Ich habe, mein werter Herr, dies alles gesagt, um Ihnen darzutun,

wie ich eigentlich dazu kam, Novellen zu schreiben, wie man beim

Novellenschreiben zu Werke gehe, und -- daß alles _getreue_ Wahrheit

sei, wenn auch keine poetische, was ich niedergeschrieben. Sie werden

sich noch der guten Frau von Welkerlohn erinnern, die immer ein Kleid

von verblichenem gelben Samt trug, das nur eine weiche Fortsetzung

ihrer harten, gelben Züge schien? Von ihr habe ich die Geschichte,

»Othello« betitelt. Sie war viel zu diskret, um Namen und die Residenz

zu nennen, wo diese sonderbaren Szenen vorfielen, aber wenn ich

bedenke, daß sie zur selben Zeit Hofdame in Scherau war, als Jean Paul

dort lebte, so kann ich nicht anders glauben, als die Geschichte sei an

jenem Hofe vorgefallen. Die zweite Novelle habe ich aus dem Mund der

alten Gräfin Nelkenroth; man hält sie allgemein für eine böse Frau,

aber ich kann versichern, daß ich sie über Josephens Schicksal Tränen

vergießen sah. Man will zwar behaupten, daß sie oft in Gesellschaften

weinerliche Geschichten erzähle, weil ihr vor zwanzig Jahren ein Maler

versicherte, sie habe etwas von einer ~Mater dolorosa~; aber soviel

ist gewiß, daß sie mehrere Personen des Stücks gekannt haben will, und

die Frau, bei welcher Herr von Fröben in S. gewohnt hat, erzählte mir

manche Sonderbarkeiten von ihm. Ich und viele Leute in S., welchen ich

die Geschichte wiedererzählte, gaben sich vergebliche Mühe über Herrn

von Fröben und die Personen, mit welchen er in Berührung kam, etwas

Näheres zu erfragen. Wir erfuhren nur, daß das Bild der Dame nach dem

Gemälde in der Boisseréeschen Galerie von Strixner lithographiert

worden sei. In Ostende, wo ich durch mehrere Briefe nachforschte,

konnte ich nichts erfahren, als daß allerdings ein englisches Schiff,

die »Luna«, Kapitän Wardwood, im August Passagiere nach Portugal an

Bord genommen habe, und daß sich im Register des Hafendirektors ein

Don Petro de Montanjo nebst Nichte und Dienerschaft befinde. Am Rhein,

wo ich mich nach Herrn von Faldner und seiner Familie erkundigte, und

erzählte, warum ich nachfrage, erklärte man mir alles für Erfindung,

denn es gäbe am ganzen Rhein hinab nur gesittete Landwirte, die mit

ihren Frauen wie die Engel im Himmel leben.

Sie sehen, ich habe keine Mühe gescheut, die Geschichten, die ich

erzähle, so glaubwürdig als möglich zu machen. Es gibt freilich Leute,

die mir dieser historischen Wahrheit wegen gram sind und behaupten,

der echte Dichter müsse keine Straße, keine Stadt, keine bekannten

Namen und Gegenstände nennen; alles und jedes müsse rein erdichtet

sein, nicht durch äußern Schmuck, sondern von innen Wahrheit gewinnen,

und wie Mohammeds Sarg müsse es in der schönen lieben, blauen Luft

zwischen Himmel und Erde schweben. Andere halten es vielleicht auch

für »_eine rechtswidrige Täuschung des Publikums_« und können mich

darüber belangen wollen, daß ich behaupte, dies und jenes habe sich

da und dort zugetragen, und ich könne doch keine stadtgerichtlichen

Zeugnisse beibringen. Aber ist denn hier von echter Poesie, von echten

Dichtern die Rede? Man lege doch nicht an die Erzählungen einiger

alten Damen diesen erhabenen Maßstab! Goethe erzählte in Dichtung und

Wahrheit, er habe in der Frankfurter Stadtmauer eine Türe und einen

wunderschönen Garten gesehen. Noch heute laufen alle Fremden hin (ich

selbst war dort) und beschauen die Mauer und wundern sich, daß man

nicht wenigstens die Reparatur schauen könne, wenngleich das Loch nur

geträumt und nie in der Mauer war. Solchen poetischen Frevel gegen

ein gesetztes Publikum mag man einem Goethe vorrücken; armen Menschen,

_ohne_ den Kammerherrnschlüssel der Poesie, der die Mauern aufschließt,

wenn sie auch keine Türen haben, muß man solche Freiheiten zugute

halten.

