17. Kraftersparnis durch schnellere Flügelhebung.

Es ist nicht ohne Einfluß auf den zum Fliegen erforderlichen

Kraftaufwand, wie ein Vogel das Zeitverhältnis zwischen dem Auf- und

Niederschlag der Flügel einteilt.

Diese Zeiteinteilung hat Einwirkung auf die Größe des zur Hebung

erforderlichen Luftwiderstandes, also auf den Arbeitswiderstand und

dadurch wiederum auf die Flügelgeschwindigkeit. Beide werden um so

kleiner, je mehr von der vorhandenen Zeit auf den Niederschlag verwendet

wird, also je schneller der Aufschlag erfolgt. Da aber als Arbeit

erfordernd im wesentlichen nur die Zeit des Niederschlages zu

berücksichtigen ist, so nimmt das Pauschquantum der Flugarbeit

andererseits um so mehr ab, je weniger von der ganzen Flugzeit zum

Niederschlag dient.

Der geringste Arbeitswiderstand und die geringste absolute

Flügelgeschwindigkeit sind erforderlich, wenn die Flügelhebung ohne

Zeitaufwand vor sich gehen kann. Der hebende Luftwiderstand beim

Flügelniederschlag braucht dann nur gleich dem Vogelgewicht G sein,

dieser muß dann aber auch während der ganzen Flugdauer überwunden

werden, und die Geschwindigkeit des Luftwiderstandscentrums kommt für

die Berechnung der Arbeit ganz und voll in Betracht. Ist diese

Geschwindigkeit v, so hat man die Arbeit G × v, welche für die ferneren

Vergleiche mit A bezeichnet werden möge.

Wenn Auf- und Niederschlag der Flügel gleich schnell geschehen, müssen

die Flügel den Luftwiderstand 2G hervorrufen, aber sie wirken dafür nur

während der halben Flugzeit, weshalb diese beiden Faktoren für die

Arbeitsbestimmung sich heben. Um aber den Luftwiderstand 2G zu erzeugen,

muß die Flügelgeschwindigkeit um [sqrt]2 wachsen, und das vergrößert

auch die Arbeit auf [sqrt]2 × A = 1,41A.

Würde ein Vogel die Flügel schneller herunterschlagen als herauf, etwa

zweimal so schnell, so würde von der Zeit eines Doppelschlages 1/3 zum

Niederschlag und 2/3 zum Aufschlag verwendet werden.

Beim Niederschlag wirkt ein hebender Luftwiderstand L, vermindert um das

Vogelgewicht G, also L - G auf die Vogelmasse, und diese Kraft wirkt nur

halb so lange wie das Gewicht G beim Aufschlag.

Die Masse des Vogels steht also unter dem Einfluß zweier abwechselnd

wirkenden und entgegengesetzt gerichteten Kräfte, von denen die

niederdrückende Kraft doppelt so lange wirkt als die hebende.

Soll der Vogel gehoben bleiben, so muß sein Körper um einen Punkt auf

und nieder schwingen und diesen Punkt einmal steigend, einmal fallend

mit derselben Geschwindigkeit passieren. In dem Moment, wo dieser Punkt

passiert wird, setzen die wirksamen Kräfte abwechselnd ein, und die

summarische Ortsveränderung wird Null werden, wenn jede Kraft imstande

ist, die einmal aufwärts und das andere Mal abwärts gerichtete

Geschwindigkeit aufzuzehren und in ihr genaues Gegenteil umzuwandeln.

Dies kann aber nur eintreten, wenn die Kräfte Beschleunigungen

hervorrufen, welche umgekehrt proportional ihrer Wirkungsdauer sind,

oder wenn die Kräfte selbst sich umgekehrt zu einander verhalten wie die

Zeiten ihrer Wirkung.

In diesem Falle muß also die hebende Kraft L - G, welche während des

kurzen Niederschlages auftritt, doppelt so stark sein als das beim

Aufschlag allein auf den Vogel wirkende Eigengewicht G. Da mithin L - G

= 2G ist, so ergiebt sich L = 3G.

Die abwärts gerichtete Geschwindigkeit der Flügel muß daher [sqrt]3 mal

so groß sein, als wenn L = G wäre, wie bei solchen Fällen, wo die ganze

Flugzeit zu Niederschlägen ausgenützt werden kann. Die Arbeit

verursachende Geschwindigkeit wirkt hier aber nur in 1/3 der ganzen

Zeit, mithin treten zu der Arbeit A jetzt die Faktoren 3 × [sqrt]3 × 1/3

hinzu, was die Arbeit 1,73A giebt.

Man sieht hieraus, daß ein schnelles Herunterschlagen und langsames

Aufschlagen der Flügel mit Arbeitsverschwendung verbunden ist, und daß

die Flügel unnötig stark sein müssen, weil von größerer Kraft

beansprucht.

Nach Vorstehendem kann man nun leicht das allgemeine Gesetz für den

Einfluß der Zeiteinteilung zwischen Auf- und Niederschlag auf die

Flugarbeit ermitteln. Wenn die Niederschläge 1/n der Flugzeit

beanspruchen, so wird die Flugarbeit

A = n × [sqrt]n × 1/nA oder A = [sqrt]n × A.

Hiernach kann man nun für jede Größe von 1/n das Arbeitsverhältnis

berechnen.

Fig. 12 enthält die Faktoren von A für die verschiedenen Werte von 1/n

und den Verlauf einer Kurve, welche die Verhältnisse dieser Arbeiten zu

einander versinnbildlicht.

Man sieht, daß das so entwickelte Arbeitsverhältnis um so günstiger

wird, je mehr Zeit von der Flugdauer zum Niederschlagen der Flügel

verwendet wird oder je schneller die Flügel gehoben werden.

Zur Beurteilung der zum Fliegen erforderlichen Gesamtarbeit treten aber

noch andere Faktoren hinzu, welche auch berücksichtigt werden müssen, um

zu erkennen, welchen Einfluß die Zeiteinteilung für Auf- und

Niederschlagen der Flügel auf die Flugarbeit in Wirklichkeit hat.

Zunächst ist zu berücksichtigen, daß eine vorteilhafte Flügelhebung,

welche doch mit möglichst wenig Widerstand verbunden sein soll, nur

eintreten kann, wenn dieselbe nicht allzu rapide vor sich geht. Ferner

ist zu bedenken, daß die Arbeit zur Überwindung der Massenträgheit der

Flügel am geringsten ist, wenn Auf- und Niederschlag gleich schnell

erfolgen.

Diese beiden Faktoren vermehren also die zum Fliegen erforderliche

Anstrengung, wenn der Aufschlag der Flügel schneller erfolgt als der

Niederschlag. Immerhin ist aber anzunehmen, daß der Hauptfaktor der

Flugarbeit, die Anstrengung, welche der Luftwiderstand beim Niederschlag

verursacht, mehr berücksichtigt werden muß, und daß für die

Flügelsenkungen wenigstens etwas mehr als die halbe Flugzeit in Anspruch

genommen werden muß, wenn das Minimum der Flugarbeit sich einstellen

soll.

[Illustration: Fig. 12.]

Ein Wert von 1/n, welcher den Anforderungen am besten entsprechen

dürfte, wäre etwa gleich 0,6. Es würde dann die Zeit des Aufschlages zur

Zeit des Niederschlages sich verhalten wie 2:3. Die bei gleich schnellem

Heben und Senken der Flügel erforderliche Arbeit von 1,41A würde dadurch

auf 1,29A vermindert.

Wenn diese Kraftersparnis nun auch nicht sehr erheblich ist, so kann man

dennoch bei dem Fluge vieler Vögel bemerken, daß die Flügel schneller

gehoben als gesenkt werden. Alle größeren Vögel mit langsamerem

Flügelschlag zeigen diese Eigentümlichkeit. Besonders aber zeichnet sich

die Krähe dadurch aus, daß sie zuweilen sehr beträchtliche, auffallend

leicht erkennbare Beschleunigung der Flügelhebung gepaart mit langsamer

Flügelsenkung anwendet.

Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst Ein Beitrag zur Systematik der Flugtechnik · 第 24 / 50 题