„Rosen, Tulpen, Nelken, alle diese Blumen welken,
Stahl und Eisen bricht, doch unsere Liebe endet, so hofe ich, nicht.
Sie sind mein einziger Trost, bitte, das werden sie woll einsehen.“
„Nein, so ein Narr“, entschied sie, als sie zu Ende gelesen. „Da
Fertl“, und sie schob ihm den Brief hin, „was sagst denn Du dazu?“
„Curaschi muß man haben. Beim bloßen Anschmachten sieht sich nichts
heraus. Wenn ich so delikat gewesen wäre -- -- ~à propos~ -- wann
machen wir denn Ernst?“
„Mußt Dich schon noch eine kleine Weil gedulden. Und jetzt geh, weil
ich abräumen muß im ersten Stock.“
* * * * *
Es gibt Leute, deren Gegenwart kalmierend wirkt, die Ruhe und Frieden
bringen und wieder solche, bei denen man die Kampfeslust wittert und
unwillkürlich selbst in Harnisch gerät.
Die Ankunft meines Vetters versetzte mich jedesmal in gereizte
Stimmung. Nicht ein Punkt, in dem wir übereinstimmten, keine gemeinsame
Empfindung, und bei der gänzlichen Verschiedenheit unserer Ansichten,
entfremdeten wir uns immer mehr.
Tante Laura sah in unseren Discussionen eine gesunde Denkübung, denn
nichts schärft den Verstand so sehr, als improvisierte Wortgefechte.
Gewöhnlich war der Sieg auf meiner Seite, was ich mir in Anbetracht des
Umstandes, daß Robert durchaus kein Kirchenlicht war, nicht sonderlich
hoch anrechnete.
Momentan verbrachte er seine Zeit damit, die verschiedenen Stifte der
Umgebung unsicher zu machen. Er wurde nicht müde die Gastfreundschaft
und das wirklich charmante Entgegenkommen der Herren zu rühmen.
„Wir verstehen uns vortrefflich“, versicherte er uns ein über das
anderemal, „und ich fühle mich wirklich ganz außerordentlich wohl in
ihrer Gesellschaft.“
„Sind wohl auch Antisemiten?“ frug die Tante.
„Versteht sich -- und wie.“
„Sonderbar und traurig.“ Und was sie jetzt sagte, erinnerte mich so
lebhaft an ein Gespräch mit Vincenz, daß ich unwillkürlich seufzte.
„Das sollen „Stützen“ der Kirche sein, die in ihrem Herzen dem Hasse
Raum geben! Oder ist vielleicht irgendwo in der Schrift ein Commentar
zu finden, in dem es heißt: „Natürlich nur den Nächsten im engeren
Sinne?“ Nein so kleinliche Unterschiede hat Christus nicht gehabt.
Sein edles Herz schloß Keinen aus: es schlug und blutete für Alle.
„Liebe, Nachsicht und Vergeben.“ Und statt stolz zu sein auf ihren
Meister, in seinem Sinn zu predigen, verzerren, verstümmeln sie seine
Lehre bis zur Unkenntlichkeit.“
„Aber bitt’ Dich, Tante, wer wird denn gleich Alles so tragisch
auffassen“, unterbrach sie Robert gelangweilt. Sie aber ließ sich nicht
beirren und fuhr fort:
„Geht schön des Sonntags in die Kirche, beobachtet die Fasten, aber
wenn Euch Euer Bruder nicht zu Gesichte steht, dann beschimpft,
verleumdet ihn.“ Fühlst Du den Widersinn? -- -- -- Die Perle, die
man Solchen zuwirft, die ihren Wert nicht verstehen. Pfui über die
Augendienerei. Die Messe lesen, Sakramente austeilen -- -- Trinkgelage
feiern, bis man alle Selbstbeherrschung verliert, und den häßlichsten
Lastern fröhnen. Wem spielen sie eigentlich die Comödie vor? Das Volk
hat gar gute Augen, ist auch nicht so einfältig, wie es sich ausgibt.
