wie ihre Kartätschen in unsere Reihen sausten und der Verräter Piolsky
zum Rückzug blasen ließ?«
»Ha!« fiel der Fremde mit dröhnender Stimme ein, »und wie Sie ihn
herabschossen, Oberst, daß er keine Ader mehr zuckte, wie die Husaren
rechts abschwenkten, wie _Sie_ ›vorwärts!‹ riefen, ›vorwärts, Lanciers
vom achten!‹ und die Kanonen in fünf Minuten unser waren!« --
»Gedenken Sie?« flüsterte der Graf mit Wehmut; »wohlan! ich kommandiere
wieder vor der Front. Es gilt, einen Kameraden herauszuhauen, werdet
Ihr ihn retten? ~En avant~, Major! vorwärts, tapferer Lancier! wirst du
ihn retten, Kamerad?«
»Ich will ihn retten!« rief der Freund, und der Graf Zronievsky schlug
seinen Arm um ihn, preßte ihn heftig an seine Brust und eilte dann von
ihm weg, den Korridor entlang.
4.
»Gut, daß ich Sie treffe,« rief der Graf Zronievsky, als er am nächsten
Morgen dem Major auf der Straße begegnete, »ich wollte eben zu Ihnen
und Sie um eine kleine Gefälligkeit ansprechen --«
»Die ich Ihnen schon gestern zusagte,« erwiderte jener; »wollen Sie
mich in mein Hotel begleiten? es liegt längst für Sie bereit.« --
»Um Gottes willen! jetzt nichts von Geld,« fiel der Graf ein, »Sie
töten mich durch diese Prosa; ich bin göttlich gelaunt, selig,
überirdisch gestimmt. O Freund, ich habe es dem Engel gesagt, daß
man uns bemerkt, ich habe ihr gesagt, daß ich fliehen werde, denn in
ihrer Nähe zu sein, sie nicht zu sprechen, nicht anzubeten, ist mir
unmöglich.«
»Und darf ich wissen, was sie sagte?«
»Sie ist ruhig darüber, sie ist größer als diese schlechten Menschen.
›Was ist es auch?‹ sagte sie, ›man kann uns gewiß nichts Böses
nachsagen, und wenn man auch unser Verhältnis entdeckte, so will ich
mir gerne einmal einen dummen Streich vergeben lassen; wo lebt ein
Mensch, der nicht einmal einen beginge?‹«
»Eine gesunde Philosophie,« bemerkte der Major; »man kann nicht
vernünftiger über solche Verhältnisse denken; denn gerade die sind
meist am schlechtesten beraten, die glauben, sie können alle Menschen
blenden. Doch ist mir noch eine Frage erlaubt? Wie es scheint, so sehen
Sie Ihre Dame _allein_? denn was Sie mir erzählten, wurde schwerlich
gestern im Don Juan verhandelt.«
»Wir sehen uns,« flüsterte jener, »ja, wir sehen uns, aber wo, darf ich
nicht sagen, und so wahr ich lebe, das sollen auch jene Menschen nicht
ausspähen. Aber lange, ich sehe es selbst ein, lange Zeit kann es nicht
mehr dauern. Drum bin ich immer auf dem Sprung, Kamerad, und Ihre Hilfe
soll mich retten, wenn indes meine Gelder nicht flüssig werden. ›Doch
gilt es morgen, so laß uns heut noch schlürfen die Neige der köstlichen
Zeit;‹ ich will noch glücklich, selig sein, weil es ja doch bald ein
Ende haben muß.«
»Und wozu kann ich Ihnen dienen?« fragte der Major, »wenn ich nicht
irre, wollten Sie mich aufsuchen.«
»Richtig, das war es, warum ich kommen wollte,« entgegnete jener nach
einigem Nachsinnen. »Sophie weiß, daß Sie mein Freund sind, ich habe
ihr schon früher von Ihnen erzählt, hauptsächlich die Geschichte von
der Beresinabrücke, wo Sie mich zu sich auf den Rappen nahmen. Sie
hat gestern mit Ihnen gesprochen und von _Othello_, nicht wahr? Die
Fürstin will nicht zugeben, daß er aufgeführt werde, wegen irgend eines
