Hand. Er sagte es ihm auf den Kopf zu und trieb ihn so in die Enge,
daß der Graf es eingestehen mußte. Beide Zwillinge baten uns jedoch auf
den Knieen, das Geheimnis nicht zu verraten und gelobten, sich hier
am Ort nichts zu Schulden kommen zu lassen. Es war ein so peinlicher
Auftritt, daß wir unser Ehrenwort gaben, die Sache geheim zu halten,
solange sie ihr Versprechen nicht brächen. Du hättest es auch gethan,
Onkel.«
»Da hast du ganz recht, mein Junge. Ein Geheimnis, das einem Menschen
auf solche Weise entrissen worden ist, sollte als sein Eigentum
betrachtet und heilig gehalten werden. Ich kann dich nur loben, und bin
stolz auf dich. Doch ich wollte,« fügte er traurig hinzu, »mir hätte
die Schande erspart bleiben können, einem Mörder auf dem Feld der Ehre
zu begegnen.«
»Es ließ sich nicht ändern, Onkel. Hätte ich gewußt, daß du ihn fordern
wolltest, so würde ich es für meine Pflicht gehalten haben, mein
gegebenes Wort zu brechen, um das Duell zu verhindern. Aber Wilson
konnte man es füglich nicht zumuten, daß er reden sollte.«
»Nein; Wilson hat ganz recht gethan, ich mache ihm durchaus keinen
Vorwurf. Tom, Tom, du nimmst mir eine Last von der Seele; es hat mich
im tiefsten Innern geschmerzt, als ich entdeckt zu haben meinte, daß
ein Glied meiner Familie sich als Feigling erwies.«
»Du kannst dir denken, wie viel es mich gekostet hat, diese Rolle zu
spielen.«
»Jawohl, mein armer Junge. Und wie schwer muß es dir geworden sein, die
ganze Zeit lang unter einem so ungerechten Verdacht zu stehen. Aber
jetzt ist alles wieder gut und der Schaden geheilt. Du hast mir meine
Gemütsruhe zurückgegeben und die deinige wiedergewonnen, wir hatten
beide genug gelitten.«
Der alte Mann versank eine Weile in tiefe Gedanken; als er aufblickte,
lag ein Ausdruck der Befriedigung in seinen Zügen. »Daß der Mörder
mir den Schimpf angethan hat, sich mir auf dem Felde der Ehre
gegenüberzustellen, als sei er meinesgleichen, ist eine Sache, die noch
ins Reine gebracht werden muß, aber nicht jetzt. Erst nach dem Wahltag
will ich Abrechnung mit ihm halten. Ich weiß ein Mittel, wie ich die
Brüder schon vorher zu Grunde richten kann, und das will ich zuerst
anwenden. Keiner von beiden soll gewählt werden, dafür bürge ich. Ist
auch sicher noch nichts davon an die Oeffentlichkeit gedrungen, daß er
ein Mörder ist?«
»Nein -- ich weiß es ganz gewiß.«
»Diese Karte behalte ich also einstweilen in der Hand. Am Wahltag werde
ich eine Andeutung von der Rednerbühne fallen lassen, daß ihnen der
Boden unter den Füßen brennen soll.«
»Das wird ihnen den Garaus machen.«
»Ja, aber daneben müssen auch die Wähler gehörig bearbeitet werden.
Sobald die Zeit kommt, solltest du das bei dem Volk unter der Hand
besorgen. Du kannst dabei etwas draufgehen lassen, ich werde dich mit
Geld versehen.«
Eine neue Aussicht über die verhaßten Zwillinge zu siegen! Wahrlich, es
war ein Glückstag für Tom. Er bekam Lust, noch einen letzten Pfeil nach
demselben Ziel abzuschießen.