Es beobachtet und findet schließlich, daß es nicht nötig habe „heiliger
zu sein, wie die Pfaffen.““
„Was hast Du denn gegen die armen Geistlichen? Ich kann Dich
versichern, daß Du ihnen sehr Unrecht tust. Du solltest einmal
mitkommen. Eine Gemütlichkeit, sag’ ich Dir! Immer großartige Diners,
die besten Weine, -- kurz ein Leben wie der Herrgott in Frankreich.
Immer guter Dinge, kreuzfidel. Geh’ komm, Tante -- Mimi“, an mich
gewandt -- „nicht wahr, es wäre fesch? Du hast doch Lust?“
„Nein: dafür bin ich nicht zu haben.“
„So, so?“ In seinen Zügen spiegelte sich eine Verblüffung wieder, die
das unbedeutende Gesicht nicht gerade geistreicher erscheinen ließ.
„Schade!“ Und mit bedeutungsvollem Blick zu mir: „Daß wir so
verschiedenen Geschmack haben müssen! Ich fühle mich, wie gesagt, ganz
zu Hause unter den Herren -- und mir ist sogar schon die Idee gekommen,
selbst Geistlicher zu werden.“
„Weshalb denn das?“
„Weil mir schon Alles Andere zu fad ist. Eine Hundeexistenz.“
„Und das fändest Du einen hinreichenden Grund?“
„Dann brauch’ ich mich wenigstens nicht mehr abzurackern um die paar
Gulden Gage, brauch’ mich um nichts mehr zu kümmern.“
„Hast Du Deinen Ehrgeiz zu dienen, so plötzlich auf den Nagel gehängt?“
„Offen gestanden, ja. Schaut nichts dabei heraus. Laues Avancement. Das
haben wir vom Frieden.“
„Ja, ein Krieg wär’ freilich äußerst wünschenswert“, unterbrach ihn
Tante Laura ironisch, „und zwar schon in allernächster Zeit, damit
Baron Robert Steindorf zu seinem zweiten Sterne kommt.“
„Nicht nur deshalb. Ich spür’s aber, ich bedarf der Anregung, der
Begeisterung, sonst verkomme ich. Ein Ereignis, etwas Besonderes. Ein
Nervenkitzel.“
„Du weißt eben nicht zu beurteilen, was die Ruhe wert ist. Du bist noch
sehr kindisch, lieber Robert.“
In seiner Eitelkeit tief verletzt und innerlich wütend, weil er kein
Wort der Entgegnung fand, verließ er uns.
Nachdem er gegangen, saßen wir noch eine Weile schweigend vor dem
Kamin, vertieft in den Anblick der roten Feuerschlangen, die gierig an
den massiven Buchenscheitern leckten, daß es prasselte und knallte.
„Der wird kein gutes Ende nehmen“, sagte die Tante seufzend.
„Heutzutage bedarf es eines anderen Empfehlungsbriefes, als eines alten
Wappenschildes. -- -- Übrigens bei ihm ist das Standesbewußtsein noch
ein relatives Glück, sonst sänke er immer tiefer. Ein bedauernswerter
Mensch, der wie mit Gewalt immer nur die Schattenseiten der Dinge
aufstöbert, immer unzufrieden, unglücklich.“
„Ich kann mir eigentlich gar nicht denken, daß es Menschen gibt, die
den Krieg wollen.“
„O doch, es gibt schon solche Egoisten, die ihn aus rein persönlichen
Gründen wünschen. Daß der Krieg ein Unglück, ein Verbrechen ist, daran
zweifelt heutzutage kein vernünftiger, rechtlich denkender Mensch mehr,
-- wohl aber daran, daß man ihn abschaffen kann.“
„Ja, aber dann müßte es überhaupt keinen Fortschritt geben.“
„Ganz richtig. Dann würden wir jetzt noch Höhlenbewohner und
Menschenfresser sein.“
Roberts Kopf zeigte sich wieder in der Türe. Er schien seinen Ärger
verwunden zu haben und frug, um was für schreckliche Dinge es sich
handle -- er habe etwas von Menschenfressern gehört.
