Ihre Entschuldigungen selbst an! Auch _sie_, auch _sie_ betört! Wie
kindlich, wie unschuldig war sie, als ich Verruchter kam, als ich sie
sah mit dem lieblichen Schmelz der Unschuld in den Augen, da fing mein
Leichtsinn wieder an; ich vergaß alle guten Vorsätze, ich vergaß, wem
ich allein gehören dürfte; ich stürzte mich in einen Strudel von Lust,
ich begrub mein Gewissen in Vergessenheit!« Er fing an zu weinen, die
Erinnerung schien seine Wut zu besänftigen. »Und konnte ich,« flüsterte
er, »konnte ich so von ihr gehen? Ich fühlte, ich sah es an jeder ihrer
Bewegungen, ich las es in ihrem Auge, daß sie mich liebte; sollte ich
fliehen, als ich sah, wie diese Morgenröte der Liebe in ihren Wangen
aufging, wie der erste leuchtende Strahl des Verständnisses aus ihrem
Auge brach, auf mich niederfiel, mich aufzufordern schien, ihn zu
erwidern?«
»Ich beklage Sie,« sprach der Freund und drückte seine Hand; »wo lebt
ein Mann, der so süßer Versuchung widerstanden wäre?«
»Und als ich ihr sagen durfte, wie ich sie verehre, als sie mir
mit stolzer Freude gestand, wie sie mich liebe, als jenes traute,
entzückende Spiel der Liebe begann, wo ein Blick, ein flüchtiger
Druck der Hand mehr sagt, als Worte auszudrücken vermögen, wo man
tagelang nur in der freudigen Erwartung eines Abends, einer Stunde,
einer einsamen Minute lebte, wo man in der Erinnerung dieses seligen
Augenblicks schwelgte, bis der Abend wieder erschien, bis ich aus dem
Taumelkelch ihrer süßen Augen aufs neue Vergessenheit trank; wie reich
wußte sie zu geben, wieviel Liebe wußte sie in _ein_ Wort, in _einen_
Blick zu legen; und ich sollte fliehen?«
»Und wer verlangt dies?« sagte der Freund gerührt. »Es wäre grausam
gewesen, eine so schöne Liebe, die alle Verhältnisse zum Opfer brachte,
zurückzustoßen. Nur Vorsicht hätte ich gewünscht; ich denke, noch ist
nicht alles verloren!«
Er schien nicht darauf zu hören; seine Tränen strömten heftiger, sein
glänzendes Auge schien tiefer in die Vergangenheit zu tauchen. »Und als
sie mit holdem Erröten sagte, wie ich zu ihr gelangen könne, als sie
erlaubte, ihre fürstliche Stirne zu küssen, als der süße Mund, dessen
Wünsche einem Volk Befehle waren, _mein_ gehörte, und die Hoheit einer
Fürstin unterging im traulichen Flüstern der Liebe -- da, da sollte ich
sie lassen?«
»Wie glücklich sind Sie! Gerade in dem Geheimnis dieses Verhältnisses
muß ein eigener Reiz liegen; und warum wollen Sie diese Liebe so tief
verdammen? Fassen Sie sich! Das Urteil der Welt kann Ihnen gleichgültig
sein, wenn Sie glücklich sind; denn im ganzen trägt ja wahrhaftig dies
Verhältnis nichts so Schwarzes, Schuldiges an sich, wie Sie es selbst
sich vorstellen!«
Der Graf hatte ihm zugehört; seine Augen rollten, seine Wangen färbten
sich dunkler, er knirschte mit den Zähnen. »Nicht so mild müssen Sie
mich beurteilen,« sagte er mit dumpfer Stimme, »ich verdiene es nicht.