»Du hast doch von dem wunderbaren indischen Messer gehört, Onkel, über
das die Zwillinge solchen Lärm gemacht haben? Weißt du -- bis jetzt hat
sich auch nicht die geringste Spur davon entdeckt. Man munkelt bereits
allerlei in der Stadt, und die Leute schwatzen und lachen darüber
ohne Ende. Einige glauben, daß es überhaupt nie ein solches Messer
gegeben hat, und andere meinen, die Zwillinge hätten das Dolchmesser
besessen und besäßen es noch. Ich habe das heute wenigstens von zwanzig
verschiedenen Seiten gehört.«
Also, wie gesagt, die Thatsache läßt sich nicht leugnen: Tom stand am
Schluß der Woche, nach seiner tadellosen Aufführung wieder in hoher
Gunst bei dem Onkel und der Tante.
Auch seine Mutter war mit ihm zufrieden. Im stillen dachte sie sogar,
daß sie anfinge, ihn lieb zu haben, aber das sagte sie nicht laut. Sie
befahl ihm jetzt nach St. Louis zu gehen, wohin sie ihm auf dem Fuße
folgen werde. Zuletzt zerschlug sie ihre Branntweinflasche und sagte:
»Da siehst du’s selbst! Deine Mammy will dir kein böses Beispiel geben,
sie wird schon sorgen, daß du nicht vom geraden Weg abkommst. Du darfst
nicht wieder in schlechte Gesellschaft geraten, hab’ ich gesagt;
deshalb bleibst du in _meiner_ Gesellschaft, da bist du am besten
aufgehoben. Nun mach’, daß du zum Thor hinauskommst!«
Noch am selben Abend begab sich Tom an Bord eines vorüberfahrenden
Dampfboots und nahm seinen schweren Reisesack voll gestohlener Sachen
mit. Er schlief den Schlaf der Ungerechten, der oft ruhiger und
fester ist als die andere Sorte; das wissen wir aus der Geschichte
der Henkersnacht von Millionen Spitzbuben. Aber, als er am Morgen
aufwachte, war ihm das Glück untreu geworden. Ein zweiter Dieb hatte
ihm, während er schlief, seinen Raub wieder abgenommen und war damit
auf einer Zwischenstation ans Land gegangen.
Siebenzehntes Kapitel.
Als Roxana in St. Louis ankam, fand sie ihren Sohn so voller Jammer und
Verzweiflung, daß es ihr zu Herzen ging und alle mütterlichen Gefühle
sich mächtig in ihr regten. Er war jetzt gänzlich zu Grunde gerichtet,
nichts konnte ihn vom drohenden Untergang retten. Mehr braucht eine
Mutter nicht, um ihr Kind zu lieben. Doch Tom schrak zurück vor den
Beweisen ihrer Zärtlichkeit. Sie war eine Negerin, und es erhöhte nur
noch seine Abneigung gegen die verachtete Rasse, daß er ihr selber
angehörte.
Roxana überhäufte ihn nach Herzenslust mit Liebkosungen, wobei er sich
sehr unbehaglich fühlte. Ihre Versuche, ihn zu trösten, waren alle
vergebens. Bald wurden ihm ihre Vertraulichkeiten so unerträglich,
daß er sich schon aufraffen wollte, um zu verlangen, sie solle sich
in ihren Gefühlsäußerungen beschränken oder sie ganz unterdrücken.
Aber er hatte Angst vor ihr und war froh, als sie jetzt von selbst
mit den Liebesbezeugungen aufhörte und nachzudenken begann, um einen
Rettungsplan zu finden. Nach einer Weile stand sie plötzlich auf und
sagte zu Toms unaussprechlicher Freude, sie wisse jetzt einen Ausweg.
»Hör’ meinen Plan -- der gelingt, du sollst’s sehen. Daß ich ’ne
Negerin bin, merkt jeder, wenn ich spreche. Ich bin sechshundert
Dollars wert. Nimm mich, verkauf’ mich und zahl’ deine Spielschulden.«
Tom riß die Augen weit auf, er glaubte nicht recht gehört zu haben.
