Don für sich: „Der König von Portugal, der ist mir ganz egal.“

„Aha hörst Du was der Don sagt. Ich find’, der Mensch ist schrecklich

keck.“

„Wenn Du den Don nicht hättest! Nicht wahr, Fellner“, fuhr sie zum

Gesellschafter gewandt fort, „ich weiß wirklich nicht, was mein Mann

ohne Sie anfangen würde.“

Don tut solches Lob sehr wohl. Er verlangt ja nichts, als dieses

bischen Anerkennung. Überhaupt ein anspruchloses, kindliches Gemüt.

Er fühlt sich wohl, trotz seines Automatenlebens. Mich aber ergreift

bisweilen etwas wie Mitleid, wenn ich ihn betrachte. Nicht, daß er

einen überarbeiteten Eindruck macht! Nein, wahrlich nicht. Sein rundes,

gerötetes Gesicht, und die über das Maß behäbige Gestalt erinnern

vielmehr an die lustigen Mönche auf den Grütznerbildern. Es kommt

daher, weil er fast keine Bewegung macht und seinen Teller stets bis an

den Rand füllt. Vom Morgen bis Abend muß er trockene Geschäftsdiktate

schreiben, aus alten Urkunden vorlesen, förmlich Verzicht leisten auf

seine Individualität. Für solche Menschen wird das selbstständige

Denken Luxussache, sie gestatten es sich nur in den seltensten Fällen,

gewöhnen es sich schließlich ganz ab und leben dahin, wie das liebe

Tier.

„Na ja natürlich. Es ist immer Alles recht, was Dein lieber Fellner

tut“, versetzt Großpapa in eifersüchtigem Ton.

„Es ist schon gut. Jetzt ein bissel ruhig sein, lieber Ferdinand, sonst

überzuckst Du Dich.“

„Du hast aber viel an mir auszusetzen. Früher, da hast Du immer nur die

guten Seiten gesehen.“

„Du warst aber auch ganz anders. Aussehen und Manieren wie ein Prinz“,

versicherte sie mir.

„Natürlich, man wird alt.“ Und dann intoniert er mit zitternder Stimme

die schöne schwermütige Melodie aus dem „goldenen Kreuz“: „Jenun,

man trägt, was man nicht ändern kann.“ Ja, das waren Zeiten damals.

Soll ich Euch erzählen, wie ich die Mama kennen lernte? Und trotz

einstimmigen Protestes beginnt er die Geschichte von Neuem:

„Ich habe mit ihrem Bruder am Gymnasium studiert. Wir waren sehr gut

miteinander und er hat mich im Hause meiner nachmaligen Schwiegereltern

aufgeführt. Constanze saß am Fenster neben ihrer Mutter und arbeitete

an einer Stickerei. Damals haben die Damen Locken getragen, und ich

schwärmte seit jeher für blondes Haar. Und sie hat so herrliches

gold-blondes Haar gehabt, -- eine Locke, die ihr bis unter die Taille

hieng. Sie sehen und mich verlieben war eins. Mein Vater war ganz wild,

weil ich ihm erklärte, daß ich bereits meine Wahl getroffen hatte.

Die oder Keine. „Dummer Bub“ hat er gesagt, „lern’ Du lieber. Mit dem

Heiraten hat es schon noch Zeit.“

„Das glaub’ ich“, mengte sich Don höchst respektswidrig ins Gespräch.

„Der Herr Baron sind ja noch vor der Schultafel gestanden.“

Großmama, die sich zuerst ablehnend verhalten, lächelte nun doch etwas

geschmeichelt, und er fährt fort:

„Vier Jahre, sage vier Jahre -- beinahe so wie der Jakob um Rebekka,

hab’ ich um die Mama geworben. Und weil mein Vater sah, daß ich meinem

Entschlusse treu blieb, gab er nach. Aber er sekierte mich in einemfort

und sagte: „Geh’ bild’ Dir nur ja nichts ein: die Constanze mag Dich ja

gar nicht.“ Die Mama wollte mir nämlich nie öffentlich einen Kuß geben,

aus übertriebenem Schicklichkeitsgefühl. Schließlich mußte er seine

Vermutung doch aufgeben.“

„Genug, genug, lieber Ferdinand,“ bestimmte Großmama, doch diesmal

fügte er sich ihrem Wunsche nicht: „O nein Mylady: jetzt kommt gerade

das Piquante.“

„Schämst Du Dich denn nicht, vor dem Kind?“ Ich war nämlich noch immer

das Kind.

„Nein, gar nicht. Es war bei einem Spaziergang. Die Eltern giengen

ein Stück voraus und ich schlich zu Constanze, die etwas im Zimmer

vergessen hatte. Wir benutzen die Gelegenheit, und wie wir mit einander

schnäbeln, steht plötzlich mein Vater vor dem Fenster und ruft in

seiner ungenierten Art herein: „Ah, da schaut’s nur einmal her:

Tut’ immer als ob’s nicht Drei zählen könnt’ und laßt sich dann von

ihm abbusseln.“ -- Wie die Mama erschrocken und verlegen war! Ganz

feuerrot. Geweint hat sie vor Verzweiflung. Gelt Mylady?“ und er

tastet nach ihrer Hand.

Um Ruhe zu haben, reicht sie ihm die Fingerspitzen und während er sie

an seine Lippen führt, murmelt sie, den Blick himmelwärts gerichtet,

als riefe sie unhörbare Zeugen an: „Nein -- nein diese Fadheiten.“

Und Tante Nilla rümpft die Nase und ißt stillschweigend weiter. Sie

spricht jetzt womöglich noch weniger als früher. -- Man sieht und

hört sehr wenig von ihr. Nur wenn die Turmuhr Mittag verkündet, tritt

sie in einen dicken Mantel gehüllt, das Gesicht mit einem Schleier so

vermummt, daß man gar nichts von ihren Zügen sieht, auf die Terrasse.

In der einen Hand trägt sie einen Marktkorb, in der anderen eine enorme

Gießkanne. Rechts und links von Hunden in einer abenteuerlichen Uniform

-- marineblau mit grauen Borten -- flankiert, so findet sie sich bei

ihren Schützlingen ein.

An einer entlegenen Stelle des Gartens ragt eine stattliche Colonie

empor, an der beständig hinzugefügt, vergrößert wird. Nie haben

altersschwache Eichkätzchen, flügellahme, hinkende Krähen eine

fürsorglichere Pflegerin, ein comfortableres Heim besessen.

Und hier taucht die schweigsame Tante auf. Sie spricht mit diesen

stummen Geschöpfen, als wenn es ihresgleichen, vernünftige Wesen wären,

und legt eine Zärtlichkeit in ihre Stimme, wie sie nur weichen Gemütern

eigen ist. Sie tadelt und lobt, streichelt sie, und lacht fast

übermütig auf, wenn Eines oder das Andere Allotria treibt. Es ist nicht

mehr dieselbe, etwas düstere Erscheinung, wie wenn sie unter Menschen

weilt. Nichts von jener unnahbaren Haltung, die von vornherein jedes

herzliche Verhältnis ausschließt.

Und es ist, als ob die Tiere sie verständen. Jedes kennt seinen Namen

und niemals meldet sich ein falscher. „Nirps!“ und der Doyen der

Krähen, ein einäugiger, ziemlich zerzupfter Gesell kommt herangetänzelt

und dienert vor ihr, oder „Stutzl“, das Eichhörnchen mit dem

angeschossenen Bein versucht einen Purzelbaum zu schlagen. -- Im Großen

und Ganzen eine traurige Gesellschaft. Mir tut ihr Anblick weh.

Ich blicke mit einer Art Staunen zur Tante hinüber: sie ist eine

von Jenen, aus denen man nicht klug wird. Vielleicht war ihr einmal

Böses widerfahren und der alte Groll lebt in ihr fort und macht sie

fühllos den Menschen gegenüber. Wer weiß! Ich hätte etwas darum

gegeben, dieses Problem zu lösen, doch es gelang mir nie. Tante Nilla

wußte ihre Persönlichkeit und alles was damit zusammenhieng, in das

undurchdringlichste Dunkel zu hüllen. Sie war und ist mir immer ein

Rätsel geblieben. Ihre Liebe zu den Tieren bildete sozusagen das

einzige Bindeglied zwischen uns. Denn auch ich schwärmte für so etwas

Kleines, Vierbeiniges, das wir im Garten hatten, ein junges Reh. Es ist

eine Waise und -- namenlos.

Wir nennen ihn nur: „Er.“ -- Das sagt aber auch Alles. Er ist eines

jener bevorzugten Wesen, die sich die Herzen Aller im Flug erobern,

ohne selbst etwas dazu zu tun. „Er“ ist, „er“ existiert und das genügt

vollkommen, dadurch erfüllt „er“ seine Pflicht. Nicht, daß er sich

etwa keiner äußeren Vorzüge rühmen darf: ganz im Gegenteil, er ist in

Allem und Jedem der comble der Vollkommenheit. Welche Anmut, welch’

hinreißende Grazie er besitzt, das hält nur Jener für möglich, der ihn

selbst gesehen. In seiner Haltung, dem stolzen Tragen des Kopfes, dem

leicht gewiegten Gang liegt eine Poesie ohnegleichen. Er hat eine Art

und Weise, Einen anzublicken, die wie Sonnenschein ins Innere dringt;

im feuchten Glanz der großen dunklen Augen liegt etwas, das zum Guten

mahnt, und einem Jünger Apoll’s die lieblichen Worte entlockte.

„Hat diese Welt als einz’gen Lohn

Für mein Bemühen, Spott und Hohn,

Kann nichts mein Herz so tief erquicken,

Als in Dein arglos Aug’ zu blicken.“

Und er war tatsächlich im Zeichen der Poesie geboren. „Im wunderschönen

Monat Mai, als alle Knospen sprangen, da war sein Lebenslichtlein

aufgegangen.“ Im Waldesschatten, nahe dem murmelnden Bach, hatte

seine Wiege gestanden; bemooster Boden, um den sich zartgrünes

Brombeergestrüpp schlang, und dort habe ich „ihn“ gefunden.

Sein Vater hatte sich in Ermangelung jeden Sinnes für Familienpflichten

auf und davon gemacht, und da „ihm“ ein tückisches Schicksal die

natürliche Ernährerin von der Seite gerissen, stand „er“ allein und

hilflos da, inmitten der weiten Welt.

Wie er zitterte in seinem Versteck und mit der weichen Sammetschnauze

meine Lippen beschnupperte! Dann begehrte „er“ infolge einer optischen

Täuschung stürmisch nach meinem Handschuh, den ich ihm auch bis auf

Weiteres willig überließ.

Ich drückte das liebe kleine Ding mit dem gefleckten Fell zärtlich an

mich, mit der Empfindung, einen Schatz gefunden zu haben. Aber mit

zärtlichen Gefühlen allein nährt man kein monataltes Reh, und so hieß

es denn, die materielle Seite in’s Auge zu fassen. Ich machte mich mit

meiner leichten Bürde auf den Heimweg und sah der Zukunft frohgemut

entgegen, denn die Adoption schien mir, wenigstens vorderhand, mit

keinen unüberwindbaren Schwierigkeiten verbunden. Ein eingezäunter

Platz der Obstwiese sollte sein neues Heim werden, und zur Wärterin

bestellte ich mich selbst. Die Bedürfnisse meines kleinen Kostgängers

waren recht bescheidene, und der Dank, mit dem er jede Aufmerksamkeit

entgegennahm, verdoppelte die Freude, für ihn zu sorgen.

Wenn ich ihn in den Armen hielt und er heißhungrig die mit warmer

Ziegenmilch gefüllte Saugflasche bearbeitete, bot sich mir Gelegenheit,

ihn bis in’s Detail zu studieren, und ich gewahrte Schönheiten, die

mir im ersten Augenblick entgangen waren. So weich und harmonisch war

Alles an ihm, so rührend der Ausdruck des Köpfchens, mit den langen,

aufgebogenen Wimpern und den seidigen Losern. Dann stellte ich ihn auf

die Erde und er machte kleine, furchtsame Schritte, wobei er jedoch die

übermäßig langen Beine mit einer Behutsamkeit und Grandezza voreinander

setzte, als wäre er ein Tanzmeister in Lackschuhen. Er folgte mir

auf Schritt und Tritt, benahm sich immer gut und würdevoll. -- „Er“

ist zum Tagesgespräch geworden und es machte uns Spaß, ihn im Geiste

in den verschiedensten Verkleidungen vor uns zu sehen. Bald stellten

wir ihn uns als Troubadour vor, an der Mandoline zupfend, bald wieder

im kleidsamen Rokokocostüm mit Zweispitz und Hackenschuhen, auch im

Spitzhut des Touristen, bis wir zum Resultate kamen, daß er überhaupt

nicht mehr schöner sein könne, als er war.

Wir erfanden ganze Geschichten, die wir zum Schlusse für wirklich

wahr hielten und in denen „Mutzamein“, eine zarte, weiße Katze,

die Hauptrolle spielte. Es gieng das Gerücht, daß „er“ sie zur

Wirtschafterin engagiert habe und wenn wir vor der Thür ihr „Miau“

vernahmen, frugen wir, als ob es sich von selbst verstände: „Was will

denn der gnädige Herr?“ -- „Gnädiger Herr?“ Im Grunde aber hegten wir

die feste Überzeugung, daß er bedeutend höher auf der socialen Leiter

stünde, etwa „Chevalier“ war, Marquis oder spanischer Grand. Alles

sprach dafür, wenn man auch keine bestimmten Tatsachen nachweisen

konnte. Sein elegantes Auftreten, sein vornehmer Geschmack. Er nahm

nur Delicatessen zu sich, das Erste, Saftigste, was die jeweilige

Jahreszeit bot -- Veilchen, frische Rettigblätter, die er mit

Kennermiene verzehrte, Rosen, Erdbeeren und geschnittene Äpfel.

Sehr komisch war es anzusehen, wenn er Baumäste und niederes Buschwerk

attaquierte und dazu die tollsten Sprünge machte. Er konnte eben tun,

was er wollte, wir fanden Alles „herzig“, unnachahmlich.

Robert schien sein Anblick zu ergötzen und das stimmte mich milder

gegen ihn. Ich hatte mich indes getäuscht.

„Im nächsten Frühjahr kann er ein ganz passabler Bock sein. Dann lassen

wir ihn hier im Garten aus und veranstalten eine Jagd.“

Obwohl es halb im Scherz gesagt war, empörte mich die Äußerung. Es lag

so viel Taktlosigkeit darin, so viel Rohheit des Gefühls.

