»Zehn Tage sind’s her, da sagt’ ich zu mir: lange halt’ ich’s nicht

mehr aus; die höllische Arbeit, die vielen Schläge werden mich

umbringen, eh’ noch ein paar Wochen vorbei sind -- so totmatt und

elend war mir zu Mut. Wenn das Leben so weiter gehen sollt’, wär’ ich

viel lieber gestorben, mir war alles einerlei. Ist man erst so weit,

dann gilt’s einem auch gleich, was man thut. Da war ein armes, kleines

Negermädchen, zehn Jahr alt, die war gut zu mir und hatte keine Mammy

und wir hatten uns beide lieb. Sie kam aufs Feld und wollte mir ’ne

gebratene Kartoffel zustecken, aus Mitleid, weil sie wußte, daß ich

nicht satt zu essen kriegte. Doch der Aufseher ertappt sie dabei, und

schlägt sie mit seinem Stock über’n Rücken, der so dick war wie’n

Besenstiel, daß sie zu Boden fällt und sich vor Schmerz krümmt und

windet. Ich konnt’s nicht mit ansehen. Die ganze Hölle tobte in mir --

ich riß dem Mann den Stock aus der Hand und schlug ihn nieder. Da lag

er ächzend und fluchend, er rührte kein Glied mehr. Die Neger waren

zum Tod erschrocken und kamen und wollten ihm helfen. Ich sprang auf

sein Pferd, und fort ging’s zum Fluß wie der Wind. Was mir geschehen

würde, wußt’ ich wohl. Der Mann hätt’ mich zu Tode geschunden, sobald

er wieder auf den Beinen war, wenn’s der Massa zugab. Oder, sie hätten

mich weiter flußabwärts verkauft -- und das kommt auf eins ’raus. Da

sprang ich lieber ins Wasser und macht’ meiner Not ein Ende. Es war

schon dämmerig geworden und in zwei Minuten kam ich zum Fluß. Da lag

ein Kahn am Land, und ich sag’ zu mir: ›Was soll ich mich ertränken,

wenn ich nicht muß,‹ und bind’ das Pferd an’n Baumstamm, stoß’ den

Kahn ins Wasser, fahr’ immer am steilen Ufer hin und bet’ zu unserm

Herrgott, daß die Nacht mich schnell zudeckt. Ich hatt’ ’nen guten

Vorsprung, denn das große Haus liegt drei Meilen vom Fluß; bis die

Neger auf den Arbeitspferden hinkamen und wieder zurück, war es längst

dunkel. Sie ritten gewiß nicht zu schnell, um mir Zeit zu lassen. Bei

Nacht konnten sie die Pferdespur nicht finden, erst am Morgen würden

sie sehen, welchen Weg ich genommen hatte, und lügen würden die Neger

auch, so viel sie nur konnten.

»Also, die Nacht kam, und ich fuhr immer weiter auf dem Fluß; zwei

Stunden lang ruderte ich noch, dann hatt’ ich keine Angst mehr, ließ

mich forttreiben im Strom und dacht’ mir aus, was ich thun wollte,

wenn ich nicht ins Wasser springen müßt’. Ich machte viele Pläne und

überlegte alles hin und her, wie ich so still im Kahn saß. Es mocht’

wohl bald nach Mitternacht sein und ich war fünfzehn oder zwanzig

Meilen gefahren, da sah ich die Lichter von’m Dampfer, der am Ufer lag,

es war aber keine Werft da und keine Stadt. Beim Sternenschein konnt’

