„Sie haben mir wohl getan. So wohl.“
Der Garten, in dem wir wandelten, mit seinen dunklen Laubgängen, mit
den plätschernden Fontänen, mit dem Dufte der Magnolien schien mir
plötzlich so wundervoll. Der ganze Zauber des Südens stürmte auf mich
ein, atemraubend überwältigend.
Wir näherten uns einer Gruppe von spielenden Kindern. Ein etwa
eilfjähriger Knabe schien seinen Kameraden etwas zu zeigen, was sie
offenbar sehr interessierte, denn sie reckten die Hälser und verwandten
keinen Blick von ihm. Jetzt sahen auch wir es. Das kleine Monstre
hatte ein junges Vöglein in der Hand, das hilflos zappelte, denn es
hatte die Füße mit einem Schnürchen zusammengebunden: die Federn waren
ihm teilweise ausgerupft und aus den Augenhöhlen träufelte Blut. Mir
wurde ganz schwindlig bei dem Anblick. Egon war feuerrot geworden: die
Stirnader trat hervor und die sanften Augen sprühten Zornesblitze.
Er sagte kein Wort, sondern trat auf den Missetäter zu, riß ihm das
zuckende Tier aus der Hand und versetzte ihm einen so heftigen Schlag,
daß er taumelte. Aber gleich darauf hörten wir ihn höhnisch lachen.
Egon atmete tief auf: „Es war eigentlich unerlaubt -- aber ich konnte
mich nicht zurückhalten. Wenn ich sehe, wie man ein armes wehrloses
Geschöpf mutwillig quält, bin ich nicht Herr meiner selbst. -- -- --
-- So etwas entmutigt mich auf Tage hinaus, es erregt mich so, daß
ich nicht einmal schreiben kann. Alle Worte, die derbsten Ausdrücke
sind mir noch zu gering. -- Es ist ein so weiter Weg, den der Gedanke
zurücklegt vom Augenblicke, da wir ihn empfangen, bis zu jenem, da
wir ihn zu Papier bringen. -- -- Er verblaßt uns unter der Feder, was
als Flamme aufgelodert im Gehirn, das ist nur mehr verlöschende Glut,
sobald wir es niedergeschrieben.
Man möchte ja helfen -- ach Gott, wie gerne -- -- -- aber die
Verzagtheit drückt uns zu Boden. Keine andere Waffe zu haben gegen so
viel Roheit als diese Hände und den guten Willen. -- -- Nicht an die
eigene Kraft glauben, an sich selbst verzweifeln. -- Das Martyrium
des Zweifels, der aufreibende Zwiespalt zwischen Riesenwollen und
Zwergkönnen. Es ist eine Qual.“
So hatte er noch nie zu mir gesprochen: es war als fühle er das
Bedürfnis aus sich herauszutreten, einer teilnehmenden Seele sein „Ich“
zu enthüllen.
„Ich bin sicher, Sie werden es zu Stande bringen.“
„Sie glauben wirklich?“ -- Er sagte es ganz freudig, „Ach, wenn
Sie recht behielten. -- Bisweilen denke ich ja selbst: Es muß mir
gelingen. Ein Schrei, der aus dem innersten Herzen kommt, muß der
nicht widerhallen in den Anderen, sie bewegen, erschüttern? In solchen
Momenten bin ich voll Zuversicht. Meine Arbeit scheint mir ein
Kinderspiel -- was ich sage, kommt mir so eindringlich, so überzeugend
vor. Das ist dann Seligkeit.“
Darum also nennen sie ihn einen „seltsamen Kauz?“ -- Sie haben nicht so
Unrecht -- wie wollen „Die“ ihn verstehen! -- Diese heiße Dichternatur
mit ihren 1000 Nuancen, mit dem ewig wechselten Colorit, so tief, wie
das Meer, so schillernd wie das Gefieder der kleinen Colibris in den
Tropen, so fascinierend für den, der sie erfaßt, wie die Musik des
Südens.
„Ja, ich gestehe“, fuhr er nach einer Pause fort, „daß ich etwas
wie Neid fühle gegen die Menschen mit beschränktem Horizonte. Sie
sind relativ glücklicher als wir, die der Drang erfüllt, nach
Neuem, Gewaltigem, nach himmelhohen Zielen. Sie gleichen stillen,
durchsichtigen Wässern, ohne brausende Wogen -- denn sie sind seicht.
Niemals treten große Entschlüsse, mächtige Leidenschaften an sie heran,
oder sie ziehen vorüber, ohne sie zu berühren. Sie stehen auch nie
auf schwindelerregender Höhe, und wenn sie fallen, wird ihr Sturz ein
sanfter sein. -- -- Freilich -- es entgeht ihnen auch viel Schönes.
