In meinem Innern gieng etwas Seltsames vor. Diese Musik hatte ungeahnte
Tiefen in meiner Seele aufgewühlt, Schätze zu Tage gefördert, die
im Grunde schlummerten. Die starren Bande, die Fesseln meiner
Phantasie sind gelöst; ein Wunderland, ein prächtiges Bild nach dem
andern entrollt sich vor meinem schönheitsdürstenden Auge. Eine Art
Trunkenheit überkommt und entrückt mich in weltferne Regionen.
Das haben die Töne bewirkt, diese Fülle von Wohllaut, die meine Sinne
umschmeichelten, -- die einzelnen schrillen, wilden Klänge dazwischen,
die sich wie scharfe Krallen in mein Herz verfiengen, es umklammerten
-- und zerfleischten.
Tomagno sang noch italienisch das „~Vieni a l’amore~.“ Das ist ein
Künstler von Gottes Gnaden.
Ich schwelgte in den süßen Melodien -- ich habe diesen Abend doppelt
genossen, weil ich Egon in der Nähe wußte. Nach den musikalischen
Vorträgen bat er mich, mich in den Wintergarten führen zu dürfen. Es
ist ein Bau mit Säulen -- im antiken Stil. Die Luft war schwer vom
Dufte der Orangen und Tuberrosen. --
Wir standen uns gegenüber -- allein.
Ich hatte den Kopf an eine der Säulen gelehnt und wartete, daß er
spreche, irgend etwas sage, etwas Gleichgültiges.
„Sie passen hier herein. Wenden Sie den Kopf etwas zur Seite. -- Ja
so -- -- ich habe einmal eine Kamee gesehen -- die trug Ihre Züge --
nur weniger seelenvoll. Und gerade die Seele ist der Hauptreiz in
einem Gesicht, die Seele ist das, was uns so mächtig anzieht, uns
niederzwingt auf die Knie. Und darum“ -- -- -- Einige lustwandelnde
Paare kamen in unseren Bereich und maßen uns mit erstaunten Blicken:
„~Elle a de la chance, cette petite autrichienne~“, hörte ich eine Dame
sagen -- -- sein Satz blieb unvollendet.
Wir giengen bald.
Ach wenn ich wüßte! Was gäbe ich darum.
Mich selber, ganz und gar.
Und immer wieder hör’ ich das „wonne -- wonnevoll“, zuerst laut, dann
immer leiser, -- schwächer -- ersterbend.
* * * * *
Am 16. Juni.
Einmal wollte ich Venedig sehen -- bei Nacht. Wir fuhren den Canal
grande entlang. Es war, als hätte eine schöne Frau ihr herrlichstes
Geschmeide angetan, ihr bestrickendstes Lächeln angenommen, um die
Schar ihrer Verehrer zu blenden.
Geisterhaft bleich ragen die Palazzis zum Himmel und die Sterne
durchfurchen ihn wie feurige Garben. Die bunten Papierlampions
schaukeln hin und her im Abendwind.
Musik. Wir folgten in der Richtung, aus der die Töne drangen. --
Anfänglich waren sie leise wie ein Flüstern, das Kosen des Zephirs in
blütenbeschneiten Bäumen, plötzlich anschwellend, rauschend, brausend
wie der Föhn, wenn sein glühender Hauch die Lawinen von den Bergen
wälzt und talwärts schleudert.
Es war versengendes Feuer, das diesen Kehlen entströmte: eine
unbeschreiblich ergreifende Melodie, die weithin zitterte über die
stille Flut.
Da waren mit einemmale die trüben Bilder vergessen: ein warmes
Glücksgefühl kam über mich. Ich faltete stumm die Hände und: „Liebe --
Liebe“ -- durchbebte es mich.
* * * * *
Am 17. Juni.
Laß mich vor Dir knien, laß’ mich die Arme um Dich schlingen und den
Kopf an Deine Brust legen.
Denn ich gehöre Dir. Ich bin Dein Eigen mit Leib und Seele: mein ganzes
Wesen drängt sich Dir zu, Du Unvergleichlicher.
Du hast mein Herz versengt. Deine Ketten sind weich und Dein Dienst ist
wonnevoll.
Ach Gott, wie ich ihn liebe!
Wenn sie mich zum Schaffote führten, in seinem Auftrag, weil er es
wollte, ich gienge frohen Sinnes, -- in einer Art Hypnose. Mit ihm
leben -- für ihn sterben -- Andres gibt es nicht für mich. Ohne ihn
kann ich nicht sein: ich bedarf seiner wie des Atems.