ich die Form der Schornsteine erkennen und -- o, du meine Güte, auf

einmal meint ich doch, ich müßt’ aus der Haut fahren vor Freude. Es war

ja der ›Großmogul‹, auf dem ich acht Jahre lang Stubenmädchen gewesen

bin und der Handel trieb zwischen Cincinnati und New Orleans. Ich fuhr

mit dem Kahn dicht ’ran -- aber nirgends rührte sich was. Nur unten

im Maschinenraum hört’ ich ein Geklopf und Gehämmer. Da wußt’ ich,

’s war was an der Maschine zerbrochen. Ich geh’ ans Land, laß meinen

Kahn treiben und späh’ nach dem Dampfer hin, bis ich ans Laufbrett

komm’ und an Bord gehen kann. ’S war ganz unmenschlich heiß. Auf dem

Vorderdeck lagen die Leute lang ausgestreckt, der zweite Maat, Jim

Bangs, saß auf der Beting, mit dem Kopf in’n Händen und schlief. So

hält er immer die Kapitänswache. Und der alte Steuermann Billy Hatch

war auf der Kajütentreppe eingenickt. Ich kannte sie alle und Herrje,

wie froh war ich! ›Jetzt soll nur der alte Massa kommen und mich

fangen,‹ dacht’ ich, ›hier bin ich unter Freunden.‹ Mitten durch geh’

ich an ihnen vorbei, bis ans Geländer der Damenkajüte und setz’ mich

grad’ auf denselben Stuhl, wo ich wohl hundertmillionenmal gesessen

hab’. ’S war mir, als wär’ ich wieder daheim.

»Keine Stunde währt’s, da bimmelt die Glocke und das Dampfboot wird

flott gemacht. Es geht nach St. Louis hinauf, denn das wußt’ ich, daß

der ›Großmogul‹ jetzt dort anlegt. Die Sonne war grad’ aufgegangen, da

fuhren wir an unserer Pflanzung vorbei, und ich seh’ ’ne Schar Neger

und Weiße am Ufer hin- und herlaufen. Die gaben sich große Mühe mich zu

finden, aber mir machte das wenig Sorge.

»Um die Zeit kam Sally Jackson -- die jetzt nicht mehr zweites

Stubenmädchen war, sondern erstes -- ans Schiffsgeländer, und freute

sich sehr, mich wiederzusehen und die Offiziere auch. Als ich sagte,

man hätt’ mich geraubt und flußabwärts verkauft, sammelten sie zwanzig

Dollars und schenkten sie mir, und Sally gab mir gute Kleider. Wir

landeten hier und ich ging gleich nach deiner alten Wohnung und kam

dann in dies Haus; man sagte mir, du wärst fort, könntest aber alle

Tage wiederkommen. Da wollt’ ich lieber nicht nach Dawson fahren, ich

hätt’ dich sonst verfehlt.

»Als ich nun letzten Montag in der Vierten Straße an ’ner Schenke

vorbeikomm’, wo sie die Zettel ankleben, wenn ein Neger entlaufen ist,

-- da seh’ ich meinen Massa. Ich dacht’, ich sollt’ in die Erde sinken.

Er stand mit dem Rücken nach mir und sprach mit ’nem Mann, dem gab er

solchen Neger-Zettel. Die entlaufene Negerin, das war ich und er setzte

wohl ’ne Belohnung für sie aus -- was meinst du -- hab’ ich nicht

recht?«

Tom war allmählich in immer grauenvollere Angst geraten. »Ich bin

verloren,« dachte er, »mag die Sache sich wenden wie sie will. Der

Pflanzer sagte mir, der ganze Kauf käme ihm verdächtig vor. Ein

Fahrgast vom ›Großmogul‹ hätte ihm geschrieben, Roxy sei auf dem

Dampfer hierher gekommen, und alle an Bord wüßten, wie sich die

Sache verhielte. Daß sie nicht nach einem Freistaat geflohen sei, sei

schlimm für mich, und wenn ich ihm nicht rasch behilflich wäre, sie

wiederzufinden, wollte er mich schon in die Klemme bringen. Anfangs

glaubte ich die ganze Geschichte nicht. Meiner Mutter konnte ich’s

nicht zutrauen, daß sie so gefühllos sein würde, wieder herzukommen,

da sie doch wissen mußte, welcher Gefahr sie mich aussetzte. Und nun

ist sie doch hier! -- Wäre ich nur nicht so dumm gewesen, ihm zu

geloben, daß ich ihm helfen würde, sie zu suchen. Ich hab’s ihm ganz

ruhig versprochen, weil ich mir einbildete, es könnte nichts schaden.