Ich bin ein Frevler, vor dem Sie zurückschaudern sollten. O -- daß ich
Vergessenheit erkaufen könnte, daß ich Jahre auslöschen könnte aus
meinem Gedächtnis! -- Ich will vergessen, ich muß vergessen, ich werde
wahnsinnig, wenn ich nicht vergesse: schaffen Sie Wein, Kamerad; ich
will trinken, mich dürstet, es wütet eine Flamme in mir, ich will mein
Gedächtnis, meine Schuld versäufen!«
Der Major war ein besonnener Mann; er dachte ziemlich ruhig über diese
verzweiflungsvollen Ausbrüche der Reue und Selbstanklage. »Er ist
leichtsinnig, so habe ich ihn von jeher gekannt,« sagte er zu sich;
»solche Menschen kommen leicht aus einem Extrem in das andere. Er sieht
jetzt große Schuld in seiner Liebe, weil sie der Geliebten in ihren
Verhältnissen schaden kann, und im nächsten Augenblick berauscht ihn
wieder die Wonne der Erinnerung.« Der Wein kam, der Major goß ein; der
Graf stürzte schnell einige Gläser hinunter; er ging mit schnellen
Schritten schweigend im Zimmer auf und nieder, blieb vor dem Freunde
stehen, trank und ging wieder. Dieser mochte seine stillen Empfindungen
nicht unterbrechen, er trank und beobachtete über das Glas hin
aufmerksam die Mienen, die Bewegungen seines Freundes.
»Major!« rief dieser endlich und warf sich auf den Stuhl nieder;
»welches Gefühl halten Sie für das schrecklichste?«
Dieser schlürfte bedächtig den Wein in kleinen Zügen, er schien
nachzusinnen, und sagte dann: »Ohne Zweifel, das, was das freudigste
Gefühl gibt, muß auch das traurigste werden -- Ehre, gekränkte Ehre.«
Der Graf lachte grimmig. »Lassen Sie sich die Taler wiedergeben,
Kamerad, die Sie einem schlechten Psychologen für seinen Unterricht
gaben. Gekränkte Ehre! Also tiefer steigt Ihre Kunst nicht hinab in
die Seele? Die gekränkte Ehre fühlt sich doch selbst noch; es lebt
doch ein Gefühl in des Gekränkten Brust, das ihn hoch erhebt über die
Kränkung, er kann die Scharte auswetzen am Beleidiger; er hat noch
die Möglichkeit, seine Ehre wieder fleckenlos und rein zu waschen,
aber tiefer, Herr Bruder,« rief er, indem er die Hand des Majors
krampfhaft faßte, »tiefer hinab in die Seele! welches Gefühl ist noch
schrecklicher?«
»Von _einem_ habe ich gehört,« erwiderte jener, »das aber Männer wie
wir nicht kennen -- es heißt Selbstverachtung.«
Der Graf erbleichte und zitterte, er stand schweigend auf und sah
den Freund lange an. »Getroffen, Kamerad!« sagte er, »das sitzt
noch tiefer. Männer wie wir _pflegen_ es nicht zu kennen, es heißt
Selbstverachtung. Aber der Teufel legt auch gar feine Schlingen auf die
Erde; ehe man sich versieht, ist man gefangen. Kennen Sie die Qual des
Wankelmutes, Major?«
»Gottlob, ich habe sie nie erfahren; mein Weg ging immer geradeaus aufs
Ziel!«
»Geradeaus aufs Ziel? Wer auch so glücklich wäre! Erinnern Sie sich
noch des Morgens, als wir aus den Toren von Warschau ritten? Unsere
Gefühle, unsere Sinne gehörten jenem großen Geiste, der sie gefangen
hielt; aber wem gehörten die Herzen der polnischen Lanciers? Unsere
Trompeten ließen jene Arien aus den _Krakauern_ ertönen, jene Gesänge,
die uns als Knaben bis zur Wut für das Vaterland begeistert hatten;
diese wohlbekannten Klänge pochten wieder an die Pforte unserer Brust;
Kamerad, wem gehörten unsere Herzen?«
»Dem Vaterland!« sagte der Major gerührt; »ja, damals, _damals_ war ich
freilich wankelmütig!«
»Wohl Ihnen, daß Sie es sonst nie waren, der Teufel weiß das recht
hübsch zu machen; er läßt uns hier empfinden, glücklich werden, und
dort spiegelt er noch höhere Wonne, noch größeres Glück uns vor!«
»Möglich; aber der Mann hat Kraft, _dem_ treu zu bleiben, was er
gewählt hat.«
»Das ist es,« rief der Graf, wie niedergedonnert durch dies _eine_
Wort, »das ist es, und daraus -- die Selbstverachtung; und warum besser
scheinen, als ich bin? Kamerad, Sie sind ein Mann von Ehre, fliehen Sie
mich wie die Pest, ich bin ein Ehrloser, ein Ehrvergessener, Sie sind
ein Mann von Kraft, verachten Sie mich, ich muß mich selbst verachten,
wissen Sie, ich bin --«
»Halt, ruhig!« unterbrach ihn der Freund, »es pochte an der Türe --
herein!«
7.
