Wer im Jahre 1824 abends hie und da in den Gasthof zum König von

England in Stuttgart kam oder nachmittags zwischen zwei und drei in

den Anlagen auf dem breiten Wege promenierte, muß sich, wenn anders

sein Gedächtnis nicht zu kurz ist, noch einiger Gestalten erinnern, die

damals jedes Auge auf sich zogen. Es waren nämlich zwei Männer, die

ganz und gar nicht unter die gewöhnlichen Stuttgarter Trinkgäste oder

Anlagenspaziergänger paßten, sondern eher auf den Prado zu Madrid oder

in ein Café zu Lissabon oder Sevilla zu gehören schienen. Denket euch

einen ältlichen, großen, hageren Mann mit schwärzlichgrauen Haaren,

tiefen, brennenden Augen von dunkelbrauner Farbe, mit einer kühn

gebogenen Nase und feinem eingepreßten Mund. Er geht langsam, stolz

und aufrecht. Zu seinen schwarzseidenen Beinkleidern und Strümpfen,

zu den großen Rosen auf den Schuhen und den breiten Schnallen am

Kniegürtel, zu dem langen, dünnen Degen an der Seite, zu dem hohen,

etwas zugespitzten Hut mit breitem Rande, schief an die Stirne

gedrückt, wünschet ihr, wenn euch nur einigermaßen Phantasie innewohnt,

ein kurzes, geschlitztes Wams und einen spanischen Mantel statt des

schwarzen Frackes, den der Alte umgelegt hat.

Und der Diener, der ihm ebenso stolzen Schrittes folgt, erinnert

er nicht durch das spitzbübische, dummdreiste Gesicht, durch die

fremdartige, grelle Kleidung, durch das ungenierte Wesen, womit er um

sich schaut, alles angafft und doch nichts bewundert, an jene Diener

im spanischen Lustspiel, die ihrem Herrn wie ein Schatten treu, an

Bildung tief unter ihm, an Stolz neben ihm, an List und Schlauheit über

ihm stehen? Unter dem Arm trägt er seines Gebieters Sonnenschirm und

Regenmantel, in der Hand eine silberne Büchse mit Zigarren und eine

Lunte.

Wer blieb nicht stehen, wenn diese beiden langsam durch die Promenade

wandelten, um ihnen nachzusehen? Es war aber bekanntlich niemand

anders, als _Don Pedro di San Montanjo Ligez_, der Haushofmeister des

Prinzen von P., der sich zu jener Zeit in Stuttgart aufhielt, und

Diego, sein Diener.

Wie es oft zu geschehen pflegt, daß nur ein kleines, geringes Ereignis

dazu gehört, einen Menschen berühmt und auffallend zu machen, so

geschah dies auch mit dem jungen Fröben, der schon seit einem halben

Jahr (so lange mochte er sich wohl in Stuttgart aufhalten) alle Tage

Schlag zwei Uhr durch das Schloßportal in die Anlagen trat, dreimal um

den See und fünfmal den breiten Weg auf und nieder ging, an allen den

glänzenden Equipagen, schönen Fräulein, an einer Masse von Direktoren,

Räten und Leutnants vorüberkam und von niemand beachtet wurde, denn er

sah ja aus wie ein ganz gewöhnlicher Mensch von etwa achtundzwanzig

bis dreißig Jahren. Seitdem er aber eines Nachmittags im breiten Weg

auf _Don Pedro_ gestoßen, solcher ihn gar freundlich gegrüßt, seinen

Arm traulich in den seinigen geschoben hatte und mit ihm einigemal,

eifrig sprechend, auf und ab spaziert war, seitdem betrachtete man ihn

neugierig, sogar mit einer gewissen Achtung; denn der stolze Spanier,

der sonst mit niemand sprach, hatte ihn mit auffallender Aestimation

behandelt.