Darum lesen Sie, verehrter Herr, diese Geschichten, so abenteuerlich

sie sein mögen, als reine, treue _Wahrheit_; es wird Sie weniger

ärgern, als wenn Sie _Dichtungen_ vor sich zu haben meinten, und Ihr

scharfes Auge ein wirres Gewebe unwahrscheinlicher Lügen fände.

W. H.

Othello.

1.

Das Theater war gedrängt voll, ein neuangeworbener Sänger gab den

_Don Juan_. Das Parterre wogte, von oben gesehen, wie die unruhige

See, und die Federn und Schleier der Damen tauchten wie schimmernde

Fische aus den dunkeln Massen. Die Ranglogen waren reicher als je, denn

mit dem Anfang der Wintersaison war eine kleine Trauer eingefallen

und heute zum erstenmal drangen wieder die schimmernden Farben der

reichen Turbans, der wehenden Büsche, der bunten Schals an das Licht

hervor. Wie glänzend sich aber auch der reiche Kranz von Damen um das

Amphitheater zog, das Diadem dieses Kreises schien ein herrliches,

liebliches Bild zu sein, das aus der fürstlichen Loge freundlich und

hold die Welt um und unter sich überschaute. Man war versucht, zu

wünschen, dieses schöne Kind möchte nicht so hoch geboren sein, denn

diese frische Farbe, diese heitere Stirne, diese kindlich-reinen,

milden Augen, dieser holde Mund war zur Liebe, nicht zur Verehrung aus

der Ferne geschaffen. Und wunderbar, wie wenn Prinzessin Sophie diesen

frevelhaften Gedanken geahnet hätte -- auch ihr Anzug entsprach diesem

Bilde einfacher natürlicher Schönheit; sie schien jeden Schmuck, den

die Kunst verleiht, dem stolzen Damenkreis überlassen zu haben.

»Sehen Sie, wie lebendig, wie heiter sie ist,« sprach in einer der

ersten Ranglogen ein fremder Herr zu dem russischen Gesandten, der

neben ihm stand, und beschaute die Prinzessin durch das Opernglas;

»wenn sie lächelt, wenn sie das sprechende Auge ein klein wenig

zudrückt, und dann mit unbeschreiblichem Reiz wieder aufschlägt, wenn

sie mit der kleinen, niedlichen Hand dazu agiert -- man sollte glauben,

aus so weiter Ferne ihre witzigen Reden, ihre naiven Fragen vernehmen

zu können.«

»Es ist erstaunlich!« entgegnete der Gesandte.

»Und dennoch sollte dieser Himmel von Freudigkeit nur Maske sein? Sie

sollte fühlen, schmerzlich fühlen, sie sollte unglücklich lieben,

und doch so blühend, so heiter sein? Gnädige Frau,« wandte sich der

Fremde zu der Gemahlin des Gesandten, »gestehen Sie, Sie wollen mich

mystifizieren, weil ich einiges Interesse an diesem Götterkinde

genommen habe.«

»~Mon Dieu!~ Baron,« sagte diese mit dem Kopfe wackelnd, »Sie glauben

noch immer nicht? Auf Ehre, es ist wahr, wie ich Ihnen sagte; sie

liebt, sie liebt unter ihrem Stande, ich weiß es von einer Dame, der

nichts dergleichen entgeht. Und wie, meinen Sie, eine Prinzessin, die

von Jugend auf zur Repräsentation erzogen ist, werde nicht Tournüre

genug haben, um ein so unschickliches Verhältnis den Augen der Welt zu

verbergen?«

»Ich kann es nicht begreifen,« flüsterte der Fremde, indem er wieder

sinnend nach ihr hinsah; »ich kann es nicht fassen; diese Heiterkeit,

dieser beinahe mutwillige Scherz -- und stille, unglückliche Liebe?