* * * * *

Ein Tag vergieng wie der andere, -- und die Jahre flossen dahin in

ruhiger Gleichmäßigkeit. Ich merkte es kaum -- es war mir zur zweiten

Natur geworden, dieses Leben, arm an Ereignissen und reich an Arbeit.

Ab und zu kam Besuch aus der Nachbarschaft und da erzählten dann die

jungen Mädchen von den Erlebnissen im Fasching und in der Stadt. Bälle,

Rennen, Toiletten und Courmacher. Sie kannten kein anderes Thema, ich

wußte nicht mitzureden und so blieben wir uns fremd.

Und doch, wenn sie gegangen, beschlich es mich wie leise Wehmut. Eine

so eigentümliche Empfindung. Ich kann nicht sagen, was es ist. Es lehnt

sich etwas in mir auf. Es fehlt mir etwas. Dann eile ich, von innerer

Rastlosigkeit getrieben, von einem Zimmer in das andere, hinaus in den

Wald, und da wird mir leichter.

Es ist so ruhig und friedlich um mich her. Ich schließe wie unbewußt

die Augen und atme in langen Zügen die würzige Harzluft ein. Das

Rauschen der Bäume klingt wie Musik an mein Ohr. Welch’ eigentümlicher

Zauber liegt doch in dem Zusammenklang dieser mannigfachen Töne, welche

Harmonie in dem bald nahen und lauten Flüstern, bald weit und leise

schallendem Echo!

„Tok-tok“ tönt es in regelmäßigem Rytmus vom nahen Baumstamm herüber.

Meister Specht hat wohl eine Postarbeit zu vollenden, und unwillkürlich

muß ich über die Geschäftigkeit des bunten Vogels lächeln. Die alten

Tannen neigen zustimmend das Haupt, und die zwei Eichkätzchen, auf

deren Fell gerade ein Sonnenstrahl fällt und es goldig schimmern

macht, halten in ihrem Haschen inne, als schämten sie sich ihrer

Spielsucht, aber schon im nächsten Moment beginnt die tolle Jagd

von Neuem. Leichtfertige, schnelle Dinger! -- Glückliche Geschöpfe,

die nichts ahnen vom schnellen Entschwinden der Zeit, nur die Lust

des Augenblickes kennen, ohne Furcht und Reue. Wer weiß, sie sind

vielleicht klüger als Jene, denen so manches Vorurteil das volle

Genießen verbittert.

Ein welkes Laub wirbelt mir in den Schoß und ich schrecke nicht

zurück vor der Berührung mit dem bleichen Gespenstchen; es will mir

fast wie ein Widerspruch scheinen, denn auch hier weht mir kalter,

erbarmungsloser Todeshauch entgegen. Auch in diesen zarten Äderchen

hat noch vor Kurzem Leben pulsiert, frisches, warmes Leben, das ein

einziger Windstoß, ein leiser Ruck vernichtet hat. Ich seufze auch

nicht, während ich es zu Boden gleiten lasse. Mag es hier auf der

feuchten Erde liegen bleiben und vermodern, mögen achtlose Menschenfüße

es zu Staub zertreten, es hört nicht auf zu sein, wenn auch in anderer

Form und Weise. Mutter Natur hat ein zu großes, liebendes Herz, sie

hängt auch am kleinsten ihrer Kinder und will sich von ihm nicht

trennen.

Alles um mich her strömt intensive Lebensfreude aus. Ein schillernder

Schmetterling wiegt sich im Cyclamenbecher und schlürft berauschenden

Trank.

Die kleinen naseweisen Ameisen summen etwas von „fleißig sein.“

Offenbar behagt ihnen mein müßiges Träumen nicht. „Nun laßt aber

auch sehen, ob ihr vollkommen genug seid, um Anderen gute Lehren zu

erteilen?“

Behutsam nähere ich mich dem aus Erde und Tannennadeln gebildeten

Haufen, in dem es schwarz wimmelt. Ich halte den Atem an und sehe

gespannt dem regen Treiben zu. Was das für geschickte Baumeister

sind! Wie klug und systematisch die Strohhalme, Nadeln und Holzspähne

auf einander geschichtet sind! Aus der winzigen Baumhöhle schöpfen

sie unermeßliche Reichtümer aus selbstfabricierten Sägespähnen. Eine

Ameisenabteilung steht auf dem balconähnlichen Vorsprung und wirft

aufrecht stehend, mit den Vorderfüßen den unten harrenden Cameraden

staubähnliche Splitter zu. Jene Anderen, welchen die Sorge für die

Mittagstafel obliegt, schleppen mühsam einen Käfer, ein totes Würmchen

herbei; sie keuchen gewiß unter der schweren Last, aber Entmutigung

kennen sie nicht. Nach minutenlanger Rast nehmen sie die Bürde wieder

auf und frisch geht es dem Ziele zu. „Nur nicht verzagen“, das ist ihr

Motto.

Ich lasse mich auf einen Reisigbündel nieder und meine Betrachtungen

schweifen von der emsigen Colonie dem blauen, wolkenlosen Himmel zu.

Wie gleichmäßig spannt er sein Zelt aus, wie unergründlich ist sein

Lächeln, das er auf so viel Glück und auf so viel -- Elend herabsendet!

... Ich kehre wieder zur Erde zurück und lenke den Blick auf die vor

mir liegende Waldpartie. Nicht ohne Wohlgefallen wende ich das Auge von

den alten hundertjährigen Buchen- und Eichenbeständen zu den Kindern

späterer Zeit, deren Prachtentfaltung der Zukunft gehört. Es macht

einen angenehmen Eindruck, dieses frische, saftige Grün, im Gegensatz

zu dem ernsten Dunkel, das wie ein Schatten, eine erfahrungsreiche

Mahnung zur Jugend hinübersieht. „Was könnten wir Euch erzählen, wie

trefflich Euch raten; noch verschmäht Ihr unsere Warnungen, einstens

aber werdet Ihr an uns denken.“ -- Vergeßt Ihr wieder einmal, Ihr

Alten, daß auch Ihr in Jugendfülle und Übermut dastandet, den Lenzhauch

in Eueren Ästen rasten ließet und die gefiederten Liebespaare in Eueren

Zweigen beherbergtet?“

Im Grase zu meinen Füßen schimmert es in schillernder Taupracht.

Es zittert und weht hin und her, wie der zarteste mit Goldfiligran

verwobene Spitzenschleier. Bedächtig zieht sie einen Faden um den

andern, die langbeinige Spinnerin, ganz unbekümmert um die arme

gefangene Eintagsfliege, die Todesqualen leidet. „Warte nur, Du

grausamer Tyrann! Wir leben nicht mehr in der Zeit des Faustrechtes;

einer schöneren Periode geht es entgegen, wo es keine Hinterlist,

keinen Betrug und -- keinen Krieg mehr giebt.“ Ich fahre mit der

Schirmspitze in den flimmernden Dunst und jetzt ist es mir leichter.

„Lebe, kleine Fliege und schwing’ Dich mit den glashellen Flügeln in

den blauen Äther empor.“

Brombeerstauden umschlingen die Baumstümpfe des Holzschlages und die

schwarzen Früchte blicken mir verlockend entgegen. Ist es denn so lange

her, daß ich an diesem Plätzchen gekniet und Erdbeerlese gehalten habe?

-- Ja, das Rad der Zeit rollt unaufhaltsam fort. Auch der Frühling, die

Jugend entflieht und der Herbst meldet sich. Doch es gibt ein schönes,

frohes Alter, es entsprießen ihm süße, erquickende Früchte, wenn ein

Lenz der Gewissenhaftigkeit, ein Sommer treuer Pflichterfüllung

vorausgegangen.

* * * * *

Die Tante und ich, wir nahmen seit längerer Zeit regen Anteil an der

Friedensbewegung und waren mit vielen Gleichgesinnten in schriftlichen

Verkehr getreten. Und wir hätten es nur natürlich gefunden, wenn das

gesammte weibliche Geschlecht sich verbündet hätte, um der Kriegsfurie

Einhalt zu gebieten. Mußte denn nicht jedes Mutterherz bluten, bei der

Vorstellung, daß sein Kind eines Tages verstümmelt, zerfetzt, unter

namenlosen Qualen zugrunde gieng? -- Doch nein, es war noch immer Mode,

die Söhne altadeliger Familien in militärischen Anstalten erziehen

zu lassen, und wer es wagte gegen den Strom zu schwimmen, wurde mit

scheelen Blicken angesehen.

Zudem gab es mehr als einen Retrograden, der aus Princip ein wütender

Gegner der Bewegung war, sich mit Händen und Füßen wehrte, und ihr mit

beißendem Hohn begegnete.

In unserem Dorfe selbst verhielten sich die meisten Leute, namentlich

zu Beginn, ziemlich mißtrauisch. Wenn sich einmal ein Bauer etwas in

den Kopf setzt, läßt er es sich nicht so leicht wieder ausreden, und

sie hatten von jeher an dem Grundsatz festgehalten: „Nur ja schön

vorsichti sein, sonst sitzt mer mir nix, Dir nix in der Patschen. Und

gar wann’t Herrschaft d’ Hand im Spüll hat -- die kunnt an ausnutzen

und dabei no profitieren.“

Diesen Leuten gegenüber mußte man also eine eigene Taktik einschlagen.

Ihnen schroff begegnen, hätte sie abschrecken geheißen von allem Anfang

an, und sie bitten, wäre ebensowenig das Richtige gewesen. Es blieb

nur eine Möglichkeit: sie selbst zum Denken zu bringen. Wir verteilten

Flugschriften unter die Erwachsenen und beschenkten die Kinder

mit kleinen hübschen Geschichten. Und war gerade der Büchervorrat

erschöpft, so erhielten sie Spielzeug und andere Kleinigkeiten. Hin

und wieder nahm ich die Vernünftigeren auf einen Spaziergang mit, und

das schmeichelte den Eltern ungemein: „Mußt schön fleißi sein und Dein

G’setzel auswendi lernen, nachha darfst an ein Sunndag mit der Baroneß

Mimi gehen“, und die Kinder folgten gern.

Und im Verkehr mit diesen jungen Geschöpfen fühlte ich mich selbst in

meine Kindheit zurückversetzt. Meine Lieblingspuppe „Clementine“ hatte

ich dem kleinen Hauer-Reserl geschenkt und die trennte sich nicht

mehr von ihr. „Wissen’s Baroneß, ich hab’ die Tini so gern, weil’s

Ihnen g’hört hat“, versicherte sie ernst. „Überhaupt, wann Sie mir was

schaffen, so freut’s mi immer. Das war so schön, was mer neuli zum

Lesen geben haben.“

„Was war das Reserl? Ich erinnere mich nicht mehr.“

„No die G’schicht vom Soldaten, der stirbt, und wie sei kleine Tochter

ins Spital kommt und sagt, daß ohne Vattern nit leben will.“

„Ja, Reserl, gelt’ das is traurig, wenn’s so anem Kind sein Liebstes

erschießen!“

„Und ob.“ Drauf ward sie schweigsam. -- -- Sie gieng mit zaghaften

Schritten neben mir her; das Köpfchen hielt sie etwas gesenkt und

die langen schwarzen Wimpern warfen dunkle Schatten auf ihr blasses,

schmales Gesicht. Sie war kein schönes Kind, aber eigenartig durch

und durch. Für mich hatte sie eine große Schwärmerei, -- ich glaube

sie hieng noch mehr an mir als an den Eltern -- und dann noch für die

dunklen Pensèes, die in mannigfachen Farbenzusammenstellungen unsere

Gartenbeete zierten.

„Goldblumen“ so nannte sie sie, meine stummen Rivalinnen. Ich habe

die Kleine einst belauscht. Sie kniete, winzig wie ein Käferchen,

vor einer Gruppe der genannten Blumen, den Oberkörper etwas nach

vorn gebeugt, die Arme wie segnend ausgebreitet, während ihre Augen

in unbeschreiblicher Verzückung an den dunklen und gelben Köpfchen

hiengen. Ein Lächeln, das ich nie vorher an ihr gewahrt, verklärte

ihre Züge und dann plauderte sie mit den sammtenen Geschöpfen. „O wie

schön Ihr seid, meine lieben Goldblumen, schöner, viel schöner als die

Rosen und Nelken, -- ein Jed’s ein anderes G’sichterl. Ihr solltet’s

nie verdorren. Habt’s nur keine Angst. Ich pflück’ Euch nicht: ich tu’

Euch nichts zu Leide.“ Und dann küßte sie jede einzelne auf das sanfte

Blumengesicht.

Ich lauschte stumm und tiefergriffen. Es gab also Kinder mit

angeborenem poetischen Empfinden, das der Schlamm, der Schmutz, in dem

sie ausgewachsen, nicht zu ersticken vermocht. Was konnte aus einem

solchen Wesen werden, wenn es in die richtigen Hände geriet -- und

umgekehrt. -- -- --

Die paar Stunden in der Schule und dann sich selbst überlassen, den

lieben langen Tag. -- -- Wieviel schöne Anlagen, die nie zur Ausbildung

gelangen, wieviel Talente, von denen Niemand ahnt. -- Aber freilich,

wo soll der Staat das Geld hernehmen für die Erziehung, wenn er es so

nötig braucht für neue Uniformen und Gewehre.

Sie war nur eine der Vielen, die den trostlosen Verhältnissen zum Opfer

fallen und ich wurde unendlich traurig bei dem Gedanken. „Armes, armes

Reserl.“

* * * * *

Bei meinem Vetter gieng etwas nicht mit rechten Dingen zu: wir merkten

es ihm deutlich an, und schließlich rückte er mit der Sprache heraus.

Um doch irgendwie die Zeit totzuschlagen, hatte er sich dem Spiritismus

gewidmet. Er befaßte sich mit Tischklopfen und Geisterschrift und gab

sich alle erdenkliche Mühe, uns für seinen neuesten Sport zu gewinnen.

„So versucht es doch nur einmal. Ich begreife gar nicht, wie man an

dem Einwirken überirdischer Mächte zweifeln kann.“

„Wir läugnen auch gar nicht, daß es noch unerforschte Kräfte gibt, in

der Natur: ich selbst glaube -- d. h. bis zu einem gewissen Grade an

Suggestion, und an Hypnose: doch das hat mit Deinen Geistern nichts zu

tun“, erwiderte Tante Laura.