Eine Weile war er wie betäubt, dann sagte er:
»Willst du dich als Sklavin verkaufen lassen, um mich zu retten?«
»Bist du nicht mein Sohn? Alles thut ’ne Mutter für ihr Kind. Es giebt
nichts, was ’ne weiße Mutter nicht für ihr Kind thäte. Wie kommt
das? Uns’ Herrgott hat sie so geschaffen. Und wie steht’s mit ’ner
Negermutter? Die hat der liebe Gott auch gemacht. Inwendig sind alle
Mütter gleich. -- Ich laß mich als Sklavin verkaufen, und nach’m Jahr
zahlst du’s Lösegeld für deine alte Mammy. Wie du’s machen sollst,
sag’ ich dir noch. -- Das ist mein Plan.«
Tom schöpfte neue Hoffnung, sein Kleinmut war gewichen.
»Mammy,« sagte er, »das ist wirklich zu lieb von dir --
offengestanden --«
»Sag’s noch ’mal, sag’s immer zu! Kann’s einen größeren Lohn auf Erden
geben -- nein, ’s ist übergenug. Ach Gottchen, wenn ich fort bin von
hier, und ich mich abrackere, und sie mich schimpfen und schlagen, dann
denk’ ich, daß du das irgendwo sagst, und dann halt’ ich’s schon aus.«
»Schon recht. Ich will’s noch einmal sagen und nicht aufhören, es zu
wiederholen, Mammy. Aber, wie kann ich dich verkaufen? Du bist ja
freigelassen.«
»Ach, das schadet nichts. Die Weißen nehmen’s nicht so genau. Setz’ nur
einen Zettel auf, weißt du, so ’ne Verkaufsanzeige -- und schick’ ihn
weit ins Innere, irgendwo nach Kentucky, unterzeichne ein paar Namen,
und schreib’, du hättest Geld nötig und wolltest mich billig hergeben.
Du sollst sehen, ’s geht ganz von selbst. Fahr’ mit mir ein Stück ins
Land hinein und bring’ mich auf’n Pachtgut. Dort fragen die Leute nicht
erst viel hin und her, wenn sie ’nen guten Handel machen können.«
Tom fälschte einen Kaufbrief und kam mit einem Baumwollpflanzer aus
Arkansas überein, daß er ihm etwas mehr als sechshundert Dollars zahlen
sollte. Für den Preis verkaufte er seine Mutter. Hätte diese gewußt,
daß sie flußabwärts, in einen der gefürchteten Sklavenstaaten verkauft
werden sollte, dann würde sie gewiß nicht eingewilligt haben. Es war
nicht Toms Absicht gewesen, solchen Verrat zu begehen; aber der Zufall
hatte ihm den Mann in den Weg geführt, und so brauchte er nicht erst
lange im Lande herumzufahren, um einen Käufer zu suchen, der vielleicht
erst allerlei Erkundigungen eingezogen hätte. Der Pflanzer vom Süden
dagegen sparte sich alle Fragen, denn Roxy gefiel ihm ausnehmend; auch
versicherte er Tom, sie solle zuerst gar nichts davon merken, wohin
sie geraten sei. Entdeckte sie es dann auch später, so hätte sie sich
schon eingelebt und würde sich zufrieden geben. Tom beschwichtigte
seine etwaigen Bedenken mit dem Vorwande, daß es doch für Roxy von
ungeheuerm Vorteil sei, einen Herrn zu bekommen, der so großes Gefallen
an ihr fände, wie der Pflanzer, und es dauerte nicht lange, so hatte er
sich halb und halb eingeredet, er thäte Roxy einen heimlichen Dienst
damit, daß er sie ›flußabwärts‹ verkaufte. »Es ist ja nur auf ein
Jahr,« sagte er sich immer wieder. »In einem Jahr schicke ich ihr das
Lösegeld, bei diesem Gedanken wird sie sich beruhigen.« Was konnte der
kleine Betrug denn eigentlich schaden? Schließlich würde die Sache doch
ein für alle Teile befriedigendes Ende nehmen.