Ein reicher Teil ihres „Ich“ bleibt ihnen verborgen -- sie ahnen nicht
einmal die eigene Genußfähigkeit. Niedere Gewächse, die im Schatten
auf der Erde weiterkriechen, ohne glühende Farben, ohne berauschenden
Duft. Kein Sonnenstrahl zieht sie zu sich empor: sie wissen nicht, wie
lieblich der blaue Himmel ist, wie berückend der schwüle Sommer.“
Er ist ein Adler, die Anderen sind Schnecken. Ihn tragen seine Flügel
weit -- -- wenn ich ihm folgen könnte!
Und wie richtig er die modernen Menschen definiert hat. -- Ein
Bekannter schrieb ihm einmal: „Ich kann das Gefühl nicht los werden,
daß Einer hinter mir dreinjagt auf feurigem Rosse. Ich höre ihn atmen
-- er kommt immer näher mit rasender Geschwindigkeit, und da laufe und
laufe ich, solange mich meine Füße tragen.“ -- Und an dieses Gleichnis
hat er angeknüpft: „Ja, es ist wahr, man möchte zehn Dinge auf einmal
erledigen -- die Tageszeit verdoppeln. Es gäbe so unendlich viel zu
tun gerade in unserem Jahrhundert, dessen charakteristisches Merkmal
ein ununterbrochenes Hasten und Drängen ist. Diese ewig vibrierenden
Nerven, dieses heiße Streben, diese wechselnden Stimmungen, bald
zuversichtlich zum Aufjauchzen, bald verzagt bis zur Verzweiflung.
Selten ein Augenblick wirklicher Ruhe, inneren Gleichgewichts. Leben
wir denn jemals in der Gegenwart? Unser Geist eilt stets voran,
der Zukunft entgegen, schwingt sich in lichte Sonnenhöhen. -- In
unsren Träumen Götter, und beim Erwachen -- Menschen, Spielball des
Schicksals, so armselig und so nichtig. -- Dann machen wir uns mit
einer Art Galgenhumor daran, das eigene Ich zu analysieren; mit dem
Blicke des unparteiischen Kritikers die verborgensten Winkel unsrer
Seele zu durchstöbern, und was wir mit dem freien Auge nicht sehen, das
entdecken wir sicher durch das Mikroskop. -- Wir quälen uns unbewußt --
auch das hat seinen herben Reiz: es ist die Lust der Qual.
Wenn wir dann erschöpft mit heißem, schmerzenden Kopfe innehalten, wenn
die Reaktion eintritt, die betäubende Ermattung, dann fragen wir uns:
„Wozu dies Alles?“ -- Für die Überreiztheit, für die Compliciertheit
des heutigen Geschlechtes fehlt uns der richtige Ausdruck.“
Stundenlang könnt’ ich ihm zuhören, wenn er spricht. Alles, was er
sagt, hat ein eigenes Interesse für mich, und dann schmeichelt es auch
meiner weiblichen Eitelkeit, daß er sich so ausschließlich mit mir
befaßt.
Die jungen Damen warfen mir zuerst mißgünstige Blicke zu, dann änderten
sie plötzlich ihr Benehmen. Sie machen mir jetzt Avancen, besuchen
mich, laden mich ein und lassen so ganz obenhin die Bemerkung fallen,
ob denn Graf Deuchtestum nirgends hingehe, weil man ihn nie zu sehen
bekommt in der Gesellschaft.
Wenn sie wüßten, wie nutzlos ihre Bemühungen sind. -- Die
Schablonensoiréen sind ihm ein Gräuel, er hat es mir offen gestanden.
„Früher, als ich noch in den Salons verkehrte, hab’ ich keine
Befriedigung gefunden. Was wollen denn die Menschen? Diese Frage
drängte sich mir stets von Neuem auf. -- -- Die Zeit totschlagen
-- sie mit Banalitäten, mit hohlen Phrasen ausfüllen? Stundenlang
nebeneinander sitzen, ohne sich etwas zu sagen zu haben. Oder ist’s
nicht so? Es kommt mir ungefähr vor, als stellte ich mich vor den
Spiegel, um die Cravatte gerade zu schieben, während das Haus in
Flammen steht. Ich bringe das nicht fertig. Und Sie -- Sie können sich
auch unmöglich unterhalten. -- Weil Sie so grundverschieden sind -- von
den Andern.“
„Gute Nacht.“
Das klang so aufgeregt und hastig -- -- und er drückte mir die Hand so
heftig, daß mir’s wehe tat.
Es ist spät. Ich will mich niederlegen. Schlaf aber verspür’ ich keinen.
Die Sterne blinken goldig. Es war ein lila Stern, dann glühendrot. --
Es regt sich nichts -- -- weil Alles ruht. -- -- Ruht wirklich Alles?
-- Gute Nacht, Egon Deuchtestum -- -- gute Nacht.
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