»Jawohl, und ich lüge nicht,« murmelte Wilson vor sich hin, als er

allein war, »wenn ich sage, es thut mir leid, daß ich mit dir den

Anfang machen muß, trotzdem du ein so elender Hund bist!«

Er raffte sich zusammen, trank ein Glas kalten Whisky und ging wieder

an die Arbeit. Die neuen Fingerabdrücke, die Tom unabsichtlich auf

Roxys Glasplatte zurückgelassen hatte, brauchte er bei seinem geübten

Auge nicht erst mit den Spuren auf dem Griff des Dolchmessers zu

vergleichen. Er beschäftigte sich mit andern Dingen und brummte dabei

von Zeit zu Zeit: »Narr, der ich war! -- Nur an ein Mädchen habe ich

gedacht -- ein Mann in Frauenkleidern ist mir nicht eingefallen.«

Zuerst suchte er die Platte heraus, die Toms Fingerabdrücke im Alter

von zwölf Jahren trug, dann das ›Protokoll‹ des Säuglings von sieben

Monaten; beide Gläser legte er neben einander und fügte das dritte mit

dem Abdruck hinzu, den der junge Mensch soeben gemacht hatte, ohne es

zu wissen.

»So, jetzt ist die Sammlung vollständig,« sagte er im Ton der

Befriedigung und setzte sich hin, um alles mit Muße in Augenschein zu

nehmen. Aber dies Vergnügen war nur von kurzer Dauer. Er schaute die

drei Glasplatten mit unverwandtem Blick an und war ganz starr vor

Erstaunen. Endlich legte er sie hin und rief ärgerlich: »Hol’s der

Henker! Das geht über meine Begriffe. Die Kinderplatte stimmt nicht mit

den beiden andern!«

Wohl eine halbe Stunde lang ging er im Zimmer auf und ab und zerbrach

sich den Kopf über das Rätsel. Dann suchte er zwei andere Gläser

hervor, setzte sich und dachte eine Weile hin und her. »Es nützt

nichts,« murmelte er, »ich kann es nicht verstehen. Sie stimmen nicht

überein, und doch will ich darauf schwören, daß Namen und Datum richtig

sind, deshalb _müßten_ sie natürlich gleich sein. In meinem ganzen

Leben habe ich mich nicht ein einziges Mal bei der Unterschrift geirrt.

Es ist das wunderbarste Geheimnis, das mir je vorgekommen.«

Er war jetzt ganz erschöpft vor Müdigkeit und konnte keinen klaren

Gedanken mehr fassen. Erst wollte er ausschlafen und dann noch einmal

versuchen, das Geheimnis zu ergründen. Eine Stunde mochte er wohl in

unruhigem Schlummer gelegen haben, dann erwachte er allmählich wieder

zum Bewußtsein und richtete sich schläfrig im Bett in die Höhe. »Was

träumte mir nur eben?« fragte er und suchte sich zu besinnen. »Es war

mir doch, als hätte mein Traum die Lösung des Rät -- --«

Mit einem Sprung war er mitten im Zimmer. Ohne den Satz zu beenden,

lief er zum Tisch, machte Licht an und holte seine Glasplatten. Ein

einziger rascher Blick genügte ihm.

»Es ist so, wie ich dachte,« rief er. »Himmel, was für eine Enthüllung!

Und dreiundzwanzig Jahre lang hat kein Mensch eine Ahnung davon gehabt!«

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Wilson fuhr in seine Kleider und machte sich gleich ans Werk. Er war

jetzt völlig wach und arbeitete wie mit Dampfkraft. Seine große,

hoffnungsreiche Entdeckung hatte ihn neu gestärkt und jedes Gefühl

der Ermüdung mit einem Schlage vertrieben. Von einer Anzahl seiner

›Protokolle‹ fertigte er sorgfältig ausgeführte Zeichnungen an und

vergrößerte sie aufs zehnfache mittels des Storchschnabels. Diese

vergrößerten Aufnahmen zeichnete er auf weißen Pappendeckel und zog

jede einzelne Linie in dem verworrenen Labyrinth von Schlingen,

Strichen und Bogen mit Tinte nach, um das ›Muster‹ des ›Protokolls‹

mit voller Deutlichkeit zum Vorschein zu bringen.