Auf beiderseitiges Uebereinkommen war in Roxys Gegenwart nur immer
von des Käufers Pachtgut im _Norden_ die Rede, das so freundlich
gelegen sei, und wo sich die Sklaven so wohl befänden. Die arme Roxy
wurde auf diese Weise gänzlich getäuscht; es fiel ihr auch nicht im
Traum ein, daß ihr Sohn solche Tücke gegen eine Mutter üben könnte,
die sich freiwillig ihm zuliebe in die Sklaverei begab. Welcher Art
diese Sklaverei auch sein mochte, ob leicht oder schwer, ob von kurzer
oder langer Dauer -- jedenfalls brachte sie ein ungeheures Opfer. Mit
tausend Thränen und Liebkosungen nahm sie unter vier Augen Abschied von
Tom und folgte dann ihrem künftigen Gebieter, zwar schweren Herzens,
aber doch stolz auf das, was sie that, und froh, daß sie im stande war,
es zu vollbringen.
Tom befriedigte seine Gläubiger und beschloß, sich streng an die
Vorschriften zu halten, die ihm zur Richtschnur für seine Besserung
dienten, damit er sich nie wieder der Gefahr aussetzte, enterbt zu
werden. Dreihundert Dollars behielt er noch übrig; der Plan seiner
Mutter ging dahin, daß er diese Summe sicher verwahren und regelmäßig
die Hälfte seines Monatsgeldes dazu thun sollte. Mit dem so gewonnenen
Kapital konnte er ihr nach einem Jahr die Freiheit zurückkaufen.
Eine ganze Woche lang fand er keinen ruhigen Schlaf, weil die
Niederträchtigkeit, die er gegen seine ahnungslose Mutter begangen
hatte, auf dem erbärmlichen Rest seines Gewissens lastete; dann aber
begann er sich wieder behaglich zu fühlen und konnte bald so gut
schlafen, wie andere Uebelthäter auch.
Als das Boot eines Abends mit Roxy von St. Louis abfuhr, stand sie an
dem untern Geländer hinter dem Radkasten. Die Thränen trübten ihren
Blick, doch sie schaute nach Tom aus, bis er unter der Menge am Ufer
verschwand; dann sah sie nicht mehr ins Weite, sondern setzte sich auf
eine Rolle Tauwerk und schluchzte bis tief in die Nacht hinein. Ohne
Zweifel würde sie sonst gemerkt haben, daß sie nicht den Strom aufwärts
fuhr. Hatte sie doch jahrelang auf einem Dampfboot in Dienst gestanden
-- wie wäre ihr das entgangen? Als sie endlich nach der schmutzigen
Koje im Zwischendeck hinunterging, die neben der klappernden Maschine
lag, konnte sie nicht schlafen, sondern wartete nur bekümmerten
Herzens auf den dämmernden Morgen.
Sobald es hell wurde, stand sie auf und nahm teilnahmlos oben wieder
auf dem Tauwerk Platz. Die Wellen brachen sich an manchem Baumstamm im
Fluß und die Strömung, die in derselben Richtung ging wie das Boot,
hätte ihr leicht eine Thatsache verraten können, die sie mit Schauder
erfüllen mußte, doch sie gab nicht acht darauf, weil ihr zu viel
andere Dinge im Sinn lagen. Endlich aber weckte eine stärkere Brandung
in nächster Nähe sie aus ihrer Versunkenheit; sie sah empor, und ihr
geübtes Auge erkannte sogleich, nach welcher Seite die Flut trieb.
Einen Moment starrte sie wie versteinert in den Strom hinaus, dann ließ
sie den Kopf auf die Brust sinken und stöhnte laut:
»O, du grundgütiger Gott im Himmel, erbarm’ dich meiner armen Seele --
_ich bin flußabwärts verkauft_!«
Achtzehntes Kapitel.