Wenn ich sie ihm nun ausliefere, so wird sie -- aber, wie kann ich’s

ändern? Thue ich’s nicht, so muß ich das Geld zahlen und wo soll ich’s

hernehmen? -- Könnte ich ihn nicht zwingen, mir zu schwören, daß er

sie von jetzt ab gut behandeln wird -- sie sagt ja selbst, er ist kein

böser Mensch, und wenn er verspräche, daß sie nie wieder überarbeitet

und schlecht genährt werden soll oder --«

Ein greller Blitz beleuchtete Toms bleiches Gesicht; man las die

quälenden Gedanken in seinen verzerrten Zügen.

»Dreh’ das Gaslicht auf, damit ich dich besser sehen kann,« befahl

jetzt Roxana mit scharfem Ton, obgleich ihre Stimme bebte. »So --

nun laß dich mal betrachten. Du siehst ja so weiß aus wie dein Hemd,

Schamber. -- Hast du den Mann gesehen? Hat er dich aufgesucht?«

»J -- ja.«

»Wann?«

»Montag mittag.«

»War er mir auf der Spur?«

»Er -- glaubte und hoffte es. Hier ist der Zettel, den du gesehen

hast.« Tom nahm ihn aus der Tasche.

»Lies ihn mir vor.«

Sie keuchte vor Aufregung und in ihren Augen lag ein düsterer Glanz,

der Tom nicht ganz verständlich war -- ihm jedoch bedrohlich schien.

Auf dem Zettel sah man den gewöhnlichen rohen Holzschnitt, der eine

laufende Negerin mit dem Turban auf dem Kopf darstellte, welche ein

Bündel an einem Stock über der Schulter trug. Darüber stand in großen

Buchstaben geschrieben: _Hundert Dollars Belohnung_. Tom las die

Anzeige laut vor -- wenigstens den Teil, der Roxanas Beschreibung

enthielt, sowie die Adresse ihres Herrn in St. Louis und diejenige

seines Agenten in der Vierten Straße. Die Stelle aber, welche besagte,

daß die Bewerber um die Belohnung sich auch an Herrn Thomas Driscoll

wenden könnten, unterdrückte er klüglich.

»Gieb mir den Zettel!«

Tom hatte ihn eben zusammengefaltet, um ihn in die Tasche zu

stecken. Es lief ihm kalt über den Rücken, doch sagte er mit der

gleichgültigsten Miene von der Welt:

»Wozu? Du kannst ihn ja doch nicht lesen. Was soll er dir nützen?«

»Gieb mir den Zettel!« Tom that es; doch merkte sie ihm sein Zögern an.

»Hast du mir auch _alles_ vorgelesen?«

»Jawohl, gewiß.«

»Halt’ die Hand in die Höhe und schwöre mir’s.«

Nachdem Tom auch dies gethan hatte, steckte Roxana das Papier

sorgfältig ein. Die ganze Zeit über verwandte sie jedoch kein Auge von

Toms Gesicht.

»Du lügst!« sagte sie.

»Weshalb sollte ich denn wohl lügen?«

»Das weiß ich nicht -- aber du lügst -- wenigstens glaub’ ich’s. Doch

darum handelt’s sich jetzt nicht. Als ich den Mann sah, bekam ich

solchen Schreck, ich konnt’ kaum noch auf den Beinen stehen. Dann gab

ich ’nem Neger einen Dollar für die Kleider hier, und seitdem bin

ich in kein Haus mehr gekommen, weder bei Tag noch bei Nacht. Ich

schwärzte mein Gesicht und verbarg mich tags im Keller von ’nem alten

abgebrannten Haus und nachts kroch ich zwischen die Zuckerfässer und

Kornsäcke auf der Werft und stahl was ich brauchte, um meinen Hunger

zu stillen. Was zu kaufen getraut’ ich mir nicht und bin schier

verschmachtet. Auch hierher durft’ ich mich erst heut wagen, in

dieser Regennacht, wo kaum ein Mensch unterwegs ist. Seit es dunkel

wurde, hab’ ich drüben in der Gasse gestanden und gewartet, daß du

vorbeikommen solltest. Und nun bin ich hier.«

Sie verlor sich eine Weile in Gedanken, dann fragte sie:

»Letzten Montag mittag hast du den Mann gesehen?«

»Ja.«

»Ich sah ihn am selben Nachmittag. Nicht wahr, er hat dich aufgesucht?«

»Ja.«

»Hat er dir gleich den Zettel gegeben?«

»Nein, damals war er noch nicht gedruckt.«

Roxana warf ihm einen argwöhnischen Blick zu. »Hast du ihm nicht

geholfen, die Schrift aufzusetzen?«

Tom war innerlich wütend, daß er sich so dumm verschnappt hatte und

suchte es wieder gut zu machen, indem er sagte, er erinnere sich jetzt,

daß der Mann ihm den Zettel doch am Montag mittag gegeben habe.

»Jetzt lügst du wieder,« sagte Roxana. Dann richtete sie sich

hoch empor. »Ich will dir ’ne Frage vorlegen, der kannst du nicht

ausweichen,« fuhr sie fort. »Du weißt, daß er mich verfolgt, und wenn

du fortläufst, statt hier zu bleiben und ihm zu helfen, so argwöhnt er

sicher, daß etwas mit dem Handel nicht in Ordnung ist. Dann erkundigt

er sich nach dir, man weist ihn an deinen Onkel, der liest den Zettel

und sieht, daß du ’ne freie Negerin flußabwärts verkauft hast. Du

kennst deinen Onkel. Er zerreißt sein Testament auf der Stelle und jagt

dich zum Haus ’naus. Nun sag’ mal, wie steht’s: Hast du dem Mann nicht

gesagt, ich würd’ gewiß hierher kommen, dann wolltest du’s schon so

einrichten, daß er mich in ’ne Falle locken und fangen könnt’?«

Tom sah ein, daß weder Lügen noch Ausreden ihm mehr helfen würden -- er

saß fest wie im Schraubstock und konnte sich nicht rühren. Sein Gesicht

nahm einen bösartigen Ausdruck an und er sagte mit verbissenem Ingrimm:

»Was hätte ich denn anders thun können? Du siehst ja selbst, daß ich

in seiner Gewalt war und mir kein Ausweg blieb.«

Roxy durchbohrte ihn mit einem vernichtenden Blick. »Was du thun

konntest? -- An deiner eigenen Mutter konntest du zum Judas werden,

um deine erbärmliche Haut zu retten! Sollte man’s für möglich halten!

Kein Hund wär’s im stande. Du bist das niederträchtigste, elendeste

Geschöpf, was die Sonne bescheint. Und ich hab’ dich geboren! --« dabei

spie sie ihn an.

Tom machte keinen Versuch sich aufzulehnen. Nach kurzer Ueberlegung

fuhr Roxy fort:

»Jetzt werd’ ich dir sagen, was du thun sollst: Du giebst dem Mann

das Geld, das du in Verwahrung hast, und bittest ihn, auf den Rest

zu warten, bis du ihn vom Richter Driscoll holen kannst, um mich

loszukaufen.«

»Schockschwerenot! Wo denkst du hin? Von meinem Onkel soll ich

dreihundert und etliche Dollars fordern? Was könnte ich ihm denn sagen,

wozu ich sie brauche, he?«

Roxys Antwort kam in klaren, bestimmten Worten:

»Du sagst ihm, daß du mich verkauft hast, um deine Spielschulden zu

zahlen, daß du ein Schurke bist, der mich belogen hat, und ich dich

zwinge, das Geld zu schaffen, um mich wieder frei zu machen.«

»Bist du denn ganz von Sinnen? -- Er würde ja sein Testament in tausend

Fetzen reißen -- das mußt du doch wissen.«

»Ja, ich weiß es.«

»Und du glaubst, daß ich dumm genug sein werde, zu ihm zu gehen?«

»Von _glauben_ ist nicht mehr die Rede -- ich _weiß_, du wirst’s thun.

Ich weiß es -- weil kein Zweifel ist, daß, wenn du das Geld nicht

beibringst, ich selbst zu ihm gehe. Dann wird er _dich_ flußabwärts

verkaufen, und du kannst sehen, wie dir’s behagt.«

Zitternd vor Erregung stand Tom auf und schritt nach der Thür; sein

Auge hatte einen bösen Blick. Er sagte, er müsse einen Moment ins Freie

gehen, in der Stickluft des Zimmers könne er es nicht mehr aushalten.

