Die Nachbarinnen haben uns zum Thee geladen. -- Eine Schaar verblühter
Mädchen sitzt um den Tisch, auf den eine gehäkelte Decke gebreitet ist.
So zwischen dreißig und fünfzig Jahren -- Herbstzeitlosen; die meisten
sind recht häßlich. -- -- Sie schauen in das Leere, mit dem Blick des
Leides und der getäuschten Erwartung.
Sie trinken aus großen, altmodischen Schalen Thee. Wenn sie sich
bewegen, entströmt ihren Kleidern ein leiser Duft von Lavendel und
getrockneten Rosen.
Sie flüstern, leise, furchtsam.
Ein hageres Fräulein sitzt am Spinett und spielt eine wehmütige
Melodie. -- In Moll. Gedämpft. -- Die Tasten schäppern.
Laut wie gewöhnlich, schreiend fast, sprechen nur die Hausfrauen. Sie
haben möglichst grelle Kleider angelegt zum Empfang -- und Corona trägt
eine Art Sandalen; die Lederriemen sind aber nicht festgemacht, sondern
sie schleifen nach, und die metallenen Schnallen erzeugen einen Lärm
wie Sporengerassel, wenn sie geht.
Keine hat einen Beruf. Es sind verfehlte Existenzen.
Entsetzlich.
Dann fuhren wir in’s Concert.
Das war schön.
Zuerst sang ein Österreicher -- ein gewisser Link -- von dem wir bis
dahin nie etwas gehört haben. Nun ja, Niemand ist Prophet in seinem
Vaterland. Der Mann verdient es, daß man ihm einige Aufmerksamkeit
schenkt.
Sein Lied „Der Abendfriede“, mutet an wie ein Stimmungsbild vor
Sonnenuntergang. Wie es mich ergriffen hat in seiner Zartheit und
Farbenpracht! Man atmet förmlich den Duft dieser stillen Landschaft
ein, den tiefen Frieden der Natur. Ein Schlummerlied, so leise und so
weich.
Und die närrischen Leute applaudierten; ich hätt’ es nicht vermocht.
Das höchste Glück, der größte Schmerz, -- leidenschaftliche Liebe,
tötlicher Haß, kurz alle auf’s Höchste getriebenen Sensationen
erfordern Schweigen. -- Das ist eventuell noch eine Steigerung.
Man soll den Zauber auf sich wirken lassen, still, hingebungsvoll,
entzückt.
Und dann das Brahm’sche: „Wie bist Du meine Königin.“ -- Wonnevoll,
wonne -- wonnevoll. Wie ich dieses Lied liebe!