Und während die Hostie meine Zunge berührte, schloß ich die Augen
und sprach mit meinem Gotte. „Mein süßer Jesus, ich liebe Dich, Dich
ganz allein. Verlaß’ mich nicht, steh’ mir bei und stärke mich in der
Versuchung.“
Dann geht es in feierlicher Procession durch den Garten. Die wallenden
Bandschleifen des goldgestickten Himmels in der Hand, so nahe der
Monstranz, senkt sich eine weihevolle Ruhe in mein Inneres, als wäre
ich nach langer, gefahrvoller Fahrt im sichern Hafen gelandet.
Von Nah und Fern ertönen die Osterglocken; verheißungsvoll und freudig,
ernst und kindlich singen diese metalligen Stimmen durcheinander und
dazwischen erschallt begeistert, frohlockend das Auferstehungslied.
Es liegt nichts von der düsteren Schwermut der meisten Kirchengesänge
in dieser Melodie. Jauchzend, beinah übermütig flattern die Töne
zum blauen Äther empor, wie lebensfrohe, verliebte Schmetterlinge.
Kein Wölkchen da oben -- so lieblich blau das weite Himmelszelt und
auf der Erde keimt und sproßt es im jungen Gras. Veilchen, Primeln,
Butterblumen, so einfach und doch so berückend schön.
„Herr, Gott, der Du die Welt erschaffen, aus dessen Hand die
abertausend Meisterwerke hervorgegangen, die Deine Geschöpfe erfreuen,
der Du uns den Frühling sendest, die Lande zu schmücken, ich beuge
das Haupt vor Deiner Macht. Laß’ mich Deine Schöpfung lieben, aber
bewahre mich vor zu großem Wohlgefallen am Irdischen, damit es keine
Schranke bilde zwischen Dir und mir. Gib’ mir kund Deine Ratschläge und
erleuchte mich, auf daß ich Deinen Willen tue.“
Hierauf nahmen wir am festlich geschmückten Tisch das Frühstück ein.
Goldgelbes Backwerk und duftende Chokolade standen bereit; um jeden
Teller ein Kranz aus wilden Kirschenblüten. Das schmeckte herrlich.
Die übersinnlichen Eindrücke traten in den Hintergrund, aber mit ihnen
verflog auch die ruhige Stimmung, -- um neuerdings einem peinigenden
Grübeln Raum zu geben.
Weshalb wurde ich denn die sündhaften Vorstellungen nicht los? -- Es
war eine wahre Marter. Das nackte Christkindlein auf Sankt Antonius Arm
brachte mich auf die Idee, daß wir Alle so auf die Welt kommen. Was
hatte es nur für eine Bewandtnis mit den kleinen Kindern? -- Es mußte
etwas Unrechtes, Häßliches dabei im Spiel sein, weil man es geheim
hielt, nie darüber sprach. Aber dann wäre ja auch die Mutter Gottes --
ach, ich hielt es nicht aus!
Des Abends, als ich den weißen Kranz ablegte, schien er mir beim trüben
Schein der Kerze gelblich und zerzaust, und ich breitete ein Tuch
darüber, um ihn nicht zu sehen.
So schwer war es also, einen einzigen Tag nicht zu fallen.
Mein Gott vergib!
* * * * *
Doktor Vogler’s gelegentliche Ausfälle gegen die Klostererziehung
hatten offenbar doch Eindruck auf Papa gemacht, denn er ersann kleine
Zerstreuungen, um mich aus meinem dumpfen Hinbrüten zu reißen.
Im Grunde billigte er es sehr, wenn ein Mädchen den Schleier nahm, aber
wenn man nur eine einzige Tochter hat, wenn man zudem daran denkt,
in Pension zu gehen, sich ganz in seine vier Mauern zurückziehen, da
kann man ein wenig Sonnenschein, ein junges frisches Geschöpf schwer
entbehren. Gewiß. Mimi sollte brav und fromm sein -- er vermochte
nicht, diese beiden Begriffe zu trennen -- aber nicht in’s Kloster
gehen, sondern seine kleine Hausfrau spielen, im halbverfallenen
Gespensterschloß bei Steindorf.
Als er mir zum erstenmale davon sprach, konnte ich ein gewisses Staunen
nicht unterdrücken. Ich wußte, wie sehr Mama das Leben auf dem Lande
haßte, und daß sie diesem Projekte nie zugestimmt hätte.
Übrigens mit der Ausführung des Planes hatte es noch Zeit. Ich brauchte
ja noch zwei Jahre, um meine Erziehung zu vollenden.
Vorläufig gab es ab und zu kleine Zerstreuungen und die Evatochter
verleugnete sich noch nicht ganz in der künftigen Nonne.
Robert, der in Wien studierte, besuchte uns allwöchentlich. Dann
lauschte ich, die Hände im Schoß gefaltet, dem Gespräche der Beiden,
das sich um die erbaulichsten Dinge drehte. Als zukünftiger Officier
und als guter Katholik lautete sein Wahlspruch: „Mit Gott und mit dem
Schwerte.“ Das imponierte mir. Wenn Papa bei festlichen Anlässen die
Dragoneruniform trug, da begriff ich sehr gut, daß auch der Neffe den
schmucken Rock erwählte. „Es ist doch der schönste Beruf,“ erklärte
er bestimmt, und dann, es liegt mir so im Blute. Die Steindorf sind
von jeher auf ihrem Posten gestanden, wenn es hieß das Vaterland
zu schützen. Oh, es muß herrlich sein, so ein frischer fröhlicher
Krieg, wenn die Rosse schnauben, die Kugeln pfeifen und ein lustiges
Lagerfeuer brennt. Er hopste vor Begeisterung auf seinem Stuhl herum,
klatschte mit den Handflächen auf die dicken Schenkel und stieß heisere
Schreie aus, die an das „Schrecken“ eines Rehbockes erinnerten.
Robert, mein Märchenprinz, hatte nicht gehalten, was er versprochen.
Er machte einen unbedeutenden, etwas komischen Eindruck. Mittelgroß,
eher untersetzt, blonde in die Stirn gekämmte Haare, wasserblaue
Augen, so sah mein Vetter aus. Dabei aber von sich eingenommen und ein
„Hochhinaus“. Wenn er erst Officier wäre! Das nimmt sich doch ganz
anders aus als so ein schäbiger Civilist! Ja, glänzen wollte er, eine
Rolle spielen, die Freiherrnkrone weithin schimmern machen, die arme
Freiherrnkrone, auf der nur mehr eine ganz, ganz dünne Goldschicht
lag, so dünn, daß es nur für 10 Gulden Taschengeld reichte und zur
Pension bei „Mumelinkele“, so wurde nämlich seine Quartierfrau von
ihren Angehörigen genannt. O, sie war eine entsetzliche Hexe und
Robert wußte Schaudergeschichten zu erzählen, „die gewiß zu zwei
Drittel wahr“ waren, wie er uns versicherte. -- Im Aufschneiden
war er nämlich unerreichbar: ein Blick zur Decke und er hatte die
nettesten Geschichtchen erfunden. „Mumelinkele“ ging in einem Anzug aus
Wachsleinwand herum, damit man die Flecke nicht so sehe, „Mumelinkele“
machte den Salat im Lavoir an und tischte ihren Kostgängern Leber von
so ehrwürdigem Alter auf, daß selbst die Hunde sie verschmähten.
Mamas Antipathie gegen Alles was „Steindorf“ hieß, ging so weit, daß
sie sich nur für ein paar Minuten zeigte, wenn Robert anwesend war. Sie
blieb auch zu Hause, wenn wir zu Vieren -- denn Doktor Vogler schloß
sich uns an, so oft es seine Zeit erlaubte -- Ausflüge in den Prater
oder weiter in die Umgebung unternahmen. Ich bedauerte es nicht, denn
ich entgieng dadurch der mir verhaßten Pferdebahn. Mama, die ungern
Bewegung machte und die einen Wagen zu teuer fand, benutzte stets
die Tramway. Mir war das Drängen der Menge, das Püffe austeilen und
empfangen greulich: lieber wollte ich stundenlang bei strömendem Regen
gehen, als mich in diesen dumpfigen Kasten einpferchen.
Die „christliche Demut“ hatte noch nicht vermocht, die böse Hoffart in
mir zu ersticken. Und ich wollte den Genüssen der Welt entsagen, ich
mit meinem angeborenen Sehnen nach den kleinen Raffinements des Lebens,
nach Luxus und Eleganz? Da hieß es mutig kämpfen, lange, unverzagt.
So viele Schlacken, so viele niedere Instinkte hafteten mir an; meine
Eitelkeit war größer denn je und verfolgte mich bis in die dem Gebet
geweihten Stunden.
Großmama hatte mir ein Kleid geschickt, ein Kleid! Weißer Battiste mit
Fliedersträußchen und lila Schleifen. Dazu die ausgeschnittenen Schuhe
und den Strohut! Wie da die Leute schauen würden! Ach, wenn es nur
schon Sonntag wäre!
Meine kühnsten Erwartungen wurden übertroffen. Papa nickte mir sehr
befriedigt zu, die Andern zollten mir lebhaften Beifall, nur Robert
stand da mit weitaufgerissenem Mund und schien sich noch immer nicht
von seinem Staunen erholt zu haben. Endlich fand er die Sprache wieder
und benützte sie, um mir die schmeichelhaftesten Dinge zu sagen. Im
Grunde genommen, waren es die armseligsten Banalitäten, aber damals!
-- -- Das erste Kompliment! Der Backfisch verliert etwas von seiner
Unbefangenheit, beginnt zu ahnen. Die Wangen glühen, die Augen leuchten
und er geht so leicht, so schwebend. Weshalb? -- Die Puppe, die unter
Blättern verborgen, den Winter verbracht, das unbeholfene formlose Ding
hat die Hülle gesprengt, und fühlt sich „Schmetterling.“ Der reckt die
zarten Flügel und flattert davon in den blauen Morgen, in den nächsten
Garten, zu der schönsten Blume. Betäubt von dem Dufte ihres Atems,
unwiderstehlich angezogen von der Pracht ihrer Farben, küßt er den
rosigen Kelch. -- Er küßt und küßt immer wieder -- -- -- er kann es
nicht mehr lassen. -- Und die Blumen lächeln -- und die Blumen weinen.
