Als ich ihr gestern guten Abend bot,
Und als ich ihr recht tief ins Auge schaute,
Was machte sie auf einmal doch so rot?
Sie hat die Rose, die ich ihr gegeben,
So sorgsam ins Gebetbuch eingelegt;
Warum wohl? da sie sonst so gerne Rosen
Am Busen und am Sommerhütchen trägt.
Warum schwieg sie auf einmal heute stille
Und wußte nicht mehr, was ich sie gefragt?
Hat sie gemerkt, was ich ihr gerne sagte?
Ich hab' ihr's doch mit keinem Wort gesagt.
O hätt' ich Mut! dürft' ich Luisen sagen,
Was mich so still, was mich so tief beglückt!
O dürft' ich fragen, was aus ihrem Auge
Oft so entzückend mir entgegenblickt!
Hoffe!
Stimme von dem braunen Hügel,
Die du oft ins stille Tal
Widertönst die lauten Worte,
Lieben trauten Widerhall,
Stimme, die du meine Lieder,
Die Akkorde meiner Zither
Widertönst, erschalle,
Gib nicht neckend meine Frage wieder,
Gib mir Antwort, Stimm' im stillen Tale.
Stiller Strom im grauen Bette,
Eile nicht so schnell davon,
Daß mein Ohr einmal verstände
Deiner Wellen leisen Ton;
Deine schönen Silberquellen
Sollen traulich mir erzählen,
Rausche lauter, rausche,
Sprich zu meinem Ohr aus deinen Wellen,
Daß ich deine Sagen mir erlausche.
Die ihr an dem alten Turme
Oft im Mondesschimmer webt
Und in nächtlich-stiller Stunde
Durch den blassen Hain entschwebt,
Nebelschatten alter Helden,
Ach, daß sie mir doch erzählten,
Steht mir Red', ich frage,
Wollt ihr nichts aus euren Tagen melden,
O wie gerne lauscht' ich eurer Sage.
Von den alten, öden Zinnen
Schauen düster sie herab,
Ach, sie blicken von den Türmen
Schweigend in ein ödes Grab;
Alles Edle ist verklungen,
Alles hat die Zeit verschlungen,
Dem Geschlecht hienieden,
Das so tief in seinem Fluch gesunken,
Haben keine Antwort sie beschieden!
Auch des Stromes stille Wellen
Haben schönre Zeit gesehen.
Als noch edlere Geschlechter
Bauten auf der Berge Höhen,
Stolz verachtet er die Frage,
Uebertönet meine Klage,
Seine blauen Wogen
Denken schweigend jener schönen Tage,
Schweigend sind durchs Tal sie hingezogen.
Und so steh' ich denn alleine
In der stillen Mondesnacht,
Weine um die trüben Zeiten,
Ob kein neu Geschlecht erwacht?
Ach, daß sich mein Volk ermannte,
Daß es sprengte seine Bande!
Ob ich wohl noch hoffe?
Lautlos fließt der Strom vom grauen Strande,
Nur das leise Echo ruft mir: Hoffe!
Trost.
Die Mißgunst lauscht auf allen Wegen,
Daß sie der Liebe Glück verrät,
Doch treue, zarte Liebe geht
Auf tausend unbewachten Stegen;
Ein Druck der Hand, ein flücht'ger Blick
Sagt mir der Liebe süßes Glück.
Und zog ich auch in weite Ferne,
Es zog mit mir mein stilles Glück,
Denn schau' ich nicht der Liebe Blick,
So blick' ich auf zum Abendsterne;
Wie ihres Auges stille Glut
Strahlt er ins Herz getrosten Mut.
Und wallen meine Tage trüber,
Und dringt kein Trost von ihr zu mir,
Und dringt mein Sehnen nicht zu ihr,
Kein Wort von ihr zu mir herüber; --
Mein stilles Glück ist nicht getrübt,
Ich weiß ja doch, daß sie mich liebt.
Drum klag' ich nicht in weiter Ferne,
Weil Neid der Liebe Weg belauscht,
Wenn auch nicht Wort mit Wort sich tauscht,
Mir strahlt ein Trost im Abendsterne:
Aus seinen milden Strahlen quillt
Mir meiner Liebe trautes Bild.
