alt!«
»Also glauben Sie das Märchen auch?« flüsterte der Alte; »unter uns
gesagt, diesmal wurde der Scharfblick der Eigentümer doch getäuscht;
ich kenne ja die Dame.«
»Um Gottes willen, Sie kennen sie? wo ist sie jetzt, wie heißt sie?«
sprach Fröben heftig bewegt, indem er die Hand des Spaniers faßte.
»Sage ich lieber, ich _habe_ sie gekannt,« antwortete dieser mit
zitternder Stimme, indem er das feuchte Auge zu der Dame aufschlug.
»Ja, ich habe sie gekannt, in Valencia vor zwanzig Jahren; eine lange
Zeit! Es ist niemand anders als Donna Laura Tortosi.«
»Zwanzig Jahre!« wiederholte der junge Mann traurig und
niedergeschlagen. »Zwanzig Jahre, nein, sie ist es nicht!«
»Sie ist es nicht?« fuhr Don Pedro hitzig auf. »Nicht, sagen Sie?
So können Sie glauben, ein Maler habe diese Züge aus seinem Hirn
zusammengepinselt? Doch ich will nicht ungerecht sein, es war wohl
ein tüchtiger Mann, der sie malte, denn seine Farben sind wahr und
treu, treu und frisch wie das blühende Leben. Aber glauben Sie, daß
ein solcher Künstler aus seiner Phantasie nicht ein ganz anderes Bild
erschafft. Finden Sie nicht, ohne die Familie Tortosi zu kennen, daß
diese Dame offenbar Familienähnlichkeit haben müsse, Familienzüge,
bestimmt und klar von der Natur ausgesprochen, Züge, wie man sie nie
in Gemälden der Phantasie, sondern nur bei guten Porträts findet? Es
ist ein Porträt, sag' ich Ihnen, Sennor, und bei Gott kein anderes,
als das der Donna Laura, wie ich sie vor zwanzig Jahren gesehen in dem
lieblichen Valencia.«
»Mein verehrter Herr,« erwiderte ihm Fröben, »es gibt Aehnlichkeiten,
täuschende Aehnlichkeiten; man glaubt oft einen Freund sprechend
getroffen zu sehen, nur in sonderbarem, veraltetem Kostüm, und wenn man
fragt, ist es sein Urahn aus dem Dreißigjährigen Kriege oder überdies
gar noch ein Fremder. Ich gebe auch zu, daß dieses Bild sogenannte
Familienzüge trage, daß es der liebenswürdigen Donna Laura gleiche,
aber _dieses_ Bild, dieses ist alt, und so viel weiß man wenigstens
aus Registern und Kirchenbüchern, daß es in der Magdalenenkirche zu K.
schon seit hundertundfünfzig Jahren hing, durch zufällige Stiftung,
nicht auf Bestellung, in die Kirche kam, und nach allen Anzeichen von
dem deutschen Maler Lukas Cranach gefertigt wurde.«
»So hole der lebendige Satan meine Augen!« rief Don Pedro ärgerlich,
indem er aufsprang und seinen Hut nahm. »Ein Blendwerk der Hölle ist's,
sie will mich in meinen alten Tagen noch einmal durch dies Gemälde in
Wehmut und Gram versenken.« Tränen standen dem alten Mann in den Augen,
als er mit hastigen, dröhnenden Schritten die Galerie verließ.
5.
Aber dennoch war er auch jetzt nicht zum letztenmal dagewesen. Fröben
und er sahen sich noch oft vor dem Bilde, und der Alte gewann den
jungen Mann durch sein bescheidenes, aber bestimmtes Urteil, durch
seine liebenswürdige Offenheit, durch sein ganzes Wesen, das feine
Erziehung, treffliche Kenntnisse und einen für diese Jahre seltenen
Takt verriet, immer lieber. Der Alte war fremd in dieser Stadt, er
fühlte sich einsam, dennoch war er der Welt nicht so sehr abgestorben,
daß er nicht hin und wieder einen Menschen hätte sprechen mögen. So kam
es, daß er sich unvermerkt näher an den jungen Fröben anschloß; zog ihn
ja dieser auch dadurch so unbeschreiblich an, daß er ein teures Gefühl
mit ihm teilte, nämlich die Liebe zu jenem Bilde.