»Bedaure, bedaure unendlich,« sprach der Regisseur der Oper und
rutschte mit tiefen Verbeugungen ins Zimmer, »ich unterbreche
Hochdieselben?«
»Was bringen Sie uns?« erwiderte der Major, schneller gefaßt als der
unglückliche Freund. »Setzen Sie sich und verschmähen Sie nicht unsern
Wein; was führt Sie zu uns!«
»Die traurige Gewißheit, daß Othello doch gegeben wird. Es hilft
nichts; alles Bitten ist umsonst. Ich will Ihnen nur gestehen, ich ließ
die Oper einüben, hatte aber unsere Primadonna schon dahin gebracht,
daß sie mir feierlich gelobte, heiser zu werden; da führt der Satan
gestern abend die Sängerin Fanutti in die Stadt; sie kommt vom ...ner
Theater, bittet die allerhöchste Theaterdirektion um Gastrollen, und
stellen Sie sich vor, man sagt ihr auf nächsten Sonntag Othello zu. Ich
habe beinahe geweint, wie es mir angezeigt wurde; jetzt hilft kein Gott
mehr dagegen, und doch habe ich schreckliche Ahnungen!«
»Alter Herr!« rief der Graf, der indessen Zeit gehabt hatte, sich zu
sammeln. »Geben Sie doch einmal Ihren Köhlerglauben auf; ich kann
Sie versichern, es soll keiner der allerhöchsten Personen ein Haar
gekrümmt werden; ich gehe hinaus auf den Kirchhof, lasse mir das Grab
der erwürgten Desdemona zeigen, mache ihr meine Aufwartung und bitte
sie, diesmal ein Auge zuzudrücken und _mich_ zu erwürgen. Freilich hat
sie dann nur einen Grafen und kein fürstliches Blut; doch einer meiner
Vorfahren hat auch eine Krone getragen!«
»Freveln Sie nicht so erschrecklich,« entgegnete der Alte, »wie leicht
kann Sie das Unglück mit hinabziehen! Mit solchen Dingen ist nicht
zu scherzen. Ueberdies habe ich heute nacht im Traum einen großen
Trauerzug mit Fackeln gesehen, wie man Fürsten zu begraben pflegt.«
»Schreckliche Visionen, guter Herr!« lachte der Major. »Haben
Sie vielleicht vorher ein Gläschen zuviel getrunken? Und was ist
natürlicher, als daß Sie solches Zeug träumen, da Sie den ganzen Tag
mit Todesgedanken umgehen!«
Der Alte ließ sich nicht aus seinem Ernst herausschwatzen. »Gerade
_Sie_, verehrter Herr, sollten nicht Spott damit treiben,« sagte
er. »Ich habe Sie nie gesehen bis zu jener Stunde, wo Sie mich mit
dem Herrn Grafen besuchten, und doch gingen wir beide heute nacht
miteinander dem Sarge nach, Sie weinten heftig.«
»Immer köstlicher! wie lebhaft Sie träumen; darum mußte ich hierher
kommen, um mit Ihnen, lieber Mann, im Traume spazieren zu gehen!«
»Brechen wir ab,« erwiderte jener, »was kommen muß, wird kommen, und
wir würden vielleicht viel darum geben, hätten wir alles nur geträumt.
Ich komme aber hauptsächlich zu Ihnen, um Sie zur Probe einzuladen, Sie
haben sich so generös gegen uns bewiesen, daß ich mir ein Vergnügen
daraus mache, Ihnen unser Personal, namentlich die neue Sängerin zu
zeigen.«
Die Freunde nahmen freudig den Vorschlag an. Der Graf schien wie immer
seine Heftigkeit zu bereuen und diese Zerstreuung kam ihm erwünscht;
auf dem Major hatten jene Ausbrüche einer Selbstanklage schwer und
drückend gelegen; auch er nahm daher mit Dank diesen Ausweg an, um
einer näheren Erklärung seines Freundes, die er eher fürchtete, als
wünschte, zu entfliehen.
8.