Sehnsucht.
Die Sonne grüßt Tubingas Höhn,
Der Berge Morgennebel fallen,
Und leichte Frühlingslüfte wehn,
Im Tal die Herdenglocken schallen,
Des Neckars sanfte Welle quillt
An der Gestade Rebenhügel,
Es taucht die alte Burg ihr Bild
In seinen silberreinen Spiegel.
Wie wär' der Morgen doch so schön,
Könnt' ich mit _dir_ mich da ergehn!
Und reger wogt's am Ufer hin,
Wenn Mittag zu den Schatten ladet,
Wenn sich durch frisches Blättergrün
Die Sonne in dem Strome badet;
Der Hirte zieht den Linden zu,
Der Winzer steigt vom Berge nieder,
Und in des kühlen Strandes Ruh'
Erwachen ihre Kräfte wieder;
Am Neckarstrand ruht' ich so gerne,
Wär' nicht Luise in der Ferne.
Der Abend senket seinen Strahl,
Die Herden ziehen von den Weiden,
Und fernhin durch das holde Tal
Die Dörfer zu der Ruhe läuten;
Da kommen Mädchen Hand in Hand
Den Wiesenplan heraufgezogen;
Es wölbt für sie am grünen Strand
Der Lindengang die hohen Bogen;
Doch jenen Linden fehlt das eine,
Ich wandle ohne _sie_ -- alleine!
Auf geht des Mondes Silberstrahl,
Er malt den Berg mit falbem Glanze,
Er ruft die Geister in das Tal,
Er leuchtet ihrem Reigentanze;
Ihr Berge all von Duft umhüllt,
Du Tal am Strome auf und nieder,
Du wärst so hold, du wärst so mild,
Dir weiht' ich meine frohsten Lieder --
Du wärst so schön im Abendscheine,
Schlüg' _sie_ ihr Aug' hier in das meine.
Ihr Auge.
Ich weiß wo einen Bronnen
Voll hellem Himmelstau,
Es glänzt der Strahl der Sonnen
Aus seines Spiegels Blau;
Er ladet klar und helle
Zu süßer Wonne ein,
Es winkt aus seiner Quelle
Der Sonne milder Schein.
Mir war, als sollte drunten
In seiner klaren Flut
Das arme Herz gesunden
Von seinem bangen Mut.
Ich tauchte freudig nieder
Ins klare Blaue hinab,
Mein Herz, das kam nicht wieder,
Fand in dem Quell sein Grab.
Kennst du den süßen Bronnen,
So klar und silberhell?
Kennst du den Strahl der Sonnen
Aus seinem blauen Quell?
Das ist des Liebchens Auge,
_Ihr_ süßer Silberblick, --
Aus seiner Tiefe tauche
Ich nie zum Licht zurück.
Serenade.
Wenn vom Berg mit leisem Tritte
Luna wandelt durch die Nacht,
Eil' ich zu des Liebchens Hütte,
Lausche, ob die Holde wacht.
Seh' ich dort die Lampe glühen
In dem stillen Kämmerlein,
Möcht' ich, wie der Lampe milder Schein,
Spielend um die zarten Wangen ziehen.
Mit des Lichtes schönsten Strahlen
Zög' ich um mein liebes Kind,
Farben wollt' ich um sie malen,
Wie sie nur am Himmel sind;
Sänke Schlummer ihr aufs Auge,
Löschte sie des Lämpchens Schein,
Wär' ihr letzter, süßer Blick noch mein,
Und ich stürbe sanft in ihrem Hauche.
Nimmer darf ich um sie weben
Wie der Lampe milder Schein,
Doch mein Lied darf zu ihr schweben,
Darf der Liebe Bote sein.
Schwebt denn, Töne meiner Laute,
Zu des Liebchens Kämmerlein,
Wieget sie in süße Träume ein
Und dann flüstert: »Denke mein, du Traute!«
Lied aus der Ferne.
Ihr Töne meiner Saiten,
Ihr tönt so sanft, so mild,
Mit Träumen ferner Freuden
Habt ihr mein Herz erfüllt.
Des Liebchens Kuß, des Liebchens Blick,
Führt mir der sanfte Ton zurück,
Der eurem Hauch entquillt!
