„Aber nein, ich weiß wirklich nichts.“
„Gar nichts?“
Diese Art mich auszuforschen, erweckte arges Unbehagen in mir. Was
meinte sie nur eigentlich? ....
Im Kloster gab es viele neue Gesichter; häßliche und hübsche. Einige
der älteren Schülerinnen waren ausgetreten und ich vermißte mit Wonne
Christinens lauernden Blick.
Meine Pultnachbarin war neu eingetreten. Tiefbrünett mit dunklen, etwas
geschlitzten Augen, erinnerte ihre Physionomie an die einer Japanerin.
Nach ihrem Mienenspiel zu urteilen, schien sie sich gut zu unterhalten.
Mère Walter kündigte uns als „~grande surprise~“ den Besuch der
„~révérende Mère~“ an und alle Mädchen riefen freudig: „Ah, ah!“
„Was heißt denn das?“ frug Olga ganz erstaunt. „Muß man das sagen?“ und
ohne meine Antwort abzuwarten, hüpfte sie dreimal in die Höhe wie ein
Hampelmann, den man an einem Schnürchen zieht: „Ah, ah!“
Mère Walter schmunzelte vergnügt. „Ich sehe, Olga Taroli, daß Sie
eine gute „~élève~“ werden: Sie zeigen schon jetzt „~l’esprit du
Sacré-Cœur~“.“
„Warum denn, meine Mutter?“ und leise zu mir: „Ja, spricht die
spanisch? Ich hab’ in meinem Leben nichts von diesem „~esprit~“ gehört.“
Es lag so gar nichts Gemachtes, Erkünsteltes in ihrem Wesen; das zog
mich an und dann erzählte sie so interessante Dinge. Sie mußte sehr
reich sein, wenigstens nach der Beschreibung des Palais zu urteilen,
das sie bewohnte und der eleganten Equipage, die sie abholte.
Ich schämte mich halb zu Tod, wenn ich mit Mama den kleinen
Selcherladen betrat, um mein Souper zu besorgen, um 20 Kreuzer
Schinken. Wenn sie mich sähe, wie müßte sie es gemein finden und mich
verachten.
Und doch war ich noch bei Weitem besser daran, als Franziska Hipperl,
die von den Anderen mit souveräner Geringschätzung behandelt wurde,
weil ihr Vater Delicatessenhändler war, der seine Kunden eigenhändig
bediente. „Pfui, schämen Sie sich, pfui, pfui!“ Ein förmliches
Spießrutenlaufen, wenn sie durch den Saal gieng. Selbst Mère Walter
setzte eine unnahbare Miene auf, wenn sie mit ihr verkehrte.
Vom obligaten Spaziergang heimgekehrt, hieß es: „Klavierspielen.“ Papa
hatte die Chance gehabt, irgendwo einen 50-Kreuzer-Lehrer aufzugabeln,
einen Menschen mit zerschlissenen Manschetten, tieftrauernden Nägeln
und klapperndem Gebiß.
Während Madame Berger Alles und Jedes getadelt, verfiel er in das
entgegengesetzte System des Unterrichts. Er war des Lobes voll über
mein Talent, mein Auffassungsvermögen und über meine Finger, die
dünnen Spinnebeinen gleich auf den Tasten lagen. Liszt selbst hätte
seine Freude an dieser Hand gehabt. Er sprach sehr langsam, jede
Silbe betonend, in der Art der Schulkinder, das A besonders klar
hervorhebend. „Spie--len wir das schö--ne Lied: „Fah--ret hin, fah--ret
hin, geht mir aus dem Sinn, Gril--len sind mir bö--se Gä--ste.“ Er
summte mit hoher Fistelstimme den Text vor sich hin, ganz begeistert
von der gemeinsamen Leistung. Da Papa fand, daß ich nicht genügend
taktfest sei, frug Herr Stolz -- so hieß mein Meister --, ob er einen
selbstangefertigten Apparat bringen dürfe, der hübsch und zweckmäßig,
das teure Metronom ersetze.
Mein Schrecken war nicht gering, als Herr Stolz bei der nächsten
Stunde mit großer Umständlichkeit seiner Tasche etwas entnahm, etwas
Abscheuliches. Ein alter Knopf an verknittertem Wollfaden. Mir -- das!
Mir, der vor nichts so sehr ekelte, als vor alten, verstaubten
Knöpfen. Und dazu seine Erklärung: „Ich sammle schon seit Jahren
alle alten Knöpfe, und habe bereits eine ganze Schachtel davon. Mein
Princip ist: „Nichts umkommen lassen“, da man nie weiß, wozu man die
Dinge brauchen kann. Den Faden zum Beispiel lieferte ein zerrissener
Socken, den ich nicht mehr tragen konnte. Ich schenkte allen meinen
Schülern eine derartige Vorrichtung.“ Er schwang das Pendel mit großer
Gewissenhaftigkeit hinter meinem Rücken; ich ließ es mir gefallen, doch
als er Miene machte, das kostbare Objekt meiner Obhut anzuvertrauen,
schützte ich Nasenbluten vor und ergriff schleunigst die Flucht.
Herr Stolz besaß nicht das Zeug, um zu imponieren, ich machte keine
Fortschritte und bedauerte, diese Stunde nicht angenehmer verbringen zu
können. Immerhin zog ich diese Beschäftigung noch dem darauffolgenden
Turnen vor. Das fliegende Reck machte mir den Eindruck eines Galgens,
seit ich tagaus tagein dieselben Übungen vornehmen mußte. Aufziehen, so
und so viele Schwingungen, nicht eine mehr, nicht eine weniger und dazu
das Bewußtsein des „Muß“.
Dabei wurde ich ein Gefühl der „Vereinsamung“ nicht los. Doktor Vogler,
der erzählte interessant von seinen Bekannten, seinem Berufe, aber
wenn er ausblieb! Dann bekam man nichts anderes zu hören, als daß es
ein Hundeleben sei, von früh bis spät im Bureau zu sitzen, daß die
Eier furchtbar im Preise gestiegen seien, daß der und jener in Pension
gegangen und Venedig Mamas Nerven nicht vertrieben habe. Alles im Tone
der Klage, des Mißmutes und der Unzufriedenheit mit dem Schicksal.
Es hätte mich zersteut, ab und zu, wenigstens des Sonntags
Altersgenossinnen bei mir zu sehen, aber daran war nicht zu denken.
