Die müde Sonne ist hinabgegangen,

Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text

ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist

~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so gekennzeichnet=.

Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des

Buches.

[Illustration: W. Hauff.]

Wilhelm Hauffs

sämtliche Werke in sechs Bänden

Mit einer biographischen Einleitung

von _Alfred Weile_

Neu durchgesehene Ausgabe

:: :: in neuester Rechtschreibung :: ::

Erster Band.

A. Weichert, Verlagsbuchhandlung und Buchdruckerei

Berlin NO.⁴³ Neue Königstr. 9

Erster Band.

Hauffs Leben von Alfred Weile.

Gedichte. -- Novellen I.

Inhaltsverzeichnis.

Seite

Biographische Einleitung 5

Gedichte 17

Novellen. Erster Teil 57

Nachdruck verboten.

Hauffs Leben.

(Nach _G. Schwab_.)

_Wilhelm Hauff_ ward zu Stuttgart, wo sein Vater als Regierungssekretär

lebte, am 29. November 1802 geboren. Er war erst sechs Jahre alt, als

sein Vater, der als »Anhänger des guten alten Rechts« (1799) acht

Monat schuldlos im Gefängnis auf Hohenasperg saß, nach Tübingen an das

Oberappellationstribunal versetzt wurde, 1808 als Ministerialsekretär

wiederum nach Stuttgart berufen, dort im darauffolgenden Jahre starb.

Seinen Großvater, der Landschaftskonsulent war, hat Hauff trefflich

in dem alten, ehrenfesten, am Rechte haltenden Lanbek im »Jud Süß«

gezeichnet. Die Witwe Hauff, Tochter des Obertribunalrats _Elsäßer_

in Tübingen zog nach dem Tode ihres Gatten mit ihren Kindern nach

ihrer Vaterstadt zurück. Diese vortreffliche Frau hatte durch ihre

sittliche, veredelnde Erziehung einen wohltätigen Einfluß auf das

weiche, empfängliche Gemüt des Knaben; sein Talent zu erzählen, bildete

sich im häuslichen Kreise unter der Mutter, die selbst eine vorzügliche

Erzählerin war, und der Schwester früh aus.

Er besuchte mit seinem älteren Bruder Hermann, der ein großes

Sprachentalent und Gedächtnis vor ihm voraus hatte, die ~Schola

anatolica~ -- nach dem ~Mons anatolicus~, einem Vorhügel des

Oesterberges bei Tübingen benannt.

Eine rege Aufmerksamkeit auf alles und ein glückliches

Auffassungsvermögen führten ihn zur selbständigen Ausbildung seines

Geistes; auffallend war schon im zehnten und elften Jahre sein Hang zu

den Gebilden der Phantasie und er schwärmte für leichte Historien und

Romane; mit sehr viel Laune hat er später in seinem ersten Bande der

»Memoiren des Satan« diese Neigung dargestellt und uns ein komisches

Bild von seinem eigenen poetischen Treiben in der Schule gegeben.

Wenig geneigt zu den lärmenden Spielen der Knaben im Freien, war

den Brüdern der große Büchersaal des alten Großvaters der liebste

Tummelplatz, wo die Knaben in mannigfaltigen Spielen darstellten,

was sie in den Bildern der Folianten gesehen hatten; namentlich

prägte sich ihnen das Mittelalter und die Zeit des Uebergangs in die

neuere Geschichte lebhaft ein; auch die neueste Geschichte ging nicht

leer aus, und hier waren es die Gespräche des Großvaters mit seinen

Freunden, denen die Knaben unbemerkt hinter dem Ofen lauschten; in

seinen Novellen finden sich oft Eindrücke aus der napoleonischen Epoche

wieder.

Auf diesem Wege schuf sich der jugendliche Geist aus den mannigfachen

Bildern ein Bild der Natur und des Menschen, dessen Umrisse immer

bestimmter und fester wurden; er gewöhnte sich früh daran, jene Bilder

mit Sicherheit im Gespräche zu handhaben, und legte dadurch den Grund

zu der Darstellungsgabe, die später sein Hauptverdienst war.

Sein überraschendes Deklamationstalent gab die Veranlassung, ihn zum

künftigen Prediger zu bestimmen und er wurde mit ziemlich mittelmäßigen

Kenntnissen 1817 in die Klosterschule zu Blaubeuren aufgenommen.

Viel hatten zur Vernachlässigung der klassischen Studien eine zarte

Konstitution und periodische Krankheit beigetragen und erst in dem

prächtigen gesunden Albtale bei Blaubeuren fing seine Gesundheit an zu

erstarken.

Mit mehr Sinn für Literatur und Kunst als für Theologie und Philologie

bezog er 1820 die Universität Tübingen. -- Wenn er auch wenig

Geschick zu den ritterlichen Fertigkeiten des Burschenlebens zeigte,

so nahm er doch an allem lebendigen Anteil, was jugendliche Gemüter

in jener Periode begeisterte und er tat sich unter den Dichtern und

Rednern der damals, wenigstens noch in Tübingen und anderen kleineren

Universitäten, blühenden Burschenschaften hervor. Die Stimmung der

Zeit, die wehmutsvolle Sehnsucht nach Freiheit, die Erinnerung an die

zahlreichen Siege und Opfer spricht sich in vielen seiner Gedichte aus;

auch wurden einige seiner Lieder bei dem Wartburgfeste vorgetragen.

Den engern Kreis seiner Freunde ergötzte er durch seine glücklichen

Einfälle, seine Gesprächigkeit und Munterkeit, seine Extravaganz.

Doch selbst im Zustande burschikoser und geselliger Exaltation ließ

er nie Besonnenheit vermissen. Obgleich jugendlich-eitel, reizbar

und empfindlich, hörte er doch mit seinem Humor nicht, wie so viele

Humoristen, an sich selbst auf, sondern er war der erste, der seine

eigenen kleinen Schwachheiten zu bespötteln und in ihrer Beharrlichkeit

als Karikatur an sich selbst darzustellen kein Bedenken trug. Zuweilen

warf er seine Einfälle aufs Papier mit seltener Leichtigkeit und

Gewandtheit, weder eigene noch fremde Schwäche scheuend.

1824 machte er das Doktorexamen und sah sich als Kandidat der Theologie

nach einer geeigneten Stelle um. Durch die Vermittlung eines älteren

Freundes fand er in dem Hause des Kriegsrat-Präsidenten General

Freiherr _von Hügel_ in Stuttgart eine Stellung als Hauslehrer

und bekleidete diese Stelle bis zum Frühjahr 1826. In dieser

liebenswürdigen, feingebildeten Familie lernte er die Formen des

höheren geselligen Lebens in der Nähe kennen; der heitere, natürliche

Ton des Hauses erlaubte ihm, manches schöne, frische Bild aus dem

Leben aufzufassen, und solche lebendige Eindrücke blühten unmittelbar,

nachdem er sie empfangen, als irgend eine anmutige Schilderung in

seinen Dichtungen wieder auf. Seine Stellung ließ ihm Zeit zu Studien

und Arbeiten; auch bestand er 1825 das zweite theologische Examen.

Das erste kleine Werk, mit dem er 1825 öffentlich auftrat, ist der

»_Märchenalmanach_ auf das Jahr 1826 für Söhne und Töchter gebildeter

Stände«. Zunächst für seine Zöglinge niedergeschrieben, beweist diese

kleine Sammlung Hauffs eigentliches Dichtertalent; diese Märchen, deren

ursprünglicher Stoff zwar nicht ihm selbst angehört, die jedoch mit

freiem Phantasiespiel behandelt und schön abgerundet sind, gehören

mit zu den besten seiner Werke; im Almanach für 1827 folgte eine

weitere Reihe prächtiger Märchen. Die besten davon, die nicht allein

jugendliche Gemüter fesseln, sondern auch von dem gereiften Manne

mit immer neuer Freude gelesen werden können, gehören nicht rein dem

Gebiete des Märchenhaften an -- nein! diese sagenhaften Geschichten

aus dem Spessart ergreifen das Herz und eine lebendige unvergängliche

Jugendfrische steigt aus diesen Gebilden hervor.

Unmittelbar auf diesen ersten Märchenalmanach folgt der erste Teil

der »_Mitteilungen aus den Memoiren des Satan_«, die reich an heller

Phantasie und glücklicher Darstellungsgabe sind und in denen ein kecker

Humor und treffende Satire walten. Die barocke Studentenwelt, von deren

Anschauung der junge Mann eben erst herkam, gab ihm hier vielfache

Gelegenheit, sein Talent zu üben; diese Satansmemoiren erregten

Aufsehen und verschafften dem Verfasser einen ausgebreiteten Ruf,

erzeugten aber auch seiner Zeit durch ihre satirischen Ausfälle manchen

Aerger, manche Empfindlichkeit und besonders wurde ihm der Angriff

auf Goethe und seinen Faust sehr verübelt. Manche dieser Skizzen, in

denen er Figuren aus seinen Bekanntenkreisen gezeichnet hat, sind von

zwingendem Humor und reicher Satire, in denen Hauff eine Meisterschaft

besaß. Die Novelle »Der Fluch« scheint Hauff eingeflochten zu haben,

weil er vielleicht die eigentliche Lust zur Fortsetzung dieser

Mitteilungen verlor.

Da Hauff merkte, wie leicht ihm die Darstellung wurde und daß ihn

seine Beobachtungsgabe auch für moderne Stoffe befähigte, entschloß

er sich aus der idealen Märchen- und Phantasienwelt in die realere

des Konversationslebens überzugehen. Im Winter 1825 bis 1826 schrieb

er den »_Mann im Mond_«, einen kleinen Roman aus dem modernen Leben.

Nach Andeutungen von G. Schwab und nach den Erinnerungen von _Wolfgang

Menzel_ scheint Hauff zuerst lediglich die Absicht gehabt zu haben, das

große Publikum zu interessieren. Wolfgang Menzel, der das Manuskript

gelesen hatte, machte ihm die größten Vorwürfe, ein Machwerk ~à la~

Clauren (Hofrat Heun in Berlin) geschrieben zu haben, und daß sein Flug

nicht höher ginge als der des Berliner Hofrats. Er gab ihm den Rat, die

Farben noch viel stärker aufzutragen und dann das Buch unter Claurens

Namen erscheinen zu lassen. Hauff befolgte den Rat. Es steht jedoch

noch in Frage, ob Menzels Darstellung eine richtige ist; sie wird von

vielen neuerdings bestritten. Jedenfalls schaffte Hauff somit eine

köstliche Satire auf Clauren, eine verkehrte und verwerfliche Manier

mehr durch Uebertreibung, als durch Spott und Verhöhnung derselben

bekämpfend.

Wilhelm Hauff fühlte jedoch später, was er sich denjenigen gegenüber

schuldig war, die ernstere Rechenschaft von dem Schriftsteller

fordern; er griff den Gegner in seiner durch Gesinnung und Ausdruck

nicht minder als durch beißenden Witz und echten Humor ausgezeichnete

»_Kontroverspredigt_« auf eine gründlichere und entschiedenere Weise

an. Seine Kontroverspredigt ist eine von sittlicher Entrüstung

getragene vernichtende Kritik der Claurenschen Manier.

Der Ruhm, den Hauff bei dem großen Publikum durch seinen »_Mann im

Mond_« gefunden und die Lust, sich mit modernen Schriftstellern zu

messen, führte ihn immer mehr den Darstellungen der modernen Welt und

dem eigentlichen Konversationstone in der _Novelle_ zu. So entstand

eine Reihe von Erzählungen, die in belletristischen Zeitschriften und

Taschenbüchern erschienen -- nur »_Jud Süß_« schrieb er später -- und

der _zweite Teil der Satansmemoiren_.

Der Erfolg, den Walter Scott mit seinen historischen Romanen auch in

Deutschland hatte, veranlaßte ihn, einen deutsch-historischen Roman

zu schreiben, und er begann seinen »_Lichtenstein_,« den er in sehr

kurzer Zeit beendete. Diese romantische Sage fand großen Beifall in

ganz Deutschland. Der anmutige Stoff ist keine Sage, sondern reine

Erfindung des Verfassers, die sich wie Efeu hinaufrankt an das alte

Felsenschlößchen Lichtenstein. Trotz mancher Mängel der Anlage und

Charakterzeichnung sind doch große Schönheiten im einzelnen und Hauff

würde bei einem zweiten Romane dieser Art gewiß etwas Vollkommenes

erreicht haben. Hauff ist in der Charakterisierung des Herzogs Ulerich

von Württemberg bedeutend von der historischen Wahrheit abgewichen

und hat ihn viel zu ideal geschildert, sich auch im ganzen große

geschichtliche Licenzen erlaubt, doch spricht aus diesem Roman ein

so edler, hoher Sinn, er ist so getragen von des Autors liebevoller

Vertiefung in die Vergangenheit seines Heimatlandes, so viele

erschütternde, poetische und auch komische Szenen schmücken das Werk,

daß »Lichtenstein« stets eine Perle unseres Sagenschatzes bleiben und

zu den Lieblingsbüchern unseres Volkes gehören wird.

Nach Vollendung seines Lichtensteins verließ Hauff seine bisherigen

Verhältnisse. Der Ertrag seiner literarischen Arbeiten erlaubte ihm

eine Reise zunächst über Frankfurt und Mainz nach Paris und dann durch

Belgien und Norddeutschland. Seine Liebenswürdigkeit erwarb ihm auf

diesen Wanderungen allenthalben, besonders in Dresden, Berlin und den

Hansestädten persönliche Freunde unter allen Klassen der Gesellschaft.

Durch den Kriminaldirektor _Hitzig_ in Berlin, den er in Hamburg kennen

gelernt hatte, wurde dem jungen Württemberger der Aufenthalt in der

preußischen Hauptstadt so angenehm wie möglich gemacht, namentlich

dadurch, daß er ihn mit den literarischen Kreisen vorzüglich mit

der berühmten Mittwochs-Gesellschaft und ausgezeichneten Männern in

Verbindung brachte. Im Spätherbst 1826 kehrte er nach Stuttgart zurück,

durch Eindrücke gestärkt und Erfahrungen bereichert. Für die Poesie

trugen Hauffs Reisen nur _eine_ zur vollen Reife gekommene Frucht,

die prächtigen »_Phantasien im Bremer Ratskeller_«, womit er im Herbst

1827 den Freunden des Weines ein Geschenk machte. Diese glückliche

Mischung von übermütigem Humor und poetischem Ernst, diese lebendige

Charakterisierung der köstlichen Figuren sichern den Phantasien durch

ihre echte, feurige Poesie einen dauernden Wert. Kurz vorher hatte er

die Erzählung »_Das Bild des Kaisers_« geschrieben, in der historische

und poetische Wahrheit zugleich enthalten ist; er hat hierin dem

obengenannten Baron von _Hügel_ ein Denkmal gesetzt, der seiner Zeit

Adjutant von Napoleon war.

Nach der Heimat zurückgekehrt, übernahm Hauff am 1. Januar 1827 die

Redaktion des im Cottaschen Verlage erscheinenden »Morgenblatts für

gebildete Stände,« dem er einen neuen Aufschwung verlieh; er brachte

in demselben einige Abhandlungen und Skizzen. Im Februar desselben

Jahres verheiratete er sich mit einer Cousine seines Namens, mit der

ihn längst eine zarte Neigung verbunden hatte. Seine Freunde erzählen

heitere Geschichten von dem Bestreben des jungen Mannes, diese

Liebe, die den Verhältnissen gemäß den allergeradesten Gang hätte

nehmen müssen, ins Gebiet des Phantastischen und selbst der Intrige

hinüberzuziehen, so sehr war ihm romantische Verwicklung auch im

täglichen Leben Bedürfnis. Dieser Bund schien übrigens sein Lebensglück

dauerhaft zu begründen und gab ihm neue Lust zur Arbeit. Er trug sich

mit dem Gedanken, einen historischen Roman zu schreiben, dem die Kämpfe

in Tirol im Jahre 1809 zugrunde liegen sollten, und zu diesem Zwecke

machte er im Juli eine Reise nach Tirol. --

Leider nahte ihm im neuen, jungen Glücke ein früher Tod.

Die Freude über die Geburt eines Töchterchens fand ihn schon durch

Unpäßlichkeit gedrückt, die durch angestrengte Dienste am Kranken- und

Sterbebette eines durch einen Sturz verunglückten teueren Freundes

verursacht war. Bei der Beerdigung eines andern lieben Freundes zog

er sich eine heftige Erkältung zu, und ein tückisches Nervenfieber

beschlich den Widerstrebenden, der gewaltsam zur gewohnten und ihm so

lieben Arbeit zurückkehren wollte.

Wenige Stunden, so erzählt sein Bruder, bevor das Fieber seine Sinne

in wilden Taumel riß, belebte die Freude zum letztenmal seine Züge bei

der Kunde von der Seeschlacht bei Navarin; das Ereignis, das so viele

Dichter zu politisch-poetischen Erzeugnissen begeisterte und Freude in

der ganzen gebildeten Welt erregte, konnte er nicht mehr besingen,

er konnte sich nur darüber freuen; er nahm die Freude hinüber in des

Fiebers Wahnsinn, und es war rührend zu hören, wie er, sich für den

Schlachtboten nach dem Jenseits haltend, mehr als einmal rief: »Laßt

mich, ich muß hin, ich muß es Müller sagen!« denn kaum vor zwei Monaten

hatte er in Stuttgart _Wilhelm Müller_, den Sänger der Griechenlieder,

persönlich kennen gelernt und seit wenigen Wochen seinen jähen Tod

betrauert.

Wilhelm Hauff entschlief sanft, indem er von den Seinigen Abschied nahm

und Gott »_seinen unsterblichen Geist_« empfahl, am 18. November 1827.

Die Teilnahme an seinem frühen Tode war allgemein und sie sprach sich

in Stuttgart durch eine sehr zahlreiche Begleitung zum Grabe laut und

rührend aus. Seine geistigen Mitarbeiter wetteiferten, ihn in Nachrufen

zu feiern.

Den schönsten Nachruf widmete Wilhelm Hauffs frühem Hinscheiden _Ludwig

Uhland_:

Dem jungen, frischen, farbenhellen Leben,

Dem reichen Frühling, dem kein Herbst gegeben,

Ihm lasset uns zum Totenopfer zollen

Den abgeknickten Zweig -- den blütenvollen!

Noch eben war von dieses Frühlings Scheine

Das Vaterland beglänzt. -- Auf schroffem Steine,

Dem man die Burg gebrochen, hob sich neu

Ein Wolkenschloß, ein zauberhaft Gebäu.

Doch in der Höhle, wo die stille Kraft

Des Erdgeists -- rätselhafte Formen schafft:

Am Fackellicht der Phantasie entfaltet,

Sah'n wir zu Heldenbildern sie gestaltet;

Und jeder Hall, in Spalt und Kluft versteckt,

Ward zum beseelten Menschenwort erweckt.

Mit Heldenfahrten und mit Festestänzen,

Mit Satirlarven und mit Blumenkränzen

Umkleidete das Altertum den Sarg,

Der heiter die verglühte Asche barg:

So hat auch er, dem uns're Träne taut,

Aus Lebensbildern sich den Sarg erbaut.

Die Asche ruht -- der Geist entfleucht auf Bahnen

Des Lebens, dessen Fülle wir nur ahnen,

Wo auch die Kunst ihr himmlisch Ziel erreicht

Und vor dem Urbild jedes Bild erbleicht.

Hauffs literarischer Nachlaß war gering; die erste Ausgabe seiner

sämtlichen Werke wurde durch _Gustav Schwab_ veranstaltet, der

mit ihm im persönlichen Verkehr gestanden hatte. Hauffs heiterer,

phantasievoller Geist, sein sinnendes Gemüt, sein jugendfrisches,

liebenswürdiges Wesen spricht lebendig aus allen seinen Werken, die

hierdurch und durch das gewandte Erzählertalent ihren Wert erhielten

und zu Schätzen deutscher Literatur wurden.

=Alfred Weile.=

Gedichte.

Gedichte.

Seite

Der Schwester Traum 17

Mutterliebe 19

An die Freiheit 20

1. Zur Feier des 18. Junius 1824 21

2. Zur Feier des 18. Junius 1823 23

3. Zur Feier des 18. Junius 1824 23

4. Zur Feier des 18. Junius 1824 24

Turnerlust 25

Das Burschentum 26

Trinklied 27

Reiters Morgengesang 28

Soldatenmut 29

Prinz Wilhelm 30

Soldatentreue 32

Soldatenliebe 33

Hans Huttens Ende 33

Entschuldigung 35

Jesuitenbeichte 37

Regel für Kranke 38

Schriftsteller 39

Lehre aus Erfahrung 40

Amor der Räuber 40

Stille Liebe 41

Hoffe 41

Trost 43

Sehnsucht 44

Ihr Auge 45

Serenade 46

Lied aus der Ferne 46

Die Freundinnen an der Freundin Hochzeittage 47

An Emilie 48

Der Kranke 49

Grabgesang 50

Aus dem Stammbuche eines Freundes 51

Logogryph 51

Rätsel, drei 52

Scharade 53

Der Schwester Traum.

Sie schläft. -- Es ist die letzte Nacht des Jahres,

Und wenn die Morgenglocken wieder tönen,

Grüßt eine neue Zeit das holde Kind.

Man sagt, in dieser letzten Mitternacht

Entsteigen ihren Gräbern manche Schatten,

Die Seelen schweben von dem Himmel nieder,

Die Heimat und die Freunde zu besuchen.

Auch _sie_ gedachte dieser alten Sage,

Als sie im stillen, einsamen Gemach

Die Ruhe suchte, und den schönen Augen

Entströmten Tränen. Doch, nicht kind'sche Angst

Vor der geheimnisvollen Wiederkehr

Geschiedner Geister trübte ihre Blicke;

Nein, die Erinnrung an geliebte Schatten,

Die Wehmut um so manches teure Grab

Senkte sich nieder in die stille Seele;

Sie hat für sie gebetet und geweint.

Sie schlummert, und es nahen die Verlornen,

Die schönen Toten, ihrem stillen Lager;

Die Schwestern ihrer Jugend stehen auf

Von einer Welt, wo keine Blüte stirbt.

Erkennst du sie? Du siehst sie nimmer wieder

Als blühende, als irdische Gestalten;

Nicht wie sie Blumen pflückten, Kränze banden,

Nicht wie sie um den trauten Winterherd

Die schaurig schönen Märchen dir erzählten,

Nicht wie du ihnen unter Lust und Scherz

Zum Maientag die schönen Haare flochtest: --

Dies alles blieb in ihrem frühen Grab.

Sie nahen dir mit geisterhaftem Schimmer,

Umstrahlt von heil'gem, überird'schem Glanz.

Doch, sind die Blütenkränze abgestreift,

Ist ihrer Jugend Schmuck im Sarg zerfallen,

Sie bringen doch die alte Liebe mit,

Und sanfter, als in ihrer Erdenschöne,

Und weich und zärtlich wie der Lampe Licht,

Das deine milden Züge still umschwebt,

Sind sie genaht, und deinem geist'gen Blick

Begegnen grüßend ihre lichten Augen,

Von Strahlen der Unsterblichkeit gefüllt.

Sie segnen dich; von ihren heil'gen Lippen

Ertönt es wie der Aeolsharfe Ton,

Wenn lieblich flüsternd durch die feinen Saiten

Der Hauch des Abends weht: »Geliebte Schwester,

Wir denken deiner und wir sind dir nah,

Und segnend schweben wir um deine Tritte;

So oft dein Aug' im schönen Morgenrot,

Im heitern Blau des Mittags sich ergeht,

Trifft uns dein Blick; siehst du den Wölkchen nach,

Die in dem Meer der Abendröte segeln,

Dort schiffen wir; und auf des Mondes Strahl,

Der mild und freundlich in dein Fenster fällt,

Entschweben wir von deinem stillen Lager

Mit deinen Tränen nach den sel'gen Höhn.«

So flüstern sie und neigen sich herab,

Die Stirn der teuern Schlafenden zu _küssen_

Und dann beflügelt, eh' sie schnell erwacht,

Eh' ihre Augen die Erscheinung haschen,

Im milden Strahl des Mondes aufzuschweben

Nach sel'gen Höhn. Ja _dort_, wo anders fände

Die Schwesterliebe ihre ew'ge Heimat?

So stürmisch nicht, nicht so voll hoher Worte

Wie Bruderliebe, doch nicht minder tief,

Gleicht sie dem Bergsee, der in heil'ger Stille

Den Himmel und die friedlichen Gestade

Getreuer widerspiegelt als der Bergstrom,

Der Bild und Ufer in sein Bett begräbt.

Ja, tief und selig ist die Schwesterliebe,

Und zarter, rührender erscheint sie kaum,

Als wenn sie über Gräbern noch sich findet

Und _Tote leben_ in der Schwester Traum.

Mutterliebe.

Mutterliebe!

Allerheiligstes der Liebe!

Ach! die Erdensprache ist so arm,

O, vernähm' ich jener Engel Chöre,

Hört' ich ihrer Töne heilig Klingen,

Worte der Begeistrung wollt' ich singen:

»Heilig, heilig ist die Mutterliebe!«

Wie die Sonne geht sie lieblich auf,

Blickt herab, den Blick voll süßen Frieden,

Lächelt freundlich ihrer jungen Blüten --

Und die Pflanze sproßt zum Licht hinauf.

Rauhe Stürme ziehen durch die Flur,

Und die junge Pflanze bebet,

Doch die Sonne blickt durch die Natur,

Und die junge Pflanze lebet,

Neu erwärmt von ihrem Blick, und strebet

Höher noch zu ihrer Sonne auf.

Mutterliebe! du, du bist die Sonne!

O wie leuchtest du der Blüte doch so warm!

O wie heilig ist die Mutterwonne,

Wenn das Kind umschlingt der treue Arm!

So am Abend, so am Morgen,

Nie ermattet sie,

Wacht in Freuden, wacht in Sorgen

Spät und früh.

Sie begießt mit Muttertränen

Ihrer Augen Lust,

Wärmet sie mit stillem Sehnen

An der treuen Brust.

Süße Hoffnung schwellt die Mutterbrust,

Daß die Blüte werd' zur Knospe keimen,

Früchte sieht sie in den süßen Träumen.

Heil'ge, reine Mutterliebe,

Daß sich nie dein stiller Himmel trübe!

Mutterliebe!

Allerheiligstes der Liebe!

Dir ertönten jener Engel Chöre;

Als der Herr zur Erde niederstieg,

Wollt' er an der Mutterlieb' erwarmen

Und erwachte in der Mutter Armen.

Sinket nieder,

Schwestern, Brüder,

Fleht zu dem, der Mutterlieb' gekannt,

Der _sie_ schuf, sein reinstes Seelenband.

Fleht mit uns, ihr Geister unsrer Lieben,

Tragt es aufwärts, unser kindlich Flehn,

Tragt's hinauf zu jenen Sternenhöh'n,

Werft euch nieder vor des Vaters Thron,

Fallet nieder vor der Mutter Sohn,

Daß auf uns er seine Gnade senke

Und den süßen Trost uns immer schenke --

Das segensvolle Heiligtum der Liebe,

Der Mutterliebe!

An die Freiheit.

Was mir so leise einst die Brust durchbebte,

Als ich zuerst zum Jüngling war erwacht,

Was sich so hold in meine Träume webte,

Ein lieblich Bild aus mancher Frühlingsnacht;

Und was am Morgen klar noch in mir lebte,

Was dann, zur lichten Flamme angefacht,

Mit kühner Ahnung meine Seele füllte --

Es wären nur der Täuschung Luftgebilde?

Was ich geschaut im großen Buch der Zeiten,

Wenn ich der Völker Schicksal überlas,

Was ich erkannt, wenn ich die Sternenweiten

Der Schöpfung mit dem trunknen Auge maß,

Was ich gefühlt bei meines Volkes Leiden,

Wenn sinnend ich am stillen Hügel saß --

Ich fühle es an meines Herzens Glühen,

Es war kein Traumbild eitler Phantasieen!

Du, stille Nacht, und du, o meine Laute!

Nur euch, ihr Trauten, hab ich es gesagt;

Ertönt's noch einmal, was ich euch vertraute,

Erzählt's dem Abendhauch, was ich geklagt,

O sagt's ihm, was ich fühlte, was ich schaute,

Und was mein ahnend Herz zu hoffen wagt;

O Freiheit, Freiheit, dich hab' ich gesungen,

Und meiner Ahnung Lied hat dir geklungen!

Die müde Sonne ist hinabgegangen,

Der Abendschein am Horizont zerrinnt,

Doch du, o Freiheit, spielst um meine Wangen,

Stiegst du hernieder mit dem Abendwind?

Nach dir, nach dir ringt heißer mein Verlangen,

Ich fühl's, du schwebst um mich, so mild, so lind.

O weile hier, wirf ab die Adlerflügel!

Du schweigst? Du meidest ewig Deutschlands Hügel?

Wohl lange ist's, seit du so gerne wohntest

Bei unsern Ahnen in dem düstern Hain:

Dünkt dir, wie gern du auf den Bergen throntest

Vom eis'gen Belt bis an den alten Rhein?

Mit Eichenkränzen deine Söhne lohntest?

Das schöne Land soll ganz vergessen sein?

Noch denkst du sein; es wird dich wiedersehen,

Wird auch dein Geist dann längst mein Grab umwehen.

Zur Feier des 18. Junius 1824.

I.

Seid mir gegrüßt im grünen Lindenhain,

Seid mir gegrüßt, ihr meine deutschen Brüder;

Auf! sammelt euch in festlich frohen Reihn,

Stimmt fröhlich an des Sieges Jubellieder;

Daß heut der stolze Adler niedersank,

Daß sich mein Volk einlöste mit dem Schwerte

Sein Heldentum, der Freiheit Ruhm, die deutsche Erde,

Trag's zu den Wolken, donnernder Gesang!

Trübt auch die Wolke unsres Festes Glanz,

Sind auch zerschlagen schon des Siegs Altäre,

Die jüngst noch, in dem jungen Siegerkranz,

Der Deutsche weihte seines Volkes Ehre:

Mög' Arglist auch und Trug mit finstrem Bann

Dem Siegervolke noch die Zunge binden, --

Begeisterung, des Jünglings Dank, soll's laut verkünden:

»Wer _dort_ gekämpft, fiel nicht für einen Wahn!«

Denn auferstehen soll ein neu Geschlecht,

Wir fühlen Kraft in uns, uns dran zu wagen,

Zu kämpfen für die Freiheit und das Recht,

Um deutsch zu sein wie in der Vorzeit Tagen!

Ein hoher Sinn stieg auf aus blut'gem Streit,

Es kehrt der biedre Geist der Väter wieder,

Und stolzer stehn, in deutscher Kraft und frei, o Brüder,

_Wir_ auf den Trümmern der vergangnen Zeit!

Drum tretet mutig in die Kämpferbahn,

Noch gilt es ja, das Ziel uns zu erringen!

Fürs liebe Vaterland hinan, hinan!

Doch nur von innen kann das Werk gelingen,

Und nicht durch Völkerzwist, durch Waffenruhm,

Nein, unser Weg geht durch Minervas Hallen;

Laßt uns vereint zum Ideal, zum Höchsten wallen,

Erschaffen uns ein echtes Bürgertum!

Ja, so ersteht ein freies Vaterland;

O Bruderbund, dies hast du dir erkoren!

Hebt in die Lüfte auf die treue Hand,

Dem Vaterlande sei es fest geschworen!

O schöne Saat! Der junge Stamm erblüht,

Und schützend ragt er auf wie Deutschlands Eichen;

Blüh', schöner Stamm, die Sonne kommt, die Schatten weichen,

Und fern dahin die dunkle Wolke zieht.

II.

1823.

Ferne in der fremden Erde

Ruhet ihr bei euerm Schwerte

In des Todes sichrer Hut;

Heil'ger Frieden

Lohnt euch Müden,

Nach des Tages heißer Glut.

Frankreichs Adler saht ihr fallen,

Hörtet Siegesdonner schallen,

Als der Tod das Auge brach.

Heil euch Lieben,

Träumet drüben

Von der Freiheit goldnem Tag.

Selig preis' ich eure Lose

In der Erde kühlem Schoße.

Ach, ihr saht der Freiheit Licht,

Saht sie steigen

Ueber Leichen --

Doch sie sinken saht ihr nicht.

Fern von eurem Siegestale

Denken wir beim Todesmahle

Innig eurer Siegerschar,

Und wir gießen,

Euch zu grüßen,

Tränen auf den Festaltar.

III.

1824.

So nahst du wieder, holde Siegesfeier,

Die unsre Brust mit süßen Träumen füllt,

Die mit der Freude dichtgewebtem Schleier

Das trübe Bild der Gegenwart verhüllt:

Du nahst -- und alle Herzen schlagen freier,

Gesang und Jubel tönet durchs Gefild,

Und meiner Brüder frohe Blicke sagen:

»Es war _mein_ Volk, das diese Schlacht geschlagen!«

Es war _mein_ Volk, und nicht die frohen Binden

Von Eichlaub sollten schmücken das Gelag;

Wohl sollten wir Zypressenkränze winden

Um mancher Hoffnung frühen Sarkophag;

Doch -- den Gefallnen laßt uns Kränze winden,

Und einmal noch am frohen Siegestag,

Weil rings um uns des Sieges Früchte welken,

Laßt uns in der Erinnrung Träumen schwelgen.

Drum grüß' ich dich, du Feld, wo sie gefallen,

Wo froh ihr Aug' im Siegesdonner brach!

Drum grüß' ich euch in euern Wolkenhallen,

Ihr Tapfern, die ihr tilgtet unsre Schmach!

Euch, tapfern Sängern, euch, ihr Helden, allen,

Euch tönen unsre Liebesgrüße nach,

Und euch, die ihr dem Auge schnell entschwunden,

Der jungen Freiheit kurze Frühlingsstunden!

Und hätte man den Denkstein euch zerschlagen

Und eure Kränze in den Staub gedrückt:

Die Blumen haben in des Frühlings Tagen

Der Helden Grab mit neuem Grün geschmückt.

So keimt auch unsre Hoffnung unter Klagen;

Denn ob der Sturm sie Blatt für Blatt zerpflückt,

Neu sproßt sie aus dem Hügel eurer Leichen,

Und Gott wird wachen über ihren Zweigen.

IV.

1824.

Wo _eine_ Glut die Herzen bindet,

Wo Aug' dem Auge nur verkündet,

Was Sehnsucht in dem Herzen spricht;

Wo, wenn der Sturm die Form zerspaltet,

Die Gottheit in den Trümmern waltet,

Kennt man der Liebe Trennung nicht.

Heran, ihr Brüder! Nord und Süden,

Ob euch des Herrschers Wink geschieden,

Laßt uns _ein_ Volk von Brüdern sein;

Schließt ja in Schönbunds weiten Auen

Von allen Strömen, allen Gauen

_Ein_ Rasen unsre _Brüder_ ein.

Wohl ist der Siegsgesang verklungen,

Ganz anders wird jetzt vorgesungen,

Ganz andre Weisen spielt man vor;

Doch tönt, von Wehmut fortgetragen,

_Ein_ Ton noch aus den bessern Tagen

Und schlägt an manch empfänglich Ohr.

Hört ihr auf Frühlings leichten Schwingen

Den alten Ton herüberklingen

Von unsrer Brüder Schlachtgefild?

Der _Einklang_ ist's von tausend Tönen,

Der mächtig in Germanias Söhnen

Zu der Begeistrung Wogen schwillt.

Turnerlust.

Was zieht dort unten das Tal entlang?

Eine Schar im weißen Gewand; --

Wie mutig brauset der volle Gesang!

Die Töne sind mir bekannt.

Sie singen von Freiheit und Vaterland,

Ich kenne die Scharen im weißen Gewand.

Hurra! Hurra! Hurra!

Die Turner ziehen aus.

Die Turner ziehen ins grünende Feld

Hinaus zur männlichen Lust;

Daß Uebung kräftig die Glieder stählt,

Mit Mut sich füllet die Brust:

Drum schreiten die Turner das Tal entlang,

Drum tönet ihr mutiger froher Gesang:

Hurra! Hurra! Hurra!

Du fröhliche Turnerlust!

O sieh, wie kühn sich der Blick erhebt,

Wenn der Arm den Gegner umfaßt!

Und frei, wie der Aar durch die Lüfte schwebt,

Fliegt auf der Turner am Mast;

Dort schaut er weit in die Täler hinaus,

Dort ruft er's froh in die Lüfte hinaus:

Hurra! Hurra! Hurra!

Du fröhliche Turnerlust!

Es ist kein Graben zu tief, zu breit,

Hinüber mit flüchtigem Fuß!

Und trennt die Ufer der Strom so weit,

Hinein in den tosenden Fluß!

Er teilt mit dem Arm der Fluten Gewalt,

Und aus den Wogen sein Ruf noch schallt:

Hurra! Hurra! Hurra!

Du fröhliche Turnerlust!

Er schwingt das Schwert in der starken Hand,

Zum Kampfe stählt er den Arm;

O dürft' er's ziehen fürs Vaterland!

Es wallt das Herz ihm so warm.

Und sollte sie kommen, die herrliche Zeit,

Sie fände den tapfern Turner bereit.

Hurra! Hurra! Hurra!

Wie ging's dann mutig in Feind!

So wirbt der Turner um Kraft und Mut

Mit Frührots freundlichem Strahl,

Bis spät sich senket der Sonne Glut

Und die Nacht sich bettet im Tal;

Und klingt der Abendglockenklang,

Dann ziehn wir nach Haus mit fröhlichem Sang

Hurra! Hurra! Hurra!

Du fröhliche Turnerlust!

Das Burschentum.

Wenn die Becher fröhlich kreisen,

Wenn in vollen Sangesweisen

Tönt so manches Helden Ruhm,

Ja, da muß man dich auch singen,

Muß auch dir die Becher schwingen,

Dir, du altes Burschentum!

Fragt ihr, wo die Freiheit wohne?

Auf Europas weiter Zone

Habt ihr nimmer sie gesehn;

Nur bei alter, treuer Sitte,

In der Burschen froher Mitte

Mag ihr Tempel noch bestehn.

Froh und frei, wie's unsre Alten

Einst zu ihrer Zeit gehalten,

Leben wir, so lang es gilt;

Freuen uns -- mit leerer Tasche,

Wenn uns nur aus voller Flasche

Klar der braune Nektar quillt.

Nicht in marmornen Trophäen

Kann die späte Nachwelt sehen,

Was wir Brüder hier getan!

Doch zum Denkstein unsern Siegen

Häufen wir aus leeren Krügen

Hohe Pyramiden an.

Mit dem Humpen in der Linken

Wollen wir dein Wohlsein trinken,

Altes, frohes Burschentum!

Mit dem Hieber in der Rechten

Wollen wir dich kühn verfechten,

Freies, tapfres Burschentum!

Trinklied.

Wer seines Leibes Alter zählet

Nach Nächten, die er froh durchwacht,

Wer, ob ihm auch der Taler fehlet,

Sich um den Groschen lustig macht,

Der findet in uns seine Leute,

Der sei uns brüderlich gegrüßt,

Weil ihn, wie uns, der Gott der Freude

In seine sanften Arme schließt.

Wenn von dem Tanze sanft gewieget,

Von Flötentönen sanft berauscht,

Fein Liebchen sich im Arme schmieget,

Und Blick um Liebesblick sich tauscht,

Da haben wir im Flug genossen

Und schnell den Augenblick erhascht,

Und Herz an Herzen festgeschlossen,

Der Lippen süßen Gruß genascht.

Den Wein kannst du mit Gold bezahlen,

Doch ist sein Feuer bald verraucht,

Wenn nicht der Gott in seine Strahlen,

In seine Geisterglut dich taucht;

Uns, die wir seine Hymnen singen,

Uns leuchtet seine Flamme vor,

Und auf der Töne freien Schwingen

Steigt unser Geist zum Geist empor.

Drum, die ihr frohe Freundesworte

Zum würdigen Gesang erhebt,

Euch grüß' ich, wogende Akkorde,

Daß ihr zu uns herniederschwebt!

Sie tauchen auf -- sie schweben nieder,

Im Vollton rauschet der Gesang,

Und lieblich hallt in unsre Lieder

Der vollen Gläser Feierklang.

So haben's immer wir gehalten

Und bleiben fürder auch dabei,

Und mag die Welt um uns veralten,

Wir bleiben ewig jung und neu.

Denn, wird einmal der Geist uns trübe,

Wir baden ihn im alten Wein

Und ziehen mit Gesang und Liebe

In unsern Freudenhimmel ein.

Reiters Morgengesang.

(Nach einem schwäbischen Volkslied.)

Morgenrot,

Leuchtest mir zum frühen Tod?

Bald wird die Trompete blasen,

Dann muß ich mein Leben lassen,

Ich und mancher Kamerad!

Kaum gedacht,

War der Lust ein End' gemacht.

Gestern noch auf stolzen Rossen,

Heute durch die Brust geschossen,

Morgen in das kühle Grab!

Ach, wie bald

Schwindet Schönheit und Gestalt!

Tust du stolz mit deinen Wangen,

Die mit Milch und Purpur prangen?

Ach! die Rosen welken all!

Darum still

Füg' ich mich, wie Gott es will.

Nun, so will ich wacker streiten,

Und sollt' ich den Tod erleiden,

Stirbt ein braver Reitersmann.

Soldatenmut.

Soldatenmut siegt überall,

Im Frieden und im Krieg,

Bei Flöten- und Kanonenschall

Erkämpft er sich den Sieg;

Sei's um ein Küßchen mit der Maid,

Sei's mit dem Feind um Blut,

Da ist er schnell zum Kampf bereit,

Da siegt Soldatenmut!

Hurra!

Da siegt Soldatenmut!

Wenn sich der Tanz im Wirbel schwingt

Und Aug' in Auge blickt,

Der Arm sich um die Hüfte schlingt

Und Hand in Hand sich drückt,

Da ist die Maid in kurzer Frist

Dem schlanken Burschen gut;

Wer lange fragt, hat nie geküßt,

Da siegt Soldatenmut,

Hurra!

Da siegt Soldatenmut!

Und wenn am heißen Sommertag

Den Marsch die Hitze drückt,

Und wenn das rasche Roß erlag

Und müd' zur Erd' sich bückt,

Hat der Soldat sich aufgerafft,

Er singet wohlgemut,

Wirbt durch Gesang sich neue Kraft;

So siegt Soldatenmut!

Hurra!

So siegt Soldatenmut!

Und wenn im Tal die Banner wehn

Und Heer an Heer sich schließt,

Und uns von den Batt'rieen Höhn

Kanonendonner grüßt:

Da reißt uns durch den Waffenplan

Des Kampfes wilde Glut,

Da mit dem Schwert, Mann gegen Mann,

Da siegt Soldatenmut:

Hurra!

Da siegt Soldatenmut!

Und wenn mein Stündlein kommen sollt',

So bin ich frisch zur Hand;

Ich sterb' ja nicht für eitles Gold,

Ich fall' fürs Vaterland.

Was ich gesollt, hab' ich getan,

Und hab's gelöst mit Blut:

So lebt, so stirbt für seine Fahn',

So _siegt_ Soldatenmut!

Hurra!

So _siegt_ Soldatenmut!

Prinz Wilhelm.

Prinz _Wilhelm_, der edle Ritter,

Ritt hinaus ins Schlachtgewitter,

Ritt mit aus in blut'gen Strauß;

Denn als man die Trommel rührte

Und nach Frankreich abmarschierte,

Blieb der _Kronprinz_ nicht zu Haus.

Durch des Rheines wilde Wogen

Ist er schnell hindurchgezogen,

Ziehet weiter ohne Ruh'.

Auf die Feinde durch die Wälder,

Durch die eisbedeckten Felder,

Auf die Feinde eilt er zu.

Bei _Brienne_, im dunkeln Walde

Unser Jägerhorn erschallte,

Unsre Trommeln wirbeln drein;

In den Feind durch Sumpf und Graben

Stürmt der Prinz mit seinen Schwaben,

Daß der Sieg muß unser sein.

Und bei _Montereaus_ blut'ger Brücken,

Als der Feind wollt' schier erdrücken

Unsre kleine, treue Schar,

Hat er gegen Sturmsgewalten

Ritterlich den Paß gehalten,

Bis sein Volk gerettet war.

An der _Aube_, am _Marne_strande,

An der _Seine_ weitem Lande

Kennt man Wilhelm und sein Schwert;

_Epinal_ auf blut'gen Wegen,

_Troyes'_ heißer Kugelregen

Haben seinen Stamm bewährt.

Ja, wo treue Schwaben stritten,

War auch in des Kampfes Mitten

Unser Kronprinz stets dabei;

Ja, so stritt im Schlachtgewitter

Prinz _Wilhelm_, der edle Ritter,

_Furchtlos_, wie sein Wort, _und treu_.

Schlaget ein, ihr Kameraden!

Wenn zum Krieg die Trommeln laden,

Strömen freudig wir herbei:

Denn als König zieht der Ritter

Nun voraus im Schlachtgewitter,

_Furchtlos_, wie sein Wort, _und treu_.

Soldatentreue.

Wohl dem, der geschworen

Zur Fahne den Eid,

Der sich zum Schmuck erkoren

Des Königs Waffenkleid!

Sei Treue verraten,

Sei Ehre verbannt,

Doch gehn mit dem Soldaten

Sie beide Hand in Hand.

Es grüßt ja zur Seite

Sein Säbel ihm zu

Und ruft ihm aus der Scheide:

»_So treu_ wie Stahl seist _du_!«

Die Büchse, sie winket

So freundlich und rein;

So rein als wie sie blinket,

Soll seine Ehre sein.

Das tönt ihm so süße,

Das schwellt ihm den Arm,

Das macht, wie Liebchens Küsse,

Soldatenherz so warm!

Drum auf! Es ertönen

Trompeten voll Mut!

In Vaterlandessöhnen

Wallt treues Heldenblut!

Die Welt mag zerreißen

Die Schwüre wie Spreu;

Ich weiß ein Wort wie Eisen,

Es heißt: Soldatentreu'.

Soldatenliebe.

Steh' ich in finstrer Mitternacht

So einsam auf der fernen Wacht,

So denk' ich an mein fernes Lieb,

Ob mir's auch treu und hold verblieb?

Als ich zur Fahne fort gemüßt,

Hat sie so herzlich mich geküßt,

Mit Bändern meinen Hut geschmückt

Und weinend mich ans Herz gedrückt!

Sie liebt mich noch, sie ist mir gut,

Drum bin ich froh und wohlgemut!

Mein Herz schlägt warm in kalter Nacht,

Wenn es ans treue Lieb gedacht.

Jetzt bei der Lampe mildem Schein

Gehst du wohl in dein Kämmerlein

Und schickst dein Nachtgebet zum Herrn

Auch für den Liebsten in der Fern'!

Doch wenn du traurig bist und weinst,

Mich von Gefahr umrungen meinst! --

Sei ruhig, bin in Gottes Hut,

Er liebt ein treu Soldatenblut.

Die Glocke schlägt, bald naht die Rund'

Und löst mich ab zu dieser Stund';

Schlaf wohl im stillen Kämmerlein

Und denk' in deinen Träumen mein.

Hans Huttens Ende.

Laut rufet Herr Ulrich, der Herzog, und sagt:

»Hans Hutten, reite mit auf die Jagd,

Im Schönbuch weiß ich ein Mutterschwein,

Wir schießen es für die Liebste mein.«

Und im Forst sich der Herzog zum Junker wandt':

»Hans Hutten, was flimmert an deiner Hand?«

»Herr Herzog, es ist halt ein Ringelein,

Ich hab' es von meiner Herzliebsten fein.«

»Herr Hans, du bist ja ein stattlicher Mann,

Hast gar auch ein güldenes Kettlein an?« --

»Das hat mir mein herziger Schatz geschenkt

Zum Zeichen, daß sie noch meiner gedenkt.«

Und der Herzog blicket ihn schrecklich an:

»So? Das hat alles dein Schatz getan?

Der Trauring ist es von meinem Weib,

Das Kettlein hing ich ihr selbst um den Leib.«

O Hutten, gib deinem Rappen den Sporn,

Schon rollet des Herzogs Auge im Zorn!

Flieh, Hutten! es ist die höchste Zeit,

Schon reißt er das blinkende Schwert aus der Scheid'!

»Dein Schwert raus, Buhler, mich dürstet sehr,

Zu sühnen mit Blut meines Bettes Ehr'!«

Flugs, Junker, ein Stoßgebetlein sprich,

Wenn Ulrich haut, haut er fürchterlich.

Es krachen die Rippen, es bricht das Herz;

Ruhig wischet Ulrich das blutige Erz,

Ruhig nimmt er des ledigen Pferdes Zaum

Und hänget die Leich' an den nächsten Baum.

Es steht eine Eiche im Schönbuchwald

Gar breit in den Aesten und hochgestalt;

Zum Zeichen wird sie Jahrhunderte stahn,

Hier hing der Herzog den Junker dran.

Und wenn man den Herzog vom Lande jagt,

Sein Nam' bleibt ihm, sein Schwert; er sagt:

»Mein Nam', er verdorret ja nimmermehr,

Und gerächet hab' ich des Hauses Ehr'.«

Entschuldigung.

Kam einst ein englischer Kapitan

Zu Stambul in dem Hafen an,

Der wollte nach der langen Fahrt

Sich gütlich tun nach seiner Art

Und in Stambuls krummen Gassen

Vor den Leuten sich sehen lassen.

Hatte auch weit und breit gehört,

Wie die Türken so schöne Pferd',

Reiche Geschirr' und Sättel haben;

Wollte auch wie ein Türke traben,

Und bestellt auf abends um vier

Ein recht feurig arabisch Tier.

Ziehet sich an im höchsten Staat,

Rotem Rock, mit Gold auf der Naht,

Schwärzt den Bart um Wange und Maul

Und steigt Punkt vier Uhr auf den Gaul.

Drauf, als er reitet durch das Tor,

Kam es den Türken komisch vor,

Hatten noch keinen Reiter gesehn

Wie den englischen Kapitän;

Die Knie' hatt' er hinaufgezogen

Und seinen Rücken krumm gebogen,

Die Brust mit den Tressen eingedrückt,

Auch den Kopf tief herabgebückt;

Saß zu Pferde wie ein armer Schneider.

Doch der Schiffskapitän ritt weiter,

Glaubte getrost, die Türken lachen

Aus lauter Bewundrung in ihrer Sprachen.

So ritt er bis zum großen Platz,

Da macht der Araber einen Satz

Und steigt; der englische Kapitän

Ergreift des Arabers lange Mähn',

Gibt ihm verzweiflungsvoll die Sporen

Und schreit ihm auf englisch in die Ohren;

Das Roß den Reiter nicht verstand,

Setzt wieder und wirft ihn in den Sand.

Die Türken den Rotrock sehr beklagen,

Haben ihn auch zu Schiff getragen,

Und seinem Dragoman, einem Scioten,

Haben sie hoch und streng verboten,

Er dürf's nimmer wieder leiden,

Daß der Herr den Araber tät reiten.

Als sie verlassen den Kapitan,

Befiehlt er gleich dem Dragoman,

Ihm auf englisch auszudeuten,

Was er gehört von diesen Leuten.

Der Grieche spricht: »Es ist nichts weiter,

Sie glauben, Ihr seid ein schlechter Reiter,

Wollen, Ihr sollt in Stambuls Gassen

Nimmer zu Pferd Euch sehen lassen.«

Des hat sich der Kapitän gegrämt

Und vor den Türken sehr geschämt.

Spricht zum Dragoman: »Geh hinein

Und sage den Türken: es kommt vom Wein;

Der Herr ist sonst ein guter Reiter,

Aber heut an der Tafel, leider,

Hat er sich ziemlich in Sekt betrunken,

Da ist er im Rausche vom Pferd gesunken.«

Der Grieche ging zum Hafentor

Und trug den Türken die Sache vor.

Doch diese hörten ihn schaudernd an:

»Wir glaubten Gutes vom roten Mann

Und dachten, er sitze schlecht zu Pferd,

Weil's ihn sein Vater nicht besser gelehrt;

Aber wie, von Wein betrunken,

Ist er im Rausche vom Pferd gesunken?

Pfui dem Giaur und seinem Glas,

Allah tue ihm dies und das!«

Da sprach ein alter Muselmann:

»Glaubt's nicht, Leute, höret mich an!

Nicht, weil der Frank' zu viel getrunken,

Ist er schmählich vom Roß gesunken.

Hab' gleich gedacht, es wird so gehn,

Als ich ihn habe reiten sehn,

Die Knie' hoch hinaufgezogen,

Den Rücken krumm und schief gebogen,

Die Brust mit Tressen eingedrückt,

Kopf und Nacken niedergebückt.

Denk' ich, wenn sein Rößlein scheut,

Ihn sein Reiten gewiß gereut.

Aber nein, ich will euch sagen,

Warum er wollte den Wein verklagen

Und stellte sich lieber als Säufer gar,

Denn als ein schlechter Reiter dar:

Das macht des Menschen Eitelkeit,

Die ihn zu Trug und Lug verleit't.

Will mancher lieber ein Laster haben,

Hätt' er nur andere glänzende Gaben;

Und mancher lieber eine Sünd' gesteht,

Eh' er eine Lächerlichkeit verrät;

Ein dritter will gar zur Hölle fahren,

Um sich ein falsch Erröten zu sparen.

So auch der fränkische Kapitan,

Schämt sich und lügt uns lieber an,

Will lieber Säufer sich lassen schelten,

Als für einen schlechten Reiter gelten.«

Jesuitenbeichte.

(Nach dem Französischen.)

Ich liebte zwanzig Mädchen nach der Reihe,

Und jeder war mein ganzes Herz geweiht,

Und jede schwur mir heute ew'ge Treue

Und brach schon morgen ihren heil'gen Eid.

Da schwur und flucht' ich, keinem Weib zu trauen.

»Mein Sohn, wer flucht, der sündiget. Allein

Die Schuld liegt diesmal wirklich an den Frauen;

Du sollst versöhnet und entschuldigt sein.«

Weil ich Bestechung haßte wie die Hölle,

Fand mein Minister mich zu ungeschickt,

Und einem feilen Kerl gab er die Stelle,

Der sich vor seinem Kammerdiener bückt;

Da wünschte ich Herrn C... zum Teufel.

»Mein Sohn, welch rohe Leidenschaft! Allein

Bei kaltem Blut bereust du ohne Zweifel;

Du sollst entschuldigt und versöhnet sein.«

Mit schönen Worten, blendendem Versprechen

Hat ein bekannter Herr mich arm gemacht,

Und um mich für die Tausende zu rächen,

Um die mich der Verräter hat gebracht,

Schalt ich Herrn V... einen Beutelschneider.

»Mein Sohn, das Wort war freilich grob. Allein

Die Welt nennt ihn mit diesem Namen, leider;

Du sollst entschuldigt und versöhnet sein.«

Das Sakrileg, ich will's gestehen, nannte

Ich ein Gesetz für Sklaven nur gemacht;

Der Menschheit Schmach und des Jahrhunderts Schande,

Und P..., ihn, der es ausgedacht,

Schalt ich den Mörder aller freien Seelen.

»Mein Sohn, das war ein derber Schimpf. Allein

Du irrtest menschlich, irren heißt nicht fehlen;

Du sollst entschuldigt und versöhnet sein.«

Und als ich diese arme Welt bedachte

Und sah, wie alles schief und irrig geht,

Wie man die Tugend und das Recht verlachte,

Und wie jetzt Trug und Laster oben steht,

Da -- hielt ich Gott für einen leeren Namen!

»Mein Sohn, du hast dich schwer verfehlt. Allein

Gott ist barmherzig gegen Sünder, Amen;

Du sollst entschuldigt und versöhnet sein.«

Ich liebte Eintracht in Palast und Hütten;

Doch als ich schleichend wiederkehren sah

Die Zwietracht an der Hand der Jesuiten,

Da schwur ich ew'gen Haß _Sankt Loyola_,

Und ew'gen Haß und Rache seinen Söhnen!

»Mein Sohn, ich bin die Langmut selbst! Allein

Das heißt fürwahr das Heiligste verhöhnen!

Vor _uns_ und Gott kannst du nicht schuldlos sein!«

Regel für Kranke.

Hast du mit dem Apotheker Streit,

Es dem Arzt zu klagen vermeid';

Hast du über den Arzt zu klagen,

Sollst du's nicht dem Apotheker sagen;

Denn sind sie auch Feinde immerdar,

So werden sie Freund' am neuen Jahr,

Verkünden: der hat dies gesagt,

Und mir hat er von dir geklagt.

Wirst du nun krank in den ersten Wochen,

_Die_ Arznei sie zusammenkochen:

»~Recipe~: Was er uns getan,

Rühren wir ihm jetzt doppelt an;

Zwanzig Drachmen von seinen Klagen

Mit ~Asa foetida~ für den Magen.

~Misceatur~, ~detur~, nebst unsrem Groll,

Alle zwei Stunden zwei Löffel voll.«

Und stirbst du nicht in der Blütezeit

Ihrer neuen Herzinnigkeit,

Lassen sie dich so lange liegen,

Bis sie selbst wieder Händel kriegen.

* * * * *

Merke: zweier Gegner Klagen

Mußt du nicht hin und wieder tragen;

Weißt nicht, ob, die geschieden scheinen,

Sich nachmals gegen dich vereinen.

Schriftsteller.

Es ist kein Autor so gering und klein,

Der nicht dächt', etwas Recht's zu sein;

Und wär' er noch so ein armer Wicht,

Geht er doch stolz und aufgericht't,

Daß man glaubt, der leere Hut

Noch zu dem Kleinen gehören tut.

Auch kein Autor auf den andern baut;

Denn sei ein Paar noch so vertraut,

Darfst heut den einen heruntersetzen,

Willst du den andern höher schätzen,

Und morgen, auf des zweiten Kösten,

Läßt sich der erste nennen den Besten.

Lehre aus Erfahrung.

Hat dir ein Autor Geld geliehn

Und kommt und will den Wechsel ziehn,

Und kannst doch nicht sogleich bezahlen,

Ihm auch keinen andern Trug vormalen,

So sprich getrost: »Jetzt weiß ich schon,

's war, als die treffliche Rezension,

Wie Euer letztes Werk gelungen,

Stund in den Literaturzeitungen;

Waret gelobt übern Schellenkönig,

Und dennoch, deucht es mir, zu wenig.

Aber könntet Ihr nicht noch borgen

Einige Zeit?« -- »Seid ohne Sorgen,«

Der Autor darauf ganz freundlich spricht,

»Nach meinem Geld verlangt mich nicht,

Bleibet mein Freund; 's hat kein' Gefahr

Könnt mich bezahlen bis übers Jahr.«

Amor der Räuber.

(Nach dem Italienischen.)

Die _Unschuld_ saß in grüner Laube,

Sie hielt ein Täubchen in dem Schoß;

Und Amor kam: Gib mir die Taube,

Ein Weilchen nur gib deine Taube!

Die Unschuld ließ sie lächelnd los,

Doch hielt sie Täubchen an dem Band,

Das sich um Täubchens Flügel wand.

Doch kaum hat er die weiße Taube,

So schneidet er den Faden ab;

Und höhnisch lachend, mit dem Raube

Entflieht der Räuber aus der Laube,

Und nimmer kehrt der lose Knab';

Und als ihr Täubchen nimmer kam,

Ward sie dem Räuber ewig gram.

Stille Liebe.

O dürft' ich fragen, was aus ihrem Auge

Oft so entzückend mir entgegenstrahlt,

Was, wenn ich schnell mich ihrer Seite nahe,

Die Wangen ihr mit hoher Röte malt!

Ahnt sie, was meine Lippen ihr verschweigen,

Was meine Brust mit stiller Sehnsucht füllt?

Hofft' ich zu kühn? Ist es der Strahl der Liebe,

Der so entzückend ihrem Blick entquillt?

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 1 · 第 1 / 22 段