O lispelt leise, leise!
Dann träum' ich schönre Zeiten
Und meiner Liebe Bild.
Wenn auf der Berge Höhen
Der Strahl des Morgens fällt,
Möcht' ich mit Windeswehen
Zu meiner Jugendwelt,
Möcht' eilen mit des Morgens Strahl
Zum blauen Berg, zum fernen Tal,
Das sie umfangen hält.
Vergebens, ach, vergebens!
Mir blüht kein Wiedersehen
In meiner Jugendwelt.
Die Freundinnen an der Freundin Hochzeittage.
In deines Festes fröhliche Gesänge
Mischt sich ein trauter Ton aus alter Zeit,
Es lockt dich aus dem jubelnden Gedränge
Zurück noch einmal zur Vergangenheit;
Die Freundschaft ist's, es sind der Schwestern Tritte,
Sie pochen schüchtern an der Pforte an,
Sie nahen dir, sie flüstern ihre Bitte
Und fragen freundlich: Denkst du noch daran?
Denkst du daran, wie wir uns einst gefunden
In unsrer Kindheit holder Blumenwelt?
Es waren unsres Lebens Morgenstunden,
Vom Frührot reiner Freuden schön erhellt;
Der Schule Mühen, alle frohen Spiele
Und aller Jubel von der Kindheit Bahn,
Sie steigen auf in freudigem Gewühle
Und fragen mit uns: Denkst du noch daran?
Denkst du daran, wie an der Kindheit Grenzen
Uns eine schönre Freudenwelt empfing?
Wie uns ein Leben, voll Gesang und Tänzen,
Gefaßt in seinen wundervollen Ring?
Und wie auch ernste deutungsvolle Tage
Des Lebens Ernst und Züge zeigten an?
Es war der Jugend Frühlingstag; o sage,
Die Schwestern bitten: Denkst du noch daran?
Wohl trittst du jetzt in ernster Frauen Kreise,
Die Myrte schmückt zum letztenmal dein Haar,
Du tändelst nicht mehr nach der Mädchen Weise,
Du nimmst jetzt Abschied von der Jungfraun Schar.
Doch blickst du künftig ernst in unsern Reigen,
Schilt unsre Freuden dann nicht leeren Wahn;
Denn die Erinn'rung wird dir Bilder zeigen
Und lächelnd sagen: Denkst du noch daran?
Du denkst daran -- und zum Gedächtnismale,
Als eine reine, jungfräuliche Zier,
Nimm von den Schwestern die kristallne Schale,
Wir reichen sie mit frommen Wünschen dir.
So werden wir in deinem Herzen leben,
Denn siehst du einmal diese Schale an,
Dann wird dich die Erinnerung umschweben,
Und freundlich sagst du: »Ja, ich denk' daran.«
An Emilie.
Zum Garten ging ich früh hinaus,
Ob ich vielleicht ein Sträußchen finde?
Nach manchem Blümchen schaut' ich aus,
Ich wollt's für dich zum Angebinde;
Umsonst hatt' ich mich hinbemüht,
Vergebens war mein freudig Hoffen;
Das Veilchen war schon abgeblüht,
Von andern Blümchen keines offen.
Und trauernd späht' ich her und hin,
Da tönte zu mir leise, leise
Ein Flüstern aus der Zweige Grün,
Gesang nach sel'ger Geister Weise;
Und lieblich, wie des Morgens Licht
Des Tales Nebelhüllen scheidet,
Ein Röschen aus der Knospe bricht,
Das seine Blätter schnell verbreitet.
»Du suchst ein Blümchen?« spricht's zu mir,
»So nimm mich hin mit meinen Zweigen,
Bring mich zum Angebinde ihr!
Ich bin der _wahren_ Freude Zeichen.
Ob auch mein Glanz vergänglich sei,
Es treibt aus ihrem treuen Schoße
Die Erde meine Knospen neu,
Drum unvergänglich ist die Rose.
Und wie mein Leben ewig quillt
Und Knosp' um Knospe sich erschließet,
Wenn mich die Sonne sanft und mild
Mit ihrem Feuerkuß begrüßet,
So deine Freundin ewig blüht,
Beseelt vom Geiste ihrer Lieben,
Denn ob der Rose Schmelz verglüht --
Der Rose Leben ist geblieben.«
Der Kranke.
