Nach Sulkowskys Sturz 1738 hatte Baron von Feullner die erle

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[Illustration: Cover]

Landesverein Sächsischer

Heimatschutz

Dresden

Mitteilungen

Heft

3 bis 4

Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege

Band XV

_Inhalt_: Wermsdorf und seine Schlösser – Betrachtungen in

einer Töpferei – Die Letzte im Vogtland! – Unsere Rohrdommeln –

Gräberfelder der Lausitzer Kultur – Das Rätsel der Tulpenkanzel

im Freiberger Dom und Ulrich Rülein von Calbe – Anton Günthers

Leben und Schaffen – Der Hacksilberfund von Poppitz bei Riesa –

Vom Steinkreuz bei Großerkmannsdorf

Einzelpreis dieses Heftes 3 Reichsmark

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Dresden 1926

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Anmerkung: Wegen der Weiterlieferung der Schrift

»Bauberatung«

(zu vergleichen die zweite Umschlagseite Heft 1/2 dieses Jahres)

=berichten wir in dem nächsten Heft=.

Band XV Heft 3/4 1926

[Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz Dresden]

Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern

herausgegeben

Abgeschlossen am 31. März 1926

Wermsdorf und seine Schlösser

Von _Hugo Krämer_, Wermsdorf

Aufnahmen des Heimatschutzes

Wermsdorf, du Perle des Oschatzer Niederlandes, nicht mit Unrecht hat

dich der Volksmund so bezeichnet! Rauschende Wälder, im Sonnenschein

glitzernde Seen umrahmen dich. Über dir, auf sanft ansteigendem

Hügel, grüßt die majestätische Hubertusburg, und unten im Tale träumt

das alte Jagdschloß, umgeben von alten, hochgiebligen Häusern und

dem idyllischen Schloßpark, seinen Dornröschenschlaf. Die Linde im

Schloßhofe, der melodisch plätschernde Brunnen, sie wissen mancherlei

zu erzählen von vergangenen Zeiten, Zeiten des Glanzes und Zeiten

der Not, von fürstlichem Jagdgepränge und rauhen Kriegswirren.

Ja, du liebe, traute Linde! Wie oft habe ich sinnend unter deinen

breithängenden Zweigen gesessen! Und dann sind all die Bilder

vergangener Tage an meinem geistigen Auge vorübergezogen.

[Illustration: Abb. 1. =Schloß Wermsdorf.= Nordflügel. (Vorderansicht.)

Rechts unten König-Albert-Denkmal]

Vierhundert Jahre zurück! 1523 war es, als die beiden Brüder Dietrich

und Ernst von Starschedel neben Mutzschen auch mit Wermsdorf belehnt

wurden. Da, wo heute die Pferdeställe des Jagdschlosses stehen, erstand

ein Herrenhaus mit Getreidehaus, Scheunen und Stallungen, umgeben

von einem Wallgraben und blühenden Gärten. Ein ansehnlicher Bau,

der so manchen Edelsitz seiner Zeit in den Schatten stellte. Jedoch

nicht lange erfreuten sich die von Starschedel ihres Besitzes.

Kurfürst August I., gewöhnlich »Vater August« genannt, war von seinem

Regierungsantritt an bemüht, die Staatseinkünfte durch Errichtung von

Kammergütern und Erwerbung von Wäldern zu vermehren. So kaufte er auch

1565 das Rittergut Wermsdorf samt dem zugehörigen Wald, der damals

einen Flächenraum von etwa dreitausend Ackern einnahm. Später wurde

der Waldbesitz mehr und mehr vergrößert, und diesem Walde verdankt

Wermsdorf dann auch die Rolle, die es in der sächsischen Geschichte

gespielt hat. Denn wie das Leben am sächsischen Hof ohne Jagd nicht

denkbar war, so ist diese wiederum in Sachsen mit dem Namen Wermsdorf

aufs engste verknüpft.

[Illustration: Abb. 2. =Schloß Wermsdorf.= Rechts Ostflügel, erbaut

1618. Mitte Nordflügel, erbaut 1608. Links Stallungen: Hier stand das

ehemalige Starschedelsche Herrenhaus, das 1721 wegen Baufälligkeit

abgetragen wurde]

Schon August I. kam oft nach Wermsdorf, um dem edlen Weidwerk

obzuliegen, und der rein bäuerliche Ort – es gab damals hier zehn

Pferdner und vierzehn Gärtner – sah von da ab des öfteren hohe

Gäste. Bald erwies sich das Starschedelsche Schloß zur Aufnahme des

Kurfürsten und seines Gefolges als zu klein. Deshalb ließ er 1574 da,

wo jetzt die Oberforstmeisterei steht, ein neues Jagdhaus aufführen,

wahrscheinlich lediglich zur Unterbringung des Jagdgefolges und

Personals. Doch genügte auch das nicht auf die Dauer. Die Nachfolger

Augusts, Christian II. (1591 bis 1611) und Johann Georg I. (1611 bis

1656), die gleichfalls eifrige Jäger waren, stellten höhere Ansprüche.

Der Bau eines größeren Schlosses war geplant und wurde auch schon

1608 begonnen. Dabei mußten die Bauern des Ortes und der Umgebung

Frondienste leisten. Sie fuhren Ziegel von Trebsen und Püchau an und

erhielten nur während der Ernte vierzehn Tage Urlaub. Im Dezember

1610 wurde das neue Jagdschloß durch den Bauleiter Steger (den

Bauplan hatte Baumeister Simon entworfen) übergeben. Noch stand nur

der heutige Nordflügel. Er enthielt im Erdgeschoß, außer Flur und

Küche, des Kurfürsten Stube als Versammlungsort des Gefolges mit zwei

Kammern, die Stube des Jägermeisters v. Ziegesar mit drei Kammern und

Vorgemach, im Obergeschoß, das von Holzwerk mit Ziegeln durchsetzt

war, Stuben und Kammern. Die Einrichtung war äußerst bescheiden; denn

als Inventar werden angeführt Decken mit eingeschobenen Tafeln, an den

Wänden hinlaufende Bänke, Kleiderrechen, wenig Tische, ein Himmelbett

des Kurfürsten und Spannbetten für das Gefolge. Bald wurde auf Befehl

des Kurfürsten das Obergeschoß massiv aufgeführt und zwei neue Flügel

angebaut. 1626 war das Schloß in seiner jetzigen Gestalt fertig. Mitten

in dem furchtbaren Dreißigjährigen Kriege. Noch bis 1628 kam der

Kurfürst nach Wermsdorf, um zu jagen; dann mußte er, gezwungen durch

die widrigen Verhältnisse des Krieges, die Jagd aufgeben. Wiederholt

zog die sengende und mordende Soldateska auch durch Wermsdorf,

wiederholt war das Schloß der Plünderung preisgegeben. 1639 kamen

die Schweden und legten Feuer im Schloß an. Rasches, tatkräftiges

Eingreifen der Bewohner verhinderte ein weiteres Umsichgreifen des

Brandes, und notdürftig wurden die entstandenen Schäden repariert.

