findet man die in der Regel mit fünf bis sechs, aber auch mit sieben
reinweißen Eiern voll belegten Nester. Sie sind immer sehr versteckt
in dichtem, häufig von Weiden- und anderem Gestrüpp durchsetzten
Dickichten jungen und älteren Schilfes und Rohres zu finden, stehen
in der Regel über dem Wasser nahe des Ufers, können aber auch –
allerdings etwas weniger häufig – weiter im Innern der Teiche, dann
aber auch wieder selbst am Ufer über dem Lande, wenn dieses das dem
Vogel gut bergende und daher von ihm auch unbedingt verlangte dichte
Gestrüpp von Schilf und Rohr, strauchigen Weiden und anderen, ähnlich
hoch wachsenden Pflanzen trägt, angelegt sein. Das Nest ist ein nur
kleiner, flacher und locker geschichteter Bau aus alten Rohrstengeln,
Schilfblättern und ähnlichem Pflanzenmaterial, bald auf dürrem,
umgeknicktem Rohr aufgeschichtet, bald in das Gewirr der jungen, grünen
und der mehrjährig-dürren Stengel und Halme eingefügt, bald fast der
Wasserfläche aufsitzend, bald wieder bis zu einem halben Meter hoch und
vielleicht hin und wieder auch noch etwas darüber angelegt. – Häufig
und gern habe ich, gut gegen Sicht gedeckt, an den Nestern unseres
Vogels gesessen, und manchesmal, auch wenn an kühleren Tagen die im
Wasser stehenden Füße eine Gänsehaut überlief und fröstelnd auch der
übrige Körper erschauerte, stundenlang ausgeharrt, die immer wieder
neuen Reize bestrickendster Bilder voll auskostend. Der Vogel bietet
des Anziehenden ja so unendlich viel. Seine Scheu und Vorsicht und das
ihm eigene große Mißtrauen geraten in einen ganz eigenartig berührenden
Gegensatz zu seiner fast rührenden Anhänglichkeit an Nest und Gelege
oder der bereits ausgefallenen Brut, und so ergeben sich dann, wenn
der durch den Beobachter vom Neste geschreckte Vogel fast unmittelbar
nach dem Verlassen desselben wieder zu ihm zurückstrebt, sich ihm unter
ununterbrochenen Sichern und den phantastischsten Körperhaltungen und
Körperverrenkungen nähert, die wunderlichsten, fesselndsten Szenen, die
nur der verstehen kann, der sie schon einmal mit beobachten durfte.
[Illustration: Abb. 4. =Große Rohrdommel auf dem Nest=]
Und wenn gar die Jungen im Neste sitzen, diese graugelblichen und
flaumigen, abenteuerlichen Gestalten, und wütend den Beobachter
anfauchen oder wehrhaft nach ihm mit den spitzen Schnäbeln hacken, wenn
sie flüchtend, mit den unendlich langen Ständern weitausgreifend im
Rohre verschwinden, um aber, wenn die eingebildete Gefahr vorüber ist,
sofort wieder in das Nest zurückzukehren, wenn dann gar die Mutter mit
einem jungen Fische zurückkommt, die hungrigen atzend, da vergißt man
über dem Gesehenen auch gern einmal die besonders auf der materiellen
Seite liegenden Schattenseiten des freien Naturforscherlebens und freut
sich ungeschmälert eines Berufes, der einem mit jedem Tag in immer
engere Beziehungen zu der ewig-jungen Natur bringt. –
[Illustration: Abb. 5. =Große Rohrdommel brütend=]
Zeitiger als die Zwergrohrdommel, ihrer früheren Rückkehr an
die Brutplätze entsprechend, denkt die Große Rohrdommel an das
Fortpflanzungsgeschäft. Ich fand 1924 in meinem Königswarthaer
Beobachtungsgebiet zwei Nester, in denen die Vögel bereits im April mit
dem Legen begonnen haben mußten. Sie boten mir nicht nur Gelegenheit zu