„Wir reden gerade davon“, erwiderte die Tante, „daß mit fortschreitender
Civilisation die rohen Urzustände weichen müssen, und dazu gehört der
Krieg.“
„Natürlich“, versetzte er spöttisch.
„Eigentlich würde es mich interessieren zu hören, wie ein Marsanbeter
-- denn das bist Du ja, -- die Unvermeidlichkeit des Krieges motiviert.“
„Die liegt doch auf der Hand.“ Tante Laura blinzelte mir
verständnisvoll zu, und er fuhr fort: „Unsere ganze Existenz ist auf
den Kampf begründet. Das Eine frißt das Andere auf. So war es seit
jeher und so wird es immer sein.“
„Ja, der Kampf ums Dasein ist Naturgesetz und kann in mancher Beziehung
ein Ansporn zum Guten sein. In seiner ursprünglichen brutalen Bedeutung
aber kann er sich jedenfalls nur auf die Geschöpfe niederer Gattung
beziehen. Gerade Ihr Strenggläubigen, die Ihr Euch soviel zugute tut
auf Euere Vernunft, müßtet Euch doch scheuen, auf eine Stufe mit dem
Tiere gestellt zu werden, das zur einzigen Triebfeder seiner Handlung
den Instinkt hat. Und selbst die wilden Tiere lassen sich zähmen.
Weshalb sollten wir die Bestie in unserem Innern nicht zum Schweigen
bringen? Und dann, auch die Gesetze ändern sich nach der Zeit; die
Menschen von heute haben ganz andere Bedürfnisse als die von früher.
Die Vorschriften, die vor tausend Jahren am Platze waren, taugen jetzt
nicht mehr: man ändert und regelt ja fortwährend daran. Was noch im
Mittelalter als Heldentat gegolten, was die Raubritter so berühmt
gemacht, der Sieg des Stärkeren, das Faustrecht, das ist nun ebenfalls
verpönt.“
„O das waren himmlische Zeiten! Ich bin entschieden um ein paar
Jahrhunderte zu spät auf die Welt gekommen.“
„Hättest wohl auch gerne Heldentaten in dieser Art vollbracht?“
„Natürlich.“
„Also Du verteidigst den Mord an und für sich.“
„An und für sich -- nein. -- Aber ich verstehe nicht recht, wo Du
hinaus willst“, versetzte er unsicher.
„Du weißt’s recht gut. Das fünfte Gebot lautet: „Du sollst nicht
töten.“ Es ist also Sünde.“
„Ja, ja -- das heißt im Allgemeinen.“
„Aha, ein Hinterpförtchen. Doch bleiben wir beim Gegenstand. Der
vorsätzliche Totschlag ist Sünde und zwar vom religiösen und rein
menschlichen Standpunkt. Der Körper ist der Sitz der Seele, die Gott
nach seinem Ebenbild geschaffen. Dem Schöpfer allein steht das Recht
zu, sein Werk zu vernichten, so hält Ihr es doch für richtig, nicht
wahr?“
„Ja, das schon, aber --“
„Bitte laß mich vollenden. Dann bin ich bereit, Deine Einwendung
zu hören. Kommt ihm also ein Anderer zuvor, ist er ein Frevler,
ein Verbrecher und wird dem Gerichte ausgeliefert. Dann sitzen sie
beisammen im Namen der Gerechtigkeit und sind ganz Entrüstung und
Staunen, wie es nur möglich ist, daß ein Mensch genug Rohheit besitzt,
um seinem Mitbruder das höchste Gut zu rauben. Es hat bisher noch
Niemand zu behaupten gewagt, der Mord sei kein „Verbrechen“. Für Jenen,
der ihn begeht, gibt es nur wenige Milderungsgründe: Zwingende Not,
Geistesstörung im Moment der schrecklichen That, oder wenn die Umstände
diese Vermutung ausschließen, böses Beispiel, mangelhafte Erziehung.
