»Durchlaucht! ich bitte um Gottes willen, geben Sie mir das Billett,«

sagte der Major, von den schrecklichsten Qualen gefoltert, »es ist gar

nicht einmal an Sie, es ist in ganz unrechte Hände gekommen.«

»So? um so besser; das gebe ich um keine Welt heraus, das soll mir

Aufschluß geben über die Geheimnisse gewisser Leute! An eine Dame war

es also auf jeden Fall; es ist wirklich hübsch, daß es gerade in meine

Hände kam.«

Der Major wollte noch einmal bitten, beschwören, aber der Prinz fuhr

mit seinem Kopf dazwischen, die beiden Generale fielen mit Fragen

und Neuigkeiten herein, er mußte sich zurückziehen. Verfolgt von

schrecklichen Qualen, ging er zu seiner Loge zurück, er preßte seine

Augen in die Hand, um die Unglückliche nicht zu sehen, und immer wieder

mußte er von neuem hinschauen, mußte von neuem die Qualen der Angst,

die Gewißheit des nahenden Unglücks mit seinen Blicken einsaugen.

Die Diamanten am Schlosse ihres Armbandes spielten in tausend Lichtern,

ihre Strahlen zuckten zu ihm herüber, sie drangen wie tausend Pfeile

in sein Herz. »Welchen Jammer verschließen jene Diamanten! Wenn sie

im einsamen Gemach diese Bänder öffnet, öffnet sie nicht zugleich

die Pforte eines grauenvollen Frevels? Ihr Puls schlägt an diese

unseligen Zeilen, wie ihr Herz für den Geliebten pocht; wird es nicht

stillestehen, wenn das Siegel springt, und das ahnungslose Auge auf

eine furchtbare Kunde fällt?«

Desdemona stimmte ihre Harfe; ihre wehmütigen Akkorde zogen

flüsternd durch das Haus, sie erhob ihre Stimme, sie sang --

ihren Schwanengesang. Wie wunderbar, wie mächtig ergriffen diese

melancholischen Klänge jedes Herz; so einfach, so kindlich dieses Lied,

und doch von so hohem, tragischem Effekt! Man fühlt sich bange und

beengt, man ahnt, welch grauenvolles Schicksal ihrer warte, man glaubt

den Mörder in der Ferne schleichen zu hören, man fühlt die unabwendbare

Macht des Schicksals näher und näher kommen, es umrauscht sie wie die

Fittiche des Todes. Sie ahnet es nicht; sanft, arglos wie ein süßes

Kind sitzt sie an der Harfe, nur die Schwermut zittert in weichen

Klängen aus ihrer Brust hervor, aus diesem vollen, liebewarmen Herzen,

für das der Stahl schon gezückt ist. Sie flüstert Liebesgrüße in die

Ferne nach ihm, der sie zermalmen wird; ihre Sehnsucht scheint ihn in

ihre Arme zu rufen, er wird kommen -- sie zu morden; sie betet für ihn,

Desdemona segnet ihn -- der ihr den Tod gibt.

Der Major teilte seine Blicke zwischen der Sängerin und Sophien. Sie

lauschte, in Wehmut versunken, auf das Lieblingslied, eine Träne hing

in ihren Wimpern, sie weinte unbewußt über ihr _eigenes Geschick_,

die Akkorde der Harfe verschwebten, Sophie sah sinnend, träumend vor

sich hin. »Wenn ich einst sterbe, soll es mein Schwanengesang sein,«

klang es in der Erinnerung des Majors. »Wahrlich, sie hat wahr gesagt,«

sprach er zu sich, »es war der Schwanengesang ihres Glückes.« Othello

trat auf. Sophiens Aufmerksamkeit war jetzt nicht mehr auf die Oper

gerichtet, sie sah herab auf ihr Armband, sie spielte mit dem Schloß;