Ein ungeübtes Auge konnte vielleicht an den Original-Abdrücken auf den

Glasplatten nur geringe Unterschiede entdecken, aber bei zehnfacher

Vergrößerung glichen sie der Faser eines quer durchgesägten Holzblocks,

und wer nicht blind war, mußte selbst bei einer Entfernung von mehreren

Fuß auf den ersten Blick erkennen, daß nicht eins der Muster mit dem

andern übereinstimmte. Als Wilson endlich seine mühsame und schwierige

Arbeit beendet hatte, ordnete er die einzelnen Blätter, so daß sie

eine fortschreitende Reihenfolge bildeten und fügte noch ein Paket

vergrößerte Aufnahmen hinzu, die er im Lauf der Jahre von Zeit zu Zeit

gemacht hatte.

Die Nacht verging darüber und es war schon heller lichter Tag geworden.

Er nahm sich kaum Zeit, einen Bissen zum Frühstück zu essen; es schlug

neun Uhr, die Gerichtssitzung sollte beginnen. Zehn Minuten später saß

er dort mit den ›Protokollen‹ auf seinem Platz.

Tom Driscoll stieß seinen Nachbar heimlich mit dem Ellbogen. »Seht

nur,« sagte er, auf die Pappblätter weisend, »was der Querkopf für

ein gewiegter Geschäftsmann ist -- er denkt, wenn er auch den Prozeß

nicht gewinnt, kann er doch die gute Gelegenheit benutzen, seine

Palastfenster-Verzierungen unentgeltlich bekannt zu machen.«

Die Ankunft der drei Zeuginnen hatte sich verzögert, und als man dies

Wilson mitteilte, stand er auf und erklärte, er werde vermutlich

überhaupt auf ihre Vernehmung verzichten. (»Er streicht die Segel,«

murmelte die belustigte Menge, »er duckt sich, ohne auch nur einen

Hieb zu wagen!«) »Ich habe andere Beweise,« fuhr Wilson fort, »die ich

für besser halte.« (Das Interesse wuchs, ein Gemurmel der Verwunderung

ließ sich hören, aus dem auch etwas wie Enttäuschung klang.) »Damit

es nicht den Anschein hat, als wünsche ich den Gerichtshof mit dieser

Nachricht zu überraschen, will ich zu meiner Rechtfertigung sagen,

daß ich die Beweise selbst erst gestern noch am späten Abend entdeckt

habe und seitdem bis vor einer halben Stunde mit der Untersuchung und

Anordnung des Materials beschäftigt gewesen bin. Ich werde mir sogleich

erlauben, es vorzulegen. Zuerst aber gestatten Sie mir wohl noch einige

einleitende Worte:

»Der hohe Gerichtshof wird mir beipflichten, daß der Hauptpunkt, auf

den sich die Anklage stützt, auf den sie den größten Nachdruck legt und

den sie mit -- ich darf wohl sagen herausfordernder Feindseligkeit, in

den Vordergrund stellt, in der Annahme zu finden ist, daß derjenige,

dessen blutige Fingerspur wir auf dem Griff des indischen Dolchmessers

sehen -- und kein anderer -- den Mord verübt hat.« Hier machte Wilson

eine Pause, um mit dem, was er sagen wollte, einen größeren Eindruck zu

erzielen und fügte dann gelassen hinzu: »_Mit dieser Behauptung sind

wir einverstanden._«

Das kam völlig unerwartet; kein Mensch war auf dieses Zugeständnis

vorbereitet. Von allen Seiten erhob sich ein Gewirr verwunderter

Stimmen, und man hörte hie und da die Aeußerung fallen, der

Rechtsanwalt müsse wohl vor Ueberanstrengung den Verstand verloren

haben. Selbst der im Staatsdienst ergraute Richter, der beim

Strafverfahren auf allerlei Rechtskniffe und verborgenes Geschütz aus

dem Hinterhalt vorbereitet war, wußte nicht, ob er seinen Ohren trauen

dürfe und erkundigte sich, was der Verteidiger gesagt habe. Howards

Gesicht blieb zwar unbeweglich, aber seine ganze Haltung verriet, daß

er einen Augenblick etwas von seiner sorglosen Zuversicht eingebüßt

hatte.