Und wirklich schien auch seit jener Stunde der Graf diese Saite nicht
mehr berühren zu wollen; er schien wohl hin und wieder düster, ja die
Augenblicke des tiefen Grames kehrten wieder, aber nicht mit ihnen das
Geständnis einer großen Schuld, das damals schon auf seinen Lippen
schwebte; er war verschlossener als sonst. Der Major sah ihn sogar
einige Tage beinahe gar nicht; die Geschäfte, die ihn in diese Stadt
gerufen hatten, ließen ihm wenige Stunden übrig, und diese pflegte
gerade der Graf dem Theater zu widmen; denn sei es aus Lust an der
Sache selbst oder um im Sinne der Geliebten zu handeln und ihre
Lieblingsoper recht glänzend erscheinen zu lassen, er war in jeder
Probe gegenwärtig; sein richtiger Takt, seine ausgebreiteten Reisen,
sein feiner, in der Welt gebildeter Geschmack verbesserten unmerklich
manches, was dem Auge und Ohr selbst eines so scharfen Kritikers,
wie der Regisseur war, entgangen wäre; und der alte Mann vergaß oft
stundenlang die schwarzen Ahnungen, die seine Seele quälten, so sehr
wußte Graf Zronievsky sein Interesse zu fesseln.
So war Othello zu einer Vollkommenheit fortgeschritten, die man anfangs
nicht für möglich gehalten hätte; die Oper war durch die sonderbaren
Umstände, welche ihre Aufführung bisher verhindert hatten, nicht nur
dem Publikum, sondern selbst den Sängern neu geworden; kein Wunder, daß
sie ihr möglichstes taten, um so großen Erwartungen zu entsprechen;
kein Wunder, daß man mit freudiger Erwartung dem Tag entgegensah, der
_den Mohren von Venedig_ auf die Bretter rufen sollte.
Es kam aber noch zweierlei hinzu, das Interesse des Publikums zu
fesseln. Der Sängerin Fanutti war ein großer Ruf vorausgegangen, man
war neugierig, wie sie sich vom Theater ausnehme, wie sie Desdemona
geben werde, eine Rolle, zu der man außer schönem Gesang auch ein
höheres tragisches Spiel verlangte. Hierzu kam das leise Gerücht von
den sonderbaren Vorfällen, die jedesmal Othello begleitet hatten; die
älteren Leute erzählten, die jüngeren sprachen es nach, zweifelten,
vergrößerten, so daß ein großer Teil des Publikums glaubte, der Teufel
selbst werde eine Gastrolle im Othello übernehmen.
Der Major von Larun hatte Gelegenheit, an manchen Orten über diese
Dinge sprechen zu hören; am auffallendsten war ihm, daß man bei Hof, wo
er noch einige Abende zubrachte, kein Wort mehr über Othello sprach;
nur Prinzessin Sophie sagte einmal flüchtig und lächelnd zu ihm:
»Othello hätten wir denn doch herausgeschlagen, Ihrer Krankheitstante,
Baron, und der diplomatischen Drohung des Grafen haben wir es zu
danken. Wie freue ich mich auf Sonntag, auf mein Desdemonaliedchen;
wahrlich, wenn ich einmal sterbe, es soll mein Schwanengesang werden.«
»Gibt es Ahnungen?« dachte der Major bei diesen flüchtig hingeworfenen
Worten, die ihm unwillkürlich schwer und bedeutungsvoll klangen; »die
Sage von der gespenstigen Desdemona, die Furcht des alten Regisseurs,
seine Träume vom Trauergeleite und dieser Schwanengesang!« Er sah der
holden, lieblichen Erscheinung nach, wie sie froh und freundlich durch
die Säle gleitete, wie sie, gleich dem Mädchen aus der Fremde, jedem
eine schöne Gabe, ein Lächeln oder ein freundliches Wort darreichte
-- wenn der Zufall es wieder wollte, dachte er, wenn sie stürbe!
Er verlachte sich im nächsten Augenblicke selbst, er konnte nicht
begreifen, wie ein solcher Gedanke in seine vorurteilsfreie Seele
kommen könne -- er suchte mit Gewalt dieses lächerliche Phantom aus
seiner Erinnerung zu verdrängen -- umsonst! dieser Gedanke kehrte immer
wieder, überraschte ihn mitten unter den fremdartigsten Reden und
Gegenständen, und immer noch glaubte er, eine süße Stimme flüstern zu
hören; »Wenn ich sterbe -- sei es mein Schwanengesang.«
Der Sonntag kam und mit ihm ein sonderbarer Vorfall. Der Major war
nachmittags mit dem Grafen und mehreren Offizieren ausgeritten. Auf dem
Heimweg überfiel sie ein Regen, der sie bis auf die Haut durchnäßte.