Die Klosterregel verbat jeden Umgang, ebenso wie Theater, und Papa
hätte nie eine Mißachtung derselben geduldet. So mußte ich mich mit
Hannerls Briefen begnügen, die ich so lange las, bis ich sie auswendig
kannte. Was für wichtige Dinge die großen, unregelmäßigen Schriftzüge
verkündeten. „Ich habe lauter Einser in der Schule bekommen. Nur im
Gesang habe ich einen Dreier bekommen. Pauline hat meiner Puppe einen
Mantel gemacht. Ich spiele Domino. Auf den Fly bin ich böse, weil er
ein Reh zerrissen hat“ u. s. w.
Es ging ihr also mit dem Lernen besser wie mir. Ich hatte sogar in
einem Gegenstande „schlecht“. O dieses Rechnen! Es wollte mir nun
einmal nicht in den Kopf. Ich konnte ganz leidlich addieren und
subtrahieren, kam aber ein Punkt, ein Decimalbruch vor, breitete
sich ein undurchdringlicher Schleier über mein Gehirn. Glaubte
ich bisweilen, auf der rechten Fährte zu sein, die Schwierigkeit
überwunden zu haben, so war es gewiß Täuschung, und ich gab es auf, den
trügerischen Irrlichtern nachzujagen.
* * * * *
Ich wurde wieder einmal zu einem Arzt geschleift, der als Specialist
für Verkrümmungen etc. ein großes Ansehen genoß.
Bei wie viel Ärzten war ich schon gewesen und Jeder hatte etwas
Anderes gesagt. Es wäre eine physische Unmöglichkeit gewesen, ihnen
allen gerecht zu werden. Sie ergiengen sich in gelehrten Ausdrücken,
Mutmaßungen der verschiedensten Art, stellten Fragen, nahmen
ausführliche Protokolle auf und man ging -- so klug wie zuvor.
Ich hätte es schon gewöhnt sein können, und doch beschlich mich
jedesmal dasselbe intensive Unbehagen, wenn ich den Wartesaal einer
Fakultät betrat. Schon der Stil dieser Räume -- sie wiesen alle mehr
oder minder Ähnlichkeit auf, -- machte einen bangen, kalten Eindruck.
Peluchegarnitur mit weißen Spitzendeckchen, kunstlose Gemälde,
Prachtbände, in denen die Patienten mit erheucheltem Interesse
blätterten. Ängstlich horchte ich auf jedes leise Geräusch, auf das
halblaute Flüstern im Nebenzimmer und hätte gerne gewußt, ob die gleich
mir Wartenden dieselbe Unruhe empfanden.
Endlich kam die Reihe an mich. Mama erzählte jedesmal dieselbe
Geschichte, die ich schon zum Überdruß gehört und Doktor Vogler fügte
einige wesentliche Erläuterungen hinzu. Ich mußte mich entkleiden -- es
war mir schrecklich -- die verschiedensten Stellungen annehmen, mich
bücken, legen, tief atmen -- es schien mir eine Ewigkeit.
Der Arzt, den man uns diesmal angeraten, war ein noch junger Mann
mit energischen Zügen. „Derlei Fälle kommen häufig bei Kindern vor,
die sich infolge zuvielen Sitzens eine schlechte Haltung angewöhnen.
Die inneren Organe haben nicht gelitten und die Verkrümmung befindet
sich in einem Zustand, wo sich noch Alles geben kann. Es ist nötig,
die Kleine in rationelle Behandlung, eventuell in eine ortopädische
Anstalt“ und als Mama unterbrechen wollte: „Ich weiß, die Eltern lieben
das nicht, aber um meine Meinung befragt, würde ich unverantwortlich
handeln, wenn ich Sie nicht darauf aufmerksam machte, daß die
Gesundheit wichtiger ist als das Studium.“
Doktor Vogler stimmte ihm durch Kopfnicken bei. Doch äußerte er
Zweifel, daß dies durchführbar sei. Sein College sah mich mitleidig an.
„Dann versuchen wir es mit dem Lagerungsapparat. Wenn Sie vielleicht
sehen wollen“, und er schob den Vorhang etwas zur Seite. Es war ein
Ungetüm aus Holz, Leder und Eisen. „Was, da drin soll ich schlafen?“
Ich begriff nicht, daß man mir im Ernste so etwas zumutete.
„Ja, wenn es sein muß.“ Mama war nur besorgt, daß die Kosten zu
bedeutend wären; das Andere schien sie kühl zu lassen.
Ich brach in Tränen aus. Doktor Vogler fuhr mir tröstend über das Haar:
„Es sieht nur so schrecklich aus. Man gewöhnt sich bald daran und lange
wird es ja hoffentlich nicht nötig sein.“
Ach, war das eine Marter: Kerzengerade auf dem Rücken liegen, den Kopf
in einer Linie mit dem Körper; die rechte Seite auf einem steinharten
Holzviereck, die linke halb in der Luft, an Gurten aufgezogen.
Gewöhnlich schlummerte ich erst um 4 Uhr morgens ein und drei Stunden
später mußte ich aufstehen. Oft vermochte ich mich nicht aufrecht zu
halten vor Müdigkeit und war kaum imstande die Tränen zurückzudrängen.
Weshalb mußte ich das durchmachen? -- Warum war ich nicht wie Andere?
Wenn ich Papa bat, mich wieder wie früher im Bett schlafen zu lassen,
geriet er in Zorn und nannte mich „ein boshaftes Ding“. Und Gott half
mir auch nicht, der böse, alte Mann.
* * * * *
Weihnachten stand vor der Thüre. Wir hielten täglich eine Andacht im
Studiensaal, vor der kleinen, leeren Holzkrippe. Mère Walter hatte uns
in einer etwas unverständlichen Rede aufgefordert, dem Verheißenen
ein Lager zu bereiten in unserem Herzen. Wir sollten unser Inneres
läutern und mit Tugenden schmücken. Jede mußte in den Krieg ziehen
gegen ihren Hauptfehler und hatte sie am Ende des Tages einen Erfolg zu
verzeichnen, durfte sie einen Strohhalm in die Krippe legen.