Draußen werde es ihm klarer im Kopf werden, da wolle er überlegen, was

zu thun sei. Roxy lächelte ingrimmig über seinen vergeblichen Versuch,

die Thür zu öffnen.

»Ich hab’ den Schlüssel, Söhnchen -- setz’ dich nur wieder,« sagte sie.

»Du brauchst gar nicht erst zu überlegen, was du thun willst -- ich

weiß schon, was du thust.«

In hilfloser Verzweiflung saß Tom da und fuhr sich mit den Händen

durchs Haar. Nach einer Weile fragte Roxy: »Ist der Mensch hier im

Haus?«

Tom sah sie erstaunt an: »Hier! Wie kommst du darauf?«

»Durch _dich_. Frische Luft schöpfen -- ja wohl! Die Bosheit steht

dir im Gesicht geschrieben. Du bist der erbärmlichste Hund, den je --

aber das hab’ ich dir schon mal gesagt. -- Also, heut ist Freitag. Du

verabredest mit dem Mann, daß du fortgehen willst, das Geld zu holen

und Dienstag oder Mittwoch damit zurückkommst. Verstehst du mich?«

»Ja,« antwortete Tom mit finsterer Miene.

»Und wenn du den neuen Kaufbrief hast, in dem steht, daß ich wieder

frei bin, schickst du ihn gleich an Herrn Querkopf Wilson, und

schreibst auf den Umschlag, er soll ihn behalten, bis ich komm’. Hörst

du?«

»Ja.«

»Das ist also abgemacht. Jetzt setz’ deinen Hut auf und nimm den

Regenschirm.«

»Wozu?«

»Weil du mich bis zur Werft begleiten sollst. Siehst du dies Messer?

Ich trag’s bei mir seit dem Tag, als ich den Mann sah; zugleich

mit den Kleidern hab’ ich’s mir gekauft. Wenn er mich fangen würde,

wollt’ ich mich damit umbringen. Nun geh’ voran, aber vorsichtig; und

wenn du hier im Haus ein Zeichen giebst, oder jemand dich auf der

Straße anredet, stoß’ ich dich mit dem Messer nieder. Glaubst du mir,

Schamber, daß ich thu’, was ich sag’?«

»Laß doch die langweilige Frage. Ich weiß, daß dein Wort gilt!«

»Ja, ganz anders wie deins. Nun mach’ das Licht aus und komm -- hier

ist der Schlüssel.«

Kein Mensch folgte ihnen. Tom erbebte jedesmal, wenn ein verspäteter

Wanderer an ihnen vorüberstreifte und glaubte schon den kalten Stahl im

Rücken zu fühlen. Roxy blieb ihm dicht auf den Fersen, um ihn nicht aus

ihrem Bereich zu lassen. So gingen sie über eine Meile weiter, bis in

eine ganz öde Gegend der menschenleeren Werft; da trennten sie sich bei

strömendem Regen in der Dunkelheit.

Während des Heimwegs stürmten hundert schwere Gedanken und wilde Pläne

auf Tom ein, zuletzt kam er jedoch zu dem trübseligen Schluß: »Es giebt

nur den _einen_ Ausweg -- ich muß ihr den Willen thun. Aber etwas

anders werde ich die Sache doch anfangen. Ich will nicht um das Geld

bitten und mich zu Grunde richten -- ich will es dem alten Geizhals

_stehlen_.«

Zwanzigstes Kapitel.

In Dawson gab man sich inzwischen einer behaglichen Ruhe hin und

harrte geduldig auf das Zustandekommen des zweiten Duells. Auch Graf

Luigi wartete, aber, wie das Gerücht behauptete, in großer Erregung.

Am Sonntag bestand er darauf, die Herausforderung zu schicken. Wilson

überbrachte sie, allein Richter Driscoll lehnte die Annahme ab; er

wollte sich nicht mit einem Mörder einlassen -- »das heißt,« fügte er

bedeutungsvoll hinzu, »nicht auf dem Feld der Ehre.« Anderswo wäre er

bereit.