Die Wohnung des Grafen lag dem Tore zunächst, er bat daher den Major,
sich bei ihm umzukleiden; einen Hut des Freundes auf dem Kopf, in einen
seiner Ueberröcke gehüllt, trat der Major aus dem Hause, um in seine
eigene Wohnung zu eilen. Er mochte einige Straßen gegangen sein, und
immer war es ihm, als schleiche jemand allen seinen Tritten nach. Er
blieb stehen, sah sich um, und dicht hinter ihm stand ein hagerer,
großer Mann in einem abgetragenen Rock. »Dies an Sie Herr!« sagte er
mit dumpfer Stimme und durchdringendem Blick, drückte dem Erstaunten
ein kleines Billett in die Hand und sprang um die nächste Ecke.
Der Major konnte nicht begreifen, woher ihm, in der völlig fremden
Stadt, solche geheimnisvolle Botschaft kommen sollte? Er betrachtete
das Billett von allen Seiten, es war feines, glänzendes Papier, in
eine Schleife künstlich zusammengeschlungen, mit einer schönen Kamee
gesiegelt. Keine Aufschrift. »Vielleicht will man sich einen Scherz mit
dir machen,« dachte er und öffnete es sorglos auf der Straße, er las
und wurde aufmerksam, er las weiter und erblaßte, er steckte das Papier
in die Tasche und eilte seiner Wohnung, seinem Zimmer zu.
Es war schon Dämmerung gewesen auf der Straße, er glaubte nicht recht
gelesen zu haben, er rief nach Licht. Aber auch beim hellen Schein der
Kerzen blieben die unseligen Worte fest und drohend stehen.
»Elender! Du kannst dein Weib, deine kleinen Würmer im Elende
schmachten lassen, während du vor der Welt in Glanz und Pracht
auftrittst? Was willst du in dieser Stadt? Willst du ein ehrwürdiges
Fürstenhaus beschimpfen, seine Tochter so unglücklich machen, als du
dein Weib gemacht hast? Fliehe, in der Stunde, wo du dieses liest, weiß
_Pr. Sph._ das schändliche Geheimnis deines Betrugs.«
Der Major war keinen Augenblick im Zweifel, daß diese Zeilen an den
Grafen gerichtet, daß sie durch Zufall, vielleicht weil er in des
Freundes Kleidern über die Straße gegangen, in seine Hände geraten
seien. Jetzt wurden ihm auf einmal jene Ausbrüche der Verzweiflung
klar; es war Reue, Selbstverachtung, die in einzelnen Momenten die
glänzende Hülle durchbrachen, womit er sein trügerisches Spiel bedeckt
hatte. Laruns Blicke fielen auf die Zeilen, die er noch immer in der
Hand hielt, jene Chiffern Pr. Sph. konnten nichts anders bedeuten als
den Namen des holden, jetzt so unglückseligen Geschöpfes, das jener
gewissenlose Verräter in sein Netz gezogen hatte. Der Major war ein
Mann von kaltem, berechnendem Blick, von starkem, konsequentem Geiste;
er hatte sich selten oder nie von einem Gegenstand überraschen oder
außer Fassung setzen lassen, aber in diesem Augenblick war er nicht
mehr Herr über sich; Wut, Grimm, Verachtung kämpften wechselweise in
seiner Seele. Er suchte sich zu bezwingen, die Sache von einem milderen
Gesichtspunkt anzusehen, den Grafen durch seinen Charakter, seinen
grenzenlosen Leichtsinn zu entschuldigen; aber der Gedanke an Sophie,
der Blick auf »das Weib und die armen kleinen Würmer« des Elenden
verjagten jede mildernde Gesinnung, brausten wie ein Sturm durch seine
Seele, ja, es gab Augenblicke, wo seine Hand krampfhaft nach der Wand
hinzuckte, um die Pistolen herunterzureißen und den schlechten Mann
noch in dieser Stunde zu züchtigen. Doch die Verachtung gegen ihn
bewirkte, was mildere Stimmen in seiner Brust nicht bewirken konnten.