Meine schwache Seite war die „Geduld“. Ich beschloß mich ins
Unvermeidliche zu fügen. Da die Himmlischen mir gegenüber so wenig
Zuvorkommenheit zeigten, wollte ich sie verblüffen, beschämen. Nein,
sie sollten wenigstens nicht triumphieren; dieser Gedanke erfüllte mich
mit Genugtuung. Ohne Murren legte ich mich in den harten Apparat und
stand mit einem überlegenen Lächeln auf. Nicht Liebe war mein Führer,
viel eher Trotz und Hohn.
Wir verfertigten Kleidungsstücke für die Armen und sollten die würdige
Mutter mit einer Summe für die Afrikamissionäre überraschen. Papa
machte ein saueres Gesicht, enthielt sich jedoch jeder Äußerung, um den
Respekt vor den Klosterfrauen nicht zu beeinträchtigen.
Die Abende waren mit den Vorbereitungen für das Christfest ausgefüllt.
Wir Drei, Doktor Vogler und ein Maler, Pitz mit Namen, verfertigten
kleine Bonbonnièren, wickelten Chokolade ein und befestigten am
Zuckerwerke Fäden.
Pitz, seines schwarzen Krauskopfes halber auch „Mohr“ genannt, zeigte
für diese Beschäftigung bei Weitem mehr Interesse als für seinen
eigentlichen Beruf. Er war durchaus nicht talentlos, aber von einer
Trägheit, einer Indolenz! Flogen ihm die gebratenen Tauben zu, dann
gut, wenn nicht, er kümmerte sich gewiß nicht weiter darum. Ein Bild
„auszustellen“ hätte ihm Entwürdigung geschienen. Bedürften die Leute
seiner, so würden sie ihn schon holen in seinem Dachstübchen, hinter
der Staffelei, wie die Sachsen ihren König, vom Vogelfang. Es holte ihn
aber Keiner, da eben Niemand von ihm wußte.
Er verstand sich vorzüglich auf das Restaurieren; er copierte hübsch,
aber eigene Ideen -- keine Spur. Seine ältesten Bekannten konnten
sich nicht entsinnen, daß ihm seine Phantasie mehr als zwei Sujets
vorgezaubert hätte, die er bis zum Überdruß verwertete. „Zechende Jäger
in der Schänke“ und „ein Bachantenzug von kleinen Kindern“. Selbst
auf der Decke seiner Stube schwebten blütenbekränzte Amoretten und die
Innenseiten seiner Kleiderkästen zeigten die altbekannten, verwitterten
Gesichter unter den grünen Filzhüten.
Papa hatte sich einmal einen Scherz erlaubt und ihn „Herr Zimmermaler“
genannt. Das aber faßte Pitz schief auf: „Der Herr Baron darf sich
nicht lustig machen über mich“, erklärte er mit drohender Miene. „Ich
habe kein Glück gehabt; bei mir stellte sich der Zufall nicht ein, der
einen Makart, einen Canon gemacht. Und mich den Leuten aufdrängen,
ah nein, dazu bin ich zu stolz“ und er warf mit herausfordernder
Miene den Kopf in den Nacken. Mit der, bornierten Leuten eigenen
Zähigkeit, beharrte er bei seinem Standpunkt. Es wäre total fruchtlos
gewesen, sich in eine vernünftige Diskussion mit ihm einzulassen, ihm
begreiflich machen zu wollen, daß die großen Meister niemals berühmt
geworden wären, hätten sie die Hände in den Schoß gelegt und würdevoll
gesagt: „Ich warte“.
Aber ebenso wie er jeden harmlosen Spaß, jeden leichten Tadel für bare
Münze hielt, ebenso nahm er jede Anerkennung, jedes Lob wörtlich. Er
deklamierte für sein Leben gern und man brauchte ihn nur zu bitten,
etwas zum Besten zu geben, so war aller Groll im Nu verraucht. Der
Künstler verschwand, um in wenigen Minuten mit gepudertem Gesicht in
ein weißes Leinentuch gehüllt, zu erscheinen. Mir wurde unheimlich
dabei zu Mute. Das verdunkelte Zimmer, der weiße Schatten und die
schaurige Geschichte der „Moritaterei“ „Lenore fuhr ums Morgenrot“.
„-- Dann gieng er in einen heiteren Ton über, sang den „Chevauxlegers“,
den „Gondolier“ und „Ich wollt’, ich könnt ein Kätzchen sein“. -- Immer
dasselbe Repertoire, nie eine Abwechslung. Sein Steckenpferd aber war
die Parodie auf den „Handschuh“. Er hatte sich beim Einstudieren seiner
Rollen so sehr in die stampfenden, wildbrüllenden Tiere hineingedacht,
daß die Nebenparteien den Hausmeister zu Hilfe riefen: „Der Maler muß
übergeschnappt sein; er treibt es furchtbar“. Und da auf wiederholtes
Klopfen keine Antwort erfolgte, sprengte er die Türe und dem erstaunten
Publikum bot sich ein Anblick dar, wie jener, wo Cervantes „Don
Quichote“ mit unsichtbaren Mächten kämpft. Pitz kroch auf allen Vieren
herum, schlug mit Händen und Füßen um sich und gab die schauerlichsten
Töne von sich. -- Es kam zur Erklärung der Situation, und von nun an
regnete es Einladungen auf ihn „zur Jause“, zu einer „deklamatorischen
Soirée“ im 4. Stock, wo er die einzige deklamatorische Kraft war. Was
Wunder da, wenn Pitz die Huldigungen zu Kopfe stiegen. Er ließ es sich
gut sein bei Braten und Wein und erklärte höchst selbstbewußt: „Jetzt
ist so ein Geriß um mich, daß ich ans Malen gar nicht mehr denken kann.“
* * * * *
Hell prangt der Christbaum im Kerzenschmuck. Es funkelt und glitzert
von Goldstaub und Walkürenhaar und die Äste neigen sich unter der
schweren Last.
Rings an den Wänden auf weißgedeckten Tischen die Geschenke. Mein Platz
ist überfüllt, und es währt geraume Zeit, bis ich die vielen Gaben in
Augenschein genommen. Am meisten freut mich das Perlenhalsband, das mir
Tante Laura sammt einem lieben Brief gesandt. „Sei glücklich“, schloß
das Schreiben, und diese Worte machten mich traurig, ohne daß ich recht
wußte warum. Wann ist man glücklich? Wenn man nichts entbehrt, keine
ungestillte Sehnsucht mit sich herumträgt, -- oder aber wenn man sich
mit den Dingen zufriedengiebt, wie immer sie auch seien. Zu ersterem
gehört Fortunas ganz spezielle Protektion, zu letzterem ein so hoher
Grad von Philosofie, wie er nur wenig Auserwählten eigen ist.