ausgiebigen Beobachtungen über das in vielem noch recht wenig bekannte
Brutleben, sondern brachten mir auch die überhaupt ersten Nestaufnahmen
unseres bisher am Neste ja so wenig beobachteten Vogels. Ich habe
über meine Beobachtungen bereits ausführlicher an anderer Stelle
berichtet[2], möchte aber daraus hier für diejenigen vogelkundlich
interessierten Leser der Heimatschutz-Mitteilungen, denen meine Arbeit
nicht zugänglich ist, das folgende wiederholen:
»Beim Näherkommen an das Nest richtet in der bekannten Weise der Vogel
Kopf und Hals senkrecht empor (die beiden auch hier beigegebenen
Aufnahmen geben dies ja sehr schön wieder) und erhebt sich schließlich,
wenn ihm die Nähe des Beobachters zu gefahrdrohend wird, vielfach
deutlich zögernd, zum Abflug. ›Unbeweglich,‹ so notierte ich an
Ort und Stelle, ›verharrt beim Näherkommen der Vogel noch auf dem
Nest, flacher nur legt sich der Rumpf auf dieses, gestreckter und
dünner wird der höher und höher emporwachsende Hals, scharf blickt
das in seiner absoluten Unbeweglichkeit fast wie ein eingesetzter
glänzender Edelstein wirkende gelbe Auge, bis dann endlich Leben in ihn
kommt: langsam und ohne jede hastende Eile, ruckweise, mit deutlich
abgesetzten Bewegungen in den Gelenken, daß man an ein aufgezogenes
mechanisches Kunstwerk erinnert wird, erhebt er sich, macht eine
leichte Wendung zur Seite und fliegt ab, in gerader Richtung nach
einer etwa hundert Meter entfernten Stelle im Teichinnern, wo er im
Rohrbestande einfällt.‹ Dieses Einfallen erfolgte, sooft ich es sah,
ausnahmslos an der gleichen Stelle …, der nach dem Abflug vom Neste
eingefallene Vogel richtete sich sofort auf kurze Augenblicke sichernd
zur Pfahlstellung auf, hastete dann im Rohre kletternd und mit den
Ständern weit ausgreifend, daß diese viel länger schienen, als sie es
wirklich sind, einige Meter vorwärts, sicherte von neuem, und strebte
so, ununterbrochen zwischen hastigem Klettern und sicherndem, kurzem
Verweilen wechselnd, dem Neststandort zu, so daß er fast unmittelbar
nach seinem Abflug schon wieder in Nestnähe war und aufmerksam,
zum unbeweglichen Pfahl geworden, die Vorgänge an ihm verfolgte,
das Entfernen des Beobachters abwartete … Verschieden von dem eben
geschilderten Verhalten des noch brütenden ist dasjenige des seine
Jungen bereits betreuenden Vogels. Auf meinen beiden Nestern traf ich,
nachdem diese die bei meinen Besuchen allerdings schon einige Tage
alten Jungen enthielten, die alten Vögel überhaupt nicht mehr an; sie
hielten sich im Pflanzenbestand neben den Nestern auf und wurden nur in
Ausnahmefällen hoch. Ob vielleicht, von mir unbemerkt, erst vor meinem
Herankommen an die Nester die Vögel diese verlassen hatten, vermag
ich allerdings nicht zu sagen. Das erste Nest enthielt bei meinem
Besuche am 31. Mai drei Junge, ruppig aussehende und lebhafte, sich
äußerst wehrhaft gebärdende Kerlchen, die durch rauhes, krächzendes
Geschrei und unmöglich weites Aufreißen der Schnäbel – man glaubte, in
unergründliche Abgründe zu schauen – des Beobachters sich zu erwehren
versuchten oder durch Verschwinden und gewandtes Umherklettern im Rohr,
aus dem sie sich aber immer wieder ins Nest zurückfanden, sobald die
eingebildete Gefahr vorüber war, sich ihm zu entziehen trachteten.