Als 1681 Mutzschen völlig abgebrannt war, mangelte es an Gelegenheit,

das Amtshaus unterzubringen. Durch kurfürstlichen Befehl wurde der

Nordflügel des Schlosses als Amtsexpedition und Wohnung für den

Amtsschösser eingerichtet. Erst 1685 kam Johann Georg III. mit seinen

Ministern und mit General Flemming wieder zur Jagd hier an.

Eine lange Pause von siebenundfünfzig Jahren lag zwischen diesem und

dem letzten Jagdaufenthalt eines sächsischen Kurfürsten. Beengter

denn je waren die Jagdgäste. Gefolge und Dienerschaft wurde im Dorfe

einquartiert, der Pfarrer allein mußte drei Kammern und Stallung

für fünf Pferde hergeben. In der Folgezeit kamen die Landesherren

wieder fast regelmäßig zur Jagd hierher, um so mehr, als seit 1698

der Statthalter Fürst Egon von Fürstenberg die Parforcejagd hier

einrichtete. Mit Fürstenberg beginnt für die Geschichte der Jagd

in Sachsen ein neuer Zeitabschnitt: die endgültige Einführung der

Parforcejagd nach französischem Vorbild. Der Fürst, ein Liebhaber der

Jagd, hatte jedenfalls während seines mehrjährigen Aufenthaltes in

Frankreich Geschmack an dieser Art zu jagen gefunden und hegte den

Wunsch, das bei Wermsdorf sehr günstige Gelände dazu einzurichten.

Der Wald wurde durch Alleen und Schneisen in Quadrate geteilt, das

Terrain durch Wege und Brücken zugänglich gemacht, Kähne angeschafft

zum Transport der Jäger und Hunde über die Teiche und endlich eine

Mauer zum Schutze der anliegenden Felder vor Wildschaden aufgeführt.

Nachdem die zum Jagen erforderlichen Pferde und Hunde aus Frankreich

und England und französische »Piqueurs« in Wermsdorf angelangt und in

dem von August dem Starken dem Schlosse gegenüber erbauten Jägerhofe

untergebracht waren, konnte 1699, obwohl die Geländearbeiten noch

keineswegs beendet waren, die erste Parforcejagd abgehalten werden.

Dauernd wurden aber noch Verbesserungen und Vergrößerungen am Gelände

und an der Jagdequipage vorgenommen; in Collm wurde ein Forsthaus und

ein neues Sauhaus, auf dem Collm von Karcher ein Jagdpavillon erbaut.

Der öftere längere Aufenthalt des Statthalters in Wermsdorf hatte auch

eine erhöhte Geselligkeit im Schlosse zur Folge. Viele bekannte hohe

Personen, auch der König, fanden sich immer wieder in Wermsdorf ein.

Die Glanzzeit für Wermsdorf war angebrochen und sollte sich noch immer

steigern.

Als Fürstenberg 1717 durch einen Schlaganfall dahingerafft worden war,

kaufte der König die gesamte Jagdeinrichtung für seinen jagdliebenden

Sohn, den Kurprinzen Friedrich August und machte alle möglichen

Anstalten zur Errichtung einer stattlichen Hofhaltung für diesen. Die

gesamte Equipage bestand damals aus zweiunddreißig Jagdbediensteten,

siebenundvierzig Pferden und zweihundert Hunden. Als der Kurprinz nach

längerer Abwesenheit 1719 aus dem Auslande zurückkehrte, übergab ihm

der König die Jagderlaubnis für den Wermsdorfer Forst und die gesamte

Einrichtung samt Benutzung des Schlosses. Graf Gall erhielt vom Prinzen

die Leitung des gesamten Jagdwesens übertragen.

Bereits im Oktober und November desselben Jahres weilte der junge

Kurprinz mit seiner Gemahlin, der Erzherzogin Maria Josepha von

Österreich, abermals in Wermsdorf. In diesem Jahre begann die sich mit

der Zeit zu einem Volksfest steigernde Feier des Hubertustages durch

eine mit größtem Luxus ausgeführte Parforcejagd am 3. November.

Über das Hubertusfest von 1721, das der König besuchte, liegen

spezielle Nachrichten vor. Nach der Ankunft des Königs am 2. November

früh ging man zur Messe, speiste und brachte den Rest des Tages beim

Spiel zu. Am 3. November stellte sich die Jagdparade früh neun Uhr

am Forsthause auf. Die Pferde von vierundzwanzig Kavalieren, der

kurprinzliche und königliche Reitstall gingen der Gesellschaft voraus,

die sich zum Jagen begab. Nur dreiviertel Stunden dauerte dieses, aber

es wird als eine »glückliche, lustige, kurze Parforcejagd« bezeichnet.

Am nächsten Tage besuchte man Mutzschen und erlegte des Nachmittags

beim Streifjagen ein großes Schwein. Das Fest ist deshalb von

besonderer Bedeutung, weil der König seinen Entschluß bekanntgab, »zu

besserer Bequemlichkeit Unseres Kgl. Printzen Lbd. einen Bau aufführen

zu lassen, der glanzvolleren Anforderungen entsprechen sollte«. Und

noch im selben Jahre war es, als auf dem Hügel südlich von Wermsdorf in

Gegenwart Friedrich August II., seines Sohnes, des Kurprinzen Friedrich

August und zahlreicher hoher Gäste der Grundstein zum Hauptgebäude des

neuen Jagdschlosses gelegt wurde. Hubertusburg ward es genannt, dem

Schutzpatron der Jagd, Hubertus, zu Ehren. Einen stolzen Plan hatte

der Ingenieur und Oberstleutnant Naumann entworfen, dem die Ausführung

dieses Baues übertragen wurde. Das größte und schönste moderne Schloß

auf Sachsens Boden, ein Prachtbau, wie er damals vielleicht in ganz

Europa nicht herrlicher zu schauen war, ging unter Naumanns Leitung

seiner Vollendung entgegen. Vier Kompagnien Infanterie schaufelten den

Grund, etwa siebenhundert Künstler, Maurer, Zimmerer und Handwerker

arbeiteten mit solcher Rüstigkeit, daß schon 1724 der Prinz mit seinem

Hofstaat das Schloß zum erstenmal bewohnen konnte.