Auch ich war nicht glücklich. Ich stellte die schönen Sachen in meinem
Zimmer auf, und in diesem öden grauen Zimmer dachte ich an Hannerl und
wie schön es wäre, das Alles mit ihr zu teilen. Ob sie wohl wußte,
mit welchem Opfer ich die Süßigkeiten erkauft, die ich ihr geschickt.
Die Nacht des Sonntag blieb ich vom Apparat befreit. Papa stellte mir
aber einen Gulden in Aussicht, wenn ich auch da viermal hindurch darin
schliefe. Es fiel mir schwer, aber Hannerl zu Liebe tat ich es.
Um Mitternacht gieng sie wohl in die Mette. Knirschender Schnee,
Sternenhimmel, der Lichtschimmer ungezählter Laternen, vermummte
Männer und Frauen. Aus allen Dörfern strömen sie zusammen, um dem
Heiland der Welt ein Wiegenlied zu singen: „Stille Nacht, heilige
Nacht.“
Brausend fällt die Orgel ein, Weihrauchduft erfüllt den Raum -- sie
Alle beten.
Wie feierlich! Wie schön!
* * * * *
Olga hatte das Pensionat verlassen, nachdem es mehr als einen heftigen
Auftritt zwischen ihr und der würdigen Mutter abgesetzt. Obwohl wir
einander nicht näher gekommen, that es mir doch leid. Sie hatte Leben
und Abwechslung in das öde Einerlei gebracht. Welchen Unfug sie in
den „Anstands-Stunden“ getrieben! Ihr Lachen wirkte ansteckend und
versetzte den Tanzlehrer -- das einzig männliche Element in unserem
Unterricht in helle Wut.
Kaum wandte er sich um, warf sie ihm Kußhände zu, preßte die Hände
aufs Herz und einmal ertappte er sie dabei, wie sie den Zipfel seines
Taschentuches aus seinem Rocke zog. Von nun an kam Mère Walter
selbst, um uns an Stelle der alten, kurzsichtigen Mère Schale zu
beaufsichtigen. Wir standen da, als ob wir Ladstöcke verschluckt hätten
und mucksten nicht. Es war unerträglich.
Olga hatte laut geäußert, daß bei Tisch nur deshalb Missionsberichte
vorgelesen würden, um einem den Hunger zu benehmen. Sie hatte nicht
so Unrecht; diese unappetitlichen Schilderungen mußten Einem übel
machen. Der Eine briet am Spieß, den Anderen tranchierten sie bei
lebendigem Leibe und ein Dritter war derart Feinschmecker, daß er sich
bloß vom widerlichsten Ungeziefer nährte. In der Regel hörte auch
außer den beiden jungen Altgräfinnen Niemand zu, und die schienen
völlig abgehärtet gegen die Schauderberichte. Sie verschlangen mit
durchdrungener Miene doppelte Extraportionen, während ihr Geist,
von der Materie losgelöst, in höheren Regionen schwebte. Dünn wie
Sardellen, half ihnen selbst die Mastkur nichts -- sie aßen nur aus
Pflichtgefühl, um ihre Körper widerstandsfähig zu machen, für die
Anforderungen der Seele.
Den Ausschlag aber hatte gegeben, daß Olga die fehlenden Seiten ihrer
Naturgeschichte verlangte. „Ich weiß ja so, was drin steht. Warum
soll denn der Mensch nicht vom Affen abstammen. Die Affen sind oft
gescheiter wie die Menschen.“ Bei der Taschenbesichtigung fand sich ein
kleines Bändchen „Goethe-Gedichte“ vor. Sie hatte es zu Weihnachten
von ihrem Schwager erhalten. Höchste Entrüstung. Mère Walter spielte
alle Farben. Sie aber sagte so ganz obendrein: „Warum haben Sie diese
schlechten Bücher gelesen? Hat Sie wahrscheinlich doch auch mehr
interessiert als die „Nachfolge Christi.“ Ich finde gar nichts so
Schreckliches daran.“
Damit war die Sache erledigt und Olga ausgestoßen. Mère Walter legte
uns anheim, für sie zu beten: „~Ce n’est peut-être pas tellement de sa
faute. C’est une excellente enfant, elle a un cœur d’or, mais elle est
malade, oh elle est malade la pauvre!~“
Olga krank, es war zum Lachen. Solch zweiten kerngesunden Kobold gab
es gar nicht mehr. Aber Mère Walter fand offenbar, daß man bei so
unerhörtem Benehmen einer Entschuldigung bedürfe.
* * * * *
Ein entfernter Verwandter war gestorben und hatte Papa zum
Universalerben eingesetzt. Ich durfte Trauer tragen und fühlte
mich furchtbar interessant. Des Abends beim Gebete, fügte Papa ein
Gesetzlein für den Verstorbenen bei und Mère Walter behandelte mich von
nun an mit einer gewissen Zuvorkommenheit.
Die altväterische Einrichtung unserer Wohnung wich einer modernen, und
an Stelle der häßlichen Ripsgarnitur im Salon trat eine kirschrote
Seidenpracht, die mein Auge blendete. Auch mein Zimmer erfuhr eine
Bereicherung, d. h. man schob das hinein, wofür man anderswo keinen
Platz fand.
Sonst trat keine wesentliche Änderung ein. Papa behielt die alte
Lebensweise bei und meine Hoffnung auf Erhöhung des Monatsgeldes erwies
sich als trügerisch.
Zwischen meinen Eltern herrschte eine Spannung, die mich überaus
peinlich berührte. Bei den Mahlzeiten saßen sie sich stumm gegenüber
und ~Dr.~ Vogler mußte die Unterhaltung führen.
Großmama war zum Begräbnis gekommen, hatte uns aber nicht besucht. Als
ich meinem Bedauern darüber Ausdruck gab, versetzte Mama mit großer
Schärfe: „Ich hoffe, daß sie sich’s überlegt, uns aufzusuchen: ich
verlange mir durchaus keinen Verkehr mit dieser Sippe.“
Ich blickte sie erstaunt und mit stummem Vorwurf an.
