Werfen wir nun einen Rückblick auf das in diesem Werke zur Darstellung
Gebrachte, so heben sich darin eine Anzahl aus Versuchen hergeleiteter
Sätze ab, welche in direktem Zusammenhang mit der Beantwortung der
Flugfrage stehen, indem sie sich auf die einzelnen Faktoren beziehen,
aus denen die beim Fluge erforderliche Anstrengung sich zusammensetzt.
Die Einsicht von der Richtigkeit dieser Sätze erfordert nur ein
Verständnis der einfachsten Begriffe der Mechanik, wie es überhaupt ein
Vorzug der wichtigsten Momente der Fliegekunst ist, daß dieselben vom
mechanischen Standpunkte höchst einfacher Natur sind, und eigentlich nur
die Lehre vom Gleichgewicht und Parallelogramm der Kräfte zur Anwendung
kommt. Trotzdem liefert die flugtechnische Litteratur den Beweis, wie
außerordentlich leicht Irrtümer und Trugschlüsse in der mechanischen
Behandlung des Flugproblems sich einschleichen, und dies gab die
Veranlassung, hier so elementar wie nur irgend möglich die mechanischen
Vorgänge des Fluges zu zerlegen.
Wenn auf der einen Seite hierdurch die Diskussion über dieses immer noch
etwas heikle Thema wesentlich erleichtert wird, so hegt der Verfasser
andererseits auch noch die Hoffnung, daß dadurch nicht bloß der
Fliegeidee, sondern auch der Mechanik als der unumgänglichen
Hülfswissenschaft neue Freunde geworben werden, indem der eine oder der
andere Leser die Anregung erhält, sich mit dem notwendigsten
Handwerkszeug des theoretischen Mechanikers vertraut zu machen, oder die
Erinnerung an alte Bekannte aus der Studienzeit wieder aufzufrischen.
Die Flugfrage muß doch nun einmal anders behandelt werden als andere
technische Themata. Sie nimmt eben, wie schon angedeutet, durch ihren
eigenartigen Interessentenkreis eine gesonderte Stellung ein. Dem
Geistlichen, dem Offizier, dem Arzt und Philologen, dem Landwirt wie dem
Kaufmann kommt es schwer in den Sinn, sich dem speziellen Studium etwa
der Dampfmaschinen, des Hüttenwesens oder der Spinnereitechnik zu
widmen; alle wissen, daß diese Fächer in guten Händen sind und
überlassen diese Sorgen vertrauensvoll den Fachleuten, aber in der
Flugtechnik finden wir sie alle wieder vertreten, darin möchte jeder
sich nützlich bethätigen und durch einen glücklichen Gedanken den
Zeitpunkt näher rücken, wo der Mensch zum freien Fluge befähigt wird.
Die Flugtechnik kann eben auch noch nicht als ein eigentliches Fach
angesehen werden, auch weist sie noch nicht jene Reihe von Vertretern
auf, der man mit einem gewissen Vertrauen entgegenkommen könnte. Es
liegt dies an der noch herrschenden Unsicherheit und in dem Mangel
jedweder Systematik; es fehlt der Flugtechnik die feste Grundlage, auf
welche sich unbedingt jeder stellen muß, der sich mit ihr beschäftigt.
Dieses Werk soll sich daher auch nicht nur an gewisse Fachkreise wenden,
sondern --
»An jeden, dem es eingeboren,
Daß sein Gefühl hinauf und vorwärts dringt,
Wenn über uns, im blauen Raum verloren,
Ihr schmetternd Lied die Lerche singt,
Wenn über schroffen Fichtenhöhen
Der Adler ausgebreitet schwebt,
Und über Flächen, über Seen
Der Kranich nach der Heimat strebt.«
Dieses als Erklärung dafür, daß unser Buch sich an _alle_ wendet, und
daß in den ersten Abschnitten der Versuch gemacht wird, das
Fliegeinteresse, welches jeder mitbringt, der dieses Buch überhaupt zur
Hand nimmt, in ein Interesse für diejenige Wissenschaft mit
hinüberzuspielen, ohne deren Verständnis der größte Teil jener hohen
Reize verloren geht, welche in der Beschäftigung mit dem Fliegeproblem
liegen.
Es ist dann in diesem Werke der trostlose Standpunkt gekennzeichnet, den
die Flugtechnik einnimmt, solange sie *nur ebene* Flugflächen in das
Bereich ihrer Betrachtungen zieht.
Es ist aber auch gezeigt, daß selbst in den Fällen, wo die Vorteile der
Flügelwölbung in den Hintergrund treten, wo also kein Vorwärtsfliegen in
der umgebenden Luft stattfindet, dennoch die Flugarbeit nicht nach der
gewöhnlichen Luftwiderstandsformel berechnet werden kann, sondern daß es
sich bei den Flügelschlägen um eine andere Art von Luftwiderstand
handelt, der schon bei viel geringeren Geschwindigkeiten die
erforderliche Größe erreicht, also auch ein niedrigeres Arbeitsmaß zu
seiner Überwindung benötigt.
Ich konnte sehr handgreifliche Versuche hierüber anführen, die außer
Zweifel lassen, daß die Schlagbewegungen einen Luftwiderstand geben, der
mit anderem Maße gemessen werden muß, als wenn eine Fläche sich mit
gleichmäßiger Geschwindigkeit im Beharrungszustande durch die Luft
bewegt.