Gnädige Frau, ich kann es nicht begreifen!«

»Ja, warum soll sie denn nicht munter sein, Baron? Sie ahnet wohl

nicht, daß jemand etwas von ihrer meschanten Aufführung weiß; der

Amoroso ist in der Nähe --«

»Ist in der Nähe? O bitte, Madame! Zeigen Sie mir den Glücklichen, wer

ist er?«

»Was verlangen Sie! Das wäre ja gegen alle Diskretion, die ich der

Oberhofmarschallin schuldig bin; mein Freund, daraus wird nichts. Sie

können zwar in Warschau wiedererzählen, was Sie hier gesehen und gehört

haben, aber Namen? nein, Namen zu nennen in solchen Affären ist sehr

unschicklich; mein Mann kann dergleichen nicht leiden.«

Die Ouverture war ihrem Ende nahe, die Töne brausten stärker aus dem

Orchester herauf, die Blicke der Zuschauer waren fest auf den Vorhang

gerichtet, um den neuen Don Juan bald zu sehen; doch der Fremde in der

Loge der russischen Gesandtschaft hatte kein Ohr für Mozarts Töne,

kein Auge für das Stück, er sah nur das liebliche, herrliche Kind, das

ihm um so interessanter war, als diese schönen Augen, diese süßen,

freundlichen Lippen heimliche Liebe kennen sollten. Ihre Umgebungen,

einige ältere und jüngere Damen, hatten zu sprechen aufgehört; sie

lauschten auf die Musik; Sophiens Augen gleiteten durch das gefüllte

Haus, sie schienen etwas zu vermissen, zu suchen. »Ob sie wohl nach dem

Geliebten ihre Blicke aussendet?« dachte der Fremde; »ob sie die Reihen

mustert, ihn zu sehen, ihn mit einem verstohlenen Lächeln, mit einem

leisen Beugen des Hauptes, mit einem jener tausend Zeichen zu begrüßen,

welche stille Liebe erfindet, womit sie ihre Lieblinge beglückt,

bezaubert?« Eine schnelle, leichte Röte flog jetzt über Sophiens Züge,

sie rückte den Stuhl mehr seitwärts, sie sah einigemal nach der Türe

ihrer Loge: die Türe ging auf, ein großer, schöner junger Mann trat ein

und näherte sich einer der älteren Damen, es war die Herzogin F., die

Mutter der Prinzessin. Sophie spielte gleichgültig mit der Brille, die

sie in der Hand hielt, aber der Fremde war Kenner genug, um in ihrem

Auge zu lesen, daß _dieser_ und kein anderer der Glückliche sei.

Noch konnte er sein Gesicht nicht sehen; aber die Gestalt, die

Bewegungen des jungen Mannes hatten etwas Bekanntes für ihn; die

Fürstin zog ihre Tochter ins Gespräch, sie blickte freundlich auf, sie

schien etwas Pikantes erwidert zu haben, denn die Mutter lächelte, der

junge Mann wandte sich um, und -- »Mein Gott! Graf _Zronievsky_!« rief

der Fremde so laut, so ängstlich, daß der Gesandte an seiner Seite

heftig erschrak, und seine Gemahlin den Gast krampfhaft an der Hand

faßte, und neben sich auf den Stuhl niederriß.

