»Der Richter Driscoll, ein alter, hochgeachteter Bürger, wurde

hier gegen Mitternacht von einem ruchlosen italienischen

Edelmann oder Barbiergesellen meuchlings erstochen. Der Anlaß

ist in einem Streit zu suchen der kürzlich bei den Wahlen

entstanden war. Vermutlich wird der Mörder gelyncht werden.«

»Einer von den Zwillingen!« frohlockte Tom, »welches Glück! Den

Gefallen hat mir das Dolchmesser gethan. Man kann doch nie wissen,

wann einem das Schicksal günstig ist. Wie habe ich Querkopf Wilson

verwünscht, weil er es mir unmöglich machte, das Messer zu verkaufen.

Das nehme ich jetzt zurück.«

Tom war mit einemmal reich und sein eigener Herr. Er brachte die

Angelegenheit mit dem Pflanzer in Ordnung und ließ den neuen Kaufbrief,

der Roxana ihre Freiheit zurückgab, an Wilsons Adresse schicken, dann

telegraphierte er seiner Tante Pratt:

»Habe die entsetzliche Nachricht in der Zeitung gelesen; bin ganz außer

mir vor Betrübnis. Morgen fahre ich mit dem Paketboot ab. Fasse dich,

so gut du kannst, bis ich komme.«

Als Wilson in der verhängnisvollen Nacht das Trauerhaus betrat und sich

von Frau Pratt und den zahlreichen Anwesenden hatte berichten lassen

was man wußte, nahm er kraft seines Amtes als Bürgermeister die Sache

in die Hand und gab Befehl, daß nichts angerührt werden, sondern alles

an Ort und Stelle bleiben solle, bis die Totenschau vorüber sei. Er

ließ das Zimmer räumen und blieb allein mit den Zwillingen zurück.

Bald darauf kam der Polizeidiener und führte die Brüder ins Gefängnis.

Wilson ermahnte sie noch, nicht den Mut zu verlieren und versprach

ihnen, falls eine Anklage erhoben würde, zu ihrer Verteidigung zu thun,

was er irgend könne.

Bei der genauen Besichtigung, welche der Friedensrichter Robinson

später mit Hilfe des Konstablers Blake vornahm, fand sich das

Dolchmesser nebst der Scheide. Wilson bemerkte zu seiner nicht geringen

Genugthuung, daß auf dem Griff des Messers blutige Fingerspuren zu

sehen waren. Die Zwillinge hatten nämlich die ersten Ankömmlinge

aufgefordert, ihre Hände und Kleider zu besichtigen, und keiner von

diesen, auch Wilson selbst nicht, hatte irgend welche Blutflecken an

ihnen gefunden. Sollten die Brüder am Ende doch die Wahrheit gesagt

haben, als sie beteuerten, sie wären auf den Hilferuf herbeigeeilt

und hätten den Richter tot gefunden? -- Wieder dachte Wilson an das

geheimnisvolle Mädchen. Doch eine solche That war einem Mädchen nicht

zuzutrauen. Jedenfalls konnte es aber nicht schaden, wenn Tom Driscolls

Zimmer genau durchsucht wurde. Dies geschah auf Wilsons Vorschlag,

nachdem die Leichenschau gehalten worden war. Die Thüre wurde mit

Gewalt geöffnet, aber man fand dort nichts Verdächtiges.

Der Befund des Leichenbeschauers und der Beisitzer ging dahin, daß

Luigi den Mord begangen und Angelo ihm Beihilfe geleistet habe.

Die ganze Stadt war aufs äußerste erbittert gegen die Aermsten, und in

den ersten Tagen nach dem Morde wären sie fast ein Opfer der Volkswut

geworden. Von der Anklagejury wurde Luigi des vorsätzlichen Mordes und

Angelo der Teilnahme an dem Verbrechen beschuldigt. Hierauf führte man

beide Zwillinge aus der Untersuchungshaft in das Bezirksgefängnis, wo

sie bis zur Gerichtsverhandlung verbleiben sollten.

Wilson untersuchte die Fingerabdrücke auf dem Griff des Dolchmessers

und sagte sich: »Diese Spuren stammen von keinem der Zwillinge her.« Es

war also offenbar eine andere Person im Spiele, entweder aus eigenem

Antrieb oder als gedungener Mörder.

