5. Juni.

Aus welchem Anlaß er Socialist geworden. Ob er den Standpunkt, den er

heute vertritt, seit jeher eingenommen, oder ob ihm die Gegensätze

früher als etwas Selbstverständliches erschienen waren? Das Alles hab’

ich Egon Deuchtestum gefragt.

„Mein Vater“ -- und in diesem Worte lag große Zärtlichkeit -- „hat

mich in den Principien der Nächstenliebe und Gerechtigkeit aufgezogen.

So viel ich mich erinnere, war es mir als Kind Bedürfnis, den Armen

zu geben. Damals hab’ ich’s instinktiv getan -- später aus Gewohnheit

und weil es mir wirklich Freude machte. -- Dabei aber ließ ich mir

nichts abgehen, legte mir keinerlei Entbehrung auf. -- -- Ich sollte

mein Freiwilligenjahr absolvieren und meine neuen Kameraden forderten

mich auf, an einem Bankett, das sie veranstalteten, teilzunehmen. Ich

gieng. Am Sylvesterabend war’s. Ein Wetter, daß man keinen Hund hätt’

auf die Gasse jagen mögen. Drin im Restaurant war’s behaglich warm;

eine elegante Gesellschaft füllte den Raum; Alles war lustig, guter

Dinge. Unser Tisch stand knapp am Fenster -- -- wir ließen es uns

gut sein, plauderten, aßen die besten und seltensten Dinge, tranken

Punsch und dann kam der Champagner an die Reihe. Ich war nie ein Freund

solcher Gelage gewesen und auch diesmal nur gekommen, um nicht als

Spaßverderber zu gelten.

Schon stand eine ganze Batterie geleerter Flaschen auf dem Tisch --

der gewöhnliche Grad der Gemütlichkeit war überschritten. Und da kein

irgendwie fesselndes Thema berührt wurde, hieng ich meinen eigenen

Gedanken nach -- und sah unwillkürlich durch das Fenster. -- Gerade

gegenüber war eine Delikatessenhandlung. Ein ärmlich gekleideter

Mann stand davor und studierte die ausgestellten Leckerbissen.

Die Züge vermochte ich nicht deutlich zu unterscheiden. Ein paar

Minuten später trat er in unser Restaurant. -- Zaghaft, mit einem so

flehenden Ausdruck, den ich nie vergessen werde, näherte er sich einer

Gesellschaft. Ein paar geputzte Damen rückten ihre Stühle beiseite und

eine hielt ihr Taschentuch an die Nase: „Puh, dieser Geruch!“ Und ein

dicker Herr rief den Kellner: „Was will der Mann hier? -- Sorgen Sie

dafür, daß die Besucher nicht durch solches Gesindel belästigt werden.“

„Herr, ein krankes -- --“

„Nichts da -- packen Sie sich fort, sonst hole ich den Wachmann“, und

der Kellner drängte ihn zur Tür. -- -- Er wankte mehr, als er gieng.

Dann ballte er die Faust -- wie man es tut, wenn man einen Fluch

ausstößt.

Der ganze Auftritt hatte keine fünf Minuten gedauert. -- Hatte mich nun

der Champagner gelähmt, mich eingeschläfert -- ich verfolgte die Scene

mit dem Blick des gleichgültigen Zuschauers. Erst als mein Nachbar sich

über den „unverschämten Kerl“ beklagte, kam ich zu mir.

Ich nahm mir kaum Zeit, in meinen Mantel zu schlüpfen -- ich eilte

hinaus, dem Verjagten nach. -- Seine Hand hab’ ich genommen und ihm

Abbitte geleistet. -- In seine elende Kammer bin ich ihm gefolgt; sein

Weib und seine vier Kinder waren blau vor Kälte. Auf einem Strohlager

lag das Jüngste -- tot. Es war gestorben in seiner Abwesenheit. -- Da

hat sich der Mann über die kleine Leiche geworfen und Dinge gebrüllt,

die mir durch Mark und Bein drangen. -- --

„Gelt, daß die Reichen sich überfressen können, muß Unsereins arbeiten

wie a Viech. -- -- Wir verdienen’s und sie verprassen’s. Von Mitleid

keine Spur -- drum hast krepieren müssen, armes Hascherl -- -- kein’

Doktor hab’n mehr zahlen können, und jetzt is aus. -- Wahrli, man

dürft’ keine Kinder haben, ’s wär’ besser für die Würmer -- so an Luxus

kann sich nur a Reicher gestatten. -- Besser war’s, wann das ganze

G’schlecht aussterbert -- sollen sich dann selbst helfen, die nobligen

Leut’.“

Lang hat’s gedauert, bis er zur Ruhe kam. -- -- Und ich stand da -- und

schämte mich -- im Namen meiner Genossen. Es schlug Mitternacht, das

neue Jahr hielt seinen Einzug. -- Da hab’ ich es dem Manne gelobt in

seine rauhe Hand: „Ich will für Euch kämpfen -- -- meine Kraft, mein

Streben weih’ ich von dieser Stunde an den Unterdrückten.“

„Ich --“ -- weiter kam ich nicht -- Tränen erstickten meine Stimme und

noch jetzt, wenn ich daran denke, zittert mir die Feder in der Hand. --

-- Danken wollt’ ich ihm, ihm sagen, wie gut das gewesen, und habe doch

kein Wort hervorgebracht. Aber meine Tränen haben mich verraten, die

sind mir unaufhaltsam herabgerollt.

Wie es Licht geworden! · 第 14 / 21 题