„Du willst also nicht zugeben, daß welche existieren. Wir haben aber

Beweise dafür.“

„Du bist jedenfalls sehr genügsam, Robert, wenn Du Dich damit zufrieden

gibst, daß sich im finstern Zimmer ein Tisch bewegt, oder wenn Du

fragst, Antworten erteilt, die Dir der erste beste Bauer geben könnte.

Ich verlange da schon etwas mehr.“

„Was sollten sie denn sagen? Sie müssen ja auf das Niveau unserer

Vernunft herabsteigen, um sich uns verständlich zu machen.“

„Sie müßten im Gegenteil unseren Geist erleuchten, unser

Auffassungsvermögen erweitern, damit wir ihnen über die Alltäglichkeit

hinausfolgen könnten. Uns ganz ungeahnte, verblüffende Dinge enthüllen,

uns von der Zukunft prophezeien. Kannst Du mir etwas in dieser Art

anführen?“

„Es ist sehr schwer mit Solchen zu discutieren, die von vornherein

nicht glauben wollen.“

„Wenn es Dir gelänge, mich zu überzeugen, würde ich mich gewiß nicht

sträuben: aber bis jetzt habt Ihr nichts Markantes aufzuweisen. Im

Gegenteil, es ist ja nachgewiesen, daß die paar Haupteffekte, mit

denen sich die Spiritisten so gerne brüsten, auf schwindelhaften

Manipulationen beruhen. Weshalb scheuen Euere hohen, freien Geister

das Tageslicht? Soll nur einmal Einer eine ~séance~ bei Sonnenschein

halten! Das versuchen sie aber wohlweislich nicht: „im Dunkeln ist’s

gut munkeln.“ Und, soll ich Dir offen meine Meinung in dieser Frage

sagen?“

„Gewiß“, versetzte er zögernd.

„Ich halte es geradezu für ein Unrecht, für einen Betrug, der dummen,

leichtgläubigen Menge solchen Hokuspokus vorzumachen, sie auf den

Holzweg zu führen.“

„Aber Du, die Du so viel auf Ethik gibst, siehst Du denn nicht das

veredelnde, erhebende Moment? Die Leute werden sich mit ihrem Schicksal

viel eher aussöhnen, wenn sie in der Erwartung eines idealen Jenseits

leben.“

„Robert Robert, Du tust mir wirklich leid. Ich finde keine Spur von

Ethik, noch von Ästhetik in wandelnden, weißdrapierten Gerippen, die um

Mitternacht in den Möbeln rumoren, und furchtsame Leute an den Ohren

zupfen.“

„Immer die realistische Auffassung.“

„Aber doch mit Recht. Und Scherz beiseite, nur Leute im höchsten Grade

der Nervenzerrüttung, anormale und schwache Menschen, die einen Profit

erhoffen, die nicht Mut genug besitzen, sich in das Unabänderliche

einer Trennung zu fügen, sind Euere Genossen. -- Ja, wenn die Lieben

widerkämen“, fügte sie in Selbstvergessenheit hinzu, „dann freilich

wär’ der Abschied nicht so bitterhart. Aber bloß weil wir es wünschen

-- das genügt nicht.“

Auch ich seufzte auf und Robert trachtete meine Stimmung auszunützen:

„Du hast kein Wort gesagt? Du hältst es doch wenigstens nicht für

unmöglich?“

„Ich glaube nicht daran.“ „Wahr, wahr in allen Consequenzen, und wenn

das Herz darüber bricht“, es war sein heiliges Vermächtnis.

„Das reine Echo Deiner Tante“, versetzte er spitz und gieng.

* * * * *

Mein Geburtstag. Ich bin 24 Jahre alt geworden. Wie ist das nur

gekommen, so rasch, so unvermerkt? Was war mein Leben bis jetzt

gewesen, und was würde es in Zukunft sein? -- --

Es klopft.

„Herein!“

Hannerl in ihrem besten Staat wünscht mir alles erdenkliche Gute. Ihr

Gesicht strahlt vor eitel Wonne, seit Großmama auf unser Zureden,

ihre Einwilligung zur Heirat mit Fertel gegeben, der nun zum Förster

avanciert war.

Im Winter sollte Hochzeit sein, und täglich nach Feierabend arbeiteten

sie an der Einrichtung ihres neuen Heims. Hannerl wurde nicht müde, mir

darüber zu berichten:

„Das erste Zimmer soll lichtgrün werden -- der Plafond mit Blumen in

den Ecken -- und der Glaskasten soll“ -- -- „Ein weißes Haar“ -- „da

schauen Baroneß“, und mit naivem Interesse hielt sie mir die eine

Flechte hin. „Aber nicht ausreißen“, bat sie, als ich es herausziehen

wollte -- -- „das ist ja schön“, und sie plauderte weiter.

Ich aber war nachdenklich geworden. Und wieder kam es über mich, jenes

ängstliche, beklemmende Gefühl, das mich in letzter Zeit so häufig

beschlich. Eine Art Schwindel und dabei ein Prickeln unter der Haut wie

von 1000 Nadelstichen. -- -- Ich fühlte mich abgespannt und müde; dabei

ward es mir zu eng im Zimmer, ich meinte zu ersticken.

Vor dem Tor erwartete mich die Schar der kleinen Gratulanten aus dem

Dorf. Sie waren komisch anzusehen, wie sie dastanden, geschniegelt und

gestriegelt, und in sichtlicher Befangenheit an ihren Schürzen zupften.

Atemlos, als jage Jemand hinter ihnen drein, plapperten sie ihren Vers

herunter und seufzten erleichtert auf, als sie damit zu Ende waren.

Nur Reserl hielt mir stumm einen Strauß Reseden hin und küßte mir die

Hand. Da stieg es mir heiß in die Augen und ich wandte mich rasch ab --

-- es sollte Niemand sehen, wie unaufhörlich mir die Tränen über die

Wangen rannen, hinab auf die Hände, die hellen, salzigen Tränen.

Das Laub prangt in den glühenden, satten Farben des Herbstes, und

feuchte Nebel rieseln herab. Ein eigentümlicher Modergeruch erfüllt die

Luft, und zahllose welke Blätter bedecken die Erde. -- Ein winziger

Vogel hüpft von Ast zu Ast und singt -- -- es klingt so traurig und

gemartert.

Graue Wolken jagen am Himmel dahin: eine unerklärliche Lust erfaßt

mich; sie zu haschen, die so rasch entfliehen. „Bleibt, eilt nicht so!“

-- -- Alles vergeht, ich komme mir so alt vor, und erst später -- wie

lang wird’s dauern!

Namenlose Traurigkeit erfüllt mich. Ich möchte mich hinlegen zu den

toten Blättern und mit vergehen im großen Sterben der Natur.

Müde lassen die letzten Blüten ihre Köpfchen hängen, als hätten sie gar

Schweres zu tragen. Wer weiß! Es kann ja Niemand in einer Rosenseele

lesen!

Auf den Wiesen spannt der Altweibersommer seine Fäden aus. -- --

Langgezogen und schwermütig tönt der Pfiff der Eisenbahn zu mir

herüber, wie der letzte, jammervolle Aufschrei einer gequälten Seele.

Dann ist es still. Das Ende. Wie öde, wie leer! Und plötzlich kommt mir

ein Lied in den Sinn, das ich die Tante singen gehört, das Tosti’sche

„Ninon“:

„~Ninon, Ninon, que fais-tu de la vie?

Rose ce soir, demain flétrie.

Comment vis-tu?

Toi qui n’as pas d’amour?~“

Morgen schon „vorbei“. -- -- Jede Minute arbeitet langsam aber sicher

am Zerstörungswerk. Unaufhaltsam treibt die Natur ihr grausames Spiel.

Sie schafft mit Feenhänden, um mit Keulenschlägen zu zertrümmern.

Nichts bringt uns das Heute zurück. -- Das Leben ist so kurz -- und im

Weibe wohnt der Drang -- sich hinzugeben in der Rosenzeit. Es ist so

traurig, dahinzuwelken, ohne geblüht zu haben.

„Vierundzwanzig Jahre“, und ich betrachtete mich lang im Spiegel. --

Ich sah bedeutend jünger aus. -- -- Aber es war doch nicht mehr der

taufrische Teint, der leuchtende Blick von früher. -- Und dann auf der

Stirne, um die Mundwinkel -- die ersten Fältchen, unmerklich dünne

Linien noch -- aber wie lange?

Vielleicht war ich überhaupt nie jung gewesen? Eine Scheintote, die

plötzlich aus dem Sarge steigt um die Rechte der Lebenden zu fordern

„Glück und Liebe.“

In der Arbeit liegt Befriedigung: ich hatt’ es selbst erfahren. -- --

Aber alles ersetzen -- nein -- -- das hat sie nicht vermocht.

Mein Herz begann zu klopfen, so laut und bang. Ich hörte seine Stimme

deutlich: sie sprach von „Leben und Genießen.“

* * * * *

Der Winter zeigte sich ganz besonders hartnäckig in diesem Jahr und die

Post hatte infolge der argen Verwehungen wieder einmal Verspätung.

Der alte Witzelsberger lädt uns ein, in der Wohnstube Platz zu nehmen,

und wir folgen der Aufforderung gerne, denn er ist ein guter Mensch,

und einer von den Wenigen, die Schritt zu halten wissen mit ihrer

Zeit, so weit man es von einem simplen Bauer verlangen kann. In seinen

Mußestunden -- d. h. wenn er nicht amtlich zu tun hat -- betreibt er

das Schusterhandwerk, und während er auf seinem Dreifuß sitzt und

die Ahle durch das spröde Leder gleiten läßt, schweift sein Geist in

höheren Regionen. Er dichtet nicht, wie Hans Sachs, hat aber einen

offenen, empfänglichen Sinn für Alles, was die Welt bewegt. Eine

gesunde, derbe Vernunft leuchtet durch jede seiner Äußerungen, und

unter dem groben Barchentkittel steckt ein braves, ehrliches Herz.

Eben befestigt er eine Sohle an winzigen Kinderschuhen: „Die san für

die klane Bucher-Lisi aus Polenz“ erklärt er uns. „S’ war ja eh nimmer

zum Anschaun, was das arme Hascherl g’froren hat. Blaurote Füß und kein

Feuer im Ofen! -- Ja, wenn mer so in die Häuser einerschauert, da hätt’

mer bald g’nua. S’ Armsein, ja!! -- Wann eins no g’sunde Glieder hat,

und was verdienen kann, aber so an Existenz wie die sieche Hablarin --

kan Menschen zur Pfleg, und nit allemal a Stückel trockenes Brot im

Haus -- wahrhafti, s’ Herz kunnt’s Einem im Leib umdrahn. -- Und da

kauft si so a Millionarstochter um 30000 Gulden (nochmals, und sehr

gedehnt) um dreißigtausend Gulden eine seltene Pflanzen. Ja, versteh’ns

denn dös? I hab’s rein nöt glauben wollen, wier’ is g’lesen hab’. --

Die Blumen, und wenn’s a no so schen is, wie lang dauert’s denn, und

sie laßt ’n Kopf hängen? Und herentwegen, wie vüll Gut’s ließert si

mit dem Geld machen. Die wissen’s Alle miteinander nicht, die reichen

Leut’, was für a furchtbare Verantwortung als’ haben.

Vor ein paar Täg’ is in der Zeitung g’standen, daß ein Abgeordneter --

der Namen fallt mir nit glei ein -- von an Steuerzuschlag g’sprochen

hat. Viel macht’s für’n Einzelnen nit aus, -- die paar Kreuzer mehr,

die tun auch Unsereins nit weh -- und z’sammenkommen tät halt do hübsch

was, und die armen Leut’ braucherten doch wenigstens nit zu derhungern.

Da wüßt’ mer do für was, mer hätt’ was davon. Es is ja a Schand -- in

an ordentlichen Staat darf ja so was gar nicht vorkommen. Das Richtige

g’schieht so nit alleweil -- -- no freili, ma traut si’s nit z’ sagen,

sonst kommert mer in Verruf. -- -- Zu was denn um Herrgottswillen, das

viele Müllitär? -- -- Anfangen mag do Keiner, weil Jeder si fürcht’,

-- no ja, selbstverständli -- no also, jetzt steh’ns da -- und warten

-- -- is dös vielleicht a a Beschäftigung? -- Und leben müssen’s do --

Geld brauchen’s -- her damit.“

„Ja, Recht hab’ns Witzelsberger,“ versetzt die Tante. „Nicht nur, daß

das Rüsten ins Blaue hinein, Unsummen kostet, -- es erregt vor Allem

Mißtrauen, und das ist eine große Gefahr.“

„No freili -- so hab’n sie die großen Krieg no immer ang’fangen.

Mannigsmal schielt a der Ane oder der Andere von die hohen Herren

über die Grenz, und wann ihm halt beim Nachbarn a Stückerl gar z’ gut

g’fallt -- nachher geht’s los. -- Bitt’ Ihnen, für a Fleckerl Erden --

is denn dös im Verhältnis -- wenn mer denkt, wie viel tausend drunter

leiden? Wir hab’n do nix davon -- na uns fragt mer aber a nit. --

Sonst, wier’s Volk heutzutag is, a jeder Anzelne tat Ihnen antworten:

„Ah na, i bin nit für n’ Krieg, -- i nit.“ S’is ja a Jammer, wann

die Burschen fort müssen -- drei Jahr lang dienen -- wann’s nachher

hamkommen, da hab’ns das Bissel, was konnt haben, a no verlernt;

spielen si auf ’n nobligen Herrn aus, trinken, machen Schulden, tun den

Dirn’ schön und lassen’s sitzen, wenn se ’s ins Unglück bracht haben.

Na ja, von vorn anfangen, das g’freut’s net; so is kommoder -- und a

Posten zu an Officiern find’ si a nit allemal.“

Er war plötzlich nachdenklich geworden. -- „Ja wann i mi so an’s Jahr

66 erinner’“, fuhr er nach einer kleinen Pause fort -- „die Herrschaft

war dazumal auf Reisen -- weil mer kei Kirchen im Ort g’habt haben,

da san mer’s ganze Dorf an ein Sunndag in die Meß übrigangen nach

Blauenstein. I hab’ früher Flöten blasen auf’n Chor, und war immerdar

der Eifrigste im Gotteshaus. Wie aber dann der Herr Pfarrer -- jetzt

tut ihm a kan Zahn mehr weh -- ang’fangt hat in’s Hetzen, daherzureden,

als wann die Preußen kane Menschen nit wären, da hat’s mer nimmer

g’fallen. Nachha bin i ausblieben. „Pfarrer“, hab’ i simuliert,

„Pfarrer, is denn dös in der Urdnung, is denn dös a Christlichkeit,

daß’t machst, als dürft’ mer an Fremden hassen? Hat do der Herr Jesus

Christus selber g’sagt: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst -- tue

Gutes Deinen Feinden.“ Der Bischof hat’s bald derfahren, na dem war’s

halt a nit Recht und drum hat er uns an andern Seelsorger verschrieben.