Aber, wer konnte es sein? -- Das mußte er zu erforschen suchen.

Der eiserne Schrank war nicht aufgebrochen, in dem verschlossenen

Geldkasten befanden sich dreitausend Dollars. Es lag also kein Raubmord

vor, sondern eine That der Rache. Und doch hatte der Ermordete auf

der ganzen Welt keinen Feind. Luigi war der einzige Mensch, der einen

bitteren Groll gegen ihn hegte.

Das geheimnisvolle Mädchen machte Wilson schwere Sorge. Hätte es sich

um einen Diebstahl gehandelt, so wäre er nicht in Zweifel gewesen. Aber

wie käme ein Mädchen dazu, den alten Herrn aus Rache umzubringen? Er

war ein Ehrenmann -- es war nicht denkbar, daß ein Mädchen ihm etwas

vorzuwerfen hätte.

Wilson hatte sich die Fingerspuren auf dem Messergriff genau

abgezeichnet, und unter seinen ›Protokollen‹, die er in den letzten

fünfzehn bis achtzehn Jahren gesammelt hatte, fanden sich eine Menge

Abdrücke von Frauen- und Mädchenfingern. Aber er durchmusterte sie

vergebens, kein einziger stimmte mit den Spuren auf dem Messer überein.

Der Umstand, daß der vermißte Dolch auf dem Schauplatz des Mordes zum

Vorschein gekommen war, verursachte Wilson ganz besondere Pein. Vor

kaum einer Woche hatte er sich zu dem Glauben bekannt, daß Luigi ein

solches Messer besessen habe und noch besitze, trotz seiner Behauptung,

daß es ihm gestohlen sei. Und nun tauchte das Messer gerade wieder

auf, als die Zwillinge zur Stelle waren. Die halbe Stadt war damals

der Meinung gewesen, daß die Brüder alle Welt an der Nase herumführen

wollten, und jetzt frohlockten die klugen Leute und riefen: »Habe ich’s

nicht gleich gesagt!«

Wären ihre Fingerabdrücke auf dem Griff gewesen, ja dann -- aber,

das war ganz außer Frage -- die Spuren stammten auf keinen Fall von

den Zwillingen, das stand unumstößlich fest. Einen Verdacht gegen

Tom bei sich aufkommen zu lassen, hielt Wilson für Thorheit, denn

erstens war Tom nicht imstande, einen Menschen umzubringen -- er hatte

nicht Thatkraft genug, und zweitens -- selbst wenn er einen Mord

begehen könnte, würde er schwerlich seinem Wohlthäter und nächsten

Verwandten, der ihn zärtlich liebte, das Leben nehmen. Auch war es

drittens ganz gegen sein eigenes Interesse, denn bei Lebzeiten des

Onkels brauchte Tom nicht für seinen Unterhalt zu sorgen und durfte

hoffen, das vernichtete Testament werde noch einmal zu seinen Gunsten

erneuert werden. Diese Möglichkeit war ausgeschlossen, sobald der Onkel

starb. Freilich stellte sich jetzt heraus, daß das Testament bereits

wieder aufgesetzt worden war, aber der Erbe hatte sicher nichts davon

gewußt, er würde es sonst bei seiner natürlichen Schwatzhaftigkeit

gewiß nicht unerwähnt gelassen haben. Ueberdies befand sich ja Tom

zur Zeit des Mordes in St. Louis und erfuhr die Nachricht erst aus

der Morgenzeitung, was durch das Telegramm an seine Tante erwiesen

war. -- Zu allen diesen Erwägungen gelangte Wilson indessen mehr durch

unbestimmte Gefühle als durch klare Gedanken, denn im Ernst wäre es ihm

niemals eingefallen, Tom für einen Teilnehmer an dem Morde zu halten.

Die Zwillinge waren verloren, falls man keinen Mitschuldigen entdeckte.

