Aus welchem Anlaß er Socialist geworden. Ob er den Standpunkt, den er
heute vertritt, seit jeher eingenommen, oder ob ihm die Gegensätze
früher als etwas Selbstverständliches erschienen waren? Das Alles hab’
ich Egon Deuchtestum gefragt.
„Mein Vater“ -- und in diesem Worte lag große Zärtlichkeit -- „hat
mich in den Principien der Nächstenliebe und Gerechtigkeit aufgezogen.
So viel ich mich erinnere, war es mir als Kind Bedürfnis, den Armen
zu geben. Damals hab’ ich’s instinktiv getan -- später aus Gewohnheit
und weil es mir wirklich Freude machte. -- Dabei aber ließ ich mir
nichts abgehen, legte mir keinerlei Entbehrung auf. -- -- Ich sollte
mein Freiwilligenjahr absolvieren und meine neuen Kameraden forderten
mich auf, an einem Bankett, das sie veranstalteten, teilzunehmen. Ich
gieng. Am Sylvesterabend war’s. Ein Wetter, daß man keinen Hund hätt’
auf die Gasse jagen mögen. Drin im Restaurant war’s behaglich warm;
eine elegante Gesellschaft füllte den Raum; Alles war lustig, guter
Dinge. Unser Tisch stand knapp am Fenster -- -- wir ließen es uns
gut sein, plauderten, aßen die besten und seltensten Dinge, tranken
Punsch und dann kam der Champagner an die Reihe. Ich war nie ein Freund
solcher Gelage gewesen und auch diesmal nur gekommen, um nicht als
Spaßverderber zu gelten.
Schon stand eine ganze Batterie geleerter Flaschen auf dem Tisch --
der gewöhnliche Grad der Gemütlichkeit war überschritten. Und da kein
irgendwie fesselndes Thema berührt wurde, hieng ich meinen eigenen
Gedanken nach -- und sah unwillkürlich durch das Fenster. -- Gerade
gegenüber war eine Delikatessenhandlung. Ein ärmlich gekleideter
Mann stand davor und studierte die ausgestellten Leckerbissen.
Die Züge vermochte ich nicht deutlich zu unterscheiden. Ein paar
Minuten später trat er in unser Restaurant. -- Zaghaft, mit einem so
flehenden Ausdruck, den ich nie vergessen werde, näherte er sich einer
Gesellschaft. Ein paar geputzte Damen rückten ihre Stühle beiseite und
eine hielt ihr Taschentuch an die Nase: „Puh, dieser Geruch!“ Und ein
dicker Herr rief den Kellner: „Was will der Mann hier? -- Sorgen Sie
dafür, daß die Besucher nicht durch solches Gesindel belästigt werden.“
„Herr, ein krankes -- --“
„Nichts da -- packen Sie sich fort, sonst hole ich den Wachmann“, und
der Kellner drängte ihn zur Tür. -- -- Er wankte mehr, als er gieng.
Dann ballte er die Faust -- wie man es tut, wenn man einen Fluch
ausstößt.
Der ganze Auftritt hatte keine fünf Minuten gedauert. -- Hatte mich nun
der Champagner gelähmt, mich eingeschläfert -- ich verfolgte die Scene
mit dem Blick des gleichgültigen Zuschauers. Erst als mein Nachbar sich
über den „unverschämten Kerl“ beklagte, kam ich zu mir.
Ich nahm mir kaum Zeit, in meinen Mantel zu schlüpfen -- ich eilte
hinaus, dem Verjagten nach. -- Seine Hand hab’ ich genommen und ihm
Abbitte geleistet. -- In seine elende Kammer bin ich ihm gefolgt; sein
Weib und seine vier Kinder waren blau vor Kälte. Auf einem Strohlager
lag das Jüngste -- tot. Es war gestorben in seiner Abwesenheit. -- Da
hat sich der Mann über die kleine Leiche geworfen und Dinge gebrüllt,
die mir durch Mark und Bein drangen. -- --
„Gelt, daß die Reichen sich überfressen können, muß Unsereins arbeiten
wie a Viech. -- -- Wir verdienen’s und sie verprassen’s. Von Mitleid
keine Spur -- drum hast krepieren müssen, armes Hascherl -- -- kein’
Doktor hab’n mehr zahlen können, und jetzt is aus. -- Wahrli, man
dürft’ keine Kinder haben, ’s wär’ besser für die Würmer -- so an Luxus
kann sich nur a Reicher gestatten. -- Besser war’s, wann das ganze
G’schlecht aussterbert -- sollen sich dann selbst helfen, die nobligen
Leut’.“
Lang hat’s gedauert, bis er zur Ruhe kam. -- -- Und ich stand da -- und
schämte mich -- im Namen meiner Genossen. Es schlug Mitternacht, das
neue Jahr hielt seinen Einzug. -- Da hab’ ich es dem Manne gelobt in
seine rauhe Hand: „Ich will für Euch kämpfen -- -- meine Kraft, mein
Streben weih’ ich von dieser Stunde an den Unterdrückten.“
„Ich --“ -- weiter kam ich nicht -- Tränen erstickten meine Stimme und
noch jetzt, wenn ich daran denke, zittert mir die Feder in der Hand. --
-- Danken wollt’ ich ihm, ihm sagen, wie gut das gewesen, und habe doch
kein Wort hervorgebracht. Aber meine Tränen haben mich verraten, die
sind mir unaufhaltsam herabgerollt.