„Ja,“ versetzte sie, gezwungen lachend, „Du bist auch eine echte
Steindorf; das ist eine alte Geschichte. Man braucht Dich nur
anzuschauen; Deiner Großmutter wie aus dem Gesicht geschnitten.“
„Da wäre ich wirklich nur stolz“, konnte ich mich nicht enthalten, zu
bemerken und verließ das Zimmer. Schon einigemale hatte mich Mama’s
Art, Leute anzugreifen, die mir nahe standen, verletzt; in Steindorf
war dies nicht Brauch und ich fand es unpassend und wenig zartfühlend.
Die Scheidewand, die mich von Mama trennte, türmte sich immer höher
auf. Sie fand nicht den rechten Herzenston und mich kostete es
Überwindung, ihr die Hand zu küssen, sie bei dem Namen zu nennen, der
jedem Kinde heilig sein sollte: „Mutter.“
* * * * *
„Der Erzherzog kommt mit seiner Braut.“ Also endlich ein Ereignis. Wie
ein Lauffeuer verbreitete sich die Neuigkeit im Pensionat.
Man hatte in aller Eile eine kleine Vorstellung eingeübt, und die
Rollen den hübschesten Aristokratinnen -- es war gegen alle Regel --
zugedacht.
Wir Anderen bildeten Spalier und gaben nur den dunklen Hintergrund ab,
von dem die farbenreichen Kostüme sich vorteilhaft abhoben. Die würdige
Mutter war selbst erschienen, um uns die nötigen Verhaltungsmaßregeln
zu erteilen: „~Surtout baissez les yeux. Il faut toujours avoir quelque
chose de modeste dans la tenue. Cela fait une si bonne impression et
c’est à cela aussi qu’on reconnait les enfants du Sacré -- Cœur dans le
monde.~“
Ich wagte nur verstohlen nach den Hoheiten zu blinzeln. Die Prinzessin
nahm lächelnd die Blumen entgegen, die ihr von einer Hofdame abgenommen
wurden. Sie war eine liebreizende Erscheinung und die Blicke des
Bräutigams ruhten mit Zärtlichkeit und Stolz auf ihr.
„Erzherzogin, Prinzessin sein, von Allen gefeiert, bewundert, welch’
beneidenswertes Los.“
Phantasien eines Kinderkopfes! So mancher Kaiser stöhnt unter seinem
Hermelin und risse gern die Krone von der Stirn, die ihn gleich
Dornen schmerzt. Und wie manches Arbeiterherz schlägt freudig unter
dem zerfetzten Kittel. Er bettet sein Haupt auf Gottes freie Erde:
er lacht, er weint, wenn ihm darnach zu Mute ist. Was schert den die
Zwangsjacke der Konvention, in der die Großen dieser Welt geboren
werden.
* * * * *
Zweiter Abschnitt.
„Sie wird jetzt vierzehn Jahre alt und ist im Lernen weit hinter ihren
Gefährtinnen zurück. Es ist Indolenz oder böser Wille. Was halten Sie
davon, Doktor?“
„Ich glaube keins von beiden, lieber Baron; viel eher geht ihr das
rasche Fassungsvermögen ab; sie kann einfach nicht. Derlei Fälle sind
mir schon in meiner Praxis untergekommen, da hilft eben kein „Muß“.“
Ich war, ohne es zu beabsichtigen, Zeuge dieses Gespräches gewesen.
Doktor Vogler’s Verteidigungsrede erweckte das Selbstgefühl in mir.
Hätte er Papa recht gegeben, mich träge, boshaft genannt, -- aber
schwachköpfig, borniert, -- da durfte er nicht Recht behalten. Nein,
um keinen Preis. Er sollte mich ganz anders beurteilen. Mein Entschluß
stand fest und ich machte mich mit einem Fleiß und einer Energie an’s
Studium, daß Alle staunten. Oft saß ich bis in die sinkende Nacht vor
meinen Büchern, um das Versäumte nachzuholen und wurde in der Classe
irgend eine schwierige Frage aufgeworfen, ich wußte stets Bescheid.
Mein Stil besserte sich und die Schrift nahm einen bestimmten Charakter
an.
Papa wußte sich diese plötzliche Umwandlung nicht zu erklären und Mère
Walter sagte ihm: „Wenn sich ihrem Lerneifer auch noch die Frömmigkeit
hinzugesellt, bleibt nichts zu wünschen übrig. Vorläufig fehlt ihr noch
die Freude am Gebet, die Sehnsucht nach dem lieben Gott.“
Frommsein auf Commando, das schien mir eine hohe Forderung. Ob mein
Gesicht dann auch einen so „glatten“ Ausdruck bekäme, wie das der
Altgräfinnen! Leicht würde es mir keineswegs fallen, aber versuchen
wollte ich’s. Mein einmal geweckter Ehrgeiz, zu excellieren in allen
Dingen, nahm immer größere Dimensionen an.
Die Verhältnisse kamen mir zu Hilfe. Die Zeit war gekommen, zu der
wir alljährlich „Exerzitien“ hielten. Es war eine Art beschaulicher
Einkehr, eine Zeit des Schweigens, der Kasteiung, der Sühne und der
Bitte um Erleuchtung.
Ein Jesuitenpater, ein anerkannt guter Redner, hielt uns Predigten, um
uns in die nötige Weihestimmung zu versetzen. Mit Donnerstimme sprach
er von den vier letzten Dingen: Tod, Gericht, Himmel und Hölle.
„Das Leben hienieden ist nur eine Pilgerfahrt, eine vorübergehende
Reise, und töricht handeln Jene, die nur der Welt leben, vergessend
des eigentlichen Zieles, das uns die göttliche Weisheit gesetzt, der
eigentlichen Heimat, zu der dies Jammertal nur eine Brücke bildet.
„Wie Mancher bedenkt nicht, daß er aus dem Nichts hervorgegangen, daß
dereinst sein Körper zu Asche wird, zum Fraß der Würmer. Erwacht
bisweilen die warnende Stimme des Gewissens, sucht er sie zu betäuben:
er stürzt sich in den Strudel der Vergnügungen und speichert Schätze
auf, die Rost und Motten verzehren. So lebt er in den Tag hinein, ohne
sich zu bessern, ohne zu bereuen.