Die schönsten Fräulein fanden jetzt, daß er gar kein übles Gesicht

habe, ja es liege sogar etwas Interessantes, überaus Anziehendes darin,

was man in den Anlagen eben nicht häufig sehe; die Direktoren und

allerlei Räte fragten: »Wer der junge Mann wohl sein könnte?« und nur

einige Leutnants konnten Auskunft geben, daß er hie und da im Museum

Beefsteaks speise, seit einem halben Jahre in der Schloßstraße wohne

und einen schönen Mecklenburger reite, so ihm eigen angehörig. Sie

setzten noch vieles über die Vortrefflichkeit dieses Pferdes hinzu,

wie es gebaut, von welcher Farbe, wie alt es sei, was es wohl kosten

könnte, und kamen so auf die Pferde überhaupt zu sprechen, was sehr

lehrreich zu hören gewesen sein soll.

Den jungen Fröben aber sah man seit dieser Zeit öfter in Gesellschaft

Don Pedros, und gewöhnlich fand er sich abends im König von England

ein, wo er, etwas entfernt von andern Gästen, bei dem Sennor saß

und mit ihm sprach. Diego aber stand hinter dem Stuhl seines Herrn

und bediente beide fleißig mit Xeres und Zigarren. Niemand konnte

eigentlich begreifen, wie die beiden Herren zusammengekommen oder

welches Interesse sie aneinander fanden. Man riet hin und her, machte

Konjekturen, und am Ende hätte doch der junge Mann selbst den besten

Aufschluß darüber geben können, wenn ihn nur einer gefragt hätte.

2.

Und war es denn nicht die schöne Galerie der Brüder _Boisserée_ und

_Bertram_, wo sie sich zuerst fanden und erkannten? Diese gastfreien

Männer hatten dem jungen Manne erlaubt, ihre Bilder so oft zu

besuchen, als er immer wollte; und er tat dies, wenn er nur immer in

der Mittagstunde, wo die Galerie geöffnet wurde, kommen konnte. Es

mochte regnen oder schneien, das Wetter mochte zu den herrlichsten

Ausflügen in die Gegend locken, er kam; er sah oft recht krank aus und

kam dennoch. Man würde aber unbilligerweise den Kunstsinn des Herrn

von Fröben zu hoch anschlagen, wenn man etwa glaubte, er habe die

herrlichen Bilder der alten Niederländer studiert oder nachgezeichnet.

Nein, er kam leise in die Türe, grüßte schweigend und ging in ein

entferntes Zimmer, vor _ein_ Bild, das er lange betrachtete; und ebenso

still verließ er wieder die Galerie. Die Eigentümer dachten zu zart,

als daß sie ihn über seine wunderliche Vorliebe für das Bild befragt

hätten; aber auch ihnen mußte es natürlich aufgefallen sein, denn oft,

wenn er herausging, konnte er nur schlecht die Tränen verbergen, die

ihm im Auge quollen.

Großen historischen oder bedeutenden Kunstwert hatte das Bildchen

nicht. Es stellte eine Dame in halb spanischer, halb altdeutscher

Tracht vor. Ein freundliches, blühendes Gesicht mit klaren, liebevollen

Augen, mit feinem, zierlichem Mund und zartem, rundem Kinn trat sehr

lebendig aus dem Hintergrund hervor. Die schöne Stirne umzog reiches

Haar und ein kleiner Hut, mit weißen buschigen Federn geschmückt,

der etwas schalkhaft zur Seite saß. Das Gewand, das nur den schönen

zierlichen Hals frei ließ, war mit schweren goldenen Ketten umhängt und

zeugte ebensosehr von der Sittsamkeit als dem hohen Stand der Dame.