Das war ein Mann, sag’ i Ihnen, Frau Baroneß, den hätten’s sollen

predigen hören! „Vor unserm Hergott san mer Alle gleich -- nur durch

gute Werke und rechtschaffenes Leben können mer uns vor seine Augen

wohlgefälli machen. Alle san mer unserm himmlischen Vater sei Kinder,

ob mer aus Frankreich oder Deutschland kommen, Juden oder Christen

sind. Keiner darf’n Andern was z’ leid tun, a Jeder soll schön staat

vor seiner Tür kehren. Da hat er nur Recht g’habt, der geistliche Herr

-- Gott hab’n selig. -- Wenn der heut aufständ’, der möcht’ dem Lueger,

der ganzen Antisemitenpartei urdentlich den Text lesen. Na i gunnert’s

ihnen, s’ war ihnen recht g’sund.

Ja alsdann -- vom Jahr 66 hab’ i Ihnen derzälen wollen. War dös a Zeit

-- i wollt’s nimmer mitmachen, na i nöt. Aber i siehs vor meiner,

akkarat als ob’s gestern wär. Im Frujahr, da san die Burschen wie

g’wönli assentiert worden. Jeder hat zum Müllitär wollen, weil’s als

was B’sonders golten hat. -- Na, und die Madeln haben’s trieben! Wann

Aner mit’n farbigen Büschel auf’n Hut z’ruckkommen is, no nachha war’s

aus. Busseln hat’s geben, uje -- und Augen verdraht haben’s, wie nit

recht g’scheit. Ganz selbstverständli hat si da so a junger Mensch

einbildt’, daß er was Extra’s is. No und mei Hannes, der hat’s halt a

nit derwarten können, und die Freud, wie’s ihn g’halten haben! I hab’

in der G’huam immer g’hofft, sie nehmen ihn viellei do nit. -- Aber er

war a g’sunder starker Mensch: wir hab’n unsere Freud’ an ihm g’habt.

Ja, dös hätt’ mer a nit denkt“, setzte er mit verschleierter Stimme

hinzu und fuhr sich mit der rauhen Hand über die Augen. „Selbigs Jahr

hat er mitmüssen, -- na z’ruckkommen is er a -- aber wie -- mir wär’s

meiner Söll lieber g’wesen, wenn ihn a Kugel glei mitten nei’ ins Herz

troffen hätt’. Bei der Schlacht von Königgrätz hab’ns ihm an Fuß wurz

abg’schossen und den Arm so verwundt, daß er’n hat in der Schlingen

tragen müssen. -- Er war schon so tüchti in der Wirtschaft g’west; hat

Alles verstanden, i hab’ mi um nix net z’ kümmern braucht; -- mit’n

Arbeiten war’s halt dann aus, in Dienst hat’n a kaner mehr g’nommen und

froh -- dös is er sei Lebtag nimmer g’worden. Mit die paar Kreuzer,

die ein Invalid auf’n Tag kriegt, -- da wird er nit satt davon. Ganz

schwermüti is er g’worn, der Hannes, zu trinken hat er ang’fangt, um

net alleweil an sein Unglück zu denken. Was wir ihn beten hab’n: „Geh,

sei g’scheit, laß’ stehen, thus Dein’ Eltern z’Lieb!“ All’s umasunst.

S’hat nix g’nutzt, er hat net aufg’merkt -- und am End’ is er d’ran zu

Grund gangen. Dös hat „uns“ der Krieg bracht.“

Ich blickte mich scheu um in dem armseligen Raum, wo sich eine

Tragödie abgespielt, wuchtiger, düsterer vielleicht, als auf mancher

Großstadtbühne. Auch hier war der Todesengel eingekehrt, um ein

blühendes Leben zu fordern: Schmerz und Verzweiflung folgte seinen

Spuren.

„Wie san’ mer an den Buab’n g’hangen! -- Kan Arbeit war uns zu schwer

und wie er aufg’schossen is und so fleißi g’lernt hat, da hab’n mer

uns net auskennt vor Freud. -- -- Nur, wenn er mit die Holzsoldaten

g’spielt hat, und „Schießen“ kommandiert, da is mer urdentli bang

g’worn. Wann’st mer Du nur net a anmal so derschossen wirst.“

„Von die Sieben san im Ganzen Dreie hamkommen; i war net der Anzige,

den’s troffen hat. Ja, ja, Frau Baroneß, so geht’s schon. -- Zwa

san auf’n Schlachtfeld blieben -- wer weiß, wo die begrab’n san!

Dutzendweis habn’s es in die Gruben g’worfen, die Preußen und die

Österreicher kunterbunt durcheinand -- jetztan haben’s si halt do

vertragen müssen. No, und die andern Zwa san an der Cholera g’storben.

Die Sterblichkeit dazumal war ganz erschrecklich. -- Keine Famüli,

wo’s nit a paar Tote geben hat.“

„Ja schrecklich, schrecklich -- und für was?“, schaltete die Tante ein.

„Dös sag’ i a. Mer bringert ja gern an Opfer, wenn mer an Zweck hätt’,

wann mer meint, si oder an Andern damit z’helfen, was Gurt’s z’tun.

-- Aber All’s hergeben für nix und wieder nix! -- -- Na -- wer dös

begreifert! -- I hab’ drum mein Vaterland nit weniger lieb und wann

Aner von uns was leist’, wann mer von ihm redt, nachher bin i ganz

stolz. „Schau, Witzelsberger is halt a an Österreicher“, denk i dann.

Der Verstand, dös is ja, was’n Menschen ausmacht. -- Wann wilde Viecher

si zerschinten und auffressen, -- das is was anders, aber der Mensch,

der dürft’ do nit vergessen, daß er Gottes Ebenbild is. -- Und dien’ i

denn mein Vaterland besser, wann i mir die graden Glieder abschießen

lass’ und Krüppel werd? Was kann i dann no leisten, was denn? -- Und

praktisch g’nommen, Profit, daß der Anzelne a was davon merket, das hat

do Kaner, nit der Sieger und net der g’schlagen wird. -- Steuerzahlen

muß mer grat a so, und besser leb’n turt mer do nit. Reich werden

höchstens a paar Leut: der Müllitärschneider und die Waffenfabrikanten

-- und dadafür -- ah’s is ja verruckt. -- -- Segn’s Frau Baroneß, in

mancher Weis waren die Menschen früher gescheiter. Da hat do no der

Krieg an Sinn g’habt, weil’s persönliche Tapferkeit geben hat, aber

irzt? -- -- S’Gewehr laden und’n Hahn losdrücken, das bringt bald

Aner zu Stand, auch der Feigste. -- Und wenn’s schon net anders geht,

wenn schon absolut g’stritten sein muß, so sollen halt Zwa die Sach’

austragen. -- Da waß i aus maner Kinderzeit, hat uns amal der Lehrer

derzölt, oder is in der G’schicht standen, dös was i nimmer -- da

haben’s es akkarat a so a getan.“

„Ja natürlich ist’s vernünftiger. Übrigens kann man einen Streit auf

ganz unblutige Weise entscheiden“, und sie setzte ihm in wenigen Worten

die Schiedsgerichtsidee auseinander.

„Sölchs war das Richtige“, erklärte er bestimmt, „na und warum sollert’

mers denn nit dahin bringen? S’ wär’ ja nur a Woltat“.

„Ja lieber Witzelsberger, gewiß. Wenn aber nur Alle so dächten wie Sie.“

„No wegen dem war’s nöt. I bin der festen Manung, daß a Jeder hier im

Dorf -- is wer der wüll, vor’n Bettgehen sein G’setzel hersagt: „Lieber

Hergott, bewahre uns vor jedem Übel, vor Krankheit, Hungersnot und

Krieg.“ Nur trauen’s si halt nit, offen zu bekennen. Wann mers fragert,

a Jeder schauert auf’n Andern, und Kaner muxert si. Bei si aber, in

sein Innern da denkt er do, daß der Krieg an Unsinn is, a Sünd. -- Ja,

wann’t Menschen g’scheiter wär’n, wird si a Mannigs ändern.“

„Vater, die Post kommt.“ Es ist seine Tochter, ein bildhübsches

Geschöpf von 18 Jahren. Das Haar umgibt in goldiger Fülle ein blasses

Gesichtchen, aus dem ein paar traurige Rehaugen blicken.

„Ja, Franzel, geh’ nur -- i kumm glei nach.“ -- „Das Madel will mer nit

gefallen -- vielleicht a a Liebschaft. Jetztan laßt’s alleweil den Kopf

hängen, hats Lachen ganz verlernt.“

„No aber, Sie können doch eine Freud’ haben mit so einer hübschen

Tochter.“

„Dös wol. Freili bin i stolz -- nit weg’n der Schönheit -- das vergeht

-- sondern weil’s a so a braves, rechtschaffens Ding is. Hat mer, so

lang i denken kann, no niemals keine böse Stund’ nit g’macht“, und

damit rückt er die Hornbrille fester auf die Nase und begibt sich in

die Amtsstube.

„Der brave Alte.“ Einer momentanen Eingebung folgend, nähert sich ihm

die Tante und drückt die arbeitsharte schwielige Hand.

* * * * *

Langsam, ruckweise löst sich der Schnee von Bäumen und Dächern und

klatschend fallen die Tropfen zur Erde. Nur noch an einzelnen Stellen

bildet er eine schmutzigbraune Maße, die seltsam von dem jungen Grün

absticht, das wie ein weicher Teppich den Grund bedeckt.

Verheißend weht ein laues Frühlingslüftchen, und die knorrigen

Weidenbäume scheinen in hellen Flammen zu stehen. Die Sonne läßt ihre

kahlen Äste erschimmern wie pures Gold, die Tausendkünstlerin, die

liebe, liebe Sonne.

Die ersten Palmkätzchen recken die flaumigen Köpfchen und die

ungestümen Kibitze flattern auf, mit klagendem Geschrei.

Paarweise und in Gruppen, dicht aneinander geschmiegt, fest in die

Silberpelzchen gehüllt, stehen die Anemonen da und ab und zu gewahrt

man auch schon eine Primel.

Wie lange noch, und Alles steht in Blüte! Mir wird so weich, so warm

um’s Herz -- eine eigentümliche Rührung überkommt mich und treibt mir

die Tränen in die Augen. Ich weine jetzt so leicht. -- Es überläuft

mich kalt. Die bösen Nerven. Und so müde: so schwer die Glieder.

Vielleicht dachte ich zu viel an mich? Und dann empfand ich plötzlich

ein intensives Bedürfnis, Jemand ein paar gute Worte zu sagen, eine

Freude zu bereiten.

In der Entfernung taucht eine dunkle Gestalt auf. Es ist die

Witzelsberger-Franzel. Welch’ anmutiger Gang, welch’ elegante Haltung.

Ein schöner Edelstein in plumper Fassung. In zehn Jahren, vielleicht

schon früher würde sie ein welkes, abgearbeitetes Bauernweib sein, ohne

jeden Reiz.

Sie war auch mir in letzter Zeit still und traurig erschienen. Sollte

sie auch ihren Kummer haben?

„Franzel.“

Sie beschleunigte ihre Schritte, und vermied es, nach meiner Richtung

zu sehen. Ich rief mechanisch noch ein zweitesmal, und da war’s, als

besänne sie sich. Sie blieb einen Augenblick stehen, und kam dann

langsam auf mich zu.

„Wo warst denn Franzel?“

„In Sahning“, kam es stockend zurück.

„Muß schön gewesen sein im Wald. Gelt’ wir haben’s halt doch besser als

die Stadtleut, die den ganzen Tag im finstern Zimmer sitzen müssen.

Oder möchtest gern nach Wien?“

„O Gott, mir is’ alles eins -- am liebsten wär’ ich tot.“

„Aber geh Franzel, wer wird denn so reden? Was tät denn Dein Vater ohne

Dich?“ Jetzt erst fielen mir ihre verweinten Augen auf. „Is Dir denn

was Unangenehmes geschehen?“

Sie blickte beharrlich zu Boden.

„Ja, wenn Du’s nicht sagen willst.“ --

„Es nutzert ja nix. S’ is Alles -- Alles aus.“ Dabei brach sie in

krampfhaftes Schluchzen aus. „I hab’n halt so vüll gern und hab glaubt

an ihn, wie an’ Herrgott selber.“

„Dein Schatz, Franzel? So ist er Dir untreu geworden?“

„Ja, jetzt, wo’s Unglück über mich kommt, will er nix mehr von mir

wissen. Früher, da hat er mir schön tan und immer g’sagt: „Franzel, ich

versprech’ Dir, daß ich Dich heirat’, verlaß Dich nur ganz auf mich!“

„Das ist nicht recht von ihm. Hat er nicht gesagt, warum er nicht mehr

will?“

„Weil er fort muß. Sein Urlaub is aus -- Sie wissen’s ja so.“

„Aber Franzel, woher soll ich es denn wissen? Ich weiß ja gar nicht wer

er ist.“

„Das haben’s wirkli nit gewußt?“ Sie fragte ganz erstaunt. „Weil’s ihn

so oft im Schloß drin sehen, hab’ i mer denkt, daß er Ihnen was g’sagt

hat. Jesses nein -- i trau mich gar nicht z’ Haus, zum Vater -- der

jagt mich noch am End davon.“ Sie sah mich verzweifelt und hilfesuchend

an, als erwarte sie ihre Rettung von mir.