Das Palais bestand aus einem Mittelgebäude, auf dessen achteckigem

Mittelteil ein origineller Turm mit einem riesigen vergoldeten Hirsch

als Wetterfahne thronte, und zwei Seitenflügeln. Dadurch war ein Hof

gebildet, der nur nach Osten offen war. Die Front des Palais war dem

Horstsee zugekehrt, und man überschaute von ihr aus den vom Kgl. Kunst-

und Lustgärtner Perisch sehr kunstvoll terrassenförmig eingerichteten,

mit vielen Bassins, Springbrunnen und Bildsäulen gezierten Garten, der

als einer der schönsten Sachsens bezeichnet wird. Links im Mittelbau

war eine katholische Kapelle eingebaut. Sie war dem Hubertus geweiht

und durch die über dem Altar von Balthasar Permoser in Stuckmarmor

dargestellte Bekehrungslegende geziert. Rechts befand sich im ersten

Stockwerk der durch zwei Etagen hindurchgehende, herrliche Hubertussaal

mit hohen Bogenfenstern. Breite Sandsteintreppen führten zu beiden

Seiten bis unter das gebrochene, mit Kupfer gedeckte Dach, von dem die

Götter des Olymp in zahlreichen Statuen herabblickten. Überall war

Glanz und Pracht. Dem Hauptschloß entsprechend waren die umfangreichen

Seitengebäude, die beiderseits am Hauptpalais beginnend, den großen

äußeren Schloßhof umgrenzten. Da waren die beiden ~H~-förmigen

langen Gebäudereihen parallel zum Hauptflügel des Schlosses, deren

Querverbindungen den Schmiedehof mit dem Wermsdorfer Tor im Norden und

im Süden den deutschen Jägerhof mit dem Reckwitzer Tor vom großen Hof

trennten. Als Gebäudeabschluß stand je ein schöner Pavillon, deren

einer später durch Graf Brühl bemerkenswert wurde und seinen Namen

»Brühlscher Pavillon« noch heute hat. Im Osten war die Haupteinfahrt,

das Oschatzer Tor mit der Zugbrücke, links und rechts weitere Gebäude

und Pavillons. In letzteren wohnten zumeist Offiziere, in den langen

Gebäuden waren unten Pferdeställe, Hundeställe und Wagenschuppen, oben

Räume für die Bediensteten. Links vom deutschen Jägerhof befand sich

der französische mit zwei einander parallel laufenden Reihen von Wohn-

und Stallgebäuden, und links vom großen Hof, hinter dem Schmiedehof,

lag der große Geschirrhof mit einem Waschhaus, einer Bauscheune,

Pagenställen, Wohnungen und dem Wasserhaus. Durch eine doppelte

Rohrleitung wurde das Wasser aus einer Entfernung von mehr als einer

halben Stunde in den Behälter des Wasserhauses geführt, und von hier

aus in die Bassins des Schlosses und des Gartens verteilt.

Bereits 1724 wurde also, wie oben erwähnt, das Hubertusfest im

neuen Schlosse prächtig gefeiert, und viele Verwandte des Prinzen,

sowie polnische Prälaten und Woywoden, deren Gunst der Kurprinz zur

dereinstigen Nachfolge in Polen erlangen sollte, hatten sich dazu

eingefunden. Infolge des größeren Umfanges der Räumlichkeiten konnte

auch die Jagdeinrichtung noch mehr vergrößert werden. Es wurde

bestimmt, daß ihr bis zu vierzig Personen, fünfundsechzig Pferden und

zweihundertfünfzig Hunden anzugehören hätten. An Galls Stelle trat

in der Leitung der Jagdequipage der später so berühmt gewordene Graf

Sulkowsky.

[Illustration: Abb. 3. =Im Schloßpark zu Wermsdorf=]

Seit dem Bestehen einer Hofhaltung in Wermsdorf war die Bewachung des

Schlosses durch eine Invalidenkompagnie versehen worden. 1729 wurde

an deren Stelle eine eigene Truppe zur Bewachung der Hubertusburg

eingerichtet. Keiner der einhundertvierzig, später zweihundertvierzig

Grenadiere und ihrer Vorgesetzten durfte unter fünfundsiebzigeinhalb

Zoll (= etwa ein Meter 80 Zentimeter) groß sein. Sie unterstand

völlig dem Kurprinzen und hatte ihren Sitz zunächst in Oschatz. Die

ablösende Wache mußte also einen fast dreistündigen Weg zurücklegen.

Die Uniformen dieser Leibgarde waren erst rot und gelb, später rot und

grün. 1744 wurde sie aufgelöst.

[Illustration: Abb. 4. =Hubertusburg.= Ostflügel, erbaut 1739]

Die seit 1727 oft leidende Gesundheit August des Starken erlaubte

ihm nur noch selten das ermüdende Vergnügen der Parforcejagd. Desto

eifriger pflegte sie der Kurprinz. Und wenn er auch immer zwischen

Hubertusburg, Dresden und Moritzburg wechselte, Hubertusburg blieb der

Hauptplatz der Jagden und sah alljährlich das glänzendste Hubertusfest.

Beim längeren Aufenthalte war die gleichfalls jagdfreudige

Kurprinzessin seine getreue Begleiterin, die der Parforcejagd im

Amazonenkleide zu Wagen zu folgen pflegte. Vom Jahre 1736 ist uns eine

sehr interessante Aufstellung des gesamten Jagdzuges erhalten, die ich

folgen lassen möchte. Zwei Förster und ein Oberförster ritten voran.

Ihnen folgten die Handpferde der Jagdpagen, Minister und Kavaliere;

der Jagdinspektor Seyffert; die Parforcepferde der Besuchsjäger sowie

des Barons von Feullner und des Grafen Sulkowsky; der Sattelknecht,

Roßarzt und Bereiter von der Jagdequipage; zwölf königliche Handpferde,

von Reitknechten zu Pferde geführt; der Sattelknecht, Roßarzt und

Bereiter vom königlichen Stall; ein Kosake; der Hoftaschenspieler

Fröhlich und Baron Schmiedel; die Piqueure; die Besuchsjäger mit den

Hunden; der Jagdpage von Nostitz; der Jagdjunker von Wehlen; Feullner,

Sulkowsky, der König, der Herzog von Sachsen-Weißenfels, Graf Moritz

von Sachsen und die Gesandten. An diesen pomphaften Zug schlossen sich

noch an die polnischen Herren, die Minister, Oberchargen, Generäle,

Kammerherren, Obersten, Kammerjunker; Oberforstmeister und andere

Kavaliere von Zivil und Militär, sämtlich zu Pferde. Im Wagen folgten

die Königin mit den zwei ältesten jungen Prinzen, die Hofdamen,

die Kavaliere der Königin und der Prinzen. Den Schluß machte der

Schirrmeister mit zwei Wurstwagen.

[Illustration: Abb. 5. =Hubertusburg.= Gartenfigur. (Der Herbst)]

Obgleich das Schloß für vollendet gelten konnte, wurden in ihm doch

immerfort Verschönerungen vorgenommen. Oberlandbaumeister Knöffel war

zumeist in Hubertusburg anwesend und richtete z. B. 1738 zwei Zimmer

mit kostbaren Spiegeln, wertvollen Bildhauer- und Vergoldungsarbeiten

ein. Aber der Nachfolger August des Starken, König Friedrich August

II., wollte die Hubertusburg noch großartiger gestalten, und Graf

Brühl schaffte unbedenklich die Mittel zur Vollendung des Baues aus

dem ohnehin schon arg verschuldeten Sachsenlande herbei. Da wurde

denn mit der Ausführung der neuen Pläne auch nicht lange gezögert.

