Von Ende Mai an, häufiger aber im Juni und selbst noch im Juli

findet man die in der Regel mit fünf bis sechs, aber auch mit sieben

reinweißen Eiern voll belegten Nester. Sie sind immer sehr versteckt

in dichtem, häufig von Weiden- und anderem Gestrüpp durchsetzten

Dickichten jungen und älteren Schilfes und Rohres zu finden, stehen

in der Regel über dem Wasser nahe des Ufers, können aber auch –

allerdings etwas weniger häufig – weiter im Innern der Teiche, dann

aber auch wieder selbst am Ufer über dem Lande, wenn dieses das dem

Vogel gut bergende und daher von ihm auch unbedingt verlangte dichte

Gestrüpp von Schilf und Rohr, strauchigen Weiden und anderen, ähnlich

hoch wachsenden Pflanzen trägt, angelegt sein. Das Nest ist ein nur

kleiner, flacher und locker geschichteter Bau aus alten Rohrstengeln,

Schilfblättern und ähnlichem Pflanzenmaterial, bald auf dürrem,

umgeknicktem Rohr aufgeschichtet, bald in das Gewirr der jungen, grünen

und der mehrjährig-dürren Stengel und Halme eingefügt, bald fast der

Wasserfläche aufsitzend, bald wieder bis zu einem halben Meter hoch und

vielleicht hin und wieder auch noch etwas darüber angelegt. – Häufig

und gern habe ich, gut gegen Sicht gedeckt, an den Nestern unseres

Vogels gesessen, und manchesmal, auch wenn an kühleren Tagen die im

Wasser stehenden Füße eine Gänsehaut überlief und fröstelnd auch der

übrige Körper erschauerte, stundenlang ausgeharrt, die immer wieder

neuen Reize bestrickendster Bilder voll auskostend. Der Vogel bietet

des Anziehenden ja so unendlich viel. Seine Scheu und Vorsicht und das

ihm eigene große Mißtrauen geraten in einen ganz eigenartig berührenden

Gegensatz zu seiner fast rührenden Anhänglichkeit an Nest und Gelege

oder der bereits ausgefallenen Brut, und so ergeben sich dann, wenn

der durch den Beobachter vom Neste geschreckte Vogel fast unmittelbar

nach dem Verlassen desselben wieder zu ihm zurückstrebt, sich ihm unter

ununterbrochenen Sichern und den phantastischsten Körperhaltungen und

Körperverrenkungen nähert, die wunderlichsten, fesselndsten Szenen, die

nur der verstehen kann, der sie schon einmal mit beobachten durfte.

[Illustration: Abb. 4. =Große Rohrdommel auf dem Nest=]

Und wenn gar die Jungen im Neste sitzen, diese graugelblichen und

flaumigen, abenteuerlichen Gestalten, und wütend den Beobachter

anfauchen oder wehrhaft nach ihm mit den spitzen Schnäbeln hacken, wenn

sie flüchtend, mit den unendlich langen Ständern weitausgreifend im

Rohre verschwinden, um aber, wenn die eingebildete Gefahr vorüber ist,

sofort wieder in das Nest zurückzukehren, wenn dann gar die Mutter mit

einem jungen Fische zurückkommt, die hungrigen atzend, da vergißt man

über dem Gesehenen auch gern einmal die besonders auf der materiellen

Seite liegenden Schattenseiten des freien Naturforscherlebens und freut

sich ungeschmälert eines Berufes, der einem mit jedem Tag in immer

engere Beziehungen zu der ewig-jungen Natur bringt. –

[Illustration: Abb. 5. =Große Rohrdommel brütend=]

Zeitiger als die Zwergrohrdommel, ihrer früheren Rückkehr an

die Brutplätze entsprechend, denkt die Große Rohrdommel an das

Fortpflanzungsgeschäft. Ich fand 1924 in meinem Königswarthaer

Beobachtungsgebiet zwei Nester, in denen die Vögel bereits im April mit

dem Legen begonnen haben mußten. Sie boten mir nicht nur Gelegenheit zu

ausgiebigen Beobachtungen über das in vielem noch recht wenig bekannte

Brutleben, sondern brachten mir auch die überhaupt ersten Nestaufnahmen

unseres bisher am Neste ja so wenig beobachteten Vogels. Ich habe

über meine Beobachtungen bereits ausführlicher an anderer Stelle

berichtet[2], möchte aber daraus hier für diejenigen vogelkundlich

interessierten Leser der Heimatschutz-Mitteilungen, denen meine Arbeit

nicht zugänglich ist, das folgende wiederholen:

»Beim Näherkommen an das Nest richtet in der bekannten Weise der Vogel

Kopf und Hals senkrecht empor (die beiden auch hier beigegebenen

Aufnahmen geben dies ja sehr schön wieder) und erhebt sich schließlich,

wenn ihm die Nähe des Beobachters zu gefahrdrohend wird, vielfach

deutlich zögernd, zum Abflug. ›Unbeweglich,‹ so notierte ich an

Ort und Stelle, ›verharrt beim Näherkommen der Vogel noch auf dem

Nest, flacher nur legt sich der Rumpf auf dieses, gestreckter und

dünner wird der höher und höher emporwachsende Hals, scharf blickt

das in seiner absoluten Unbeweglichkeit fast wie ein eingesetzter

glänzender Edelstein wirkende gelbe Auge, bis dann endlich Leben in ihn

kommt: langsam und ohne jede hastende Eile, ruckweise, mit deutlich

abgesetzten Bewegungen in den Gelenken, daß man an ein aufgezogenes

mechanisches Kunstwerk erinnert wird, erhebt er sich, macht eine

leichte Wendung zur Seite und fliegt ab, in gerader Richtung nach

einer etwa hundert Meter entfernten Stelle im Teichinnern, wo er im

Rohrbestande einfällt.‹ Dieses Einfallen erfolgte, sooft ich es sah,

ausnahmslos an der gleichen Stelle …, der nach dem Abflug vom Neste

eingefallene Vogel richtete sich sofort auf kurze Augenblicke sichernd

zur Pfahlstellung auf, hastete dann im Rohre kletternd und mit den

Ständern weit ausgreifend, daß diese viel länger schienen, als sie es

wirklich sind, einige Meter vorwärts, sicherte von neuem, und strebte

so, ununterbrochen zwischen hastigem Klettern und sicherndem, kurzem

Verweilen wechselnd, dem Neststandort zu, so daß er fast unmittelbar

nach seinem Abflug schon wieder in Nestnähe war und aufmerksam,

zum unbeweglichen Pfahl geworden, die Vorgänge an ihm verfolgte,

das Entfernen des Beobachters abwartete … Verschieden von dem eben

geschilderten Verhalten des noch brütenden ist dasjenige des seine

Jungen bereits betreuenden Vogels. Auf meinen beiden Nestern traf ich,

nachdem diese die bei meinen Besuchen allerdings schon einige Tage

alten Jungen enthielten, die alten Vögel überhaupt nicht mehr an; sie

hielten sich im Pflanzenbestand neben den Nestern auf und wurden nur in

Ausnahmefällen hoch. Ob vielleicht, von mir unbemerkt, erst vor meinem

Herankommen an die Nester die Vögel diese verlassen hatten, vermag

ich allerdings nicht zu sagen. Das erste Nest enthielt bei meinem

Besuche am 31. Mai drei Junge, ruppig aussehende und lebhafte, sich

äußerst wehrhaft gebärdende Kerlchen, die durch rauhes, krächzendes

Geschrei und unmöglich weites Aufreißen der Schnäbel – man glaubte, in

unergründliche Abgründe zu schauen – des Beobachters sich zu erwehren

versuchten oder durch Verschwinden und gewandtes Umherklettern im Rohr,

aus dem sie sich aber immer wieder ins Nest zurückfanden, sobald die

eingebildete Gefahr vorüber war, sich ihm zu entziehen trachteten.

Als ich eines der Jungen in die Hand nahm, verkündete mir ein rasch

aufeinanderfolgendes, nicht übermäßig lautes, rauhes ›Goak-goak‹, daß

der bisher von mir trotz aller darauf verwandten Aufmerksamkeit noch

nicht gesehene und sich auch jetzt dem Anblick entziehende alte Vogel

doch in unmittelbarster Nestnähe sein mußte. Erst als ich nochmals

eines der Jungen in die Hand nahm und ihn dadurch zu neuen Rufen

veranlaßte, entdeckte ich ihn. Drei bis dreieinhalb Meter nur von mir

entfernt, in der üblichen Pfahlstellung sich an einige Typhastengel

anklammernd, klebte er, mir zugeneigt, als ob er jeden Augenblick sich

auf mich stürzen wolle, und dabei in seiner Umgebung so aufgehend, daß

ich ihn trotz meiner dafür doch leidlich geschärften Augen bislang

übersehen hatte und es auch jetzt, wenn ich einmal die Blicke von ihm

abgelenkt hatte, immer wieder eines erneuten, sekundenlangen Suchens

bedurfte, um ihn in dem braunen Pflanzenbestand auszumachen. Die

Schutzfärbung des Tieres ist eine höchst vollkommene, und das Aufgehen

des Vogels in seiner Umgebung wirkt manchesmal direkt verblüffend.«

[Illustration: Abb. 6. =Große Rohrdommel fliegend=]