Man könnte freilich auch behaupten, -- nach Deiner Auffassung
wenigstens -- daß der böse Instinkt, seine eigentliche Natur den
Menschen dazu treiben -- von dieser Eventualität aber sehen die Richter
gänzlich ab. Sie sagen auch niemals: „Ja, was ist da zu machen, es hat
immer Morde gegeben und daher wird es immer so bleiben.“ Der Mann, der
seine Hände mit Blut besudelt, ist ein Gezeichneter, ein Ausgestoßener,
der Grauen und Abscheu -- oder doch wenigstens tiefes Mitleid einflößt.
-- Das Leben des Einzelnen ist geheiligt: die Massen jedoch sind nur
gut genug, um einem Wahne geopfert zu werden.“
Sie hielt einen Augenblick inne und fuhr dann fort: „Im Kriege ist
der Mörder „Sieger“ und wird in dem Maße gefeiert, als er dem Feinde
schonungslos begegnet. Er wird mit Ehren überhäuft, gelangt zu Ansehen
und auch oft zu Reichtum, und wenn er auch schon lange unter der Erde
modert, so lebt doch die Erinnerung an ihn fort. Sein Name steht mit
Goldlettern verzeichnet in den Annalen der Geschichte, als eines
Großen, Ruhmeswerten. Der Lehrer schildert in beredten Worten seine
Heldentaten und weckt im andächtig lauschenden Knaben Sehnsucht nach
ähnlichen Werken, glühende Bewunderung für den Unsterblichen. Im
kleinen Herzen keimt, künstlich großgezogen, die Giftblume des Hasses
gegen Feinde -- von denen es sich nur eine vage Vorstellung macht. Und
statt daß Seele und Verstand des jungen Wesens sich das Gleichgewicht
halten, wird dieser mit unnützem Tande angefüllt, während jene
verkümmert. -- Es weiß genauen Bescheid über den achten Glaubensartikel
und kann eine perfekte Erklärung des Parallelopipedons geben, und wenn
man es fragt, warum Karl der Große und Napoleon große Helden waren,
wird es erwidern: „Der Eine hat 4000 Sachsen den Kopf abhauen und
ganze Heidenstämme gewaltsam taufen lassen, und Napoleon hat in sechs
Schlachten gesiegt.“ Soldatenspielen, mit Gewehren hantieren, das ist
ihre Lieblingsbeschäftigung, und die Mädchen umgeben in reger Fantasie
den Vaterlandsverteidiger mit einer Aureole: Dereinst die Frau eines
Officiers zu werden, das schwebt ihnen als Ideal vor. -- Das tut
dieselbe Erziehung“, fügte sie halblaut hinzu, „die beim Einzelmörder
als Entschuldigung angeführt wird. Welche Logik.“
„Aber Tante, Du wirst doch einen Unterschied machen zwischen einem
Schenk und einem Radetzky. Und dann, Gott selbst erlaubt, will
den Krieg. Es heißt ja doch im Katechismus: „Zur Verteidigung des
Vaterlandes.““
„Wenn’s Euch genehm ist, laßt Ihr immer Euern Gott aufmarschieren.
„Du sollst nicht töten“, heißt’s im Dekalog ganz klar und deutlich,
in voller Übereinstimmung mit den Geboten der Moral. Und im neuen
Testament? Kannst Du mir etwa eine Stelle citieren, in der Christus den
Krieg gutheißt?“
Robert betrachtete angelegentlich die Spitzen seiner Stiefel. „Momentan
fällt mir gerade nichts ein.“
„Das begreife ich: weil ein solcher Passus überhaupt nicht existiert.