»Wir sind nicht nur mit der Behauptung einverstanden,« fuhr

Wilson fort, »sondern auch bereit, sie aufs angelegentlichste zu

unterstützen. Ich werde seinerzeit auf diesen Punkt wieder zurückkommen

und möchte jetzt Ihre Aufmerksamkeit noch auf mehrere andere Umstände

lenken.«

Er hatte beschlossen, in betreff der Beweggründe des Mordes

einige kühne Schlußfolgerungen zu wagen, um etwaige Lücken in der

Beweisführung auszufüllen. Traf er das richtige, so würde es von Nutzen

sein, und im entgegengesetzten Fall wenig schaden.

»Meiner Ansicht nach deuten verschiedene Einzelheiten darauf hin, daß

der Mord aus ganz andern Gründen begangen wurde, als die Klage für gut

findet anzunehmen. Ich bin überzeugt, daß es keine That der Rache war,

sondern ein Raubmord. Den angeklagten Brüdern war mitgeteilt worden,

daß einer von ihnen dem Richter Driscoll bei der nächsten Begegnung

zu Leibe gehen müsse, wenn er nicht selbst Gefahr laufen wolle, von

ihm getötet zu werden. Nun erklärt man die Anwesenheit meiner Klienten

auf dem Schauplatz des Mordes damit, daß der Selbsterhaltungstrieb sie

veranlaßt habe, heimlich dorthin zu gehen und den Gegner des Grafen

Luigi niederzustoßen, um ihr eigenes Leben zu schützen.

»Warum sind sie dann aber nach vollbrachter That nicht entflohen?

Frau Pratt hatte den Hilferuf nicht gehört, sie erwachte erst mehrere

Minuten später, es verging also immerhin einige Zeit, bis sie in das

Zimmer gestürzt kam. Dort standen die beiden Männer und machten keinen

Versuch zu entfliehen. Waren sie schuldig, so hätten sie schon die

Flucht ergriffen, ehe noch Frau Pratt die Treppe herunterkam. Was war

aus ihrem Selbsterhaltungstrieb geworden, der stark genug sein sollte,

um sie zu bewegen, den unbewaffneten alten Mann meuchlings zu töten?

Ließ er sie jetzt im Stich, da sie ihn am nötigsten brauchten? Wäre

irgend einer von uns etwa an Ort und Stelle geblieben? Wem könnte man

wohl eine solche Thorheit zutrauen?

»Als eine sehr wichtige Thatsache gilt ferner, daß die Angeklagten eine

hohe Belohnung für die Wiedererlangung des Dolchmessers ausgesetzt

haben, mit dem der Mord verübt wurde. Es fand sich aber niemand, um

die Belohnung zu fordern, und das sah man als einen Indizienbeweis

an, daß der angebliche Diebstahl überhaupt nur Lug und Trug gewesen

sei. Dazu kam noch der merkwürdige, prophetische Ausspruch des

Verstorbenen in bezug auf das Messer, sowie dessen Wiederauftauchen in

dem verhängnisvollen Zimmer, wo man außer dem Eigentümer des Messers

und seinem Bruder niemand bei der Leiche des Ermordeten fand. Alle

diese Umstände bilden eine in einander greifende Kette von Beweisen,

durch welche das Verbrechen unwiderleglich den beiden unglücklichen

Fremdlingen zur Last gelegt wird.

»Ich aber bin bereit, den Zeugeneid darauf zu leisten, daß auch für

die Ergreifung des _Diebes_ eine hohe Belohnung zugesagt worden ist,

aber nicht durch die Zeitung, sondern insgeheim. Diese Thatsache wurde

unklugerweise erwähnt oder wenigstens stillschweigend zugegeben, wo

Vorsicht unnötig schien und doch vielleicht geboten war. Der Dieb kann

selber zugegen gewesen sein.« (Tom Driscoll hatte den Redner angesehen,

jetzt senkte er aber den Blick.) »Natürlich mußte er in diesem Fall

das Messer behalten, er konnte es weder zum Verkauf anbieten noch

zum Pfandleiher tragen.« (Viele Anwesende nickten zustimmend, um zu

verstehen zu geben, daß sie dies für einen guten Schachzug hielten.)

