42. Schlußwort.

Werfen wir nun einen Rückblick auf das in diesem Werke zur Darstellung

Gebrachte, so heben sich darin eine Anzahl aus Versuchen hergeleiteter

Sätze ab, welche in direktem Zusammenhang mit der Beantwortung der

Flugfrage stehen, indem sie sich auf die einzelnen Faktoren beziehen,

aus denen die beim Fluge erforderliche Anstrengung sich zusammensetzt.

Die Einsicht von der Richtigkeit dieser Sätze erfordert nur ein

Verständnis der einfachsten Begriffe der Mechanik, wie es überhaupt ein

Vorzug der wichtigsten Momente der Fliegekunst ist, daß dieselben vom

mechanischen Standpunkte höchst einfacher Natur sind, und eigentlich nur

die Lehre vom Gleichgewicht und Parallelogramm der Kräfte zur Anwendung

kommt. Trotzdem liefert die flugtechnische Litteratur den Beweis, wie

außerordentlich leicht Irrtümer und Trugschlüsse in der mechanischen

Behandlung des Flugproblems sich einschleichen, und dies gab die

Veranlassung, hier so elementar wie nur irgend möglich die mechanischen

Vorgänge des Fluges zu zerlegen.

Wenn auf der einen Seite hierdurch die Diskussion über dieses immer noch

etwas heikle Thema wesentlich erleichtert wird, so hegt der Verfasser

andererseits auch noch die Hoffnung, daß dadurch nicht bloß der

Fliegeidee, sondern auch der Mechanik als der unumgänglichen

Hülfswissenschaft neue Freunde geworben werden, indem der eine oder der

andere Leser die Anregung erhält, sich mit dem notwendigsten

Handwerkszeug des theoretischen Mechanikers vertraut zu machen, oder die

Erinnerung an alte Bekannte aus der Studienzeit wieder aufzufrischen.

Die Flugfrage muß doch nun einmal anders behandelt werden als andere

technische Themata. Sie nimmt eben, wie schon angedeutet, durch ihren

eigenartigen Interessentenkreis eine gesonderte Stellung ein. Dem

Geistlichen, dem Offizier, dem Arzt und Philologen, dem Landwirt wie dem

Kaufmann kommt es schwer in den Sinn, sich dem speziellen Studium etwa

der Dampfmaschinen, des Hüttenwesens oder der Spinnereitechnik zu

widmen; alle wissen, daß diese Fächer in guten Händen sind und

überlassen diese Sorgen vertrauensvoll den Fachleuten, aber in der

Flugtechnik finden wir sie alle wieder vertreten, darin möchte jeder

sich nützlich bethätigen und durch einen glücklichen Gedanken den

Zeitpunkt näher rücken, wo der Mensch zum freien Fluge befähigt wird.

Die Flugtechnik kann eben auch noch nicht als ein eigentliches Fach

angesehen werden, auch weist sie noch nicht jene Reihe von Vertretern

auf, der man mit einem gewissen Vertrauen entgegenkommen könnte. Es

liegt dies an der noch herrschenden Unsicherheit und in dem Mangel

jedweder Systematik; es fehlt der Flugtechnik die feste Grundlage, auf

welche sich unbedingt jeder stellen muß, der sich mit ihr beschäftigt.

Dieses Werk soll sich daher auch nicht nur an gewisse Fachkreise wenden,

sondern --

»An jeden, dem es eingeboren,

Daß sein Gefühl hinauf und vorwärts dringt,

Wenn über uns, im blauen Raum verloren,

Ihr schmetternd Lied die Lerche singt,

Wenn über schroffen Fichtenhöhen

Der Adler ausgebreitet schwebt,

Und über Flächen, über Seen

Der Kranich nach der Heimat strebt.«

Dieses als Erklärung dafür, daß unser Buch sich an _alle_ wendet, und

daß in den ersten Abschnitten der Versuch gemacht wird, das

Fliegeinteresse, welches jeder mitbringt, der dieses Buch überhaupt zur

Hand nimmt, in ein Interesse für diejenige Wissenschaft mit

hinüberzuspielen, ohne deren Verständnis der größte Teil jener hohen

Reize verloren geht, welche in der Beschäftigung mit dem Fliegeproblem

liegen.

Es ist dann in diesem Werke der trostlose Standpunkt gekennzeichnet, den

die Flugtechnik einnimmt, solange sie *nur ebene* Flugflächen in das

Bereich ihrer Betrachtungen zieht.

Es ist aber auch gezeigt, daß selbst in den Fällen, wo die Vorteile der

Flügelwölbung in den Hintergrund treten, wo also kein Vorwärtsfliegen in

der umgebenden Luft stattfindet, dennoch die Flugarbeit nicht nach der

gewöhnlichen Luftwiderstandsformel berechnet werden kann, sondern daß es

sich bei den Flügelschlägen um eine andere Art von Luftwiderstand

handelt, der schon bei viel geringeren Geschwindigkeiten die

erforderliche Größe erreicht, also auch ein niedrigeres Arbeitsmaß zu

seiner Überwindung benötigt.

Ich konnte sehr handgreifliche Versuche hierüber anführen, die außer

Zweifel lassen, daß die Schlagbewegungen einen Luftwiderstand geben, der

mit anderem Maße gemessen werden muß, als wenn eine Fläche sich mit

gleichmäßiger Geschwindigkeit im Beharrungszustande durch die Luft

bewegt.