Märchens, das ich nicht mehr weiß.« --
»Sie waren sehr geheimnisvoll damit,« unterbrach ihn der Freund, »und
wie mir schien, wird es die Fürstin auch nicht zugeben.«
»Und doch; ich habe sie durch ein Wort dahin gebracht. Die Prinzessin
bat und flehte, und das kann ich nun einmal nicht sehen, ohne daß ich
ihr zu Hilfe komme; ich nahm also eine etwas ernste Miene an und sagte:
›Sonderbar ist es doch, wenn so etwas ins Publikum kommt, ist es wie
der Wind in den Gesandtschaften, und kam es einmal so weit, so darf man
nicht dafür sorgen, daß es in acht Tagen als ~Chronique scandaleuse~
an allen Höfen erzählt wird.‹ Die Fürstin gab mir recht; sie sagte,
wiewohl mit sehr bekümmerter und verlegener Miene zu, daß das Stück
gegeben werden sollte; doch als sie wegging, rief sie mir noch zu: sie
gebe das Spiel dennoch nicht verloren, denn wenn auch _Othello_ schon
auf dem Zettel stehe, lasse sie die _Desdemona_ krank werden.«
»Das haben Sie gut gemacht!« rief der Major lachend, »also die Furcht
vor der ~Chronique scandaleuse~ hat die Gespensterfurcht und das Grauen
vor den Geheimnissen der Natur überwunden?«
»Jawohl, Sophie ist außer sich vor Freuden, daß sie ihren Willen
hat. Ich bin gerade auf dem Weg zum Regisseur der Oper; ich soll ihm
vierhundert Taler bringen, daß die Aufführung auch in pekuniärer
Hinsicht keiner Schwierigkeit unterworfen sein möchte, und Sie müssen
mich zu ihm begleiten.«
»Aber wird es nicht auffallen, wenn Sie im Namen der Prinzessin diese
Summe überbringen?«
»Dafür ist gesorgt; wir bringen es als Kollekte von einigen
Kunstfreunden; stellen Sie einen Dilettanten oder Enthusiasten vor
oder was in unseren Kram paßt. Der Regisseur wohnt nicht weit von hier
und ist ein alter, ehrlicher Kauz, den wir schon gewinnen wollen. Nur
hier um die Ecke, Freund; sehen Sie dort das kleine grüne Haus mit dem
Erker?«
5.
Der Regisseur der Oper war ein kleiner, hagerer Mann, er war früher als
Sänger berühmt gewesen und ruhte jetzt im Alter auf seinen Lorbeeren.
Er empfing die Freunde mit einer gewissen künstlerischen Hoheit und
Würde, welche nur durch seine sonderbare Kleidung etwas gestört wurde;
er trug nämlich eine schwarze Florentiner Mütze, welche er nur ablegte,
wenn er zum Ausgehen die Perücke auf die Glatze setzte. Auffallend
stachen gegen diese bequeme Hauskleidung des Alten ein moderner, enge
anliegender Frack und weite, faltenreiche Beinkleider ab; sie zeigten,
daß der Herr Regisseur trotz der sechzig Jährchen, die er haben mochte,
dennoch für die Eitelkeit der Welt nicht abgestorben sei; an den
Füßen trug er weite, ausgetretene Pelzschuhe, auf denen er künstlich
im Zimmer herumfuhr, ohne sichtbar die Beine aufzuheben; es kam den
Freunden vor, als fahre er auf Schlittschuhen.
»Ist mir bereits angezeigt worden, der allerhöchste Wunsch,« sagte
der Regisseur, als ihn der Graf mit dem Zweck ihres Besuches bekannt
machte, »weiß bereits um die Sache; an mir soll es nicht fehlen, mein
einziger Zweck ist ja, die allerhöchsten Ohren auf ergötzliche Weise zu
delektieren, aber -- aber ich werde denn doch submissest wagen müssen,
einige Gegenvorstellungen zu exhibitieren.«
»Wie? Sie wollen diese Oper nicht geben?« rief der Graf.