Zitternd auf der Berge Säume
Fällt der Sonne letzter Strahl,
Eingewiegt in düstre Träume
Blickt der Kranke in das Tal,
Sieht der Wolken schnelles Jagen
Durch das trübe Dämmerlicht --
Ach, des Busens stille Klagen
Tragen ihn zur Heimat nicht!
Und mit glänzendem Gefieder
Zog die Schwalbe durch die Luft,
Nach der Heimat zog sie wieder,
Wo ein milder Himmel ruft;
Und er hört ihr fröhlich Singen,
Sehnsucht füllt des Armen Blick,
Ach, er sah sie auf sich schwingen,
Und sein Kummer bleibt zurück.
Schöner Fluß mit blauem Spiegel,
Hörst du seine Klagen nicht?
Sag' es seiner Heimat Hügel,
Daß des Kranken Busen bricht.
Aber kalt rauscht er vom Strande
Und entrollt ins stille Tal,
Schweiget in der Heimat Lande
Von des Kranken stiller Qual.
Und der Arme stützt die Hände
An das müde, trübe Haupt;
_Eins_ ist noch, wohin sich wende
Der, dem aller Trost geraubt;
Schlägt das blaue Auge wieder
Mutig auf zum Horizont,
Immer stieg ja Trost hernieder
Dorther, wo die Liebe wohnt.
Und es netzt die blassen Wangen
Heil'ger Sehnsucht stiller Quell,
Und es schweigt das Erdverlangen,
Und das Auge wird ihm hell:
Nach der ew'gen Heimat Lande
Strebt sein Sehnen kühn hinauf,
Sehnsucht sprengt der Erde Bande,
Psyche schwingt zum Licht sich auf.
Grabgesang.
Vor des Friedhofs dunkler Pforte
Bleiben Leid und Schmerzen stehn,
Dringen nicht zum heil'gen Orte,
Wo die sel'gen Geister gehn,
Wo nach heißer Tage Glut
Unser Freund in Frieden ruht.
Zu des Himmels Wolkentoren
Schwang die Seele sich hinan,
Fern von Schmerzen, neu geboren,
Geht sie auf -- die Sternenbahn;
Auch vor jenen heil'gen Höhn
Bleiben Leid und Schmerzen stehn.
Sehnsucht gießet ihre Zähren
Auf den Hügel, wo er ruht;
Doch ein Hauch aus jenen Sphären
Füllt das Herz mit neuem Mut;
Nicht zur Gruft hinab -- hinan,
Aufwärts ging des Freundes Bahn.
Drum auf des Gesanges Schwingen
Steigen wir zu ihm empor,
Unsre Trauertöne dringen
Aufwärts zu der Sel'gen Chor,
Tragen ihm in stille Ruh'
Unsre letzten Grüße zu.
Aus dem Stammbuche eines Freundes.
Und wird dir einst die Nachricht zugesandt,
Daß zu den Vätern ich versammelt wäre,
So trink und sprich: »Ich hab' ihn auch gekannt!«
Mach hier ein Kreuz -- und gib mir eine Zähre.
Logogryph.
Kennst du das Wort, das Herzen mächtig bindet?
Kennst du der Liebe trauliches Symbol?
Das feste Band, das sich um Freunde windet,
Des Fürsten Heil, des Vaterlandes Wohl?
An Stärke muß ihm Stahl und Eisen weichen;
Doch hat es einen mächt'gen stillen Feind;
Streichst du des hohen Wortes erstes Zeichen,
Hast du die finstre Macht, die ich gemeint.
So lang die Welt steht, liegen diese beiden
Im Kampf um höchstes Leid und höchste Lust;
Halt fest am _Ganzen_, laß sie nimmer streiten
In deiner stillen und zufriednen Brust.
Drei Rätsel.
1.
Es ist ein Wort, dreideutig dem Germanen;
Einst war das _Erste_ furchtbar seinen Ahnen;
Der schwere Zeiger der Geschichte rückt,
Der Deutsche erbt das Zepter; ihr erblickt,
Wie dem erwählten deutschen Sohne
Im _Zweiten_ die gewicht'ge Krone
Der Bischof auf die Stirne drückt.