»Er muß fort, noch diese Stunde,« rief er; »die Unglückliche, die er
betörte, darf um keinen Preis erfahren, welchem Elenden sie ihre erste
Liebe schenkte. Sie soll ihn beweinen, vergessen; ihn verachten zu
müssen, könnte sie töten.« Er warf diese Gedanken schnell aufs Papier,
raffte eine große Summe, mehr als er entbehren konnte, zusammen, legte
den unglücklichen Brief bei und schickte alles durch seinen Diener an
den Grafen.
Es war die Stunde, in die Oper zu fahren; wie gerne hätte der Major
heute keinen Menschen mehr gesehen, und doch glaubte er es der
Prinzessin schuldig zu sein, sie vor der gedrohten Warnung zu bewahren.
Er sann hin und her, wie er dies möglich machen könne, es blieb ihm
nichts übrig, als sie zu beschwören, keinen Brief von fremden Händen
anzunehmen. Er warf den Mantel um und wollte eben das Zimmer verlassen,
als sein Diener zurückkam, er hatte das Paket an den Grafen noch in der
Hand. »Seine Exzellenz sind soeben abgereist,« sagte er und legte das
Paket auf den Tisch.
»Abgereist?« rief der Major. »Nicht möglich!«
»Vor der Türe ist sein Jäger, er hat einen Brief an Sie; soll ich ihn
hereinbringen?«
Der Major winkte, der Diener führte den Jäger herein, der ihm weinend
einen Brief übergab. Er riß ihn auf. »Leben Sie wohl auf ewig! Der
Brief, der, wie ich soeben erfahre, vor einer Stunde in Ihre Hände kam,
wird meine Abreise ~sans adieu~ entschuldigen. Wird mein Kamerad von
sechs Feldzügen einer geliebten Dame den Schmerz ersparen, meinen Namen
in allen Blättern aufrufen zu hören? Wird er die wenigen Posten decken,
die ich nicht mehr bezahlen kann?«
»Wann ist Euer Herr abgereist?«
»Vor einer Viertelstunde, Herr Major!«
»Wußtet Ihr um seine Reise?«
»Nein, Herr Major! Ich glaube, seine Exzellenz wußten es heute
nachmittag selbst noch nicht; denn sie wollten heute abend ins Theater
fahren. Um fünf Uhr ging der Herr Graf zu Fuß aus und ließ mich folgen.
Da begegnete ihm an der reformierten Kirche ein großer hagerer Mann,
der bei seinem Anblick sehr erschrak. Er ging auf meinen Herrn zu und
fragte, ob er der Graf Zronievsky sei? Mein Herr bejahte es; darauf
fragte er, ob er vor einer Viertelstunde ein Billett empfangen? der
Herr Graf verneinte es. Nun sprach der fremde Mann eine Weile heimlich
mit meinem Herrn; er muß ihm keine gute Nachrichten gegeben haben,
denn der Herr Graf wurde blaß und zitterte; er kehrte um nach Hause,
schickte den Kutscher nach Postpferden, ich mußte schnell zwei Koffer
packen; der Reisewagen mußte vorfahren. Der Herr Graf verwies mich mit
den Rechnungen und allem an Sie und fuhr die Straße hinab zum Südertor
hinaus. Er nahm vorher noch Abschied von mir, ich glaube für immer.«
Der Major hatte schweigend den Bericht des Jägers angehört; er befahl
ihm, den nächsten Morgen wiederzukommen, und fuhr ins Theater.
Die Ouvertüre hatte schon begonnen, als er in die Loge trat, er
warf sich auf einen Stuhl nieder, von wo er die fürstliche Loge
beobachten konnte. In allem Schmuck ihrer natürlichen Schönheit und
Anmut saß Prinzessin Sophie neben ihrer Mutter. Ihr Auge schien vor
Freude zu strahlen, eine heitere Ruhe lag auf ihrer Stirne, um den
feingeschnittenen Mund wehte ein holdes Lächeln, vielleicht der
Nachklang eines heiteren Scherzes -- sie hatte ja jetzt ihren Willen
durchgesetzt, Othello war es, der den Saal und die Logen des Hauses
gefüllt hatte. Jetzt nahm sie die Lorgnette vor das Auge, wie letzthin
schien sie eifrig im Hause noch etwas zu suchen -- argloses Herz, du
schlägst vergebens dem Geliebten entgegen; deine liebevollen Blicke
werden ihn nicht mehr finden, dein Ohr lauscht vergebens, ob nicht sein
Schritt im Korridor erschallt, du beugst umsonst den schönen Nacken
zurück, die Türe will sich nicht öffnen, seine hohe, gebietende Gestalt
wird sich dir nicht mehr nahen.