In unseren Naturgeschichtswerken kommen die beiden Rohrdommeln, vor

allem die Große, nicht immer gut weg. Zwar werden sie gern, in erster

Linie wohl ihrer wenig offenkundigen Lebensweise und des Dunkels wegen,

das noch über manchen ihrer Lebensäußerungen liegt, »interessante«

Geschöpfe genannt, umgekehrt aber als falsch und heimtückisch

bezeichnet und mit noch anderen ähnlichen, vom Menschen als häßlich

empfundenen Eigenschaften ausgestattet. Kann man aber einem Vogel, der

so wie unsere Rohrdommeln die Heimlichkeit liebt und aus diesem Grunde

schon mit einem gewissen Mißtrauen ausgerüstet ist und ausgerüstet sein

muß, es zum Vorwurf machen, wenn er, in die Enge getrieben, sich auch

einmal dem Menschen gegenüber zur Wehr setzt, wenn er, wohl gar durch

die ihm vom letzteren angetragene Kugel verwundet, diesem – seinem

Peiniger – seine in dem kräftigen und spitzen Schnabel bestehende Waffe

fühlen läßt? Wohl kaum! Ich würde dem, der mich auf die linke Wange

schlägt, auch meine »Rechte« darbieten, derb und kräftig, daß er sich

einen zweiten Schlag wohl überlegen würde, und ich würde es meinem

künftigen Biographen (der allerdings wahrscheinlich noch gar nicht

geboren ist) schon heute verübeln, wenn er mir deswegen Eigenschaften

andichten wollte, mit denen eifrige Naturgeschichtsschreiber unsere

Rohrdommeln belastet haben.

Mir sind sie jederzeit ungemein fesselnde und anziehende Vögel gewesen

und werden dies auch bleiben, solange Frühlingssonnenglanz mich noch zu

Teichexkursionen zu begeistern vermag.

Fußnoten:

[1] P. Weißmantel, Ueber Vorkommen und Lebensweise der

Zwergrohrdommel, ~Ixobrychus minutus~ (L.), in Sachsen.

Mitt. d. Ver. sächs. Ornithol. 1, 5. Heft (1925) S. 89–98.

[2] Rud. Zimmermann, Am Neste der Großen Rohrdommel, ~Botaurus

stellaris~ (L.). Pallasia, Ztschr. f. Wirbeltierkunde 2

(1924/25), S. 185–194.

Gräberfelder der Lausitzer Kultur

Von Dr. _Walter Frenzel_, Bautzen

Abbildungen aus dem Bildarchiv der Gesellschaft für Vorgeschichte und

Geschichte der Oberlausitz zu Bautzen

Im zweiten vorchristlichen Jahrtausend wohnte in Ostdeutschland

ein Volksstamm, dessen eigentlichen Namen die Wissenschaft mangels

schriftlicher Überlieferung noch nicht kennt. Da seine auffallendsten

Kulturüberreste, die Gräberfelder mit den Buckelurnen, doppelkonischen

und gehenkelten Näpfen zuerst in der Ober- und Niederlausitz gefunden

wurden, sprach man von der Lausitzer Kultur und dem Volke der Lausitzer

auch noch dann, als man mit dem Fortschritt der Forschung gefunden

hatte, daß diese Kultur bis an die Küste der Ostsee reicht, bis

weit nach Polen hinein sich erstreckt, über Elbe und Saale hinaus

westwärts vorgedrungen ist und im Süden einst die böhmischen und

ungarischen Gefilde als Wohnstätte sich auserkoren hatte. Wenn daher

eigentlich der Name »Lausitzer« zu eng gefaßt ist für die geographische

Verbreitung der Kultur, so wird er doch von der Wissenschaft weiterhin

fortgeführt, da man erkannt hat, daß diese Kultur in den beiden

Lausitzen Brennpunkte höchster künstlerischer Entwicklung zeitigten.

