Im Sächsischen Altertumsverein hielt am 3. Dezember 1925 Dr. Walter

Hentschel, Assistent des Altertumsmuseums, einen mit vorzüglichen

Lichtbildern ausgestatteten, überaus anregenden Vortrag über den

»Meister H. W.« (siehe den Bericht von Dr. Naumann im Dresdner Anzeiger

vom 8. Dezember 1925). So nennt die Kunstgeschichte einen besonders

zwischen 1500 und 1525 in Sachsen wirkenden Meister der spätgotischen

Plastik, der zwei seiner Werke, das Altarwerk zu Borna vom Jahre 1511

und die »schöne Tür« im ehemaligen Franziskanerkloster zu Annaberg –

jetzt in der St. Annenkirche dieser Stadt – mit den Buchstaben H. W.

gezeichnet hat, die wir trotz langwieriger und sorgfältiger Forschungen

auch heute noch nicht zu seinem vollen Namen zu ergänzen vermögen.

Zu seinen leider nicht bezeichneten, aber durch ihre stilistische

Eigenart ihm mit ziemlicher Sicherheit zuzuweisenden Schöpfungen zählen

die beiden Pulthalter in der Stiftskirche zu Ebersdorf, die große

Holzskulptur der Geißelung Christi in der Schloßkirche (ehemalige

Klosterkirche) zu Chemnitz und vor allem die berühmte »Tulpenkanzel«

im Freiberger Dom. Sie ist eine der auffallendsten und merkwürdigsten

Erscheinungen in der bildenden Kunst überhaupt. Mitten hineingestellt

zwischen die himmelanstrebenden schlanken Steinpfeiler des Doms, der in

seinem ganzen Bau mit der starken Betonung des Schiffes und der fast

durchgeführten Losschnürung des Chors vom Schiff als »Gemeindekirche«

selbst eine Revolution gegen die althergebrachten Grundsätze der Gotik

darstellt, ist die »Tulpenkanzel« der Gipfel und die Bekrönung dieser

Revolution, entstanden in Jahren, wo der Sturmwind des neuen Geistes

vom Munde des Wittenberger Augustiners zu wehen begann. Das ist keine

Kanzel alten Stils, sondern eine steingewordene Riesenpflanze, die mit

elementarer Gewalt in drei sich übereinandertürmenden Gestaltungen

aus dem dürren Felsboden drängt, keine sanfte holländische Tulpe,

sondern die saftstrotzende, kraftvolle, stacheltragende deutsche

Distel, die oben in einem verhältnismäßig breitausladenden Blätter- und

Blütenknauf ausgeht, dessen Inneres sich dem Prediger als Sprechort

darbietet, wie wenn ein aus den Tiefen der Erde aufgestiegener Geist

den Gläubigen die emporquellenden Geheimnisse verkünden wollte. (Abb.