„Kommt aber das Alter mit seinen Gebrechen, fühlt er seine letzte
Stunde herannahen, dann sieht er mit Schrecken zurück auf den Weg, den
er gegangen, auf die Zeit, die er so schlecht benützt. Seine Phantasie
ergeht sich in den düstersten Vorstellungen, seine Gedanken jagen
dahin, durch eine Wüste ohne Oase: kein freundliches Bild, keine lichte
Huldgestalt, kein Verdienst, kein gutes Werk. Und der Sünder zittert.
Wenn er vor den Thron des Allerhöchsten tritt mit leeren Händen, wenn
er nichts in die Wagschale zu legen hat, das zu seinen Gunsten spricht,
dann lautet der göttliche Richterspruch: „Gewogen und zu leicht
befunden.“ „Herrgott,“ so fleht der Sterbende, „sei barmherzig. Laß
mich genesen und ich will Dir dienen als der niedrigste und getreueste
Deiner Knechte.“ Aber es ist zu spät. Schon huschen die Schatten des
Todes über das fahle Gesicht, der Atem geht schwer und eisige Kälte
steigt von den Füßen, immer höher, immer höher. Die glanzlosen Augen
weit geöffnet, das Gehör ins Unendliche verfeinert, so liegt er da,
unfähig sich zu rühren, und hört, wie sie im Nebenzimmer flüstern. „Er
lebt zu lange; er sollte sich beeilen,“ so meinen die lachenden Erben.
„Das Gefühl ohnmächtiger Schwäche, das Bewußtsein eines nutzlosen
Lebens, pressen ihm heiße Thränen aus den Augen, die einzigen
vielleicht, die er je geweint. „Nur noch einmal von vorn -- beginnen.“
Das Herz steht still und eine mitleidige Hand drückt ihm die Augen zu.
„Und glauben Sie mir, teuere Kinder in Christo,“ fährt der Pater fort,
„es gibt keinen Menschen, der nicht im letzten Augenblick bereut,
sofern der Allmächtige ihm die Gnade erweist, ihn nicht unvorbereitet
abzurufen. Selbst Voltaire, jener Lästerer, jener berüchtigte
Freigeist, der in Wort und Schrift seinen Gott verleugnet, ihn frech in
den Staub gezerrt, der ein Ausgestoßener aus der kirchlichen Gemeinde,
böses Beispiel gab, er schickte um den Priester, als er sein Ende
herannahen fühlte.
„Betrachten Sie hingegen einen heiligen Aloysius, einen Stanislaus
Kostka, die Jubellieder singend, ihren Geist aufgeben, um in die ewige
Herrlichkeit einzugehen! Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr hat es
gehört, und in keines Menschen Herz ist es gekommen, was Gott Jenen
bereitet, die ihn lieben.“
In schwungvollen Worten schildert er die himmlischen Wonnen. Auf
lichten Wolken schweben die Seligen dahin, und Cherubime spielen
Harfe und streuen Weihrauch ihrem Herrn. Dann versetzt er uns in die
Hölle und läßt die qualvollsten Martern vor unserem geistigen Auge
vorüberziehen, daß wir uns fröstelnd in unsere Tücher hüllen.
„Tod und Hölle.“ Es klang furchtbar. Ich wollte nicht daran denken,
und doch -- immer wieder drängte sich die Frage in den Vordergrund:
„Und wenn Du jetzt stürbest, was dann?“ Schwere Sünden auf der Seele
-- ewige Verdammnis. Ich sah die Flammen züngeln, hörte die Teufel
höhnisch lachen und die Höllenuhr schaurig ticken: „Immer, nimmer.“
„Immer, nimmer.“
Wenn ich aber meine Fehler in der Einbildung übertrieb, wenn es nur
läßliche Sünden wären, die ein frommer Stoßseufzer, eine kleine
Überwindung reinwaschen können? Und bei der Vorstellung des Himmels
stieg es mir wohlig warm zum Herzen. Ja, dorthin wollte ich kommen.
„Maria und Ihr lieben Heiligen weist mir den Weg.“ Der Pater sprach
mit bebender Begeisterung von der unbefleckten Gottesmutter. „Sie
blickt voll Liebe auf ihre Kinder herab, möchte sie allesamt in ihre
schützenden Arme nehmen, ihnen helfen, ihnen beistehen. Könnte sie
weinen, welch’ bittere Thränen würde sie vergießen, wenn Eines ihrer
Schutzbefohlenen vom rechten Pfade abweicht. Und hätt’ ich alles Gold,
alle Edelsteine der Welt,“ schloß er mit Feuer, „ich wollt’ sie Dir zu
Füßen legen, Du immerdar gebenedeite Jungfrau, Du süße Himmelskönigin.“
Eine Weile blieb es ganz still, dann tönte lautes Schluchzen durch den
Saal.
Lächelnd sieht ~Mater admirabilis~ vom Bild auf uns hernieder. Wie
schön es ist, das junge unberührte Mädchen im Tempel zu Jerusalem. Sie
sitzt da, im schlichten Rosakleid, sinnend, traumverloren. Den Fuß hat
sie auf einen Schemel gestützt; ihr zur Seite stehen Spinnrocken und
Arbeitskorb. Ob sie wohl freundliche Bilder sieht, ob düsteres Ahnen
sie beschleicht, davon sagen die kindlich frommen Züge nichts. Du zarte
Rosenknospe -- in einem armen Stall zu Bethlehem, und auf dem Berge
Golgotha. Welch’ namenloses Leid!
In gehobener Stimmung traf ich meine Vorbereitungen zur Beichte. Wie
leichtsinnig war ich bis dahin gewesen, wie wenig galten mir Reue und
Vorsätze. Das mußte sich nun ändern. Eine entsetzliche Angst stieg
in mir auf. Wie, wenn ich das Sakrament ungültig empfangen hätte!
Ein Glück noch, daß ich bisher nicht zur Communion gegangen. Judas
Ischariot hatte seinen Herrn verraten. Tod -- Hölle!! Ich warf mich vor
Mère Walter auf die Knie: „Mutter, ich weiß nicht, wie mir ist und was
ich tun soll?“
„Die Gnade Gottes hält ihren Einzug in Dein Herz, mein Kind. Ich sah
es kommen und danke dem Herrn. Betrachte Deinen jetzigen Zustand
als wohlverdiente Prüfung, denn, wen Gott liebt, den züchtigt er.