Wilson hielt ihre Sache für völlig hoffnungslos. Er sagte sich, daß ein

hochweises Geschworenengericht von Missouri sie ohne Zweifel an den

Galgen bringen würde, falls sich kein Mitschuldiger fände, und käme

auch ein solcher zum Vorschein, so würde dadurch nichts gebessert,

man würde ihn eben als Dritten im Bunde aufknüpfen. Nur wenn sich

ein Thäter ermitteln ließ, der den Mord ganz auf eigene Hand und

aus persönlichen Beweggründen begangen hatte, waren die Zwillinge

zu retten, und eine solche Möglichkeit schien einstweilen gänzlich

ausgeschlossen. Die Hauptsache war jedenfalls, herauszufinden, von wem

die blutigen Fingerspuren auf dem Dolche herrührten. Vielleicht nützte

es den Brüdern nichts, aber ohne das war auch nicht die geringste

Aussicht für ihre Befreiung.

Trübselig schlich Wilson umher und zermarterte sich Tag und Nacht

den Kopf mit Gedanken und Schlüssen, ohne zu irgend welchem Ergebnis

zu gelangen. So oft er ein ihm fremdes Frauenzimmer auf der Straße

begegnete, nahm er bald unter diesem, bald unter jenem Vorwand ihre

Fingerabdrücke, aber immer wieder mußte er sich seufzend eingestehen,

daß sie mit den Spuren auf dem Messergriff nicht übereinstimmten.

Wegen des rätselhaften Mädchens befragt, schwor Tom hoch und teuer, daß

er keine solche Person kenne, auch nie ein Mädchen in einem solchen

Anzug gesehen habe, wie ihn Wilson beschrieb. Er gab zu, daß er seine

Zimmerthür häufig offen ließe, und daß die Diener zuweilen vergäßen,

das Haus abzuschließen; trotzdem könne die Unbekannte ihren Besuch kaum

öfters wiederholt haben, weil man sie sonst sicher entdeckt hätte. Als

Wilson den Verdacht aussprach, daß sie die noch immer unaufgeklärten

Diebstähle begangen und sich vielleicht als alte Frau verkleidet haben

könne, wenn sie nicht deren Helfershelferin sei, fand Tom das ganz

einleuchtend. Es kam ihm nicht unwahrscheinlich vor, und er sagte, er

werde von nun an ein wachsames Auge auf derartige Personen haben, doch

wäre sie vermutlich zu schlau, um sich sobald wieder in die Stadt zu

wagen, wo man jetzt jedenfalls noch längere Zeit scharf aufpassen würde.

Jedermann hatte Mitleid mit Tom, er schien so bedrückt und traurig,

offenbar empfand er seinen großen Verlust auf das schmerzlichste. --

Ja, er spielte seine Rolle gut, aber es war nicht alles Heuchelei. Das

Bild seines Onkels, wie er ihn zuletzt gesehen hatte, erschien ihm

häufig bei Nacht, wenn er nicht schlafen konnte oder verfolgte ihn im

Traum. Daß er sich weigerte, das Zimmer zu betreten, wo die grauenvolle

That verübt worden war, machte der liebevollen Frau Pratt einen

besonders tiefen Eindruck. Sie sagte, sie erkenne daraus die zarte,

empfindsame Natur ihres Lieblings so deutlich wie nie zuvor und nun

erst wisse sie, mit welcher Innigkeit er an seinem armen Onkel gehangen

habe.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Langsam schleppten sich die Wochen dahin; niemand besuchte die Brüder

im Gefängnis außer ihrem Verteidiger und der Tante Patsy Cooper.

Endlich kam der Tag der Gerichtsverhandlung; es war der schwerste

Tag in Wilsons Leben, denn trotz seiner unausgesetzten Bemühungen

hatte er auch nicht die leiseste Spur des fehlenden Mitverschworenen

entdeckt. Ob die Bezeichnung ›Mitverschworener‹ für jene unbekannte

Persönlichkeit überhaupt die richtige war, schien ihm allerdings

zweifelhaft. Er hatte sie eben stillschweigend gewählt, obwohl er nie

begreifen konnte, warum die Zwillinge nicht gleichfalls entflohen und

verschwunden waren, statt auf dem Schauplatz des Mordes zurückzubleiben

und sich festnehmen zu lassen.