»Ich werde ferner den Geschworenen zu beweisen suchen, daß wenige

Minuten, ehe die Angeklagten Herrn Driscolls Zimmer betraten, schon

jemand darin gewesen ist.« (Dies verursachte große Erregung, alle

Köpfe im Gerichtssaal fuhren in die Höhe, die Aufmerksamkeit war

ungeteilt.) »Im Notfall will ich durch das Zeugnis der drei Fräulein

Clarkson erhärten, daß sie einer verschleierten Person begegnet sind --

anscheinend einer Frau -- die wenige Minuten, nachdem der Hilfeschrei

gehört wurde, zum hintern Hofthor hinausging. Es war aber keine Frau,

sondern ein Mann in Weiberkleidern.« (Abermaliges Aufsehen. Wilson

schaute nach Tom hin, als er diesen Schuß ins Blaue wagte, um sich von

der Wirkung zu überzeugen. Er war zufrieden mit dem Erfolg; »es ist

richtig,« dachte er, »er fühlt sich getroffen!«)

»Der Mann hatte in dem Hause stehlen wollen -- nicht einen Mord

begehen. Zwar war der eiserne Schrank nicht aufgebrochen, aber der

Geldkasten mit dreitausend Dollars stand auf dem Tisch. Möglich, daß

der Dieb sich im Hause verborgen hatte, daß er die Gewohnheit des

Richters kannte, am Abend den Inhalt des Kastens zu zählen und seine

Rechnungen zu ordnen -- falls Herr Driscoll das zu thun pflegte,

worüber ich keine Gewißheit habe. -- Vielleicht versuchte er sich

des Kastens zu bemächtigen, während der Eigentümer schlief, machte

aber Lärm, wurde ergriffen und konnte sich nur mit Hilfe des Dolches

befreien; die Beute mußte er aber im Stiche lassen und fliehen, weil er

Leute kommen hörte.

»Dies ist meine Auffassung der Sache und ich wende mich nun zu den

Beweismitteln, durch die ich versuchen werde, Sie von der Richtigkeit

meiner Behauptung zu überzeugen.« Wilson nahm einige von den

Glasplättchen zur Hand. Als die Zuhörer diese allbekannten Wahrzeichen

der früheren kindischen Spielerei und Thorheit des Querkopfs

erblickten, wich das gespannte, feierliche Interesse aus ihren Zügen,

und ein lautes, herzerfrischendes Gelächter schallte durch den Saal;

auch Tom raffte sich auf und nahm teil an dem Spaß, aber Wilson ließ

sich anscheinend nicht beirren. Er ordnete seine ›Protokolle‹ vor sich

auf dem Tisch und sagte:

»Ich bitte den Gerichtshof, mir noch einige vorläufige Bemerkungen über

das Beweismaterial zu erlauben, das ich vorzulegen beabsichtige, und

dessen Echtheit ich beschwören will:

»Ein jeder Mensch besitzt von der Wiege bis zum Grabe gewisse

körperliche Merkmale, die sich niemals verändern, an denen man ihn

jederzeit zu erkennen vermag -- und zwar mit untrüglicher Sicherheit,

ohne den geringsten Zweifel. Diese Kennzeichen sind ihm als Stempel

aufgedrückt, sie bilden sozusagen seine physiologische Marke und

eigenhändige Unterschrift, die weder gefälscht noch verstellt werden

kann und sich nicht verbergen läßt. Auch der Zahn der Zeit zerstört

sie nicht und sie sind keiner Wandlung unterworfen. Ich rede hier

nicht etwa von den Zügen des Gesichts, die sich oft im Alter bis zur

Unkenntlichkeit verändern, auch nicht vom Haar, das ausfallen kann,

nicht von der Gestalt und Größe, denn darin giebt es Doppelgänger,

während jene Kennzeichen jedem Menschen eigentümlich sind und sich

bei keinem der Millionen, die den Erdball bevölkern, zum zweitenmal

vorfinden.« (Jetzt horchten die Anwesenden wieder hoch auf.)

