Er fand diesen Einfall höchst lächerlich und begann nun alle

Einzelheiten seines Gesprächs mit dem Richter zu erzählen, auch wie

entsetzt und außer sich der Alte gewesen war, daß ein Glied seiner

Familie so feige sein könne. Beim Schluß des Berichts blickte er zu

Roxana auf und bekam keinen geringen Schrecken, als er sah, wie sie in

leidenschaftlicher Erregung mit fliegendem Atem dastand, während ein

Ausdruck bodenloser Verachtung in ihren finstern Mienen lag.

»Der Mann hat dir ’nen Fußtritt gegeben, und du hast dich geweigert,

mit ihm zu kämpfen, statt heilfroh zu sein über die Gelegenheit? Und

du schämst dich gar nicht, vor mich hinzutreten und mir zu sagen, was

ich für ’nen jammervollen erbärmlichen Furchthasen in die Welt gesetzt

hab’? Mir wird übel und weh davon. Es muß der Nigger sein, der in dir

steckt. Du bist über und über weiß, bis auf ein einziges, winziges

Stückchen, aber dies winzige schwarze Teilchen ist deine _Seele_. Die

ist keinen Pfifferling wert, man thäte ihr noch zu viel Ehre an, wenn

man sie mit ’ner Schaufel auf den Kehricht würfe. Du schändest deine

Geburt. Was würde dein Vater von dir denken -- er muß sich ja im Grabe

’rumdrehn.«

Die letzten Worte machten Tom rasend vor Wut. Er sagte sich, daß wenn

sein Vater noch am Leben wäre und ein Mordstahl ihn erreichen könnte,

er seiner Mutter schon beweisen wollte, wie genau er wisse, was er dem

Mann schuldig sei und wie gern er ihm alles heimzahlen würde, selbst

auf Gefahr seines Lebens. Doch hielt er es bei Roxys augenblicklicher

Stimmung für geraten, solche Gedanken nicht laut werden zu lassen.

»Was du mit deinem Essex-Blut gemacht hast, ist mir ein Rätsel. Aber

das ist nicht etwa das einzige, edle Blut in dir. Mein Urururgroßvater

und dein Ururururgroßvater war der alte Kapitän John Smith, der

vornehmste Mann, den Altvirginien je gesehen hat. Seine Urahne aber

aus ältester Zeit war Pocahontas, die Indianer-Königin, und ihr Mann

war ein Negerkönig drunten in Afrika. Und bei solcher Abkunft stehst

du da, fürchtest dich vor ’nem Zweikampf und entehrst deinen ganzen

Stamm, als wärst du ’n elender gemeiner Hund. Ja, ja, das kommt von dem

Nigger, der in dir steckt.«

Sie nahm auf ihrer Kiste Platz und versank in tiefes Sinnen. Tom saß

schweigend dabei und störte sie nicht; wenn es ihm auch manchmal an der

nötigen Klugheit fehlte, so doch nicht unter solchen Umständen. Der

Sturm in Roxanas Innern war schwer zu beruhigen, doch legte er sich

allmählich, nur von Zeit zu Zeit machte sie sich noch in einem Ausruf

Luft, der dem fernen Grollen des Donners glich. »Nicht einmal an den

Fingernägeln sieht man ihm den Neger an,« murmelte sie, »und da zeigt

sich’s doch immer am ersten -- nur seine Seele ist schwarz gefärbt!«

Zuletzt wurde sie ganz still, und Tom nahm mit Vergnügen wahr, daß

sich ihre Miene aufheiterte. Er kannte ihre verschiedenen Stimmungen

genau genug, um zu wissen, daß sie nun bald wieder bei guter Laune sein

würde. Zugleich fiel ihm auf, daß sie von Zeit zu Zeit mit dem Finger

unwillkürlich ihre Nase berührte.

»Aber Mammy,« sagte er, sie näher betrachtend, »von deiner Nasenspitze

ist ja die Haut herunter, wie geht das zu?«

Sie brach in ein schallendes Gelächter aus. Ein solches Lachen aus

vollem, ungeteiltem Herzen ist eine Himmelsgabe, wie sie Gott niemand

verliehen hat, außer den heiligen Engeln droben, und den armen,

gequälten und zerschlagenen schwarzen Sklaven auf Erden.