1739 riß man plötzlich fast das gesamte Hauptschloß wieder ab und

führte einen neuen Hauptteil mit Turm auf der bisher unbebauten Seite

des inneren Hofes auf. Die beiden Seitenflügel führte man an dieses

heran und verband sie gegenüber dem neuen Hauptflügel wiederum. Der

innere Hof war somit allseitig von hohen Gebäuden umschlossen, ein

gewaltiger quadratischer Komplex erhob sich an Stelle des zierlicheren

Schlosses, das Naumann gebaut hatte. Entsprechend dem ovalen Risalit

des Hauptflügels, das der Turm krönte, schloß man den äußeren Hof

nach Osten zu durch zwei Rundflügel ab und baute entlang der Anfahrt

Kasernen für die Leibgarde. Hunderte von Arbeitern förderten das Werk

mit solchem Fleiße, daß bereits 1742 die neue Front mit dem zierlichen,

luftigen Turm fertig stand, auf dessen höchster Spitze wieder der stark

vergoldete Hirsch als Wetterfahne glänzt. Ein prachtvoller runder Saal,

der kleine Hubertussaal, mit glänzender Marmorwand und kunstreichen

Gemälden, lag in der Mitte über dem großen runden Portale, durch zwei

Etagen sich erhebend. Bis auf den marmornen Fußboden herab reichen

die großen Bogenfenster, die als Türen auf einen Altan führen, der

eine weite Aussicht nach der Oschatzer Gegend bietet. Weithin tönten

die harmonisch eingestimmten Glocken durch die großen bogenförmigen

Öffnungen des Turmes, dessen Seitenwände wie vier starke Säulen

dastehen und sich erst oben wieder vereinigen, um das Dach zu tragen.

Die große Uhr zu Füßen des Turmes wurde von vielen als großes Kunstwerk

gepriesen. Die ganze linke Hälfte des Hauptflügels war der katholischen

Kapelle gewidmet, welche Silvester, Torelli und Grone mit Kunstwerken

schmückten und die noch heute im gleichen Zustand erhalten ist. Zwei

hohe Säulengänge im Innern tragen die Emporen, alle Wände sind von

glänzendem Gipsmarmor. Der Hochaltar ist eins der besten Werke des

Lorenzo Mattielli, und die Kanzel bezeichnet Gurlitt als eines der

schönsten Stücke sächsischen Rokokos. Ein schwebender Engel scheint

sie zu tragen, zierliche Putten beleben das ganze Meisterwerk. Neben

dem Hochaltar, dessen Stufen von sächsischem (Crottendorfer) Marmor

sind, stehen noch zwei Seitenaltäre, deren einer das Bild des Hubertus

und des ihm mit dem Kreuz des Erlösers im Geweih erscheinenden weißen

Hirsches, deren anderer das Bild der Ida von Toggenburg mit dem ihr

leuchtenden Hirsche trägt. Beide Gemälde sind von Sylvester. Aus der

früheren Schloßkapelle wurden vier weitere treffliche Bilder des

Torelli übernommen. Das vielbewunderte Deckengemälde von Baptist Grone

stellt auf einer Fläche von vierhundert Quadratmetern die Hubertussage

dar.

[Illustration: Abb. 6. =Hubertusburg.= Blick auf den Schloßhof mit

Oschatzer Tor

Im rechten Rundflügel der Friedenssaal]

Rings um das ganze Schloß wurden in Höhe des Dachgeschosses Reliefs und

Standbilder angebracht. Vorn lagern links und rechts vom Turm Mars und

Minerva, in der Mitte prangt das Reichsvikariatswappen. (König August

war um diese Zeit Reichsvikar.) Im Hofe stehen inmitten prächtiger

Anlagen noch heute zwei schöne Steinvasen und Darstellungen der vier

Jahreszeiten (nach Gurlitt dem Permoser sehr nahestehende Arbeiten,

wahrscheinlich aber von Joh. Christ. Kirchner etwa 1720).

[Illustration: Abb. 7. =Hubertusburg.= Der Brühlsche Pavillon]

Auch während des Neubaues wurden sowohl die tageweisen Besuche des

Königs als auch die glanzvollen Frühjahrs- und Herbstfeste des Hofes

in Hubertusburg nicht unterbrochen. Nicht allein die Minister mit

ihren Gemahlinnen, der Hofstaat der Majestäten, die Prinzen und

Prinzessinnen, die Damen und Kavaliere, sondern auch das diplomatische

Korps, zahlreiche Eingeladene aus den ersten Kreisen der Gesellschaft

waren wochenlang anwesend, sämtlich in den Schloßräumen untergebracht,

festlich bewirtet und durch Jagd, Konzert und Theater unterhalten. In

einem Teil des Gartens hatte man den Opernsaal erbaut, der ein schöner,

sehr interessanter Holzbau gewesen sein soll. Leider ist heute kaum

noch bekannt, wo er gestanden hat. Dort klangen Kapellmeister Hasses

Töne von der Bühne, und seine Frau, die »göttliche« Faustina, entzückte

durch ihren himmlischen Gesang. An anderen Tagen wieder stellten die

~comici italiani~ ihre Burlesken dar. Bis auf das Hassesche Ehepaar,

das im Schlosse wohnen durfte, hatte die Künstlerwelt ihren Wohnsitz

in Wermsdorf, wo ihr Haus und das Kaffee, in dem sie verkehrten, noch

heute leicht als aus dieser Zeit stammend zu erkennen sind.

[Illustration: Abb. 8. =Inneres der katholischen Kirche Hubertusburg=]

Nach Sulkowskys Sturz 1738 hatte Baron von Feullner die erledigte

Kommandantenstelle übernommen, und Graf Brühl war im Staate an des

Ministers Stelle getreten. In Hubertusburg bewohnte Brühl den nach

ihm benannten Pavillon rechts vom Schloß, der durch einen verdeckten

Gang mit den Gemächern des Königs im Nordflügel verbunden war. Brühl

bemühte sich stetig, Verbesserungen der Jagdeinrichtung und am

Gelände einzuführen. Oberst Fürstenhoff mußte 1740 neue Jagdalleen

anlegen, »um uns des Parforcejagd-Plaisirs führohin mit mehrerer

Bequemlichkeit bedienen zu können«, und diese sollten 1741 bereits

fertig sein. Die schwierige Aufgabe wurde gelöst, und der Kurfürst

konnte sich überzeugen, daß auf den neuen Alleen »sicher zu reiten

und zu fahren fest und tüchtig« war. Ferner war beabsichtigt, den

Horstsee in das Gebiet des Schloßgartens einzufügen und Wasserspiele,

Feuerwerke und ähnliches auf ihm zu veranstalten. Jedoch der

ausbrechende Siebenjährige Krieg machte allen Erweiterungsplänen und

Jagdbelustigungen ein Ende. Im Jahre 1755 fand das letzte Hubertusfest

zu Hubertusburg statt. Als der König und die Königin 1756 von der

Leipziger Messe nach Dresden zurückreisten, übernachteten sie im

Schlosse, ahnungslos der traurigen Jahre, die da kommen sollten. Nicht

der König, nicht die Königin sahen ihr geliebtes Jagdschloß jemals

wieder, auch Graf Brühl hat es nie wieder betreten.