»Ums Himmels willen, was machen Sie für Skandal!« rief die erzürnte

Dame; »die Leute schauen rechts und links nach uns her; wer wird denn

so mörderlich schreien? Es ist nur gut, daß sie da unten gerade ebenso

mörderlich gegeigt und trompetet haben, sonst hätte jedermann Ihren

»Zronievsky« hören müssen. Was wollen Sie nur von dem Grafen? Sie

wissen ja doch, daß wir vermeiden, ihn zu kennen!«

»Kein Wort weiß ich,« erwiderte der Fremde; »wie kann ich auch wissen,

wen Sie kennen und wen nicht, da ich erst seit drei Stunden hier bin?

Warum vermeiden Sie es, ihn zu sehen?«

»Nun, seine Verhältnisse zu unserer Regierung können Ihnen nicht

unbekannt sein,« sprach der Gesandte; »er ist verwiesen, und es ist mir

höchst fatal, daß er gerade hier, und immer nur hier sein will. Er hat

sich unverschämterweise bei Hofe präsentieren lassen, und so sehe ich

ihn auf jedem Schritt und Tritt, und doch wollen es die Verhältnisse,

daß ich ihn ignoriere. Ueberdies macht mir der fatale Mensch sonst noch

genug zu schaffen; man will höheren Orts wissen, wovon er lebe, und so

glänzend lebe, da doch seine Güter konfisziert sind; und ich weiß es

nicht herauszubringen. Sie kennen ihn, Baron?«

Der Fremde hatte diese Reden nur halb gehört; er sah unverwandt nach

der fürstlichen Loge, er sah, wie Zronievsky mit der Fürstin und

den andern Damen sprach, wie nur sein feuriges Auge hin und wieder

nach Sophien hingleitete, wie sie begierig diesen Strahl auffing und

zurückgab. Der Vorhang flog auf; der Graf trat zurück und verschwand

aus der Loge; Leporello hub seine Klagen an.

»Sie kennen ihn, Baron?« flüsterte der Gesandte. »Wissen Sie mir

Näheres über seine Verhältnisse --«

»Ich habe mit ihm unter den polnischen Lanciers gedient.«

»Ist wahr; er hat in der französischen Armee gedient; sahen Sie sich

oft? kennen Sie seine Ressourcen?«

»Ich habe ihn nur gesehen,« warf der Fremde leicht hin, »wenn es der

Dienst mit sich brachte; ich weiß nichts von ihm, als daß er ein braver

Soldat und ein sehr unterrichteter Offizier ist.«

Der Gesandte schwieg; sei es, daß er diesen Worten glaubte, sei es,

daß er zu vorsichtig war, seinem Gast durch weitere Fragen Mißtrauen

zu zeigen. Auch der Fremde bezeigte keine Lust, das Gespräch weiter

fortzusetzen; die Oper schien ihn ganz in Anspruch zu nehmen; und

dennoch war es ein ganz anderer Gegenstand, der seine Seele unablässig

beschäftigte. »Also hierher hat dich dein unglückliches Geschick

endlich getrieben?« sagte er zu sich, »armer Zronievsky! Als Knabe

wolltest du dem Kosciuszko helfen, und dein Vaterland befreien;

Freiheit und Kosciuszko sind verklungen und verschwunden! Als Jüngling

warst du für den Ruhm der Waffen, für die Ehre der Adler, denen du

folgtest, begeistert, man hat sie zerschlagen; du hattest dein Herz so

lange vor Liebe bewahrt, sie findet dich endlich als Mann, und siehe --

die Geliebte steht so furchtbar hoch, daß du vergessen oder untergehen

mußt!«

Das Geschick seines Freundes, denn dies war ihm Graf Zronievsky

gewesen, stimmte den Fremden ernst und trübe, er versank in jenes

Hinbrüten, das die Welt und alle ihre Verhältnisse vergißt, und der

Gesandte mußte ihn, als der erste Akt der Oper zu Ende war, durch

mehrere Fragen aus seinem Sinnen aufwecken, das nicht einmal durch das

Klatschen und Bravorufen des Parterres unterbrochen worden war.

