weißem Halleschen Gußton ausgegossen und mit einer aus Meißen oder
Pilsen stammenden Spatglasur glasiert. Ein solcher brauner, innen weiß
glasierter Krug sieht höchst appetitlich aus; er riecht geradezu nach
reinlicher Kühle und ist wie vorbestimmt zur Aufnahme von Milch, mit
deren kühler Frische sein weißes, von brauner Rundung umschlossenes
Innere wetteifert. Ebenso wird bei weißer Ware verfahren, die meistens
unter Glasur bemalt oder mit farbigen Schwammtupfmustern verziert als
Lausitzer Bunttöpferei auf den Markt kommt.
Nun endlich ist die Töpferware für den Brennofen fertig. An die
Stelle der früher üblichen Holzfeuerung ist fast überall die
Brikettfeuerung getreten. In Königsbrück gibt es noch eine Töpferei,
in der der Langofen alter Bauart noch mit Holz gefeuert wird, mit
langen Kiefernscheiten, die pulvertrocken sein müssen. Zehn bis elf
Raummeter Holz werden für einen Brand in den Ofen geschoben; nach
sechsunddreißig bis vierzig Stunden ist der Brand fertig. Hinter
einer Schutzwehr alter, schon schlackig verglühter, mit eingebranntem
Aschenflug bekrusteter Töpfe steht die zu brennende Ware ineinander und
übereinander gestapelt, weißglühend, fast substanzlosen Erscheinungen
ähnlicher als irdenen Gebilden, im hellen Feuer, in das hineinzusehen
wie ein Blick in eine allzunahe lohend blendende Sonne ist. In
diesem Scharffeuer von sechzehnhundert Grad verwandelt sich der
milchkaffeebraune Lehmüberzug in das blanke Braun der Glasur. Aber auch
der Ton selbst gerät in ein leichtes Fließen, er verschmilzt in sich,
versintert, wie der technische Ausdruck das benennt, und der Scherben –
»Schorb« sagt der Töpfer – bekommt die klingende Festigkeit, die diese
scharfgebrannte Töpferware vor nur »gebackener« Ware auszeichnet.
Das Brennen im Holzfeuer ist teurer und langwieriger als die jetzt
übliche Braunkohlenfeuerung, gibt aber den Gefäßen einen schöneren
Glanz, ein Vorzug, der wohl auf dem Markt nicht mehr voll gewürdigt
wird. Der durchschnittliche Käufer kauft heute vielfach ohne gediegene
Warenkenntnis; die Billigkeit ist bestimmend. Und der Markt für
Töpferware ist ohnedies durch die blechernen Konkurrenten, durch
Emaille- und Aluminiumgeschirr geschmälert und eingeengt worden. In
allen diesen Lausitzer Kleinstädten, in denen die Töpferei ihren alten,
mit der heimischen Erde verwachsenen Sitz hat, in Pulsnitz, Kamenz,
Königsbrück, Elstra, Bischofswerda, Bautzen, Bunzlau, Naumburg am Queiß
ist die Zahl der Töpfereien zurückgegangen; wo einst in einem Städtchen
in zwanzig Werkstätten die Drehscheiben kreisten, gibt es deren noch
drei, vier oder noch weniger. Noch zwar breiten auf Jahrmärkten
im Lande die Lausitzer Töpfer ihre irdene Ware auf strohbelegten
Straßen aus, und die Transporte gehen weit; in jener Königsbrücker
Töpferei entstehen schöngeformte schnauzenlose Sauermilchkrüge, die
ins Rheinland geliefert werden; doch die Zeiten sind vorbei, in denen
die großen Planwagen der Töpfer die irdene Ware, in dicke Lagen Stroh
verpackt, von Stadt zu Stadt fuhren und die harten Taler graue pralle
Leinwandsäckchen füllten, in die die Töpferfrau hineingriff wie in
einen Beutel Salz.
Aber der alte Töpfer, der uns durch seine Werkstatt führt, liebt sein
Handwerk, und sein Sohn liebt es wieder; schon auf halbem Wege zu einem
anderen Beruf ist er umgekehrt und hat sich an die Töpferscheibe in der
väterlichen Werkstatt gesetzt, die ihm von Kindheit an vertraut war.