Die langen Sommerwochen schlichen träge dahin, dann aber begann
eine politische Wahlschlacht, die mit großem Eifer eröffnet wurde,
und bei der die Gemüter sich mehr und mehr erhitzten. Die Zwillinge
stürzten sich über Hals und Kopf hinein, denn ihre Eigenliebe kam mit
ins Spiel. Auf die maßlose Gunst, die man ihnen zu Anfang von allen
Seiten entgegengebracht hatte, war ein sehr natürlicher Rückschlag
erfolgt. Außerdem aber fing man an sich hier und da zuzuflüstern,
es sei doch höchst seltsam, daß ihr wunderbares Dolchmesser nicht
wieder zum Vorschein komme. -- Ob es wirklich so wertvoll sei? --
Ob es denn überhaupt je vorhanden gewesen? -- Dabei blinzelten die
Leute einander verständnisvoll zu, kicherten und stießen sich mit den
Ellbogen -- lauter Dinge, die ihren Einfluß auf das große Publikum
nicht verfehlten. Die Zwillinge waren der Ansicht, daß ein günstiges
Wahlergebnis sie wieder zu Ehren bringen, eine Niederlage ihnen dagegen
einen Schaden zufügen werde, der nicht wieder gut zu machen sei.
Deshalb strengten sie alle ihre Kräfte an, aber der Richter Driscoll
und Tom arbeiteten ihnen mit ebenso großem Eifer entgegen, besonders
während der letzten Tage vor der Abstimmung. Tom hatte sich zwei Monate
lang so musterhaft betragen, daß sein Onkel ihm jetzt nicht nur Geld
anvertraute, um den Wählern die richtige Ueberzeugung beizubringen,
sondern er gestattete ihm jetzt sogar, sich die Summen selbst aus dem
eisernen Schrank im Studierzimmer herauszunehmen.
Richter Driscoll hielt die Schlußrede in dem ganzen Wahlfeldzug und
trat dabei als Widersacher der beiden Fremden auf. Die Wirkung, die
er erzielte, war geradezu vernichtend. Er strömte ganze Fluten von
Hohn und Spott über sie aus und zwang die große Massenversammlung zu
lautem Gelächter und Beifallsklatschen. Nachdem er ihre glänzenden
Titel erbarmungslos der Lächerlichkeit preisgegeben hatte, nannte
er sie Abenteurer, Marktschreier, Helden der Schaubude, verkleidete
Barbiergesellen, herumziehende Leierkastenmänner, denen ihr Affe
abhanden gekommen sei, und Hausierer, die sich als vornehme Herren
aufspielten. Zuletzt machte er eine Pause; er schwieg ganz still, bis
die Zuhörer vor Erwartung den Atem anhielten, und schoß dann seinen
tödlichsten Pfeil ab. Er that es mit eisiger Ruhe und legte auf die
letzten Worte noch einen ganz besonderen Nachdruck. Die ausgeschriebene
Belohnung für das verlorene Dolchmesser, sagte er, sei nichts als
Schwindel und leeres Gewäsch, der Eigentümer würde schon wissen, wo
es zu finden wäre, sobald er nur einmal Veranlassung hätte, _einen
Menschen umzubringen_.
Damit stieg Driscoll von der Rednerbühne herab, aber nicht unter dem
gewöhnlichen Zuruf und Beifallklatschen seiner Partei. Eine dumpfe,
lautlose Stille herrschte in der erstaunten Versammlung.
Die seltsame Schlußbemerkung des Richters verbreitete sich wie ein
Lauffeuer durch die ganze Stadt und erregte das ungeheuerste Aufsehen.
Jeder fragte, was sie wohl zu bedeuten habe, aber man fragte und
verwunderte sich vergeblich. Driscoll äußerte zwar, er wisse, wovon er
rede, erklärte sich aber nicht deutlicher. Tom versicherte, er habe
keine Ahnung, was seines Onkels Worte heißen sollten, und so oft man
Wilson um seine Ansicht fragte, half er sich damit, daß er den Spieß
umkehrte und den Frager bat, ihm doch _seine_ Meinung darüber zu sagen.
Wilsons Wahl ging durch, aber die Zwillinge erlitten eine gänzliche
Niederlage; sie sahen sich von aller Welt verlassen, und kein Mensch
nahm sich mehr ihrer an. Tom konnte nun hochbeglückt nach St. Louis
zurückkehren.