Soweit der göttliche Standpunkt. Aber ich denke, auch ohne göttliche
und weltliche Gesetze müßte uns das angeborene Menschlichkeitsgefühl
abhalten, eine ausgesprochen schlechte Tat zu begehen. Das Gute ist
ja an und für sich ein Gesetz; in unseren Herzen soll es eingegraben
stehen; dann brauchen wir nicht in Folianten nachzuschlagen, den
Katechismus zu befragen. Gut bleibt gut, da hilft kein Zurechtstutzen
und Mystificieren. Es ist etwas so Häßliches um die gewollte
Zweideutigkeit, um die Politik in der Religion. Doch da sind wir vom
eigentlichen Thema etwas abgekommen.“ Sie hielt einen Augenblick
inne, wie um neue Kraft zu schöpfen, und begann dann von Neuem. „Du
hältst also den Krieg für gerechtfertigt und unvermeidlich, weil die
Existenz des Menschen auf Kampf beruht, weil die Kriege immer waren,
weil Gott sie gutheißt. Diese Argumente erweisen sich aber sehr wenig
stichhaltig, wie Du siehst, oder weißt Du mir vielleicht sonst noch
etwas anzuführen, was für Deine Behauptung spricht?“
„Aber das ist ja das reine Examen, liebe Tante“, bemerkte Robert
gezwungen lächelnd, plötzlich aber -- es schien ihm eben eine gute Idee
gekommen zu sein -- nahm sein Gesicht einen triumphirenden Ausdruck an.
„Weil die Menschen sich sonst zu sehr vermehren würden.“
„Da muß man also von Zeit zu Zeit eine kleine Jagd veranstalten. Ich
denke, Ihr könntet das in aller Seelenruhe der Natur überlassen. Sie
rafft durch Krankheit und andere Katastrophen fortwährend Tausende
hinweg, ohne daß sie noch Euerer Hilfe bedarf. -- Ihr tut ja rein, als
ob Ihr angestellte Mordknechte wäret. Und dann, es gibt noch soviel
übrigen Platz, noch so viel schöne Wildniß, die nur darauf wartet,
urbar, dem Menschen untertan gemacht zu werden.“
„Zudem“, sagte Robert, „das Menschengeschlecht würde verweichlichen,
degeneriren, wenn es keine Gelegenheit fände, seinen Mut zu erproben.“
„Vergleichen wir die Jetztzeit mit dem Altertum. Obwohl die Kriege
bedeutend seltener geworden, sind wir in geistiger Beziehung
entschieden vorgeschritten, durchaus nicht degeneriert. Und sieh’
Dir nur einmal die friedliebendste aller Nationen an, die Engländer,
was für starke, markige Gestalten. Von persönlicher Tapferkeit kann
überdies nicht mehr die Rede sein. Heute entscheidet nur mehr der
blinde Zufall. Das ist das Verdienst der unglaublich raffinierten
Waffentechnik. -- Wenn Dir heute Einer sagte: „Stell’ Dich daher, denn
ich sprenge Dich mit einer Bombe in die Luft“, wirst Du Dich sicher
gegen diese Zumutung wehren, nicht?“ --
„Gewiß, das hätte ja keinen Sinn, für nichts und wieder nichts.“
„Das ist’s, was ich hören wollte. Und wofür setzest Du im Kriege Dein
Leben ein?“
„Ja erlaube mir, da sind doch wichtige Interessen im Spiel. Die
Aufrechterhaltung der Dynastie, die -- das heißt gewöhnlich die
Verteidigung.“
„Ja, aber wenn Alle sich verteidigen -- das behauptet nämlich ein Jeder
von sich -- wer greift dann an? -- Du siehst, ein Hirngespinnst, dem
zuliebe wir solche Unmassen an Geld und Arbeitskraft opfern.“
„Man muß aber doch vorbereitet sein.“
„Daran liegt es eben. Immer dieses Mißtrauen.“
„Was sollen wir denn tun? Abrüsten vielleicht und warten, daß uns der
Feind aus dem Lande jagt? Verzeih’, liebe Tante, Du meinst es ja gewiß
recht gut, und es paßt auch viel besser für eine Frau, mitleidig als
grausam zu sein -- aber Du urteilst da über Dinge, die wir Männer
naturgemäß besser verstehen.“
„Und doch gibt es manche Frauen, die viel vernünftiger und klüger sind,
als manche Männer“, konnte ich mich nun nicht enthalten, zu bemerken.