Sie reißen nach geratenem Brand und nachdem die Ware gut und langsam,
ohne Haarrisse in der Glasur abgekühlt ist, die Ziegelvermauerung
des Ofens auf. Trockene Hitze strömt in die Werkstatt, in der es
wie in einer Backstube heimelig ist, und aus dem Ofentor glänzt das
blanke braune Geschirr. Halbnackt kriecht der Geselle in den Ofen und
schleppt, gebadet in Schweiß, die gebrannte Ware heraus. Stück für
Stück wird nachgesehen, rauhgewordene Ränder werden glattgeraspelt,
mißratene Stücke ausgesondert. Der Brand ist gelungen, Reihe um Reihe,
in blanken Spiegeln glänzend, kommt das Geschirr aus dem Ofen. Hat die
in Sachsen übliche Redensart: »Er freut sich wie ein Töpper!« hier
ihren Sinn und Ursprung? Mit schmunzelndem Wissen um die Güte seiner
Ware stapelt der alte Töpfer das braune Geschirr auf dem Lagerboden
auf, der trotz allem immer wieder leer wird.
Es ist weit über alle Wohlfeilheit dieser Topfwaren hinaus eine
ästhetische Freude, auf den sauber gefegten Böden die wohlgeordneten
Mengen von Töpfen, Krügen, Schüsseln, Kannen und Pfannen aller Größen
und Formen zu sehen, glänzend in hellem weichem Braun, in grünlichem
Gelb, das durch Beimischung von Schlemmkreide zur Lehmglasur entsteht,
in tiefen kastanienbraunen Glasuren, in denen sich alles dunkel
und blank spiegelt, was rundum steht. An manchen Stücken geht das
Braun in kupferne, metallblau changierende Spiegelungen über, die
die Vorstellung von tönendem Metall erwecken, und wie metallene
Glocken tönt hell und klingend jedes Stück beim Anklopfen mit dem
Knöchel. Reinliche braune, innen weißglasierte Schüsseln erwecken
freundliche Vorstellungen von erfrischenden Sommergerichten: saure
Milch mit Heidelbeeren und Zucker; und man entdeckt geradezu die
»Ästhetik des irdenen Milchtopfes«, zumal alle diese Gefäße in
jahrhundertelangem Umgang mit der formenden und der sie gebrauchenden
Hand eine schöne Nutzform erhalten haben. Jedes Stück trägt die warme
Spur der menschlichen Hand; es ist in ihren Linien jenes geheime
Leben, das allem anhaftet, was aus der unmittelbaren Berührung mit der
menschlichen Hand hervorging; es ist Hand-Werk in einem Sinne, der
sich in engen innungspolitischen, antiindustriellen Bestrebungen nicht
erschöpft. Der bildsame Ton und der Schwung der Drehscheibe haben sich
in der Form dieser blanken braunen Gefäße verschwistert; Feuer hat sie
verbunden; die menschliche Hand hat sie beseelt. Und wenn man die Form
unter der bildenden Hand des Töpfers hat emporfließend entstehen sehen,
begreift man, warum es lockt, die Gefäße in die Hand zu nehmen und ihre
glatte Rundung zu fühlen; und man begriffe es auch, wenn die Hand des
Töpfers noch im Traume weiterformte.
Man erinnert sich, daß die Töpferei eine Erfindung der seßhaft
gewordenen Frau ist. An einem Gefäß aus einem Pfahlbaufund entdeckte
man menschliche Fingereindrücke; man goß sie aus und es erschien die
Plastik einer kleinen Frauenhand, die, als sie Ton zu Gefäßen knetete,
schon Bereiche künstlerischer Gestaltung berührte. Der Bildhauer,
der aus grauem Ton das Ebenmaß göttlich-menschlicher Glieder formt,
bildet aus Erde wie jene Frau in der Urzeit, wie dieser Töpfer im
lausitzischen Städtchen.