ein heiteres Lächeln verdrängte ihre Wehmut, ihre Blicke streiften

nach der Loge des Majors herüber, er strengte angstvoll seine Blicke

an -- Gott im Himmel, sie schiebt das unglückselige Papier hervor

und verbirgt es in ihr Tuch -- er glaubt zu sehen, wie sie heimlich

das Siegel bricht -- verzweiflungsvoll stürzt er aus seiner Loge den

Korridor entlang. Er weiß nicht warum, es treibt ihn mit unsichtbarer

Gewalt der fürstlichen Loge zu, er ist nur noch einige Schritte

entfernt -- da hört er ein Geräusch in dem Haus, man kommt aus der

Loge, Bediente und Kammerfrauen eilen ängstlich an ihm vorüber, eine

schreckliche Ahnung sagt ihm schon vorher, was es bedeute, er fragt,

er erhält die Antwort: »Prinzessin Sophie ist plötzlich in Ohnmacht

gesunken!«

9.

Düster, zerrissen in seinem Innern, saß einige Tage nach diesem Vorfall

der Major Larun in seinem Zimmer. Seine Stirne ruhte in der Hand, sein

Gesicht war bleich, seine Augen halb geschlossen, der sonst so starke

Mann zerdrückte manche Träne, die sich über seine Wimpern stehlen

wollte. Er dachte an das schreckliche Geschick, in dessen innerstes

Gewebe ihn der Zufall geworfen; er sah alle diese feinen Fäden, die,

wenigen Augen außer ihm sichtbar, so lose sich anknüpften; er sah,

wie sie weiter gesponnen, wie sie verknüpft und gedoppelt zu einem

nur zu festen Netz um ein zartes, unglückliches Herz sich schlangen.

Unbesiegbare Bitterkeit mischte sich in diese trüben Erinnerungen; sein

alter Waffenfreund, ein so glänzendes Meteor am Horizont der Ehre, ein

so braver Soldat, und jetzt ein Elender, Ehrvergessener, der, ohne nur

entfernt einen andern Ausgang erwarten zu können, mit allen Künsten der

Liebe die unbewachten Sinne eines kaum zur Jungfrau erblühten Kindes

betörte! In diese Gedanken mischte sich das Bild dieses so unendlich

leidenden Engels, mischte sich die Angst vor einer Szene, welcher er

in der nächsten Stunde entgegengehen sollte. Eine angesehene Dame, die

Oberhofmeisterin der Prinzessin Sophie, hatte ihn diesen Nachmittag

zu sich rufen lassen. Sie entdeckte ihm ohne Hehl, daß Sophie von

einer schweren Krankheit befallen sei, daß die Aerzte wenig Hoffnung

geben, denn sie nennen ihre Krankheit einen Nervenschlag. Sie sagte

ihm weiter, die Prinzessin habe ihr _alles_ gesagt, sie habe ihr kein

Wort dieses strafbaren Verhältnisses verschwiegen. Sie wisse, daß in

der Residenz nur _ein_ Mensch lebe, der jenen Grafen Zronievsky näher

gekannt habe, dies sei der Baron von Larun. Mit einer Angst, einem

Verlangen, das an Verzweiflung grenze, dringe die Unglückliche darauf,

mit ihm ohne Zeugen zu sprechen. Die Oberhofmeisterin wußte wohl,

wie sehr dies gegen die Vorschriften laufe, welche die Etikette ihr

auferlegen, aber der Anblick des jammernden Kindes, das nur noch dies

eine Geschäft auf der Erde abmachen zu wollen schien, erhob sie über

die Schranken ihrer Verhältnisse, sie wagte es, dem Major den Vorschlag

zu machen, diesen Abend unter ihrer Begleitung heimlich zu der Kranken

zu gehen.

Der Major hatte nicht nein gesagt. Er wußte, daß er ihr nichts

Tröstliches sagen könne, er fühlte aber, wie in einem so tiefen Gram

das Verlangen nach Mitteilung unüberwindlich werden müsse.

Aber was sollte er ihr sagen? Mußte er nicht befürchten, von ihrem

Anblick, von den trüben Erinnerungen der letzten Tage so bestürmt zu

werden, daß sein lauter Schmerz sie noch unglücklicher machte? Er war

noch in diese Gedanken versunken, als ihm gemeldet wurde, daß man ihn

erwarte; die alte Oberhofmeisterin hielt in ihrem Wagen vor dem Hause;

er setzte sich schweigend an ihre Seite.