Ich aber war so empört, so erbittert über Robert, daß ich kein Wort

des Trostes fand. Und dann, was war zu tun? Ich sann hin und her,

ohne einen Ausweg zu finden. Schweigend standen wir uns eine Weile

gegenüber, dann ergriff ich Franzels Hand: „Hast’n wirklich so gern?“

„Seh’ns das ist auf einmal so kommen. Zuerst hab’ ich ihn gar nit

mögen. Dann aber, wie er so viel bettelt hat, daß er ohne mich nicht

leben kann, hat er mir erbarmt. Und jetzt -- jetzt“ -- --

„Armes Ding! Vielleicht, daß sich doch was machen läßt. Ich will

nachdenken. Eigentlich, wenn er Dir’s versprochen hat, muß er Dich ja

heiraten.“

„Das hab’ ich auch geglaubt. Er sagt aber s’ist ein Unsinn.“

„Sein Wort halten, ein Unsinn? Da irrt er sich. Sei ruhig, Franzel --

er muß es gut machen.“

„Glauben’s wirkli?“ Sie fiel mir um den Hals und jubelte unter Tränen

„wirkli?“ Dann plötzlich mit unheimlicher Entschlossenheit: „Na ja,

sonst blieb’ mir nur eins übrig. Dem Vater könnt’ ich ja die Schand’

nit antun.“

Es war plötzlich finster geworden. Graue Wölkchen ballten sich zu einem

Klumpen zusammen, verhüllten die Sonne, und ein feiner Regen sprühte

uns in’s Gesicht.

„Muß schon spät sein. Wenn ich nicht schnell geh’, komm’ ich nicht zu

Mittag nach Haus.“

„Ja, geh’ Franzel und sei ruhig.“

Die Dorfuhr schlug dumpf die zwölfte Stunde, und so oft sie zu neuem

Schlage aushub, gab es mir einen Stich in den Kopf. Was ich da soeben

gehört, schien mir wie ein dunkler Fleck auf blendenden Rosenwolken,

etwas so Häßliches, Düsteres. Da hatte man mir wieder ein Stückchen

Illusion geraubt. Ich wußte ja, wie es zugieng in der Welt -- ich

konnte es tagtäglich in der Zeitung lesen, und dennoch sträubte ich

mich, daran zu glauben. Und dann lag es vielleicht auch daran, weil das

Echo der Großstadt nur gedämpft zu mir herüberdrang, während ich heute

dem Elend gegenübergestanden, ihm ins Auge geblickt.

Mit einemmale überkam mich ein solcher Ekel vor den Menschen; ich

fühlte kein Mitleid mehr mit ihnen, nur unsägliche Verachtung.

Ich war dem Dorfe näher gekommen und hörte das schrille Gebrüll eines

Schweines. Es tat mir in den Ohren weh; ich bog rasch um die Ecke, und

was ich jetzt sah, erfüllte mich mit solchem Entsetzen, daß ich mich an

einen Baum halten mußte, um nicht umzufallen.

Unter einem geöffneten Haustor wurde ein Schwein geschlachtet. Das

Tier lag gebunden, blutüberströmt im Trog und ein Mann versetzte ihm

mit Wonne Stiche, ermutigt von den Zurufen der Umstehenden: „Nur zu,

a so, recht fest eini.“ Zwei kleine Buben verfolgten mit Spannung den

Vorgang. Ich wollte auf sie zulaufen, sie wegreißen, ihnen sagen, daß

das abscheulich sei, aber ich vermochte keinen Schritt zu machen.

Ich hörte nur das verzweifelte, gellende Schreien, zuerst laut und

fortgesetzt, dann immer seltener und schwächer -- in meinem Kopfe

wirbelte Alles durcheinander, bis ich nichts mehr wußte.

Ich wahr ohnmächtig vor dem Tor zusammengefallen und ins Schloß

getragen worden. Abends jedoch hatte ich mich bereits vollständig

erholt und erzählte der Tante die Geschichte mit der armen Franzel, in

der Robert eine so erbärmliche Rolle gespielt. Sie war so empört und

außer sich, daß ich erschrack. Nachdem sie sich ein wenig beruhigt

hatte, untersagte sie mir jedwede Einmengung, da sie es für angezeigter

hielt, daß ich mich von solchen Dingen fernhalte -- sie selber wolle

mit ihm reden, an seine Ehre appellieren, falls er überhaupt noch einen

Funken dieses Gefühles besaß.

Während die Tante mit ihm verhandelte, bemächtigte sich meiner eine

große Unruhe. Was wird er sagen und wie soll es enden? Es war eine

böse, traurige Geschichte und unaufhörlich schwebte mir Franzel’s

verweintes, angstvolles Gesicht vor. Es gab nur einen Ausweg, das

begangene Unrecht zu sühnen: er durfte nicht anders handeln, es war

seine heilige Pflicht und Schuldigkeit. Die Tante kam zurück, blaß und

erregt. Die Augen sprühten Funken und die Fingerspitzen zuckten nervös.

Sofort begriff ich, wie es stand: „Er will also nicht?“

„Nein. Er weigert sich -- der Elende. Von heute ab sind wir geschiedene

Leute. O, man könnte oft verzweifeln an den Menschen! Diese verkehrten,

hirnverbrannten Ansichten, diese Gemeinheit der Gesinnung. Wahrlich,

wir Aristokraten haben’s not, uns aufzublähen, uns was zu Gute zu tun

auf unsere Noblesse. Ein armer Flickschuster ist oft tausendmal mehr

wert, als so ein vornehmer Taugenichts.“

Dann schilderte sie die Unterredung. Wie er zuerst -- ahnungslos,

daß sie um die Sache wisse -- sondiert, ob ich ihn nicht vielleicht

doch nehmen wolle. Sie solle mich bei der Gefühlsseite, beim Mitleid

packen: er müsse jetzt wieder zum Regiment, in ein entlegenes Nest, sei

allerlei Versuchungen ausgesetzt, denen er erliegen würde. „Mimi kann

mich retten, mit mir tun, was sie will: ich wäre Wachs in ihrer Hand.“

„Würdest ihr zu Liebe wohl auch Deine Ansichten zum Opfer bringen? Denn

wie Du jetzt denkst, ist ja eine Verständigung nicht möglich?“

„Alles, was sie will.“

„Nun, das spricht nicht zu Deinen Gunsten. Sie müßte ja einen Mann

verachten, der seine Überzeugung für irgend einen Vorteil hingibt.“

„Wie Du immer Alles drehst. Es scheint übrigens, daß Du an meiner

Ehrenhaftigkeit zweifelst. Ich wüßte nicht daß ich Dir Grund dazu

gegeben.“

„So? Wie vergeßlich! Nun da muß ich Deinem Gedächtnis schon etwas

nachhelfen. Es ist gar nicht so lange her -- -- übrigens vielleicht

täusche ich mich in Dir. In diesem Falle würde ich Dir das Unrecht

herzlich gern abbitten.“

„Aber worum handelt es sich denn?“ Er zupfte verlegen an seinem

Schnurbart.

„Du mußt die Franzel heiraten.“

Er schnellte von seinem Stuhl empor. „Bitt’ Dich, laß doch jetzt solche

Spässe beiseite. Mir ist wirklich nicht zum Lachen zu Mute.“

„Das begreife ich. Weinen solltest Du im Gegenteil. Ich denke, Du

kennst mich genügend, um zu wissen, daß es mir bitterer Ernst ist mit

dem, was ich sage.“

„Ja, aber seid Ihr denn Alle miteinander“ -- er hielt es für angezeigt,

das letzte schmeichelhafte Wort zu unterdrücken.

„Wenn „anständig handeln“ verrückt ist, dann bist Du allerdings

superweise.“

„Aber um des Himmels Willen, Du wirst mir doch nicht zumuten, ein

Bauernmädchen zu heiraten. Wo denkst Du denn nur hin? Das verstößt ja

gegen alle Familientraditionen.“

„Da hätte ich beinahe meine Selbstbeherrschung verloren und ihm einen

Schlag ins Gesicht gegeben“, fuhr Tante Laura fort, „doch ich bezwang

mich und frug, ob er nicht absichtlich diese falsche Auffassung

vorschütze. Ob die Ahnen es ehrenwerter fänden, wenn ihr Abkömmling

schlecht handle und keine Reue empfinde, als wenn er sich bemühe, den

Mackel von seinem Namen zu tilgen.“

„Aber geh’, so denkt ja kein Mensch. Es ist Gang und Gäbe bei den

jungen Leuten, Liebeleien anzuknüpfen, wo sich ihnen Gelegenheit

bietet. Aber Verpflichtungen? -- -- --“

„Du hast ihr Dein Wort gegeben.“

„Aber doch nur ~pro forma~. Könnte mir nicht im Traum einfallen, sie zu

meiner Frau zu erheben.“

„Das ist ein kurioser Ausdruck. Wenn Dich Eine nimmt, wird sie

herabsteigen müssen -- und zwar sehr tief.“

„Sehr liebenswürdig. Und das Alles, weil ich mich weigere, diese Gans

zu heiraten. Nein, den Großeltern, der Familie, mir selbst diese

Schmach anzutun, dazu gebe ich mich nicht her.“

„Ich kann nur staunen über diese neue Moral, die jedem Anstandsbegriff

ins Gesicht schlägt. Ein Mädchen, das nichts hat als ihren anständigen

Namen, unter falschen Vorspiegelungen ins Verderben stürzen, sein Wort

brechen, sie im Stich lassen und dann stolz von dannen ziehen mit dem

Mäntelchen „Ehrenhaftigkeit“ um die Schultern, ich muß schon sagen, da

gehört eine Gewissenlosigkeit sondergleichen dazu.“

„Du bist der Person ganz einfach aufgesessen. Ich wett’, die prahlt vor

dem ganzen Dorf damit, daß sie einen „Baron“ gehabt habt. Das passiert

nicht einer Jeden.“ Er sagte das mit einem Cynismus, der mir das Blut

erstarren ließ. Ich verließ das Zimmer.“

Der armen Franzel konnte also nicht geholfen werden. Sie gestand dem

Vater Alles und er versetzte Robert inmitten der Dorfstraße eine

schallende Ohrfeige. Es war dies die letzte Erinnerung, die Baron

Steindorf von seinem Urlaub mitnahm. Wir hörten noch ab und zu von ihm,

sahen ihn aber nicht wieder.

Es hieß, daß er Schulden mache und seine militärischen Pflichten sehr

nachlässig erfülle. Schließlich wurde er ein Trinker und gieng in noch

jungen Jahren am ~delirium tremens~ zu Grunde.

Niemand weinte um ihn. Das einzige Wesen, das ihn geliebt, Franzel,

starb, nachdem sie ein totes Kind zur Welt gebracht.

Vierter Abschnitt.

+Palazzo Dario+, am 15. Mai.

„Venedig.“ Ich flüstere es vor mich hin, in scheuer Andacht. Stahlblau

liegt die Lagune vor mir und muntere Wellchen plätschern an die Stufen

des Palazzo. Lautlos gleiten die Gondeln dahin und lachend strahlt

der Himmel nieder auf dieses Feenland, das sagenumwoben ist, wie kein

zweites.

Bella Venezia, stolze Königin, die Du lächelnd das Blut Deiner Söhne

trankest, dieser glühenden, leidenschaftlichen Geschöpfe, die lieber

sterben wollten als unterliegen, die Du den Dichter zu höchster

Begeisterung entflammst, die Du selbst das Merkmal ewiger Poesie auf

Deiner Stirne trägst, ich neige mich vor Dir.

Ach es ist doch schön zu leben, -- bewußt zu leben! Schon scheint mir

die böse Krankheit, die ich durchgemacht, Alles was hinter mir liegt,

so nebelhaft verschwommen, in unendlich ferne Vergangenheit gerückt.

Sechs volle Wochen dagelegen, zerschlagen, völlig gleichgültig, in

einer Art Halbschlummer, dann wieder wild phantasierend, fieberheiß,

besinnungslos.

Auch Vincenz war bei mir im Traum. Einen Kranz von violetten Sternen

trug er um das Haupt. Ich frug ihn, wo die Nelken seien. „Verblüht“

erwiderte er -- und was die Sterne bedeuten? „Erinnerung.“ Da flammten

sie plötzlich auf in rotem Schein -- und dann wurden sie immer heller,

immer blasser. --

Das war in der Nacht, wo die Gefahr am größten schien. Von da an gieng

es besser ...

Jetzt fühl’ ich mich wie neugeboren, mir ist so leicht zu Mute als ob

ich Flügel hätte.

Keine Spur mehr von der Überreizung, wie ich sie früher so oft

empfunden, die mich verbittert und betrübt gemacht. Jetzt lache ich

über meine überspannten Ideen. -- Alt! Mit vierundzwanzig Jahren, bei

solcher Eindrucksfähigkeit!

Wie erfrischend, dieser salzige Meereshauch! Man möchte ihn recht tief

einsaugen, die Lungen damit füllen. Das stärkt, belebt, ist besser als

alle Medikamente.

Die eigentliche „Stagione.“ Alle Hôtels und Pensionen bis auf den

letzten Platz besetzt. Es wimmelt von Fremden. Wir können wirklich

von Glück sagen, was unsere Wohnung anbelangt. Zwei allerliebste

Schlafräume, in hellen Farben gehalten, mit großgeblumten Tapeten,

ein Arbeitszimmer, und ein ungemein gemütlicher Salon. Nichts von der

steifen Einförmigkeit der vermieteten Zimmer, sondern ein wohnliches

Kunterbunt, mit lauschigen Ecken, eingelegten Möbeln, Teppichen und

schönen Bildern.

Noch nie war ich so wunschlos froh, so stillvergnügt wie jetzt. Alles

und Jedes bereitet mir Genuß. -- Die Gondelfahrten, die guten kleinen

Diners -- immer Landesspeisen -- meine Gesundheit, das wiedererlangte

Gleichgewicht.

Ich möcht’ mit keinem König tauschen.

* * * * *

Am 21. Mai.

„Das ist aber eine gute Nachricht! Da, lies nur Tante“ und ich schob

ihr das Blatt hin. Hier stand es schwarz auf weiß, daß sich eine Liga

gegen das Duell gebildet.

„Endlich.“ Sonst hat sie nichts gesagt, wie dieses eine Wort. -- -- Nur

ich, die ich sie kenne, habe die Erwartung, die Sehnsucht, die Mühe

vieler Jahre herausgehört. -- Diesen Unfug zu bekämpfen, den Zweikampf

aus der Welt zu schaffen, das war ihr, die so namenlos darunter

gelitten, noch mehr am Herzen gelegen, wie der Friede. -- -- Doch sie

fühlte instinktiv, daß es klüger sei, zu warten. Wenn sie, als Frau,

die Initiative ergriffen, hätte sie nichts erreicht, nur sich und die

Sache lächerlich gemacht, statt ihr zum Siege zu verhelfen.