Was Deine Befürchtungen anbelangt, so war es ja nicht absichtliche
Herausforderung, böser Wille“, tröstete sie. „Ich glaube, Du wirst Dich
nun würdig vorbereiten auf Deine erste Communion.“
Augenblicklich beruhigt verließ ich Mère Walter. Aber die Windstille
war trügerisch und die Skrupel ließen sich nicht bannen. Die Prüfungen
hielten an und böse Zeiten kamen für mich, da ich es nie vermocht, die
goldene Mittelstraße einzuhalten, sondern stets von einem Extrem ins
andere verfiel.
* * * * *
Mir war zu Mute, als gienge ich über eine steinige, unebene Straße
und ich blickte bei jedem Schritt ängstlich zu Boden, um nicht zu
stolpern. Und je mehr ich Acht gab, desto ängstlicher wurde mein Gang,
desto unsicherer mein Blick. Ich sah Gespenster am helllichten Tage,
Fehler dort, wo selbst die größte Heiligkeit keine gefunden hätte. Des
Sonntags saß ich stundenlang müßig auf dem Canapee und quälte mich mit
Betrachtungen über meine Sündhaftigkeit ab. Schreiben, nähen -- meine
überspannte Phantasie spiegelte mir das als „knechtische Arbeit“ vor.
Ja nicht einmal die Goldfische bekamen Futter und die Blumen blieben
ohne Wasser. Lesen? Es hätte mich verlockt, aber Mère Walter, der ich
meinen Büchervorrat zur Controlle übergeben, hatte ihn als „mauvais
genre“ bezeichnet und konfisciert. Und schon in den frommen Erzählungen
fanden sich Dinge vor, die meinen Geist unwillkürlich beschäftigten und
das waren -- Vergehen gegen das sechste Gebot.
Meine Beichten! Ich war unglücklich, da ich immer fürchtete, zu wenig
zu sagen und nicht die richtigen Ausdrücke fand: Mère Walter beleidigt,
da ich ihren Vorstellungen kein Gehör schenkte. Sie hatte mir gut
wiederholen: „Glaub’ mir doch, Mimi, es ist ganz einerlei, ob Du das
an einem Sonntag oder einem anderen Tag um 12 Uhr oder um 2 Uhr getan
hast. Du ergehst Dich in unnötigen Längen und setzest die Geduld Deiner
Gefährtinnen auf die Probe“, sie überzeugte mich doch nicht.
Der Pater wetzte schon und fuhr sich mit seinem Taschentuch wiederholt
über die Stirne.
„Ich habe noch etwas getan, aber ich kann es nicht sagen.“
„Doch, doch mein Kind. Dem Beichtvater kann man Alles anvertrauen.“
„Ich weiß aber nicht, wie ich anfangen soll. Bitte, raten Sie,
Hochwürden: es ist so schwer.“ Im selben Moment stieg mir aber
der Gedanke auf, daß ich ein Sakrilegium begehe, weil ich ihn zu
unzüchtigen Vorstellungen verleite. „Gar so arg ist es vielleicht nicht
-- weil die Klosterfrauen auch nicht -- eigentlich habe ich nichts
begangen -- sondern unterlassen -- -- ich -- es geht nicht -- --“
„Ja dann ist’s auch für mich schwer, ich muß doch wissen, worum es sich
handelt.“
Mère Walter, die im Hintergrunde saß, machte sich schon geraume Zeit
durch Räuspern bemerkbar: das hieß, ich möge mich beeilen.
Nach endlosem Hin und Her bekannte ich dem verblüfften Pater, daß ich
nicht den Mut besaß, eine Operation vorzunehmen, wie es das Lexikon
von den Amazonen berichtete. Ich hatte so schrecklich Angst davor;
ob er vielleicht ein Mittel wisse, das durch bloßes Einnehmen wirke.
Jetzt war es endlich heraußen, Ah! Ich wagte wieder den Blick zu
erheben -- doch wer beschreibt meine Bestürzung, als ich keine Spur von
heiliger Sammlung in des Seelsorgers Zügen las, sondern im Gegenteil
den Ausdruck höchster Belustigung. Um seine Mundwinkel zuckte es von
unbändiger Lachlust und helle Tränen rannen über seine Wangen. „Aber
liebes Kind, was fällt Ihnen ein, den Körper, den Gott geschaffen,
ändern zu wollen? Nein, da seien Sie ganz beruhigt. So und nun gehen
Sie.“
Ich gieng, kehrte aber auf halbem Wege um, um mich noch einer kleinen
Eitelkeit anzuklagen. Dann kniete ich nieder, und den Kopf in den
Händen vergraben, um nur ja von außen her keine Ablenkung zu erfahren,
sagte ich meine Buße her, jedes einzelne Wort artikulierend. „Gegrüßet
seist Du, Maria“, dabei stellte ich mir die bunte Marienstatue im
Studiensaal vor, das rote Kleid und den blauen Mantel -- richtig, auf
den Goldsaum hatte ich vergessen und ich strengte meine Kopfnerven an,
zwang sie zu solcher Intensivität der Vision, bis sie mir zu Diensten
waren. Die Stirne glühte mir und die Lippen bluteten, so fest hatte
ich die Zähne darauf gepreßt. „Du bist voll der Gnaden“ -- bei diesen
Worten mußte ein verzückter Ausdruck über ihre Züge gleiten -- „der
Herr ist mit Dir“ -- da stand sie Hand in Hand mit dem Christus, wie
ihn das Altarbild zeigte. Eine krankhafte aufreibende Andacht, nach der
sich ein lebhaftes Schlafbedürfniß geltend machte.
Ich zitterte, unwissentlich eine Sünde zu begehen, wieder in den Stand
der Ungnade zu verfallen. Hätte ich im Kloster bleiben dürfen, fern
dem Weltgetriebe, Mère Walter in meine jeweiligen Bedenken einweihen;
einen Halt haben, eine Stütze, nur nicht so mir selbst überlassen, so
verloren!
Zu Hause schlich ich mich in Papas Zimmer und kehrte das Bild „Nymphen
im Bade“ gegen die Wand; das hatte ich schon längst beabsichtigt.
Von nun an machte ich keinen Gebrauch mehr von der Freitags-Dispens,
legte mir bei meinen Lieblingsspeisen Abbruch auf, und wenn
Chocoladencrème kam, verzichtete ich gänzlich darauf. Selbst Papa fand
das übertrieben, und als er eine diesbezügliche Äußerung fallen ließ,
riet ihm Doktor Vogler, mich beizeiten aus dem Kloster zu nehmen, wenn
er nicht noch ganz andere Folgen erleben wolle. Tötlicher Schreck
erfaßte mich, denn der Wunsch war in mir erwacht, den irdischen Freuden
für immer zu entsagen und in den Dienst des Herrn zu treten.