»Gott soll mich behüten, das wäre ja ein offenbares Mordattentat auf
die allerhöchste Familie! Nein! nein! wenn mein Wort in der Sache noch
etwas gilt, wird dieses unglückliche Stück nie gegeben.«
»Hätte ich doch nie gedacht,« entgegnete der Graf, »daß ein Mann wie
Sie von Pöbelwahn befangen wäre. Mit Staunen und Bewunderung vernahm
ich schon in meiner frühesten Jugend in fernen Landen Ihren gefeierten
Namen; Sie wurden die Krone der Sänger genannt, ich brannte vor
Begierde, diesen Mann einmal zu sehen. Ich bitte, verkleinern Sie
dieses ehrwürdige Bild nicht durch solchen Aberwitz.«
Der Alte schien sich geschmeichelt zu fühlen, ein anmutiges Lächeln
zog über seine verwitterten Züge, er steckte die Hände in die Taschen
und fuhr auf seinen Pelzschuhen einigemal im Zimmer auf und ab.
»Allzugütig, allzuviel Ehre!« rief er; »ja, wir waren unserer Zeit
etwas, wir waren ein tüchtiger Tenor! jetzt hat es freilich ein Ende.
_Aberglaube_, belieben Sie zu sagen? ich würde mich schämen, irgend
einem Aberglauben nachzuhängen; aber wo Tatsachen sind, kann von
Aberglauben nicht die Rede sein.«
»Tatsachen?« riefen die Freunde mit _einer_ Stimme.
»O ja, verehrte ~messieurs~, Tatsachen. Sie scheinen nicht aus hiesiger
Stadt und Gegend zu sein, da Sie solche nicht wissen?«
»Ich habe allerdings von einem solchen Märchen gehört,« sagte der
Major; »es soll, wenn ich nicht irre, jedesmal nach Othello brennen,
und --«
»Brennen? daß mir Gott verzeih'; ich wollte lieber, daß es allemal
brennte; Feuer kann man doch löschen, man hat Brandassekuranzen, man
kann endlich noch solch einen Brandschaden zur Not ertragen; aber
sterben? nein, das ist ein weit gefährlicherer Casus.«
»Sterben? sagen Sie, wer soll sterben?«
»Nun, das ist kein Geheimnis!« erwiderte der Regisseur; »so oft Othello
gegeben wird, muß acht Tage nachher jemand aus der fürstlichen Familie
sterben.«
Die Freunde fuhren erschrocken von ihren Sitzen auf, denn der
prophetische, richtende Ton, womit der Alte dies sagte, hatte etwas
Greuliches an sich; doch sogleich setzten sie sich wieder und brachen
über ihren eigenen Schrecken in ein lustiges Gelächter aus, das
übrigens den Sänger nicht aus der Fassung brachte.
»Sie lachen?« sprach er; »ich muß es mir gefallen lassen; wenn es Sie
übrigens nicht geniert, will ich Sie die Theaterchronik inspizieren
lassen, die seit hundertundzwanzig Jahren der jedesmalige Souffleur
schreibt.«
»Die Theaterchronik her, Alter, lassen Sie uns inspizieren,« rief der
Graf, dem die Sache Spaß zu machen schien; und der Regisseur rutschte
mit außerordentlicher Schnelligkeit in seine Kammer und brachte einen
in Leder und Messing gebundenen Folianten hervor.
Er setzte eine große in Bein gefaßte Brille auf und blätterte in der
Chronik. »Bemerken Sie,« sagte er, »wegen des Nachfolgenden, erstlich:
hier steht: ›Anno 1740 den 8. Dezember ist die Actrice Charlotte
Fandauerin in hiesigem Theater erstickt worden. Man führte das
Trauerspiel Othello, der Mohr von Venedig, von Shakespeare auf.‹«
»Wie?« unterbrach ihn der Major, »Anno 1740 sollte man hier
Shakespeares Othello gegeben haben? und doch war es, wenn ich nicht
irre, Schröder, der zuerst und viel später das erste Shakespearsche
Stück in Deutschland aufführen ließ?«
»Bitte um Vergebung,« erwiderte der Alte. »Der Herzog sah auf einer
Reise durch England in London diesen Othello geben, ließ ihn, weil
er ihm außerordentlich gefiel, übersetzen und nachher hier öfter
aufführen. Meine Chronik fährt aber also fort: ›Obgedachte Charlotte
Fandauerin hat die Desdemona gegeben und ist durch die Bettdecke, womit
sie in dem Stücke selbst getötet werden soll, elendiglich umgekommen.