Nur einen kleinen Ausschnitt aus den ungeheueren Stoffmassen, die

für die Lausitzer Kultur bereits vorliegen, will ich hier aufzeigen

und einen Gegenstand behandeln, der selten breiterer Öffentlichkeit

zugänglich ist: _Grabformen_. Auch dieses Teilgebiet kann hier nicht

erschöpft werden, da im Laufe der einzelnen Jahrhunderte, während

der die Lausitzer Kultur blühte, sich zahlreiche Wandlungen auch

in den Grabbräuchen und nicht nur in den Gefäßformen entwickelten.

Überdies vermag heute die Wissenschaft noch nicht anzugeben, ob in

den verschiedenen Grabformen auch soziale, rechtliche und besondere

religiöse Anschauungen sich widerspiegeln.

[Illustration: Abb. 1. =Bautzen. Kriegersiedlung.= Grab 2]

Aus der mittleren Bronzezeit (1500 bis 1200 v. Chr.) ist in Abbildung

1 ein Grab von dem weitgedehnten Gräberfelde Bautzen-Kriegersiedlung

dargestellt. In jener Zeit war man voll und ganz zur Totenverbrennung

übergegangen. Wir finden daher in diesen Gräbern keine Skelette, wohl

aber die verbrannten und nachträglich noch zerkleinerten Knochenreste

der Toten. Aus einigen Merkmalen (Abnutzung der Zahnkronen,

Größenverhältnisse einzelner Skeletteile) kann man noch Rückschlüsse

auf Alter und Geschlecht des Toten ziehen.

[Illustration: Abb. 2. =Wessel= bei Milkel. Grab 10. Hinter der

Buckelurne mit abgebrochenem Ösenhenkel auf dem Erdkegel der

Spinnwirtel, durch den das Grab als einer Frau gehörig bezeichnet wird.

Rechts bei der Grabsetzung (absichtlich aus kultischen Anschauungen?)

zerbrochene Gefäße]

In Abbildung 1 sehen wir in der Mitte eine zerbrochene Deckschale,

welche auf die Knochenurne gestülpt war, diese steht aufrecht darunter.

Verschiedene Beigefäße stehen um diese her, sie sind umgestülpt und

stellen wohl Topfgerät dar, welches der Tote im Leben benutzte und

das ihm ins Jenseits mitgegeben wurde. Andere Gefäße wiederum stehen

aufrecht, sie enthielten zur Zeit der Grabsetzung die Totennahrung,

von der wir hin und wieder verkrustete Reste im Innern der

aufrechtstehenden Krüge und Kannen vorfanden. Das Grab selbst ist stark

beschädigt, es war einst mit Steinplatten bedeckt. Als man aber während

der Kriegs- und Inflationszeit hier Kleingärten anlegte, rodeten die

fleißigen Leute all die unbequemen Steine, die in zwanzig bis dreißig

Zentimeter Tiefe den Wurzeln die nötige Nahrung versagten, aus, und

zerstörten dabei die Gräber. Nur wenige kleinere Gefäße sind uns

erhalten geblieben – Abbildung 1: die bauchige Henkeltasse links und

die Tasse darüber. Die anderen Gefäße sind mehr oder weniger zerdrückt

und müssen erst in mühevoller Kleinarbeit zusammengefügt werden.

[Illustration: Abb. 3. =Niederkaina= bei Bautzen. Grab 1. Links Urne

mit Resten eines Kindes, in der Mitte Scherben von Beigefäßen, rechts

Urne mit Resten eines Erwachsenen, rechts davor eine verschobene

Wandplatte und darauf die nach rechts entführte Deckplatte der

Steinkiste]

Eine andere Art, das Geschlecht des Toten zu bestimmen, besteht in

der Beobachtung der Beigaben. In Abbildung 2 ist ein Frauengrab

dargestellt, das als solches durch die Beigabe eines Spinnwirtels (auf

dem Erdkegel hinter der Bildmitte) dargestellt ist. Die Knochenurne

steht am weitesten links, Hausgerätschaften sind in östlicher

Richtung davor aufgereiht. Die Bestimmung des Alters der Toten durch

Beobachtung der Größenverhältnisse der einzelnen Knochenreste führte

bei dem Grabe auf Bild 3 und 4 dazu, das wir folgende Feststellung

machen konnten: In dem schräg liegenden kleinen Gefäß auf der linken

Bildseite (angebrochene Deckschale), lagen die Reste eines Kindes,

dessen ungefähres Alter durch die Beigabe eines kleinen Fingerringes,

der den Umfang der Fingerweichteile widerspiegelt, festgelegt ist. In

der großen Knochenurne auf der rechten Bildhälfte war eine erwachsene

Person beigesetzt.