Prometheus spricht aus ihrem Tun: hier sitz ich und forme …
Prometheus formte Menschen. Formend und gestaltend formte der Mensch
sich selbst. Sein Schöpfertrieb bewegte ihn und trieb ihn aus der
tierischen Wiege in göttliche Machtbereiche – nirgends liegt die
Erinnerung an das prometheische Bild näher als hier in der Werkstatt
des Töpfers, der urzeitliches Tun in unserer maschinellen Gegenwart
forttreibt.
Sinnend nimmt man ein Klümpchen des bildsamen Tons zwischen die
Finger und knetet es spielend, ohne Vorstellung einer Form, nur des
Gefühles wegen, zu bilden. Und angesichts der kreisrund fließenden
Drehung der Töpferscheibe erweitert Egidys Wort vom beständigen
Schwung seinen philosophischen Sinn über das Moralische hinaus ins
Menschlich-Kosmische.
Die Letzte im Vogtland!
Von _Norbert Götz_, Ingenieur und Studienrat, Plauen i. V.
Gegen die _Windmühlen_ ist in den letzten Jahrzehnten im Vogtlande
wie auch anderwärts ein wahrer Vernichtungskrieg geführt worden. Die
Müllerei lohnte schlecht, und eine andere Verwertung der Windkraft
wußte man sich nicht, also: Weg mit dem alten Plunder! – Eine deutsche
_Bockwindmühle_ haben wir im Vogtland überhaupt nicht mehr. Soweit
wären wir glücklich. Die letzte stand in _Oberpirk_ bei _Mehltheuer_.
Sie war landschaftlich ein Juwel. Als ich ihrer zum ersten Male
ansichtig wurde, ging ich rund um das ehrwürdige Kunstgebilde herum,
suchte mir die günstigsten Beobachtungspunkte, weidete mich an der
prächtigen Schau und schied mit dem festen Vorsatze, bei passender
Gelegenheit mit Skizzenbuch und Meßwerkzeug ins Innere der Mühle
zu dringen. Richtig, am nächsten zweiten Feiertag tippelte ich
wohlgerüstet nach Oberpirk und schwelgte unterwegs im Vorgefühle
kommender Genüsse.
Ach, es kam anders als gedacht, aber sehr: Die Mühle war weg,
mauseweg! – Ich hätte Zornestränen weinen mögen. Die kräftigsten aus
dem Tierreich entlehnten Kosenamen warf ich diesen Vandalen, welche
gewinnsüchtig die Mühle abgebrochen hatten, im Geiste an den Grind,
aber, was halfs? Die Mühle war weg, war und blieb verschwunden, und ich
konnte mit Skizzenbuch und Meßwerkzeug wieder heimgehen. Um diese Mühle
trauere ich noch heute. –
Auch auf der _Syrauer Höhe_ drehte bis in die achtziger Jahre eine
deutsche Bockwindmühle ihre Flügel, betreut von einem Müller aus
der »Torjauer Jechend«. Ein Blitzschlag setzte die Mühle in Brand.
»Was haben Sie denn gemacht, wie da drüben das Knistern und Prasseln
losging?« – »Wat? Ick? Ick habe mir mit meiner Jattin uff der Bank
vors Häuschen hinjesetzt, und wir haben zujesehen, wie die Mühle
wegbrannte.« – Das war auch das Klügste, was der Mann machen konnte.
Zum Löschen fehlte es an Wasser, und zu retten war nichts.
Nach dem Brande wurde die Mühle wieder aufgebaut, nicht als
Bockwindmühle, sondern als »_Holländer_«. _Sie ist die letzte Windmühle
des Vogtlands!_ – Einer meiner ehemaligen Volontäre, Herr _Spörl_,
hat auf meine Veranlassung hin monatelang seine knappe Freizeit
darangesetzt, in allen Winkeln der Mühle herumzukriechen, zu messen und
zu skizzieren, und dann nach seinen Aufnahmen eine gute und wertvolle
Zeichnung von der Inneneinrichtung der Mühle anzufertigen. Hier ist
eine Teilansicht davon, an Hand deren sich auch der Laie ein Bild vom
Innenwerk einer Holländer Windmühle machen kann.