Gott sei ihrer armen Seele gnädig!‹ Diesen Mord erzählt man sich hier
folgendermaßen: die Fandauer soll sehr schön gewesen sein; bei Hof
ging es damals unter dem Herzog Nepomuk sehr lasciv zu; die Fandauer
wurde des Herzogs Geliebte. Sie aber soll sich nicht blindlings und
unvorsichtig ihm übergeben haben; sie war abgeschreckt durch das
Beispiel so vieler, die er nach einigen Monaten oder Jährchen verstieß
und elendiglich herumlaufen ließ. Sie soll also ein schreckliches
Bündnis mit ihm gemacht und erst, nachdem er es beschworen, sich
ihm ergeben haben. Aber wie bei den andern, so war es auch bei der
Fandauer. Er hatte sie bald satt und wollte sie auf gelinde Art
entfernen. Sie aber drohte ihm, das Bündnis, das er mit ihr gemacht,
drucken und in ganz Europa verbreiten zu lassen, sie zeigte ihm auch,
daß sie diese Schrift schon in vielen fremden Städten niedergelegt
habe, wo sie auf ihren ersten Wink verbreitet würde.
Der Herzog war ein grausamer Herr und sein Zorn kannte keine Grenzen.
Er soll ihr auf verschiedenen Wegen durch Gift haben beikommen
wollen, aber sie aß nichts, als was sie selbst gekocht hatte. Er gab
daher einem Schauspieler eine große Summe Geld und ließ den Othello
aufführen. Sie werden sich erinnern, daß in dem Shakespeareschen
Trauerspiel die Desdemona von dem Mohren im Bette erstickt wird. Der
Akteur machte seine Sache nur allzunatürlich, denn die Fandauerin ist
nicht mehr erwacht.«
Der Graf schauderte. »Und dies soll wahr sein?« rief er aus.
»Fragen Sie von älteren Personen in der Stadt, wen Sie wollen, Sie
werden es überall so erzählen hören. Es wurde nachher von den Gerichten
eine Untersuchung gegen den Mörder anhängig gemacht, aber der Herzog
schlug sie nieder, nahm den Akteur vom Theater in seine Dienste und
erklärte, die Fandauerin habe durch Zufall der Schlag gerührt. Aber
acht Tage darauf starb ihm sein einziges Söhnlein, ein Prinz von zwölf
Jahren.«
»Zufall!« sagte der Major.
»Nennen Sie es immerhin so,« versetzte der Alte und blätterte
weiter; »doch hören Sie, Othello wurde zwei Jahre lang nicht mehr
gegeben, denn wegen der Erinnerung an jenen Mord mochte der Herzog
dieses Trauerspiel nicht leiden. Aber nach zwei Jahren -- in diesem
Buch steht jedes Lustspiel aufgezeichnet -- nach zwei Jahren war er
so ruchlos, es wieder aufführen zu lassen. Hier steht's: ›Den 28.
September 1742 Othello, der Mohr von Venedig‹; und hier am Rande
ist bemerkt: ›_Sonderbarlich!_ am 5. Oktober ist Prinzessin Auguste
verstorben, gerade auch acht Tage nach Othello, wie vor zwei Jahren der
höchstselige Prinz Friedrich.‹ Zufall, meine werten Herren?«
»Allerdings Zufall!« riefen jene.