»Sie werden die Prinzessin sehr schlecht finden,« sagte diese Dame mit

Tränen, »ich gebe alle Hoffnung auf. Ich kann mir nicht denken, daß

in der Unterredung mit Ihnen, Herr Baron, noch etwas Rettendes liegen

könne. Werden Sie ihr keinen Trost geben können, so verlischt sie uns

wie eine Lampe, die kein Oel mehr hat, um ihre Flamme zu nähren; und

wollten Sie ihr Trost, Hoffnung geben, so sind diese Gefühle in ihren

Verhältnissen von so unnatürlicher Art, daß ich beinahe wünschen müßte,

sie möge eher sterben, als ihrem Hause Schande machen.«

»Also werde ich ihr den Tod bringen müssen,« sagte der Major bitter

lächelnd; -- -- »weiß man in der Familie um diese Geschichten? Was

denkt man von der Krankheit?«

»Wie ich Ihnen sagte, Herr Baron; die Familie, der Hof und die Stadt

weiß nichts anders, als daß sie sich erkältet haben muß; die törichten

Leute bringen auch noch die fatale Oper ins Spiel und lassen sie am

Othello sterben. Was wir beide _wissen_, ist sonst niemand bekannt; es

gibt einige Damen, die dieses Verhältnis früher ahneten, aber nicht

genau wußten.«

»Und doch fürchte ich,« entgegnete der Major, indem er seinen

durchdringenden Blick auf die Dame an seiner Seite heftete, »ich

fürchte, sie stirbt an einem sehr gewagten Bubenstück. Man hat dieses

Verhältnis geahnet, demselben nachgespürt, es wurde zur Gewißheit; man

suchte eine Trennung herbeizuführen, man spürte die Verhältnisse des

Grafen aus --«

»Glauben Sie?« sagte die Oberhofmeisterin blaß und mit bebenden Lippen,

indem sie umsonst versuchte, den Blick des Majors auszuhalten.

»Man forschte diese Verhältnisse aus,« fuhr der Major fort; »man suchte

ihn von hier wegzuschrecken, indem man ihm drohte, der Prinzessin zu

sagen, daß er verheiratet sei. Bis hierher war der Plan nicht übel; es

gehörte einem solchen Elenden, daß man nicht gelinder mit ihm verfuhr.

Aber man ging weiter: man wollte auch die unglückliche Dame schnell

von ihrer Liebe heilen, man machte sie mit dem Geheimnis des Grafen

bekannt, man glaubte, sie werde alles über Nacht vergessen. Und hier

war der Plan auf die Nerven eines Dragoners berechnet, aber nicht auf

das Herz dieses zarten Kindes.«

»Ich muß bitten, zu bedenken,« entgegnete die Oberhofmeisterin mit

ihrer früheren Kälte, aber mit stechenden Blicken, »daß dieses _zarte_

Kind eine Prinzessin des fürstlichen Hauses ist, daß sie erzogen wurde,

um mit Anstand über solche Mißverhältnisse wegzusehen. Sollte wirklich

irgend ein solcher Plan vorhanden gewesen sein, so kann ich die

Handelnden nicht tadeln, sie haben wahrhaft geschickt operiert --«

»Sie haben ihren Zweck erreicht, sie wird sterben;« unterbrach sie der

Major.

»_Ich_ hätte meinen Zweck erreicht? mein Herr, ich muß bitten --«

»Sie?« sagte Larun mit gleichgültiger Stimme; »von Ihnen, gnädige Frau,

sprach ich nicht, ich sagte: sie, die Handelnden, die Operierenden.«

Die alte Dame biß sich in die Lippen und schwieg. Wenige Augenblicke

nachher waren sie an einer Seitenpforte des Palais angelangt. Ein

alter Diener führte sie durch ein Labyrinth von Korridors und Treppen.