Ja, es wird langsam hell in den Köpfen. Es ist ja auch wirklich

lächerlich. Was beweist das Waffenglück? An ein Gottesurteil glaubt

doch heutzutage Keiner mehr. -- Wie oft büßt gerade Der sein Leben

ein, der im Rechte ist. -- Und aus welchem Anlaß schlägt man sich? --

Eines unbedachten Wortes, einer Lappalie wegen! -- -- Ist aber die Ehre

wirklich verletzt, dann muß natürlich Sühne sein. -- In diesem Falle

gibt es aber noch andere Mittel als solche, wo unschuldige Familien um

den Ernährer gebracht werden.

Jener, der aus Princip ein Duell refüsiert, ist noch lange kein

Feigling. Im Gegenteil. Wie nun einmal die Dinge liegen, gehört mehr

moralischer Mut dazu, als sich vor die Mündung einer Pistole zu stellen.

Die Engländer haben doch auch ihre Ehre und bei ihnen ist der Zweikampf

eine Unmöglichkeit geworden.

Die Liga weist eine beträchtliche Zahl der angesehensten Namen auf. An

der Spitze: „General Graf Deuchtestum.“ -- -- Das klingt fast wie ein

Stück Geschichte und gar nicht friedlich nebenbei. -- Blinkende Waffen

und Kanonendonner, und er Allen voran im Kampfe um die Freiheit. -- Wie

reimt sich das?

Jetzt weiß ich es. Er war bei uns. Der schönste alte Herr, den man sich

denken kann: einen Maler müßte dieser Kopf entzücken. So mögen die

Ritter von ehedem ausgesehen haben, nur daß keine Spur von Wildheit in

seinen Zügen liegt: die blauen Augen strahlen in fast überirdischer

Güte und eine Welt von Milde tut sich kund in seinem Lächeln. Mein

Blick hieng noch immer wie gebannt an der Hünengestalt mit dem edlen

Gesicht, dem wallenden weißen Bart. Ich fuhr erschreckt auf, als die

Tante mich vorstellte und ärgerte mich noch nachträglich über mein

Erröten.

Die Beiden plauderten wie alte Bekannte, obwohl sie sich niemals zuvor

gesehen. Ich schwieg: eine gewisse Scheu hatte sich meiner bemächtigt.

Ich wollte etwas sagen, fand die Worte nicht, kam mir so dumm und

unbedeutend vor. Vermutlich weil ich nicht gewöhnt bin, mit Fremden zu

verkehren.

Aber ich habe gut zugehört und mir jedes Wort gemerkt, das er

gesprochen. Er hat ein ungemein sympatisches Organ, weich und metallig

zugleich: zu dieser Stimme paßt auch Alles, was er sagt:

„Wenn man wie ich, sein halbes Leben auf dem Schlachtfelde zugebracht,

verlernt man es gründlich, für den Krieg zu schwärmen. Ich habe

das furchtbare Elend der Menschen, ihr Blut, ihre Tränen gesehen,

ich habe ihre Klagerufe, ihre Seufzer gehört, und bin über Leichen

hinweggeschritten, dem Siege zu. Wir zogen ein mit wehenden Fahnen und

klingendem Spiel. Die Menge jubelte uns zu. Ein Hochgefühl erfüllte

da auch mich -- eine Art Taumel -- solange die Trompeten schmetterten

und die Leute jauchzten. Ja, ja.“ Er fuhr sich mit der Hand über die

Stirne. -- -- „Irren ist menschlich -- aber wenn man sein Unrecht

eingesehen, soll man nicht starrköpfig sein. -- Dreimal hab’ ich es

mitgemacht und nur weil ich es wollte. Wie betäubt. Hab’ nicht gehört

auf das Gewissen, lange Zeit. -- -- -- Wenn ich allein war, da hab ich

immer eine Stimme vernommen, ernst und traurig -- zuerst nur selten,

dann immer häufiger und lauter: zuletzt fand ich keine Ruhe mehr bei

Tag und Nacht. Gerungene Hände, verstümmelte Jammergestalten, mit

verzerrten Zügen und noch einem letzten Fluch auf ihren Lippen. -- --

-- Da hab’ ich die Orden heruntergerissen von meiner Brust und mich

geschämt. -- -- Ja, ja, lassen wir’s gut sein. Geschehen ist geschehen.

Wie? Das Einzige, was in meiner Macht lag, habe ich getan. Meinen Sohn

abgehalten, in meine Fußtapfen zu treten. Ist mir übrigens nicht schwer

geworden. Hat selber nie was wissen wollen von den Massacres. Reist

viel herum: ist eben wieder in Amerika gewesen. Kopf voll Socialismus.

Will ein Buch schreiben über die Zustände dort. Gefallen ihm besser als

bei uns zu Hause. Wie? Ganz international.“

Er spricht gewöhnlich in kurzen Sätzen und springt oft unvermittelt von

einem Gegenstand zum andern über, was zuweilen bei Leuten vorkommt,

denen vielerlei Gedanken auf einmal durch den Kopf schwirren. Auch

wendet er das Wörtchen „Wie“ sehr häufig an, und sieht dann fragend

umher, als erwarte er die Bestätigung.

„International“, wiederholte die Tante, „das ist heutzutage der

einzig richtige Standpunkt. Freilich, Solche, die stets an der

Scholle geklebt, die haben sich gewöhnt, das Stückchen heimatlicher

Erde als Centrum zu betrachten, und alles außerhalb der Grenzen

Liegende als Barbarei. Sie urteilen nicht aus Eigenem, denn es fehlt

ihnen am Vergleich. -- Würden sie hingegen näheren Verkehr mit den

Nachbarvölkern, mit fremden Nationen pflegen, sie kämen gar bald zur

Überzeugung, daß es auch dort Menschen und Einrichtungen gibt, die

sehr vernünftig sind, und bei deren Nachahmung man nur profitieren

kann. -- Erwachsene Leute zeigen sich in der Regel weniger biegsam,

schwerfälliger in ihren Anschauungen als Kinder. Es wäre darum sehr

wünschenswert, die Letzteren für die Zeit ihrer Erziehung in ein

anderes Land zu geben. Außer dem Vorteil des Erlernens einer fremden

Sprache, wäre dies das beste Mittel zur Anknüpfung freundschaftlicher

Beziehungen, was wieder nur den Frieden fördern könnte.“

„Ja, ja, wär’ eine gute Sache, wie? -- Soll ein Gesetz werden.“

Dann kamen sie auf die momentan am wichtigsten Frage zurück, die

Abschaffung des Duells. -- -- Der Graf legte uns eine Zeitungsnotiz

vor, die zufällig einige Tage vorher in München, seiner Vaterstadt,

erschienen war:

„Der Prinzregent von Bayern gegen das Duell.“

„Von allerhöchster Seite ist entschieden worden, daß das Urteil

hinfällig ist, welches bestimmt, daß in einem speciellen Fall ein

Officier vom Ehrengerichte zur Entlassung mit schlichtem Abschiede

genötigt werde, weil er sich als principieller Gegner des Duells

erklärt. Es ist durchaus kein Grund vorhanden, daß ein Officier,

der einen solchen Standpunkt einnimmt, entlassen werde. Das

bayerische Kriegsministerium hat in dieser Hinsicht eine Änderung

der betreffenden Ehrengerichtssatzungen verfügt und so ist der Weg

angebahnt, daß das Duell in der bayrischen Armee allmählich zu den

Seltenheiten gehören wird.“ --

„Die Mächtigen können so viel leisten, wenn sie nur wollen“, bemerkte

Tante Laura.

„Ja freilich. Sollen mit dem guten Beispiel vorangehen. Ist ja nicht

schwer. Kostet sie nur ein Wort. -- Dann sollen sie Alle ruhig auf

ihren Tron bleiben, nicht wie mir erst gestern Einer sagte: „Monarchen

abschaffen, Alle miteinander!“ Dazu ist die Zeit noch nicht da. Kann

auch so gehen ohne Streit, wie? -- Schwert in die Rumpelkammer,

Palmenzweig so“, und er machte die Bewegung des Schwingens. „A ja, ja,

schöne Sachen, wie? -- Und nun verzeihen Sie, daß ich so lang geblieben

bin -- -- auf Wiedersehen!“

Die Tante ist ganz übermütig lustig.

Wir tranken eine Flasche Asti auf den Tod des Krieges und Duells.

* * * * *

Am 24. Mai.

Die beiden Schwestern aus der Nebenwohnung haben uns besucht. Diese

Visite muß ich schildern: es war zu komisch. Sie sind Italienerinnen,

capricieren sich aber, deutsch zu sprechen. „Weil ’s is eine

Heflichkeit, die was wir haben für jedermann, das kommt in unsere

Land.“

Da läßt sich also nichts einwenden.

Sie haben ihre Jugend bereits zu Grabe geläutet und geben sich

auch durchaus keine Mühe, über diese Tatsache hinwegzutäuschen.

Von Eitelkeit keine Idee: dessenungeachtet lieben sie es, in den

Erinnerungen der ~tempi passati~ zu schwelgen. Das Gesicht Corona’s,

der Älteren, zeigt noch die Spuren einer gewissen, rasch verflüchtigten

Schönheit, das, was man „~beauté du diable~“ zu nennen pflegt. Die

Augen sind dunkel und groß, die Nase ist scharf gebogen und zu lang,

die Gestalt breit und untersetzt.

Pepi’s Äußeres ist sehr nichtssagend. Sie scheint es zu wissen und hat

es sich zur Pflicht gemacht, über die eigene Person zu schweigen und

nur die Vorzüge der Schwester zu rühmen.

Eines aber haben sie gemein: im Schnattern sind sie Meisterinnen.

Corona entschuldigt sich, daß sie in Filzschuhen erschienen ist.

„Weil’s in diese Winter so eine Kälten gehabt hat, da hab’ ich mir alle

Finger von die Fiß gefrört. Es tut noch immer weh.“ Und Pepi lieferte

die mimische Begleitung zu diesem Geständnis, indem sie von einem Bein

auf das andere hüpft und mit zusammengekniffenen Lippen murmelt: „Arme

Corona! Uh, diese Schmers.“

Wir kommen auf die Geselligkeit zu reden. Sie gehen häufig in’s

Theater, im Übrigen leben sie abgeschlossen, ohne etwas mitzumachen.

Sie erklären auch ohne Umschweife, warum:

„Es is so eine eigene Sach’! Wenn man in unsere Alter auf Soiréen geht,

schauen Einen die Leut’ so komisch an und denken sich: „Was wollen denn

Die da? Warum habens nit früher geheiratet, die Gredeln?“ Es is ja grad

so, als ob man eine Sünd’ auf die Körper hätt’. Ein paar so Cavaliere,

die was kein Geld in der Taschen haben, meinen am End’, es muß uns eine

Ehr’ sein, wenn’s uns schön tun. Möchten uns nehmen, um ein Geschäft zu

machen, damit sie uns beerben. Diese Comödi kennen wir. Aber aufsitzen

tun wir nicht, weil wir keine Hase sind von diese Jahr. Überhaupt: sind

Alle miteinander nix wert, diese Männer. Unsere größte Stolz is, daß

wir ledig sind.“

„Ma, Corona“, unterbricht sie Pepi. „Warum sprichst denn so? Grad Du

hast zehne gehabt, an eine jede Hand, auch eine Fürst. Ja“, setzt

sie mit triumphierendem Lächeln hinzu, „verliebt war er bis über die

Ohren, aber der Papa hat nit wollen, daß seine Tochter einen Officieren

heiratet.“

„Armer Papa“, seufzt Corona auf, „war immer so lustig, und hat müssen

eine so böse Ende nehmen. Betrunken“, flüstert sie.

Diese Aufrichtigkeit versetzte uns doch einigermaßen in Staunen. Sie

aber ließ sich nicht beirren. „S’is eine Fatalität, die was liegt in

unsere Famili. Alle immer betrunken; auch wir werden an dieses sterben.“

Sie meinen „ertrunken“, und ich kann mir lebhaft die verblüfften

Gesichter vorstellen, die diese Mitteilung bei Anderen zur Folge hat.

Diskret hinweggehend über den heiklen Punkt, der da in unglaublicher

Naivität blosgelegt worden.

„Sie war so schwer zu befriedigen“, fährt Pepi fort. „Gefallen hat ihr

bald Einer, aber wenn die Red’ gekommen is zum Heiraten, hat’s nix mehr

wissen wollen. O, die hat so eine kalte Hers. -- Erst vor zwei Jahren

hat sie eine Korb ausgeteilt an eine gewisse Herr Mayer, eine sehr

hübsche Mensch, das was selber hat gehabt drei Millionen. Er hat immer

gesagt: „Sie soll mit die Schlafrock, das sie auf die Leib hat, meine

Frau werden, damits nicht glaubt, ich brauch’ ihr Geld.“ Und weil sie

ihn nit mögen hat, hat er in alle Wälder herumgejagt, und in die Hitz

kaltes Wasser getrunken; nachher is er an die Abzehrung gestorben und

hat noch in sein letztes Stund „Corona“ geschrieen.“

„Warum sagst denn nix von Dir? Hättest ja selber gute Partien machen

können.“

„Ja, diese fünf Doktoren! Ich hab’ immer so eine Graus gehabt vor

diese Leute, die Menschen aufschneiden und nach die Medicin riechen.“

Plötzlich stößt sie einen Freudenruf aus. Sie hat auf der Etagère die

kleine nickende Pagode erblickt. „~Ma prego~, schau Corona. Wir haben

ganz dasselbe. Früher“, erklärte sie uns eifrig, „haben wir eine Türk

gehabt. Es ist immer Alles gut gegangen, bis er gebrochen is. Da war’s

Unglück im Haus. Zuerst sind die Eltern gestorben; die Corona hat

solche Kopfweh bekommen, daß sie ihr haben die Würmer setzen müssen;

und ihre Courmacher is krank geworden von die Lieb. Da hat uns alle

Zwei von so eine Chines geträumt, und wie wir’s in die Auslag sehen, so

kaufen wir’s.“

Das Alles mit einem Ernst, als ob es sich um die wichtigsten Dinge

handle.

Die Tante frägt sie um ihre Meinung über die Bellincioni, die soeben

ein glänzendes Gastspiel in Wien absolviert.