»Am Ende ist er wohl in das Bild verliebt,« dachte man, »wie Kalaf in

das der Prinzessin Turandot, obschon mit ungleich geringerer Hoffnung,

denn das Bild ist wohl dreihundert Jahre alt und das Original nicht

mehr unter den Lebenden.«

Nach einiger Zeit schien aber Fröben nicht mehr der einzige Anbeter

des Bildes zu sein. Der Prinz von P. hatte eines Tages mit seinem

Gefolge die Galerie besucht. Don Pedro, der Haushofmeister, hatte die

umherschreitende Schar der Zuschauer verlassen und besah sich die

Gemälde, einsam von Zimmer zu Zimmer wandelnd; doch wie vom Blitz

gerührt, mit einem Ausruf des Erstaunens, war er vor dem Bild jener

Dame stehen geblieben. Als der Prinz die Galerie verließ, suchte

man den Haushofmeister lange vergebens. Endlich fand man ihn, mit

übergeschlagenen Armen, die feurigen Augen halb zugedrückt, den Mund

eingepreßt, in tiefer Betrachtung vor dem Bilde.

Man erinnerte ihn, daß der Prinz bereits die Treppe hinabsteige,

doch der alte Mann schien in diesem Augenblicke nur für _eines_ Sinn

zu haben. Er fragte, wie dies Bild hierher gekommen sei. Man sagte

ihm, daß es von einem berühmten Meister vor mehreren hundert Jahren

gefertigt und durch Zufall in die Hände der jetzigen Eigentümer

gekommen sei.

»O Gott, nein!« antwortete er, »das Bild ist neu, nicht hundert Jahre

alt; woher, sagen Sie, woher? O, ich beschwöre Sie, wo kann ich sie

finden?«

Der Mann war alt und sah zu ehrwürdig aus, als daß man diesen Ausbruch

des Gefühls hätte lächerlich finden können; doch als er dieselbe

Behauptung wieder hörte, daß das Bild alt und wahrscheinlich von Lukas

Cranach selbst gemalt sei, da schüttelte er bedenklich den Kopf.

»Meine Herren,« sprach er und legte beteuernd die Hand aufs Herz,

»meine Herren, Don Pedro di San Montanjo Ligez hält Sie für ehrenwerte

Leute. Sie sind nicht Gemäldeverkäufer und wollen mir dies Bild nicht

als alt verkaufen; ich darf durch Ihre Güte diese Bilder sehen, und Sie

genießen die Achtung dieser Provinz. Aber es müßte mich alles täuschen

oder -- ich kenne die Dame, die jenes Bild vorstellt.«

Mit diesen Worten schritt er, ehrerbietig grüßend, aus dem Zimmer.

»Wahrhaftig!« sagte einer der Eigentümer der Galerie, »wenn wir nicht

so genau wüßten, von wem dieses Bild gemalt ist, wann und wie es in

unsern Besitz kam, und welche lange Reihe von Jahren es vorher in

K. hing, man wäre versucht, an dieser Dame irre zu werden. Scheint

nicht selbst den jungen Fröben irgend eine Erinnerung beinahe täglich

vor dieses Bild zu treiben, und dieser alte Don, blitzte nicht ein

jugendliches Feuer aus seinen Augen, als er gestand, daß er die Dame

kenne, die hier gemalt ist? Sonderbar, wie oft die Einbildung ganz

vernünftigen Menschen mitspielt; und mich müßte alles täuschen, wenn

der Spanier zum letztenmal hier gewesen wäre.«

3.

Und es traf ein; kaum war die Galerie am folgenden Vormittag geöffnet

worden, trat auch schon Don Pedro di San Montanjo Ligez festen,

erhabenen Schrittes ein und strich an der langen Bilderreihe vorüber

nach jenem Zimmer hin, wo die Dame mit dem Federhute aufgestellt war.

Es verdroß ihn, daß der Platz vor dem Bilde schon besetzt war, daß er

es nicht allein und einsam Zug für Zug mustern konnte, wie er so gerne

getan hätte. Ein junger Mann stand davor, blickte es lange an, trat an

ein Fenster, sah hinaus nach dem Fluge der Wolken und trat dann wieder

zu dem Bilde. Es verdroß den alten Herrn etwas; doch -- er mußte sich

gedulden.