Scharen von Menschen strömten nach dem Gerichtshause; das Gedränge

dort war groß, und man konnte voraussehen, daß es bis zum Schluß der

Verhandlung nicht abnehmen würde, denn nicht nur in der Stadt selbst,

sondern auch auf viele Meilen im Umkreis, sprach man im Volke von

nichts anderem. Neben Pembroke Howard, dem Staatsanwalt, hatten die

nächsten Anverwandten ihre Plätze; dort saß Frau Pratt in tiefer

Trauer, und Tom mit dem Kreppstreifen um den Hut. Hinter ihnen nahmen

die zahlreichen Freunde der Familie die ersten Bänke ein.

Zu dem Verteidiger der Zwillinge hielt sich niemand, außer ihrer armen,

alten, tiefbetrübten Wirtin! Sie saß an Wilsons Seite und machte ein

so freundliches Gesicht, wie sie irgend konnte. Im Negerwinkel hatte

sich Schamber eingefunden, desgleichen Roxy, die ihren Kaufbrief in der

Tasche trug. Es war ihr teuerstes Besitztum, von dem sie sich weder bei

Tag noch bei Nacht trennen mochte. Als Tom in sein Erbe gekommen war,

hatte er ihr ein Monatsgeld von fünfunddreißig Dollars ausgesetzt und

geäußert, sie müßten beide den Zwillingen dankbar sein, die sie reich

gemacht hätten. Darüber war Roxy aber in so großen Zorn geraten, daß

Tom sich wohl hütete, die Bemerkung noch einmal zu machen. Der alte

Richter, sagte sie, sei gegen ihren Sohn viel tausendmal zu gut gewesen

und ihr selbst hätte er sein Leben lang nichts zu leide gethan. Sie

wäre ganz wild vor Wut über die beiden ausländischen Teufel, die ihn

umgebracht hätten und würde nicht eher wieder ruhig schlafen, bis sie

am Galgen hingen. Sobald ihnen das Urteil gesprochen wäre, wollte sie

laut ›Hurrah‹ schreien, daß die Wände davon wiederhallten, und wenn

sie der Bezirksrichter auch ein Jahr lang dafür ins Gefängnis steckte.

Pembroke Howard trug als Staatsanwalt die öffentliche Anklage in kurzen

Worten vor. Er machte sich anheischig, durch eine zusammenhängende

Kette von Beweisen überzeugend darzuthun, daß der Hauptangeklagte den

Mord begangen habe, teils aus Rache und teils um sein eigenes Leben vor

Gefahr zu schützen. Sein Bruder aber sei bei dem Verbrechen zugegen

gewesen und habe dadurch seine Zustimmung und Mitschuld kundgethan.

Dieser Meuchelmord, einem tückischen, verworfenen Gemüt entsprungen,

sei die verruchteste That, die eine feige Hand nur begehen könne.

Sie habe das Herz einer liebenden Schwester gebrochen und das Glück

eines jungen Neffen zerstört, der dem Toten so teuer gewesen sei wie

ein eigener Sohn. Zahlreiche Freunde beklagten ihren unersetzlichen

Verlust, und die ganze Stadt trauere um ihren trefflichsten Bürger.

Deshalb fordere das Gesetz für den Frevel die höchste zulässige Strafe,

die auch ohne Zweifel an dem hier gegenwärtigen Uebelthäter in aller

Strenge vollzogen werden würde. Das übrige, was er noch zu sagen habe,

wolle er für seine Schlußbemerkung aufsparen.

Der Redner war heftig bewegt und mit ihm das ganze Haus. Als er wieder

Platz nahm, brachen Frau Pratt und einige ihrer Freundinnen in Thränen

aus, und mancher haßerfüllte Blick flog zu den unglücklichen Gefangenen

hinüber.

Ein Zeuge nach dem andern wurde nun aufgerufen und eingehend befragt,

aber ihr Kreuzverhör war kurz, weil Wilson wohl wußte, daß sie nichts

auszusagen hatten, was sich für die Verteidigung verwerten ließ. Der

Querkopf wurde von aller Welt bedauert, denn in diesem Prozeß konnte er

für seine kaum erst begonnene Laufbahn keine Lorbeeren pflücken.