[Illustration: =Das Innere der Syrauer Windmühle=]
Die Drehung des Daches mitsamt der Flügelwelle erfolgt durch Drehen
einer Handkurbel, die auf eine Schneckenwelle aufgesteckt ist. Das
zugehörige Schneckenrad treibt eine stehende Welle an, die am oberen
Ende mit einem Stirngetriebe auf einen am Dachgebälk angeschraubten
Zahnkranz wirkt, und mit diesem gleichzeitig und gleichmäßig Dach,
Flügelwelle und Flügelkreuz dreht. Das ist doch fein, daß man auf
diese einfache Weise die Flügel nach der Windrichtung einstellen
kann! Jawohl, aber der Besucher darf nicht vergessen, daß sich der
Turm und seine Eingangspforte _nicht_ mit drehen, also: _Achtung beim
Hinaustreten aus der Mühle!_ – Wenn während der Anwesenheit eines
Besuchers in der Mühle die Flügel so gedreht werden, daß sie an der
Eingangspforte vorüberkreisen, so kann der achtlos und sorglos aus der
Pforte Heraustretende eine recht unangenehme Überraschung erleben,
nämlich die, daß ihm ein Windmühlflügel huldvoll und gnädig eine
Ohrfeige von so elementarer Wucht verabreicht, wie ihm noch keine
zuteil geworden ist. Also Vorsicht! Die Windmühlflügel verstehen
durchaus keinen Spaß und kennen kein Ansehen der Person. Haben sie
doch sogar dem edlen Ritter von der Mancha, dem tapferen Don Quixote,
benebst seinem Streitroß, der Rosinante, einen derartigen Schlenkerich
gegeben, daß Roß und Reiter weithin in den Sand flogen und übel
zugerichtet wie tot liegen blieben. –
Von der Syrauer Windmühle genießt man eine prächtige Rundsicht. Als wir
– ein Trupp Jungvolk – vor Jahrzehnten einmal dort oben mit Landkarten
und Feldstechern das Vogtland musterten, sagte, mitten in unsere
Unterhaltung hinein, der Windmüller: »Die Herren wollen doch nach
Syrau? Ja? Na dann beeilen sie sich, daß sie trocken in den Gasthof
kommen, denn in _zehn Minuten haben wir Regen_.« – Wir lachten hell
auf, denn kein Wölkchen stand am Himmel, und Mutter Sonne meinte es
gut, aber der Müller ließ sich nicht beirren, drängte zum Aufbruch,
und so folgten wir endlich und gingen dem Dorfe und dem Zaumseilschen
Gasthofe zu. – Wir gingen nicht lange langsam, wir gingen bald gar
nicht mehr: In schärfstem Dauerlauf nahmen wir die Strecke bis zur Bahn
und suchten unter dem Bogen, der den Fröbersgrüner Weg überspannt,
Schutz vor der niederprasselnden Flut. Ei, wie hat der Windmüller Recht
gehabt! Ei, wie kannte der Mann aus der »Torjauer Jechend« seinen
vogtländischen Himmel! – Der Mann war eine Natur. Wie oft sagte er mir:
»Ich bin hier oben König. Was ich rundum sehe, ist mein!« Dieser Geist
fängt an, uns bedenklich zu fehlen. –
Der Freundlichkeit des Müllers verdanke ich längeren Aufenthalt
unter dem Dach der Windmühle während eines Sturms, ein Kunstgenuß
furchtbarster Art. Jawohl Kunstgenuß, denn die grause Schönheit der
entfesselten Naturgewalt gemahnt an Michelangelo und Dante. Sie wirkt
auf Menschen mit Menschennerven geradezu zermalmend und ruinierend. Ich
warne Neugierige. –
_Die Letzte im Vogtland!_ Die Syrauer Windmühle dürfte erhalten
bleiben. Wer auf der Strecke Hof–Plauen zwischen Mehltheuer und Syrau
links zum Fenster hinausguckt, kann die letzten Flügel einstiger
Windmühlenherrlichkeit haspeln oder ruhen sehen: der Abschiedsgruß
eines untergehenden Gewerbes! Das Alte stürzt, es ändern sich die
Zeiten, und neues Leben blüht aus den Ruinen. Aber dieses »neue Leben«
ist gar nicht so »neu«, wie es den Anschein hat, und wie wir uns nur
allzugern einreden, oder allzuwillig einreden lassen. Leben ist ewige
Wiederkehr, für uns Menschen, wie für unsere Werke. Über ein Weilchen
werden auch die Windmühlen wiederkommen, wenn auch in anderer Form,
wenn auch zu anderem Zweck, vielleicht als irgendein Windmotor zur
Erzeugung von elektrischem Strom. Auf Wiedersehen dann!