[Illustration: Abb. 4. =Niederkaina= bei Bautzen. Grab 1. Links Urne

mit Resten eines Kindes, schräg darüber die Deckschale. Rechts Urne mit

Resten eines Erwachsenen auf der Grundplatte einer sonst weggeräumten

Steinkiste]

Die bezeichnendste Grabform der Lausitzer Zeit ist die Steinkiste: Um

eine wagerecht liegende viereckige Grundplatte stellte man aufrecht

vier Wandplatten, setzte die Knochenurne und etwaige Beigefäße in

die so entstehende Steinkiste hinein und deckte das Ganze durch eine

Deckplatte zum Würfel ab. Auf Abbildung 3 sehen wir die durch den Pflug

zerstörten Reste der Steinkiste auf der rechten Bildfläche bei der Urne

mit den Überresten des Erwachsenen. In Abbildung 4 sind die Wandplatten

beiseite geräumt, die zerdrückte Urne ist freigelegt und steht auf der

granitenen Grundplatte. An ihrer rechten Seite gewahrt man ein kleines

Schälchen, das unter dem eingezogenen Leibe der Urne gerade noch Platz

gefunden hatte. Nur in Gebieten, wo der schalig klüftende Granit

ansteht, konnten regelmäßige Steinkisten errichtet werden. Aber die

Steinkiste ist nicht die Regel. Vom selben Gräberfelde stammt das Bild

5, welches eine Steinpackung darstellt, die allerdings durch Pflug und

Rodung aus ihrer sonst völlig pflastermäßigen Ordnung gebracht ist.

[Illustration: Abb. 5. =Niederkaina= bei Bautzen. Grab 3. Vom Pfluge

und durch frühere Waldrodung gestörte Steinsetzung]

Eine andere Grabanordnung mit reicheren Beigaben an Tonware bildet sich

beim Übergang zur jüngeren Bronzezeit in den nächsten Jahrhunderten

aus. Das Grab, welches in Abbildung 6 dargestellt ist, enthält nicht

weniger als neunzehn Gefäße der verschiedensten Art. Auch dieses

Grab ist durch den Pflug arg zerstört. Im Vordergrunde sieht man den

Bodenteil der Knochenurne, deren gehenkelter Oberteil nach der

Bildmitte zu verdrückt ist. Zwischen beiden liegen in einem wirren

Haufen die Reste des Toten.

[Illustration: Abb. 6. =Wessel= bei Milkel. Grab 18. Vom Pfluge

zerstört nach Abräumung der Steinsetzung darüber. 19 Gefäße sind

beigesetzt]

Aber nicht immer bettete man den Toten zur letzten Ruhe in einer Urne.

In Diehmen bei Gaußig fand ich in einer flachen Mulde die Knochen zu

unterst frei in der Erde liegend, darüber war die Holzkohleschicht, die

von der Totenverbrennung herstammte, geschüttet. Nicht ein einziger

Schorb war auf _dieser_ Grabstelle des bronzezeitlichen Gräberfeldes

Diehmen zu finden. Das Vorkommen derartiger Brandschüttungsgräber

erklärt uns aber auch die merkwürdige Tatsache, daß umfangreiche

Gefäßstellungen aufgedeckt werden, in denen nicht ein einziger

Knochenrest gefunden wurde. Ein solches Schein- oder Ehrengrab ist in

den Abbildungen 7 und 8 dargestellt. In der Mitte stehen übereinander

drei Gefäße, die zwei unteren aufrecht, das obere, welches stark

zerdrückt war und von dem sich der Boden und ein Henkel in der Mündung

des größeren Gefäßes zeigen, verkehrt. Ringsum aber waren sieben Krüge,

Tassen und Kannen verkehrt aufgestellt. Gefühlsmäßig möchte man eine

solche Grabstellung als Äußerung der Trauer ausdeuten.