Als ich eines der Jungen in die Hand nahm, verkündete mir ein rasch
aufeinanderfolgendes, nicht übermäßig lautes, rauhes ›Goak-goak‹, daß
der bisher von mir trotz aller darauf verwandten Aufmerksamkeit noch
nicht gesehene und sich auch jetzt dem Anblick entziehende alte Vogel
doch in unmittelbarster Nestnähe sein mußte. Erst als ich nochmals
eines der Jungen in die Hand nahm und ihn dadurch zu neuen Rufen
veranlaßte, entdeckte ich ihn. Drei bis dreieinhalb Meter nur von mir
entfernt, in der üblichen Pfahlstellung sich an einige Typhastengel
anklammernd, klebte er, mir zugeneigt, als ob er jeden Augenblick sich
auf mich stürzen wolle, und dabei in seiner Umgebung so aufgehend, daß
ich ihn trotz meiner dafür doch leidlich geschärften Augen bislang
übersehen hatte und es auch jetzt, wenn ich einmal die Blicke von ihm
abgelenkt hatte, immer wieder eines erneuten, sekundenlangen Suchens
bedurfte, um ihn in dem braunen Pflanzenbestand auszumachen. Die
Schutzfärbung des Tieres ist eine höchst vollkommene, und das Aufgehen
des Vogels in seiner Umgebung wirkt manchesmal direkt verblüffend.«
[Illustration: Abb. 6. =Große Rohrdommel fliegend=]
In unseren Naturgeschichtswerken kommen die beiden Rohrdommeln, vor
allem die Große, nicht immer gut weg. Zwar werden sie gern, in erster
Linie wohl ihrer wenig offenkundigen Lebensweise und des Dunkels wegen,
das noch über manchen ihrer Lebensäußerungen liegt, »interessante«
Geschöpfe genannt, umgekehrt aber als falsch und heimtückisch
bezeichnet und mit noch anderen ähnlichen, vom Menschen als häßlich
empfundenen Eigenschaften ausgestattet. Kann man aber einem Vogel, der
so wie unsere Rohrdommeln die Heimlichkeit liebt und aus diesem Grunde
schon mit einem gewissen Mißtrauen ausgerüstet ist und ausgerüstet sein
muß, es zum Vorwurf machen, wenn er, in die Enge getrieben, sich auch
einmal dem Menschen gegenüber zur Wehr setzt, wenn er, wohl gar durch
die ihm vom letzteren angetragene Kugel verwundet, diesem – seinem
Peiniger – seine in dem kräftigen und spitzen Schnabel bestehende Waffe
fühlen läßt? Wohl kaum! Ich würde dem, der mich auf die linke Wange
schlägt, auch meine »Rechte« darbieten, derb und kräftig, daß er sich
einen zweiten Schlag wohl überlegen würde, und ich würde es meinem
künftigen Biographen (der allerdings wahrscheinlich noch gar nicht
geboren ist) schon heute verübeln, wenn er mir deswegen Eigenschaften
andichten wollte, mit denen eifrige Naturgeschichtsschreiber unsere
Rohrdommeln belastet haben.
Mir sind sie jederzeit ungemein fesselnde und anziehende Vögel gewesen
und werden dies auch bleiben, solange Frühlingssonnenglanz mich noch zu
Teichexkursionen zu begeistern vermag.
Fußnoten:
[1] P. Weißmantel, Ueber Vorkommen und Lebensweise der
Zwergrohrdommel, ~Ixobrychus minutus~ (L.), in Sachsen.
Mitt. d. Ver. sächs. Ornithol. 1, 5. Heft (1925) S. 89–98.
[2] Rud. Zimmermann, Am Neste der Großen Rohrdommel, ~Botaurus
stellaris~ (L.). Pallasia, Ztschr. f. Wirbeltierkunde 2
(1924/25), S. 185–194.
Gräberfelder der Lausitzer Kultur
Von Dr. _Walter Frenzel_, Bautzen
Abbildungen aus dem Bildarchiv der Gesellschaft für Vorgeschichte und
Geschichte der Oberlausitz zu Bautzen
Im zweiten vorchristlichen Jahrtausend wohnte in Ostdeutschland
ein Volksstamm, dessen eigentlichen Namen die Wissenschaft mangels
schriftlicher Überlieferung noch nicht kennt. Da seine auffallendsten
Kulturüberreste, die Gräberfelder mit den Buckelurnen, doppelkonischen
und gehenkelten Näpfen zuerst in der Ober- und Niederlausitz gefunden
wurden, sprach man von der Lausitzer Kultur und dem Volke der Lausitzer
auch noch dann, als man mit dem Fortschritt der Forschung gefunden
hatte, daß diese Kultur bis an die Küste der Ostsee reicht, bis
weit nach Polen hinein sich erstreckt, über Elbe und Saale hinaus
westwärts vorgedrungen ist und im Süden einst die böhmischen und
ungarischen Gefilde als Wohnstätte sich auserkoren hatte. Wenn daher
eigentlich der Name »Lausitzer« zu eng gefaßt ist für die geographische
Verbreitung der Kultur, so wird er doch von der Wissenschaft weiterhin
fortgeführt, da man erkannt hat, daß diese Kultur in den beiden
Lausitzen Brennpunkte höchster künstlerischer Entwicklung zeitigten.