Endlich waren die Gänge breiter, die Beleuchtung auf elegantere Art

angebracht, der Major bemerkte, daß sie in den bewohnteren Flügel des

Schlosses gelangt seien. Der Alte winkte in eine Seitentür. Der Weg

ging jetzt durch mehrere Gemächer bis in einen Salon, der wohl zu den

Appartements der Prinzessin gehören mochte, wo die Oberhofmeisterin

dem Major zuflüsterte, er möchte einstweilen in einem Fauteuil sich

gedulden, bis sie ihn rufen lasse.

Nach einer tödlich langen Viertelstunde erschien sie wieder. Sie

sagte ihm, daß nach dem ausdrücklichen Willen der Kranken er allein

mit ihr sein werde; sie selbst wolle sich als ~dame d'honneur~ an die

Türe setzen, wo sie gewiß nichts hören könne, wenn man nicht gar zu

laut spreche. Uebrigens dürfe er nicht länger als eine Viertelstunde

bleiben. Der Major trat ein. Das prachtvolle Gemach mit seinen

schimmernden Tapeten und goldenen Leisten, die reiche Draperie der

Gardinen, die bunten Farben des türkischen Fußteppichs taten seinem

Auge wehe, denn das Gemüt will ein leidendes Herz, einen kranken Körper

nicht mit den Flittern der Hoheit umgeben sehen. Und wie groß war

der Kontrast zwischen diesem Glanz der Umgebung und diesem zarten,

lieblichen Kind, das in einem einfachen, weißen Gewand auf einer

prachtvollen Ottomane lag.

Der Eindruck, den ihre Züge, ihre Gestalt, ihr ganzes Wesen zum

erstenmal auf ihn gemacht hatten, kehrte auch jetzt wieder in die Seele

des Majors. Es war ihre einfache, ungeschmückte Schönheit, ihre stille

Größe, verborgen hinter dem Zauber kindlicher Liebenswürdigkeit, was

ihn angezogen hatte. Wohl blendete ihn damals der Glanz der frischen,

jugendlichen Farben, die lebhaft strahlenden Augen, jenes gewinnende,

huldvolle Lächeln, das ihre feinen, rosigen Lippen umschwebte. Ein

Nachtfrost hatte diese Blüten abgestreift; aber gab ihr nicht diese

durchsichtige Blässe, diese stille Trauer in dem sinnigen Auge, dieser

wehmütige Zug um den Mund, der nie mehr scherzte, eine noch erhabenere

Schönheit, einen noch gefährlicheren Zauber? Der Major stand einige

Schritte von ihr stille und betrachtete sie mit tiefer Rührung. Sie

winkte ihm nach einem Taburett, das zu ihren Füßen stand; sie sprach;

ihre Stimme hatte zwar jenes helle Metall verloren, das sonst ihre

heiteren Scherze, ihr fröhliches Lachen ertönen ließ, aber diese

weichen, rührenden Töne drangen tiefer. -- »Es wäre töricht von mir,

Herr Baron,« sprach sie, »wollte ich Sie lange in Ungewißheit lassen,

warum ich Sie rufen ließ. Ich weiß, daß der Graf Sie, als seinen besten

Freund, von einem Verhältnis unterrichtet hat, das nie hätte bestehen

sollen. -- Erinnern Sie sich noch des Abends in Othello? Ich sagte

Ihnen von einem Billett, das ich bekommen habe; ich erinnere mich, daß

Sie mir es wiederholt abforderten; warum haben Sie das getan?«

»Warum? fragen Euer Durchlaucht, weil ich den Inhalt ahnete, zu wissen

glaubte.«

»Also doch!« rief sie und eine Träne drang aus ihrem schönen Auge;