„Ja, sie singt ganz gut“, erwidert die Ältere mit einer gewissen

Zurückhaltung, und Pepi beeilt sich, hinzuzufügen: „Die Corona kann

so schön die Musik machen. Was die hat gehabt für eine Stimme! Viel

stärker wie die Bellincioni. Früher hat sie immer Concerte gegeben, daß

die Leute sind verrückt geworden. In die Gondel war kein Platz mehr für

die Blumen. Seit ihre Kopfweh freut sie’s nicht mehr.“

„Nein weil seit diese Zeit is mir die Migräne in die Hals gestiegen.

Und dann is doch mühsam die Begleitung, weil ich so kurz bin von die

Finger.“

Ich habe das Lachen nur so hinuntergewürgt. Es ist so merkwürdig, daß

die Leute niemals selbst fühlen, wenn sie komisch sind. Und doch, was

wär’ die Erde ohne solche Menschen?

* * * * *

Am 28. Mai.

Täglich Neues. Wir besuchen Kirchen und Palazzis, Museum und Galerien.

Überall derselbe Reichtum. Ein Leuchten der Farben, ein Glänzen von

Gold und Edelsteinen und eine heilige Ruhe über diesen Stätten, die der

Genius umschwebt; man meint förmlich seinen Flügelschlag zu hören, die

holde Lichtgestalt zu sehen, wie sie sich herabbeugt, um die Stirne

eines Rafael, eines Michelangelo zu küssen. Die Phantasie zaubert mir

den Künstler vor, wie er vor der Leinwand sitzt und liebdurchglühte

Bilder malt. Es ist etwas Erhebendes, Überwältigendes um die

Schöpferkraft im Menschen, um die freie Kunst.

Anders ist’s wenn sie geübt wird zum Erwerb. -- Dann verliert sie das

Sonnige, das Gott-Ähnliche, möcht’ ich fast sagen.

In der Spitzenfabrik: Schweigend, mit müden blassen Gesichtern und

gekrümmten Rücken sitzen die Frauen da und verarbeiten die haardünnen

Fäden. So ein winziges Blättchen bedarf oft vieler Tage zur Vollendung.

Für diese armen Geschöpfe gibt es keinen Frühling, keine Blumen. -- Was

kümmert sie’s, daß die Sonne scheint, die Vögel singen?

Die kostbarsten Gewebe entstehen unter den fleißigen Händen, die

Fabrikbesitzer werden reiche Männer und die kleine Arbeiterin

rechnet an ihren Fingern nach, ob sie den Zins bezahlen kann für das

Dachstübchen und wie lange es noch währen wird, bis sie erblindet.

Und unten wogt das Leben. Der Reichtum! Da packt es sie mit

unwiderstehlicher Gewalt, treibt sie hinaus, in die hellerleuchteten

Gassen, unter die elegante Menge. Nur einmal noch genießen, bevor die

dunkle Nacht hereinbricht -- ein einzigesmal. Sie steht und wartet und

hofft -- und bettelt um Liebe. -- -- Dem Ersten Besten wirft sie sich

an den Hals, verschreibt sich ihm mit Leib und Seele. Ein kurzes Fest.

Küsse und Champagner -- -- dann um so größeres Elend. -- -- Das ist

das Los der Meisten. Die Reichen ohne Fehl, die mögen den ersten Stein

auf sie werfen, wenn sie es wagen, und wenn es sich verträgt mit ihrem

Gewissen.

Die zweite Auflage hab’ ich gefunden in Murano. Jeder Fremde sieht sich

die Wunder der Glaserzeugung an, um sie nachher in seinen Erzählungen

als „interessant“ zu schildern. Ich wüßte einen ganz anderen Ausdruck

dafür.

In den unteren Räumen, da wo die zähe Masse geformt wird, herrscht

eine Siedehitze. Ein Schar Männer mit aufgedunsenen Gesichtern und

verschwollenen Augen, umsteht das offene Feuer, aus dem die roten

Flammen züngeln. Sie kneten und blasen aus Leibeskräften, tun sie es

doch um das tägliche Brot.

„Ist das denn nicht sehr anstrengend und gesundheitsschädlich?“ konnte

ich mich nicht enthalten zu fragen.

„Ja gewiß, aber was will man machen?“ entgegnete der Aufseher lachend.

„Sonst gäbe es eben keine Perlen und kein Glas. -- -- Älter als 45

Jahr wird übrigens Keiner.“

„Mein Gott“, entfuhr es mir.

„Ja Signorina, das ist gar nicht so schlimm. Sonst müßten sie noch

früher verhungern. Die sind froh, wenn sie sich ihre 70 Centesimi im

Tag verdienen.“

Siebenzig Centesimi! Die armen Teufel. Und haben wohl noch Weib und

Kinder daheim.

In den Schaufenstern prangen die schönsten Vasen und Spiegel, die

teuersten Luxusgegenstände. Sie funkeln und schillern in allen

Regenbogenfarben: ihr Anblick ergötzt uns, wir bewundern die edlen

Formen und merken nicht, daß Blut und Schweiß daran klebt, sonst müßte

es uns frösteln vor Unbehagen.

Im oberen Stockwerk ist’s lichter und kühler. Jedem Arbeiter ist seine

bestimmte Beschäftigung zugeteilt, unabänderlich dasselbe, jahraus,

jahrein. Ein graues, monotones Dasein, in dem die Stunden sich

aneinanderreihen so gleichmäßig wie die Perlen an den langen Schnüren.

Da hab’ ich unwillkürlich aufgeseufzt. Ein eleganter junger Mann, auch

ein Besucher, wandte sich nach mir um, und sein Blick sagte mir, daß er

mich verstanden habe.

Des Abends fuhren wir auf die Soirée der Marchesa Berloni. Ich war

einsilbig und zerstreut, das Gesehene wollte mir nicht aus dem Sinn.

Das war wieder einmal ein schwieriges Problem. Die Eleganz, die ich

doch liebe, auf einer Seite -- das nackte Elend auf der andern.

Da Überfluß, dort Mangel; den Vorschlag, zu teilen, hätte Keiner

angenommen. -- Oder wäre ich etwa bereit gewesen, mich meines Besitzes

zu entledigen, auf die tausend kleinen Raffinements zu verzichten, die

dazu beitragen, das Leben angenehm zu machen? -- Ich gesteh’ es offen

-- nein. -- Ich würde sicher keinen Bettler von der Türe weisen, aber

alles Unnötige herschenken -- das ist doch ein anderes Ding. -- -- Wie

wenig weiß ich noch vom Socialismus, von dieser Zwillingsschwester

des Friedens! Ich will mir Bücher kaufen und mich eingehender damit

beschäftigen. -- Es muß ja doch Mittel und Wege geben -- vielleicht

auch ohne Gütergemeinschaft.

Die Gesellschaft bestand aus circa 400 Personen. Darunter war Keiner,

mit dem ich hätte sprechen können, wie mir ums Herz war. -- -- Ich

blickte mich um, -- immer in der uneingestandenen Hoffnung, eine Spur

von meinem Unbekannten zu entdecken. Vergeblich.

Die Herren, die sich um mich bemühten, sind kaum der Erwähnung wert.

Ein kleiner Spanier, der mich anschmachtete, mir nicht von den Fersen

wich, aber die ganze Zeit über keine zehn Worte sprach. Dann ein

ältliches, pergamentgelbes, eingeschrumpftes Männchen mit gefärbtem

Bart, das sich über Alles und Jedes moquirte. Eine mir unsympatische

Erscheinung. Man sieht ihm die eingebildete Überlegenheit von Weitem an.

Wir kamen auf die Friedensfrage zu sprechen, der gegenüber er sich mehr

als skeptisch verhält. „Übrigens ein ganz reizender Apostel“, bemerkte

er, das Monocle ins Auge klemmend. „Also Sie glauben wirklich an den

Frieden?“

„Ja, ich bin eine begeisterte und überzeugte Anhängerin.“

„Letzteres ist viel gesagt, mit Anwendung auf eine Sache, die, hihi --

nun ich möchte Sie nicht verletzen -- aber es ist doch mehr eine schöne

Spielerei.“

„Vielleicht fassen Sie es so auf. Ich meinerseits glaube fest an das

Gelingen. Mein Glaube ist meine Überzeugung.“

Er aber gab nicht nach, sondern versetzte in pädagogischem Tone: „Sie

mögen es so empfinden, aber logisch ist es nicht. Nein, meine liebe

Signorina. Glauben und Überzeugung das sind zwei so grundverschiedene

Dinge, die man ohne krassen Widerspruch nicht in einem Atem nennen

darf. Ich will Ihnen erklären, warum: Glauben heißt vermuten, und

nur „Wissen“ ist Überzeugung. Jene, die mit Positivem rechnen,

ereifern sich nie. Am fanatischesten benahmen sich seit jeher die, die

„glaubten“,“ fügte er mit souveräner Geringschätzung hinzu.

„Ja, ich weiß sehr gut, daß man uns Utopisten und Schwärmer nennt,

die auf Wolken durch das Leben schweben, ohne die Erde zu berühren,

jeder reellen Grundlage entbehrend. Aber sind es nicht gerade immer

die Träumer gewesen, die Großes geleistet haben? -- Sie sind sogar

unentbehrlich, denn sie liefern die Idee, den Stoff, den andere

praktisch verwerten.“

„Praktisch, hihi. Praktisch sind nur die Kanonen, die verbesserten

Waffen überhaupt. Die sprechen noch am ehesten für den Frieden. Das

andere ist alles nichts -- das bloße Wort -- Sie haben noch so wenig

Erfahrung, kleine Signorina. Das ist charmant, das kleidet Sie ganz

vorzüglich.“

Ich war so geärgert über den Schulmeisterton und die impertinenten

Blicke, mit denen er seine Complimente begleitete, daß ich keine

Erwiderung fand. Nachträglich fielen mir die treffendsten Antworten ein

-- das ist ja immer so -- und ich hielt ganze Dialoge mit mir selbst,

in denen ich das „Für und Gegen“ vertrat.

In einem einzigen Punkte teile ich seine Ansicht. Er hat sich lustig

gemacht über ein paar übertriebene Toiletten und die „Mode“ in neun

Fällen von zehn, als Löschhorn des guten Geschmackes bezeichnet. Ich

finde es nämlich auch einen Unsinn, etwas zu tragen, das man selbst

unmöglich schön finden kann, aus dem bloßen Grunde, weil es Mode ist. --

Von den jungen Mädchen hat sich Keine um mich gekümmert. Aus

verschiedenen Andeutungen hab’ ich den Grund entnommen. Sie vermeiden

absichtlich jede Annäherung an Ausländerinnen, sobald sie meinen, es

könnten gefährliche Rivalinnen sein, umsomehr als in den letzten Jahren

so mancher junge, reiche Italiener sein Herz an eine Fremde verlor.

„Nur ja sich keinen ~épouseur~ wegschnappen lassen“ und sie schließen

einen um so festeren Ring unter sich.

Also auch hier wie allenthalben das Durchschnittsmädchen: einziges Ziel

-- -- einen Mann bekommen.

* * * * *

Am 30. Mai.

„Nun ja, der dort unter dem Baume steht, -- links.“

„Das also ist der junge Deuchtestum? Ich habe mir ihn eigentlich ganz

anders vorgestellt.“

„Warum? Weil ich Dir gesagt habe, daß er ein seltsamer Kauz ist? Du

findest wohl“ -- das Weitere hab’ ich nicht mehr hören können, da

die beiden Damen schon zu weit waren. Ich folgte mit dem Blick der

angegebenen Richtung und unterdrückte nur mit Mühe einen Ruf der

Überraschung. Da war er ja, mein Unbekannter von Murano, an der Stelle

selbst, wo wir den General erwarteten.

Hier merkte man nichts von dem Gewimmel, das in dem vorderen Teil der

Giardini herrschte; nur wenige vereinzelte Spaziergänger verloren sich

bis an diesen Platz.

Wir setzten uns auf eine Bank, und während die Tante las, betrachtete

ich mir den Einsamen genau.

Er stand an eine Cypresse gelehnt, die Arme über der Brust verschränkt,

und sein Blick schweifte weltvergessen über das Meer.

Ich sah ihn lange an und doch bin ich nicht klug geworden aus seinem

Gesicht. Die Augen sind die eines Träumers, der bemüht ist, Alles im

rosigsten Licht zu schauen -- und der an Ideale glaubt. Und hingegen

lagert ein spöttischer, ja fast verächtlicher Zug um den Mund. Es ist,

als hätten diese Lippen Alles gekostet, und nirgends Süßigkeit, überall

nur bitteren Nachgeschmack gefunden, als müßten sie sich plötzlich

öffnen, um ein „Brrr“ des Abscheues auszustoßen.“

Sonst hatte ich die Leute, die mich beschäftigen, sofort in eine

bestimmte Categorie eingereiht -- da aber bracht’ ich’s nicht zu

Stande. Ich forschte auch vergebens nach einer Ähnlichkeit mit dem

General. Die hohe, elegante Figur, das war auch Alles.

„Ah, das ist schön. So pünktlich -- ganz wie beim Militär.“ -- Der alte

Graf war auf uns zugekommen, im weiten, dunklen Radmantel, den grauen,

weichen Filzhut auf dem Kopf. -- Er trug sich nie anders und es gab

wohl auch nichts, was besser zu ihm paßte. Es war originell, durchaus

charakteristisch.

„Hab’ meinen Sohn herbestellt“, fügte er hinzu. „Möcht’ ihn mit den

Damen bekannt machen, wenn es gestattet ist. -- -- Ah, mir scheint,

dort ist er -- -- Egon.“

Der Gerufene stand im nächsten Augenblick vor uns. Der Vater stellte

ihn uns vor. „Hat wieder geträumt; ist nicht zufrieden mit der Welt;

lieber in den Wolken, wie? Hab’ ich Recht, wie?“

Der neue Ankömmling unterhielt sich längere Zeit mit der Tante, deren

tapferes Wirken er sehr bewunderte. „Wir Socialisten sind ja sammt und

sonders Friedensfreunde. Wir verfolgen ganz dasselbe Ziel, nur auf

verschiedenen Wegen.“ Dann sprach er von seinen Reisen, und später

giengen wir voran. Es fügte sich wie von selbst, und doch wurde mir

eigentümlich bange. Wovon wird er reden?