»Die Herzogin hat nach Ihnen gefragt,« sagte der Gesandte; »sie

behauptet, Ihre Familie zu kennen; kommen Sie, wischen Sie diesen

Ernst, diese Melancholie von Ihrer Stirne; ich will Sie in die Loge

führen und präsentieren.«

Der Fremde errötete; sein Herz pochte, er wußte selbst nicht warum;

erst als er den Korridor mit dem Gesandten hinging, als er sich der

fürstlichen Loge näherte, fühlte er, daß es die Freude sei, was sein

Blut in Bewegung brachte, die Freude, jenem lieblichen Wesen nahe zu

sein, dessen stille Liebe ihn so sehr anzog.

2.

Die Herzogin empfing den Fremden mit ausgezeichneter Güte. Sie selbst

präsentierte ihn der Prinzessin Sophie, und der Name _Larun_ schien

in den Ohren des schönen Kindes bekannt zu klingen; sie errötete

flüchtig und sagte, sie glaube gehört zu haben, daß er früher in der

französischen Armee diente. Es war dem Baron nur zu gewiß, daß ihr

niemand anders als Zronievsky dies gesagt haben konnte, es war ihm um

so gewisser, als ihr Auge mit einer gewissen Teilnahme auf ihm wie auf

einem Bekannten ruhte, als sie gerne die Rede an ihn zu richten schien.

»Sie sind fremd hier,« sagte die Herzogin, »Sie sind keinen Tag in

diesen Mauern, Sie können also noch von niemand bestochen sein;

ich fordere Sie auf, sein Sie Schiedsrichter; kann es nicht in der

Natur geheimnisvolle Kräfte geben, die -- die, wie soll ich mich nur

ausdrücken, die, wenn wir sie frevelhaft hervorrufen, uns Unheil

bringen können?«

»Sie sind nicht unparteiisch, Mutter;« rief die Prinzessin lebhaft,

»Sie haben schon durch Ihre Frage, wie Sie sie stellten, die Sinne

des Barons gefangen genommen. Sagen Sie einmal, wenn zufällig im

Zwischenraum von vielen Jahren von einem Hause nach und nach sechs

Dachziegel gefallen wären und einige Leute getötet hätten, würden Sie

nicht mehr an diesem Hause vorübergehen?«

»Warum nicht? es müßten nur in diesen Ziegeln geheimnisvolle Kräfte

liegen, welche --«

»Wie mutwillig,« unterbrach ihn die Herzogin, »Sie wollen mich mit

meinen geheimnisvollen Kräften nach Hause schicken, aber nur Geduld;

das Gleichnis, das Sophie vorbrachte, paßt doch nicht ganz --«

»Nun, wir wollen gleich sehen, wem der Baron recht gibt,« rief jene;

»die Sache ist so, wir haben hier eine sehr hübsche Oper, man gibt

alles mögliche, Altes und Neues durcheinander, nur _eines_ nicht, die

schönste, herrlichste Oper, die ich kenne; auf fremdem Boden mußte ich

sie zum erstenmal hören, das erste, was ich tat, als ich hierher kam,

war, daß ich bat, man möchte sie hier geben, und nie wird mir mein

Wunsch erfüllt! Und nicht etwa, weil sie zu schwer ist -- sie geben

schwerere Stücke -- nein, der Grund ist eigentlich lächerlich.«

»Und wie heißt die Oper?« fragte der Fremde.