Mehrere Zeugen versicherten bei ihrem Eide, sie hätten den Richter

Driscoll in öffentlicher Versammlung sagen hören, daß die Brüder ihr

verlorenes Dolchmesser schon wiederfinden würden, wenn sie es brauchen

wollten, um jemand damit umzubringen. Das war nichts Neues, doch wurde

man jetzt inne, auf wie traurige Weise sich die Prophezeiung erfüllt

hatte. Es machte großen Eindruck auf alle Gemüter, und über den ganzen

Gerichtssaal lagerte sich eine tiefe Stille, als die unheilvollen Worte

wiederholt wurden.

Nun erhob sich der Staatsanwalt wieder und sagte, er wisse aus seinem

letzten Gespräch mit dem Richter Driscoll, daß der Herr Verteidiger,

als Ueberbringer einer Herausforderung seitens des Hauptangeklagten,

zu ihm gekommen wäre. Der Richter habe sich jedoch geweigert, einem

Menschen, der eines Mordes schuldig sei, auf dem Felde der Ehre

Genugthuung zu geben. Anderswo, habe er bedeutsam hinzugefügt, wäre

er zum Kampfe bereit. Vermutlich habe man den Angeklagten gewarnt und

benachrichtigt, daß er bei der ersten Begegnung darauf gefaßt sein

müsse, entweder den Richter selbst zu töten oder sich von ihm über

den Haufen schießen zu lassen. Wenn der Herr Verteidiger gegen die

Richtigkeit dieser Angaben nichts einzuwenden hätte, würde es nicht

erforderlich sein, ihn als Zeuge zu vernehmen. Wilson erwiderte darauf,

er wolle die Thatsachen nicht bestreiten.

(»Mit Wilsons Verteidigung sieht es windig aus« -- diese und ähnliche

Bemerkungen wurden im Saale geflüstert.)

Frau Pratt sagte aus, sie habe keinen Schrei gehört und wisse nicht,

wovon sie aufgewacht sei; vielleicht hätte das Geräusch rascher

Schritte, die sich der Vorderthür näherten, sie geweckt. Als sie

im Nachtkleide in den Gang hinausstürzte, hörte sie Fußtritte auf

der Haupttreppe und andere, die ihr folgten, während sie nach dem

Wohnzimmer eilte. Dort fand sie die Angeklagten bei ihrem ermordeten

Bruder. (Sie brach in Schluchzen aus; im Saal entstand große Bewegung.)

Die Personen, die hinter ihr dreinkamen, fügte sie noch hinzu, seien

Herr Rogers und Herr Buckstone gewesen.

In dem Kreuzverhör, das Wilson mit ihr vornahm, erwiderte sie, die

Zwillinge hätten ihre Unschuld beteuert und versichert, sie seien auf

einem Spaziergang begriffen gewesen und in das Haus geeilt, weil sie

einen lauten Hilfeschrei gehört hatten, als sie noch eine gute Strecke

entfernt waren. Auf Verlangen der Brüder habe sie selbst, sowie die

beiden Herren, die Hände und Kleider der Zwillinge besichtigt und keine

Blutflecken an ihnen gefunden.

Rogers und Buckstone bestätigten diese Angaben.

Sodann wurde die Auffindung des Dolchmessers durch Zeugen erhärtet.

Um festzustellen, daß es genau mit der Beschreibung übereinstimme und

dieselbe Waffe sei, für deren Wiedererlangung eine Belohnung ausgesetzt

worden, verlas man die betreffende Anzeige. Es folgten nun noch mehrere

unbedeutende Einzelheiten, und damit war die Begründung der Anklage

geschlossen.

Wilson erklärte, er werde drei Zeuginnen beibringen -- die drei

Fräulein Clarkson -- welche ein paar Minuten, nachdem man das

Hilfegeschrei vernommen, einem verschleierten Mädchen begegnet seien,

das sich durch das hintere Hofthor aus dem Driscoll’schen Anwesen

entfernte. Ihre Aussage, verbunden mit gewissen Indizienbeweisen,

die er dem Gerichtshof vorlegen wolle, würde Richter und Geschworene

überzeugen, daß noch eine Person an dem Verbrechen beteiligt sei,

deren man bis jetzt nicht habhaft geworden, und daß es sich als eine

Forderung der Gerechtigkeit gegen seine Klienten empfehlen würde, das

Verfahren auszusetzen, bis die fragliche Person zur Stelle sei. In

Anbetracht der späten Stunde bitte er das Verhör der drei Zeuginnen bis

zum nächsten Morgen vertagen zu dürfen.