Es wurde dann gezeigt, daß auch das Vorwärtsfliegen allein der Schlüssel

des Fliegeproblems nicht sein kann, solange hierfür nur ebene

Flügelflächen in Rechnung gezogen werden.

Endlich wurde an der Hand von Versuchsergebnissen der Nachweis zu führen

versucht, daß das eigentliche Geheimnis des Vogelfluges in der _Wölbung_

der Vogelflügel zu erblicken ist, durch welche der natürliche geringe

Kraftaufwand der Vögel beim Vorwärtsfliegen seine Erklärung findet, und

durch welche in Gemeinschaft mit den eigentümlichen hebenden

Windwirkungen das Segeln der Vögel überhaupt nur verstanden werden kann.

Alles dieses fanden wir am natürlichen Vogelfluge, alle diese

Eigenschaften der Form wie der Bewegungsart können wir aber niemals

hervorrufen, ohne uns direkt an den Vogelflug anzulehnen.

*Wir müssen daher den Schluß ziehen, daß die genaue Nachahmung des

Vogelfluges in Bezug auf die aerodynamischen Vorgänge einzig und allein

für einen rationellen Flug des Menschen verwendet werden kann, weil

dieses höchst wahrscheinlich die einzige Methode ist, welche ein freies,

schnelles und zugleich wenig Kraft erforderndes Fliegen gestattet.*

Vielleicht tragen die hier zum Ausdruck gelangten Gesichtspunkte dazu

bei, die Flugfrage auf eine andere Bahn und in ein festes Geleise zu

bringen, so daß die weitere Forschung ein Fundament gewinnt, auf dem ein

wirkliches System sich aufbauen läßt, durch welches die Erreichung des

erstrebten Endzieles möglich ist.

Der Grundgedanke des freien Fliegens, um den wir uns gar nicht mehr

streiten, ist doch einfach der, daß

»_der Vogel fliegt, weil er mit geeignet geformten Flügeln in

geeigneter Weise die ihn umgebende Luft bearbeitet_«.

Wie diese geeigneten Flügel beschaffen sein müssen, und wie solche

Flügel zu bewegen sind, das sind die beiden großen Fragen der

Flugtechnik.

Indem wir beobachten, wie die Natur diese Fragen gelöst hat, und indem

wir die ebene Flugfläche für den Flug größerer Wesen als ungeeignet

verwerfen, fühlen wir jenen Alp nach und nach verschwinden, der uns vor

der Beschaffung der zum Fliegen erforderlichen motorischen Kraft

zurückschrecken machte. Wir werden gewahr, wie durch den gewölbten

Naturflügel die Flugfrage sich ablöst von der reinen Kraftfrage und mehr

in eine Frage der Geschicklichkeit sich verwandelt.

In der Kraftfrage können Zahlen Halt gebieten, doch die Geschicklichkeit

ist unbegrenzt. Mit der Kraft stehen wir bald einmal vor ewigen

Unmöglichkeiten, mit der Geschicklichkeit aber nur vor zeitlichen

Schwierigkeiten.

Schauen wir auf zu der Möwe, welche drei Armlängen über unserem Haupte

fast regungslos im Winde schwebt! Die eben untergehende Sonne wirft den

Schlagschatten der Kante ihres Flügels auf die schwach gewölbte, sonst

hellgraue, jetzt rot vergoldete Unterfläche ihrer Schwingen. Die

leichten Flügeldrehungen erkennen wir an dem Schmaler- und Breiterwerden

dieses Schattens, der uns aber auch gleichzeitig eine Vorstellung giebt

von der Wölbung, die der Flügel hat, wenn die Möwe mit ihm auf der Luft

ruht.

_Dies_ ist der körperliche Flügel, den Goethe vermißte, als er den Faust

seufzen ließ:

»Ach, zu des Geistes Flügeln wird so leicht

Kein körperlicher Flügel sich gesellen!«

Ja, nicht so leicht wird es sein, diesen Naturflügel nun auch mit allen

seinen kraftsparenden Eigenschaften für den Menschen brauchbar

auszuführen, und wohl noch weniger leicht mag es sein, den Wind, diesen

unstäten Gesellen, der so gern die Früchte unseres Fleißes zerstört, mit

körperlichen Flügeln, die uns nicht angeboren sind, zu meistern. Aber

dennoch für möglich müssen wir es halten, daß uns die Forschung und die

Erfahrung, die sich an Erfahrung reiht, jenem großen Augenblick näher

bringt, wo der erste frei fliegende Mensch, und sei es nur für wenige

Sekunden, sich mit Hülfe von Flügeln von der Erde erhebt und jenen

geschichtlichen Zeitpunkt herbeiführt, den wir bezeichnen müssen als den

Anfang einer neuen Kulturepoche.

* * * * *

Druck von _Leonhard Simion_, Berlin SW.

[Illustration: Tafel I.]

[Illustration: Tafel II.]

[Illustration: Tafel III.]

[Illustration: Tafel IV.]

[Illustration: Tafel V.]

[Illustration: Tafel VI.]

[Illustration: Tafel VII.]

[Illustration: Tafel VIII.]

Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst Ein Beitrag zur Systematik der Flugtechnik · 第 49 / 50 题