Es kreist im hochgewölbten Saale
Das _Dritte_ bei dem Krönungsmahle.
2.
Noch sitzt auf halbzerfallnem Throne,
Noch hält die längst bestrittne Krone
Die alte Königin der Welt.
Ob sie wohl je vom Throne fällt?
Vielleicht; doch liest du sie von hinten,
So wirst du einen König finden,
Der herrscht, seitdem die Welt besteht,
Des Reich nur mit der Welt vergeht;
_Sie_ schießt nicht ew'ge Donnerkeile,
Doch ewig treffen _seine_ Pfeile.
3.
Einst hieß man mich die schönste aller Frauen,
Selbst Könige entzweite meine Macht.
Zehntausend Krieger aus Europas Gauen,
Von Asiens Landen schlugen manche Schlacht,
Und eher nicht war ihres Kampfes Ziel,
Als bis erschlagen alle Heldensöhne
Und bis ein stolzes Königshaus zerfiel;
Und dennoch pries man die unsel'ge Schöne.
Und wieder tönte jüngst mein alter Namen,
Doch bin ich häßlich und verlassen nun,
Von allen, die des Weges zu mir kamen,
Will keiner lang an meiner Seite ruhn;
Nur einer kam, der erste, dem nicht graut,
An meinem Herd für immer still zu liegen,
Der lange mir ins blasse Antlitz schaut
Und bitter lacht ob meinen düstern Zügen.
»Ach, darum also,« sprach er, »läßt du feiern
Dein unheilvoll Gedächtnis bis auf heut,
Damit du reihtest zu den alten Freiern
Auch einen Heros aus der neuen Zeit?
Doch lockst du mich mit keinem Erdentand,
Denn Zeus zerschlug _dein_ Ilium in Scherben;
Wohlan! auch meine Trojer deckt der Sand,
So laß mich denn in deinen Armen sterben.«
Scharade.
Der _ersten_ Silb' entströmen Wein und Lieder,
Und was du einsam denkst, macht sie bekannt,
Oft geht sie mit dem Zwang auch Hand in Hand,
Schlägt selbst in Fesseln deine freien Glieder!
Doch gibt das _zweite_ Paar dir Hoffnung wieder;
Sein Feueratem weht von Land zu Land,
Sprengt deines Kerkers festgetürmte Wand,
Wirft deine Häscher, deine Fesseln nieder.
Scheint _Zwei_ mit _Eins_ sich nimmer zu vertragen.
So ist _das Ganze_ doch ein hohes Wort,
Woran man nur den Widerspruch getadelt;
Doch hat sein Widerspruch manch großen Geist geadelt!
Fürwahr! es starb des _Letzten_ letzter Hort,
Wär' es gestorben jüngst in unsern Tagen.
Novellen.
Erster Teil.
Inhaltsverzeichnis.
Seite
Vertrauliches Schreiben an Herrn W. A. Spöttlich 57
Othello 63
Die Bettlerin vom Pont des Arts 104
Jud Süß 200
Vertrauliches Schreiben
an
Herrn W. A. Spöttlich,
Vizebataillonschirurgen a. D. und Mautbeamten in Tempelhof bei Berlin.
Sie werden mich verbinden, verehrter Herr, wenn Sie diese Vorrede
lesen, welche ich einer kleinen Sammlung von Novellen vordrucken lasse.
Ich ergreife nämlich diesen Weg, einiges mit Ihnen zu besprechen, teils
weil mir nach sechs unbeantwortet gebliebenen Briefen das Porto bis
Tempelhof zu teuer deuchte, teils aber auch, weil Sie vielleicht nicht
begreifen, warum ich diese Novellen gerade so geschrieben habe und
nicht anders.