Die Menge strömte aus dem Gerichtshause und zerstreute sich in

einzelne, aufgeregte Gruppen, welche unter sich die Vorgänge bei der

Verhandlung mit dem lebhaftesten Interesse besprachen. Alle schienen

einen höchst befriedigenden und genußreichen Tag verlebt zu haben,

außer den Angeklagten, ihrem Verteidiger und ihrer alten Freundin.

Diese waren ziemlich niedergeschlagen und hatten wenig Hoffnung. Als

Tante Patsy den Zwillingen Gute Nacht sagen und Mut zusprechen wollte,

mußte sie mitten im Satz abbrechen, weil ihr die Stimme versagte.

Obgleich sich Tom für vollkommen sicher hielt, hatte er sich bei der

feierlichen Eröffnung der Gerichtssitzung eines gewissen unbehaglichen

Gefühls doch nicht erwehren können, denn er war äußerst schreckhaft

von Natur. Sobald es jedoch offenbar wurde, auf wie schwachen Füßen

Wilsons Verteidigung stand, fühlte er sich wieder beruhigt, ja, er

frohlockte innerlich. Mit einem Anflug spöttischen Bedauerns für den

Verteidiger, verließ er den Gerichtssaal. »Die Clarksons sind in der

Hintergasse einem unbekannten Frauenzimmer begegnet,« sagte er bei

sich, »_mehr_ weiß er nicht vorzubringen. Ich will ihm meinetwegen ein

paar Jahrhunderte Zeit lassen, um die Person zu entdecken. Sie selbst

ist nicht mehr vorhanden, ihre Kleider sind verbrannt und die Asche in

die Winde verstreut, -- wahrhaftig, er wird leichte Arbeit haben, sie

aufzufinden!« Wieder und wieder pries er seine kluge Erfindungsgabe,

durch die er sich gegen jede Entdeckung, ja sogar gegen den geringsten

Verdacht vollständig gesichert hatte.

»In solchen Fällen übersieht man fast regelmäßig irgend eine

Kleinigkeit -- eine geringfügige Spur bleibt zurück und ermöglicht

die Entdeckung; aber hier ist auch nicht die leiseste Andeutung mehr

vorhanden. Ebenso gut könnte man den Zug eines Vogels verfolgen

wollen, der bei Nacht durch die Luft fliegt. Wer die Spur des Vogels

in der Luft finden kann, wenn er davongeflogen ist, der und kein

anderer wird auch meine Bahnen aufzuspüren wissen und den Mörder des

Richters entdecken. Daß diese Arbeit gerade dem armen Querkopf Wilson

aufgebürdet wird, ist wirklich ein tragikomisches Verhängnis. Wie

muß er sich quälen und abhaspeln mit der Verfolgung der Unbekannten,

die nirgendwo ist, während ihm der rechte Mann die ganze Zeit über

am Ellbogen sitzt.« Je mehr er die Lage der Dinge überdachte, um so

mehr fiel ihm ihre spaßhafte Seite auf. Endlich sagte er: »Mit dem

Frauenzimmer will ich ihn hänseln, bis an sein Lebensende. So oft ich

ihn in Gesellschaft treffe, frage ich ihn mit der unschuldigsten Miene

von der Welt: ›Wie steht’s, Querkopf -- hast du ihre Fährte gefunden?‹

Das wird ihm so ärgerlich sein, wie früher meine Erkundigung nach

seiner ungeborenen Anwaltspraxis.« Er hätte laut auflachen mögen, doch

das ging nicht an, es waren Leute zugegen und er trauerte ja um seinen

Onkel. Aber das Vergnügen wollte er sich doch machen, heute abend bei

Wilson vorzusprechen, um zu sehen, welche Pein ihm seine aussichtslose

Verteidigung bereitete. Vielleicht konnte er das eine oder andere Wort

des Bedauerns und Mitleids einfließen lassen, so daß der Querkopf

vollends außer sich geriete.

Wilson hatte sich kein Abendbrot bringen lassen, ihm war alle Eßlust

vergangen. Er holte seine ›Protokolle‹ mit den Fingerabdrücken

sämtlicher Mädchen und Frauen hervor und starrte sie wohl über eine

Stunde in düsterm Schweigen an, um sich zu überzeugen, ob er nicht

doch vielleicht die Spuren jenes verdächtigen Mädchens übersehen haben

könne. Aber es war alles vergebens. Endlich lehnte er sich in den

Stuhl zurück, verschränkte die Hände über dem Kopf und überließ sich

finstern, unfruchtbaren Gedanken.

Noch spät am Abend trat Tom Driscoll bei ihm ein, setzte sich und sagte

in munterem Ton:

»Was sehe ich! Du hast zum Trost dein altes Steckenpferd aus der Zeit

deiner Verkennung und Zurücksetzung wieder aufgenommen!« Er griff nach

einem der Gläser und hielt es ans Licht, um es genau zu betrachten.

»Verliere nur den Mut nicht, altes Haus! Weil deine neue Sonnenscheibe

Flecken hat, brauchst du doch nicht gleich alles aufzugeben und den

unnützen Kinderkram vorzuholen. So etwas geht vorbei, und dann bist

du wieder obenauf.« -- Er legte das Glasplättchen hin. »Hast du denn

gedacht, du müßtest immer Erfolg haben?«

»O nein, durchaus nicht,« erwiderte Wilson mit einem Seufzer; »aber ich

kann nicht glauben, daß Luigi deinen Onkel getötet hat, und er thut

mir von Herzen leid. Es macht mich ganz schwermütig, und dir würde es

ebenso gehen, wenn du kein Vorurteil gegen die jungen Leute hättest.«

»Das ist noch sehr die Frage,« sagte Tom mit finsterer Miene, denn ihm

fiel der Fußtritt wieder ein, den er erhalten hatte. »Es ist wahr,

ich bin ihnen wenig Dank schuldig, wenn ich daran denke, wie mich der

Braune an jenem Abend behandelt hat. Aber Vorurteil hin -- Vorurteil

her -- ich kann sie nun einmal nicht ausstehen, und wenn ihnen nach

Verdienst geschieht, werde ich mir keine grauen Haare um sie wachsen

lassen.«

Wieder nahm er ein Glasplättchen in die Hand und besichtigte es.

»Wahrhaftig, da steht der Name der alten Roxy darunter! Willst du denn

die Königspaläste auch mit den Abdrücken von Negerpfoten verzieren?

Nach dem Datum zu urteilen, war ich sieben Monate alt, als das

gemacht wurde; sie pflegte und wartete mich damals zusammen mit ihrem

Negerjungen. Bei ihrem Daumen geht eine Linie quer über den Abdruck.

Woher kommt das wohl?« Tom reichte Wilson das Plättchen hin.

»Von irgend einem alten vernarbten Riß oder Schnitt,« antwortete dieser

seinem Quälgeist in abgespanntem Ton, »man findet das häufig.« Er nahm

das Glas gleichgültig zur Hand und hielt es gegen die Lampe. Plötzlich

wich alles Blut aus seinem Gesicht, seine Hand zitterte und er starrte

mit förmlich verglastem Blick auf die glatte Fläche vor seinen Augen.

»Um alles in der Welt, was ist denn mit dir los, Wilson, willst du in

Ohnmacht fallen?«

Tom holte ihm rasch ein Glas Wasser, aber Wilson fuhr schaudernd davor

zurück.

»Nein, nein,« rief er, »fort damit!« Seine Brust hob und senkte sich,

er bewegte den Kopf schwerfällig hin und her, wie jemand, der einen

betäubenden Schlag erhalten hat. Endlich sagte er: »Ich glaube, mir

wird wohler werden, wenn ich mich zu Bette lege; ich habe mich heute

zu sehr angestrengt und mich vielleicht schon seit einigen Tagen

überarbeitet.«

»Dann will ich gehen und dich in Ruhe lassen, Gute Nacht, altes

Haus!« Beim Abschied konnte Tom jedoch eine letzte Stichelrede nicht

unterdrücken: »Nimm dir’s nicht so zu Herzen; immer gewinnen thut

keiner. Du wirst schon noch jemand an den Galgen bringen.«

Querkopf Wilson · 第 11 / 13 段