Es wurde dann gezeigt, daß auch das Vorwärtsfliegen allein der Schlüssel
des Fliegeproblems nicht sein kann, solange hierfür nur ebene
Flügelflächen in Rechnung gezogen werden.
Endlich wurde an der Hand von Versuchsergebnissen der Nachweis zu führen
versucht, daß das eigentliche Geheimnis des Vogelfluges in der _Wölbung_
der Vogelflügel zu erblicken ist, durch welche der natürliche geringe
Kraftaufwand der Vögel beim Vorwärtsfliegen seine Erklärung findet, und
durch welche in Gemeinschaft mit den eigentümlichen hebenden
Windwirkungen das Segeln der Vögel überhaupt nur verstanden werden kann.
Alles dieses fanden wir am natürlichen Vogelfluge, alle diese
Eigenschaften der Form wie der Bewegungsart können wir aber niemals
hervorrufen, ohne uns direkt an den Vogelflug anzulehnen.
*Wir müssen daher den Schluß ziehen, daß die genaue Nachahmung des
Vogelfluges in Bezug auf die aerodynamischen Vorgänge einzig und allein
für einen rationellen Flug des Menschen verwendet werden kann, weil
dieses höchst wahrscheinlich die einzige Methode ist, welche ein freies,
schnelles und zugleich wenig Kraft erforderndes Fliegen gestattet.*
Vielleicht tragen die hier zum Ausdruck gelangten Gesichtspunkte dazu
bei, die Flugfrage auf eine andere Bahn und in ein festes Geleise zu
bringen, so daß die weitere Forschung ein Fundament gewinnt, auf dem ein
wirkliches System sich aufbauen läßt, durch welches die Erreichung des
erstrebten Endzieles möglich ist.
Der Grundgedanke des freien Fliegens, um den wir uns gar nicht mehr
streiten, ist doch einfach der, daß
»_der Vogel fliegt, weil er mit geeignet geformten Flügeln in
geeigneter Weise die ihn umgebende Luft bearbeitet_«.
Wie diese geeigneten Flügel beschaffen sein müssen, und wie solche
Flügel zu bewegen sind, das sind die beiden großen Fragen der
Flugtechnik.
Indem wir beobachten, wie die Natur diese Fragen gelöst hat, und indem
wir die ebene Flugfläche für den Flug größerer Wesen als ungeeignet
verwerfen, fühlen wir jenen Alp nach und nach verschwinden, der uns vor
der Beschaffung der zum Fliegen erforderlichen motorischen Kraft
zurückschrecken machte. Wir werden gewahr, wie durch den gewölbten
Naturflügel die Flugfrage sich ablöst von der reinen Kraftfrage und mehr
in eine Frage der Geschicklichkeit sich verwandelt.
In der Kraftfrage können Zahlen Halt gebieten, doch die Geschicklichkeit
ist unbegrenzt. Mit der Kraft stehen wir bald einmal vor ewigen
Unmöglichkeiten, mit der Geschicklichkeit aber nur vor zeitlichen
Schwierigkeiten.
Schauen wir auf zu der Möwe, welche drei Armlängen über unserem Haupte
fast regungslos im Winde schwebt! Die eben untergehende Sonne wirft den
Schlagschatten der Kante ihres Flügels auf die schwach gewölbte, sonst
hellgraue, jetzt rot vergoldete Unterfläche ihrer Schwingen. Die
leichten Flügeldrehungen erkennen wir an dem Schmaler- und Breiterwerden
dieses Schattens, der uns aber auch gleichzeitig eine Vorstellung giebt
von der Wölbung, die der Flügel hat, wenn die Möwe mit ihm auf der Luft
ruht.
_Dies_ ist der körperliche Flügel, den Goethe vermißte, als er den Faust
seufzen ließ:
»Ach, zu des Geistes Flügeln wird so leicht
Kein körperlicher Flügel sich gesellen!«
Ja, nicht so leicht wird es sein, diesen Naturflügel nun auch mit allen
seinen kraftsparenden Eigenschaften für den Menschen brauchbar
auszuführen, und wohl noch weniger leicht mag es sein, den Wind, diesen
unstäten Gesellen, der so gern die Früchte unseres Fleißes zerstört, mit
körperlichen Flügeln, die uns nicht angeboren sind, zu meistern. Aber
dennoch für möglich müssen wir es halten, daß uns die Forschung und die
Erfahrung, die sich an Erfahrung reiht, jenem großen Augenblick näher
bringt, wo der erste frei fliegende Mensch, und sei es nur für wenige
Sekunden, sich mit Hülfe von Flügeln von der Erde erhebt und jenen
geschichtlichen Zeitpunkt herbeiführt, den wir bezeichnen müssen als den
Anfang einer neuen Kulturepoche.
* * * * *
Druck von _Leonhard Simion_, Berlin SW.
[Illustration: Tafel I.]
[Illustration: Tafel II.]
[Illustration: Tafel III.]
[Illustration: Tafel IV.]
[Illustration: Tafel V.]
[Illustration: Tafel VI.]
[Illustration: Tafel VII.]
[Illustration: Tafel VIII.]