Er machte sich an andern Bildern zu schaffen, aber erfüllt von dem

Gedanken an die Dame drehte er alle Augenblicke den Kopf um, um zu

sehen, ob der junge Herr noch immer nicht gewichen sei, aber er stand

wie eine Mauer, er schien in Betrachtung versunken. Der Spanier

hustete, um ihn aus den langen Träumen zu wecken, jener träumte fort;

er scharrte etwas weniges mit dem Fuß auf dem Boden, der junge Mann sah

sich um, aber sein schönes Auge streifte flüchtig an dem alten Herrn

vorüber und haftete dann von neuem auf dem Gemälde.

»San Pedro! San Jago di Compostella!« murmelte der Alte, »welch

langweiliger, alberner Dilettante!« Unmutig verließ er das Zimmer

und die Galerie, denn er fühlte, heute sei ihm schon aller Genuß

benommen durch Verdruß und Aerger. Hätte er doch lieber gewartet!

Den Tag nachher war die Galerie geschlossen, und so mußte er sich

achtundvierzig lange Stunden gedulden, bis er wieder zu dem Gemälde

gehen konnte, das ihn in so hohem Grade interessierte. Noch ehe

die Glocken der Stiftskirche völlig zwölf Uhr geschlagen, stieg er

mit anständiger Eile die Treppe hinan, hinein in die Galerie, dem

wohlbekannten Zimmer zu, und getroffen! Er war der erste, war allein,

konnte einsam betrachten.

Er schaute die Dame lange mit unverwandten Blicken an, sein Auge

füllte nach und nach eine Träne, er fuhr mit der Hand über die grauen

Wimpern. »_O Laura!_« flüsterte er leise. Da tönte ganz vernehmlich

ein Seufzer an seine Ohren, er wandte sich erschrocken um, der junge

Mann von vorgestern stand wieder hier und blickte auf das Bild.

Verdrießlich, sich unterbrochen zu sehen, nickte er mit dem Haupt ein

flüchtiges Kompliment, der junge Mann dankte etwas freundlicher, aber

nicht minder stolz als der Spanier. Auch diesmal wollte der letztere

den überflüssigen Nachbar abwarten; aber vergeblich, er sah zu seinem

Schrecken, wie jener sogar einen Stuhl nahm, sich einige Schritte vor

dem Gemälde niedersetzte, um es mit gehöriger Muße und Bequemlichkeit

zu betrachten.

»Der Geck,« murmelte Don Pedro, »ich glaube gar, er will mein graues

Haar verhöhnen.« Er verließ, noch unmutiger als ehegestern, das Gemach.

Im Vorsaal stieß er auf einen der Eigentümer der Galerie; er sagte

ihm herzlichen Dank für den Genuß, den ihm die Sammlung bereitete,

konnte sich aber nicht enthalten, über den jungen Ruhestörer sich

etwas zu beklagen. »Herr B.,« sagte er, »Sie haben vielleicht bemerkt,

daß vorzüglich _eines_ Ihrer Bilder mich anzog; es interessiert mich

unendlich, es hat eine Bedeutung für mich, die -- die ich Ihnen nicht

ausdrücken kann. Ich kam, so oft Sie es vergönnten, um das Bild zu

sehen, freute mich recht, es ungestört zu sehen, weil doch gewöhnlich

die Menge nicht lange dort verweilt, und -- denken Sie sich, da hat es

mir ein junger, böser Mensch abgelauscht, und kommt, so oft ich komme,

und bleibt, _mir zum Trotze_ bleibt er stundenlang vor diesem Bilde,

das ihn doch gar nichts angeht!«

Herr B. lächelte; denn recht wohl konnte er sich denken, wer den alten

Herrn gestört haben mochte. »Das letztere möchte ich denn doch nicht

behaupten,« antwortete er; »das Bild scheint den jungen Mann ebenfalls

nahe anzugehen, denn es ist nicht das erste Mal, daß er es so lange

betrachtet.«

»Wieso? Wer ist der Mensch?«

»Es ist ein Herr von Fröben,« fuhr jener fort, »der sich seit fünf,

sechs Monaten hier aufhält, und seit er das erste Mal jenes Bild

gesehen, eben jene Dame mit dem Federhut, das auch Sie besuchen, kommt

er alle Tage regelmäßig zu dieser Stunde, um das Bild zu betrachten.