Robert schien ordentlich stolz auf mich zu sein, denn er wich nicht von
meiner Seite, sah die Vorbeigehenden mit herausfordernder Miene an und
maß alle jungen Mädchen mit höchst geringschätzenden Blicken.
„Das nennt man Belagerungszustand“, erklärte Doktor Vogler und Papa
versetzte belustigt: „Ja, was ein Hacken werden will, krümmt sich
beizeiten.“ Er war überhaupt in bester Laune, wie es sich für einen
„Wurstelprater Nachmittag“ gehört.
Wir fuhren auf der Rutschbahn und im Ringelspiel, schossen nach der
Scheibe, besahen uns Taucher und Zwerge und soupierten in einer
Restauration. Die Musik spielte, dienstbeflissene Kellner trugen enorme
Tassen herum, und ein Duft von Braten und Citrone verdrängte zeitweilig
den würzigen Hauch der frühjahrlichen Natur. Schneeige Kastanienblüten
hüpften wie kecke kleine Ballerinen zur Erde und die Gasflammen
flackerten unstät in der Abendluft. Das laute Sprechen und Gelächter
der zahlreichen Gesellschaft übertönte gar häufig die bald übermütigen,
bald schwärmerischen Wienerweisen.
Robert schlang mit Heißhunger und Wonne die gereichten Portionen
hinunter, und als er damit zu Ende, sah er mich mit schwimmenden
Äuglein an, in denen es wie tröstliche Verheißungen lag: „Jetzt
kommst Du wieder an die Reihe.“ Auch mir war der Wein etwas zu Kopfe
gestiegen, oder war es die laue Frühlingsnacht, die süßen Melodien, der
Siegesrausch, den jedes Mädchen empfindet, wenn es sich seiner Jugend
und Schönheit bewußt wird?
Durch die dunklen Laubgänge traten wir den Heimweg an. Der Vetter bot
mir galant den Arm -- offenbar fühlte er sich wieder mein Beschützer
wie in unserer Kinderzeit -- und seine Gedanken flogen zurück in die
Vergangenheit.
Reminiscenzen „es war einmal.“ Ein Zauber von Poesie liegt über den
ängstlich geflüsterten Worten. Man wagt es ja nicht, laut zu sprechen,
aus Furcht, das Phantasiegebilde könne bei einer etwas derben Berührung
in Staub zerfallen.
Du unerforschliche Hexenmeisterin, von den Menschen Zeit genannt,
die Du ewig bist, die Du schon längst im Grabe ruhst, uns wie unser
Schatten verfolgst und Dich ins Unendliche verjüngst, wie viel
Thorheit, wie viel namenlose Thorheit ruht in Deinem Schoß! -- Wärest
Du ein lebendes Wesen, Du müßtest lachen, lachen bis Dir die hellen
Tränen herunterrinnen, lachen ohne Unterlaß.
„Weißt Du noch wie wir „Dornröschen“ spielten?“
„O ja, aber das ist schon lange her. Du warst der Prinz.“
„Ja, Mimi, und dann -- heirateten wir uns.“
„Ja damals!“ Und ich setzte eine würdevolle Miene auf.
„Warum betonst Du das „damals“? Wäre es denn so unmöglich?“
Sein Beharren irritierte mich und als er versuchte, meinen Arm an
sich zu drücken, machte ich mich los. -- Die festliche Stimmung war
verraucht und der Robert langweilte mich. Es war wohl der bittere
Nachgeschmack, der jedem weltlichen Vergnügen auf der Ferse folgt.
Ich zürnte dem Vetter, daß er mich aus meinem qualvollen, aber doch
gottgefälligen Innenleben herausgerissen und da kam mir wie von selbst
die Antwort.
„Ich heirate überhaupt nicht.“
„Das sagt ein jedes Mädchen“, versetzte er mit Überlegenheit.
„Nun gut, Du wirst ja sehen.“
Unsere Wege trennten sich und während ich die steilen zwei Stockwerke
zu unserer Wohnung erklomm, wurde ich die Vorstellung nicht los, daß
ich neuerlich Sünden begangen, für die mir wieder einmal kein Name
einfiel. Und an all’ dem war dieser dumme Robert Schuld gewesen.
* * * * *
„Weißt Du auch mein Kind, daß Du auf dem besten Wege bist, eine
Egoistin zu werden. Deine Gedanken drehen sich um eine einzige Person,
und das bist Du. Sei nicht so kleinlich, vergiß nicht ob dem eigenen
„Ich“ die Interessen der streitenden Kirche: bete für die Sünder, die
Ungläubigen. Wenn Du dem Heiland eine einzige Seele zuführst, tust Du
ein viel verdienstlicheres Werk, als wenn Du Dich mit unnützen Bedenken
abquälst.“
Und übereinstimmend mit Mère Walters Ermahnungen lautete das
Evangelium, das uns der Geistliche von der Kanzel herab verkündete.
„In der Zeit sprach der Herr Jesus: Ich bin der gute Hirt. Der gute
Hirt gibt sein Leben für seine Schafe. Der Mietling aber, der kein
Hirt ist, und dem die Schafe nicht zugehören, sieht den Wolf kommen,
verläßt die Schafe und flieht; und der Wolf raubt und zerstreut die
Schafe. Der Mietling flieht, eben weil er Mietling ist und ihm an den
Schafen nichts liegt. Ich bin der gute Hirt und kenne die Meinen, und
die Meinen kennen mich, wie mich der Vater kennt und ich den Vater
kenne; und ich gebe mein Leben für meine Schafe. Und ich habe noch
andere Schafe, welche nicht aus diesem Schafstalle sind; auch diese muß
ich herbeiführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird Ein
Schafstall und Ein Hirt werden.“.
Nie vorher war mir dieses Evangelium so schön erschienen ... Oder
hatte es mir nur an dem nötigen Verständnis gefehlt? -- -- Wie leises
Zephirsäuseln, wie das Streicheln einer weichen Hand berührten mich die
schlichten Worte: sie lösten die harte Rinde, die mein Herz umgaben und
eröffneten es dem Geist der Liebe.
„Doktor Vogler“. Wie eine Eingebung von oben, wie die Stimme einer
anderen Welt tönte dieser Name durch mein Inneres. Was hatte es nur
für eine Bewandtnis damit? Im ersten Augenblick verblüfft, begriff
ich alsbald. -- Gehörte doch auch er zur Schaar der „Verlorenen“. Er
hatte den Glauben seiner Kindheit, diesen starken Steuermann, über Bord
geworfen und leitete allein das Fahrzeug. Früher oder später mußte es
versinken in schwarze, schwarze Tiefe. Wie war es nur möglich, daß ich
nicht schon längst daran gedacht? Wann mochte er wohl zum letztenmale
bei der Beichte gewesen sein? -- -- Ja, ich wollte, ich mußte ihn den
Krallen des Bösen entreißen und in die heilige Kirche führen. -- --
Noch war es nicht zu spät -- er hatte ja selbst wiederholt gesagt, daß
jeder Arzt, auch wenn er das unbarmherzige Todesurteil ausgesprochen,
einem Hoffnungsschimmer Raum läßt, der erst mit dem letzten Atemzug des
Kranken erlischt.
Wie er überhaupt so gütig war, so voll Mitleid gegen seine leidenden
Mitmenschen! „Es ist das Schrecklichste, an einem Schmerzenslager zu
stehen und nicht helfen zu können.“ Und da er so warm empfand, so oft
uneigennützig Hilfe spendete, -- wie konnte er so „sündhaft“ sein?
Vielleicht bedurfte er gar nicht des Glaubens. -- O Gott, vergib den
Zweifel -- vielleicht war er besser als so mancher Frommer!
Aber, -- wenn er plötzlich stürbe! Es war nicht unmöglich: er litt
an einem Herzleiden -- wenn er -- ohne zu bereuen -- und bei diesem
Gedanken erfüllte mich ein Weh, so peinigend, so tief, daß es mir
einen Seufzer erpreßte: „Du lieber, barmherziger Gott, schenk’ ihm
die Gesundheit, erhalte ihn am Leben. Dir empfehle ich auch seine
Seele: Du, die Vollkommenheit selbst, der Du die Sünder liebst und die
Gefallenen stützest, laß auch dieses Schäflein nicht zu Grunde gehen.“
Ja, ich wollte ihn bekehren und lebte nur mehr dieser Idee. Aber wie
beginnen? Ein unvorsichtiger Schritt konnte das Ganze verderben. Und
dann, würde ich den Mut besitzen, zu sprechen?
Nein, es war klüger, zu warten, bis sich eine geeignete Gelegenheit bot.
* * * * *
Ein erdrückend schwüler Nachmittag. Ich flüchtete in das nahe von
Steindorf gelegene Wäldchen, in dessen Mitte, von Tannen umwölbt, eine
kleine Kapelle steht. Kein Sonnenstrahl drang in dies Heiligtum: es war
so kühl und still. Leise knisternd rieben sich die dunklen Zweige an
dem Gitterwerk der Fenster, sonst kein Ton, kein Laut, als sei die Welt
in weiter, weiter Ferne.
Ich war allein mit meinem Gotte und klagte ihm meine Not. „Hilf, rette,
rette ihn.“ Ein Schrei, waren mir diese letzten Worte entfahren und
ich hatte gar nicht bemerkt, daß in demselben Augenblicke Jemand die
Kapelle betreten.
„Mimi.“ Beim Klang dieser Stimme fuhr ich zusammen. Die Hände auf das
stürmisch pochende Herz gepreßt, frug ich kaum hörbar: „Weshalb sind
Sie gekommen? Was wollen -- Sie -- hier?“
„Der Zufall führte mich her, vielleicht auch ein wenig Absicht. Sie
schienen mir in letzter Zeit verändert, als ob Sie einen Kummer hätten.