[Illustration: Abb. 9. =Hubertusburg.= Ehemaliges Arbeitshaus für

Frauen, später Landeshospital]

Friedrich der Große hatte 1759 Berlin aufgeben müssen, Kroaten und

Kosaken wüteten in den Straßen. Noch ärger trieben es leider aber die

Sachsen in Charlottenburg. Sie raubten dieses aus und schlugen in

Trümmer, was sie nicht mitnehmen konnten. Durch seinen Sieg bei Torgau

bekam Friedrich II. ganz Sachsen, außer Dresden, in seine Hand. Sein

Hauptquartier war in Dahlen. Es ist nicht zu verwundern, daß er sich

für die Zerstörung seines Lustschlosses zu rächen suchte und noch im

selben Jahre, 1760, den Befehl gab, das in der Nähe gelegene Jagdschloß

Hubertusburg zu plündern. Ein Freibataillon unter dem Oberbefehl des

Quintus Icilius (eigentlich Guichard aus Magdeburg, ein französischer

Offizier, der in Friedrichs des Großen Dienste getreten war) vollzog

diesen Befehl. Wagen auf Wagen rollte beutebeladen der preußischen

Grenze zu. Von den Kellern bis unter das Dach wurden sämtliche Vorräte

und Prunkgegenstände geraubt. Die herrlichen Gemälde, kostbaren Spiegel

und glänzenden Tapeten verschwanden von den Wänden. Die Habgier der

beiden Berliner Juden Ephraim und Itzig, an die Quintus Icilius

das geplünderte Schloß für zweiundsiebzigtausend Taler verkaufte,

vollendete die Zerstörung des Schlosses und des Gartens. Die großen

Glocken, die kunstvolle Uhr, das kupferne Dach, die mannigfachen

Statuen, alles wurde der Juden Beute. Aus dem gewonnenen Metall ließ

Ephraim einen Teil des nach ihm benannten schlechten Geldes prägen, mit

dem Sachsen damals überschwemmt wurde. Auch aus den Seitengebäuden,

namentlich aus dem prachtvoll eingerichteten Brühlschen Pavillon,

wurde alles Wertvolle weggenommen. Die stark vergoldeten Schlösser

und Bänder, Riegel und Beschläge der Türen und Fenster wurden

abgerissen und die schweren Vergoldungen an Türen und Verkleidungen

der Wände durch Berliner Arbeiter abgekratzt und chemisch zersetzt.

Die Zerstörungswut griff auch auf die von den Soldaten verschonte

Kapelle über. In der königlichen Loge hatte man begonnen, Schlösser,

Draperien und Goldleisten abzureißen. Da eilte der damalige Hofkaplan

Norbert Schubert nach Dahlen ins Hauptquartier und erreichte nach

langem Bitten die Erhaltung des Heiligtums. – Das kostbare Mobiliar des

Schlosses ward verkauft. Aus den Händen der Juden gingen die Schätze

der Hubertusburg in den Besitz der Meistbietenden über. In dem Schlosse

Carnin in Pommern wird ein Zimmer das »Hubertusburger« genannt, weil

dessen gesamtes Mobiliar aus Hubertusburg stammt.

Die Parforcejagdequipage war natürlich durch den Krieg ebenfalls in die

traurigste Lage geraten. Die Pferdeställe standen leer, der Bestand

des Hundezwingers ging immer mehr zurück, das Wild schossen feindliche

Soldaten und die Bauern schonungslos nieder, die Forstbedienung wurde

nach Warschau befohlen. Am Ende des Krieges war der Hundebestand

bis auf neun Hirsch- und drei Leithunde zurückgegangen, sodaß die

Equipage schließlich völlig aufgehoben wurde. – Als endlich 1762

Friedensverhandlungen angebahnt wurden, wählte man zur Abhaltung des

Friedenskongresses das Jagdschloß Hubertusburg, das nebst seinem

Gebiete durch eine öffentliche Verfügung für neutral erklärt wurde.

Im Dezember kamen die bevollmächtigten Minister von Preußen, Sachsen

und Österreich hier an; aber im ganzen Hauptpalais war kein Raum,

der sie hätte aufnehmen können. In der Mitte des dem Schlosse

gegenüberliegenden rechten Rundflügels fanden sie noch neben der

Amtswohnung des katholischen Geistlichen einen Saal, in dem sie

ihre Verhandlungen abhalten konnten. Bald nach der Unterzeichnung

des Friedens starb der König und sein Sohn und Nachfolger Friedrich

Christian auch zu bald nach ihm, als daß er bei der allgemeinen

Erschöpfung an die Wiederherstellung des zerstörten Friedensschlosses

hätte denken können.

Zunächst stand das Hauptgebäude nun lange Zeit leer; zu Jagdzwecken

wurde es nie wieder und die Nebengebäude erst nach 1815, aber selten

und nur kurze Zeit verwendet. Die zahllosen Räume des verwüsteten

Palais wurden ab 1791 als Militärmagazin eingerichtet. Mächtige

Getreidehaufen drückten die Fußböden, auf denen die Großen des Landes

so prächtig einhergeschritten, füllten die Räume, die nur Feste zu

sehen gewöhnt waren. Bis 1873 blieb Hubertusburg in diesem Zustand, mit

Ausnahme der Jahre 1813 bis 1815, während derer es als Lazarett diente.

Viel Elend hat es da sehen müssen. Freund und Feind lagen beieinander,

und nur wenige kamen wieder heraus, Tausende starben hier infolge

der oberflächlichen Behandlung an ihren Wunden oder Krankheiten. Man

scharrte sie ein, alle zusammen, im Lindigt unweit des Horstsees. Etwa

zehntausend sollen dort liegen, wohl meist Franzosen, wie der Platz,

der 1913 mit einem schlichten Denkstein geziert wurde, auch heute

noch den Namen »Franzosengrab« führt. Der Einrichtung Hubertusburgs

als Lazarett haben wir es sicherlich zu danken, daß es von weiteren

Verwüstungen verschont blieb. Denn die Tatsache, daß es Kranke barg,

genügte, vorüberziehende Truppen von seinen Toren abzuhalten. Auch

gelang es, wie schon 1760, glücklicherweise auch diesmal, die Kapelle

zu retten. Diese sollte mit Kranken belegt werden. Der Kapellendiener

Venus führte die maßgebenden Offiziere in den heiligen Raum, der in

hellem Kerzenglanze strahlte. Die Offiziere waren von dem Eindruck so

überwältigt, daß sie ohne weiteres die Schonung zusagten und den Bau

weiterer Holzbaracken auf dem Schloßhof befahlen.