Sie sehen also zum wenigsten, daß er Interesse an dem Bilde nehmen muß,

da er es schon so lange besucht.«

»Herr! Sechs Monate?« rief der Alte. »Nein, dem habe ich bitter unrecht

getan in meinem Herzen, Gott mag es mir verzeihen! Ich glaube gar, ich

habe ihn unhöflich behandelt im Unmut. Und ist ein Kavalier, sagen Sie?

Nein, man soll von Pedro di Ligez nicht sagen können, daß er einen

fremden Mann unhöflich behandelte. Ich bitte, sagen Sie ihm -- doch

lassen Sie das, ich werde ihn wieder treffen und mit ihm sprechen.«

4.

Als er den andern Tag sich wieder einfand und Fröben schon vor dem

Gemälde traf, trat er auch hinzu mit recht freundlichem Gesicht; als

aber der junge Mann ehrerbietig auf die Seite wich, um dem alten Herrn

den bessern Platz einzuräumen, verbeugte sich dieser höflich grüßend

und sprach: »Wenn ich nicht irre, Sennor, so habe ich Sie schon mehrere

Male vor diesem Gemälde verweilen sehen. -- Da geht es Ihnen wohl

gleich mir; auch mir ist dieses Bild sehr interessant, und ich kann es

nie genug betrachten.«

Fröben war überrascht durch diese Anrede; auch ihm waren die Besuche

des Alten vor dem Bilde aufgefallen, er hatte erfahren, wer jener

sei, und nach der steifen, kalten Begrüßung von gestern war er dieser

freundlichen Anrede nicht gewärtig. »Ich gestehe, mein Herr!« erwiderte

er nach einigem Zögern, »dieses Bild zieht mich vor allen andern an,

denn -- weil -- es liegt etwas in diesem Gemälde, das für mich von

Bedeutung ist.« -- Der Alte sah ihn fragend an, als genüge ihm diese

Antwort nicht völlig, und Fröben fuhr gefaßter fort: »Es ist wunderbar

mit Kunstwerken, besonders mit Gemälden. Es gehen an einem Bilde oft

Tausende vorüber, finden die Zeichnung richtig, geben dem Kolorit ihren

Beifall, aber es spricht sie nicht tiefer an, während einem einzelnen

aus solch einem Bilde eine tiefere Bedeutung aufgeht; er bleibt

gefesselt stehen, kann sich kaum losreißen von dem Anblick, er kehrt

wieder und immer wieder, von neuem zu betrachten.«

»Sie können recht haben,« sagte der Alte nachdenkend, indem er auf

das Gemälde schaute, »aber -- ich denke, es ließe sich dies nur von

größeren Kompositionen sagen, von Gemälden, in welche der Maler eine

tiefere Idee legte. Es gehen viele vorüber, bis die Bedeutung endlich

_einem_ aufgeht, der dann den tiefen Sinn des Künstlers bewundert. Aber

sollte man dies von solchen Köpfen behaupten können?«

Der junge Mann errötete. »Und warum nicht?« fragte er lächelnd. »Die

schönen Formen dieses Gesichtes, die edle Stirne, dieses sinnende

Auge, dieser holde Mund, hat sie der Künstler nicht mit tiefem Geiste

geschaffen, liegt nicht etwas so Anziehendes in diesen Zügen, daß --«

»O bitte, bitte,« unterbrach ihn der Alte, gütig abwehrend; »es war

allerdings eine recht hübsche Person, die dem Künstler gesessen, die

Familie hat schöne Frauen.«

»Wie? welche Familie?« rief der Jüngling erstaunt; er zweifelte an dem

gesunden Verstand des Alten, und doch schienen ihn seine Worte aufs

höchste zu spannen. »Dies Bild ist wohl reine Phantasie, mein Herr, ist

zum wenigsten mehrere hundert Jahre alt!«

»Also glauben Sie das Märchen auch?« flüsterte der Alte; »unter uns

gesagt, diesmal wurde der Scharfblick der Eigentümer doch getäuscht;