»also doch! Ich hielt Sie, seit dem ersten Augenblick, wo ich Sie sah,

für einen Mann von Ehre; wenn Sie die Verhältnisse des Grafen wußten,

warum haben Sie ihn nicht bälder entfernt, warum mir nicht den Schmerz

erspart, ihn verachten zu müssen?«

»Ich kann bei allem, was mir heilig ist, bei meiner Ehre schwören,«

entgegnete der Major, »daß ich kaum eine Stunde, bevor ich zu Euer

Durchlaucht in die Loge trat, diese Verhältnisse durch ein Papier

erfahren habe, das durch Zufall statt in des Grafen Hände in die

meinigen kam. Als ich den Grafen darüber zur Rede stellen wollte, hatte

er schon Nachricht davon bekommen und war abgereist. Ich ahnete aus

gewissen Winken, die jenes Briefchen enthielt, daß auch _Sie_ nicht

verschont bleiben werden; umsonst versuchte ich das unglückliche

Blättchen Euer Durchlaucht abzuschwätzen.«

»Sie glauben also an diese Erfindung?« sagte Sophie, indem ihre Tränen

heftiger strömten; »ach, es ist ja nur ein Kunstgriff _gewisser Leute_,

die ihn von uns entfernen wollten. Lesen Sie dieses Billett, es ist

dasselbe, das ich erhielt; gestehen Sie selbst, es ist Verleumdung!«

Der Major las:

»Der Graf von Z. ist verheiratet; seine Gemahlin lebt in Avignon; drei

kleine Kinder weinen um ihren Vater. -- Sollte eine erlauchte Dame so

wenig Ehrgefühl, so wenig Mitleid besitzen, ihn diesen Banden noch

länger zu entziehen?«

Es war dieselbe Handschrift, dasselbe Siegel wie jenes Billett, das

er selbst bekommen hatte. Er sah noch immer in diese Zeilen; er wagte

nicht aufzuschauen, er wußte nicht zu antworten; denn seine strengen

Begriffe von Wahrheit erlaubten ihm nicht, gegen seine Ueberzeugung zu

sprechen, das tiefe Mitleid mit ihrem Schmerz ließ ihn ihre Hoffnung

nicht so grausam niederschlagen.

»Sehen Sie,« fuhr sie fort, als er noch immer schwieg, »wie ich

dieses Briefchen arglos, neugierig erbrach, so überraschten mich jene

schrecklichen Worte _Gemahlin_, _Vater_ wie eine Stimme des Gerichtes.

Die Sinne schwanden mir; ich wurde recht krank und elend; aber so oft

ich nur eine Stunde mich leichter fühle, steigt meine Hoffnung wieder;

ich glaube, Zronievsky kann doch nicht so gar schlecht gewesen sein, er

kann mich nicht so schrecklich betrogen haben. Lächeln Sie doch, Major,

seien Sie freundlich! -- Ich erlaube Ihnen, Sie dürfen mich verspotten,

weil ich mich durch diese Zeilen so ganz außer Fassung bringen ließ,

-- aber nicht wahr, Sie meinen selbst, es ist eine Lüge, es ist

Verleumdung?«

Der Major war außer sich; was sollte er ihr sagen? Sie hing so

erwartungsvoll an seinen Lippen, es war, als sollte _ein_ Wort von ihm

sie ins Leben rufen -- ihr Auge strahlte wieder, jenes holde Lächeln

erschien wieder auf ihren lieblichen Zügen -- sie lauschte wie auf die

Botschaft eines guten Engels.

Er antwortete nicht, er sah finster auf den Boden; da verschwand

allmählich die frohe Hoffnung aus ihren Zügen, das Auge senkte sich,

der kleine Mund preßte sich schmerzlich zusammen, das zarte Rot, das

noch einmal ihre Wangen gefärbt hatte, floh; sie senkte ihre Stirne in

die schöne Hand, sie verbarg ihre weinenden Augen.

»Ich sehe,« sagte sie, »Sie sind zu edel, mir mit Hoffnungen zu

schmeicheln, die nach wenigen Tagen wieder verschwinden müßten. Ich

danke Ihnen auch für diese schreckliche Gewißheit. Sie ist immer besser

als das ungewisse Schweben zwischen Schmerz und Freude; und nun, mein

Freund, nehmen Sie dort das Kästchen, suchen Sie es ihm zuzustellen, es

enthält manches, was mir teuer war -- doch nein, lassen Sie es mir noch

einige Tage, ich schicke es Ihnen, wenn ich es nicht mehr brauche.

Es ist mir, als werde ich nicht mehr lange leben,« fuhr sie nach

einigen Augenblicken fort; »ich bin gewiß nicht abergläubisch, aber

warum muß ich gerade nach diesem fatalen Othello krank werden?«

»Ich hätte nicht gedacht, daß dieser Gedanke nur einen Augenblick Euer

Durchlaucht Sorge machen könnte!« sagte der Major.