[Illustration: Abb. 7. =Wessel= bei Milkel. Grab 2 ~G~. Schein- oder

Ehrengrab nach Wegräumung der Steinsetzung]

[Illustration: Abb. 8. =Wessel= bei Milkel. Grab 2 ~G~. In der Mündung

des aufrechtstehenden Mittelgefäßes ein halber Boden und ein Henkel

einer ursprünglich verkehrt darübergestülpten Henkeltasse]

Noch eine letzte Form der Totenbestattung sei hier gestreift und

durch Bilder erläutert. An der Südseite des Grabes, Abbildung 9,

sind deutlich die Gefäße in aufrechter bzw. verkehrter Stellung zu

erkennen. Nach Norden zu aber, in der Blickrichtung des Beschauers,

erstreckt sich eine dicke Lagerung von Holzkohlen und Steinen: Die

Verbrennungsstelle (Ustrine). Hier war der Tote niedergelegt und über

ihm ein Scheiterhaufen aus wagerechten Bohlen, die wir noch fanden, und

Hitzesteinen zum Aufspeichern der Wärme, errichtet. Diese sollten dazu

dienen, den zu verbrennenden Körper auszudörren, damit bei den wenig

heizkräftigen Brennmitteln jener Zeit der Körper verzehrt werde. Die

Hitzesteine sind infolge der starken und wahrscheinlich wiederholten

Erwärmung kantig zersprungen. Um das Grab äußerlich zu kennzeichnen,

wurde aber auch ein Grabmal errichtet: Man rammte einen Pfahl senkrecht

in die Erde, an dessen oberem Teile man irgendwelche Kennzeichnung

des Grabes oder des Toten, vielleicht auch seiner Verdienste, seiner

sozialen Stellung und wirtschaftlichen Lage anbrachte. Der Oberteil

des Pfahles ist naturgemäß restlos vergangen, aber in der Tiefe ist

er unter Luftabschluß verkohlt (wärme- und lichtlose Verbrennung).

In Abbildung 10, die vom gleichen Standpunkte aus hergestellt wurde,

zeichnet sich auf dem hellen Sandboden deutlich der Pfahlrest ab. In

Abbildung 11 ist er aus größter Nähe aufgenommen, während Abbildung 12

seine letzten Überreste nach Abgrabung einer Zwanzigzentimeterstufe

darstellt. Noch tiefer hinab kann man den Pfahl nicht verfolgen.

Die hier auftretenden Kohlereste sind durch Regenwürmer noch weiter

hinabgeführt, deren mit schwarzer Erde gefüllten Bohrlöcher man auf

Abbildung 12 unter Zuhilfenahme eines Vergrößerungsglases noch erkennen

kann.

[Illustration: Abb. 9. =Wessel= bei Milkel. Grab 15. Gefäßstellung

und anschließende Ustrine. In Richtung des Pfeiles zeichnet sich

der dunkle Fleck des Pfahles ab. Der gefiederte Pfeil zeigt auf die

Holzkohleschicht der Ustrine]

[Illustration: Abb. 10. =Wessel= bei Milkel. Unter dem Grabe 15

zeichnet sich im Sandboden der dunkle Kohlefleck des Grabpfahles ab]

Die vorgeführten Arten bronzezeitlicher Grabformen erschöpfen

jedoch bei weitem nicht die zahlreichen Bilder, die bei genauem und

wissenschaftlich einwandfreiem Graben sich im Erdboden zeigen. Eine

erschöpfende Darstellung war auch nicht beabsichtigt. Ich glaube aber

nachgewiesen zu haben, daß trotz des ungünstigen Erhaltungszustandes

– sämtliche vorgeführten Gräber waren durch Rodung oder Pflugbau

zerstört – eine genaue Untersuchung noch überaus aufschlußreiche

Ergebnisse zeitigen kann. Die Lehre aber, die man hieraus entnehmen

wolle, ist diese: Wer vorgeschichtliche Reste in der Erde findet und

seien diese noch so zertrümmert und unscheinbar, der wende sich an

den nächst erreichbaren Fachmann, der mit geschulter Hand selbst noch

so trostlos erscheinende Reste heimischen Altertums retten und der

Wissenschaft erhalten kann. Die Meldestellen für Sachsen sind: Leipzig,

Grassi-Museum, Dr. Richter; Dresden, Zwingermuseum, Dr. Bierbaum,

Fernruf 18020; Bautzen, Gesellschaft für Vorgeschichte und Geschichte

der Oberlausitz zu Bautzen, Stieberstraße 36, Fernruf 3773.

[Illustration: Abb. 11. =Wessel= bei Milkel. Die Pfahlreste aus

größerer Nähe. Grab 15]

[Illustration: Abb. 12. =Wessel= bei Milkel. Ausklingen der Pfahlreste

von Grab 15]

Das Rätsel der Tulpenkanzel im Freiberger Dom und Ulrich Rülein von

Calbe

Von _Otto Eduard Schmidt_

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XV, Heft 3-4 · 第 3 / 6 段