In Dawson war man infolge dieser Ereignisse sehr der Ruhe bedürftig und
eine Woche lang blieb auch alles still. Doch herrschte immerhin eine
gewisse Aufregung in den Gemütern, denn Gerüchte von einem neuen Duell
schwirrten durch die Luft. Der alte Driscoll hatte sich während der
Wahlbewegung überanstrengt, aber man versicherte, sobald er wieder wohl
genug sei, werde ihm Graf Luigi eine Herausforderung schicken.
Die Brüder zogen sich ganz von allem Verkehr zurück und grämten sich
in der Stille über ihre Demütigung. Sie vermieden es sorgfältig, den
Leuten zu begegnen und gingen nur spät abends aus, um frische Luft zu
schöpfen, wenn es leer und einsam auf den Straßen war.
Neunzehntes Kapitel.
Am Freitag nach der Wahl war Regenwetter in St. Louis. Es strömte
vom Morgen bis zum Abend, was nur vom Himmel herunter wollte, gerade
als hätte der Regen sich vorgenommen, die rußgeschwärzte Stadt weiß
zu waschen, was ihm freilich nicht gelang. Gegen Mitternacht kam Tom
Driscoll bei dem stärksten Guß aus dem Theater nach seiner Wohnung
zurück; er machte seinen Schirm zu, um die Hausthür zu öffnen, als
er sie aber hinter sich schließen wollte, merkte er, daß noch jemand
eintrat, vermutlich ein anderer Mieter. Der Unbekannte machte die Thür
zu und stieg nach ihm die Treppe hinauf. Als Tom seine Stubenthür im
Dunkeln gefunden hatte, zündete er drinnen das Gas an, pfiff leise
eine Melodie vor sich hin und drehte sich gemächlich um. Da sah er
einen Mann, der ihm den Rücken zukehrte und eben die Thür hinter ihm
abschloß; Tom hörte auf zu pfeifen, ihm ward unbehaglich zu Mute. Jetzt
wandte sich der Mann zu ihm hin, seine alten schäbigen Kleider waren
ganz durchweicht und trieften vom Regen, unter seinem abgetragenen
Schlapphut starrte ein schwarzes Gesicht hervor. Tom geriet in
entsetzliche Angst, er wollte den Eindringling hinausjagen, aber er
konnte kein Glied rühren, die Worte blieben ihm in der Kehle stecken
und der andere kam ihm zuvor.
»Mach’ keinen Lärm,« sagte er mit unterdrückter Stimme, »ich bin deine
Mutter.«
Wie vom Blitz getroffen sank Tom auf einen Stuhl.
»Es war schändlich von mir und niederträchtig,« stieß er keuchend
hervor, »aber ich glaubte, daß es so am besten wäre -- gewiß und
wahrhaftig.«
Roxana stand eine Weile regungslos da und sah stumm auf ihn herab,
während er, sich vor Scham windend, bald unzusammenhängende
Selbstanklagen murmelte, bald jammervolle Versuche anstellte, sein
Verbrechen zu erklären und zu beschönigen. Dann setzte sie sich und
nahm den Hut ab, so daß ihr langes braunes Haar ihr in dichten, wirren
Strähnen über die Schultern fiel.
»Dein Verdienst ist’s nicht, wenn mein Haar nicht grau geworden ist,«
sagte sie klagend.
»Ich weiß es, o, ich weiß es -- ich bin ein Schurke. Aber ich hielt es
für das beste, das schwöre ich. Es war ein Irrtum, aber wirklich, ich
dachte, ich könnte nichts besseres thun.«
Roxy begann leise vor sich hin zu weinen und zu schluchzen, dazwischen
stieß sie auch Worte aus, aber sie klangen wie Jammerlaute, nicht wie
ein zorniger Vorwurf.
»’Nen Menschen nach’m Süden verkaufen -- _flußabwärts_ -- das beste!