Unsere Rohrdommeln
Von _Rud. Zimmermann_, Dresden
Mit Abbildungen nach Naturaufnahmen des Verfassers
Meine vogelkundlichen Studien in dem Oberlausitzer Niederungsgebiet
während der letzten Jahre brachten mich in nähere Berührung auch mit
zwei Vögeln, die ich zwar bereits früher schon kennen gelernt hatte,
bis dahin aber noch nie in einer so ausgezeichneten und eingehenden
Weise besonders auch an ihren Nestern beobachten durfte, wie hier.
Es sind dies unsere zwei Rohrdommeln. Sie führen ja beide eine sehr
versteckte Lebensweise, so daß sie auch der, der Teichlandschaften
regelmäßiger besucht, meistens weniger und sicherlich seltener zu
Gesicht bekommt, als so manche andere teichbewohnende Vogelart, während
sie den vielen anderen, die Teichgegenden nicht oder nur flüchtiger
kennen, in der Regel überhaupt unbekannte Erscheinungen sind. –
[Illustration: Abb. 1. =Brütende Zwergrohrdommel=]
Im zeitigen Frühjahr schon erfolgt an den sommersüber von ihr bewohnten
Stätten die Rückkehr der zuweilen auch bei uns überwinternden größeren
Art, der Großen Rohrdommel, die im Frühjahr 1925 in meinem Lausitzer
Beobachtungsgebiete bereits in den ersten Märztagen wieder an ihren
Brutplätzen eingetroffen war – ein im vorhergegangenem Jahr erbrüteter
und von mir beringter Jungvogel allerdings trieb sich noch Ende April
in Norditalien umher –, und etwas später als die Große kehrt – in der
Regel im April – die kleinere Art, die Zwergrohrdommel, in die Heimat
zurück. Die aus den Vorjahren erhalten gebliebenen dichten Bestände
alten Rohres und Schilfes bilden tagsüber die Aufenthaltsorte unserer
Vögel; selten nur, daß man einmal einen aus ihnen aufsteigen und über
einen Teich dahinfliegen sieht, die Kleine ihrer größeren Häufigkeit
entsprechend eher noch als die auch heimlichere Große. Dem aufmerksamen
Beobachter aber verraten sie ihre Anwesenheit bald durch ihre Stimmen.
Die zunächst nur gelegentlichen und einsilbigen, wenig auffallenden
und nicht besonders lauten, dumpfen Rufe der Großen Rohrdommel gehen,
nicht selten schon in der zweiten Märzhälfte, spätestens aber in den
ersten Apriltagen, in das bekannte, so oft schon geschilderte, kräftige
und stundenweit vernehmbare ui_hump ui_hump über. Und bald wird man es
vom frühen Morgen bis zum späten Abend und regelmäßiger noch während
der Nacht in fast ununterbrochener, pausenloser Folge hören können,
daß man sich oft fragt, ob denn unser Vogel nicht auch einmal der Ruhe
bedarf? Und in das ui_hump ui_hump der Großen klingt das freilich
weniger auffallende, leichter zu überhörende und wohl auch oft genug
schon überhörte Wrurr-wrurr der Zwergrohrdommel hinein, das eine große
Ähnlichkeit mit dem Gequarre manches Frosches besitzt und auch leicht
mit einer Froschstimme verwechselt werden kann.