-- -- Und da suchen Sie Trost bei den steinernen Heiligen? Die sollen
retten, helfen?“
Ich rang vergeblich nach Worten: die unausgesetzte Spannung meiner
Nerven machte sich in lautem Schluchzen Luft. „Seien Sie nicht grausam,
quälen Sie mich nicht“, stammelte ich flehend, „ich habe ja -- für Sie
gebetet“.
„Für mich?“ Einen Moment blieb es still. Dann beugte er sich über
mich und frug mit eigentümlich bewegter Stimme, während er meine Hand
ergriff: „Sie wollten mich dem Teufel rauben. Ist’s nicht so? Ich
gehöre also in die Hölle?“
„Wenn Sie nicht glauben.“
„Und Sie denken immerfort an diese düsteren Dinge, statt sich des
schönen Lebens zu freuen?“
„Aber wir können ja jede Minute sterben.“
„Ah, Sie meinen mein Leiden! -- Es gibt Leute, die mit einem Herzfehler
hundert Jahre alt werden.“
„Nein Sie dürfen nicht in die Hölle kommen“, versetzte ich in
kindlicher Beharrlichkeit. „Und sterben auch nicht, noch lange nicht“,
und neuerlich rannen mir die Tränen über die Wangen.
„Das täte also diesem kleinen Herzen weh? Liebe, gute Mimi.“ Und ehe
ich es verhindern konnte, trocknete er mir mit seinem Taschentuch die
Tränen. „Nein, ich will noch lange nicht sterben.“
„Und auch nicht in die Hölle kommen?“
„Aber wenn Sie im Himmel sind. Dort gibt es ja kein Leid und kein
Bedauern. Sie würden mich wohl kaum vermissen.“ Er sagte das mit jenem
leisen Anflug von Ironie, der ihm eigen war, wenn er von religiösen
Dingen sprach.
„Es täte mir nicht leid? -- Aber wie“ -- -- hier unterbrach ich mich,
denn es fiel mir ein, daß der Katechismus in der Tat jene Behauptung
aufstellt.
„Merken Sie den Widerspruch?“
Doch schon hatte ich meine Festigkeit wiedergefunden. „Es gibt Dinge,
die unser Geist nicht faßt. Wir dürfen nicht forschen.“
„Ja wenn man der Vernunft gebieten könnte, Winterschlaf zu halten!“
„Lästern Sie nicht. Es tut mir weh, Sie so sprechen zu hören.“
Und einem Instinkte folgend, löste ich das Goldkettchen mit der
Marienmedaille von meinem Halse und reichte es ihm hin. „Bitte, tragen
Sie es immer, ja?“
„Gewiß, Mimi“, versetzte er einfach und feierlich zugleich.
Ich hätte aufjubeln mögen. Der wichtigste, der erste Schritt war getan.
* * * * *
Von nun an trafen wir uns wie auf Verabredung fast täglich in Garten
oder Wald. Das leise Rauschen in den Wipfeln, der Drosselsang, dieser
ganze weiche, schmelzende Chor, der Duft von Harz und Kräutern, es
sprach mir zum Gemüt, und mein Begleiter las in meiner Seele.
„Läge es nicht näher, hier seine Andacht zu halten, als in der kalten
düsteren Kirche? Können Sie sich einen schöneren Tempel denken, als den
grünen Wald? Blicken Sie um sich -- Alles so einfach und doch so genial
dabei. Keine gekünstelten Effekte, keine unwahren Schattierungen. Ein
Bild, von einer kühnen Meisterhand geschaffen. Da ist alles so klar,
jeder Strich berechtigt, keine unentwirrbaren Hieroglyphen.“
„Sie spielen auf die Dogmen an.“
„Vielleicht.“
„Nennen Sie mir eines, das Ihnen unwahrscheinlich vorkommt.“ Ich hatte
mich im Voraus mit schlagenden Erwiderungen, unanfechtbaren Beweisen
gewappnet und konnte es kaum erwarten, ihm zu imponieren.
„Nehmen wir die Dreifaltigkeit zum Beispiel.“
„Das begriff ich auch erst, als Mère Walter es uns durch ein Gleichnis
erklärte. Eine Kerze. Die ist ein einheitliches Ganzes, besitzt aber
Form, Licht und Wärme, gewissermaßen Eigenschaften, eine, Folge der
anderen.“
„Pardon, aber der Vergleich hinkt arg. Die Form besteht, auch ohne
Licht -- die drei Personen sollen aber unzertrennlich sein, keine
älter als die andere. Und nach Mère Walters Auslegung hätte man sie als
Großvater, Vater und Enkel zu betrachten.“ Und da er meine Verlegenheit
gewahrte. „Suchen wir irgend einen anderen beliebigen Glaubenssatz. Die
Unfehlbarkeit des Papstes.“
„Ja. Daran zweifeln Sie auch?“
„Einen Menschen, der nicht dem Irrtum unterworfen ist, gibt es nicht.
Christus selbst hatte Momente des Zweifels, der Entmutigung. -- Kennen
Sie denn die Geschichte der Päpste? -- Nein, das dacht’ ich mir. Im
Kloster, da zeigt man Ihnen den ganzen kirchlichen Apparat, mit Allem
was drum und dran ist, nur von der schönsten Seite. Nicht wahr, man hat
Ihnen erzählt, daß die Päpste durchwegs höchst ehrenwerte, tugendhafte
Persönlichkeiten waren? Lesen Sie einmal eine unparteiische Schilderung
und Sie werden sich vom Gegenteil überzeugen. Hoffahrt, Mißgunst und
andere Leidenschaften der niedersten Sorte, sie waren vielen dieser
Oberhäupter nur zu wohl bekannt.“
„Sie sind ja auch nicht als „Mensch“ unfehlbar, sondern nur, wenn sie
eine Lehre ~ex catedra~ verkünden.“
„Wenn sie also heute verkünden, es sei Todsünde, der Kirche die Hälfte
seiner Einkünfte zu verweigern?“
„Dann ist es so. Übrigens können sie nie etwas Unrechtes verlangen, da
sie der heilige Geist erleuchtet.“
„Aha, und früher haben sie geirrt. Um die Autorität an sich zu reißen,
haben sie den heiligen Geist ins Treffen geführt. Sehr klug, sehr
schlau erdacht und Sie heißt man das nachreden wie die Papageien.
Es ist empörend, wie man Sie als willenloses Werkzeug benützt, Ihre
Phantasie mit dem verworrensten unsinnigsten Zeug anfüllt. Sie selber
können nichts dafür. Es ist vielleicht sogar Unrecht von mir,“ fügte
er milder hinzu, „daß ich den Zwiespalt in Ihre Seele trage -- aber
dann handle ich auch schlecht, wenn ich dem Blinden das Augenlicht
wiedergebe. Wie viel Schönes, wie viel Beglückendes entgeht Ihnen --
es ist jammerschade. Da liegen die Schätze aufgespeichert und Sie
dürfen nicht zugreifen, weil es Sünde ist. Armes Kind.“ Und da er mein
betrübtes Gesicht sah: „Ich wollte Sie nicht kränken; aber wenn ich so
bedenke, was bei richtiger Behandlung aus Ihnen werden könnte, -- --
-- sagen Sie, Mimi, Sie haben doch die Überzeugung, daß ich es gut mit
Ihnen meine?“
Da, ich weiß nicht wie es kam, hab’ ich seine Hand genommen und mit den
Lippen berührt.
„Aber Mimi.“ Er sprach es mit großen staunenden Augen. Sie waren
wundervoll, diese Augen, leuchtend und braun.
* * * * *
„Weißt Du auch, Bäschen, daß Du mich furchtbar schlecht behandelst?“
fragte mein Vetter Robert entmutigt. „Kaum, daß man Dich alle heiligen
Zeiten einmal zu Gesicht bekommt und da bist Du auch schon wieder
unter irgend einem nichtigen Vorwand verschwunden. Aber wart nur, jetzt
laß’ ich Dich nicht so bald wieder los. Da schau’, ich halte Dich“ und
er zupfte mich neckisch am Zopf. Soll ich Dir mein neuestes Gedicht
declamieren?“ Und ohne meine Antwort abzuwarten. „An Mimi“ heißt es.
„Von was soll ich denn singen,
Mir ist so weh ums Herz,
Dem Lenz kann ich nur bringen,
Ein Lied von Lieb und Schmerz.
Wohl viele Sänger sangen,
Im Frühling ist ’s gut lieben,
Und Herzen, die nie hangen,
Im Mai doch hängen blieben.
Und wenn der Liebe Wunde,
Nicht deckt mehr weißer Schnee,
In sonn’ger Lenzesstunde,
Da tut sie doppelt weh.
Zu Dir möcht’ ich dann eilen,
Du Lenzeskönigin
Und immer bei Dir weilen,
Nie mehr von dannen zieh’n.“
Ich sah von weitem Doktor Vogler und meine Blicke folgten seiner
Gestalt.
„Nun?“ Robert fühlte sich offenbar beleidigt, da ich kein Wort der
Anerkennung sagte.
„Ah so, ich hatte den Schluß überhört. Verzeih Robert, jetzt muß ich
fort, ich habe dringend mit Doktor Vogler zu sprechen,“ und ich eilte
davon. Schon erwachte etwas von der weiblichen Coketterie in mir. Das
Mädchen, das sich begehrt weiß, ohne die Neigung zu erwidern, gleicht
bisweilen der Katze, die mit der Maus Ball spielt und sich an der Qual
ihres Opfers weidet. Ich sah nur noch Robert’s wutverzerrtes Gesicht
und hörte ihn spöttisch rufen: „Ah so, das ist’s -- ich gratuliere.“
Die Mittagsonne brannte und wir bogen in den Buchengang ein, der sich
einer Kuppel gleich zu unsern Häuptern wölbte. Vor einem Beete roter
Nelken blieben wir stehen. Es ging eine Glut, ein Leuchten von diesen
Blumen aus, die mich fascinierten. Satte, schwüle Farben, üppige, reife
Schönheit. Ich bückte mich und pflückte eine, die ich wie spielend
durch die Finger gleiten ließ.