Sie senkte das Glas; ein Wölkchen von getäuschter Erwartung und Trauer
lagerte sich unter den blonden Locken, die schönen Bogen der Brauen
zogen sich zusammen und ließen ein kaum merkliches Fältchen des Unmuts
sehen. Die feinen, seidenen Wimpern senkten sich wie eine durchsichtige
Gardine herab, sie schien zu sinnen, sie zeichnete mit der Lorgnette
auf die Brüstung der Loge. -- Sind es vielleicht seine Chiffern, die
sie in Gedanken versunken vor sich hinschreibt? Wie bald wird sie
vielleicht dem Namen fluchen, der jetzt ihre Seele füllt!
Dem Major traten unwillkürlich Tränen in die Augen, als er Sophie
betrachtete. »Noch ahnet sie nicht, was ihrer wartet,« dachte er, »aber
nie, nie soll sie erfahren, wie elend der war, den sie liebte.« Der
Gedanke an diesen Elenden bemächtigte sich seiner aufs neue; er drückte
die Augen zu, verfluchte die menschliche Natur, die durch Leichtsinn
und Schwäche aus einem erhabenen Geist, aus einem tapfern Mann einen
ehrvergessenen, treulosen Betrüger machen könne.
Der Major hat oft gestanden, daß einer der schrecklichsten Augenblicke
in seinem Leben der gewesen sei, wo er im ersten Zwischenakt Othellos
in die fürstliche Loge trat. Es war ihm zu Mut, als habe er selbst
an Sophien gefrevelt, als sei er es, der ihr Herz brechen müsse. Der
Gedanke war ihm unerträglich, sie arglos, glücklich, erwartungsvoll
vor sich zu sehen und doch zu wissen, welch namenloses Unglück ihrer
warte. Er trat ein; ihre Blicke begegneten ihm sogleich, sie hatte wohl
oft nach der Türe gesehen. Mit hastiger Ungeduld übersah sie einen
Prinzen und zwei Generale, die sich ihr nahen wollten, sie winkte
den Major heran. »Haben wir jetzt unsern Othello!« sagte sie, »sind
Sie nicht auch glücklich, erwartungsvoll? -- doch _einen_ unserer
Othelloverschworenen sehe ich nicht,« flüsterte sie leiser, indem sie
leicht errötete; »der Graf ist sicherlich hinter den Kulissen, um recht
warmen Dank zu verdienen, wenn er alles recht schön machen läßt?«
»Verzeihen Euer Durchlaucht,« erwiderte der Major, mühsam nach Fassung
ringend, »der Graf läßt sich entschuldigen, er ist schnell auf einige
Tage verreist.«
Sophie erbleichte. »Verreist, also nicht in der Oper? Wohin riefen
ihn denn so schnell seine Geschäfte? O, das ist gewiß ein Scherz, den
Sie beide zusammen machen,« rief sie; »glauben Sie denn, er werde nur
so schnell weggehen, ohne sich zu beurlauben? Nein, nein, das gibt
irgend einen hübschen Spaß. Jetzt weiß ich auch, woher mir ein gewisses
Briefchen zukam.«
Der Major erschrak, daß er sich an dem nächsten Stuhl halten mußte.
»Ein Briefchen?« fragte er mit bebender Stimme, eine schreckliche
Ahnung stieg in ihm auf.
»Ja, ein zierliches Billettchen,« sagte sie und ließ neckend das Ende
eines Papiers unter dem breiten Brasselett hervorsehen, das ihren
schönen Arm umschloß. »Ein Briefchen, das man recht geheimnisvoll
mir zugesteckt hat. Ich sehe es Ihnen an den Augen an, Sie sind im
Komplott. Ich habe noch keine Gelegenheit gefunden, es zu öffnen, denn
einen solchen Scherz muß man nicht öffentlich machen, aber sobald ich
in mein Boudoir komme --«