ich kenne ja die Dame.«

»Um Gottes willen, Sie kennen sie? wo ist sie jetzt, wie heißt sie?«

sprach Fröben heftig bewegt, indem er die Hand des Spaniers faßte.

»Sage ich lieber, ich _habe_ sie gekannt,« antwortete dieser mit

zitternder Stimme, indem er das feuchte Auge zu der Dame aufschlug.

»Ja, ich habe sie gekannt, in Valencia vor zwanzig Jahren; eine lange

Zeit! Es ist niemand anders als Donna Laura Tortosi.«

»Zwanzig Jahre!« wiederholte der junge Mann traurig und

niedergeschlagen. »Zwanzig Jahre, nein, sie ist es nicht!«

»Sie ist es nicht?« fuhr Don Pedro hitzig auf. »Nicht, sagen Sie?

So können Sie glauben, ein Maler habe diese Züge aus seinem Hirn

zusammengepinselt? Doch ich will nicht ungerecht sein, es war wohl

ein tüchtiger Mann, der sie malte, denn seine Farben sind wahr und

treu, treu und frisch wie das blühende Leben. Aber glauben Sie, daß

ein solcher Künstler aus seiner Phantasie nicht ein ganz anderes Bild

erschafft. Finden Sie nicht, ohne die Familie Tortosi zu kennen, daß

diese Dame offenbar Familienähnlichkeit haben müsse, Familienzüge,

bestimmt und klar von der Natur ausgesprochen, Züge, wie man sie nie

in Gemälden der Phantasie, sondern nur bei guten Porträts findet? Es

ist ein Porträt, sag' ich Ihnen, Sennor, und bei Gott kein anderes,

als das der Donna Laura, wie ich sie vor zwanzig Jahren gesehen in dem

lieblichen Valencia.«

»Mein verehrter Herr,« erwiderte ihm Fröben, »es gibt Aehnlichkeiten,

täuschende Aehnlichkeiten; man glaubt oft einen Freund sprechend

getroffen zu sehen, nur in sonderbarem, veraltetem Kostüm, und wenn man

fragt, ist es sein Urahn aus dem Dreißigjährigen Kriege oder überdies

gar noch ein Fremder. Ich gebe auch zu, daß dieses Bild sogenannte

Familienzüge trage, daß es der liebenswürdigen Donna Laura gleiche,

aber _dieses_ Bild, dieses ist alt, und so viel weiß man wenigstens

aus Registern und Kirchenbüchern, daß es in der Magdalenenkirche zu K.

schon seit hundertundfünfzig Jahren hing, durch zufällige Stiftung,

nicht auf Bestellung, in die Kirche kam, und nach allen Anzeichen von

dem deutschen Maler Lukas Cranach gefertigt wurde.«

»So hole der lebendige Satan meine Augen!« rief Don Pedro ärgerlich,

indem er aufsprang und seinen Hut nahm. »Ein Blendwerk der Hölle ist's,

sie will mich in meinen alten Tagen noch einmal durch dies Gemälde in

Wehmut und Gram versenken.« Tränen standen dem alten Mann in den Augen,

als er mit hastigen, dröhnenden Schritten die Galerie verließ.

5.