Freilich, wenn ich auf der Gasse gieng und laute Bewunderungsrufe
über mein selten schönes Haar vernahm, schien mir mein Entschluß
förmlich unausführbar. -- -- Hinterher schämte ich mich sehr über meine
Kleinlichkeit. -- Wie, das sollte mir mein himmlischer Bräutigam nicht
wert sein, und glückdurchdrungen stellte ich mir vor, wie mein dicker
blonder Zopf der Scheere zum Opfer fallen würde. -- Dann Ade auf immer,
Du sündige Welt!
Sogar über die Wahl des Ordens war ich schon ziemlich im Klaren mit
mir. Es lag nahe, in jenem einzutreten, in dem ich meine eigene
Erziehung genossen, aber ich fühlte mich zu unsicher, zu häufigen
Schwankungen unterworfen, um junge Geschöpfe mit Erfolg zu lehren. Ich
besaß noch gesundes Urteil genug, um einzusehen, daß es grausam gewesen
wäre, sie mit meinen Skrupeln, meiner schwarzen Intoleranz anzustecken.
Nein, ich paßte weit eher in einen „betenden Orden“ und da sagten mir
die Trappistinnen am meisten zu.
Ich hatte einmal ein Bild gesehen, eine Nonne, die mit ihrem Heiland
spricht. Sie kniet allein in der dämmerigen Kirche; der rötliche Schein
des ewigen Lichtes fällt auf ihre müden Züge und scheint ihnen Farbe
aufzuhauchen. Teilnamslos für Alles um sie her, gänzlich versunken in
ihre Andacht, so stellt sie das Gemälde dar. Ich wollte werden wie
jene Beterin, die leichten Herzens ihrem Gotte dient, stumm an ihrem
Grabe gräbt und ein „~memento mori~“ murmelt, wenn sie einer
Mitschwester begegnet.
Als ich einmal von meiner Absicht verlauten ließ, geriet Doktor
Vogler in arge Erregung. „Die barmherzigen Schwestern, die leisten
Tüchtiges, Hut ab vor ihnen. Die lehrenden Orden haben am Ende auch
noch einen Zweck, obwohl -- -- aber die der „ewigen Anbetung.“ --
Tagdiebe, die sich ihnen weihen, hirnverbrannte Köpfe, die reif sind
für das Irrenhaus. Es ist eine strafbare Vergeudung der Kräfte, die in
dieser Anwendung totes Kapital bedeuten, und der Menschheit nicht den
geringsten Nutzen bringen. Eine Schädigung der Gesellschaft ist es,
die von Jedermann das Recht hat, zu fordern, daß er ihr seinen Tribut
leiste, in physischer oder moralischer Beziehung. Ein zweckloses,
widerwärtiges Schauspiel, dieses Absterben bei lebendigem Leibe; ein
Fanatismus, unschön und gefährlich, wie der der Derwische. Ja, das
Leben soll man genießen, das ist natürlich und vernünftig.“
Welche verkehrte Auffassung der Dinge. Als ob der Körper, die
Befriedigung der leiblichen Wünsche Alles wäre! -- Eine unbequeme Hülle
ist’s, die nur zu häufig unsere Seele hemmt, sich aufzuschwingen in
reinere Sphären. Es schien mir so unfaßlich, daß es Leute gab, denen
diese kurze Frist hieniden mehr oder gleichwert war mit der Ewigkeit.
Eins nur war richtig: Zu büßen für begangenes Unrecht, unsere Schuld
nach Möglichkeit abtragen, um der Pein des Fegefeuers zu entgehen;
unser Inneres läutern und unausgesetzt fortschreiten auf dem Wege der
Vollkommenheit.
* * * * *
„Freue Dich Seele, Dein Heiland ist frei von den Banden,
Glorreich und herrlich vom Tode erstanden.
Der im Triumphe vom Grab sich erhebt,
Christus, Dein Heiland ist Sieger und lebt.“
Ein lautes Jauchzen, drang es vom Chor herab und die Kirche prangte in
glühendem Rot, der Farbe der Liebe.
Sechs waren wir an der Zahl, die zum erstenmale an den Tisch des Herrn
traten. In bräutliches Weiß gehüllt, lange wallende Schleier und
Blütenkränze auf dem Haupte, betraten wir das Gotteshaus, erfüllt von
der hohen Bedeutung dieses Tages.
Draußen zwitscherten die Vögel und die Sonne sandte goldige Grüße durch
die bunten Glasfenster. -- „Ostern, Du herrliches, Du unvergleichlich
schönes Fest! O Gott vergib’, daß es mir so gut gefällt auf dieser
Welt; träufle Deine Gnade in mein Herz, erfülle es mit Sehnsucht nach
Deinem Besitz.“
So flehte ich, so erhoffte und fürchtete ich das Sakrament.
Abermals erscholl die Orgel und der Kardinal im vollen Ornat trat mit
seinem Gefolge an den Altar und schickte sich an, die Messe zu lesen.
Ich verwandte keinen Blick von der Ceremonie. Wie festgebannt starrte
ich auf das Tabernakel, in dem der Erlöser der Welt meiner harrte.
„Laß’ meine Bitten aufsteigen zu dem Trone Deiner Majestät, gib mir
der Engel Stimme, die Schönheit der Heiligen, um Dir Auge und Ohr zu
entzücken, o Herr.“
Die Opferung hatte stattgefunden: es giengen große Dinge vor und
zitternd vor Wonne und Angst sah ich dem heiß ersehnten Augenblick
entgegen.
[Musik: ~Ve—ni Do—mine Je—su
Ve—ni Do—mine Je—su, ve—ni ve—ni ve—ni
Et no—li tar—da—a—a—re, et no—li tar—da—re.~]
Leise, flüsternd fast, erklang zum erstenmal die Bitte, dann wurde sie
immer lauter, eindringlicher, unwiderstehlich. Kalte Schauer überliefen
mich, und meine Füße wankten, als ich an der marmornen Communionbank
niederkniete.
„O Herr, ich bin nicht würdig, daß Du eingehst unter mein Dach.