»Weiter! ›Den 6. Februar 1748 Othello, der Mohr von Venedig.‹ Ob
es wohl wieder eintrifft? Sehen Sie her, meine Herren! Das hat der
Souffleur hingeschrieben, bemerken Sie gefälligst, es ist dieselbe
Hand, die hier ~in margine~ bemerkt: ›Entsetzlich! die Fandauerin
spukt wieder, Prinz Alexander den 14. plötzlich gestorben, acht Tage
nach Othello.‹« Der Alte hielt inne und sah seine Gäste fragend
an; sie schwiegen, er blätterte weiter und las: »›Den 16. Januar
1775, zum Benefiz der Mlle. Koller: Othello, der Mohr von Venedig.‹
Richtig wieder! ›Arme Prinzessin Elisabeth, hast du müssen so schnell
versterben! † 24. Januar 1775.‹«
»Possen!« unterbrach ihn der Major; »ich gebe zu, es ist so; es soll
einigemal der Eigensinn des Zufalls es wirklich so gefügt haben; geben
Sie mir aber nur _einen_ vernünftigen Grund an zwischen Ursache und
Wirkung, wenn Sie diese Höchstseligen am Othello versterben lassen
wollen!«
»Herr!« antwortete der alte Mann mit tiefem Ernst, »das kann ich nicht;
aber ich erinnere an die Worte jenes großen Geistes, von dem auch
dieser unglückselige Othello abstammt: ›Es gibt viele Dinge zwischen
Himmel und Erde, wovon sich die Philosophen nichts träumen lassen!‹«
»Ich kenne das,« sagte der Graf; »aber ich wette, Shakespeare hätte
nie diesen Spruch von sich gegeben, hätte er gewußt, wie viel
Lächerlichkeit sich hinter ihm verbirgt!«
»Es ist möglich,« erwiderte der Sänger; »hören Sie aber weiter. Ich
komme jetzt an ein etwas neueres Beispiel, dessen ich mich erinnern
kann, _an den Herzog selbst_.«
»Wie,« unterbrach ihn der Major; »eben _jener_, der die Actrice
ermorden ließ?«
»Derselbe; Othello war vielleicht zwanzig Jahre nicht mehr gegeben
worden, da kamen, ich weiß es noch wie heute, fremde Herrschaften zum
Besuch. Unser Schauspiel gefiel ihnen, und sonderbarerweise wünschte
eine der fremden fürstlichen Damen, _Othello_ zu sehen. Der Herzog ging
ungern daran, nicht aus Angst vor den greulichen Umständen, die diesem
Stück zu folgen pflegten, denn er war ein Freigeist und glaubte an
nichts dergleichen; aber er war jetzt alt; die Sünden und Frevel seiner
Jugend fielen ihm schwer aufs Herz, und er hatte Abscheu vor diesem
Trauerspiel. Aber sei es, daß er der Dame nichts abschlagen mochte, sei
es, daß er sich vor dem Publikum schämte, das Stück mußte über Hals und
Kopf einstudiert werden, es wurde auf seinem Lustschloß gegeben. Sehen
Sie, hier steht es: ›Othello, den 16. Oktober 1793 auf dem Lustschloß
H... aufgeführt.‹«
»Nun, Alter, und was folgte? geschwind!« riefen die Freunde ungeduldig.
»Acht Tage nachher, den 24. Oktober 1793, ist der Herzog gestorben.«
»Nicht möglich,« sagte der Major nach einigem Stillschweigen; »lassen
Sie Ihre Chronik sehen; wo steht denn etwas vom Herzog? Hier ist nichts
~in margine~ bemerkt.«
»Nein,« sagte der Alte und brachte zwei Bücher herbei; »aber hier
seine Lebensgeschichte, hier seine Trauerrede, wollen Sie gefälligst
nachsehen?«
Der Graf nahm ein kleines schwarzes Buch in die Hand und las:
»Beschreibung der solennen Beisetzung des am 24. Oktober 1793
höchstselig verstorbenen Herzogs und Herrn -- Dummes Zeug,« rief er und
sprang auf: »das könnte mich um den Verstand bringen! Zufall! Zufall!
und nichts anders! Nun -- und wissen Sie noch ein solches Histörchen?«
»Ich könnte Ihnen noch einige anführen,« erwiderte der Alte mit Ruhe,
»doch Sie langweilen sich bei dieser sonderbaren Unterhaltung; nur aus
der neuesten Zeit noch einen Fall. _Rossini_ schrieb seine herrliche
Oper Othello, worin er, was man bezweifelt hatte, zeigte, daß er es
verstehe, auch die tieferen, tragischen Saiten der menschlichen Brust
anzuschlagen. Er wurde hier höheren Orts nicht _verlangt_, daher wurde
er auch nicht fürs Theater einstudiert. Die Kapelle aber unternahm es,
diese Oper für sich zu studieren, es wurden einige Szenen in Konzerten
aufgeführt, und diese wenigen Proben entzündeten im Publikum einen
so raschen Eifer für die Oper, daß man allgemein in Zeitungen, an
Wirtstafeln, in Singtees und dergleichen von nichts als Othello sprach,
nichts als Othello verlangte. Von den grauenvollen Begebenheiten,
die das Schauspiel Othello begleitet hatten, war gar nicht die Rede;
es schien, man denke sich unter der Oper einen ganz andern Othello.