»Sie haben recht, es ist töricht von mir; aber in der Nacht, als man

mich krank aus der Oper brachte, träumte mir, ich werde sterben. Eine

ernste, finstere junge Dame kam mit einem Plumeau von roter Seide auf

mich zu, deckte ihn über mich her und preßte ihn immer stärker auf

mich, daß ich beinahe erstickte. Dann kam plötzlich mein Großoheim,

der Herzog Nepomuk, gerade so wie er gemalt in der Galerie hängt, und

befreite mich von dem beengenden Druck, und das sonderbarste ist --«

»Nun?« fragte der Baron lächelnd, »was fing denn der gemalte Herzog mit

Desdemona an?«

Die Prinzessin staunte: »Woher wissen Sie denn, daß die Dame Desdemona

ist? Ich beschwöre Sie, woher wissen Sie dies?«

Der Major schwieg einen Augenblick verlegen. »Was ist natürlicher,«

antwortete er dann, »als daß Sie von Desdemona träumten? Sie hatten sie

ja am Abende zuvor in einem roten Bette verscheiden sehen.«

»Sonderbar, daß _Sie_ auch gleich auf den Gedanken kamen! Das

sonderbarste aber ist, ich wachte auf, als der Herzog mich befreite,

ich wachte in der Tat auf und sah -- wie jene Dame mit dem Plumeau

unter dem Arm langsam zur Türe hinausging. Seit dieser Nacht träumte

ich immer dasselbe, immer beengender ward ihr Druck, immer später kommt

mir der Herzog zu Hilfe, aber immer sehe ich sie deutlich aus dem

Zimmer schweben! Und als ich gestern abend mir die Harfe bringen ließ

und mein liebes _Desdemonaliedchen_ spielte, da -- spotten Sie immer

über mich! -- da ging die Türe auf und jene Dame sah ins Zimmer und

nickte mir zu.«

Sie hatte dieses halb scherzend, halb im Ernst erzählt; sie wurde

ernster. »Nicht wahr, Major,« sagte sie, »wenn ich sterbe, gedenken

Sie auch meiner? Das Andenken eines solchen Mannes ist mir wert.«

-- »Prinzessin!« rief der Major, indem er vergebens seine Wehmut zu

bezwingen suchte, »entfernen Sie doch diese Gedanken, die unmöglich zu

Ihrer Genesung heilsam sein können!«

Die Oberhofmeisterin erschien in der Tür und gab ein Zeichen, daß die

Audienz zu Ende sein müsse. Sophie reichte dem Major die Hand zum

Kusse, er hat nie mit tieferen Empfindungen von Schmerz, Liebe und

Ehrfurcht die Hand eines Mädchens geküßt. Er hob sein Auge noch einmal

zu ihr auf, er begegnete ihren Blicken, die voll Wehmut auf ihm ruhten.

Die Oberhofmeisterin trat mit einer Amtsmiene näher; der Major stand

auf; wie schwer wurde es ihm, mit kalten gesellschaftlichen Formen

sich von einem Wesen zu trennen, das ihm in wenigen Minuten so teuer

geworden war.

»Ich hoffe,« sagte er, »Euer Durchlaucht bei der nächsten Cour ganz

wiederhergestellt zu sehen.«

»Sie hoffen, Major?« antwortete sie schmerzlich lächelnd; »leben Sie

wohl, ich habe zu _hoffen_ aufgehört.«

10.