Er sah mich lächelnd an: „So teilen Sie auch meine Vorliebe für diese
Blumen? Mir scheinen sie eine Verkörperung von Lebenslust, von Frohsinn
und Genuß. Wer ihre Sprache versteht! -- -- Ja, Mimi, glauben Sie mir,
es erwartet Sie noch viel, unendlich viel Schönes -- da draußen im
Leben. Wie alt sind sie eigentlich. Vierzehn Jahre?“
„Schon vorüber.“
„O in diesem Alter gibt man gerne zu: später möchte man abziehen. --
Dort, sehen Sie, die melancholische, carrierte Gestalt? Macht Ihnen Ihr
Vetter sehr den Hof?“
„Aber!“ Bei dieser unerwarteten Frage schoß mir das Blut siedendheiß in
die Wangen. Ich wäre am liebsten auf- und davon gelaufen, und zerzupfte
in nervöser Hast die Nelke.
„Was kann denn die arme Blume dafür?“ Er bog den Rand meines Hutes
etwas auf und sah mir forschend ins Gesicht: „Und Sie, ahnen Sie, was
Liebe ist?“
Ich schwieg, aber in meinen Augen las er die Antwort. Er trat einen
Schritt zurück, und frug dann mit unendlich weicher Stimme: „Wirklich,
Mimi?“
„Ja.“
Sonnenfunken zitterten in den Zweigen und eine Lerche schwang sich
in die Luft, dem Herrn der Welt die Botschaft zu verkünden, daß sich
seinem uralten Gesetze zufolge zwei Menschenkinder in Liebe gefunden.
Der erste Kuß! -- Noch in späten Jahren verklären sich die Züge der
Greisin in sanfter Wehmut, wenn sie der Vergangenheit gedenkt. Ein
seliges Vergessen, ein Traum, ein Rausch, eine Wonne ohne gleichen. Der
Himmel lacht, die Engel weinen Freudenthränen.
Ja, war’s denn möglich? Ich blickte scheu zu ihm empor, die Hände auf
die Brust gepreßt, wie um es festzuhalten, das große, große Glück.
* * * * *
„Ob es wohl Sünde war?“ Diese Idee verfolgte mich unablässig. Bei Tag
trieb sie mich hinaus aus dem Zimmer, fort, fort ins Freie. Ich meinte
zu ersticken. Stundenlang irrte ich im Wald herum, rastlos, ziellos.
Des Nachts setzte sich das Quälgeistchen an meine Seite und gab mir
keine Ruhe. Es kicherte, zog mich bei der Decke, daß ich mir nicht zu
helfen wußte.
Tante Laura merkte, daß etwas Ungewöhnliches mit mir vorgehe: „Mimi,
hab’ Vertrauen zu mir.“ Und wie ich in dies abgehärmte, ergebene
Gesicht blickte, da schüttete ich ihr mein Herz aus, gerade so wie
damals, als ich noch ein kleines Mädchen war.
„Sünde ist die Liebe niemals“, versicherte sie mir ernst. „Um in
Deinem Sinne, in Deiner Sprache zu reden, Gott selber hat diesen
Trieb, die Sehnsucht nach einem zweiten Wesen in unser Herz gelegt
und es wäre unnatürlich, wenn er sich nicht früher oder später
äußerte. „Heimlichtuerei“ meinst Du? Deine Fragen sind oft schwer zu
beantworten. Der Zauber der Poesie liegt gar häufig im Verborgenen, im
Geheimnis. -- -- Übrigens so eine erste Neigung lebt oft nicht länger
wie eine Eintagsfliege“, und da ich eine protestierende Geberde machte:
„Wozu sich über Dinge den Kopf zerbrechen, die zu keinem Resultate
führen. In einigen Jahren reden wir darüber, ja? Bis dahin kann sich
Manches geändert haben.“
„Also Sünde ist es nicht?“
„Nein, nein. Aber wenn ich Dir einen guten Rat geben soll, trachte Dir
Vincenz aus dem Kopf zu schlagen. In denke, mit etwas gutem Willen wird
es gehen, jetzt leichter wie später. Eine im Keim erstickte Neigung
gleicht einer leichten Operation, während, wenn sie Wurzel faßt, das
geht oft tief. Du stehst mir ja nahe, Mimi, und ich möchte Dich vor
trüben Erfahrungen bewahren. Besser die Wunde blutet tüchtig, als die
Narbe heilt nie. -- Übrigens, es ist ein wohlgemeinter Rat.“
„Ach Tante, ich hab’ ihn so lieb. Ich will ja nichts Anderes, als daß
es immer so bleibt.“
Wenn er mich mit bebendem Arm umschlang, dann lehnte ich beseligt den
Kopf an seine Schulter. Ich hörte das ungestüme Pochen unserer Herzen
und ein heißer Strom, durchrieselte es meine Adern. Und doch, ich hätte
nicht vermocht, den eigentümlichen Zauber zu definieren, den er auf
mich ausübte. Lag es in seinem Blick, seiner Stimme, der nonchalanten
Art seiner Bewegungen? Alles im Verein vielleicht; selbst das etwas
herbe Parfum, das seinem Taschentuch entströmte, der Schnitt seiner
Anzüge, die eleganten Hände.
Und er sollte dem Bösen verfallen sein? Mehr denn je beseelte mich
der Wunsch, ihn zu befreien. Doch hatten wir die Rolle bei unseren
Diskussionen vertauscht. Er sprach mehr, ich immer weniger; er war zu
höflich um direkt zu widersprechen, aber er zwang mich zu denken und
da zerfiel unmerklich mein Kartenhaus. Es hatte auf zu lockerer Basis
gestanden: der erste Sturm fegte es spielend hinweg. Noch gestand
ich mir’s nicht ein, doch ich fühlte das Herannahen der Katastrophe.
Unaufhörlich nagte der Wurm des Zweifels an meinem Innern: die so lange
zurückgedrängte Vernunft war erwacht und machte ihre Rechte geltend. --
Wie eine Ertrinkende rang ich mit den Wellen: es war ein ohnmächtiger
Kampf mit dunklen Gewalten. In meiner Verzweiflung rief ich die
Heiligen zu Hilfe, doch sie erhörten mich nicht. Und wie, wenn Vincenz
Recht hätte, wenn ich bis dahin in finsterer Nacht gewandelt war, in
ein Lügennetz verstrickt und erst jetzt der Erlösung entgegengieng,
der Erlösung durch die Wahrheit? -- -- -- Und wenn ich lange meinen
Kopf angestrengt, breiteten sich dichte Nebel vor mein Auge und eine
Müdigkeit überkam mich, wie ich sie bis jetzt nicht gekannt.
* * * * *
Es war ein heißes, blutiges Ringen gewesen um den Glauben, ein Ringen
auf Leben und Tod -- und ich unterlag. Monat um Monat war vergangen und
der Tag gekommen, an dem ich das Kloster verließ.
O, endlich, endlich frei! Du junges Morgenrot, Du große schöne Welt,
jetzt seid ihr mein! Wie eine Zentnerlast fiel es mir vom Herzen;
vorbei die Zeit der Verstellung und der Heuchelei. Wie schwer war es
mir oft geworden, mich zu beherrschen, nicht mitten in der Predigt
aufzuspringen und zu rufen: „So glaubt doch nicht, es ist nicht wahr!“
Die Flut war hoch gegangen und hatte anfänglich mit ihrem Toben
und Brausen alles Andere übertönt: jetzt trat die Ebbe ein und ich
fand kostbare Perlen am Meeresstrand. Sie schillerten und strahlten
in den schönsten Farben und ihr Besitz beglückte mich. Ich hütete
meinen Schatz, verbarg ihn sorgfältig vor aller Augen, sagte nicht
einmal Vincenz davon. Doch er erriet mein Geheimnis mit dem Blick
der Liebe, die auf dem Grunde der Seele zu lesen versteht. Mit der
neuen Erkenntnis kam tiefe Ruhe und Zufriedenheit über mich: sie
spiegelten sich in meinem Gesichte, in meinem ganzen Wesen wieder.
-- Ich fürchtete keinen zürnenden, rächenden Gott: ich wollte gut
sein, nicht des Lohnes halber, sondern aus Freude daran und ich
betrachtete die ganze Welt in neuem Lichte. Ich wandelte nicht mehr auf
steinigem, zerklüftetem Wege, nein vor mir lagen sie, die verlockenden,
sonndurchglückten Blumenpfade. Das Labyrinth, in dem ich mich zu
verirren gedroht, war vom Erdboden verschwunden und es schien mir
unfaßlich, daß ich der plumpen Falle so spät entkommen war.
Himmel und Hölle! Daran hatte ich geglaubt. Spuckgeschichten,
Ammenmärchen. Und all das Andere!
„Mimi Steindorf“, ich sagte mir mit einer gewissen Ironie, „nicht
mehr Mittelpunkt des Weltalls, um den sich Alles dreht; nur ein
verschwindend kleiner Teil des Ganzen, und doch niemals „Nichts.“ Du
verlierst das individuelle Bewußtsein, aber verschwinden kannst Du
nicht. Was in Dir den geistigen Menschen, Dein höheres Ich ausmacht,
nenn’ es Seele, wenn Du willst, aber denk’ Dir darunter kein Schemen,
das beim letzten Atemzug vor Gottes Richterstuhl fährt und den Körper
erst am jüngsten Tage wieder bezieht. Heiße es „Kraft“ und versuche
nicht, den Stoff, die Materie davon zu trennen -- es wäre sinnloses
Vorgehen; denn eins bedingt das andere. Im Grunde genommen, bist Du
nichts anderes als eine Uhr. Ein zu heftiger Druck, ein Stäubchen,
das zufällig ins Gehäuse geraten: die Feder ist abgedreht, die Uhr
bleibt stehen, ohne daß sie deshalb aufhört, zu sein. Man kann sie
in ihre einzelnen Bestandteile zerlegen, sie auf ihre ursprünglichen
Stoffe zurückführen: die Form erleidet eine Veränderung, die einzelnen
Teilchen aber können nicht vernichtet werden.