„Eigentlich kennen wir uns schon“ begann er. „In der Glasfabrik von

Murano. Erinnern Sie sich noch?“

„O ja. -- -- Hat es auch einen so traurigen Eindruck auf Sie gemacht?“

„Gewiß. Ich habe Ihren Seufzer vernommen, als Echo meiner eigenen

Empfindungen, so etwas wie Seelenverwandtschaft herausgespürt. Die

Meisten betrachten es als Curiosum. In ihrer Gleichgiltigkeit entgeht

es ihnen ganz, daß sich da wie nirgends anders die Ungerechtigkeit

zeigt, die die Welt beherrscht.“

„Ja, daran hab’ ich auch gedacht -- und bin dabei in eine Sackgasse

geraten. -- Können Sie mir kein Werk anraten, das mir Aufschluß

erteilt. -- Ich bin leider viel zu wenig bewandert, auf diesem Gebiet.

Aber jetzt, wo mein Interesse erwacht ist“ -- --

„Gewiß. Ich will Ihnen gern einige Titel nennen. Aber die Anfangsgründe

darf doch ich Ihnen beibringen, nicht wahr?“

„Ich werde Ihnen sehr dankbar sein.“

Hierauf entwickelte er mir mit wenigen leichtfaßlichen Worten die ganze

Idee. -- Ich glaube, er hat beiläufig das gesagt:

„Wir sind keine Revolutionäre und Umstürzler im schlechten Sinn. Was

wir anstreben, werden wir auf friedliche, unblutige Weise erreichen,

indem wir die Menschen zum vernünftigen Denken zwingen -- die

Unterdrücker und ihre Opfer. Und dieser Kampf der Geister muß notwendig

die Reformen mit sich bringen.

Es handelt sich uns nicht darum, die Reichen auszuplündern und

ihr Hab’ und Gut unter die Armen zu verteilen. Nein, nur die

schroffen Gegensätze sollen gemildert werden -- durch die Gesetze.

Man verwechselt uns so häufig mit den Communisten, und das ist

ganz unrichtig. Wir wissen sehr gut, daß eine völlige Gleichheit

ausgeschlossen ist. Es wird immer Unterschiede geben, sowohl in

körperlicher als in geistiger Beziehung. Das Gegenteil wäre gerade so

unsinnig, als wenn man vom geborenen Dichter verlangen wollte, daß er

Sohlen an die Schuhe heftet, vom Crétin, daß er Astronomie betreibt,

oder vom Krüppel, daß er Lastkarren schiebt.

Die Leute müssen eben immer reden, ob sie etwas von einem Ding

verstehen oder nicht. So hat sich einmal ein Gegner folgendermaßen

geäußert:

„Geld wird es natürlich keins mehr geben: wir werden Jedes mit

einem Schein in der Hand unser Stück Fleisch, unsere Schuhwichse

und überhaupt Alles, was wir brauchen -- abholen: Niemand wird mehr

im Wagen fahren, um es den Anderen nicht voraus zu tun. -- Volle

Gleichheit. Und schon nach einem Jahr wird der Streit losgehen, weil

der A -- wie es ja unvermeidlich ist -- wieder mehr haben wird wie der

B.“

Und darauf hinzuarbeiten, eine solche heillose Confusion

heraufzubeschwören, liegt uns doch wahrlich fern. Jedem Menschen sein

Stück Brot sichern, ihm die Möglichkeit bieten, es zu verdienen, das

wollen wir. Der Eine mag Champagner trinken, der Andere sich bei

Tafelwein genügen lassen, aber was nicht mehr sein darf, das ist: hier

Berge von Gold und dort der Hunger, Crösusse und Bettler. Mit dem

Verein gegen Verarmung und Bettelei ist uns nicht gedient, ebensowenig

mit Wohltätigkeitsbazaren, die nun so sehr ~en vogue~ sind. Damit

macht man dem Strike, dem Aufruhr kein Ende. Leute, aus denen man

Nutzen zieht, müssen auch menschenwürdig behandelt werden. Es ist

ja haarsträubend, in welch’ entsetzlichen Verhältnissen die unteren

Classen leben. Wie das Vieh zusammengepfercht in dumpfen, lichtlosen

Kellerwohnungen. Mit 50, 60 Kreuzern soll eine Familie von einem halben

Dutzend Köpfen ihr Auskommen finden. Sie müssen ja da zu Grunde gehen

und sind in jenem Alter, wo Kraft und Arbeitstüchtigkeit am größten

sein sollten, Greise, weil das Maß der Sorgen zu schwer war für ihre

Schultern. Jeder blutig erworbene Heller wird controliert, die Steuer

dafür eingezogen, und dazu die ewig steigenden Preise! Man treibt

sie ja gewaltsam dem Laster in die Arme. Diebstähle, Trunksucht,

Selbstmorde, das sind die natürlichen Folgen.

Man hat leicht Geduld und Ergebenheit predigen, wenn man selbst in

geordneten Verhältnissen lebt, -- -- ich aber finde, daß die guten,

die „neidlosen“ Armen bewunderungswürdig sind. Und wenn der Funke der

Unzufriedenheit zu lichterloher Flamme wird, wenn sie schließlich genug

haben, sich zur Wehr setzen, ich würde denken: „Sie haben Recht“.

Wenn man immer und ewig Nieten in der Schicksalslotterie zieht,

wie soll man da nicht verzagt werden und unwillkürlich fragen:

„Warum gerade ich?“ Denn sich zu philosofischer Lebensanschauung

aufzuschwingen, ist in diesen Kreisen ein Ding der Unmöglichkeit.

Die Reichen aber lügen, wenn sie mit treuherzigen Mienen versichern,

daß sie ihr Geld zusammenscharren zum Wohle der Allgemeinheit.

„Verwalter unseres Vermögens“ -- „nutzbringend für den Staat.“ Ja,

schöner Nutzen das! Die Armen hungern und frieren, dieweil der Fiskus,

dieses Ungeheuer mit dem bodenlosen Schlund, sich ins Fäustchen lacht.

Freiwillig geben die Besitzenden nicht nach: sie mit dem Schwerte

in der Hand gefügig zu machen, wäre Unrecht. Moralisch also müssen

sie gezwungen werden durch die legislative Gewalt. Dazu aber ist es

erforderlich, daß sie sich in den Händen wohlmeinender Männer befinde,

die die Interessen des Volkes auch wirklich wahren.

Bei der Mißwirtschaft, wie sie momentan in fast allen Parlamenten

eingerissen hat, ist nichts für unsere Zwecke zu erreichen. Sie lesen

doch die Zeitung?“

„Gewiß.“

„Nun da werden Sie ja wissen, wie es dort zugeht. Man streitet sich

stundenlang um Bagatellen herum -- vernünftige Vorschläge, das gehört

zu den Seltenheiten. Freilich, zur Zeit der Canditatur versprechen die

Herren den Leichtgläubigen Sonne, Mond und Sterne und ködern sie mit

Bier und Geld. Sitzen sie aber einmal fest und warm im hohen Haus,

haben sie auf Alles vergessen bis auf die Diäten: die stecken sie noch

gewissenhaft ein. Es ist eine einfache Spekulation. Der Zufall, die

Bestechung entscheidet mehr, als das persönliche Verdienst und daher

kommt es so häufig vor, daß total unfähige Menschen die wichtigsten

Stellen bekleiden. Darum strebt unser Programm in erster Linie das

allgemeine, direkte Wahlrecht an. Dieses erstreckt sich auf alle

Reichsangehörigen beiderlei Geschlechts, die das zwanzigste Jahr

zurückgelegt haben. Das Volk soll aus seiner Mitte heraus bewährte

Männer, zu denen es Vertrauen hat, zu seinen Abgeordneten bestimmen.

Ein weiterer wesentlicher Punkt ist die Volkswehr an Stelle der

stehenden Heere, und die Schlichtung aller Streitigkeiten auf

schiedsgerichtlichem Wege. Sie sehen also, daß wir sehr friedliebende

Menschen sind. Doch ich ermüde Sie wohl?“ setzte er fragend hinzu; da

ich ihn jedoch des Gegenteils versicherte, fuhr er fort:

„Auch wollen wir die Abschaffung jener Gesetze, welche die freie

Meinungsäußerung einschränken und jener die die Frau im öffentlichen

oder privaten Leben, dem Manne gegenüber benachteiligen.“

„Also Sie finden es natürlich, daß auch die Frauen, einen ihren

Fähigkeiten entsprechenden Beruf wählen, sich am öffentlichen Leben

beteiligen?“

„Das ist doch nur gerecht: nur die Schwächlinge fürchten die

Concurrenz: aber die werden ja bald zum Schweigen gebracht werden.“

„Ist das das ganze Programm?“

„O nein. Wir sind keine so bescheidenen Leute: wir streben noch so

Manches an, z. B. die vollkommene Trennung von Kirche und Staat:

Weltlichkeit der Schule, Unentgeltlichkeit des Unterrichtes und der

Lehrmittel und Ausbildung der Talente, da wo sich welche zeigen.“

„Das wäre für Viele eine Wohltat. Ich habe mir so oft vorgestellt wie

traurig es für einen Menschen, der an seine Begabung glaubt, sein muß,

wenn ihm die Hände gebunden sind, wenn er nicht vorwärts kann, weil ihm

die Mittel fehlen, um sein Ziel zu erreichen.“

„Sie sollen noch mehr beanspruchen können. Die unentgeltliche

Rechtspflege, die Entschädigung unschuldig Verurteilter, die

Abschaffung der Todesstrafe. -- Ärztliche Hilfe und Heilmittel, das

sollen sie ebenfalls umsonst haben.“

„Und dieses Programm, das so gut, so logisch zusammengestellt ist,

soll nicht die Wünsche Aller befriedigen?“

„Nicht wahr? Es ist kaum zu begreifen, und doch gibt es leider gar

Viele, die nichts davon wissen wollen.“

„Wie ist es eigentlich mit den großen Abgaben, über die man alle Welt

jammern hört? -- Läßt sich denn da nichts machen, oder gehört das nicht

hierher?“

„Und ob. Auch da wollen wir Rat schaffen. Wir beanspruchen nämlich

die stufenweise steigende Einkommensteuer, von der dann alle

öffentlichen Ausgaben bestritten werden sollen. Erbschafts- und

Vermögenssteuer bleiben, wenn auch anders geregelt, bestehen,

hingegen sollen alle indirekten Steuern, die Zölle, überhaupt alle

jene wirtschaftspolitischen Maßnahmen abgeschafft werden, welche

die Interessen der Allgemeinheit den Interessen einer bevorzugten

Minderheit opfern. Das klingt trocken, nicht wahr? Die Anfangsgründe

jeder Wissenschaft sind so. Aber wenn man das ABC überwunden hat, macht

das Weiterspinnen Freude.“

„Mir scheint Alles ganz klar und einfach. -- Freilich, was das Letzte

anbelangt, die Abschaffung der zu weit ausgedehnten Vorteile der

Bevorzugten, kann ich mir denken, daß Sie auf Schwierigkeiten stoßen.“

„Nun ja, natürlich fehlt es uns nicht an Widerstand, doch wir werden

ihn schon brechen. Und im Innern können am Ende auch unsere Gegner,

sofern sie denken wollen, die Vorteile einer solchen Reorganisation

nicht leugnen.

Dadurch, daß das tote Capital aufhört, das heißt die Aufhäufung der

Zinsen zu Unsummen -- kommt mehr Geld in Umlauf, wobei die Wohlfahrt

des Landes steigt, und jeder Einzelne profitiert.

Für alle öffentlichen Bedürfnisse wird die Gemeinkasse, der Staat

sorgen, ebenso für den Unterhalt der Kinder und der Arbeitsunfähigen.

Er wird auch das Eigentumsrecht von Grund und Boden an sich bringen,

das heißt, es durch Kauf erwerben und die Leute damit belehnen, mit

anderen Worten: sie wären gegen mäßige Zinsen Pächter.

Jeder wird für sich selbst arbeiten und nach dem Maße seiner Leistungen

entlohnt werden. Keine Millionenerben mehr, und die Zahl der

Müßiggänger, der Drohnen wird sinken.“

„Aber“, habe ich da eingewendet, „wird die Freude, der Eifer, zu

erwerben, nicht abnehmen, wenn man nicht mehr für seine Kinder, sondern

für die Allgemeinheit arbeitet?“

„Das ist Ansichtssache. Vernünftigen Eltern wird jedenfalls der

Gedanke, daß ihre Nachkommen durch redlichen Fleiß ihr Schärflein zum

Weltbau beitragen, mehr Genugtuung bereiten, als der, daß sie auf der

faulen Haut liegen und sich durch vornehmes Nichtstun zu unnützen

Gliedern der Gesellschaft stempeln. Im Übrigen wäre ein „weniger

auf Erwerb des Mammons bedachter Sinn“ nur wünschenswert, weil dann

das Laster „Geiz“ keine so unerquicklichen Dimensionen mehr annähme,

wie heute. -- Auch die Geldheiraten würden abnehmen und die Liebe

als Regentin ein besseres, für das Ideale begeistertes Geschlecht

hervorbringen.

Freilich wird es immer kleinliche Schreier geben, denen die eigene

Bequemlichkeit mehr am Herzen liegt, als das Wohl der Gesammtheit. Aber

mit der Zeit wird es der verschwindend kleine Teil sein. Der Ruf nach

Gerechtigkeit wird mächtig anschwellen und als brausender Orkan das

All durchzittern -- und dieser Tag steht, glaube ich, in nicht all zu

weiter Ferne.“

Er hatte sich in Eifer geredet und seine blauen Augen strahlten in

sanftem Feuer. Wir waren nahe an das Hôtel gekommen, das der Graf mit

seinem Sohn bewohnte. „Ich könnte Ihnen noch so Manches über diese

Sache sagen -- von den speciellen Forderungen der Arbeiterklasse habe

ich Ihnen noch gar nicht gesprochen.“

„Wir werden doch Gelegenheit finden, das heutige Thema fortzusetzen --

so schnell dürfen Sie mich nicht im Stiche lassen.“

„Das will ich auch durchaus nicht. O nein, ich habe ganz gut bemerkt,

daß Sie einen klaren Kopf haben und solche Leute können wir nur zu gut

brauchen.“

„Was hat der Ihnen Alles erzählt?“ frug nun der General. „Schöne

Sachen, wie? -- Möcht’ gern eine Socialistin aus Ihnen machen, wie? A

ja, ja, kleine, schöne Socialistin, wie?“

„Das wird ihm leicht gelingen.“

Wie es Licht geworden! · 第 11 / 21 题