Endlich bekam der damalige Regisseur (ich war noch auf dem Theater und
sang den Othello), er bekam den Auftrag, sage ich, die Oper in die
Szene zu setzen. Das Haus war zum Ersticken voll, Hof und Adel war da,
das Orchester strengte sich übermenschlich an, die Sängerinnen ließen
nichts zu wünschen übrig, aber ich weiß nicht -- uns alle wehte ein
unheimlicher Geist an, als Desdemona ihr Lied zur Harfe spielte, als
sie sich zum Schlafengehen rüstete, als der Mörder, der abscheuliche
Mohr, sich nahte. Es war dasselbe Haus, es waren dieselben Bretter, es
war dieselbe Szene wie damals, wo ein liebliches Geschöpf in derselben
Rolle so greulich ihr Leben endete. Ich muß gestehen, trotz der
Teufelsnatur meines Othello befiel mich ein leichtes Zittern, als der
Mord geschah, ich blickte ängstlich nach der fürstlichen Loge, wo so
viele blühende, kräftige Gestalten auf unser Spiel herübersahen. ›Wirst
du wohl durch die Töne, die deinen Tod begleiten, dich besänftigen
lassen, blutdürstiges Gespenst der Gemordeten?‹ dachte ich. Es war so;
fünf, sechs Tage hörte man nichts von einer Krankheit im Schlosse; man
lachte, daß es nur der Einkleidung in eine Oper bedurfte, um jenen
Geist gleichsam irre zu machen; der siebente Tag verging ruhig, am
achten wurde Prinz Ferdinand auf der Jagd erschossen.«
»Ich habe davon gehört,« sagte der Major, »aber es war Zufall; die
Büchse seines Nachbars ging los, und --«
»Sage ich denn, das Gespenst bringe die Höchstseligen selbst um,
drücke ihnen eigenhändig die Kehle zu? Ich spreche ja nur von einem
unerklärlichen, geheimnisvollen Zusammenhang.«
»Und haben Sie uns nicht noch zu guter Letzt ein Märchen erzählt? Wo
steht denn geschrieben, daß acht Tage vor jener Jagd Othello gegeben
wurde?«
»Hier,« erwiderte der Regisseur kaltblütig, indem er auf eine Stelle
in seiner Chronik wies; der Graf las: »_Othello_, Oper von Rossini,
den 12. März;« und auf dem Rande stand dreimal unterstrichen: »den 20.
_fiel Prinz Ferdinand auf der Jagd_.«
Die Männer sahen einander schweigend einige Augenblicke an; sie
schienen lächeln zu wollen, und doch hatte sie der Ernst des alten
Mannes, das sonderbare Zusammentreffen jener furchtbaren Ereignisse
tiefer ergriffen, als sie sich selbst gestehen mochten. Der Major
blätterte in der Chronik und pfiff vor sich hin, der Graf schien
über etwas nachzusinnen, er hatte Stirne und Augen fest in die Hand
gestützt. Endlich sprang er auf. »Und dies alles kann Ihnen dennoch
nicht helfen!« rief er, »die Oper muß gegeben werden. Der Hof, die
Gesandten wissen es schon, man würde sich blamieren, wollte man durch
diese Zufälle sich stören lassen. Hier sind vierhundert Taler, mein
Herr! Es sind einige Freunde und Liebhaber der Kunst, welche sie Ihnen
zustellen, um Ihren Othello recht glänzend auftreten zu lassen. Kaufen
Sie davon, was Sie wollen,« setzte er lächelnd hinzu, »lassen Sie
Geisterbanner, Beschwörer kommen, kaufen Sie einen ganzen Hexenapparat,
kurz, was nur immer nötig ist, um das Gespenst zu vertreiben -- nur
geben Sie uns Othello.«
»Meine Herren,« sagte der Alte, »es ist möglich, daß ich in meiner
Jugend selbst über dergleichen gelacht und gescherzt hätte; das Alter
hat mich ruhiger gemacht, ich habe gelernt, daß es Dinge gibt, die man