Nach 1815 bekamen pensionierte Beamte und Offiziere in Räumen des

Schlosses und der Nebengebäude sogenannte Gnadenwohnungen angewiesen;

aber noch viel leerer Raum war vorhanden und verlockte zur Einrichtung

aller möglichen Institute. Zunächst verlegte man in die Gebäude

am Reckwitzer Tor ein Landesgefängnis, das vielfach politische

Gefangene barg. Unter anderen verbüßten Bebel und Liebknecht Teile

ihrer Strafzeiten hier. Auch wird erzählt, daß Ernst Keil seinen

Entschluß zur Herausgabe der Gartenlaube in einer Hubertusburger Zelle

faßte. Von 1834 ab wurden die verschiedensten Landesanstalten in den

Nebengebäuden untergebracht, z. B. ein Landeshospital, Landeskranken-

und Siechenhaus, eine Irrenversorganstalt, das Arbeitshaus für Frauen,

eine Erziehungsanstalt für blödsinnige Kinder, die sogenannten

»Pensionär-Korrektionär-Institute« zur Besserung verwahrloster Söhne

bemittelter Eltern und die Blindenvorschule. Die Strafanstalten

wurden jedoch im achten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts wieder

aus Hubertusburg verlegt, und heute sind nur noch Heil- und

Versorganstalten vorhanden.

Ehe wir jedoch auf die Schilderung des gegenwärtigen Zustandes

zukommen, müssen wir noch auf ein Unternehmen näher eingehen, das in

der Geschichte von Hubertusburg eine bedeutende Rolle gespielt hat: die

Steingutfabrik.

Nach dem Siebenjährigen Kriege war die Bevölkerung Sachsens so verarmt,

daß sie nicht mehr imstande war, für den täglichen Gebrauch das

teuere Porzellan zu verwenden. Man kaufte also, da in Sachsen nichts

anderes, billigeres, fabriziert wurde, meist von auswärts eingeführte

Steingutwaren, besonders die beliebte Delfter Fayence. Nun war es aber

einem Maler der Meißner Porzellanfabrik namens Tönnig nach eingehenden

Versuchen gelungen, ein dieser Delfter Fayence ähnliches Fabrikat zu

erzeugen. Er bat am kurfürstlichen Hof um Unterstützung zu weiterem

Ausbau seiner Erfindung, die ihm auch bereitwilligst gewährt wurde, da

man sofort erkannte, daß es sich dabei um eine neue Erwerbsmöglichkeit

für die Bevölkerung handelte. 1770 wurde ihm von Kurfürst Friedrich

August III. die Erlaubnis zuteil, sich in Hubertusburg niederzulassen

und einen Teil der Schloßgebäude, den Jägerhof und den daran gelegenen

Hundezwinger, zu Fabrikräumen umzuwandeln. Aber der gewünschte Erfolg

blieb aus. Die Geschirre bekamen zwar eine gefällige Form, aber das

Material zeigte viele haarfeine Risse und die Bevölkerung klagte

über zu leichte Zerbrechlichkeit der Gegenstände. Tönnig wollte das

Unternehmen schon aufgeben, als sich der Oberstallmeister Graf von

Lindenau seiner annahm. Der Mißerfolg lag daran, daß die hiesige

Tonerde nicht den Anforderungen entsprach, die an sie gestellt wurden.

Denn Lindenau entließ Tönnig und stellte einen Mann namens Förster ein,

der sich nicht auf das hiesige Material verließ, sondern von Dresden

Tonerde mitbrachte, und sein Werk daher mit dem schönsten Erfolg

begann. 1776 übernahm der Kurfürst die Fabrik, die unter der Leitung

des Grafen Marcolini mit Förster als Inspektor weitergeführt wurde. Aus

der ersten Zeit haben sich nur wenige buntbemalte Stücke von gelblichem

Material erhalten.

[Illustration: Abb. 10. =Hubertusburg.= Teil der ehemaligen

Strafanstalt für politische Gefangene

Vorn Wohnung des Strafanstaltsinspektors]

Inzwischen verdrängte das von Engländern erfundene Steingut die

Fayencewaren und damit auch das Hubertusburger Fabrikat vom Markte.

Förster gelang die Nachbildung der neuen Art nur unvollkommen, jedoch

konnte er jetzt gefälligere Formen bilden und stellte nach Meißner

Vorbildern, aber auch nach eigenen Mustern geschickter Arbeiter feine

Geschirre und Vasen her. Es kam soweit, daß sogar Meißen die Konkurrenz

Hubertusburgs fürchtete und beim Kurfürsten durchsetzte, daß dort nur

bestimmte Formen hergestellt werden durften.

[Illustration: Abb. 11. =Horstsee, Hubertusburg und Collm bei Oschatz=]

Nach Marcolinis Tode kam das Unternehmen unter die Direktion der

Meißner Porzellanfabrik, und stand während der Kontinentalsperre in

höchster Blüte; aber nach deren Aufhebung eroberten sich die Engländer

in geschickter Weise das verlorene Absatzgebiet zurück, zumal da die

kaufmännische Verwaltung der Hubertusburger Fabrik völlig versagte.

Auch die Klagen der Bevölkerung über leichte Zerbrechlichkeit und

unvorteilhaftes Aussehen durch die vielen Haarrisse des Steinguts waren

keineswegs verstummt.

[Illustration: Abb. 12. =Am Horstsee=]

Den letzten Ausschlag für das Eingehen des Hubertusburger Unternehmens

gab die entstehende Konkurrenz, die ihm über den Kopf wuchs. So taten

sich neue Fabriken auf in Colditz, Rochlitz, Dresden, Pirna und

Stegermühle (Nossen). Die Verwaltung der Fabrik ging noch durch mehrere

Privathände, bis 1848 der Betrieb völlig eingestellt werden mußte. Die

Fabrik hatte über hundert Familien dauernden Unterhalt geboten, dem

Staate hatte sie nichts eingebracht.

Schon 1850 wurden die Gebäude der Steingutfabrik mit Geisteskranken

belegt, und noch heute ist darin und in einigen etwas später erbauten

großen Gebäuden die Hauptanstalt Hubertusburgs untergebracht, das

Versorghaus für geisteskranke Frauen. Vor dem Kriege wurden über

eintausend Frauen hier verpflegt, und man baute zur Erweiterung 1913

außerhalb der Mauern ein neues schönes Gebäude für unruhige Frauen und

ein großes, modernen Anforderungen entsprechendes Küchengebäude. Auch

wurde seit 1880 schon mehr und mehr das Hauptschloß zur Unterbringung

der Frauen verwendet, das seit der Aufhebung des Militärmagazins leer

stand. Später, von 1893 an, gestaltete man die Anstalt im Hauptschloß

in eine Männeranstalt um, die vor dem Kriege etwa fünfhundert Insassen

barg. Allmählich wurden auch alle Strafanstalten nach anderen Städten

verlegt und die dadurch freigewordenen Räume als Krankenhäuser und

Landeshospital eingerichtet.