»Das kommt von dem Duell,« rief sie, »ich hab’ mitgethan.«

»Was? Hat dich etwa eine Kugel gestreift?«

»Jawohl, das will ich meinen.«

»Ist es möglich! Aber wie konnte das geschehen?«

»Ganz einfach. Ich sitze hier im Dunkeln und bin etwas eingenickt.

Auf einmal -- bumbum -- knallt ein Schuß ganz in der Nähe. Da laufe

ich nach der andern Seite, um zu sehen, was los ist, und stelle mich

an das alte Fenster ohne Rahmen, das nach Querkopf Wilsons Haus

geht -- bei mir oben war’s dunkel, aber unten im hellen Mondschein

steht einer von den Zwillingen -- der braune war’s -- und flucht

ganz leise vor sich hin, die Kugel war ihm nämlich in die Schulter

gedrungen. Doktor Claypool hatte ihn eben in der Mache und Querkopf

Wilson half ihm dabei. Ein paar Schritte weiter aber stand der alte

Richter Driscoll mit Pem Howard, die warteten, bis die andern fertig

waren. Gleich darauf gaben sie das Zeichen, und -- bums -- gingen die

Pistolen wieder los. ›Auweh!‹ rief der Zwilling, er war an der Hand

getroffen, die Kugel aber flog in den Holzstoß unterm Fenster -- ich

hab’s gehört. Beim dritten Schuß rief der Zwilling wieder Auweh! und

ich mußt’ es ihm nachmachen. Die Kugel traf ihn am Backenknochen, kam

hier heraufgehopst, prallte am Fenster ab, fuhr mir quer übers Gesicht

und streifte mir die Haut von der Nasenspitze. Wär’ ich nur ’nen Zoll

näher gewesen, sie hätt’ mir die ganze Nase mitgenommen und mich

verunstaltet. Hier ist die Kugel, ich hab’ sie gesucht und gefunden.«

»Bist du gar nicht vom Fenster fortgegangen?«

»So ’ne dumme Frage! Natürlich nicht. Bekommt man etwa alle Tage ein

Duell zu sehen?«

»Du warst ja aber gerade in der Schußlinie. Hast du denn keine Furcht

gehabt?«

Roxy lachte verächtlich.

»Furcht! Die Smith-Pocahontas fürchten nichts, und Kugeln erst gar

nicht.«

»An Mut fehlt’s ihnen nicht, scheint mir, aber an Vorsicht desto mehr.

Ich wäre da nicht stehen geblieben.«

»Das glaub’ ich dir gern.«

»Ist denn sonst niemand verletzt?«

»Du hörst ja, es hat uns alle getroffen, außer dem Doktor, dem blonden

Zwilling und den Sekundanten. Richter Driscoll ist nicht verwundet,

aber ich hörte Querkopf sagen, die Kugel habe ihm ’nen Büschel Haare

weggerissen.«

»O Jammer,« dachte Tom bei sich, »wie leicht hätte aller meiner Not

ein Ende gemacht werden können. Nun er am Leben geblieben ist, wird er

noch alles herausbekommen und mich an den ersten besten Sklavenhändler

verkaufen -- er würde sich gewiß nicht lange besinnen.« Zu Roxana

gewandt, fuhr er in dumpfer Verzweiflung fort:

»Mutter, wir sind in einer furchtbaren Klemme.«

»Aber Kind,« rief sie mit stockendem Atem, »was erschreckst du mich

denn so? Ist etwa ein Unglück geschehen?«

»Ja -- etwas habe ich dir noch gar nicht gesagt: Als ich mich nicht mit

dem Grafen schießen wollte, hat der Alte das Testament wieder zerrissen

und --«

Roxana wurde leichenblaß. »Nun ist es vorbei mit dir -- auf immer und

ewig. Das ist das Ende vom Lied. Wir müssen beide Hungers sterben.«

»So warte doch nur und laß mich ausreden. Als er sich zu dem Duell

entschlossen hatte, fiel ihm ein, daß er mir nicht mehr vergeben könne,

falls es ihm das Leben kostete. So schrieb er denn sein Testament noch

einmal -- ich habe es gesehen, es ist ganz in Ordnung. Aber --«

»Dem Herrgott sei Dank, dann sind wir gerettet und alles ist wieder

gut. Was brauchst du aber herzukommen und mir solchen Schrecken

einzujagen, wenn --«

»So unterbrich mich doch nicht immer! -- Mit der Beute von neulich kann

ich meine Schulden kaum zur Hälfte decken, und wenn die Gläubiger nicht

warten wollen -- nun, du weißt ja, was dann geschieht.«

Roxana stützte das Kinn in die Hand und befahl ihrem Sohn zu schweigen,

damit sie sich die Sache ruhig überlegen könne. Nach einer Weile sagte

sie mit Nachdruck:

»Du mußt jetzt gewaltig auf deiner Hut sein, hörst du wohl. Er ist noch

am Leben, und giebst du ihm den geringsten Grund zur Unzufriedenheit,

so zerreißt er das Testament wieder und ’s ist zum letztenmal. Drum

mußt du dich in den nächsten Tagen von deiner besten Seite zeigen, du

mußt furchtbar brav sein und alles thun, damit er wieder Vertrauen zu

dir faßt. Auch bei der alten Tante Pratt mußt du dich einschmeicheln --

sie meint es nur zu gut mit dir, und der Richter hält große Stücke auf

sie. Ist das geschehen, so gehst du nach St. Louis, damit du ihre Gunst

nicht wieder verlierst. Dort machst du ’nen Vertrag mit den Gläubigern.

Du sagst ihnen, der Alte wird nicht lange mehr leben -- das ist ja auch

wahr -- und du wirst ihnen Zinsen zahlen, hohe Zinsen -- zehn pro --

wie nennt man’s doch?«

»Zehn Prozent den Monat?«

»Das ist’s. Nun verkaufst du deine Beute, ganz wenig auf einmal und

bezahlst damit die Zinsen. Wie lange wird das reichen?«

»Ich glaube, es wird genug sein, um die Zinsen fünf oder sechs Monate

lang zu zahlen.«

»Dann läßt sich’s machen. Stirbt er auch nicht in sechs Monaten, das

thut nichts zur Sache. Die Vorsehung wird schon weiter sorgen. Es kann

alles gut gehen, wenn du dich ordentlich aufführst. Und daß du auf

geradem Wege bleibst,« fuhr sie fort, ihn mit strengem Blick musternd,

»dafür werd’ ich sorgen.«

Er lachte und meinte, er würde es versuchen und sich alle Mühe geben.

Aber das genügte ihr nicht.

»Von versuchen ist keine Rede mehr,« sagte sie mit ernster Stimme,

»hier handelt’s sich um _thun_. Du stiehlst keine Stecknadel wieder,

weil das jetzt gefährlich ist, auch gehst du mir nie mehr in schlechte

Gesellschaft -- nicht ein einziges Mal, hörst du wohl? Du trinkst auch

keinen Tropfen mehr und rührst keine Karte wieder an. Das alles sollst

du nicht _versuchen_, sondern wirklich _thun_. Und damit ich weiß, daß

es geschieht, geh’ ich auch nach St. Louis. Du kommst dort jeden Tag

zu mir, daß ich sehen kann, wie’s um dich steht. Thust du aber nicht

alles genau, wie ich’s dir sage, bist du mir auch nur ein einziges Mal

zuwider -- so geh’ ich ohne viel Federlesens in die Stadt zurück, sage

dem alten Richter, daß du ein Neger bist und ein Sklave -- und liefere

ihm _die Beweise_.« Sie hielt einen Augenblick inne, um den Eindruck

ihrer Worte zu beobachten und fragte dann: »Glaubst du auch, daß ich

thun werde, was ich sage, Schamber?«

Tom war jetzt in sehr ernster Stimmung. Aller Leichtsinn schien von ihm

gewichen, als er erwiderte:

»Ja, Mutter. Ich weiß auch, daß ich jetzt neue Saiten aufziehen und

mich ein- für allemal bessern muß. Keiner Versuchung will ich mehr

nachgeben, und in Zukunft ein anderer Mensch werden.«

»Gut, dann geh’ nach Hause und fang’ gleich damit an.«

Sechszehntes Kapitel.