»Es ist Othello!«

»Othello? gewiß, ein herrliches Kunstwerk; auch mich spricht selten

eine Musik so an wie diese, und ich fühle mich auf lange Tage

feierlich, ich möchte sagen heilig bewegt, wenn ich Desdemonas

Schwanengesang zur Harfe singen gehört habe.«

»Hören Sie es? Er kommt von Petersburg, von Warschau, von Berlin, Gott

weiß woher -- ich habe ihn nie gesehen, und dennoch schätzt er Othello

so hoch. Wir müssen ihn einmal wieder sehen. Und warum soll er nicht

wieder gegeben werden? Wegen eines Märchens, das heutzutage niemand

mehr glaubt.«

»Freveln Sie nicht!« rief die Fürstin; »es sind mir Tatsachen bekannt,

die mich schaudern machen, wenn ich nur daran denke; doch wir sprechen

unserm Schiedsrichter in Rätseln; stellen Sie sich einmal vor, ob es

nicht schrecklich wäre, wenn es jedesmal, so oft Othello gegeben würde,

brennte.«

»Auch wieder ein Gleichnis,« fiel Sophie ein, »doch es ist noch viel

toller, das Märchen selbst!«

»Nein, es soll einmal brennen,« fuhr die Mutter fort. »Othello wurde

zuerst als Drama nach Shakespeare gegeben, schon vor fünfzig Jahren;

die Sage ging, man weiß nicht woher und warum, daß, so oft Othello

gegeben wurde, ein gewisses Evenement erfolgte; nun also unser Brennen;

es brannte jedesmal nach Othello. Man machte den Versuch, man gab lange

Zeit Othello nicht; es kam eine neue geistreiche Uebersetzung auf, er

wird gegeben -- jener unglückliche Fall ereignet sich wieder. Ich weiß

noch wie heute, als Othello, zur Oper verwandelt, zum erstenmal gegeben

wurde; wir lachten lange vorher, daß wir den unglücklichen Mohren um

sein Opfer gebracht haben, indem er jetzt musikalisch geworden --

Desdemona war gefallen, wenige Tage nachher hatte der Schwarze auch ein

weiteres Opfer. Der Fall trat nachher noch einmal ein, und darum hat

man Othello nie wieder gegeben; es ist töricht, aber wahr. Was sagen

Sie dazu, Baron, aber aufrichtig, was halten Sie von unserem Streit?«

»Durchlaucht haben vollkommen recht,« antwortete Larun in einem Ton,

der zwischen Ernst und Ironie die Mitte hielt; »wenn Sie erlauben,

werde ich durch ein Beispiel aus meinem eigenen Leben Ihre Behauptung

bestätigen. Ich hatte eine unverheiratete Tante, eine unangenehme,

mystische Person; wir Kinder hießen sie nur die Federntante, weil

sie große schwarze Federn auf dem Hut zu tragen pflegte. Wie bei

Ihrem Othello, so ging auch in unserer Familie eine Sage, so oft die

Federntante kam, mußte nachher eins oder das andere krank werden.

Es wurde darüber gescherzt und gelacht, aber die Krankheit stellte

sich immer ein, und wir waren den Spuk schon so gewöhnt, daß, so oft

die Federntante zum Besuch in den Hof fuhr, alle Zurüstungen für die

kommende Krankheit gemacht und selbst der Doktor geholt wurde.«

»Eine köstliche Figur, Ihre Federntante!« rief die Prinzessin lachend;

»ich kann mir sie denken, wie sie den Kopf mit dem Federhut aus dem

Wagen streckt, wie die Kinder laufen, als käme die Pest, weil keines

krank werden will, und wie ein Reitknecht zur Stadt sprengen muß, um

den Doktor zu holen, weil die Federntante erschienen sei. Da hatten Sie

ja wahrhaftig eine lebendige weiße Frau in Ihrer Familie!«

»Still von diesen Dingen,« unterbrach sie die Fürstin ernst, beinahe

unmutig; »man sollte nicht von Dingen so leichthin reden, die man

nicht leugnen kann, und deren Natur dennoch nie erklärt werden wird.

So ist nun einmal auch mein Othello,« setzte sie freundlich hinzu.