„Findest Du dieses Gedicht nicht schön, Mimi? Der jüngere Dumas hat
Recht. So will ich’s auch einmal“, und Vincenz las mir vor:
„~Je ne veux pas, quand je mourrai,
Que l’on me mette au cimetière.
Au milieu d’un champ labouré
Sous un sillon, que l’on m’enterre!
Vivant, je n’aurai su rien faire,
Mais je m’en irai consolé
Si mort, je puis rendre à la terre
De quoi produire un grain de blé.~“
Nein, keine Pilgerfahrt durch das Thal der Tränen, ein dauerndes Sein.
Das mußte zu edlen Taten aneifern, bewirken, daß wir uns heimisch
fühlen hieniden; das mußte das Bewußtsein der Verwandtschaft mit der
ganzen Natur, einer engen Zusammengehörigkeit erzeugen, stark genug,
die düsteren Schreckensbilder auf immer zu verscheuchen.
* * * * *
Der Winter hatte seinen Einzug gehalten. Ein eisiger Wind wehte: er
seufzte und stöhnte, wie ein Geist, der keine Ruhe findet. Unaufhörlich
wirbelten die weißen Flocken nieder, regelmäßig, nimmermüde. Und
ringsumher, so weit das Auge reichte, eine hohe Schneedecke. Ab und zu
lugte die Sonne hinter Wolken hervor, und dann funkelte es auf Baum
und Strauch, als hätte eine verschwenderische Hand Millionen Diamanten
ausgesäet. Krächzende Raben flogen auf und umkreisten unsern Schlitten.
Die rauhe Luft versengte mir Wangen und Finger. Ich hüllte mich fester
in die Pelzdecke und lauschte der lustigen Schellenmusik. -- So ein
Winter auf dem Lande, das mußte herrlich sein ... Schade, daß es nur
ein kurzer Besuch war.
Im gemütlichen Billardzimmer saßen Großmama und Hannerl am Kamin und
banden schwarze Schleifen an die Wachskerzen der Kapelle, für die
Allerseelenmesse.
Nächtlicherweile wandte sich der Wind und tagsdarauf trat Tauwetter
ein. Papa holte mich zu einem Spaziergang ab, und wir giengen durch den
Wald. Es war fast lau, und von den Bäumen rieselte es im Takte nieder.
„Eine ungesunde Temperatur; um diese Zeit gibt es die meisten
Krankheiten“, bemerkte Papa. „Eine abscheuliche Sache, das Kranksein.“
Wir waren auf dem Friedhof angelangt. Wie seltsam dieser Garten mitten
im Winter! An den Frühling mußt’ ich denken, wenn der Flieder blüht
und Leuchtkäfer schwirren. -- -- Das ganze Dorf war hergepilgert,
um seinen Toten ein inniges Gebet zu weihen, eine stille Träne
nachzuweinen. Kränze, Perlenkronen, Lichter um jedes Kreuz. --
Ganz abseits aber, hart an der Mauer, lag ein verwahrlostes Grab, ohne
Inschrift, ohne Blumenspende. Ich äußerte mein Befremden darüber.
„Es ist ein Jägerjung, der einen Selbstmord begangen und darum kein
Anrecht auf geweihte Erde hat“, erklärte mir Papa.
„Sich umgebracht. Der Arme! Da muß er wohl recht unglücklich gewesen
sein?“
„Die Leute sagen so -- eine Liebesgeschichte.“
Es war zum erstenmale, daß Papa dieses Wort vor mir ausgesprochen:
bisher hatte er es fast ängstlich vermieden. Ich blickte ihn
unwillkürlich an. Er brach ein Tannenreis ab und legte es in sein
Notizbuch. Ein weicher, gütiger Ausdruck lag auf seinem Gesicht -- er
wandte sich nochmals um -- dann traten wir den Heimweg an.
„Mimi.“
„Ja, Papa.“
Er schob seinen Arm unter den meinen. „Du bist doch jetzt ein großes
verständiges Mädchen, mit dem man über ernste Dinge reden kann?“ In
seinem Ton lag etwas, das mir wehe tat. „Es ist nur für alle Fälle,
erschrick nicht,“ fügte er beschwichtigend hinzu. „Wenn mir nämlich
etwas zustoßen sollte --“
„Nein, nein, sprich nicht davon,“ fiel ich ihm ins Wort und Tränen
traten mir in die Augen. Da er so vertrauensvoll, fast zaghaft zu mir
redete, erwachte zum erstenmale die Kindesliebe in mir. Ich wollte ihn
verteidigen, schützen gegen den Sensenmann.
„Sei gescheit, Mimi. Einmal wird es ja doch sein, das bleibt Keinem
erspart, und da ist’s immer besser, so lange es noch Zeit ist. -- --
Du weißt, daß ich nicht reich bin -- -- aber ich hinterlasse Dir doch
genügend, um eine angenehme, sorgenfreie Existenz zu führen. Du bist
auf Niemandes Gnade angewiesen und brauchst keinem Menschen zur Last zu
fallen. -- -- Ich habe für Dich gespart, wenn Du Dich auch innerlich
darüber aufhieltest. -- -- -- Und wenn Du einmal Einen vom Herzen gern
hast und er ein braver, ehrenhafter Mensch ist -- nimm ihn. Sieh nicht
nach Geld aus -- wenn er einen Beruf hat und genügend zu leben, dann
heiratet Euch.“
„Papa.“ Ich drückte seinen Arm. Einen Moment kam mir die Idee, daß
er an Vincenz dachte, doch ich wagte nicht zu fragen. -- „Ja, dann
heiratet Euch und wenn er einen andern Glauben hätte, dann -- --
trachte ihn der heiligen Kirche zu gewinnen. -- -- -- Ich habe --
-- früher einmal die Andersgläubigen gehaßt -- -- es war schweres
Unrecht -- und ich bereue es.“ Er seufzte tief. „Ja, die Verblendung.“
Dann fuhr er fort: „Falls Deine Mutter ein zweitesmal wählt, leg’
ihr kein Hindernis in den Weg. Sie ist ja am Ende noch jung und ich
glaube nicht, daß sie ihr Anrecht auf Lebensglück verleugnen wird.“ Er
hielt inne und fügte dann zögernd hinzu: „Ich möchte ohne Prunk, in
aller Stille zu Sahning begraben werden. Ich erwähne es übrigens noch
ausdrücklich in meinem Testament. Dort in der Gruft werd’ ich mich
heimisch fühlen. Es schläft schon lange Jemand dort -- -- es hat nicht
sollen sein.“
Übermannt von den Eindrücken, die so unerwartet auf mich einstürmten,
und mir meinen Vater in so schönem Lichte zeigten, weinte ich still in
mich hinein. So war die Gleichgültigkeit, seine mißmutige Art nur Maske
-- das Schicksal hatte sie ihm aufgedrängt. Armer Papa, hätt’ ich das
früher gewußt: aber Du hieltest mich so ängstlich Deinem Innenleben
fern. Er faßte mich am Kinn und streichelte mein Haar. „Sei mein
braves, starkes Mädchen. Die Schwachen kriechen stets zu Kreuz, wenn
die Schicksalsschläge wuchtig auf sie niedersausen -- ein ganzer Mensch
aber, der steht aufrecht, mitten im Donnergrollen und Sturmesbrausen.
-- Schau’, wie der Himmel schwarz ist. Wir bekommen wieder Schnee.
-- -- -- Und jetzt sprechen wir von heiteren Dingen“, setzte er mit
einer Art Galgenhumor hinzu. „Was würde Dir denn zu Weihnachten eine
Freude machen? -- -- Weißt Du, an was ich dachte? Eine kleine hübsche
Reisetasche. Die kannst Du sehr gut brauchen, wenn Du“, -- -- seine
Hand zitterte in der meinen und ein Ausdruck von Schmerz huschte über
sein Gesicht. „Es ist nichts. Nur ein leichtes Unbehagen, wie ich es in
den letzten Tagen öfters verspürte. Das vergeht“.
„Und davon hast Du gar nichts gesagt!“
„Wozu denn? Solange man nicht ins Bett muß!“ Ein Schüttelfrost überkam
ihn bei diesen Worten, daß die Zähne aufeinanderschlugen.
„Du hast Dich wahrscheinlich erkältet.“ Meine Stimme klang unsicher.
„Und es ist noch so weit nach Hause.“
Da bog, wie gerufen, ein Schlitten in die Allee ein, und ich erkannte
auf den ersten Blick Vincenz, der einen kurzen Urlaub genommen, um uns
in Steindorf zu überraschen. Er hatte sofort die Sachlage begriffen
und drängte uns, rasch einzusteigen. „Es ist nichts von Belang, aber
Sie müssen vorsichtig sein. Die Influenza grassiert gerade jetzt, und
wenn man die Pflege zu Beginn vernachlässigt, kann es die schlechtesten
Folgen haben.“
Nach einigem Sträuben legte sich Papa zu Bett, und wir leisteten ihm
Gesellschaft. Er blätterte in seinen Einschreibbüchern, und es berührte
mich peinlich, als er bemerkte: „Wirklich große Auslagen, das Trinken
und das Rauchen. Eine schlechte Gewohnheit; es könnte vielleicht in
Zukunft wegfallen.“
* * * * *
„Meine arme Mimi, ich kann Dir nicht verhehlen, daß es schlecht, sehr
schlecht steht mit Papa. Ich habe Deiner Mutter telegrafiert: sie kann
in ein paar Stunden da sein.“ Vincenz war blaß und erregt. „An Wunder
glauben wir ja Beide nicht. -- Doch jetzt geh’ Dich etwas auszuruhen,
Du brauchst neue Kräfte.“
Ich vermochte mich in der Tat kaum mehr auf den Füßen zu erhalten. Vier
Nächte lang gewacht -- das nimmt her, wenn man es nicht gewöhnt ist.