Jetzt hielt er es für geraten, einzulenken. „Du nimmst mir immer
Alles übel. -- Wie denkst Du es Dir eigentlich möglich, den Krieg
abzuschaffen?“
„Ich denke, daß sich durch guten Willen und festes Zusammenhalten Alles
erreichen ließe.“
„Aber praktisch durchgeführt?“
„Hast Du noch nie etwas von der Friedensbewegung gehört?“ erwiderte
mit bewunderungswürdiger Geduld an meiner Statt die Tante. „Sie strebt
die Vereinigung aller europäischen Völker zu einem einzigen großen
Bunde an, und an Stelle des Krieges soll ein permanentes Schiedsgericht
treten, durch das allfällige Streitigkeiten auf unblutigem Wege
ausgetragen werden.“
„Aber die Menschen werden sich nie einem solchen Urteil fügen, wenn es
sich um eine Existenzfrage handelt.“
„Die Einzelnen wollen ja gar nicht den Krieg.“
„Aber sie gehen doch.“
„Weil sie eben nicht gefragt werden. Und zudem wenden die paar
Schreier, denen es daran liegt, ihre selbstischen Zwecke zu erreichen,
alle nur möglichen Mittel an, um die Menge zu betören, sie ihres
gesunden Urteils zu berauben. Eine Art Hypnose, diese ansteckende
plötzliche Begeisterung. Die Meisten sind Herdentiere, die hinter dem
Leithammel dreinfolgen.“
„Nun eben. Da siehst Du’s ja selbst. So werden sie es immer machen.“
„Bis ihr Selbstgefühl, ihr „Menschenbewußtsein“ stark genug ist, sie
vor solcher Torheit zu schützen. Und das zu heben, daran sollen wir
nach Kräften arbeiten. Und heute ist schon ein großer Schritt vorwärts
getan. Ich zweifle gar nicht an dem Erfolge der Friedensbestrebungen.“
„Und Du glaubst wirklich, das Du das erleben wirst.“
„Es könnte wohl sein, aber wahrscheinlich ist es nicht. Die
Verwirklichung jedes großen Gedankens erfordert Zeit, viel Zeit.
Unser Auge verträgt kein zu grelles Licht, es muß sich erst langsam
daran gewöhnen. Jede neue Lehre, jede große Idee hat im Beginn mit
Hindernissen zu kämpfen.“
„Ja, also dann“ -- --
„Begreifst Du nicht, daß man sich für solch’ ein Ding erwärmen kann.“
„Offen gestanden nein. Wenn man so gar nichts davon hat.“
„Wenn man immer nur arbeiten wollte, des Lohnes halber! In einem
normalen Menschen wohnt der Drang, etwas zu leisten, ein klein wenig
zum Wohle der Gesammtheit beizutragen. Eine innere Stimme sagt uns:
„Du mußt“, und dann können wir einfach nicht anders. -- Hätten unsere
Vorfahren so gedacht, dann stünden heute nicht die vielen herrlichen
Bäume im Garten, dann gäbe es nur Haideland und keine Wälder.“
„Ja -- das schon“, sah sich Robert nun gezwungen, beizupflichten. „Die
Idee vom Schiedsgericht ist auch jedenfalls gut ausgedacht, genial,
aber -- hm“, und er schüttelte lächelnd den Kopf.