So kam es, daß er den jungen Mann auf dem Spaziergang gerne begleitete,
daß er ihn oft einlud, ihm abends Gesellschaft zu leisten. Eines
Abends, als der Speisesaal im König von England ungewöhnlich gefüllt
war und rings um die beiden fremde Gäste saßen, so daß sie sich im
traulichen Gespräche gehindert fühlten, sprach Don Pedro zu seinem
jungen Freund: »Sennor, wenn Ihr anders diesen Abend nicht einer Dame
versprochen habt, vor ihrem Gitter mit der Laute zu erscheinen, oder
wenn Euch nicht sonst ein Versprechen hindert, so möchte ich Euch
einladen, eine Flasche echten Ximenes mit mir auszustechen auf meinem
Gemach.«
»Sie ehren mich unendlich,« antwortete Fröben, »mich bindet kein
Versprechen, denn ich kenne hier keine Dame, auch ist es hiesigen Orts
nicht Sitte, abends die Laute zu schlagen auf der Straße oder sich mit
der Geliebten am Fenster zu unterhalten. Mit Vergnügen werde ich Sie
begleiten.«
»Gut; so geduldet Euch hier noch eine Minute, bis ich mit Diego die
Einrichtung gemacht; ich werde Euch rufen lassen.«
Der Alte hatte diese Einladung mit einer Art von Feierlichkeit
gesprochen, die Fröben sonderbar auffiel. Jetzt erst entsann er sich
auch, daß er noch nie auf Don Pedros Zimmer gewesen, denn immer hatten
sie sich in dem allgemeinen Speisesaal des Gasthofs getroffen. Doch aus
allem zusammen glaubte er schließen zu müssen, daß es eine besondere
Höflichkeit sei, die ihm der Spanier durch diese Einführung bei sich
erzeigen wolle. Nach einer Viertelstunde erschien Diego mit zwei
silbernen Armleuchtern, neigte sich ehrerbietig vor dem jungen Mann und
forderte ihn auf, ihm zu folgen. Fröben folgte ihm und bemerkte, als
er durch den Saal ging, daß alle Trinkgäste ihm neugierig nachschauten
und die Köpfe zusammensteckten. Im ersten Stock machte Diego eine
Flügeltüre auf und winkte dem Gast, einzutreten. Ueberrascht blieb
dieser auf der Schwelle stehen. Sein alter Freund hatte den Frack
abgelegt, ein schwarzes, geschlitztes Wams mit roten Puffen angezogen
und einen langen Degen mit goldenem Griff umgeschnallt; ein dunkelroter
Mantillo fiel ihm über die Schultern. Feierlich schritt er seinem Gast
entgegen und streckte seine dürre Hand aus den reichen Manschetten
hervor, ihn zu begrüßen. »Seid mir herzlich willkommen, Don Fröbenio,«
sprach er, »stoßet Euch nicht an diesem prunklosen Gemach; auf Reisen,
wie Ihr wißt, fügt sich nicht alles wie zu Hause. Weicher allerdings
geht es sich in meinem Saale zu Lissabon, und meine Diwans sind echt
maurische Arbeit; doch setzet Euch immer zu mir auf dies schmale Ding,
Sofa genannt, ist doch der Wein des Herrn Schwaderer echt und gut;
setzt Euch!«
Er führte unter diesen Worten den jungen Mann zu einem Sofa; der Tisch
vor diesem war mit Konfitüren und Wein besetzt; Diego schenkte ein und
brachte Zündstock und Zigarren.
»Schon lange,« hub dann Don Pedro an, »schon lange hätte ich gern
einmal so recht vertraulich zu Euch gesprochen, Don Fröbenio, wenn Ihr
anders mein Vertrauen nicht gering achtet. Sehet, wenn wir uns oft zur
Mittagsstunde vor Lauras Bildnis trafen, da habe ich Euch, wenn Ihr
so recht versunken waret in Anschauung, aufmerksam betrachtet, und,
vergebt mir, wenn meine alten Augen einen Diebstahl an Euren Augen
begingen, ich bemerkte, daß der Gegenstand dieses Gemäldes noch höheres
Interesse für Euch haben müsse und eine tiefere Bedeutung, als Ihr mir
bisher gestanden.«
Fröben errötete; der Alte sah ihn so scharf und durchdringend an,
als wollte er im innersten Grund seiner Seele lesen. »Es ist wahr,«
antwortete er, »dieses Bild hat eine tiefe Bedeutung für mich, und Sie
haben recht gesehen, wenn Sie glauben, es sei nicht das _Kunstwerk_,
was mich interessiere, sondern der _Gegenstand_ des Gemäldes. Ach, es
erinnert mich an den sonderbarsten, aber glücklichsten Moment meines
Lebens! Sie werden lächeln, wenn ich Ihnen sage, daß ich einst ein
Mädchen sah, das mit diesem Bild täuschende Aehnlichkeit hatte; ich sah
sie nur einmal und nie wieder, und darum gehört es zu meinem Glück,
wenigstens ihre holden Züge in diesem Gemälde wieder aufzusuchen.«
»O Gott! das ist ja auch _mein_ Fall!« rief Don Pedro.
»Doch lachen werden Sie,« fuhr Fröben fort, »wenn ich gestehe, daß ich
nur von einem Teil des Gesichtes dieser Dame sprechen kann. Ich weiß
nicht, ist sie blond oder braun, ist ihre Stirne hoch oder nieder, ist
ihr Auge blau oder dunkel, ich weiß es nicht! Aber diese zierliche
Nase, dieser liebliche Mund, diese zarten Wangen, dieses weiche Kinn
finde ich auf dem geliebten Bilde, wie ich es im Leben geschaut!«
»Sonderbar! -- Und diese Formen, die sich dem Gedächtnis weniger tief
einzudrücken pflegen als Auge, Stirn und Haar, diese sollten, nachdem
Ihr nur einmal sie gesehen, so lebhaft in Eurer Seele stehen?«
»O Don Pedro!« sprach der Jüngling bewegt, »einen Mund, den man
_einmal_ geküßt hat, einen _solchen_ Mund vergißt man so leicht nicht
wieder. Doch, ich will erzählen, wie es mir damit ergangen.« --
»Halt ein, kein Wort!« unterbrach ihn der Spanier; »Ihr würdet mich
für sehr schlecht erzogen halten müssen, wollte ich einem Kavalier
sein Geheimnis entlocken, ohne ihm das meine zuvor als Pfand gegeben
zu haben. Ich will Euch erzählen von der Dame, die ich in jenem
sonderbaren Bild erkannte, und wenn Ihr mich dann Eures Vertrauens
würdig achtet, so möget Ihr mir mit Eurer Geschichte vergelten. Doch,
Ihr trinket ja nicht; es ist echter, spanischer Wein, und ihn müßt Ihr
trinken, wenn Ihr mit mir Valencia besuchen wollt.«
Sie tranken von dem begeisternden Ximenes und der Alte hub an.
6.