Ich versuchte zu schlafen, doch es gelang mir nicht. Unstät irrten
meine Gedanken umher, bis sie beim Worte „Wunder“ Rast machten. Und
wenn doch -- -- aber ich konnte ja nicht mehr beten. -- -- Versuchen!
Ich faltete mechanisch die Hände und murmelte halblaut vor mich hin:
„Sei gegrüßt, Du Königin, Mutter der Barmherzigkeit“. Und plötzlich
lag ich auf den Knien, und, das Gesicht auf die Hände gestützt, fielen
mir die Worte ein; sie strömten mir von den Lippen, ein unaufhaltsam
sprudelnder Quell, und mit ihnen kehrte der alte Kinderglaube wieder.
Es war dunkel im Zimmer: matt flackerte das Feuer im Kamin, bis es
erlosch. Ich lag noch immer in derselben Stellung und beschwor Maria,
mir zu helfen. „Du kannst nicht so grausam sein, Du Gute, Gnadenreiche.
Erhalt’ ihn mir am Leben. Maria hilf, und ich will Dir’s ewig danken.
Meinen Zopf, auf den ich so eitel bin, bring’ ich Dir zum Opfer -- nur
erhöre mich. Ich hab’ ja so viel gut zu machen, da ich ihn bis jetzt
so falsch beurteilt. Auch fromm sein will ich wieder, Maria hörst Du?“
„Mimi, Mama ist da. Willst Du nicht hinunter?“ Tante Laura kam mich
fragen. Sie hatte längst verziehen und pflegte ihren Bruder mit
rührender Sorgfalt.
„Tante, steht’s sehr schlecht?“
„Mut, Kind!“, und sie drückte mir die Hand.
Tiefe Stille herrschte im Krankenzimmer. Großmama saß da mit gefalteten
Händen, den Blick auf das Kruzifix an der Wand geheftet. Sie sagte
leise Gebete vor sich hin, und ab und zu entrang sich ein tiefer
Seufzer ihrer Brust. Mama kauerte mit scheuer Miene in einer Ecke, die
Augen halb geschlossen. Auch die Übrigen schwiegen.
Papa saß mehr im Bette, als er lag. Sie hatten ihm Kissen
untergeschoben, um ihm das Atmen zu erleichtern. Als ich zu ihm
trat und ihn flüsternd frug, ob ich etwas für ihn tun könne, machte
er eine sichtliche Anstrengung zu sprechen, aber es war nur ein
undeutliches Lallen. Er hatte den Mund geöffnet, und die Hände begannen
ein unheimliches Spiel auf der Decke. Wie abgemagert sie waren in
den paar Tagen, und wie weiß! Und wie kalt sie sich anfühlten, wie
eisig kalt. Wenn das das Ende wäre, oder die Agonie! Ich verlor alle
Selbstbeherrschung, umklammerte ihn schluchzend und beschwor ihn, nicht
zu gehen, mich nicht zu verlassen. Ich küßte ihm den kalten Schweiß von
der Stirne, streichelte seinen Kopf, befahl ihm, zu bleiben. -- Ich
hatte ja gebetet -- ich erwartete das Wunder. -- Da, er atmete tief
auf, immer rascher -- das war vielleicht das wiederkehrende Leben --
rascher -- aber so seltsam, so unregelmäßig, ein gequältes, mühsames
Röcheln. -- Er rang nach Luft, schnellte in die Höhe, als ob jemand
ihn mit ungeheurer Kraft emporrisse; dann gellte ein Schrei durch
das Gemach, so klagend, so unbeschreiblich schmerzlich, seine Züge
verzerrten sich wie im Krampfe, dann fiel er schwer zurück. Noch ein
letzter, schwacher Atemzug, und es war vorbei.
Das hab’ ich lange nicht begriffen.
Mama geberdete sich wie eine Wahnsinnige, tobte und jammerte. Großmama
drückte einen langen Kuß auf das wachsbleiche Gesicht ihres Lieblings.
„Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen -- er weiß am Besten,
was er tut.“ Dann gieng sie zur Schwiegertochter, und ihr die Hand
hinhaltend: „Ich denke Helene, in einem solchen Moment vergißt man
allen Groll“, und nun umarmten sich die Beiden.
In leisen, feinen Schlägen verkündete die Wanduhr die zwölfte Stunde.
Die Kerzen waren herabgebrannt und warfen dunkle Schatten über das
marmorne Gesicht des Toten, über das nun tiefe Ruhe ausgebreitet lag.
So schön, so mild war er mir früher nie erschienen. Das rötlichblonde
Haar hob sich wie Gold von der blaßen Hautfarbe ab und die Hände lagen
wie zum Gebet verschränkt, auf der Brust.
„Wie zufrieden er aussieht, Mimi“, sagte die Großmama. „Der liebe Gott
meint es recht gut mit ihm. Dort droben ist’s ja viel, viel schöner --
da finden wir uns Alle wieder: da gibt es keinen Abschied.“
* * * * *
Ein schwarzverhangenes Zimmer, in dem es so still ist, so schaurig
still. In der Mitte steht der erhöhte Catafalk, neben dem in riesigen
Kandelabern Wachskerzen brennen. Kränze auf dem Boden und an der Wand,
Kränze, wohin der Blick fällt. Und in all’ den Blumenaugen steht
die stumme Klage um zu früh entflohenes Leben. Sie seufzen und ihr
duftender Atem vermengt sich mit dem Geruch der Wachskerzen, mit der
dumpfen Moderatmosphäre des Todes. O dieser Geruch, er verfolgt Einem,
man wird ihn nicht los, wohin man auch flieht.
Tränen und Seufzer -- -- kein Sonnenstrahl, kein lautes Wort.
„Wie eng und kalt Du es nun hast, mein armer Papa. Könnt’ ich Dir
nur etwas Gutes tun, Dir noch einen letzten Liebesdienst erweisen!
Du schweigst. Wo bist Du? Weshalb hast Du uns verlassen? -- -- Du
bist wirklich tot? -- Ja, tot!! Du wirst mir kein einziges Wort mehr
sagen -- -- ich faß’ es nicht -- -- -- mir ist, als müßte im nächsten
Augenblick die Thür aufgehen, und dann kommst Du herein und wir
plaudern miteinander aber viel inniger, viel zärtlicher wie früher.
Ich küsse Deine Hand, o sie ist eisig kalt, wie eine Geisterhand, --
-- Dein Gesicht, so mager und -- -- die goldenen Haare -- -- nein, Du
warst anders, aber ich seh’ Dich immer so vor mir. -- Nein, laß mich,
geh, berühr’ mich nicht. -- Ich fürchte mich, wenn Du mich holst. -- --
Es ist so schwarz, so dunkel, ich will nicht sterben, nein, ich will
nicht -- ich -- o -- -- --“
Ich lag mit heftigem Fieber danieder und als ich die Besinnung
zurückerlangt, standen Tante Laura und Vincenz an meinem Bett. Sie
nötigten mich zu essen, da ich in den letzten Tagen kaum ein paar
Bissen genossen. Ich durfte auch nicht mit zum Begräbnis: sie wollten
mir Gesellschaft leisten, die Beiden, die nun meinem Herzen am nächsten
standen. Vincenz suchte meine Gedanken von dem traurigen Ereignis
abzulenken: er erzählte mir dies und das, versuchte zu lächeln, aber es
mißlang ihm kläglich. Dann ergriff er meine Hand, hielt sie vor seine
Augen und weinte, wie ein Kind: „Das war mein bester Freund -- trotz
Allem -- ein goldenes Herz. Ja Mimi, ein harter, entsetzlicher Schlag“,
und sein Gesicht überzog sich mit fahler Blässe. „Vincenz, was ist
Dir?“ Er war sich mit der Hand an die Brust gefahren. „Bitte Wasser.
So. Nur ein momentaner Schwindel.“
Großmama, dicht verschleiert, setzte sich zu mir und sprach in überaus
gütiger Weise auf mich ein. „Wir fahren jetzt nach Sahning -- ich werde
Deinem guten Papa einen Gruß bringen. Glaub’ mir, Mimi, er schaut
immerfort auf Dich herab, er hat Dich ja so lieb gehabt und wenn Du
brav und fromm bist, freut er sich.“
Das Thor wurde mit polterndem Geräusch geöffnet; ich hörte schwere
Männertritte, undeutliche Stimmen -- Schlittenschellen -- und jetzt
läuteten sie auf dem Schloßturm -- ja, es war der tiefe klagende
Ton unserer alten Glocke, immer neue tönten mit, von nah und fern
-- aus allen Ortschaften. -- „Bim--bam, bim--bam“, so klang es mir
unaufhörlich in den Ohren und doch hatte sich der ernste Zug schon seit
geraumer Weile in Bewegung gesetzt.
„Du wirst Dein Steindorf nie wiedersehen. Leb’ wohl, leb’ wohl für
immer!“
* * * * *
Wie traurig gähnten mir die schon halbgeleerten Laden entgegen und
jedes einzelne Ding erinnerte mich an den Verstorbenen. Wie genau
hatte er in seiner peinlichen Ordnungsliebe darauf geachtet, daß jedes
Stück an seinem bestimmten Platz zu liegen kam und allen, selbst den
wertlosen Gegenständen ein erläuterndes Zettelchen beigelegt. Und jetzt
dies Durcheinander! Die Liste aller Jener, die ein Andenken begehrten,
nahm kein Ende und es hieß auf specielle Wünsche Rücksicht nehmen.