nicht geradehin verwerfen muß. Ich danke für Ihr Geschenk, ich werde es
auf eine würdige Weise anzuwenden wissen. Aber nur auf den strengsten
Befehl werde ich Othello geben lassen. Ach Gott und Herr!« rief er
kläglich, »wenn ja der Fall wieder einträte, wenn das liebe, herzige
Kind, Prinzessin Sophie, des Teufels wäre!«
»Sein Sie still,« rief der Graf erblassend, »wahrhaftig, Ihre
wahnsinnigen Geschichten sind ansteckend, man könnte sich am hellen
Tage fürchten! Adieu! Vergessen Sie nicht, daß Othello auf jeden Fall
gegeben wird; machen Sie mir keine Kunstgriffe mit Katarrh und Fieber,
mit Krankwerdenlassen und eingetretenen Hindernissen. Beim Teufel, wenn
Sie keine Desdemona hergeben, werde ich das Gespenst der Erwürgten
heraufrufen, daß es diesmal selbst eine Gastrolle übernimmt.«
Der Alte kreuzigte sich und fuhr ungeduldig auf seinen Schuhen umher.
»Welche Ruchlosigkeit,« jammerte er, »wenn sie nun erschiene wie der
steinerne Gast? Lassen Sie solche Reden, ich bitte Sie; wer weiß, wie
nahe jedem sein eigenes Verderben ist!«
Lachend stiegen die beiden die Treppe hinab und noch lange diente
der musikalische Prophet mit der Florentiner Mütze und den
Pelzschlittschuhen ihrem Witz zur Zielscheibe.
6.
Es gab Stunden, worin der Major sich durchaus nicht in den Grafen,
seinen alten Waffenbruder, finden konnte. War er sonst fröhlich,
lebhaft, von Witz und Laune strahlend, konnte er sonst die Gesellschaft
durch treffende Anekdoten, durch Erzählungen aus seinem Leben
unterhalten, wußte er sonst jeden, mochte er noch so gering sein, auf
eine sinnige feine Weise zu verbinden, so daß er der Liebling aller,
von vielen angebetet wurde, so war er in andern Momenten gerade das
Gegenteil. Er fing an, trocken und stumm zu werden, seine Augen senkten
sich, sein Mund preßte sich ein. Nach und nach ward er finster, spielte
mit seinen Fingern, antwortete mürrisch und ungestüm. Der Major hatte
ihm schon abgemerkt, daß dies die Zeit war, wo er aus der Gesellschaft
entfernt werden müsse, denn jetzt fehlten noch wenige Minuten, so zog
er mit leicht aufgeregter Empfindlichkeit jedes unschuldige Wort auf
sich, und fing an zu wüten und zu rasen.
Der Major war viel um ihn, er hatte aus früherer Zeit eine gewisse
Gewalt und Herrschaft über ihn, die er jetzt geltend machte, um ihn vor
diesen Ausbrüchen der Leidenschaft in Gesellschaft zu bewahren, desto
greulicher brachen sie in seinen Zimmern aus; er tobte, er fluchte
in allen Sprachen, er klagte sich an, er weinte. »Bin ich nicht ein
elender, verworfener Mensch?« sprach er einst in einem solchen Anfall;
»meine Pflichten mit Füßen zu treten, die treueste Liebe von mir zu
stoßen, ein Herz zu martern, das mir so innig anhängt! Leichtsinnig
schweife ich in der Welt umher, habe mein Glück verscherzt, weil ich in
meinem Unsinn glaubte, ein Kosciuszko zu sein, und bin nichts als ein
Schwachkopf, den man wegwarf. Und so viele Liebe, diese Aufopferung,
diese Treue so zu vergelten!«
Der Major nahm zu allerlei Trostmitteln seine Zuflucht. »Sie sagen ja
selbst, daß die Prinzessin Sie zuerst geliebt hat; konnte sie je eine
andere Liebe, eine andere Treue von Ihnen erwarten als die, welche die
Verhältnisse erlauben?«