»Die Merkmale, welche ich meine, bestehen in den feinen Linien oder

Furchen, welche die Natur auf der inneren Hand des Menschen und den

Sohlen seiner Füße zeichnet. Wenn Sie Ihre Fingerspitzen betrachten

wollen, so werden Sie, falls Sie scharfe Augen haben, erkennen, daß

diese zarten Wellenlinien dicht beisammen liegen und verschiedene,

deutlich wahrnehmbare Muster bilden, Bogen, Kreise, Winkel, Krümmungen

u. dergl. und daß kein Finger darin dem andern gleicht.« (Jedermann

im Saal hielt jetzt die Hand in die Höhe, bog den Kopf zur Seite und

betrachtete aufmerksam seine Fingerspitzen; hier und dort hörte man

jemand verwundert flüstern: ›Wirklich, er hat recht -- das ist mir noch

nie aufgefallen.‹) »Die Muster der rechten Hand sind verschieden von

denen der linken.« (Es fallen Ausrufe wie: ›Jawohl, das trifft auch

zu!‹) »Prüfen Sie jeden Finger einzeln -- Ihre Muster unterscheiden

sich von denen Ihres Nachbars.« (Im ganzen Saal wurden Vergleiche

angestellt, selbst der Richter und die Geschworenen vertieften

sich in diese seltsame Beschäftigung.) »Auch bei einem Zwilling

unterscheidet sich die Rechte von der Linken. Die Muster sind bei

dem einen Zwilling anders als bei seinem Bruder -- die Geschworenen

werden sich überzeugen, daß diese Regel auch bei den Angeklagten ihre

Bestätigung findet.« (Sogleich nahm man die Untersuchung mit den Händen

der Zwillinge vor.) »Man sagt oft, es giebt Zwillinge, die sich so

aufs Haar gleichen, daß ihre eigenen Eltern sie nicht unterscheiden

können, wenn sie überein gekleidet gehen. Aber noch nie ist ein

Zwilling auf Erden geboren worden, der nicht von der Geburt bis zum

Grabe das sicherste Zeichen seiner Eigenart in dieser wunderbaren und

geheimnisvollen Urschrift besessen hätte. Wer das einmal weiß, den kann

der andere Zwilling nicht betrügen, wenn er sich für seinen Bruder

ausgeben will.«

Wilson hielt jetzt inne und stand schweigend da. Wenn das ein Redner

thut, so fesselt er die Aufmerksamkeit unwiderstehlich. Die Stille

verkündet, daß etwas Wichtiges bevorsteht. Alle Hände und Fingerspitzen

senkten sich, gebückte Gestalten richteten sich in die Höhe, die Köpfe

reckten sich, jedes Auge war auf Wilsons Gesicht geheftet. Er wartete

noch ein paar Sekunden, um der Wirkung des Zauberbanns sicher zu sein;

dann, als er in dem lautlosen Schweigen das Ticken der Uhr an der Wand

vernahm, faßte er den indischen Dolch bei der Klinge, hielt ihn empor,

daß alle Anwesenden die dunklen Flecken auf dem Elfenbeingriff sehen

konnten, und sagte mit ruhiger, leidenschaftsloser Stimme:

»Auf diesem Schaft steht die Urschrift des Mörders mit dem Blut des

harmlosen und hilflosen alten Mannes geschrieben, der euch wohlwollte

und für den eure Herzen schlugen. Es giebt nur _einen_ Menschen auf

Erden, dessen Hand das Ebenbild dieses blutigen Zeichens trägt --« er

schwieg und sah nach dem Pendel der Uhr, der sich hin und her bewegte

-- »und so Gott will, wird er hier im Saal vor Ihnen erscheinen, ehe

noch die Mittagsstunde schlägt.«

Betäubt, verwirrt und halb unbewußt erhob sich ein Teil der Menge, als

erwarteten sie, den Mörder zur Thür hereintreten zu sehen. Allerlei

Ausrufe schwirrten durch die Luft. -- ›Ruhe im Gerichtssaal --

hinsetzen!‹ ermahnte der Sheriff. Man gehorchte, und die Ordnung ward

wieder hergestellt. Wilson blickte verstohlen zu Tom hinüber. »Alle

Welt hat Mitleid mit ihm,« dachte er, »man sieht ihm jetzt das Elend

und die Drangsal an; die Leute sagen sich, daß es eine schwere Prüfung

für einen jungen Menschen ist, seinen Wohlthäter auf so grausame Weise

verloren zu haben -- darin gebe ich ihnen ganz recht.«

Er fuhr jetzt in seiner Rede fort.