Nur einen kleinen Ausschnitt aus den ungeheueren Stoffmassen, die
für die Lausitzer Kultur bereits vorliegen, will ich hier aufzeigen
und einen Gegenstand behandeln, der selten breiterer Öffentlichkeit
zugänglich ist: _Grabformen_. Auch dieses Teilgebiet kann hier nicht
erschöpft werden, da im Laufe der einzelnen Jahrhunderte, während
der die Lausitzer Kultur blühte, sich zahlreiche Wandlungen auch
in den Grabbräuchen und nicht nur in den Gefäßformen entwickelten.
Überdies vermag heute die Wissenschaft noch nicht anzugeben, ob in
den verschiedenen Grabformen auch soziale, rechtliche und besondere
religiöse Anschauungen sich widerspiegeln.
[Illustration: Abb. 1. =Bautzen. Kriegersiedlung.= Grab 2]
Aus der mittleren Bronzezeit (1500 bis 1200 v. Chr.) ist in Abbildung
1 ein Grab von dem weitgedehnten Gräberfelde Bautzen-Kriegersiedlung
dargestellt. In jener Zeit war man voll und ganz zur Totenverbrennung
übergegangen. Wir finden daher in diesen Gräbern keine Skelette, wohl
aber die verbrannten und nachträglich noch zerkleinerten Knochenreste
der Toten. Aus einigen Merkmalen (Abnutzung der Zahnkronen,
Größenverhältnisse einzelner Skeletteile) kann man noch Rückschlüsse
auf Alter und Geschlecht des Toten ziehen.
[Illustration: Abb. 2. =Wessel= bei Milkel. Grab 10. Hinter der
Buckelurne mit abgebrochenem Ösenhenkel auf dem Erdkegel der
Spinnwirtel, durch den das Grab als einer Frau gehörig bezeichnet wird.
Rechts bei der Grabsetzung (absichtlich aus kultischen Anschauungen?)
zerbrochene Gefäße]
In Abbildung 1 sehen wir in der Mitte eine zerbrochene Deckschale,
welche auf die Knochenurne gestülpt war, diese steht aufrecht darunter.
Verschiedene Beigefäße stehen um diese her, sie sind umgestülpt und
stellen wohl Topfgerät dar, welches der Tote im Leben benutzte und
das ihm ins Jenseits mitgegeben wurde. Andere Gefäße wiederum stehen
aufrecht, sie enthielten zur Zeit der Grabsetzung die Totennahrung,
von der wir hin und wieder verkrustete Reste im Innern der
aufrechtstehenden Krüge und Kannen vorfanden. Das Grab selbst ist stark
beschädigt, es war einst mit Steinplatten bedeckt. Als man aber während
der Kriegs- und Inflationszeit hier Kleingärten anlegte, rodeten die
fleißigen Leute all die unbequemen Steine, die in zwanzig bis dreißig
Zentimeter Tiefe den Wurzeln die nötige Nahrung versagten, aus, und
zerstörten dabei die Gräber. Nur wenige kleinere Gefäße sind uns
erhalten geblieben – Abbildung 1: die bauchige Henkeltasse links und
die Tasse darüber. Die anderen Gefäße sind mehr oder weniger zerdrückt
und müssen erst in mühevoller Kleinarbeit zusammengefügt werden.
[Illustration: Abb. 3. =Niederkaina= bei Bautzen. Grab 1. Links Urne
mit Resten eines Kindes, in der Mitte Scherben von Beigefäßen, rechts
Urne mit Resten eines Erwachsenen, rechts davor eine verschobene
Wandplatte und darauf die nach rechts entführte Deckplatte der
Steinkiste]
Eine andere Art, das Geschlecht des Toten zu bestimmen, besteht in
der Beobachtung der Beigaben. In Abbildung 2 ist ein Frauengrab
dargestellt, das als solches durch die Beigabe eines Spinnwirtels (auf
dem Erdkegel hinter der Bildmitte) dargestellt ist. Die Knochenurne
steht am weitesten links, Hausgerätschaften sind in östlicher
Richtung davor aufgereiht. Die Bestimmung des Alters der Toten durch
Beobachtung der Größenverhältnisse der einzelnen Knochenreste führte
bei dem Grabe auf Bild 3 und 4 dazu, das wir folgende Feststellung
machen konnten: In dem schräg liegenden kleinen Gefäß auf der linken
Bildseite (angebrochene Deckschale), lagen die Reste eines Kindes,
dessen ungefähres Alter durch die Beigabe eines kleinen Fingerringes,
der den Umfang der Fingerweichteile widerspiegelt, festgelegt ist. In
der großen Knochenurne auf der rechten Bildhälfte war eine erwachsene
Person beigesetzt.