Sie werden nämlich nach Ihrer bekannten Weise, wenn Sie »Novellen«
auf dem Titel lesen, die kleinen Augen noch ein wenig zudrücken, auf
geheimnisvolle Weise lächeln und, sollte er gerade zugegen sein,
Herrn Amtmann Kohlhaupt versichern: »Ich kenne den Mann, es ist alles
erlogen, was er schreibt;« und doch würden Sie sich gerade bei diesen
Novellen sehr irren. Die besten und berühmtesten Novellendichter Lopez
de Vega, Boccaz, Goethe, Calderon, Tieck, Scott, Cervantes und auch
ein Tempelhofer haben freilich aus einem unerschöpflichen Schatz der
Phantasie ihre Dichtungen hervorgebracht, und die unverwelklichen
Blumensträuße, die sie gebunden, waren nicht in Nachbars Garten
gepflückt, sondern sie stammten aus dem ewig grünenden Paradies der
Poesie, wozu, nach der Sage, Feen ihren Lieblingen den unsichtbaren
Schlüssel in die Wiege legen. Daher kommt es auch, daß durch eine
geheimnisvolle Kraft alles, was sie gelogen haben, zur schönsten
Wahrheit geworden ist.
Geringere Sterbliche, welchen jene magische Springwurzel, die nicht nur
die unsichtbaren Wege der Phantasie erschließt, sondern auch die festen
und undurchdringlichen Pforten der menschlichen Brust aufreißt, nicht
zu teil wurde, müssen zu allerlei Notbehelf ihre Zuflucht nehmen, wenn
sie -- Novellen schreiben wollen. Denn das eben ist das Aergerliche an
der Sache, daß oft ihre Wahrheit als schlecht erfundene Lüge erscheint;
während die Dichtung jener Feenkinder für treue, unverfälschte Wahrheit
gilt.
So bleibt oft uns geringen Burschen nichts übrig, als nach einer
Novelle zu _spionieren_. Kaffeehäuser, Restaurationen, italienische
Keller und dergleichen sind für diesen Zweck nicht sehr zu empfehlen.
Gewöhnlich trifft man dort nur Männer, und Sie wissen selbst, wie
schlecht die Restaurationsmenschen erzählen. Da wird nur dieses oder
jenes Faktum schnell und flüchtig hingeworfen; reine Nebenbemerkungen,
nichts Malerisches; ich möchte sagen, sie geben ihren Geschichten
kein Fleisch, und wie oft habe ich mich geärgert, wenn man von einer
Hinrichtung sprach, und dieser oder jener nur hinwarf »geköpft«,
»hingerichtet«, statt daß man, wie bei ordentlichen Erzählungen
gebräuchlich, den armen Sünder, seinen Beichtvater, den roten Mantel
des Scharfrichters, sein blinkendes Schwert sieht, ja selbst die Luft
pfeifen hört, wenn sein nerviger Arm den Streich führt.
Es gibt gewisse Weinstuben, wo sich ältere Herren versammeln und
nicht gerne einen »Jungen«, einen »Fremden« unter sich sehen. Diese
pflegen schon besser zu erzählen; dadurch, daß sie diesen oder jenen
Straßenraub, die geheimnisvolle, unerklärliche Flucht eines vornehmen
Herrn, einen plötzlichen Sterbefall, wobei man »allerlei gemunkelt«
habe, schon fünfzigmal erzählten, haben ihre Geschichten einen Schmuck,
ein stattliches Kleid bekommen, und schreiten ehrbar fürder, während
die Geschichten der Restaurationsmenschen wie Schatten hingleiten.