»Ueber zwanzig Jahre lang habe ich mich während meiner erzwungenen Muße

damit ergötzt, diese seltsamen, unvertilgbaren Kennzeichen in hiesiger

Stadt zu sammeln. Bei mir zu Hause habe ich deren hundert und aber

hundert aufbewahrt. Jeder Abdruck ist mit Namen und Datum versehen,

die nicht etwa am nächsten Tage oder in der nächsten Stunde beigefügt

wurden, sondern unmittelbar nach der Aufnahme. Alles, was ich jetzt

sage, nehme ich auf meinen Zeugeneid. Ich besitze die Fingerabdrücke

des Richters, seiner Beisitzer und sämtlicher Geschworenen. In diesem

ganzen Saal ist kaum ein Mensch, sei er Weißer oder Farbiger, dessen

Urschrift ich nicht vorzeigen könnte. Mag sich einer auch noch so

sehr verstellen, ich würde doch immer imstande sein, ihn aus allen

Mitmenschen herauszufinden und Gewißheit über seine Persönlichkeit

zu erlangen. Und wenn er und ich hundert Jahre alt werden sollten,

so kann ich das allezeit so gut thun, wie heute.« (Das Interesse der

Versammlung wuchs zusehends.)

»Ich habe mehrere dieser Abdrücke so genau studiert, daß sie mir ebenso

geläufig sind wie dem Bankkassier die Unterschrift seines ältesten

Deponenten. Ich möchte jetzt einige von den Herren -- darunter die

Angeklagten -- ersuchen, während ich ihnen den Rücken zukehre, sich

durch das Haar zu fahren und dann ihre Finger einzeln auf eine der

Fensterscheiben neben der Geschworenenbank zu drücken. Dies Experiment

bitte ich zu wiederholen, aber auf einer anderen Scheibe und in ganz

anderer Anordnung, doch so, daß sich die Fingerabdrücke der Angeklagten

wieder darunter befinden. Es wäre immerhin möglich, daß man durch einen

ganz besonderen Zufall _einmal_ mit bloßem Raten die richtigen Abdrücke

herausfindet, deshalb möchte ich eine doppelte Probe bestehen.«

Er drehte sich nach der Wand, und die beiden Fensterscheiben bedeckten

sich rasch mit länglichen, von schwachen Linien durchzogenen Flecken,

die jedoch nur denjenigen sichtbar waren, welche sie gegen einen

dunkeln Hintergrund sahen, zum Beispiel gegen die belaubten Bäume

draußen. Nun rief man Wilson, er ging zum Fenster und stellte seine

Untersuchung an. Hierauf sagte er:

»Dies ist Graf Luigis rechte Hand, dort unten, drei Abdrücke tiefer,

ist seine linke. Hier ist Graf Angelos Rechte, da drüben seine Linke.

Jetzt die andere Scheibe: hier und hier sind Graf Luigis Abdrücke,

und dies und das sind die seines Bruders.« Er wandte sich um: »War es

richtig?«

Ein donnerndes Beifallklatschen gab ihm Antwort.

»Das streift wirklich ans Wunderbare,« sagte der Vorsitzende.

Wilson trat wieder ans Fenster.

»Hier,« sagte er, mit dem Finger darauf deutend, »ist die Hand

des Friedensrichters Robinson (Beifall), dieser Abdruck stammt

vom Konstabler Blake (Beifall), jener dort vom Geschworenen Mason

(Beifall), der drüben vom Sheriff (Beifall), die andern kann ich jetzt

nicht nennen, aber ich habe sie alle zu Hause mit Namen und Datum und

könnte sie aus meiner Sammlung herausfinden.«

Unter stürmischen Beifallrufen begab er sich wieder an seinen Platz.