[Illustration: Abb. 4. =Niederkaina= bei Bautzen. Grab 1. Links Urne
mit Resten eines Kindes, schräg darüber die Deckschale. Rechts Urne mit
Resten eines Erwachsenen auf der Grundplatte einer sonst weggeräumten
Steinkiste]
Die bezeichnendste Grabform der Lausitzer Zeit ist die Steinkiste: Um
eine wagerecht liegende viereckige Grundplatte stellte man aufrecht
vier Wandplatten, setzte die Knochenurne und etwaige Beigefäße in
die so entstehende Steinkiste hinein und deckte das Ganze durch eine
Deckplatte zum Würfel ab. Auf Abbildung 3 sehen wir die durch den Pflug
zerstörten Reste der Steinkiste auf der rechten Bildfläche bei der Urne
mit den Überresten des Erwachsenen. In Abbildung 4 sind die Wandplatten
beiseite geräumt, die zerdrückte Urne ist freigelegt und steht auf der
granitenen Grundplatte. An ihrer rechten Seite gewahrt man ein kleines
Schälchen, das unter dem eingezogenen Leibe der Urne gerade noch Platz
gefunden hatte. Nur in Gebieten, wo der schalig klüftende Granit
ansteht, konnten regelmäßige Steinkisten errichtet werden. Aber die
Steinkiste ist nicht die Regel. Vom selben Gräberfelde stammt das Bild
5, welches eine Steinpackung darstellt, die allerdings durch Pflug und
Rodung aus ihrer sonst völlig pflastermäßigen Ordnung gebracht ist.
[Illustration: Abb. 5. =Niederkaina= bei Bautzen. Grab 3. Vom Pfluge
und durch frühere Waldrodung gestörte Steinsetzung]
Eine andere Grabanordnung mit reicheren Beigaben an Tonware bildet sich
beim Übergang zur jüngeren Bronzezeit in den nächsten Jahrhunderten
aus. Das Grab, welches in Abbildung 6 dargestellt ist, enthält nicht
weniger als neunzehn Gefäße der verschiedensten Art. Auch dieses
Grab ist durch den Pflug arg zerstört. Im Vordergrunde sieht man den
Bodenteil der Knochenurne, deren gehenkelter Oberteil nach der
Bildmitte zu verdrückt ist. Zwischen beiden liegen in einem wirren
Haufen die Reste des Toten.
[Illustration: Abb. 6. =Wessel= bei Milkel. Grab 18. Vom Pfluge
zerstört nach Abräumung der Steinsetzung darüber. 19 Gefäße sind
beigesetzt]
Aber nicht immer bettete man den Toten zur letzten Ruhe in einer Urne.
In Diehmen bei Gaußig fand ich in einer flachen Mulde die Knochen zu
unterst frei in der Erde liegend, darüber war die Holzkohleschicht, die
von der Totenverbrennung herstammte, geschüttet. Nicht ein einziger
Schorb war auf _dieser_ Grabstelle des bronzezeitlichen Gräberfeldes
Diehmen zu finden. Das Vorkommen derartiger Brandschüttungsgräber
erklärt uns aber auch die merkwürdige Tatsache, daß umfangreiche
Gefäßstellungen aufgedeckt werden, in denen nicht ein einziger
Knochenrest gefunden wurde. Ein solches Schein- oder Ehrengrab ist in
den Abbildungen 7 und 8 dargestellt. In der Mitte stehen übereinander
drei Gefäße, die zwei unteren aufrecht, das obere, welches stark
zerdrückt war und von dem sich der Boden und ein Henkel in der Mündung
des größeren Gefäßes zeigen, verkehrt. Ringsum aber waren sieben Krüge,
Tassen und Kannen verkehrt aufgestellt. Gefühlsmäßig möchte man eine
solche Grabstellung als Äußerung der Trauer ausdeuten.