So hat das einst so stolze Jagdschloß ein völlig anderes Gesicht

bekommen. Die Gebäude sind die gleichen geblieben, aber bewohnt von

Ärzten, Beamten, Pflegern und belegt mit armen, hilfebedürftigen

Menschen. Nur die Kapelle noch legt ein beredtes Zeugnis ab von der

einstigen Pracht. Auch heute noch wird sie als Gotteshaus verwendet,

und Sonntags kommen aus weitem Umkreis die Katholiken zum Gottesdienste

herbei.

Es sei uns vergönnt, noch einen Blick auf das Schicksal des Wermsdorfer

Jagdschlosses zu werfen. Seine Bedeutung sank mit der Erbauung der

Hubertusburg, und es wurde fernerhin nur zur Unterbringung von

Jagdpersonal benutzt. Außerdem barg es, wie bereits erwähnt, die

Amtsexpedition, seit 1785 »Justizamt Mutzschen zu Wermsdorf« genannt,

und Wohnung des Amtsaktuarius. Das Gerichtsamt und ein ebenfalls 1785

eingerichtetes Rentamt wurden 1873 aufgehoben. König Albert, der auf

Schloß Hubertusburg verzichtete, erhielt dafür Schloß Wermsdorf und gab

es seiner ursprünglichen Bestimmung als Jagdschloß zurück. 1874 bis

1875 ward es durch den Hofbaurat Bernhard Krüger dazu hergerichtet,

der umgebende Garten parkähnlich angelegt. Links der Einfahrt,

gegenüber der Oberforstmeisterei, stand auf ehemaligem Gemeindeland

ein Haus mit Stallgebäuden, das sogenannte Kommissariatsgebäude, etwa

1755 erbaut, das wahrscheinlich landesherrlichen Kommissaren zur

Wohnung gedient hat. Dieses Gebäude ging zu Anfang des neunzehnten

Jahrhunderts in Privatbesitz über. König Albert kaufte es 1879 und ließ

es niederreißen. Dadurch wurde der Garten abgerundet und der Blick auf

das Schloß freigelegt. 1902 wurde auf den Schuppen neben dem kleinen

Westflügel ein Obergeschoß gebaut und dem Schloßaufseher als Wohnung

angewiesen. Die Könige Albert und Georg sind alljährlich zum Jagen

nach Wermsdorf gekommen und haben wochenlang im Schlosse gewohnt,

während der letzte sächsische König, Friedrich August, nur sehr selten

hierher kam.

Die Revolution von 1918 machte auch der Bestimmung dieses Jagdschlosses

endgültig ein Ende. Die Möbel, die Jagdtrophäen usw. wurden entfernt

und im Hubertussaale der Hubertusburg untergebracht und gingen zum Teil

in Besitz der ehemaligen Königsfamilie über, oder wurden versteigert.

Die leeren Räume wurden zu Wohnungen eingerichtet. Heute bietet das

Schloß neun Familien Unterkunft, und nur noch äußerlich erinnert es an

seine einstige Bestimmung, die es nun vielleicht für immer verloren hat.

Aber wie der Wald einst die Fürsten anlockte, so zieht er auch heute,

und heute in besonderem Maße, die Menschen an, wenn sie Ruhe suchen

vor dem Hasten und Treiben der Großstadt. Zu Tausenden kommen sie

im Sommer, teils als Touristen, teils Genesung suchend in frischer

würziger Waldluft. Viele auch, um sich im schön angelegten Horstseebade

zu erfrischen. Wermsdorf ist durch die Nähe der Landesanstalt zu einem

stattlichen Dorfe von über zweitausend Bewohnern herangewachsen. Seine

wunderschöne Umgebung bürgt für seine gedeihliche Weiterentwicklung.

Sie hat es bewirkt, daß Wermsdorf heute eine mit alljährlich steigender

Frequenz aufgesuchte Sommerfrische ist.

Betrachtungen in einer Töpferei

Von _Edgar Hahnewald_

Denke an Persius’ Wort,

Du seiest Tonerde des Töpfers;

Nur durch beständigen Schwung

Wirst du zum schönen Gefäß.

Moritz von Egidy.

In beständigem Schwung kreist die Töpferscheibe durch die Jahrhunderte.

Sie ist heute noch das einfache Gerät wie seit historischen Zeiten:

eine Scheibe für den treibenden Tritt der Füße unten, eine Scheibe für

die formende Arbeit der Hände oben, beide durch eine vertikale Achse

verbunden. Es ist die gleiche Töpferscheibe, an der der Singhalese in

Hagenbecks Völkerschau und der Brauntöpfer in der sächsischen Lausitz

arbeitet. Sie ist Urgerät menschlicher Handfertigkeit.

Arbeitsmaterial des Lausitzer Brauntöpfers ist ein grauer, fettig sich

anfühlender Ton aus der Kamenzer Gegend, der während des Krieges, wie

andere Tone auch, zur Fabrikation von Tonseifen dienen mußte. Um ihm

die für die Töpferei nötige geschmeidige Gleichmäßigkeit zu geben, wird

er vorher im Tonzurichtewerk geschlemmt und durch den Tonschneider

getrieben, der ihn zwischen Messerwalzen gründlich durchknetet.

Gebückt auf der Bank sitzt der Töpfer vor der Scheibe. Die in der

für das einzelne Stück nötigen Größe zurechtgeballten Tonklumpen

liegen handgerecht aufgehäuft auf dem Brett. Sie erinnern an die

abgewogenen Teigstücke des Bäckers. »Kannenbäcker« nannte man ja

auch die rheinischen Töpfer, deren irdene Bartmannkrüge damals

Gefäß des Weines und Schankzeichen der rheinischen Weinwirtschaften

waren. Von solcher in gelinderem Feuer »gebackener« Ware mit mürbem

wassersaugenden Scherben unterscheiden sich aber die bei scharfem Feuer

von sechzehnhundert Grad gebrannten Lausitzer Töpfe; sie sind hart und

dicht in der Masse, und jede braune Schüssel klingt unterm Schlag mit

dem Fingerknöchel wie eine Glocke.

Mit einigen tretenden Schwüngen der nackten Füße setzt der Töpfer die

Scheibe in schnelle Drehung. Er hat das Gefühl für seine Arbeit auch

in den Füßen, die den formenden Händen dienen als drittes und viertes

Glied; es ist, als fühlten auch die vom Tone graubekrusteten Zehen die

geschmeidige Bildsamkeit des Tones.

Mit kräftigem Hieb haut der Töpfer einen Tonklumpen auf die rotierende

Scheibe, daß er sich fest und luftlos ansaugt. Und während nun die

Scheibe kreist und unten die Füße ruhend zur Seite treten und nur mit

einem leichten Schwunge nachhelfen, wenn die Drehung der Scheibe sich

verlangsamt, greift der Töpfer mit seiner nassen Hand formend in den

mit der Scheibe kreisenden Ton. Ein Napf rundet sich und zieht sich

hoch. Aus einer Grundform, die anfänglich entsteht, wächst das gewollte

Stück; sie weitet sich zum Topf, öffnet sich zur Schüssel, baucht

sich zum Kruge aus, engt sich über der fassenden Wölbung zum Halse

der irdenen Flasche ein. Unter einem Griff der Finger stülpt sich der

Rand des rotierenden Gebildes zum Rande des Topfes, des Kruges, der

Schüssel um; er wird gleichsam gesäumt. Unter einem leichten Druck

mit einem Formhölzchen faltet sich die Gußschnauze in den Rand des

Topfes; sie entsteht wie unter der Berührung mit einem Zauberstäbchen.