Wilson versuchte ihn zu überzeugen, daß er Luigis That gewiß nicht für

unehrenhaft halten würde, wenn er Angelos Bericht darüber mit angehört

hätte, aber der alte Herr blieb hartnäckig bei seiner Meinung.

Als Wilson zurückkam, um zu melden, daß seine Sendung erfolglos gewesen

sei, geriet Luigi ganz außer sich und fragte, wie es denn nur möglich

wäre, daß Herr Driscoll, der doch durchaus nicht schwer von Begriffen

sei, dem Zeugnis und den Schlußfolgerungen seines leichtfertigen Neffen

mehr Wert beigelegt hätte, als Wilsons Aussagen.

»O, das ist sehr einfach und leicht erklärlich,« erwiderte Wilson

lachend. »Ich bin nicht seine Puppe und sein Schoßkind; in mich ist

er nicht vernarrt, wie in Tom. Der Richter und seine verstorbene Frau

hatten keine Kinder; sie waren schon über das mittlere Alter hinaus,

als ihnen dieser Schatz zufiel. Man muß sich nur vorstellen, daß, wenn

das Gefühl der Elternliebe fünfundzwanzig oder dreißig Jahre lang keine

Nahrung erhält, es fast verkommt und verschmachtet, so daß es sich an

allem genügen läßt, was ihm geboten wird. Solche Leute verlieren den

Geschmackssinn -- sie können einen Häring nicht mehr von einem Lachs

unterscheiden. Wenn einem jungen Ehepaar ein Teufelchen geboren wird,

so erkennen sie den kleinen Satanas meist über kurz oder lang. Nehmen

aber alte Eheleute einen Teufel an Kindesstatt an, so wird er in ihren

Augen zum Engel und behält seinen Himmelsglanz durch dick und dünn.

Ein solcher Engel ist Tom für den alten Richter. Weil er vernarrt

in den Neffen ist, kann ihn dieser zu vielem -- nicht zu allem --

überreden, was er andern Leuten nicht glaubt, besonders wenn des Onkels

persönliche Neigung oder Abneigung dabei im Spiele ist. Der alte Herr

war Ihnen und Ihrem Bruder gewogen, aber Tom warf einen Haß auf Sie.

Das genügte vollkommen, um die Vorliebe des Richters in ihr Gegenteil

umzuwandeln. Das älteste und stärkste Bollwerk der Freundschaft hält

nicht stand, wenn so ein spät erkorener Liebling es untergräbt.«

»Welche Thorheit!« sagte Luigi.

»Allerdings. Aber es liegt derselben ein schöner Zug des menschlichen

Herzens zu Grunde. Es ist mir immer höchst rührend vorgekommen, wenn

kinderlose alte Eheleute eine Schar kläffender kleiner Köter ins Herz

schließen, denen sie dann noch ein paar kreischende und fluchende

Papageien zugesellen, wenn sie nicht vorziehen, sich mit hundert

schmetternden Singvögeln zu umgeben oder übelriechende Meerschweinchen,

Kaninchen und ein Dutzend junger Katzen groß zu ziehen. Das alles ist

nichts als der dunkle, unbewußte Drang, sozusagen aus schlechtem Metall

und allerlei Abfall einen Ersatz für das goldene Kleinod herzustellen,

das die Natur ihnen versagt hat -- den Ersatz für _ein Kind_. -- Aber

das nur nebenbei -- hier handelt es sich um unsern besonderen Fall.

Das ungeschriebene Sittengesetz der hiesigen Gegend fordert von Ihnen,

daß Sie den Richter Driscoll totschießen, sobald Sie seiner ansichtig

werden. Die ganze Bürgerschaft, er selbst an der Spitze, würde es als

große Rücksichtslosigkeit ansehen, falls es nicht geschähe. Natürlich

wird derselbe Zweck auch erreicht, wenn er Ihnen eine Kugel durch den

Kopf jagt. Also, seien Sie auf Ihrer Hut und versehen Sie sich mit

Waffen.«

»Das will ich. Er soll seinen Mann an mir finden. Wenn er mich

angreift, werde ich mich verteidigen.«

Im Fortgehen sagte Wilson noch: »Der Richter ist von der Wahlschlacht

etwas angegriffen; vor einem oder zwei Tagen wird er kaum das Zimmer

verlassen können. Sobald er sich aber wieder stark genug fühlt, dürfen

Sie ihn erwarten.«

Die Zwillinge hatten den ganzen Tag über das Haus nicht verlassen, erst

gegen elf Uhr nachts gingen sie aus, um beim düstern Schein des Mondes

einen langen Spaziergang zu machen.