[Illustration: Abb. 2. =Zwergrohrdommel sichernd auf dem Nest=]
Über das Vorkommen und die Häufigkeit der beiden Rohrdommelarten in
unserem sächsischen Vaterlande waren wir bis in die neueste Zeit hinein
nicht gerade sonderlich gut unterrichtet. Die Große bevölkert heute
ausschließlich nur ostelbische Landschaften, den flachen, teichreichen
Nordosten des Landes etwa von der Gegend von Königswartha an
ostwärts, ist hier erfreulicherweise aber durchaus noch keine seltene
Erscheinung. Ich bin überrascht von der Zahl der von mir während
der letzten Jahre verhörten rufenden Männchen und glaube nach den
Erfahrungen, die ich an anderen Orten des Vorkommens unseres Vogels
gemacht habe, daß eine wesentlich höhere Besiedelungsdichte in unserem
Gebiet auch kaum möglich ist. Westlich der hier gekennzeichneten
nordostlausitzischen Landschaften tritt unser Vogel nur vereinzelt und
wohl auch mehr gelegentlich auf. So wurden rufende Männchen 1924 an
dem Zschornaer und dem Grüngräbchener Lugteich, ein anderes sogar am
Dippelsdorfer Teich verhört. Früher allerdings scheint der Vogel auch
hier häufiger gewesen und regelmäßiger vorgekommen zu sein, scheint das
heute nur auf den Osten beschränkte Gebiet regelmäßigeren Vorkommens
sich in westlicher Richtung bis an die Moritzburg-Dippelsdorfer
Teiche ausgedehnt zu haben. Ob aber der Rückgang hier ausschließlich
nur auf die Nachstellungen zurückzuführen ist, denen unser Vogel
als »Fischereischädling« ausgesetzt gewesen ist und die, wenn man
aus den Erzählungen alter Förster und den Trophäen, die man in
so manchem Forst- und Jagdhaus findet, einen Schluß ziehen darf,
manchesmal allerdings sehr rücksichtslose gewesen sein mögen, möchte
ich trotz alledem noch bezweifeln; es scheinen auf ihn vor allem auch
Veränderungen in den Vegetationsverhältnissen, die heute viel weniger
dichte Bewachsung vieler der hier in Frage kommenden Teiche von großem,
ausschlaggebendem Einfluß gewesen zu sein. In der Nordostlausitz wird
unser Vogel von den dort angesessenen Grundherren erfreulicherweise
durchgängig geschont und ihm das Deputat an Fischen, das er erhebt,
gern gegönnt; es fällt ja auch gar nicht so sehr ins Gewicht bei dem
großen Anteil, den besonders auch wirtschaftlich wertlosere Fische
an ihm haben. Wenn hier ja einmal noch eine Rohrdommel einer Kugel
zum Opfer fällt, so geschieht dies nur ganz selten und auch nur
versehentlich auf einer Entenjagd oder – wovon ich mich im Vorjahre
selbst überzeugen mußte – auf Pachtrevieren, die ja selten Pflegstätten
des Naturschutzes sind.
[Illustration: Abb. 3. =Junge Zwergrohrdommel=]
Fast dürftiger noch als über das Vorkommen der Großen sind wir
zeitweise über das der Zwergrohrdommel unterrichtet gewesen, ist
sie von vielen doch häufig für seltener als ihre große Schwester
gehalten worden. Dank einer auf Freund Heyders Anregung hin von P.
Weißmantel vorgenommenen gründlichen Untersuchung des Vorkommens
der Zwergrohrdommel in Sachsen[1] wissen wir heute, daß sie ein bei
uns weitverbreiteter Vogel und in allen größeren Teichgebieten des
Landes mit ihr zusagender Vegetation eine regelmäßige und stellenweise
sogar recht häufige Erscheinung ist. Sie kommt in den westsächsischen
Teichlandschaften ebenso wie in den ostsächsischen vor und erreicht
in diesen letzteren ihre größte Häufigkeit in unserem sächsischen
Vaterlande. In dem Königswarthaer Gebiet sind mir alljährlich,
meistens ohne daß ich sonderlich danach gesucht habe, in fast allen
der von mir regelmäßig begangenen Teiche Nester, in vielen sogar in
größerer Anzahl, bekannt geworden (so z. B. 1925 in einem nur etwas
über einem Hektar großen allein drei, die so dicht beieinanderstanden,
daß man von den Anfängen einer Koloniebildung reden konnte). Und wie
um Königswartha selbst, so fand ich die Verhältnisse auch in dessen
weiterer Umgebung, ganz in Übereinstimmung mit Freund Weißmantels
längeren Lausitzer Erfahrungen.
