9. Juni.

Der Ostwind. Wie er sägt an meinen Nerven! Heut’ bin ich elend. Von

Minute zu Minute ändern sich meine Stimmungen. Mein ganzes Wesen ist

in Aufruhr. Siedend heiß jagt mir das Blut zu Kopfe. Alles Denken

und Fühlen ist zu höchster Intensivität gesteigert. Ein Chaos, eine

glühendrote Finsternis, ein Hämmern, ein Pochen zum Verrücktwerden. Der

Atem geht mir aus, ich meine zu ersticken -- dann wieder schüttelt’s

mich vor Kälte, als ob ich Fieber hätte. -- -- Eine Unruhe, ein

Bedürfnis zu gehen, mich zu bewegen! Wie wenn der Tod schon seine

eisige Hand auf’s Herz legt und die Füße noch tanzen möchten -- nur ein

einziges Mal noch -- bis -- sie -- erstarren.

Gleich darauf wird es still, unheimlich still in mir. Mir ist’s, als

sei ich mir eine Fremde und nur zu Gast auf dieser Erde. Mir graut --

denn was ich ahne, ist mein anderes Ich -- mein Doppelgänger.

Die düsteren Phantasien weichen einer großen Abgespanntheit. -- Ich

fühle mich müde wie ein geprügelter Hund, unfähig, einen klaren

Gedanken zu fassen. ~Saison morte~ im Kopfe.

O, er hatte Recht. -- -- Mit welcher Gier ich meine Sensationen

zergliedere. -- -- Ich war also nur scheintot gewesen, ich hatte mich

für abgestumpft gehalten. -- Zum Lachen. Mich nie anders gesehen wie

als Matrone, etwas gebeugt, auf einen Stock gestützt, mit weißen

Scheiteln und einem Spitzentuch darauf. -- Und „Tante Mimi“ haben sie

mich genannt, nie anders als „Tante Mimi“. --

Das hatte ich wirklich geglaubt, ich, mit meiner Eindrucksfähigkeit?

Mein Ohr hört Töne, und ich sehe Farben, die es in Wirklichkeit nicht

gibt. Nuancen und Abstufungen, die man nicht festhalten kann, weil sie

zerflattern, verschwinden, wie jene Blumen auf den Wiesen, die der

leiseste Hauch hinwegfegt.

Warum bin ich auch hingegangen zu den lebendig Toten? Man hatte mich

gewarnt. Nun wollen sie mir nicht aus dem Sinn, die armen Irren von San

Clemente.

Wie ihr starrer Blick zu fragen schien: „Wer bist Du, und was willst

Du?“ -- -- Doch nein, ihnen ist’s ja einerlei. Sie fragen nicht, sie

wissen nichts. Was sie zu Menschen machte, das existiert nicht mehr.

Ich ließ mich überall herumführen. Hinter einem eisernen Gitter hält

eine Frau mit wildem Pathos einen Vortrag: „Ich bin eine Königstochter

und mit dem Prinzen Ottavio verlobt. Ich hab’ ein Riesenschloß und

Diener und viel, viel Geld in großen Kisten. Wollt Ihr welches? -- Da.“

Und sie macht die Bewegung des Ausstreuens.

Eine Greisin kauert mit blöder Miene auf dem Boden und macht

ununterbrochen das Kreuzzeichen, klopft an ihre Brust und ruft: „Geh’,

geh’ hinweg“. Dann verbirgt sie das Gesicht in den Händen, weil sie

meint, den Teufel gesehen zu haben.

Der Krankensaal ist bis auf’s letzte Plätzchen angefüllt. Ein junges,

schönes Mädchen ist darunter. -- Sie dauert mich besonders. Weshalb? --

Auch eine der unwillkürlichen Ungerechtigkeiten, daß wir mit schönen

Menschen am meisten Mitleid haben.

In einer Einzelzelle sitzt eine Frau mit gefesselten Füßen auf dem

Bett. Sie hält den Kopf gesenkt und scheint mit Jemand zu flüstern,

während sie in den Händen unablässig ein schellenartiges Spielzeug

dreht. Sie singt dazu mit klagender Stimme ein Lied. Die Wärterin

streicht ihr das Haar aus der Stirne und frägt sie etwas. „Ma no, ma

no“ erwidert sie beharrlich.

„Die Arme!“ Und die Wärterin erzählte uns, daß sie früher ganz normal

war, bis die Eltern sie zu einer verhaßten Ehe zwangen. Seit dieser

Zeit war die Schwermut über sie gekommen.

Mir wird unheimlich. Es drängt mich hinaus aus diesem düstern Kerker,

hinaus in die freie Natur. Dort wird mir leichter und ich frage mich,

ob sie, die nichts empfinden, nicht vielleicht besser daran sind,

als wir, die wir uns jeden Genuß verbittern und die, wenn wirkliches

Leid über uns hereinbricht, so furchtbar schwer daran tragen. Das

Gute, das uns widerfährt, betrachten wir als einen, uns von der Natur

geschuldeten Tribut, das Böse als ungerechtfertigte Insulte. -- Wir

lehnen uns auf, wir ringen uns die Hände wund, wir verzweifeln an

unserer Ohnmacht, wir leiden -- leiden.

Die Sonne brennt mit versengender Glut und scheint mit den kühlen

goldigblauen Wellen zu kämpfen. Weiße Möven schießen pfeilschnell über

den Spiegel dahin -- von Weitem könnt’ man sie für Wasserrosen halten.

Scharenweise haben sich die müden Arbeiter am Ufer dahingestreckt, um

ihre Polenta zu verzehren, oder Siesta zu halten. Bloßfüßige Männer

waten bis über den Knöcheln im weichen Sand, um nachzusehen, was ihnen

die Flut bescheert. Und jedesmal, wenn sie statt einer Muschel eine

Krabbe erwischen, werfen sie mit verächtlicher Miene das Ding in das

Meer zurück, wo es lustig weiterzappelt.

Ein freundliches, sonniges Bild. Ich aber kann das frühere nicht

vergessen: das Dunkle verblaßt langsamer als das Helle.

Auf dem Lido bin ich ausgestiegen. Ich suchte ein einsames Plätzchen

auf und starrte vor mich hin.

„Signorina -- Sie hier?“ -- und der kleine Spanier stand vor mir.

Wie es Licht geworden! · 第 16 / 21 题