[Illustration: Abb. 7. =Wessel= bei Milkel. Grab 2 ~G~. Schein- oder
Ehrengrab nach Wegräumung der Steinsetzung]
[Illustration: Abb. 8. =Wessel= bei Milkel. Grab 2 ~G~. In der Mündung
des aufrechtstehenden Mittelgefäßes ein halber Boden und ein Henkel
einer ursprünglich verkehrt darübergestülpten Henkeltasse]
Noch eine letzte Form der Totenbestattung sei hier gestreift und
durch Bilder erläutert. An der Südseite des Grabes, Abbildung 9,
sind deutlich die Gefäße in aufrechter bzw. verkehrter Stellung zu
erkennen. Nach Norden zu aber, in der Blickrichtung des Beschauers,
erstreckt sich eine dicke Lagerung von Holzkohlen und Steinen: Die
Verbrennungsstelle (Ustrine). Hier war der Tote niedergelegt und über
ihm ein Scheiterhaufen aus wagerechten Bohlen, die wir noch fanden, und
Hitzesteinen zum Aufspeichern der Wärme, errichtet. Diese sollten dazu
dienen, den zu verbrennenden Körper auszudörren, damit bei den wenig
heizkräftigen Brennmitteln jener Zeit der Körper verzehrt werde. Die
Hitzesteine sind infolge der starken und wahrscheinlich wiederholten
Erwärmung kantig zersprungen. Um das Grab äußerlich zu kennzeichnen,
wurde aber auch ein Grabmal errichtet: Man rammte einen Pfahl senkrecht
in die Erde, an dessen oberem Teile man irgendwelche Kennzeichnung
des Grabes oder des Toten, vielleicht auch seiner Verdienste, seiner
sozialen Stellung und wirtschaftlichen Lage anbrachte. Der Oberteil
des Pfahles ist naturgemäß restlos vergangen, aber in der Tiefe ist
er unter Luftabschluß verkohlt (wärme- und lichtlose Verbrennung).
In Abbildung 10, die vom gleichen Standpunkte aus hergestellt wurde,
zeichnet sich auf dem hellen Sandboden deutlich der Pfahlrest ab. In
Abbildung 11 ist er aus größter Nähe aufgenommen, während Abbildung 12
seine letzten Überreste nach Abgrabung einer Zwanzigzentimeterstufe
darstellt. Noch tiefer hinab kann man den Pfahl nicht verfolgen.
Die hier auftretenden Kohlereste sind durch Regenwürmer noch weiter
hinabgeführt, deren mit schwarzer Erde gefüllten Bohrlöcher man auf
Abbildung 12 unter Zuhilfenahme eines Vergrößerungsglases noch erkennen
kann.
[Illustration: Abb. 9. =Wessel= bei Milkel. Grab 15. Gefäßstellung
und anschließende Ustrine. In Richtung des Pfeiles zeichnet sich
der dunkle Fleck des Pfahles ab. Der gefiederte Pfeil zeigt auf die
Holzkohleschicht der Ustrine]
[Illustration: Abb. 10. =Wessel= bei Milkel. Unter dem Grabe 15
zeichnet sich im Sandboden der dunkle Kohlefleck des Grabpfahles ab]
Die vorgeführten Arten bronzezeitlicher Grabformen erschöpfen
jedoch bei weitem nicht die zahlreichen Bilder, die bei genauem und
wissenschaftlich einwandfreiem Graben sich im Erdboden zeigen. Eine
erschöpfende Darstellung war auch nicht beabsichtigt. Ich glaube aber
nachgewiesen zu haben, daß trotz des ungünstigen Erhaltungszustandes
– sämtliche vorgeführten Gräber waren durch Rodung oder Pflugbau
zerstört – eine genaue Untersuchung noch überaus aufschlußreiche
Ergebnisse zeitigen kann. Die Lehre aber, die man hieraus entnehmen
wolle, ist diese: Wer vorgeschichtliche Reste in der Erde findet und
seien diese noch so zertrümmert und unscheinbar, der wende sich an
den nächst erreichbaren Fachmann, der mit geschulter Hand selbst noch
so trostlos erscheinende Reste heimischen Altertums retten und der
Wissenschaft erhalten kann. Die Meldestellen für Sachsen sind: Leipzig,
Grassi-Museum, Dr. Richter; Dresden, Zwingermuseum, Dr. Bierbaum,
Fernruf 18020; Bautzen, Gesellschaft für Vorgeschichte und Geschichte
der Oberlausitz zu Bautzen, Stieberstraße 36, Fernruf 3773.
[Illustration: Abb. 11. =Wessel= bei Milkel. Die Pfahlreste aus
größerer Nähe. Grab 15]
[Illustration: Abb. 12. =Wessel= bei Milkel. Ausklingen der Pfahlreste
von Grab 15]
Das Rätsel der Tulpenkanzel im Freiberger Dom und Ulrich Rülein von
Calbe
Von _Otto Eduard Schmidt_