Des Nachts fuhr ich häufig erschreckt zusammen. Mir war, es lege sich
eine kalte Totenhand auf mein Herz, und in den Möbeln krachte es. Dann
rief ich Tante Laura und schmiegte mich fest an sie, bis ich ermüdet
Schlummer fand. Mama steigerte meine Erregung, indem sie mir ihre
Träume und Visionen schilderte, Karten aufschlug, und das Traumbuch
zu Rate zog. Ich hatte ihr Bücher aus der Bibliothek gebracht, aber
sie las kein einziges. Sie gähnte fortwährend und sah nach der Uhr,
worauf sie regelmäßig bemerkte: „Erst: ich dachte, es sei schon viel
mehr.“ Erst bei unserer Rückkehr nach Wien taute sie ein wenig auf. Wir
bezogen eine andere Wohnung und das Ordnen und Einrichten schien sie zu
zerstreuen. Sie zeigte neues Interesse für den Haushalt und verwandte
große Sorgfalt auf ihr Äußeres. Keine Spur mehr von der früheren
Vernachlässigung und das stand ihr vorteilhaft. Wenn wir auf der Gasse
giengen, wandten sich die Leute nach ihr um, und wenn wir Bekannten
begegneten, hieß es stets: „Sie sehen brillant aus Baronin; wirklich
man könnte Sie für Schwestern halten.“ -- Mama lächelte dann vergnügt
in sich hinein, schnürte sich noch fester und ließ sich noch gewagtere
Hüte machen.
* * * * *
Die Trauerzeit war um, und ich hatte das achtzehnte Jahr erreicht.
Mama, deren lauter Jammer sich in kürzester Zeit überlebt hatte,
vermochte die Sehnsucht nach Abwechslung nicht länger zu unterdrücken.
Wir giengen also in die Welt. Davon hatte ich mir nach den bisher
gelesenen Romanen eine ganz andere Vorstellung gemacht.
Bei den „~jours~“ herrschte ein so steifer, ungemütlicher Ton, als
träte man bei der pompe funèbre ein, und die Soireen waren nicht
viel anders. Man würgte gezwungen eine Tasse Thee hinunter, aß ein
Stückchen Sandwich und sprach so leise, als fürchte man seine eigene
Stimme zu hören. -- Man hatte sich eben nichts zu sagen, und wenn es
ab und zu lebhaft zugieng, so war gewiß das Capitel der ~médisance~
aufgeschlagen worden. Ich mußte stets an eine Uhuhütte denken. Von Nah
und Fern stürzen sich die kecken Vögel auf das wehrlose Tier, rupfen
und picken ohne Unterlaß. Keins will zurückbleiben, und Jedes meint,
etwas Besonderes vollbracht zu haben, wenn es gehörig losgefahren. Und
wie bald war man über die Grenzen der harmlosen Stichelei hinaus!
Einmal -- ich erinnere mich noch sehr genau daran, -- bildete eine
Skandalgeschichte in allen Salons das Tagesgespräch. Es waren nicht
bloß „Klatschschwestern“, die sich daran beteiligten, -- im Gegenteil
-- die Herren der Schöpfung nahmen womöglich noch regeren Anteil.
„Comtesse X von Herrn N. N. entführt.“ In Kürze war die Geschichte
folgende: Das junge, ziemlich exaltierte Mädchen hatte die
Bekanntschaft eines eleganten, geistreichen Causeurs gemacht und sich
sterblich in ihn verliebt. Die Eltern wollten von der Sache nichts
wissen, und eines schönen Tages war das Pärchen verschwunden. Man
fand es nach längerem Suchen in einem Vorstadthôtel, und zum Überfluß
stellte sich heraus, daß der Betreffende ein verheirateter Mann war,
der Weib und Kind verlassen, aus Speculation auf das Vermögen der
Kleinen.
„Unerhört. So ein Fratz! Sie hat sich in der guten Gesellschaft
unmöglich gemacht. Man müßte ihr ja die Türe weisen.“
Wie da die Köpfe zusammengesteckt wurden, wie die Augen leuchteten
und jeder Einzelne vor Begierde brannte, noch ein klein wenig mehr zu
wissen, als die Andern, noch ein paar pikante Details hinzuzufügen.
Ich sah mich im Kreise um. War denn da Keiner, der ein Wort der
Entschuldigung, des Mitleids fand, Keiner von denen, die als gute
„Freunde“ im Hause der Gräfin verkehrten? -- Nein. -- Es war
erbärmlich, ekelhaft feig. Wie konnten sie nur in ihrem Innern so
schonungslos verdammen? Weshalb also schwiegen sie, weshalb wagten
sie nicht, frei ihre Ansicht zu bekennen? Fühlten sie sich selbst so
fleckenlos?
Mein Herz begann so heftig zu pochen, daß ich es bis in den Hals hinauf
spürte, und die Fingerspitzen zuckten mir. Mit einer Festigkeit, die
mir sonst nicht eigen war, trat ich auf Mama zu und sagte: „Gehen wir“.
„Nein, ich möchte noch bleiben.“
„Gut, so geh’ ich allein.“
Die Nebensitzenden waren aufmerksam geworden, und die Hausfrau lenkte
begütigend ein: „Was haben Sie denn, liebes Kind? Freilich, die
Klostererziehung! Da kommen Einem eben solche Dinge befremdend vor.
Man muß sich an Manches erst gewöhnen; mir gieng es ebenso.“
„Ich werde mich an gewisse Dinge nie gewöhnen. Irren ist menschlich.
Man kann bedauern, aber nicht verdammen. Wer kann wissen, ob er in
genau denselben Verhältnissen nicht ebenso gehandelt hätte?“ Tiefes
Schweigen. Aller Blicke waren auf mich gerichtet, teils mit Staunen,
teils mit überlegener Ironie; ich ließ mich aber nicht beirren. „Wenn
Sie einen Blutstropfen sehen, werden Sie ohnmächtig, -- daß aber hier
ein Opfer unter Ihren Händen verblutet,“ .... Mama zog mich am Ärmel
und murmelte ein paar entschuldigende Phrasen: „Sie ist so leicht
erregt, aber sie meint es nicht so“. Zu Hause aber erklärte sie mir
ohne Umschweife, daß sie einen weiteren Verkehr mit Dr. Vogler nicht
mehr dulde. Sie wisse schon längst, daß er mir diese verrückten Ideen
in den Kopf setze, und bedanke sich dafür, daß ich sie vor aller Welt
lächerlich mache.
„Also Papas Freund willst Du die Türe weisen?“
„Ja, sonst erleb’ ich auch noch eine Geschichte, wie die Gräfin X. Du
bist ja so schon ganz vernarrt in den kranken Menschen. Was denkst Du
Dir denn eigentlich dabei? Will er Dich vielleicht heiraten, dieser
Ritter von Habenichts?“
„Ich bitte Dich, laß es genug sein. Du könntest es bereuen. Du weißt,
Steindorf steht mir jederzeit offen.“
Sie schien meinen Widerstand zu fürchten und versetzte ruhiger: „Es
ist schrecklich mit Dir. Man wird doch noch seine Meinung sagen dürfen.“
„Solange es bloß meine Person betrifft, ja. Aber über Leute, die
hochzuschätzen, die zu verehren ich allen Grund habe, lasse ich nun
einmal nichts kommen.“
„Aber Deine Mutter kann doch Bedenken äußern, wenn es sich um so
Wichtiges handelt. Dein Wohl liegt mir ja doch am Herzen“, und sie
begann zu weinen.
„Aber ich bitte Dich.“ Ihre Tränen ließen mich kalt und ich fand kein
versöhnendes Wort. Mit einemmale sollte ihr mein Glück am Herzen
liegen! Weshalb war ihr das nicht früher eingefallen? -- Wie töricht
handelt doch das Schicksal, wenn es mit den festesten Banden Solche
verknüpft, die sich so weltfern sind!
Das Argument: „Weil es die Mutter ist“, genügte mir nicht. Ich habe
überhaupt nie Menschen aus purem „Verwandtsschaftsgefühl“ geliebt, sie
immer nur nach persönlichem Wert und Verdiensten taxiert. Daran, daß
man dieselben Vorfahren besitzt, aus ein- und derselben Familie stammt,
ist ja am Ende nichts so Anerkennenswertes.
Ich hatte mit Vincenz über diesen Punkt gesprochen, und er teilte meine
Ansicht.
Daß die Eltern ihre Kinder lieben ist nur zu begreiflich: der
natürlichste Egoismus. Daß sie das hilflose Würmlein hegen und pflegen,
es mit allem Nötigen versehen, das begehrt die Stimme der Natur, die
will, daß man sein Fleisch und Blut hochhält. Das ist eine kleine
Abtragung der riesigen Verantwortung, die mit dem Augenblick beginnt,
wo man einen Menschen in die Welt setzt. Die Tatsache, daß uns die
Eltern das Leben gegeben, verpflichtet durchaus nicht zu Dank. Sie
tun es ja doch nicht aus Liebe zu den Ungeborenen! Wie viele elende,
erbärmliche Existenzen gibt es, die lieber nie das Licht des Tages
geschaut hätten. Im Grunde genommen, stehen die Eltern, so seltsam es
auch klingen mag, in der Schuld ihrer Kinder. Das eigentliche Verdienst
beginnt erst, wenn im kleinen Geschöpfe das Denkvermögen, das bewußte
Gefühlsleben erwacht. Dann heißt es den engen Ideenkreis erweitern,
lehren, Interesse am Guten, Schönen wecken, aus dem Schatze der
Erfahrungen mitteilen, raten, und erklären. Die Liebe soll ihre Wurzel
weder in der Furcht, noch im bloßen Schicklichskeitsgefühl haben -- sie
soll Bedürfnis sein, unwiderstehlicher Drang. Glücklich jene Eltern,
die das begreifen -- sie ziehen sich Freunde heran.
Und was hatte meine Mutter getan? Meine Erziehung Andern überlassen,
weil es so bequemer war. Nie das geringste Bestreben, mir etwas von den
Dingen beizubringen, deren man im Leben so nötig bedarf. -- Das hätte
sie aus ihrer Ruhe gebracht, folglich kam es gar nicht in Betracht.