Aber dennoch war er auch jetzt nicht zum letztenmal dagewesen. Fröben

und er sahen sich noch oft vor dem Bilde, und der Alte gewann den

jungen Mann durch sein bescheidenes, aber bestimmtes Urteil, durch

seine liebenswürdige Offenheit, durch sein ganzes Wesen, das feine

Erziehung, treffliche Kenntnisse und einen für diese Jahre seltenen

Takt verriet, immer lieber. Der Alte war fremd in dieser Stadt, er

fühlte sich einsam, dennoch war er der Welt nicht so sehr abgestorben,

daß er nicht hin und wieder einen Menschen hätte sprechen mögen. So kam

es, daß er sich unvermerkt näher an den jungen Fröben anschloß; zog ihn

ja dieser auch dadurch so unbeschreiblich an, daß er ein teures Gefühl

mit ihm teilte, nämlich die Liebe zu jenem Bilde.

So kam es, daß er den jungen Mann auf dem Spaziergang gerne begleitete,

daß er ihn oft einlud, ihm abends Gesellschaft zu leisten. Eines

Abends, als der Speisesaal im König von England ungewöhnlich gefüllt

war und rings um die beiden fremde Gäste saßen, so daß sie sich im

traulichen Gespräche gehindert fühlten, sprach Don Pedro zu seinem

jungen Freund: »Sennor, wenn Ihr anders diesen Abend nicht einer Dame

versprochen habt, vor ihrem Gitter mit der Laute zu erscheinen, oder

wenn Euch nicht sonst ein Versprechen hindert, so möchte ich Euch

einladen, eine Flasche echten Ximenes mit mir auszustechen auf meinem

Gemach.«

»Sie ehren mich unendlich,« antwortete Fröben, »mich bindet kein

Versprechen, denn ich kenne hier keine Dame, auch ist es hiesigen Orts

nicht Sitte, abends die Laute zu schlagen auf der Straße oder sich mit

der Geliebten am Fenster zu unterhalten. Mit Vergnügen werde ich Sie

begleiten.«

»Gut; so geduldet Euch hier noch eine Minute, bis ich mit Diego die

Einrichtung gemacht; ich werde Euch rufen lassen.«

Der Alte hatte diese Einladung mit einer Art von Feierlichkeit

gesprochen, die Fröben sonderbar auffiel. Jetzt erst entsann er sich

auch, daß er noch nie auf Don Pedros Zimmer gewesen, denn immer hatten

sie sich in dem allgemeinen Speisesaal des Gasthofs getroffen. Doch aus

allem zusammen glaubte er schließen zu müssen, daß es eine besondere

Höflichkeit sei, die ihm der Spanier durch diese Einführung bei sich

erzeigen wolle. Nach einer Viertelstunde erschien Diego mit zwei

silbernen Armleuchtern, neigte sich ehrerbietig vor dem jungen Mann und

forderte ihn auf, ihm zu folgen. Fröben folgte ihm und bemerkte, als

er durch den Saal ging, daß alle Trinkgäste ihm neugierig nachschauten

und die Köpfe zusammensteckten. Im ersten Stock machte Diego eine

Flügeltüre auf und winkte dem Gast, einzutreten. Ueberrascht blieb

dieser auf der Schwelle stehen. Sein alter Freund hatte den Frack

abgelegt, ein schwarzes, geschlitztes Wams mit roten Puffen angezogen

und einen langen Degen mit goldenem Griff umgeschnallt; ein dunkelroter

Mantillo fiel ihm über die Schultern. Feierlich schritt er seinem Gast

entgegen und streckte seine dürre Hand aus den reichen Manschetten

hervor, ihn zu begrüßen. »Seid mir herzlich willkommen, Don Fröbenio,«

sprach er, »stoßet Euch nicht an diesem prunklosen Gemach; auf Reisen,

wie Ihr wißt, fügt sich nicht alles wie zu Hause. Weicher allerdings

geht es sich in meinem Saale zu Lissabon, und meine Diwans sind echt

maurische Arbeit; doch setzet Euch immer zu mir auf dies schmale Ding,

Sofa genannt, ist doch der Wein des Herrn Schwaderer echt und gut;

setzt Euch!«

Er führte unter diesen Worten den jungen Mann zu einem Sofa; der Tisch

vor diesem war mit Konfitüren und Wein besetzt; Diego schenkte ein und

brachte Zündstock und Zigarren.