1.) Allerhand Phantasiegestalten durchschweben den Raum: unten Putten

in halber Bergmannstracht, oben die vier Kirchenfürsten Hieronymus,

Erzbischof Ambrosius mit Mitra und Krummstab, der greise Papst Gregor

und St. Augustin. (Abb. 2.) Blätter und Zweige schlingen sich um sie,

schlingen sich ineinander und durcheinander, und so stark ist das

Sausen des Sturmes, daß in zwei verschiedenen Höhen steinerne Seile

die Ranken umschnüren und zusammenhalten und ein junger, zugleich die

kühne Treppe tragender Berggesell diese Seile an das kahle, starke,

die Treppe stützende Astwerk zweier entlaubter, ineinanderverwachsener

Bäume verknotet. Was ist hier noch gotisch? Höchstens erinnern gewisse

Linien der Distelblätter an gotische Säulenkapitelle, aber der Geist,

der im Kunstwerke weht, gehört bereits der von den Fesseln der Gotik

befreiten Renaissance an, die sich hier zunächst in dem ausgesprochenen

Naturalismus der Gesamterscheinung und zweitens in der Symbolik ihrer

Teile offenbart. So steht die »Distelkanzel[3]« wie ich sie, ihre

wirkliche Erscheinung besser bezeichnend, nennen möchte, zwischen zwei

Zeitaltern als ein Werk von ganz besonderer, niemals wiederkehrender

Eigenart. Die Deutung des Ganzen auf eine Grundstimmung, die

Beziehung der Figuren zu der Zeit ihrer Entstehung, namentlich

aber die Benennung der zu Füßen der Treppe sitzenden eindrucksvollen

Mannesgestalt und des darüber, zwischen Treppe und Baumwerk

eingeklemmten Jünglings war bis vor kurzen ein ungelöstes Rätsel. Die

Erzählung vom Meister und dem Gesellen, der den Meister übertraf und

deshalb von ihm den Tod erlitt – ein öfters vorkommendes Motiv der

deutschen Sagenbildung – trägt den Stempel des Notbehelfs an sich.

Der Vortragende verwarf sie mit Recht und erklärte den sitzenden Mann

im Hinblick auf die um ihn kreisenden Löwen für eine Darstellung

des alttestamentlichen Propheten Daniel in der Löwengrube. Daniel

habe damals, allerdings nur kurze Zeit, in Sachsen als Patron des

Bergbaus gegolten, und da doch die Kanzel vermutlich eine Stiftung der

Freiberger Bergknappschaft sei, so habe der Meister hier den Propheten

Daniel als ihren Patron dargestellt. Den Zusammenhang der Kanzel mit

dem Bergbau und eine Beziehung der sitzenden Gestalt zum Propheten

Daniel konnte man dem Vortragenden zugeben, wie hätte man sonst die

den Mann bedrohenden brüllenden Löwen verstehen sollen? Aber unmöglich

konnte ich in dem sitzenden Manne die Persönlichkeit Daniels erkennen.

Wie kommt ein alttestamentlicher Prophet dazu, einen Rosenkranz in

der Hand zu halten? Aber auch das Gewand (Schaube), die Schuhe und

der Hut des Mannes sind durchaus zeitgenössisch, und nun vollends das

Gesicht! Wer würde wohl je in diesem vollkommen realistisch geformten,

vom Ohr bis zur Unterlippe ausrasierten Kopfe, der nur um das Kinn

seinen starken Bartwuchs trägt, einen Propheten sehen? Wäre das eine

Gestalt aus der Werkstatt der Phantasie des Meisters, so wissen wir

aus seinen Pultträgern und Madonnen, und auch aus den Büsten der

vier Kirchenfürsten im Blütenkelche der Distelkanzel, wie stark er

und nach welchen Richtungen hin er zu idealisieren pflegt. Nein,

die ganze herbe ungeschönte Erscheinung des Mannes, dazu auch seine

Stellung als Hörer der Predigt zeigt uns, daß wir es hier mit einer

Wirklichkeitsdarstellung, mit dem Bildnis eines Mannes von Fleisch und

Blut, mit einem Porträt zu tun haben. (Abb. 3.) Und wie ich nun, noch

während der Redner sprach, die nicht allzuvielen bekannten Freiberger

der Epoche von 1500 bis 1520 an meinem inneren Auge vorüberziehen

ließ, da durchzuckte es mich mit einemmal, und festumrissen stand eine

Persönlichkeit vor mir, mit der ich mich in anderem Zusammenhange schon

lange beschäftigt hatte, die einzige, die geeignet war, alle bisher

ungelösten Rätsel der Distelkanzel zu entschleiern und uns dabei noch

mit einem lange vermißten und lange gesuchten Bilde ihrerselbst zu

beschenken: Ulrich Rülein von Calbe[4].

[Illustration:

Aufnahme des Sächsischen Landesamts für Denkmalpflege

Abb. 1. =Gesamtansicht der »Tulpenkanzel« im Freiberger Dom=]

Ich kann hier nicht auf die Einzelheiten seines noch gar nicht

erforschten Lebens eingehen, aber in kurzen Worten sei die

Bedeutung, die er für Freiberg im allgemeinen und für den Bergbau

im besonderen gehabt hat, zusammengefaßt. Rülein von Calbe war im

Übergang vom fünfzehnten zum sechzehnten Jahrhundert auf geistigem,

wie auf technischem Gebiete der Führer der aufstrebenden Freiberger

Bürgerschaft und Bergknappschaft. Er war Ratsherr, Bürgermeister,

Stadtarzt, Bergbauverständiger, Astrologe, Vermessungsingenieur und

Organisator eines neuen Bildungswesens in einer Person. Im Jahre 1496

entwarf er den Plan, nach dem die Bergstadt Annaberg erbaut wurde, 1497

erscheint er als Stadtarzt, 1505 hat er das erste bergwissenschaftliche

Buch der Welt verfaßt: »Ein wohlgeordnet und nützlich büchlein, wie

man Bergwerk suchen und finden soll«, 1509 wird er Ratsherr, von 1514

bis 1519 war er Bürgermeister und als solcher bewog er die beiden

tüchtigsten Humanisten der Leipziger Universität Johann Rhagius,

einen Meister der lateinischen Beredsamkeit, und den begeisterten

Apostel des Griechischen Peter Mosellanus nach Freiberg überzusiedeln.

So wurde 1515 in Freiberg das erste humanistische Gymnasium der

meißnisch-sächsischen Lande eröffnet. Gleichzeitig bekämpfte Rülein

erfolgreich die in Freiberg besonders heftig auftretende Pest und

schrieb 1521 ein längeres und ein kürzeres Büchlein über die Eindämmung

und Heilung dieser Krankheit, auch entwarf er den Plan für den Bau der

Stadt Marienberg, schmückte das Freiberger Rathaus mit »Gemälden der

himmlichen Zeichen« und starb 1523 in Leipzig. Man wird zugeben, daß

ein solches Universalgenie auch für den Meister H. W., dessen überaus

reger und selbständig pulsierender Geist aus seinen Werken spricht,

der wichtigste Mann in Freiberg war und daß es für den Meister eine

der lockendsten Aufgaben sein mußte, dieses Mannes Bild festzuhalten

und statt irgendeiner Idealgestalt diesen bedeutendsten Bürger der

Stadt in Zusammenhang mit seinem großartigen Kanzelwerk zu bringen.

Der augenscheinliche Beweis dafür, daß dies geschehen ist, findet sich

in dem oben erwähnten Bergwerksbüchlein. Der erste Druck desselben aus

Augsburg vom Jahre 1505 ist, wenn er überhaupt vorhanden ist, eine

große Seltenheit, ich konnte ihn in keiner sächsischen Bibliothek

auftreiben. Dagegen fand ich in der Sächsischen Landesbibliothek zu

Dresden wenigstens die zweite Ausgabe aus Worms 1518 (Abb. 4) und die

vierte von Augsburg 1534[5]. Und gleich auf der zweiten Seite des

Wormser Druckes leuchtete mir die Überschrift in die Augen: »_Daniel

der bergverstendig zum jungen Knappio_.« Also bezeichnete sich Rülein

selbst hier als den bergverständigen Daniel. Wie kam er darauf? Der

Prophet Daniel galt, wie der Joachimsthaler Pfarrer Johann Mathesius in

seiner »Bergpostilla« (Nürnberg 1578) Seite 40 bezeugt, den Bergleuten

für einen Bergmann, »weil er (im Kapitel 10) die vier Keiserthumb in

vier metallen abmalet und des Sons Gottes arm und füsse in einem gluwen

(glühenden) ertz oder kupffer oder glantzendem kiß oder marckasit

gesehen und gehört habe.« Die Stelle im zehnten Kapitel Daniel lautet:

»Sein Leib war wie ein Türkis, sein Antlitz sahe wie ein Blitz, seine

Augen wie eine feurige Fackel, seine Arme und Füße wie ein glühend Erz

und seine Rede war wie ein große Getöne«.

[Illustration:

Aufnahme des Landesamts für Denkmalpflege

Abb. 2. =Der obere Knauf der Kanzel mit den Büsten der vier

Kirchenfürsten=]

Rülein hat schon als Stadtarzt von Freiberg, ferner als Bürgermeister,

vor allem aber als Verfasser des Bergwerkbüchleins, viele Beziehungen

zur Freiberger Bergknappschaft und auch zu den Bergherren gehabt,

die, wie er, der Ansicht waren, daß die Erze nicht im Inneren der

Erde festliegen, sondern von Fall zu Fall unter besonderen, von Gott

bestimmten Verhältnissen im Berge wachsen und sich dem frommen,

geschickten und ernstlich strebenden Bergmanne »höflich zeigen«, d.

h. sich von ihm erbeuten lassen, während Gottlosigkeit und Ungeschick

der Bergleute es den finsteren Geistern der Tiefe ermöglichen, das Erz

wieder in Quarz und dergleichen wertloses Gestein zu verwandeln oder

dem Bergmanne zu entziehen. Rüleins Bergwerkbüchlein lehrte die Kunst,

den wachsenden Erzen richtig zu begegnen, kein Wunder also, daß er

auch deshalb wie ein Patron des Bergbaus erschien und an der von den

Bergleuten gestifteten Kanzel sein wunderbares Denkmal erhielt.

[Illustration:

Aufnahme der Sächsischen Kommission für Geschichte

Abb. 3. =Die unteren Teile der Kanzel mit der Treppe und der sitzenden

Gestalt des Ulrich Rülein von Calbe=]

Aber die Löwen, die ihn umkreisen, werden hierdurch noch nicht erklärt.

Denn sie können kaum, wie Dr. Hentschel will, als Symbole der Gefahren

des bergmännischen Berufs aufgefaßt werden. Erstens waren die Gefahren

in jener alten Zeit, wo die Gruben noch nicht so tief »geteuft« waren,

weit geringer als später und zweitens war doch Rülein kein aktiver

Bergmann und deshalb nicht so sehr von ihnen bedroht. Und doch war

er, der sich selbst als den bergverständigen Daniel bezeichnete, ein

»Daniel in der Löwengrube«, d. h. ein Mann, der fortwährend schwerer

Lebensgefahr ausgesetzt war. Denn er hat als Stadtphysikus nicht

nur durch seine Schriften, sondern auch als praktischer Arzt die

furchtbaren Pestepidemien bekämpft, die in den ersten Jahrzehnten

des sechzehnten Jahrhunderts Freiberg heimsuchten. Gerade im Jahre

1521 wütete die Seuche in Freiberg so furchtbar, daß Herzog Heinrich

und seine Hofleute auf die an der oberen Zschopau gelegene Feste

Wolkenstein entflohen und daß in Freiberg zum ersten Male, offenbar

auf Rüleins Antrag, zur Befreiung der Stadt von den furchtbaren

Verwesungsstoffen ein Friedhof außerhalb der Mauern, der noch heute

bestehende Donats-Friedhof, angelegt wurde. In seinen »Freiberger

Annalen« schreibt der Chronist Andreas Möller zum Jahre 1521: »Sonst

hat dieses Jahr die Pest gewaltig zu Freybergk regieret, also daß

von Bartholomaei bis ~Trium Regum~ (Dreikönigstag) über zweitausend

Personen gestorben, daher Hertzog Heinrich zu Sachsen nicht allein eine

gewisse Pestordnung publicieren lassen, sondern auch dem Rath befohlen,

für die Toten den Donatskirchhof für (vor) der Stadt zum Gottesacker

und -gemeinen Begräbnüs zuzurichten … Die Pestordnung ist Sonntags

~post Ascensionis Mariae~, war der 19. Augusti, der Gemeine fürgehalten

worden … deßwegen auch die Hofhaltung eine Zeitlang von hier auff

Wolckenstein geleget worden.« Daß bei der Aufstellung und Durchführung

der Pestordnung Dr. Rülein in seiner Doppeleigenschaft als Stadtarzt

und Bürgermeister die wichtigste Rolle spielte, ist selbstverständlich.

[Illustration: Abb. 4. =Titelblatt des Bergwerksbüchleins von Ulrich

Rülein von Calbe=, Worms 1518]

Der Meister H. W. hat den Ulrich Rülein von Calbe, als er seine

Distelkanzel für den Dom entwarf, zunächst wohl als den Repräsentanten

des Freiberger Stadtgeistes und als geistigen Patron des Bergbaus ins

Auge gefaßt, darüber hinaus aber gab ihm dessen selbstgewählter Name

Daniel die Veranlassung, als Symbol der furchtbaren Gefahren, die ihn

und die Bürgerschaft während der Pest umtobt hatten, die gräßlichen

Löwen an der Kanzel anzubringen und damit zu sagen: wie der Prophet

Daniel durch Gottvertrauen und Mut die Ungeheuer der Löwengrube

überwand, so hat Rülein, durch unerschrockene Hilfeleistung als Arzt

die Stadt von der Pest befreit. Demnach ist die Gestalt Rüleins, wie

er zu Füßen der Kanzel demütig der Dankpredigt lauscht, die seine und

der Bürgerschaft Errettung feiert, durch die ihn umkreisenden Löwen

zugleich ein Denkmal für das Heldentum, das er als Arzt bewiesen hat.

(Abb. 5.)

[Illustration:

Aufnahme der Sächsischen Kommission für Geschichte

Abb. 5. =Die Löwen an der Kanzeltreppe=]

Von diesem Gedanken aus verstehen wir erst den ganzen Sinn der

Stiftung: sie ist ein Denkmal der Errettung der Stadt von der

furchtbaren Seuche, dargebracht von der Bergknappschaft und

ausgeschmückt mit dem Bild ihres geistigen Führers und heldenmütigen

Arztes. Deshalb meine ich, daß die Distelkanzel nicht schon 1520 im

Dom aufgestellt sein kann, sondern erst 1521, und zwar erst gegen das

Jahresende. Erst unter dem Drucke der furchtbarsten Pestepidemie,

die Freiberg heimgesucht hatte, gewinnen die Löwen ihre prägnanteste

Bedeutung.

[Illustration: Abb. 6. =Bergwerkslandschaft aus dem Bergwerksbüchlein

von 1518=]

Aber es gibt noch mehr Beziehungen zwischen dem Bergwerksbüchlein und

der Distelkanzel. Das Baumwerk, an dem die Kanzel verankert ist, findet

sein Gegenstück in dem Baumwerk, das Rülein in einigen Zeichnungen

seines Bergbüchleins verwendet hat, um der Bergwerkslandschaft

ihr Gepräge zu geben. (Abb. 6.) Auch ähnelt die schuppenartige

Gesteinschichtung des Rüleinschen Goldwerkbildes auf dem Bogen ~C^V~ in

dem Augsburger Druck von 1534 (Abb. 7) sehr der Felsschichtung, aus

der sich die Distelkanzel des Freiberger Doms erhebt. Wer kann sagen,

ob diese Übereinstimmung, wenn sie nicht eine rein zufällige ist,

darauf hindeutet, daß der Meister H. W. den Rülein beeinflußt hat, oder

ob Rüleins technisch und künstlerisch gebildeter Geist den Meister H.

W. dahin beeinflußte, daß er seiner kühn naturalistischen Kanzel durch

Anlehnung und Verknüpfung an die entlaubten, ineinanderverwachsenen

Baumstämme Halt verlieh? Auch das Baumwerk am Portal der Chemnitzer

Schloßkirche, in das der Meister H. W. später seine Gestalten

hineingestellt hat, ist eine Weiterbildung des bei der Distelkanzel und

noch früher schon im »Bergwerksbüchlein« verwendeten naturalistischen

Motivs. Jedenfalls bestanden zwischen diesen beiden hochstrebenden

Geistern, dem Meister H. W. und dem Bürgermeister Rülein, tiefwurzelnde

Beziehungen und Wechselwirkungen. Diese Beziehungen wurden auch nach

der Vollendung der Distelkanzel weitergesponnen. Denn der Meister H. W.

hat noch ein _zweites Werk_ geschaffen, in dem Ulrich Rülein von Calbe

leibhaftig dargestellt ist: das ist ein allerdings stark verwittertes,

aber in den Hauptzügen noch wohlerkennbares kreisrundes Hochrelief,

das ursprünglich als Schlußstein des Gewölbes über dem Bergaltar der

St. Annenkirche diente, später aber an der Ecke eines Vorhäuschens zur

Kirche angebracht war (s. Ernst Oswald Schmidt, Die St. Annenkirche zu

Annaberg S. 34) und sich jetzt im Innern befindet. In diesem Relief

ist nicht der geschichtliche Vorgang der Fündigwerdung Annabergs vom

27. Oktober 1492 dargestellt, sondern die sich darum rankende Sage,

in der der schürfende Bergmann Caspar Nietzel aus Frohnau, offenbar

unter dem Einfluß von Rüleins Bergwerkbüchlein, ersetzt ist durch

den »armen Bergmann Daniel Knappe«. Wir besinnen uns darauf, daß in

Rüleins Büchlein der Bergverständige Daniel zu dem jungen Knappius

spricht. Wir sehen auf dem Relief (Abb. 8) die Tanne, in deren Zweigen

Daniel Knappe, einem Traume folgend, vergebens nach den silbernen

Eiern gesucht hat. Darüber schwebt noch der Engel Gottes, der ihm

den Gedanken eingab, daß auch die Wurzeln zu den Zweigen gehörten.

Auf der rechten Seite sehen wir, wie ein Bergmann nunmehr mit Erfolg

an den Wurzeln des Baumes geschürft hat, in der Mitte steht Daniel

Knappius, der den Fund in der Hand hält und ihn dem wieder in seiner

Schaube und dem eigenartigen Hut erschienenen Bergverständigen Rülein

zeigt, der den Fund begutachtet. Er ist unterdessen älter geworden,

das Gesicht ist faltig, aber die Ähnlichkeit mit der sitzenden Gestalt

am Fuße der Distelkanzel unverkennbar. Auch die an der Freiberger

Figur verstümmelte und (1862) schlecht ergänzte Nase ist hier als

eine echte Adlernase erhalten. Das ganze ehrwürdige Antlitz zeugt von

Geistesschärfe und Willenskraft. In dieser aus der vollen Realität des

Lebens gegriffenen, durchaus individuellen Gestalt die Darstellung des

alttestamentlichen Propheten Daniel zu finden, ist mir schlechterdings

unmöglich, zumal da hier auch nicht das geringste Symbol vorhanden ist,

das sich auf den Propheten beziehen ließe. Ebensowenig aber läßt sich

an der Identität des Annaberger Porträts mit dem an der Distelkanzel

zweifeln.

[Illustration: Abb. 7. =Bergwerkslandschaft aus dem Bergwerksbüchlein

von 1534=]

Das Annaberger Relief des Meisters H. W. ist spätestens im Jahre 1525

gefertigt, in welchem der Tradition nach die Annenkirche vollendet

wurde, vielleicht auch schon einige Jahre früher, jedenfalls kurz

vor oder kurz nach Rüleins Tode (1523). Aber er verdiente es wohl,

auch hier im Bilde verewigt zu werden, denn abgesehen von seinen

allgemeinen Verdiensten um den Bergbau, hatte er auch schon 1496

(siehe oben) den Plan entworfen, nach dem die Stadt Annaberg erbaut

wurde. Alles schließt sich zwanglos zu einem in sich gefestigten und

gerundeten Beweise zusammen, so daß ich glauben kann, die von Walter

Hentschel umsichtig eingeleitete und bis zu einem gewissen Punkte

geführte Untersuchung über das größte und wichtigste Werk des Meisters

H. W. in einem neuen Geleise weitergeleitet und zu einem für die

Geistesgeschichte Freibergs wie für die sächsische Kunstgeschichte

gleich wichtigen Ergebnis glücklich durchgeführt zu haben.

[Illustration:

Aufnahme von Hofphotograph Meiche in Annaberg

Abb. 8. =Hochrelief des Meisters H. W. in der St. Annenkirche zu

Annaberg=]

Zum Schlusse möchte ich noch eine Vermutung über die Herkunft und

den wesentlichen Wohnort des Meisters H. W. wenigstens aussprechen,

wenn ich auch ihre Richtigkeit nicht beweisen kann. Der Meister H.

W., unstreitig der bedeutendste sächsische bildende Künstler, der im

Zeitalter des Übergangs von der Spätgotik zur Renaissance gelebt und

gewirkt hat, ist so tief in dem Wesen des Bergbaus und seiner Technik

verankert, daß ich ihn für ein Freiberger Kind halten möchte. Und wenn

er das nicht sein sollte, so hat ihn vermutlich Ulrich Rülein, wie er

den Rhagius und den Mosellanus herbeiholte, aus einer Bergstadt, etwa

aus dem Mansfeldischen, nach Freiberg gezogen, wo er in seiner besten

Zeit in enger Gemeinschaft mit Rülein den Mittelpunkt seines Schaffens

fand. Will man Genaueres über sein Leben und Wesen und vielleicht

auch seinen vollständigen Namen feststellen, so muß man zunächst die

städtischen und bergbaulichen Akten des Freiberger Ratsarchivs und

des Freiberger Bergamtes nach den Spuren dieser großen Persönlichkeit

durchforschen.

Fußnoten:

[3] Man vergleiche mit unserem Kunstwerk z. B. das Bild der

gemeinen Eselsdistel bei _Leunis_, Botanik II, S. 77.

[4] Die Quellen über sein Leben fließen sehr spärlich.

Vergebens hat Prof. Dr. Knauth in Freiberg auf meine

Bitte in den Akten, die das Bergamt aus den Jahren 1514

und 1518 über die Bergknappschaft besitzt, Rüleins Namen

gesucht. Dagegen findet er sich im Ratsarchiv an drei

Stellen im »Roten Stadtbuch« von 1488–1518 fol. 172~v~: der

burgkmeister udalrich rulin … (a. 1514), S. 206 zweimal:

udalrich rulin Burgkmeister (a. 1517) und ebenda ist auch

von seinem Hause (jetzt Fischergasse 6~b~) die Rede (vgl.

Täschner, Freib. Alt. Vereins-Mitt. 50, S. 71). – Außerdem

erwähnt Weller in seinen ~Analecta II~, S. 30 und 31, das

vergebliche Auftreten Rüleins im Rate für eine bessere

Besoldung der in Freiberg wirkenden Humanisten Rhagius und

Mosellanus (dazu vgl. O. Clemen N. A. S. XLI, S. 135 f.,

und meine Kurf. Streifz. V, S. 79).

[5] Man darf allerdings im Katalog nicht unter dem Namen

_Rülein_ suchen, sondern unter dem Wort _Büchlein_; denn

das Werkchen ist anonym erschienen und wir wissen nur durch

zwei Zitate des Chemnitzers _Georgius Agricola_, ~De re

metallica libri XII~ (Vom Bergwesen zwölf Bücher), in der

Einleitung fol. 2~v~ und ~pag.~ 54, daß Rülein von Calbe

(~Calbus Fribergius~) der Verfasser des Bergwerkbüchleins

ist. Am Schluß des älteren Dresdner Exemplars des

»Bergwerksbüchleins« liest man: Getruckt zu Wormbs bei

Peter Schöfern und volendet am fünfften tag April. ~M. D.

XVIII.~

Anton Günthers Leben und Schaffen

(Zu seinem 50. Geburtstag am 5. Juni 1926)

Von _Alfred Venter_, Chemnitz

I. Wu da Wälder hamlich rauschen

In den Fenstern des großen Fichtelberghauses liegt roter Sonnenglanz.

Sanft streicht der Gipfelwind über knorriges Nadelgestrüpp. Da wandern

wir auf dem breiten Prinzenweg talwärts durch die tiefe Einsamkeit

des erzgebirgischen Waldes. Ein einziges Stimmlein geht mit uns von

Wipfel zu Wipfel, und wenn es schweigt, dann hören wir von fern und

nah nur das heimliche Rauschen der Wälder. Plötzlich öffnet sich das

Land nach Westen. Auf dem breiten Kammrücken liegt, von den höchsten

Bergen bewacht, eingebettet im Heideland und düsteren Moorgrund, ein

freundliches Städtchen. Hart packen hier die Wetterstürme zu; wie

die Kücken um die Gluckhenne scharen sich drum die sauberen, weißen

Häuser um die Kirche. Wer kennt nicht die kleine Stadt mit dem frommen,

kerndeutschen Namen, die höchstgelegene Stadt Mitteleuropas, die

eintausendundachtzehn Meter über dem Tiefland sich erhebt? Wohl gewahrt

der Vielgewanderte die Anzeichen des fremden Landes, aber es ist, als

ob geheime Stimmen ihn anriefen: »Komm herüber zu uns; denn wir sind

deines Stammes und Blutes und haben die Bergheimat lieb wie du! Kehr

ein zu Gottesgab im böhmischen Lande!«

Am besonnten Wiesenhang strecken wir uns hin und fühlen den tiefen

Frieden des Erzgebirges wie ein unsichtbares Flügelpaar über uns

hinrauschen. Hinter uns, zur Linken und zur Rechten, wo bis zum

Himmelsrand die Wälder auf- und niedersteigen, klingt es wie eine ewige

Melodie. Die Heide ist voll frohen Gesummes. Die Zippen schwatzen, und

die Ziemer fallen lärmend in die Vogelbeerbäume an der Straße. Der

würzige Duft des Bergwindes umweht die Wange, da hebt im Talgrunde das

Ave-Glöcklein an und schallt über Höhen und Wälder und kündet denen,

die in den verstreuten Hütten des Moor- und Heidelandes wohnen: ’s ist

Feierabend. Und es ist, als ob einer die Harfe nähme und dazu sänge:

»On üwern Wald a Vöchela

Fliecht noch sän Nastl zu.

Von Därfl drüben a Glöckl klingt,

Dos maant: Leecht eich ze Ruh!

’s is Feieromd, ’s is Feieromd,

Es Tochwerk is vullbracht,

’s gieht alles seiner Hamit zu

Ganz sachte schleicht de Nacht.«

Frieden zieht ins unruhvolle Herz, vergessen ist der laute Tag, aus dem

wir kamen, fern der Menschen Neiden und Hassen, froh und frei wird die

Brust … da klingt von den Straßen der Takt der Wanderschritte, und wie

sie an der Waldecke sind, stimmt einer die Laute an. Horcht auf, ihr

Herzen, wie ’s über die Höhen und Täler klingt! Kennt ihr das Lied?

»Of da Barch, do is halt lustich,

Of da Barch, do is halt schie,

Do kömmt da Sonn en allererstn,

Scheint se aa en längsten hie.

Wu da Wälder hamlich rauschen,

Wu da Haad su rötlich blüht,

Mit kan Könich mächt ich tauschn,

Weil da drubn mei Heisl stieht.«

Und beim Singen drüben winken sie uns zu, und Busch und Baum singen es

mit. Wie oft haben wir es schon gehört, auf den Bergen, in den Hütten,

in den Schulen, auf den Bergbahnen, und der es zuerst gesungen, dem es

aus dem Herzensgrund gekommen, das ist der Volksdichter des Erzgebirges

Anton Günther, der Toler-Hans-Tonl von Gottesgab.

Am Waldhang, wo wir liegen, hat auch er als kleiner Bub gelegen mit

dem Hirtenhütl und dem gebirgischen Gewandl und des Vaters Ziegen

gehütet, und hat den Waldvögeln gelauscht und mit dem kiesigen

Bächlein Zwiesprache gehalten, und das tiefe, heimliche Rauschen der

Heimatwälder ist ihm durch Herz und Seele gezogen, daß er es hat nimmer

vergessen können.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XV, Heft 3-4 · 第 4 / 6 段