Der Sheriff stellte schnell die Ruhe her und befahl den Leuten, sich

zu setzen, denn alle waren aufgestanden und hatten sich nach Kräften

bemüht, etwas zu sehen zu bekommen. Die Richter, die Geschworenen,

der Sheriff und alle übrigen waren bis jetzt zu sehr mit Wilsons

merkwürdiger Leistung beschäftigt gewesen, um auf die Ordnung im

Gerichtssaal zu achten.

»Und jetzt,« fuhr Wilson fort, »habe ich hier die Fingerabdrücke zweier

Kinder in zehnfacher Vergrößerung, so daß jeder, der Augen hat, auf den

ersten Blick den Unterschied der Zeichnung erkennen kann. Wir wollen

die Kinder A und B nennen. Hier ist A’s Abdruck im Alter von fünf

Monaten und hier wieder von sieben Monaten.« (Tom schrak zusammen.)

»Sie sind einander ganz gleich, wie Sie sehen. Hier ist B’s Hand von

fünf und hier von sieben Monaten. Beide stimmen genau überein, sind

aber von A’s Muster ganz verschieden, wie Sie bemerken werden. -- Für

jetzt lege ich die Blätter beiseite und komme später darauf zurück.

»Die zwei Zeichnungen, welche ich Ihnen nunmehr vorlege, sind die

zehnfach vergrößerten Fingerabdrücke der beiden Männer, welche

angeklagt sind, den Richter Driscoll ermordet zu haben. Die

Vergrößerung ist von mir gestern abend gemacht worden, das will ich

eidlich beschwören. Nun fordere ich die Geschworenen auf, sie mit

den Abdrücken auf den Fensterscheiben zu vergleichen, welche von den

Angeklagten herrühren, und dem Gerichtshof zu sagen, ob sie sich von

jenen unterscheiden.«

Er reichte dem Obmann ein sehr starkes Vergrößerungsglas. Ein

Geschworener nach dem andern nahm das Pappblatt und das Glas zur Hand

und stellte den Vergleich an. Dann sagte der Obmann zum Richter:

»Wir stimmen alle überein, daß kein Unterschied besteht.«

»Legen Sie bitte, jetzt jenes Blatt beiseite,« sagte Wilson zu dem

Obmann, »statt dessen nehmen Sie dieses hier, vergleichen Sie es

sorgfältig durch das Vergrößerungsglas mit den blutigen Spuren auf dem

Messergriff und teilen Sie das Ergebnis dem Gerichtshof mit.«

Die Geschworenen thaten nach seiner Anweisung und ihr Bericht lautete:

»_Wir finden, daß beide vollkommen übereinstimmen._«

Nun wandte sich Wilson an den öffentlichen Ankläger, und es lag eine

gewisse Feierlichkeit im Ton seiner Stimme, als er sagte:

»Ich erlaube mir, den hohen Gerichtshof daran zu erinnern, daß die

Anklage mit dem größten Nachdruck behauptet hat, die blutigen Spuren

auf dem Elfenbeingriff stammten von dem Mörder des Richters Driscoll

her. Wir haben uns vorhin mit dieser Behauptung einverstanden erklärt

und thun es noch. -- Ich bitte die Geschworenen, die Fingerabdrücke

der Angeklagten mit den Spuren zu vergleichen, die der Mörder

zurückgelassen hat.«

Der Vergleich begann. Im Saal herrschte atemlose Stille, jeder Laut,

jede Bewegung hatte aufgehört, alle verharrten in gespanntester

Erwartung, und als man endlich die Worte vernahm: »_Es besteht nicht

einmal eine Aehnlichkeit zwischen beiden_,« da brach ein donnernder

Beifall los; die ganze Versammlung erhob sich, doch fügte sie sich bald

wieder dem Ordnungsruf. Tom veränderte seine Stellung fortwährend,

konnte aber auf keine Weise zur Ruhe kommen, seine Unbehaglichkeit

wuchs von Minute zu Minute. Als Wilson der allgemeinen Aufmerksamkeit

wieder sicher war, sagte er, auf die Zwillinge deutend, mit ernster

Stimme:

Querkopf Wilson · 第 12 / 13 段