»Und Sie werden ihn nicht zu sehen bekommen, Baron, und müssen Ihr

Lieblingsstück schon wo anders aufsuchen.«

»Und Sie sollen ihn dennoch sehen,« flüsterte Sophie zu ihm hin, »ich

muß mein Desdemonalied noch einmal hören, so recht sehen und hören auf

der Bühne, und sollte ich selbst darüber zum Opfer werden!«

»Sie selbst?« fragte der Fremde betroffen; »ich höre ja, der

gespenstige Mohr soll nur _brennen_, nicht _töten_?«

»Ach, das war ja nur das Gleichnis der Mutter!« flüsterte sie noch viel

leiser, »die Sage ist noch viel schauriger und viel gefährlicher.«

Der Kapellmeister pochte, die Introduktion des zweiten Akts begann,

und der Fremde stand auf, die fürstliche Loge zu verlassen. Die

Herzogin hatte ihn gütig entlassen, aber vergebens sah er sich nach

dem Gesandten um, er war wohl längst in seine Loge zurückgekehrt.

Unschlüssig, ob er rechts oder links gehen müsse, stand er im Korridor,

als eine warme Hand sich in die seinige legte; er blickte auf, es war

der Graf Zronievsky.

3.

»So habe ich doch recht gesehen?« rief der Graf, »mein Major, mein

tapferer Major! Wie lebt alles wieder in mir auf! Ich werfe diese

unglücklichen dreizehn Jahre von mir; ich bin der frohe Lancier wie

sonst! ~Vive Poniatowsky, vive l'emp--~«

»Um Gottes willen, Graf!« fiel ihm der Fremde in das Wort; »bedenken

Sie, wo Sie sind! Und warum diese Schatten heraufbeschwören? Sie sind

hinab mit ihrer Zeit; lasset die Toten ruhen!«

»_Ruhen?_« entgegnete jener; »das ist ja gerade, was ich nicht kann;

o daß ich unter jenen Toten wäre! Wie sanft, wie geduldig wollte ich

ruhen! Sie schlafen, meine tapfern Polen, und keine Stimme, wie mächtig

sie auch rufe, schreckt sie auf. Warum darf ich allein nicht rasten?«

Ein düsteres, unstätes Feuer brannte in den Augen des schönen Mannes,

seine Lippen schlossen sich schmerzlich; sein Freund betrachtete

ihn mit besorgter Teilnahme, er sah hier nicht mehr den fröhlichen,

heldenmütigen Jüngling, wie er ihn an der Spitze des Regiments in den

Tagen des Glückes gesehen; das zutrauliche, gewinnende Lächeln, das ihn

sonst so angezogen, war einem grämlichen, bittern Zuge gewichen, das

Auge, das sonst voll stolzer Zuversicht, voll freudigen Mutes, frei und

offen um sich blickte, schien mißtrauisch jeden Gegenstand zu prüfen,

durchbohren zu wollen, das matte Rot, das seine Wangen bedeckte, war

nur der Abglanz jener Jugendblüte, die ihm in den Salons von Paris den

Namen des _schönen_ Polen erworben hatte, und dennoch, auch nach dieser

großen Veränderung, welche Zeit und Unglück hervorgebracht hatten,

mußte man gestehen, daß Prinzessin Sophie sehr zu entschuldigen sei.

»Sie sehen mich an, Major?« sagte jener nach einigem Stillschweigen,

»Sie betrachten mich, als wollten Sie die alten Zeiten aus meinen Zügen

herausfinden? Geben Sie sich nicht vergebliche Mühe; es ist so manches

anders geworden, sollte nicht der Mensch mit dem Geschick sich ändern?«

»Ich finde Sie nicht sehr verändert,« erwiderte der Fremde, »ich

erkannte Sie bei dem ersten Anblick wieder. Aber eines finde ich

nicht mehr wie früher, aus diesen Augen ist ein gewisses Zutrauen

verschwunden, das mich sonst so oft beglückte. Alexander Zronievsky

scheint mir nicht mehr zu trauen. Und doch,« setzte er lächelnd hinzu,

»und dennoch war mein Geist immer bei ihm, ich weiß sogar die tiefsten

Gedanken seines Herzens.«

»Meines armen Herzens!« entgegnete der Graf wehmütig; »ich wüßte kaum,

ob ich noch ein Herz habe, wenn es nicht manchmal vor Unmut pochte!