Etwa eine halbe Stunde früher war Tom Driscoll zwei Meilen unterhalb

Dawson bei Hacketts Vorratshaus gelandet; kein anderer Fahrgast stieg

an diesem einsamen Orte aus. Er ging am Ufer zu Fuß weiter und betrat

das Haus des Richters, ohne daß ihm unterwegs oder auf der Treppe eine

Menschenseele begegnet wäre.

In seinem Zimmer schloß er die Läden und machte Licht. Dann legte

er Rock und Hut ab und begann allerlei Vorbereitungen zu treffen.

Er öffnete seinen Koffer, nahm die Mädchenkleider heraus, die er

dort unter einem Männeranzug verwahrte und legte sie bereit; zuletzt

schwärzte er sich das Gesicht mit einem gebrannten Kork und steckte

den Kork in die Tasche. Seine Absicht war, sich durch das untere

Wohnzimmer in seines Onkels Schlafstube zu schleichen, den Schlüssel

zum Geldschrank aus der Rocktasche des alten Herrn zu nehmen und den

Diebstahl auszuführen. Er war voller Mut und Zuversicht, aber als er

jetzt das Licht nahm, um hinunterzugehen, ward ihm doch etwas bänglich.

Wie, wenn er durch irgend welchen Zufall Lärm machte und vielleicht

beim Oeffnen des Geldschranks ertappt wurde? Es wäre doch gut, eine

Waffe bei sich zu haben. Er holte das indische Dolchmesser aus dem

Versteck hervor und fühlte, daß sich sein sinkender Mut neu belebte.

Auf den Zehen schlich er die enge Stiege hinab; beim leisesten Geräusch

sträubte sich ihm das Haar und sein Atem stockte. Als er die Stufen

zur Hälfte hinabgegangen war, sah er mit Schrecken, daß der unterste

Treppenabsatz von einem schwachen Lichtschein erhellt wurde. Was

konnte das bedeuten? War etwa sein Onkel noch auf? Das schien höchst

unwahrscheinlich. Er hatte vielleicht sein Licht brennen lassen, als er

zu Bett ging. Bei jedem Schritt gespannt lauschend, schlich Tom weiter;

er fand die Thür offen und sah hinein. Was er erspähte, überraschte

ihn höchst angenehm. Sein Onkel lag auf dem Sofa und schlief; auf dem

Seitentisch brannte eine düstere Lampe und neben dieser stand des

Onkels kleiner Geldkasten; davor aber lag ein Haufen Banknoten und ein

Papier, auf dem eine Menge Zahlen mit Bleistift geschrieben waren. Die

Thür des eisernen Geldschranks war verschlossen. Offenbar hatte sich

der Schläfer bei der Berechnung seines Vermögensstandes übermüdet und

ruhte aus.