-- Keinem Hund thät’ ich’s an. Ganz gebrochen und abgemergelt bin ich
-- ich kann nicht mal mehr wütend werden, wie früher, wenn man mich
geschimpft hat und mit Füßen getreten. Wie’s kommt, weiß ich nicht --
mir fehlt scheint’s die Kraft. Kummer liegt mir jetzt näher als Zorn,
ich hab’ zu viel auszustehen gehabt das wird’s wohl sein.«
Ihre Klagen hätten Tom zu Herzen gehen müssen, aber, wenn das der Fall
war, so wurde seine Rührung von einem stärkeren Gefühl verschlungen.
Die entsetzliche Angst, die auf ihm gelastet hatte, war gewichen,
sein gebrochener Mut begann sich neu zu beleben, und seine niedrige
Seele atmete auf wie erlöst. Doch schwieg er wohlweislich still und
wagte nicht die leiseste Aeußerung zu thun. Eine Weile ward kein Wort
gesprochen, man hörte nur, wie draußen der Regen an die Scheiben
klatschte, wie der Wind heulte und stöhnte; ab und zu ließ Roxana ein
leises Schluchzen hören, das immer seltener wurde und zuletzt ganz
verstummte. Dann begann sie wieder zu reden:
»Das Licht ist zu hell. Mach’ es dunkler. Immer noch mehr. Wer verfolgt
wird, mag kein Licht leiden. So ist’s genug, ich brauch’ nur zu sehen,
wo du bist. Jetzt erzähl’ ich, wie mir’s ergangen ist -- ich mach’s so
kurz ich kann -- und dann werd’ ich dir sagen, was du thun sollst. --
Der Mann, der mich gekauft hat, war nicht schlecht für ’nen Pflanzer.
Hätt’ er seinen Willen haben können, so wär’ ich ’ne Haussklavin in
der Familie gewesen und hätt’s gut gehabt. Aber seine Frau war vom
Norden und gar nicht hübsch; sie konnt’ mich von vornherein nicht
leiden, und so wurd’ ich ins Sklavenquartier geschickt und mußt’ auf
dem Feld arbeiten. Aber dem Weib war auch das nicht genug in ihrer
schändlichen Eifersucht; sie steckt sich hinter den Aufseher, und der
holt mich ’raus, eh’ noch der Morgen graut, läßt mich den ganzen Tag
schaffen, bis es dunkel wird und giebt mir seine Peitsche zu kosten, so
oft ich’s nicht den Stärksten gleichthu’. Er kam auch aus dem Norden,
aus Neuengland, und was das heißen will, weiß jeder Sklave im Süden.
Die verstehen’s, wie man ’nen Neger zu Tode quält und ihm den Rücken
blutig schlägt, daß die Striemen fingerdick aufschwellen. Zuerst legte
der Massa noch ein gutes Wort ein für mich beim Aufseher, aber da ging
mir’s schlecht -- das Weib kam dahinter, und nun setzt’ es Hiebe, wo
ich ging und stand -- ohne Gnad’ und Barmherzigkeit.«
In Toms Innern kochte es vor Wut -- gegen das Weib des Pflanzers. »Der
Henker hole die verdammte Närrin,« fluchte er heimlich, »hätte sie sich
nicht eingemischt, wäre alles gut gegangen.«
Der Ingrimm stand ihm im Gesicht geschrieben, und ein Blitz, der in
diesem Augenblick das düstere Zimmer taghell erleuchtete, ließ Roxana
in seinen Zügen lesen. Sie freute sich darüber, denn bewies dieser
Ausdruck nicht, daß ihr Kind das Leiden der Mutter mit empfand und ihre
Peiniger verwünschte? -- und daran hatte sie stark gezweifelt. Aber der
helle Freudenschein verschwand ebenso schnell, wie er gekommen war und
es ward dunkel in ihr. »Er hat mich flußabwärts verkauft,« sagte sie
sich, »sein Mitleid verfliegt wie Spreu, es hat keinen Bestand.«
Dann nahm sie ihren Bericht wieder auf: