und ziehen seine Heimatstraße hinab nach Gottesgab. Am »Neuen Haus«,
der großen, schönen Einkehrstätte an der Grenze zwischen Sachsen und
Böhmerland, müssen wir vorerst vorüber. Da ist immer ein lebhaftes
Gedränge von wanderfrohen Menschen. Aus den Stuben erschallt
Saitenspiel, singt man des Toler-Hans-Tonls Heimatlieder. Dann gelangen
wir zum Verbrüderungsturm; der trutzige, leider nur halbfertige Bau
erinnert wehmütig an jene Tage, da alte Nibelungentreue noch lebte und
Alt-Oesterreichs Herrlichkeit noch festzustehen schien wie die Berge
ringsumher. Bald sind wir mitten in der schnurgeraden Häuserzeile:
Gaststätten und Weinschenken laden uns ein. Ein Hündlein bellt uns an,
ein Brunnen rauscht am umgrünten Markt. Erzgebirgischer Stadtfrieden
umfängt uns. Der Name Günther ist hier und da zu lesen. Oben am
Rande der braunen Heide steht schlicht und einfach das Häuschen des
Toler-Hans-Tonl.
II. Un is mr in dr Fremd, uje …
Aus Gottesgab zog einst der Großvater Anton Günthers mit den Seinen
hinab ins »Tol«, (Joachimstal) und sein Vater »Dr Tolerhans« kehrte
wieder heim in die »Gutsgoh«, nachdem er beim großen Brand der
Stadt Hab und Gut verloren. Aus dem armen Bergmann wurde ein ebenso
armer Stickmeister. Sein Reichtum bestand in zehn Kindern, einem
verschuldeten Häuschen und in einem echtdeutschen Herzen.
Es ist fast wie ein ewiges Gesetz in der Welt: je ernster das Gesicht
der Heimat, desto lieber haben sie die Menschen. Längst ist auch
hier oben der Bergsegen erschöpft, karg der Boden, die Bearbeitung
schwer, gering der Verdienst, den Hausklöppeln und Sticken abwerfen;
der Nebel drückt schwer auf die kleinen Schindeldächer, und an die
Türen pochte oft die Not. Was wissen von dem allen die Menschen im
bequemen Unterland? Da ist es eine Gottesgabe, ein frohes Herz zu
behalten. Auch den Tonl, den Zweitältesten daheim, traf das Los des
armen Erzgebirglers: es kam der Tag, da er Abschied nehmen mußte vom
bunten Wiesenhang, vom lieben Wald mit seinem Singen und Klingen, aus
dem der Kuckuck ruft zur Frühlingszeit. Sein Herzenswunsch, Forstmann
zu werden, fand keine Erfüllung; er mußte in die Fremde ziehen. Doch
zunächst ging es noch nicht allzuweit, gerade so weit, daß er den
weißen Schneemantel des Fichtelberges sehen konnte, hinter dem die
Heimat liegt. Hier in Buchholz lernte er bei Eduard Schmidt die Kunst
des Lithographierens. Aber bald wachte in seinem Herzen auf, was alle
Kinder des Berglandes plagt: die Sehnsucht nach daheim. Fast zur
Heimkrankheit wurde sie, als er später nach Prag kam. In der Hauptstadt
des Böhmerlandes, dem goldenen Prag, wo die Menschen so fremd und
stolz, die Straßen so laut, die Herzen so hart, die Worte so liebeleer
waren, konnte das rauschende Leben das Herz des stillen Erzgebirglers
nicht satt machen. Wohl war er einsam, doch nicht allein. Allerlei
Freunde und Bekannte aus der Heimat fanden sich hier regelmäßig zu
einem »Gutsgewer Omd« zusammen. Der war wie eine Insel im weiten Meer
der Fremde. Hier tauschten sie Heimaterinnerungen aus und stärkten
einander im Kampfe um ihr Deutschtum, indem sie alles Undeutsche in
Wort und Wesen verbannten und das deutsche Lied sangen. Denn gesungen
wird immer, wenn Erzgebirgler beieinander sind; dazu ward die Fiedel
gestrichen und die Harmonie gespielt. Wohl sprachen sie miteinander in
der Mundart der Heimat, wohl pflegten sie den deutschen Sang, aber eins
vermißten sie schmerzlich: ein erzgebirgisch Lied. Und sieh, da geschah
es, der Toler-Hans-Tonl erzählt es selbst: »Ich weiß selbst nicht,
wie es kam, ich war gerade beim Gravieren, da summte mir eine Melodie
durchs Gemüt, meine Gedanken waren im alten Elternhäusel daheim, und
ein Lied war fertig. Ich brachte es zu Papier. Es war mein erstes Lied:
Drham is drham. Mir war, als sei mir ein Stein vom Herzen gefallen, und
je mehr später Lieder entstanden, desto leichter wurde mir.«
Das war eine Freude, als er es zum ersten Male am »Gutsgewer Omd«
seinen Landsleuten vorsang! Jeder wollte es haben. Da vervielfältigte
er es auf Postkarten, ließ hundert Stück davon drucken, und jeder
schickte davon ein paar in die Heimat. Als er zu Weihnachten heimkam,
da ward es schon im Konzert des Gottesgaber Gesangvereins mit hellem
Jubel gesungen, und alle sangen es mit. Um die Not im Vaterhause zu
lindern, ließ es der jugendliche Dichter abermals drucken, und zwar mit
Singweise, und von den Seinen verkaufen. Erzgebirgische Wanderkapellen
spielten es. Langsam, aber mit steigendem Erfolg, fand das erste
erzgebirgische Lied seinen Weg in die Welt. Ihm folgten bald andere.
Sein Herz war stets daheim bei den Seinen, und seine Hand arbeitete
in der Fremde für sie. Immer standen der Heimat Bilder um ihn her; er
träumte sich in seinen Liedern hinauf an die »Grenz ve Sachsen, wu da
Schwarzbeer wachsen«, wo die Lüfte so frisch, frei und rein wehen, wo
er zur Gongazeit am Heidehang der Lerche gelauscht, wo der Lenzwind
die Schneedecke wegfegt und die Himmelschlüssel weckt, wo im Herbst
die Weinbeeren des Erzgebirges glühen, die korallenroten Vogelbeeren,
und wo er auf der Heide den toten Vogel fand, der vor Heimweh nach den
grünen Wäldern gestorben ist. Der Heimat liebe Gestalten kamen auf
allen Wegen ihm entgegen, die Kinder des Waldes und die schlichten
Menschen des Gebirges, denen sein Herz gehörte, der »Schwammagieher«
der »Muhtstacher«, der alte Musikant der »alta Bordenhannler« und
»Hannelsmah«, der mit seiner Hausierkraxe von Tür zu Tür geht. Nicht
nur das schlichte Volksdichterwort, auch die Musik klang zugleich in
ihm auf, und weil er auch ein Malersmann ist, nahm er den Künstlerstift
und zeichnete zu jedem Liede ein liebes, gemütvolles Bildchen dazu.
Bald riefen ihn auch andere deutsche Vereinigungen in Prag, selbst
in Wien mußte er seine Lieder singen. Zu seiner Freude erlebte er
es, daß er dadurch seine Brüder in der Fremde unterstützen und den
Seinen in der Heimat helfen konnte. Für sie arbeitete er, zeichnete
er, gab Zitherstunden, mußte zwischendurch nach Komotau einrücken, um
dem Vaterlande zu dienen, und war »immer zum Singen bereit«. Die Not
daheim ward nicht geringer. Er sah den Alten im Vaterhaus, von Sorgen
gedrückt, bis tief in die Nacht hinein beim Stickmuster sitzen, sah die
»alte Mahm« daheim unermüdlich am Klöppelsack sitzen und Mutter und
Schwester nähen. Da entstand in tiefer Nacht eins seiner ernstesten und
besten Lieder: »Mei Vaterhaus«.
Do drauß’n in der fremd’n Walt,
Da find ich holt kaa Ruh’,
Da Heiser sei do ganz aus Staa,
Da Mensch’n aa a su.
A jeder singt a andersch Lied,
Doch mitt’n drinna ’raus,
Do klingt’s on ruft’s: Vergaß fei net
Drham dei Vaterhaus!
Dies ist ein tiefsinniges Bekenntnis, das manch einer draußen in der
wilden Welt sich zu Herzen nehmen könnte: »Erst kommt mein Vaterhaus
und alles, was in ihm lebt und webt, und dann komm ich«. Dem alten
Vater rollten die Tränen in den Bart, als er das Lied zum ersten Male
hörte, und noch einmal hatte er die Freude, seine drei Söhne und die
kranke Tochter in Prag zu sehen … noch einmal …
III. »A Hütt’l, när aus Holz gebaut«
»Barchaufwärts, barchaufwärts,
Barchaufwärts zieh ich ham,
Barchaufwärts, barchaufwärts
Do kenn ich jedn Baam,
On do kenn ich jeden Wach,
Jed’s Flackl, jedn Staach,
Barchaufwärts gieh ich ham,
Do kenn ich jedn Baam.«
Wie manchesmal mag es der Toler-Hans-Tonl gesungen haben, wenn er in
guten und in bösen Tagen in die alte Heimat heraufgewandert ist, und
immer war er »fruh, wennrs Heisl sah«.
Dort oben sang es und klang es aus den kleinen Hütten, trotz Sorgen
und großen Plagen, wenn am Feierabend die Sternlein über den Wäldern
standen; doch an jenem Novemberabend, als er mit pochendem Herzen
heimkam, war es finster im Vaterhaus, und alle weinten. Der Vater war
tot –. Erst fünfundzwanzigjährig, mußte Anton nun an dessen Stelle für
die Seinen sorgen. Doch das Schicksal konnte ihn nicht niederdrücken.
Er nahm die Arbeit und Fürsorge um so tapferer auf, als er doch endlich
nun daheim war. Wenn aber der Abendfriede über den Bergen der Heimat
lag, nahm er nach des Tages Mühen die Gitarre zur Hand und sang sich
das Herz frei. In dieser Wehstimmung nach des Vaters Tod entstand
eines seiner innigsten und musikalisch bedeutsamsten Lieder, der
vielgesungene »Feieromd«, dessen letzte Strophe lautet:
»Gar manichs Herz hat ausgeschlogn,
Verbei is Sorg on Müh’,
On üvern Grob ganz sachta zieht
A Rauschen drüwer hie,
’s is Feieromd, ’s is Feieromd,
Es Tochwark is vullbracht,
’s gieht alles seiner Hamit zu,
Ganz sachte schleicht de Nacht.«
Um diese Zeit, als er sich im »Tiroler« eine kleine Verkaufsstelle
seiner Lieder eingerichtet hatte und des Sonntags oft mit einem
Rucksack voll hinauszog über die Berge, floß reich der Liederquell
in seinem Innern, wenn er mit Freunden aus fern und nah zusammensaß,
dann rollte froh und heiter das alte österreichische Musikantenblut in
ihm, dann ward wohl auch mal »derzehlt on Hetz gemacht bis oft nach
Mitternacht«. Aber dann zog es ihn wieder hinaus in die heilige Ruh des
Waldes, wo so »stad« der Wind weht – und das »Zäßichla« singt. »Ja frei
ist der Mensch när do draußen in Wald«, wo »der Wilpertschütz hie dorch
de Fichten schleicht« und im Dickicht die Schwämme sich verstecken.
Dort draußen in der tiefen Einsamkeit stieg ihm auch einst aus seines
Herzensgrund eines seiner lustigsten und volkstümlichsten Lieder: »Da
Draakschenk«. Immer wieder kehrte er heim zum liebsten Erdenfleck,
ins Vaterhaus zu den Seinen; denn sie brauchten ihn und seine Hilfe.
Er fühlte, daß hier die Wurzeln seiner Kraft und seiner Lieder waren;
nimmer vergaß er in Dankbarkeit das »arme Stüwel«, aus dem all seine
Heimatsänge stammen.
Wie viele zogen von Gottesgab, Preßnitz, Reitschdorf und Kesselwald
aus ihrer Heimat in die Fremde. Die Gabe der edlen Musika und das
wanderlustige erzgebirgische Gemüt steckte in ihnen und trieb sie von
Ort zu Ort, aber glücklich sind sie draußen nicht geworden. Vöglein,
die sich in die Welt verflogen. Im Volksmund wurden die böhmischen
Musikanten die »Fatzer« genannt. Mit dem Lammetierholz (Klarinette),
der Harmonie, der Fiedel und dem Waldhorn zogen sie in fremden Städten,
auf Jahrmärkten, unter fremden Menschen rast- und ruhelos umher,
abgesprengt von ihrem Volkstum. – –
Im Gasthaus am Fuße des Fichtelberges, von den Einheimischen das
»Neue Haus« genannt, ging es vor zwei Jahrzehnten schon immer lustig
zu. Da sangen zur Fremdenzeit die alten Schubert-Leute, das »blinde
Madl«, der Wolf Tonl und der alte, blinde Vater Lehnhardt. Aber was
sie sangen, waren zumeist bayrische, Wiener und Tiroler Lieder. Wohl
waren das frohe, muntere Weisen; das erzgebirgische Lied gab es
damals noch nicht. Das hat als erster Anton Günther, der erste und
beste Volkssänger des Erzgebirges, geschaffen. Bald verlangten die
Fremden, die immer zahlreicher, selbst in sturmbrausender Winterszeit
heraufkamen, nur noch die lieben, anheimelnden Sänge des Erzgebirges zu
hören, sangen sie begeistert mit, trugen sie weiter und erhoben damit
manches Gemüt, das durch das seichte Operettenlied schon angekränkelt
war. Namentlich am Heimatorte des Dichters selbst erklangen sie aus
allen Schankstätten. Wer erinnerte sich da nicht des kleinen »Annl«,
im Tiroler, die dem Dichter alle seine Lieder ablauschte und so
rührend auf der Gitarre den Gästen vortragen konnte? Musikkapellen
und Harfinisten sangen sie auf ihren Reisen, so daß sie heute in ganz
Deutschland und weit darüber hinaus bekannt sind. So ward Anton Günther
mit seinen Liedern der Lobkünder seiner erzgebirgischen Heimat draußen
in der weiten Welt, und der Segen kam von einem kleinen, schlichten
Haus und kehrte wieder dahin zurück, ins Vaterhaus, einem »Hüttl, när
aus Holz gebaut«.
Unweit davon hat sich der Volksdichter ein eigenes Heim geschaffen.
Es ist ebenso schlicht wie das alte Haus, aber es ist umklungen von
seinen Liedern. Wie oft kommen nicht eine fremde Wanderschar oder
eine Schulklasse und singen vor seiner Tür das volkstümlichste seiner
Lieder: »Wu da Wälder hamlich rauschen« oder ein paar alte Musikanten
kehren heim und singen ihm: »Vergaß dei Hamit net«. Auch allerlei
neugierige Leute tauchen hin und wieder auf, die da meinen, einen
Dichtersmann mit der Brille, immer mit Büchel und Feder bewaffnet,
zu sehen, und sie finden einen biederen, schlichten Erzgebirgler
im Ehrenkleid des Werktags, der für Weib, Kinder und Heimatscholle
schafft, getreu seinem Wahlspruch:
»Aafach on racht,
Gerod raus on net schlacht,
Dr Hamit, on Volk trei,
A su will ich sei.«
IV. »Wie dr Schnawl stieht – Deitsch is mei Liedl«
Es ist doch wundersam: Gar mancher mit und nach ihm hat Volks- und
Heimatlieder gesungen und ersonnen, aber nur wenigen sind sie gelungen.
Wer Anton Günthers Lieder hörte, vergißt sie nicht gleich wieder. Sie
kommen aus dem Herzen und gehen zu Herzen. Das könnte vielleicht als
billige Redensart angesehen werden, aber man fühlt: diese Worte in der
Mundart des Erzgebirgsvolks, die er vorerst gar nicht aufs Papier zu
bringen und in die Welt zu schicken sich traute, sind echt, wahr und
klar, schlicht und einfach, treffsicher, ohne Schnörkel und Künstelei,
und zu ihnen paßt die Melodie. Sie erscheint, wie bei jeder guten
Vertonung, als die Fortsetzung, die Ergänzung und Verinnerlichung.
Sang und Klang sind eins geworden. Mit ein paar einfachen Akkorden
drückt er aus, was vielen in umständlicher Rede kaum zu sagen gelingt.
Hier ist erfüllt, was einst ein großer Dichter über den echten
Volkssänger sagt: »Er wecket der dunklen Gefühle Gewalt, die im Herzen
wunderbar schliefen.« Wie in dem Meistererzähler des österreichischen
Volksstammes Peter Rosegger lebt in ihm die aufgespeicherte,
unverbrauchte Gemütskraft der Bergkinder. Ein stilles Flämmlein wird
zum Lichtschein, der vielen leuchtet. Schlichte Lieder nur wollen
seine Sänge sein, aber sie tragen die Merkmale echter Dichtung: sie
sind aus einem Erlebnis erwachsen, sind eine Eingebung und ein Stück
Bekenntnis. Mit feinem natürlichem Empfinden ist auf den meisten
seiner Karten zu lesen: Dies Lied _entstand_ 1907 usw. Er kann keine
auf Bestellung machen, wie etwa die Reklamedichter der modernen Zeit.
In seinen Liedern leben die Düfte des Heidelands und der Morgenwind,
der darüber weht, das Echo der Bergwälder und das Rauschen der Bäume,
jenes unsagbar heimliche und tiefe Rauschen des erzgebirgischen Waldes,
dem kein anderes vergleichbar ist. Aus ihnen steigt der herbe Duft der
Erzgebirgsscholle, der gesunde Anhauch des Fichtengrünes; das Murmeln
des kiesigen Waldbächleins flüstert in ihnen und der Liebeszwiegesang
der gefiederten Sänger, die in den Zweigen wohnen. Frage den Wald,
warum er rauscht, frage den Wind, warum er weht und wohin er geht,
frage den Toler-Hans-Tonl, warum und wie er singt:
»Weils Vöchela singt wie sei Schnawela stieht,
Nooch seiner Art a jed’s Blümela blüht,
Will ich aa singa, weils en bestn a su gieht,
Wie mr dr Schnawl halt stieht.«
So sind bis heute über hundert herzinnige Lieder entstanden, davon sind
vierundsiebzig zu singen und mit Bildern geschmückt, und klingen in den
Bergen und in gar manchem Menschenherzen.
Es ist nur eine engbegrenzte Welt, die sein Lied besingt, aber im
Leben und Weben der ewigen Natur und im armen Menschendasein dort oben
erscheint ihm nichts zu gering und unbedeutend, daß es nicht eines
Liedertones wert sei, ob er nun das Aufblühen des Vergißmeinnichts
im Wiesengrunde sieht, oder das Finkenpaar im Nachbarbaum belauscht
oder dem kleinen »Grünents« und »Hanftlich« nachblickt, die über den
düsteren Moorgrund fliegen, oder das Sommergesumm am würzduftenden
Waldrand vernimmt, ob der Glockenschall der kleinen Waldkapelle an
sein Ohr dringt oder ob er zur »Harwistzeit« das Aufbrausen des
Höhensturmes und das Weihnachtsahnen im Winterwalde erlebt. Wie
schlicht und innig ist das Zum-Gleichnis-werden alles Vergänglichen in
dem kleinen Liede: »Blüh, Schwarzbeer, blüh« zum Ausdruck gebracht!
Alles Süße und Liebe der armen Heimaterde ist eingefangen in seine
anspruchslosen Verse. Sie ist ihm, gleich dem Leben, ein heiliges
Buch, das auf allen Seiten großen Inhalt zeigt und zeigen soll, und
über dieser Erde leuchtet ihm ein schöner, unbeweglicher Stern: das
ist die Liebe zur Berg- und Waldheimat. Ihr gilt sein erstes und sein
letztes Lied. In der Lebensbeschreibung, die er dem ersten Bande seiner
Lieder vorausschickt, bekennt er es: »Aus ärmlichen Verhältnissen
sind meine Lieder entsprungen zum Wohle einer ganzen Familie und
nicht minder zum Wohle unseres Gebirges.« Und wer sollte nicht lieb
haben diese schlichten, geraden und selbstgenügsamen Menschen, die
vom Sonnenaufgang bis -niedergang eingespannt sind in den Tageslauf!
Viele von ihnen haben noch etwas vom knorrigen Geschlecht der Vorzeit
in sich, sind Leute vom »alten Schlag«, gesund am Mark und in ihrer
Lebensweisheit, voll Hingebung an die Arbeit und voll Ehrfurcht vor dem
Alter. In ihrer Bedürfnislosigkeit können sie dem neuen Weltmenschen
ein Vorbild sein. An einem Stück Brot, ein paar Kartoffeln, einem
geringen Kaffee, mit der Schwammabrüh im Topf und einer Pfeife Tabak
finden viele ihr Genügen. Sie sind die Nachfahren der rauhen, aber
wackeren Hammerschmiede und Bergwurzeln des erzgebirgischen Volkes, in
denen der Erdsegen und die Lichtsehnsucht der alten Zeit fortleben. Der
in der Weltverlassenheit schaffende Holzknecht, der arme »Großhaaner«,
selbst der alte »Bettelmah«, der im Kampf um die Heimatscholle
unterlag, stehen unserem Toler-Hans-Tonl höher, als die, die in »Grustu
an Olmerichkeit« draußen in der Welt verdarben und die Heimat vergaßen.
Unter dem Sammelruf: »Vergaß die Hamit net!« sendet er auch diesen
Verlorenen und Wankenden seine Lieder. Hört ihr es? … »Ach wie schü
wars daham of der Uf’nbank« … wenn Heimatfriede in Hütten und Herzen
einkehrte und in die Spinnstuben zum »Hutznomd« die heilige, heimliche
Weihnachtsstimmung sich ausbreitete.
In dieser langen, dunklen Winterzeit rücken sie alle näher aneinander;
ihre Herzen tun sich auf, und ihr Mund singt es heraus, was an Leid
und Freud tief innen wohnt. Ihr Volksdichter ist immer mitten unter
ihnen, wenn auch nicht in Person, so doch in seinen Liedern. Wie
der Bergmann, der mit seiner Blende den dunklen Schacht der Erde
ableuchtet, so findet er im Herzen des Volkes manchen Schatz, den die
neue Zeit verschüttet hat, die alte Treue und gebirgische Art, die
Rechtschaffenheit, Biederkeit und Zufriedenheit, »das beste Kraitl«,
das in der Welt gedeiht. Ist es nicht schlichteste, aber unzerstörbare
Lebensweisheit, wenn er das Leben als Büchel besingt, in dem nur Gutes
stehen soll, wenn er sagt:
»Drem war a Herz gefondn hat,
Dar sell net meh begarn,
A Harz, wos schleecht vull Lieb on Trei,
Werd of dr Walt wuhls Beste sei –
Doch ’s muß verstandn warn.«
Aber immer klingt in seinen Liedern jene wunderbare Mischung zwischen
tiefem Lebensernst und Scherz auf, der allen Großmeistern der Freude
eigen ist.
»Jeder Baam hot sei Astl, jeder Barch hot sa Spitz,
Jed’s Vöchla sei Nastl, jed’s Flamml sei Hitz,
’s hot alles sei Ordnung, ’s hot alles sei Zeit,
Jeder Mensch macht wos andersch,
’s hot halt jeder sei Freid.«
Und der Gottesgaber Sänger ist der letzte, der gegen diese echte
– Gottesgabe predigen will. Wie die Sonne durch dunkles Gewölk
lächelt, so blitzt hier und da ein Strahl echten, goldenen Humors
in seinen Liedern auf, bricht der Schalk durch, lacht das lustige
oesterreichische Gemüt, das ein unvergängliches Erbteil dieses
schwergeprüften deutschen Volksstammes ist. Nimm und sing nur seine
heiteren Lieder: Da Ufnbank, ’s fallische Nannel, Da Pfeif, Da zwaa
Finken, ’s Annl mit’n Kannl, Dr Grenzschutz, Allerhand ve dr Gutsgoh!
Aber diese Stunden der Freude und des Lachens sind nur Ruhepausen im
Kampfe des Lebens. Denn nicht nur die Not des eigenen Daseins, auch die
Not seines ganzen Volksstammes hat bei seinen Liedern Pate gestanden.
So wie sich der Geleitsspruch: »War sei Hamit liebt, liebt a sei Volk«
durch alle Lieder hindurchzieht, so gewiß ist auch, daß diese Liebe nur
durch harten Kampf erworben ward. »Deitsch on frei wolln mr sei!« ist
Notruf und ewige Losung des deutschböhmischen Bruderstammes hier oben.
Gerade das ist es, was dem Heimatvolk des Sängers so furchtbar schwer
gemacht wird durch Jahrhunderte hindurch, so lange hier deutsche Herzen
schlagen. Notzeiten hat es im Gebirge immer gegeben, als der Bergsegen
erstarb, wenn die Ernte verdarb, wenn der Verdienst im Wechsel der
Zeiten karg ward, aber nie waren die Wasser der Not so hoch gestiegen
als in den letzten Kriegsjahren, da das Hungergespenst diesseits und
jenseits der abgebrochenen schwarz-gelben Grenzpfähle umging und in den
kleinen Hütten auf den Bergen das Licht erlosch. Ergreifend klingt dies
in dem Gedicht »Kaa Licht« wieder, für das der Sänger weder Bild noch
Weise fand. In stillem, zähem Behaupten und unwandelbarem Vertrauen
ward der Grenzstamm zum Duldervolk, aber daß es nicht mit Seufzen und
Bangen unterlag, hat es nicht zum geringsten Teile seinen treudeutschen
Führern zu verdanken, zu denen auch Anton Günther zu zählen ist. Auf
den Flügeln seiner Lieder geht die Klage der Väter und der Weckruf der
Brüder zu uns ins Reichsland. Nichts Undeutsches ist in seinem Wesen
und seinen Weisen.
»Deitsch is mei’ denk’n
On deitsch mei’ Gemüt,
Deitsch is mei Hamit,
Mei Vater sei’ Hütt’ …
Deitsch is mei’ Tracht’n,
Mei Tu on mei’ Treib’n,
Deitsch on frei bie ich
On wills immer bleib’n …«
Und die Lauen rüttelt er auf:
»Scham dich fei, scham dich fei,
Du willst aa a Deitscher sei?
Denkst wuhl, weil du deitsch tust redn,
Schüna Wärter sochst en jedn,
On drbei, als wie a Kind,
Drehst du en Mantl noch na Wind,
Denkst wuhl, weil du deitsch mich grüßt,
Doß du schu a Deitscher bist?« …
Aber nicht nur mit dem Wort – auch mit der Tat, mit Gut und Blut
trat er für sein Volk ein, zog in den Krieg und trug schwere Wunden
mit heim. Draußen am Isonzo richtete er die verzagten Kameraden
mit seinen Liedern auf und ist bis heute nicht müde geworden, die
Getrennten zu sammeln, zur Einheit zu mahnen und die »niedertrachticha,
waggeschmissina, falischa Politik« in die »Feirist« zu hängen.
»Ich bin net schwarz, ich bin net weiß, ich bin net rut,
ich bin net grü.
Ich halt zer Hamit, ze mein Volk, weil ich a Arzgebircher bin.«
Aber nicht nur als Volksdichter, Volkserzieher, sondern auch als
praktischer Volkswirt erweist er sich, wenn er aufruft:
»Schafft Vieh in Haus, ’s werd Wuhlstand drauß,
Da Nut die huppt zen Fenster naus.
Host du a Flackl Ard,
Bebau dei Fald mit frischem Mut,
Weil dr Segn när in dr Arweit ruht.
Nort hot erst ’s Labn en Wert,
Bebau dei Flackl Ard!«
Er selbst gibt den Seinen darin ein gutes Vorbild und zeigt, auch wenn
seine Lieder nicht klingen: Wer der Heimatscholle treu bleibt, dem
bleibt auch die Heimat.
V. Traute Lieder hör ich wieder Hamlich in dr Mottersproch
In der großen Stadt ist Stiftungsfest des Erzgebirgsvereins. Dort
finden sich Leute zusammen, die vom Gebirge her stammen oder Freunde
der Berge sind, die das Erzgebirge aufschließen helfen, Wege bauen,
Wanderheime und Jugendherbergen gründen und, wenn sie zusammenkommen,
erzgebirgische Art und Sitte pflegen. Da werden mundartliche
Volksstücke aufgeführt, heitere, gebirgische Geschichten vorgetragen
und Lieder gesungen. Wie oft heißt es da nicht hier und da: Wir wollen
den Toler-Hans-Tonl bitten, daß er selbst einmal zu uns komme, und
wenn er in seiner grünen Gebirgstracht leibhaftig vor ihnen steht und
seine Lieder zur Laute singt, dann ist es, als wenn die grünen Fichten
rauschten und die Waldharfen aufklängen im großen Lichtersaal, als wenn
der Bergquell spränge, als wenn das liebe Erzgebirge in seiner biederen
Frömmigkeit selbst zu ihnen gekommen wäre, und mancher Mund summt, der
»Gongazeit« gedenkend, leise mit:
»Grüß dich Gott, o du mei Arzgebirch,
Grüß dich Gott, du grüner Wald.
O wie garn kehr ich zu dir zurück,
Wus su hamlich klingt on schallt.« – –