Welche Gedanken wollen Sie aufgespürt haben, als die unwandelbare

Freundschaft für Sie, Major? Schelten Sie nicht mein Auge, weil es

nicht mehr fröhlich ist; ich habe mich in mich selbst zurückgezogen,

ich habe mein Vertrauen in meine Rechte gelegt, ihr Druck wird Ihnen

sagen, daß ich noch immer der alte bin.«

»Ich danke; aber wie, ich sollte mich nicht auf die Gedanken Ihres

Herzens verstehen? Sie sagen, es pocht nur vor Unmut; was hat denn ein

gewisses Fürstenkind getan, daß Ihr Herz so gar unmutig pocht?«

Der Graf erblaßte; er preßte des Freundes Hand fest in der seinigen:

»Um Gottes willen, schweigen Sie; nie mehr eine Silbe über diesen

Punkt! Ich weiß, ich verstehe, was Sie meinen, ich will sogar zugeben,

daß Sie recht gesehen haben; der Teufel hat Ihre Augen gemacht, Major!

Doch warum bitte ich einen Ehrenmann wie Sie, zu schweigen? Es hat ja

noch keiner vom achten Regiment seinen Kameraden verraten.«

»Sie haben recht, und kein Wort mehr darüber; doch nur dies eine noch:

vom achten verratet keiner den Kameraden, ob aber der gute Kamerad sich

selber nicht verrät?«

»Kommen Sie hier in diese Treppe,« flüsterte der Graf, denn es nahten

sich mehrere Personen; »Jesus Maria, sollte außer Ihnen jemand etwas

ahnen?«

»Wenn Sie Vertrauen um Vertrauen geben werden, wohlan, so will ich

beichten.«

»O, foltern Sie mich nicht, Major! Ich will nachher sagen, was Sie

haben wollen, nur geschwind, ob jemand außer Ihnen --«

Der Major von Larun erzählte, er sei heute in dieser Stadt angekommen,

seine Depeschen seien bei dem Gesandten bald in Richtigkeit gewesen,

man habe ihn in die Oper mitgenommen, und dort, wie er entzückt die

Prinzessin aus der Ferne betrachtet, habe ihm die Gesandtin gesagt, daß

Sophie in ein Verhältnis unter ihrem Stande verwickelt sei. »Sie traten

ein in die fürstliche Loge, ein Blick überzeugte mich, daß niemand als

Sie der Geliebte sein könne.«

»Und die Gesandtin?« rief der Graf mit zitternder Stimme.

»Sie hat es bestätigt. Wenn ich nicht irre, sprach sie auch von einer

Oberhofmarschallin, von welcher sie die Nachricht habe.«

Der Graf schwieg, einige Minuten vor sich hinstarrend; er schien mit

sich zu ringen, er blickte einigemal den Fremden scheu von der Seite an

-- »Major,« sprach er endlich mit klangloser, matter Stimme, »können

Sie mir hundert Napoleon leihen?«

Der Major war überrascht von dieser Frage; er hatte erwartet, sein

Freund werde etwas weniges über sein Unglück jammern, wie bei

dergleichen Szenen gebräuchlich, er konnte sich daher nicht gleich in

diese Frage finden, und sah den Grafen staunend an.

»Ich bin ein Flüchtling,« fuhr dieser fort; »ich glaubte endlich eine

stille Stätte gefunden zu haben, wo ich ein klein wenig rasten könnte,

da muß ich lieben -- muß geliebt werden, Major, wie geliebt werden!«

Er hatte Tränen in den Augen, doch er bezwang sich und fuhr mit fester

Stimme fort: »Es ist eine sonderbare Bitte, die ich hier nach so langem

Wiedersehen an Sie tue, doch ich erröte nicht, zu bitten; Kamerad,

gedenken Sie des letzten ruhmvollen Tages im Norden, gedenken Sie des

Tages von Mosaisk?«

»Ich gedenke!« sagte der Fremde, indem sein Auge glänzte und seine

Wangen sich höher färbten.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 1 · 第 3 / 22 段