6. Die Flügel als Hebel.

Ein auf- und niedergeschlagener Vogelflügel hat an allen Punkten

verschiedene Geschwindigkeiten. Nahe am Vogelkörper ist seine

Geschwindigkeit fast Null, sie nimmt zu bis zu den Spitzen. Der von den

einzelnen Flügelteilen erzeugte Luftwiderstand wird daher auch ein

verschiedener sein.

Während wir nun von der Gesamtgröße des Luftwiderstandes, der unter den

Vogelflügeln entsteht, wissen, daß dieselbe mindestens die Größe des

Vogelgewichtes haben muß, wissen wir zunächst nicht genauer, wie sich

der Luftwiderstand in seiner spezifischen Größe auf die einzelnen

Flügelpunkte verteilt, da allerhand Nebenumstände hierbei von Einfluß

sein können.

[Illustration: Fig. 1.]

Als Centrum des unter jedem Flügel, Fig. 1, wirkenden Luftwiderstandes

ist nun derjenige Punkt des Flügels anzusehen, an welchem der ganze

Luftwiderstand als Einzelkraft wirkend gedacht werden muß, um für den

Drehpunkt a des Flügels dasselbe Kraftmoment zu bilden, wie der in

Wirklichkeit auftretende ungleichmäßig verteilte, hebend wirkende

Luftwiderstand. Für den Drehpunkt a des Flügels ist l der Hebelarm des

Luftwiderstandes.

An diesem Centrum würde für den Vogel der Luftwiderstand fühlbar werden,

wenn der Vogelflügel ein vollkommen starres Organ, ein starrer Hebel

wäre, was er aber in der That nicht ist. Der Vogel würde in diesem

Centrum den eigentlichen Stützpunkt, auf dem er ruht, fühlen. Obwohl

dies nun wörtlich genommen nicht der Fall sein wird, so ergiebt sich

durch das Herunterschlagen der Flügel für den Vogel doch _dieselbe

Anstrengung_, als wenn er mit dem als _Hebel_ gedachten Flügel eine

Kraft überwinden müßte, welche gleich dem Luftwiderstand wäre und in

seinem Centrum angriffe.

Für die eigentliche Flügelgeschwindigkeit, welche für den Vogel in

betreff seiner Muskelthätigkeit fühlbar wird, haben wir mithin die

Geschwindigkeit desjenigen Flügelpunktes anzusehen, in welchem das

Centrum des unter seinem Flügel wirkenden Luftwiderstandes liegt. Für

die Beanspruchung des Flügels im Punkte a bildet P × l das Kraftmoment,

nach dem die Festigkeit der am meisten beanspruchten Flügelstelle zu

berechnen wäre.

Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst Ein Beitrag zur Systematik der Flugtechnik · 第 7 / 50 题