»Schon lange,« hub dann Don Pedro an, »schon lange hätte ich gern

einmal so recht vertraulich zu Euch gesprochen, Don Fröbenio, wenn Ihr

anders mein Vertrauen nicht gering achtet. Sehet, wenn wir uns oft zur

Mittagsstunde vor Lauras Bildnis trafen, da habe ich Euch, wenn Ihr

so recht versunken waret in Anschauung, aufmerksam betrachtet, und,

vergebt mir, wenn meine alten Augen einen Diebstahl an Euren Augen

begingen, ich bemerkte, daß der Gegenstand dieses Gemäldes noch höheres

Interesse für Euch haben müsse und eine tiefere Bedeutung, als Ihr mir

bisher gestanden.«

Fröben errötete; der Alte sah ihn so scharf und durchdringend an,

als wollte er im innersten Grund seiner Seele lesen. »Es ist wahr,«

antwortete er, »dieses Bild hat eine tiefe Bedeutung für mich, und Sie

haben recht gesehen, wenn Sie glauben, es sei nicht das _Kunstwerk_,

was mich interessiere, sondern der _Gegenstand_ des Gemäldes. Ach, es

erinnert mich an den sonderbarsten, aber glücklichsten Moment meines

Lebens! Sie werden lächeln, wenn ich Ihnen sage, daß ich einst ein

Mädchen sah, das mit diesem Bild täuschende Aehnlichkeit hatte; ich sah

sie nur einmal und nie wieder, und darum gehört es zu meinem Glück,

wenigstens ihre holden Züge in diesem Gemälde wieder aufzusuchen.«

»O Gott! das ist ja auch _mein_ Fall!« rief Don Pedro.

»Doch lachen werden Sie,« fuhr Fröben fort, »wenn ich gestehe, daß ich

nur von einem Teil des Gesichtes dieser Dame sprechen kann. Ich weiß

nicht, ist sie blond oder braun, ist ihre Stirne hoch oder nieder, ist

ihr Auge blau oder dunkel, ich weiß es nicht! Aber diese zierliche

Nase, dieser liebliche Mund, diese zarten Wangen, dieses weiche Kinn

finde ich auf dem geliebten Bilde, wie ich es im Leben geschaut!«

»Sonderbar! -- Und diese Formen, die sich dem Gedächtnis weniger tief

einzudrücken pflegen als Auge, Stirn und Haar, diese sollten, nachdem

Ihr nur einmal sie gesehen, so lebhaft in Eurer Seele stehen?«

»O Don Pedro!« sprach der Jüngling bewegt, »einen Mund, den man

_einmal_ geküßt hat, einen _solchen_ Mund vergißt man so leicht nicht

wieder. Doch, ich will erzählen, wie es mir damit ergangen.« --

»Halt ein, kein Wort!« unterbrach ihn der Spanier; »Ihr würdet mich

für sehr schlecht erzogen halten müssen, wollte ich einem Kavalier

sein Geheimnis entlocken, ohne ihm das meine zuvor als Pfand gegeben

zu haben. Ich will Euch erzählen von der Dame, die ich in jenem

sonderbaren Bild erkannte, und wenn Ihr mich dann Eures Vertrauens

würdig achtet, so möget Ihr mir mit Eurer Geschichte vergelten. Doch,

Ihr trinket ja nicht; es ist echter, spanischer Wein, und ihn müßt Ihr

trinken, wenn Ihr mit mir Valencia besuchen wollt.«

Sie tranken von dem begeisternden Ximenes und der Alte hub an.

6.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 1 · 第 7 / 22 段