„Was aber?“
„Undurchführbar.“
Wir schwiegen Beide, da wir einsahen, daß ein weiteres Wort die Mühe
nicht gelohnt hätte. Mit welch’ impertinenter Überlegenheit er es
gesagt, das: „Undurchführbar!“
* * * * *
Tante Laura und ich, wir standen ziemlich allein da mit unseren
Ansichten und vermieden es, darüber zu sprechen. Großpapa stack bis
über den Ohren in den alten Traditionen und fand an jeder Neuerung
etwas auszusetzen. In gewisser Beziehung erinnerte er an Robert, nur
besaß er mehr Liebenswürdigkeit wie dieser und eine durch nichts zu
trübende Heiterkeit. Er führte stets das große Wort und war genau
informiert über die Vorgänge in der Welt. Aus einer Art Pflichtgefühl
ließ er sich täglich die Zeitung vorlesen, denn im Grunde ärgerte er
sich mehr dabei, als er sich freute. „Ich sag’s ja immer, die neue
Schule. Das sind die Resultate“, wenn ein Liebespärchen sich aus dem
Staub gemacht, oder: „die Herren Socialdemokraten“, das kommt davon,
wenn man den Leuten solche Dummheiten in den Kopf setzt.“
„Die Socialdemokraten sind“, hub Don an -- --
„Na ja, Sie sind ja selber Einer, Sie Chineser.“
„Weil der Herr Baron immer glauben, nur früher war Alles gut“, stieß er
lachend hervor. Diese kleinen Dispute waren seine einzige Unterhaltung.
„Früher sind die jungen Leute auch schon miteinander durchgegangen.
Vide „Conradine Romana.““
„A so. No ja, sie hat’s aber auch büßen müssen. Oder haben wir nicht
neulich in der Urkunde von 1746 gelesen, daß die Maria Teresia sie
einfangen und ins Kloster sperren ließ?“
Dieses Gespräch bezog sich auf eine Steindorf, deren Portrait im
Speisesaale hieng. Ein hübsches Gesichtchen, dem der Schelm aus den
Augen sah. Mir hatte es immer den Eindruck gemacht, als sei der steife
Seidenstoff zu schwer für diese frische, rosige Jugend, als strebe sie,
heraus zu schlüpfen und als wollten die übermütigen, krausen Löckchen
nichts wissen von einer regelrechten Frisur. Und so war es in der Tat.
Das siebzehnjährige Mädchen war sterblich verliebt in ihren Vetter, und
da der Vater nichts wissen wollte, und sie nur umso strenger überwachen
ließ, nahm sie ihre Zuflucht zu einer List. Die kurzsichtige Erzieherin
ahnte nicht, daß sie den Abendsegen über einen verkleideten Haubenstock
gesprochen, und als sie am nächsten Morgen ihren Irrtum entdeckte, war
das edle Fräulein über alle Berge.
Großmama mengte sich niemals in politische Gespräche, dennoch war es
nicht zu verkennen, daß auch sie die jetzigen Zustände nicht billigte,
und die Zeiten vorzog, wo Robbot und Zehent an der Tagesordnung war,
und die „Herrschaft“ noch etwas galt. Und Großpapa stimmte ihr bei.
„Ich weiß mich noch ganz genau zu erinnern, wie ein jeder Bauer seinen
Tribut gebracht hat. Der Getreideboden, der Keller sind das ganze Jahr
nicht leer geworden. Und in unserer Gegend hat es einen berühmt guten
Wein gegeben. Stark wie der Teufel und moussierend wie Champagner. Da
hat die Mama einmal einen kleinen Tampus bekommen. Als junges Fräulein
hat sie nämlich nie einen Tropfen getrunken.“
Er sucht mühsam die Bissen auf dem Teller zusammen, wobei gewöhnlich
die Hälfte zurückfällt. Großmama hackt so energisch darin herum, um ihm
die Stücke zurecht zu schieben, als wäre das Fleisch ein Walfisch, und
die Gabel eine Harpune. „Geh’ lieber Ferdinand, so nimm’ Dich doch ein
wenig zusammen. Es ist ja eine Schande, wie Du ißt.“
„Du darfst nicht vergessen, daß ich blind bin“, erwidert er ruhig.
„Ich weiß schon, aber wenn Andere es können. Der König von Portugal,
der war ja auch stockblind, und wenn ich nehme, wie der appetitlich
aß!“