Einige streichende Griffe verwandeln eine Tonwurst in einen Henkel,

der sich dem Gefäß anschmiegt, als wisse der Ton längst den griffigen

Schwung, in dem er sich der fassenden Hand darzubieten hat. Man sieht

das alles entstehen, aber man errät nicht, wie es gemacht wird.

Scheinbar dieselben Handgriffe erzeugen alle Formen. Leichtes bildendes

Anschmiegen der Finger, manchmal nur ein Hintippen für eine schnelle

Umdrehung verwandelt die Gestalt. Eine Verwandlung geht in die andere

über; der Ton scheint unter der Hand des Töpfers zu fließen. Leicht

und willig fügt er sich in die gewollte Form. Ja, es scheint kaum die

menschliche Hand zu sein, die alle diese Wandlungen bewirkt; manchmal

mutet es an wie nur ein lenkendes Deuten, das, vom selber belebten

Material willig begriffen, seine Wandlung bewirkt. Und es ist doch die

sichere, an unendlichen Mengen von Gebilden geübte Geschicklichkeit des

Töpfers, die diese spielerisch fließenden Verwandlungen sicher und ohne

Fehlgriff zur endgültigen Gestaltung führt.

Die drei geschicktesten Töpfer dieser Werkstatt sitzen hintereinander,

die Fenster neben sich, in den Bänken. Freundlich zu einer kurzen

erklärenden Deutung ihres Tuns bereit, aber lieber schweigend, formen

sie immerfort die schwingenden Gefäße, heute diese, morgen jene. Sie

arbeiten in Akkord. In ununterbrochener Folge reihen sich Krüge, Töpfe,

Schüsseln vor ihnen auf dem Brett. Ist wieder ein Stück fertig, löst

es der Töpfer mit dem raschen geschickten Schnitt eines Drahtes von

der ruhenden Scheibe und hebt das gummiartig biegsame Gebilde auf das

Brett vor sich. Auch dieses Wegheben gelingt nur dem Geübten. Aber man

ahnt, wenn man es sieht, die Spannung, in die die schnelle Drehung der

Scheibe die Tonatome zusammendrängte, während der Töpfer das Gebilde

formte; sicher ist der Schwung der Töpferscheibe nicht gleichgültig,

sicher formt er mit und gibt, so vermutet man als betrachtender Laie,

dem Gebilde ein anderes Gefüge, anders, als es bei nur mechanischem

Eindrücken der Tonmasse in eine Gipsform sein würde. Vielleicht ist

das eine Täuschung, vielleicht ist der gepreßte Scherben ebensogut

wie der gedrehte; aber die Vorstellung, daß der Schwung mit bilden

helfe, stellt sich beim Betrachten des Vorganges ein. Es wirkt wie

ein organisches Werden; das Entstehen eines simplen Gefäßes auf der

Töpferscheibe hat manchmal Verwandtschaft mit pflanzenhaftem Wachsen,

und ein einfacher irdener Topf, der so leicht zerbrochen und so billig

zu ersetzen ist, erscheint, wenn man ihn entstehen sieht, als ein

Gewordenes, nicht einfach Gemachtes. Man glaubt, ihm den lebendigen

Schwung anzusehen, der ihn formte. »Nur durch beständigen Schwung

wirst du zum schönen Gefäß« – auch Egidy empfand wohl so, als er

dieses Epigramm prägte, und sicher hat er das fließende Aufblühen

der Form aus gestaltlosem Ton auf der kreisenden Töpferscheibe

gesehen. Ton ist Erde; Gebilde, einem für unsere stumpfen Augen noch

verborgenen, Verwandlungen herbeiführenden Schicksal unterworfen –

wissen wir, was wirklich vorgeht, wenn Kristalle sich bilden, Gestein

zu Ton verwittert? Gestein und Erde ist die dünne Kruste unseres

Himmelskörpers, der, um sich selber schwingend, im Weltenraume um eine

Sonne schwingt und dieser Bewegung wohl seine schwellende Gestalt

verdankt – die Gedanken schweifen weit über die Töpferwerkstatt hinaus

in ferne Räume, in denen fortwährend sich wandelnde Gestaltung sich

vollzieht, und die Töpferscheibe scheint kosmische Gesetze zu erfüllen,

wenn von ihrem Schwung irdene Gebilde sich lösen, die nun in der

wallenden Glut des Feuers zu fester Gestalt erhärten und dann Gefäß für

Speise und Trank sein werden, bis sie klirrend im Aufwaschfaß wieder

zerbrechen.

Das Brett ist mit fertigen Gebilden gefüllt und der Töpfer trägt es in

den Schragen, in dem die Gefäße »wasserhart« trocknen müssen, ehe sie

weiter ihren Weg gehen. Wie der Töpfer das Brett trägt, auf erhobener

flacher Hand, erscheint er, dessen Arbeitskleider dick mit Ton beklebt

sind wie mit Teig, wieder wie ein Bäcker, der seine Ware zum Backofen

trägt.

Die Gefäße stehen nun zum Trocknen. Je zwei werden genau

übereinandergepaßt aufgestellt und von Zeit zu Zeit umgedreht, damit

das Wasser gleichmäßig heraustrocknet, ohne daß die Form sich wirft. Es

ist viel mehr sorgfältige Arbeit um einen Topf, als die Frau in ihrer

Küche weiß.

In einer Wanne steht die Glasur bereit: eine appetitlich aussehende

Brühe von der Farbe guten Milchkaffees. Sie wird aus feinen

Lehmerden angerührt, die man in der Gegend von Elstra bei Kamenz

und bei Polnisch-Nettkow an der Oder gräbt. Beide Erden werden

vorher geschlemmt und in bestimmtem Verhältnis gemischt. Sie geben

der Töpferware die braune Farbe und die Glasur, jenes glänzende

durchsichtige Bleiglas, das aus der Verbindung des in den verwendeten

Erden enthaltenen Bleioxyds mit der Kieselerde des Tones entsteht und

bei richtiger Mischung in den gewöhnlichen im Haushalt vorkommenden

Säuren wie Essig nicht löslich ist. Das Glasieren geschieht so, daß

der Töpfer das Gefäß so in die Brühe taucht, daß auch das Innere

gleichmäßig überspült wird, die Unterfläche des Bodens jedoch trocken

bleibt. Gleich nach dem Tauchen wird der Rand des Gefäßes mit einem

Schwamm sauber wieder abgewischt – nicht damit die Hausfrau auf diesem

unglasierten Rand ihr Küchenmesser wetzen kann, sondern damit beim

Brennen die übereinandergestapelten Gefäße nicht zusammenbacken.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XV, Heft 3-4 · 第 1 / 6 段