»Wenn in den Apriltagen,« so schildert der Genannte unseren Vogel,
»junges Grün die fahlen Überreste der vorjährigen Schilfbestände
durchsetzt, stellen sich die ersten Zwergrohrdommeln ein. Längere Zeit
suchen sie dem Beobachter ihre Ankunft geheim zu halten. Weder ein
Ruf ist in den ersten Tagen ihrer Rückkehr zu hören, noch zeigt sich
ein Vogel für kurze Zeit über dem im lauen Frühlingswinde erwachenden
Rohrwalde. Erst, sobald die wärmende Frühlingssonne ihren Einfluß auch
auf die Nachttemperatur geltend machen kann, fängt es im Rohr an zu
rumoren. »Wrurr,« erst einzeln und leise, für den Unaufmerksamen kaum
hörbar, dann zwei bis dreimal hintereinander, bis zuletzt lange Reihen
daraus werden, so lockts im Röhricht. Die Zwergrohrdommel balzt …
Werden die Tageszeiten wärmer, liegt vor allem Gewitterstimmung in
der Luft, dann schweigt die Zwergrohrdommel auch am Tage nicht, dann
heißt es auch aufpassen. Unversehens und geräuschlos fliegt sie auf
fällt bald wieder ein oder wechselt von einem Schilfdickicht hinüber
zu dem des Nachbarteiches. Unvergessen steht mir da der 30. Juli 1923
in der Erinnerung. Ich saß mitten im ausgedehnten Teichgebiete von
Königswartha auf einem Teichschützen. Gewitterschwüle nötigte zum
Ausruhen. Vor mir wrurrte eine Zwergrohrdommel. Bald erklang derselbe
dumpfe Ruf von rechts und von links, von vorn und von hinten. Nicht
genug damit, eine ganze Anzahl Dommeln, vier bis sechs gleichzeitig,
hatten das schützende Röhricht verlassen. Dicht über das Dickicht
dahinstreichend, fielen sie nach kurzem Fluge an anderen Stellen
wieder ein … Selten gelingt es, die Zwergrohrdommel beim Fischen
zu beobachten. Am schönsten konnte ich dies in Döbra. Ebenfalls am
30. Juni, jenem großartigen Rohrdommeltag, stand ein alter Vogel
regungslos, den Körper fast wagerecht haltend, mit eingezogenem Halse
im seichten Wasser eines Brutteiches. Zeitweise bog er den Hals
langsam in eine schöne ~S~-Form, um ihn zuletzt blitzschnell schräg
nach vorn zu strecken, dabei den Schnabel, meist auch den Kopf ins
Wasser steckend. Nur Augenblicke dauerte es, dann kehrten Hals und Kopf
in die ursprüngliche Lage zurück, nur mit dem Unterschiede, daß ein
fingerlanger Fisch unter fortgesetztem Strecken und Zusammenziehen des
Halses hinabgewürgt wurde. Dreimal konnte ich das seltene Schauspiel
genießen und mich anschließend überzeugen, daß die Zwergrohrdommel
durchaus Feinschmecker ist. Die Fische waren halbwüchsige Schleien. Ein
leises Knacken von dürren Zweigen – ein Reh zog am Teichufer vorüber –
änderte das Bild. Augenblicklich kauerte die Zwergrohrdommel zusammen,
Rumpf, Hals, Kopf und Schnabel schnellten lotrecht empor. Kaum eine
Sekunde lang verharrte sie in dieser wunderlichen Stellung, dann flog
sie mit ängstlichem ›gät gät‹ in die nächste Rohrdickung.«