Solche Herren haben auch eine Art von historischer Gründlichkeit, und
es gereicht mir immer zu hoher Freude, wenn einer spricht: »Da bringen
Sie mich auf einen sonderbaren Vorfall,« sich noch eine halbe Flasche
geben läßt und dann anhebt: »In den siebziger Jahrgängen lebte in
meiner Vaterstadt ein Kavalier von geheimnisvollem Wesen.« -- Solche
Herren trifft man allenthalben, und sie werden von mehreren unserer
neueren Novellisten stark benützt. Der bekannte ** versicherte mir,
daß er einen ganzen Band seiner Novellen solchen alten Nachtfaltern
verdanke, und erst aus diesem Geständnis konnte ich mir erklären,
warum seine Novellen so steif und trocken waren; sie kamen mir
nachher allesamt vor wie alte, verwelkte Junggesellen, die sich ihre
Liebesabenteuer erzählen, welche sämtlich anfangen: »Zu meiner Zeit.«
Die ergiebigste Quelle aber für Novellisten unserer Art sind Frauen,
die das fünfundsechzigste hinter sich haben. Die Welt nennt Medisance,
was eigentlich nur eine treffliche Weise zu erzählen ist; junge Mädchen
von sechzehn, achtzehn pflegen mit solchen Frauen gut zu stehen und
sich wohl in acht zu nehmen, daß sie ihnen keine Blöße geben, die
sie in den Mund der alten Novellistinnen bringen könnte; Frauen von
dreißig und ihre Hausfreunde gehen lieber eine Ecke weiter, um nicht
ihren Gesichtskreis zu passieren, oder wenn sie der Zufall mit der
Jugendfreundin ihrer seligen Großmutter zusammenführt, pflegen sie das
gute Aussehen der Alten zu preisen und hören geduldig ein beißendes
Lob der alten Zeiten an, das regelmäßig ein sanftes Exordium, drei
Teile über Hauswesen, Kleidung und Kinderzucht, eine Nutzanwendung
nebst einem frommen Amen enthält. Solche ältere Frauen pflegen gegen
jüngere Männer, die ihnen einige Aufmerksamkeit schenken, einen
gewissen geheimnisvoll-zutraulichen Ton anzunehmen. Sie haben für
junge Mädchen und schöne Frauen, die jetzt dieselbe Stufe in der
Gesellschaft bekleiden, welche sie einst selbst behauptet hatten, feine
und bezeichnende Spitznamen, und erzählen den Herren, die ihnen ein
Ohr leihen, allerlei »kuriose« Sachen von dem »Eichhörnlein und seiner
Mutter«, auch »wie es in diesem oder jenem Hause zugeht«, »galante
Abenteuer von jenem ältlichen, gesetzten Herrn, der nicht immer so
gewesen«, und sind sie nur erst in dem abenteuerlichen Gebiet geheimer
Hofgeschichten und schlechter Ehen, so spinnen sie mit zitternder
Stimme, feinem Lächeln und den teuersten Versicherungen Geschichten
aus, die man (natürlich mit veränderten Namen) sogleich in jeden
Almanach könnte drucken lassen.
Niemand weiß so trefflich wie sie das Kostüm, das Gespräch, die Sitten
»vor fünfzig Jahren« wiederzugeben; ich glaubte einst bei einer
solchen Unterhaltung die Reifröcke rauschen, die hohen Stelzschuhe
klappern, die französischen Brocken schnurren zu hören, die ganze
Erzählung roch nach Ambra und Puder wie die alten Damen selbst. Und
so frisch und lebhaft ist ihr Gedächtnis und Mienenspiel, daß ich
einmal, als mir eine dieser Damen von einer längst verstorbenen
Frau Ministerin erzählte und ihren Gang und ihren schnarrenden Ton
nachahmte, unwillkürlich mich erinnerte, daß ich diese Frau als Kind
gekannt, daß sie mir mit derselben schnarrenden Stimme ein Zuckerbrot
geschenkt habe. Mehrere Novellen, die ich aufgeschrieben, beziehen
sich auf geheime Familiengeschichten oder sonderbare, abenteuerliche
Vorfälle, deren wahre Ursachen wenig ins Publikum kamen, und ich kann
versichern, daß ich sie alle, teils in Berlin, teils in Hannover,
Kassel, Karlsruhe, selbst in Dresden eben von solchen alten Frauen, den
Chroniken ihrer Umgebung, gehört und oft wörtlich wiedererzählt habe.
Nur so ist es möglich, daß wir, auch ohne jenen Schlüssel zum
Feenreich, gegenwärtig in Deutschland eine so bedeutende Menge Novellen
zu Tage fördern. Die wundervolle Märchenwelt findet kein empfängliches
Publikum mehr, die lyrische Poesie scheint nur noch von wenigen
geheiligten Lippen tönen zu wollen, und vom alten Drama sind uns, sagt
man, nur die Dramaturgen geblieben. In einer solchen miserablen Zeit,
Verehrter, ist die Novelle ein ganz bequemes Ding. Den Titel haben
wir, wie eine Maske, von den großen Novellisten entlehnt, und Gott und
seine lieben Kritiker mögen wissen, ob die nachstehenden Geschichten
wirkliche und gerechte Novellen sind.