Sie selbst besaß weder Sinn noch Verständnis für die weltbewegenden
Fragen, keine Interessen höherer Art, keine Ideale. Wenn ich bisweilen
an solche Dinge rührte, versetzte sie mit erstaunlicher Offenheit:
„Das ist fade, davon versteh’ ich nichts: es ist mir zu hoch.“ Und
nicht genug daran, jetzt wollte sie mir auch den Einen rauben, der mich
begriff. Ich trug übrigens den Sieg davon. Es blieb ihrerseits bei der
Drohung und Vincenz kam nach wie vor. Doch unser schönes Verhältnis war
getrübt -- die beständige Anwesenheit Mamas legte uns einen Zwang auf:
wir fühlten uns beobachtet und die mißtrauischen Blicke einer Dritten
wirkten wie ein eisiger Wasserstrahl.
Und warum das Alles? Die Zeiten ändern sich: die Liebe sinkt im Werte.
Heutzutage gilt nur mehr das Geld. Er war eben „keine Partie“, mein
Vincenz.
* * * * *
Der erste Ball! Freute ich mich darauf oder nicht, ich hätte es nicht
zu sagen gewußt. Die Friseurin macht mir Complimente und der Spiegel
auch. Das weiße Illusionkleid mit den Maiglöckchenguirlanden steht mir
gut: ich kann mich sehen lassen.
Als ich aber den hellerleuchteten Ballsaal betrete, beschleicht mich
solche Bangigkeit, daß ich am liebsten auf und davon möchte! Das
Licht, die Edelsteine, das eigenartige Parfum, es hat eine betäubende
Wirkung. Schöne Frauen, zarte Farben, berauschende Musik. Ich muß ans
Feenmärchen denken, wo es plötzlich lebendig wird, wo im verwunschenen
Garten die Blumen durcheinanderwandeln, singen und klingen.
„Also doch Cousine, ich dachte schon, Du hättest es Dir überlegt und
kämest nicht mehr. Nun, wie gefällt es Dir?“ -- „~Oh pardon!~“ -- da er
einer Dame auf die Schleppe getreten. Er blickte ihr nach: „Reizend.“
„Kennst Du sie, Robert?“
„Nur vom Hörensagen. Eine Ausländerin. Fabelhaft reich, soll Millionen
haben, -- aber kühl bis ans Herz. -- Hier, erlaube, daß ich Dir meinen
Kameraden, Grafen Scheuregg, vorstelle -- entschuldige, ich muß fort,
ich bin für den Walzer engagiert.“
Mama gesellte sich zu einer Schaar bekannter Damen, und Roberts
Freund gab mir den Arm. „Haben Sie heuer schon viel mitgemacht? Nein?
Schade. Hatten ein paar sehr fesche Tanzereien.... Sechsschritt oder
gewöhnlichen Walzer?“
„Ich weiß nicht.“ Ich hatte tatsächlich nie einen Schritt getanzt
und keine blasse Ahnung von diesem oder jenem. Ich hatte mich darauf
verlassen, daß ich es schon treffen würde, aber auf eine bestimmte
Frage war ich nicht gefaßt. Dabei kam ich mir so ungeschickt vor: die
Klosterschüchternheit erfaßte mich: ich hielt den Blick beharrlich
gesenkt, tanzte elend und wünschte mich weit, weit weg. Ich glitt
meinem Partner fortwährend aus dem Arm, und er hatte alle Mühe, mich
festzuhalten. Der Atem gieng mir aus; ich brachte kein Wort hervor,
als er mir eine Frage stellte, und hatte doch nicht Mut genug, ihn zu
bitten, mich auf meinen Platz zu führen. Die Leute traten mir auf die
Füße, und mir wurde schwindlig. Ich rastete ein wenig. Es kamen noch
Andere. Jeder tanzte gewissenhaft seine Pflichttour ab, jeder sagte
mir dieselben abgedroschenen Dinge in den Pausen. Man führte mich ans
Büffet, gab mir Blumen, murmelte „allerliebst“. Und doch fühlte ich
mich steinunglücklich; der Boden brannte mir unter den Füßen. Ich
flüchtete in einen verlassenen Winkel und von mitleidigen Palmen halb
verdeckt, stellte ich meine Betrachtungen an.
Mama wirbelte am Arm eines schwarzen Offiziers vorbei, strahlend,
entzückt. Und all’ die Andern bewegten sich so frei und unbefangen.
Sie lächelten, machten so fröhliche Gesichter, daß man meinen mußte,
sie unterhielten sich. Wirklich? -- Daran also finden die Menschen
Vergnügen? Nun denn, dann hatte ich eben mit der Menge nichts gemein.
Nein, wahrlich, nach dem Lorbeer einer Ballkönigin dürstete mich nicht.
„Vincenz!“ Meine Gedanken flogen in das kleine Zimmer, das er mir
beschrieben. Dort saß er am Schreibtisch, bis spät in die Nacht hinein
in seine Bücher vertieft. Ab und zu wirft er wohl einen Blick auf mein
Bild, auf die Braut, die niemals sein Weib wird. Er will es nicht:
„Kranke Menschen handeln gewissenlos, wenn sie heiraten“. So werd’ ich
verblühen, hinwelken, denn mein Gärtner pflückt mich nicht.
Die Kehle wird mir trocken, die Lider fallen mir schwer über die
Augen; ich höre noch Roberts meckerndes Lachen, dann schlafe ich ein.
Ein leichter Schlag auf meine Schulter, und ich fahre aus meinen
Träumen auf. Mama steht vor mir, glühend, noch erhitzt vom Tanz,
und merkt nichts von meiner Verstimmung: „Es ist gut, daß Du Dich
abkühlst; wir fahren bald.“ Als aber ein Offizier heranhüpft und mit
unwiderstehlicher Miene bittet: „Nur noch eine Tour, Baronin“, läßt sie
sich neuerdings entführen. Es folgte noch gar manche Tour. Der Morgen
lugte bereits farblos durch die Bogenfenster, und das Orchester spielte
träge -- als „Baronin Mutter“ ausgetanzt hatte.
* * * * *
Ein dünnes, schwarzes Büchlein. Ich habe es in Papas Lade gefunden
und an mich genommen. Jetzt begreife ich so Manches! Du armer Toter!
Du hast meine Mutter geliebt: Du, hast Dein warmes Herz an einen
Marmorfelsen gebettet, bis es erstarrt. Immer mehr entfremdete Dich
das schale, oberflächliche Wesen Deiner Frau, und dann kehrtest Du zu
Emilie zurück: dann hast Du bei der Toten gesucht, was Dir die Lebende
versagt.
Welch’ tiefes, reines Gemüt sich in seinen Gedichten offenbart.
Einer strengen Censur hätten sie kaum Stand gehalten, aber ich fand
sie unvergleichlich schön. Eine förmliche Chronik seiner Liebe. Das
zagende, halb unbewußte Erwachen, die Unsicherheit, die Zweifel
am eigenen Glück, das allmähliche Anwachsen der Flut, das wilde,
rücksichtslose Aufschäumen. Das ganze „Ich“ gerät in Aufruhr, eine neue
Welt ersteht den Zweien, die außer sich nichts sehen, eine Welt so
zauberumflossen, so traumhaft schön, daß das Jauchzen auf den Lippen
erstirbt und Tränen in den Augen schimmern: „Zu viel, zu viel“. -- Da
ein Krach, ein Getöse mitten in die wonnevolle Lenznacht, ein jähes
Aufleuchten, plötzliche Finsternis -- eine öde Wüste ohne Ende und im
Sand ein Grabstein, darauf geschrieben steht: „Vorbei“.
„Emilie.“ Ich betrachte das Miniaturbild und kann mich nicht losreißen
von dem bezaubernden Gesicht. So jung und morgenfrisch, so blendend
schön -- und fort zu müssen -- mit ewig ungestilltem Sehnen. -- --
Mama unterbrach meine Betrachtung: „Glaubst Du, daß Oberst von Bittau
mir einen Antrag machen wird?“
„Ja, das weiß ich wirklich nicht. Denkst Du daran, zu heiraten, jetzt
schon, so bald nach -- -- --“
„Immer diese übertriebenen Sentimentalitäten! -- In meiner ersten
Ehe hab’ ich nur Böses erfahren; ich möchte auch einmal das Leben
von der angenehmen Seite kennen lernen. Oder soll ich vielleicht
warten, bis ich alt bin und mich Keiner mehr nimmt? Ich finde das
sehr sonderbar. -- -- -- Der Oberst“, fuhr sie fort, „ist sehr
vermögend, hat eine Stellung und ich -- gefalle ihm.“ Letzteres mit
gretchenhaft-verschämtem Blick. „Er sagte mir, daß ich einen selten
kleinen Fuß habe und unergründliche Nixenaugen.“ In dieser Art gieng
es fort. Wahrlich, ich gönnte ihr den Triumph, aber es irritierte mich
über die Maßen, daß sie so wenig ~fond~ und Geist besaß, um so „naiv“
zu sein. Und Papas Bild blickte uns so traurig an, als wollt’ es sagen:
„So bald vergessen? So bald schon? Ich dacht’ mir’s wohl.“
„Sie aber blieb unerbittlich. Sie baute Luftschlößer und malte sich
ihre zukünftige Existenz bis in die kleinsten Details aus. Sie
würde Equipage haben und zweimal wöchentlich empfangen -- in weißen
Glacéhandschuhen.“
„Aber das sind doch nur Nebensachen.“
„So, also mein Glück ist Nebensache?“ Sie gieng mit erregten Schritten
im Zimmer auf und ab. „Wann endlich wird man mich in Ruhe lassen? Ich
bin doch kein Kind mehr“ und sie pflanzte sich vor mir mit der Miene
einer Prophetin auf: „Und ich werde doch heiraten.“
„Natürlich, wie Du willst. Ich gehe dann nach Steindorf.“
„Meinethalben. Übrigens wäre es klüger, Du bliebest bei uns. Wir würden
ein großes Haus machen und trachten, daß Du einen Mann bekommst.“