Tom setzte sein Licht auf die Treppe und schlich tief gebückt nach

dem Tisch, wo die Banknoten lagen. Als er am Sofa vorbeikam, regte

sich sein Onkel im Schlaf; Tom stand sogleich still und zog behutsam

das Dolchmesser aus der Scheide; sein Herz klopfte laut, sein Blick

haftete auf den Zügen seines Wohlthäters. Im nächsten Augenblick wagte

er wieder einen Schritt vorwärts, er streckte die Hand nach der Beute

aus, ergriff sie und ließ dabei die Messerscheide fallen. Da fühlte

er sich von einer starken Hand gepackt, und der laute Ruf: »Zu Hilfe,

zu Hilfe!« klang ihm ins Ohr. Ohne Zögern stieß er dem alten Mann den

Dolch in die Brust und war frei. Ein paar von den Banknoten in seiner

linken Hand fielen in das Blut am Boden. Er warf das Messer hin,

raffte sie auf und wollte fliehen; in seiner Angst und Verwirrung nahm

er das Papiergeld wieder in die Linke und griff nach dem Messer; da

fuhr es ihm durch den Kopf, daß er dies gefährliche Beweisstück nicht

bei sich tragen dürfe. Rasch warf er es wieder hin, eilte hinaus,

schloß die Thür hinter sich und ergriff sein Licht. Während er die

Treppe hinaufsprang, wurde die Stille der Nacht durch laute Fußtritte

unterbrochen, die sich eilig dem Hause näherten. Im nächsten Augenblick

war er in seinem Zimmer, und unten beugten sich die Zwillinge entsetzt

über die Leiche des Ermordeten.

Tom fuhr in seinen Rock, knöpfte den Hut darunter, zog die

Mädchenkleider an, ließ den Schleier herab, blies das Licht aus,

verschloß die Thür, durch welche er soeben gekommen war, steckte den

Schlüssel ein und schlich zur andern Thür hinaus in den hintern

Hausflur. Die zweite Thür verschloß er gleichfalls und behielt

den Schlüssel bei sich. Nun tappte er sich im Dunkeln weiter, die

Hintertreppe hinunter. Jetzt wandte sich die Aufmerksamkeit aller

natürlich dem vordern Teil des Hauses zu, und so zählte er darauf, daß

er niemand begegnen würde. Er hatte sich nicht verrechnet. Während er

sich durch den Hinterhof entfernte, stürzte vorn Frau Pratt mit ihren

Dienstleuten und ein paar halbangekleideten Nachbarn in das Zimmer, wo

sie die Zwillinge bei dem Toten fanden; ihnen folgten neue Ankömmlinge

durch die Vorderthür.

Als Tom sich zitternd und bebend zum Hofthor hinauswagte, kamen eben

drei Frauenzimmer vom Hause gegenüber durch die Hintergasse gelaufen;

sie stürmten an ihm vorbei ins Thor hinein und fragten atemlos, was

denn geschehen sei, ohne jedoch die Antwort abzuwarten. »Die alten

Jungfern haben lange gebraucht, um sich anzuziehen,« sagte Tom bei

sich. Wenige Minuten später war er im Gespensterhaus. Er machte

Licht und legte die Mädchenkleider ab. Seine ganze linke Seite war

mit Blut befleckt, und die rechte Hand hatten ihm die blutgetränkten

Banknoten rot gefärbt, aber andere verräterische Spuren konnte er nicht

entdecken.

Nachdem er seine Hand am Stroh gereinigt hatte, wischte er sich den

Ruß aus dem Gesicht, dann verbrannte er sowohl die Männer- wie die

Mädchenkleider, verstreute die Asche und zog einen Anzug an, wie er

für Landstreicher paßte. Nun blies er das Licht aus, stieg die Leiter

hinunter und schlenderte bald darauf am Ufer entlang. Er wünschte

es Roxy nachzumachen und fand auch wirklich einen Kahn, mit dem er

den Fluß hinunter fuhr. Als der Morgen dämmerte, ließ er den Kahn

weitertreiben und setzte seinen Weg zu Lande fort. Im nächsten Dorfe

hielt er sich verborgen, bis ein ihm fremder Dampfer vorbeifuhr und

schiffte sich im Zwischendeck nach St. Louis ein. Erst als er glücklich

an Dawson vorüber war, atmete er freier. »Keinem Geheimpolizisten in

der ganzen Welt könnte es jetzt gelingen, meine Fährte zu finden,«

sagte er sich. »Ich habe auch nicht die leiseste Spur zurückgelassen,

die Sache ist für alle Zeiten in undurchdringliches Dunkel gehüllt;

noch nach fünfzig Jahren werden sich die Leute vergebens abmühen, das

Rätsel zu lösen.«

* * * * *

Am nächsten Morgen las er in St. Louis das folgende kurze Telegramm aus

Dawson in der Zeitung:

Querkopf Wilson · 第 10 / 13 段