Die Residenz war einige Tage mit nichts anderem als der Krankheit

der geliebten Prinzessin beschäftigt; man sagte sie bald sehr krank,

bald gab man wieder Hoffnung; ein Schwanken, das für alle, die sie

näher kannten, schrecklich war. An einem Morgen, sehr frühe, brachte

ein Diener dem Major ein Kästchen. Ein Blick auf dieses wohlbekannte

Behältnis und auf die Trauerkleider des Dieners überzeugte ihn, daß die

Prinzessin nicht mehr sei. Es war ihm, als sei dieses liebliche Wesen

ihm, ihm _allein_ gestorben. Er hatte viel verloren auf der Erde, und

doch hatte kein Verlust so empfindlich, so tief seine Seele berührt

als dieser. Es war ihm, als habe er nur noch _ein_ Geschäft auf der

Erde, das Vermächtnis der Verstorbenen an seinen Ort zu befördern;

er würde diese Stadt, die so drückende Erinnerungen für ihn hatte,

sogleich verlassen haben, hätte ihn nicht das Verlangen zurückgehalten,

ihre sterblichen Reste beisetzen zu sehen. Als die feierlichen Klänge

aller Glocken, als die Trauertöne der Musik und die langen Reihen der

Fackelträger verkündeten, daß Sophie zur Gruft ihrer Ahnen geführt

werde, da verließ er zum erstenmal wieder sein Haus und schloß sich

dem Zuge an. Er hörte nicht auf das Geflüster der Menschen, die sich

über die Ursachen ihrer Krankheit, ihres Todes besprachen; er hatte nur

_einen_ Gedanken, nur jener Augenblick, wo ihr Auge noch einmal auf

ihm geruht, wo seine Lippen ihre Hand berührt hatten, stand vor seiner

Seele. Man nahm die Insignien ihrer hohen Geburt von dem Sarge, man

senkte sie langsam hinab zum Staube ihrer Ahnen. Die Menge verlor sich,

die Begleiter löschten ihre Fackeln aus und verließen die Halle. Der

Major warf noch einen Blick nach der Stelle, wo sie verschwunden war,

und ging.

Vor ihm ging mit unsicheren, schleppenden Schritten ein alter Mann, der

heftig weinte. Als der Major an seiner Seite war, sah jener sich um, es

war der Regisseur der Oper. Der Alte trat näher zu ihm, sah ihn lange

an, schien sich auf etwas zu besinnen und sprach dann: »Möchten Sie

nicht, Herr Baron, wir hätten nur geträumt, und jenes liebliche Kind,

das man begraben hat, wäre noch am Leben?«

»Woran mahnen Sie mich!« rief der Major mit unwillkürlichem Grauen;

»ja, bei Gott, es ist so, wie Sie träumten; sie ist begraben, und wir

beide gehen nebeneinander von ihrem Grab.«

»Drum soll der Mensch nie mit dem Schicksal scherzen,« sagte der Alte

mit trübem Ernst. »Ist es heute nicht _elf_ Tage, daß wir Othello

gaben? Am _achten_ ist sie gestorben.«

»Zufall, Zufall!« rief der Major. »Wollen Sie Ihren Wahnsinn auch jetzt

noch fortsetzen? Weiß ich doch nur zu gut, an was sie starb? Wohl hat

ein Dolch ihre Seele wie Desdemonas Brust durchstoßen; ein Elender,

schwärzer als Ihr Othello, hat ihr Herz gebrochen; aber dennoch ist es

Aberglaube, Wahnsinn, wenn Sie diesen Tod und Ihre Oper zusammenreimen!«

»Unser Streit macht sie nicht wieder lebendig,« sagte der Alte mit

Tränen. »Glauben Sie, was Sie wollen, Verehrter! ich werde es, wie ich

es weiß, in meiner Opernchronik notieren. Es hat so kommen müssen!«

»Nein!« erwiderte der Major beinahe wütend, »nein, es hat nicht so

kommen müssen; _ein_ Wort von mir hätte sie vielleicht gerettet.

Bringen Sie mir um Gottes willen Ihren Othello nicht ins Spiel; es ist

Zufall, Alter; ich will es haben, es ist Zufall!«

»Es gibt, mit Ihrer Erlaubnis, keinen Zufall; es gibt nur Schickung.

Doch ich habe die Ehre, mich zu empfehlen, denn hier ist meine

Behausung. Glauben Sie übrigens, was Sie wollen;« setzte der Alte

hinzu, indem er die kalte Hand des Majors in der seinigen preßte, »das

Faktum ist da, sie starb -- _acht Tage nach Othello_.«

Die Bettlerin vom Pont des Arts.

1.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 1 · 第 6 / 22 段