So viele Aufregungen waren in dem guten Dawson noch nie vorgekommen.

Bisher hatte man friedlich geschlafen, jetzt fand man kaum Zeit, einmal

einzunicken, denn Schlag auf Schlag folgten einander die größten

Ereignisse und unerhörtesten Ueberraschungen. Freitag morgen: erstes

Auftreten wirklicher Edelleute von Geburt, großer Empfang bei Tante

Patsy Cooper und geheimnisvoller Raubzug. Freitag abend: der Erbe des

vornehmsten Bürgers der Stadt erhält in Gegenwart von vierhundert

Zuschauern einen theatralischen Fußtritt; Samstag morgen: der

jahrelang unterschätzte Querkopf Wilson erscheint als praktizierender

Rechtsanwalt vor der Oeffentlichkeit. Samstag abend: Duell zwischen dem

ersten Bürger und dem hochadligen Fremdling.

Auf das Duell waren die Leute vielleicht stolzer als auf alle übrigen

Begebenheiten zusammengenommen. Daß die Stadt der Schauplatz einer

solchen Waffenthat gewesen war, betrachtete man als die höchste Ehre.

Die beiden Kämpfer standen in den Augen ihrer Mitbürger auf dem Gipfel

des Ruhms, ihre Namen waren in aller Munde, überall ward ihr Lob

verkündet. Auch die übrigen bei dem Duell Beteiligten durften sich der

öffentlichen Anerkennung erfreuen, und Querkopf Wilson war plötzlich zu

einer hochangesehenen Persönlichkeit geworden. Als er am Samstag abend

die Kandidatur zur Bürgermeisterwahl annahm, war der Ausgang höchst

ungewiß. Am Sonntag morgen war er ein gemachter Mann und sein Erfolg

gesichert.

Die Zwillinge genossen jetzt eine begeisterte Verehrung; jedermann war

beflissen, ihnen Liebe und Freundschaft zu erweisen. Täglich wurden sie

bald in diesem, bald in jenem Hause zu Mittag und Abend eingeladen; sie

knüpften viele neue Beziehungen an und erweiterten ihren Bekanntenkreis

nach verschiedenen Seiten. Durch ihre wunderbaren musikalischen

Leistungen entzückten sie alle Welt, und manchmal gaben sie auch aus

dem reichen Vorrat ihrer ungewöhnlichen Talente etwas anderes für die

gesellige Unterhaltung zum besten, womit sie großen Eindruck machten.

Sie fühlten sich so wohl in Dawson, daß sie beschlossen, sich um das

Bürgerrecht zu bewerben, und das reizende Städtchen ihr Lebtag nicht

wieder zu verlassen. Das war der Höhepunkt des Glücks. Als sie den

Antrag stellten, erhob sich die ganze Einwohnerschaft wie ein Mann

und gab ihre Zustimmung und ihren Beifall kund. Dann schlug man den

Zwillingen vor, sich zur Aufnahme in den Gemeinderat zu melden, da eine

Neuwahl bevorstand, und als sie darauf eingingen, war die öffentliche

Meinung vollständig befriedigt.

Für Tom Driscoll waren alle diese Ereignisse eine schwere Kränkung; sie

gingen ihm tief zu Herzen und bereiteten ihm Qual und Pein. Er haßte

die Zwillinge alle beide, den einen wegen des bewußten Fußtritts und

den andern, weil er der Bruder seines Beleidigers war.

Von Zeit zu Zeit wunderten sich die Leute, daß weder von dem Dieb, noch

von dem Dolchmesser und den andern gestohlenen Sachen das geringste

verlautete; niemand vermochte Licht in das Dunkel zu bringen. Fast eine

Woche war vergangen und noch immer blieb die ärgerliche Angelegenheit

ein unlösbares Rätsel.

Am Samstag trafen sich Konstabler Blake und Querkopf Wilson auf der

Straße, und Tom Driscoll gesellte sich noch rechtzeitig zu ihnen, um

die Unterhaltung zu eröffnen.

»Sie sehen sehr angegriffen aus, Blake,« sagte er, »haben Sie irgend

einen Verdruß gehabt? Ist’s Ihnen vielleicht bei den geheimen

Polizeigeschäften nicht nach Wunsch ergangen? Man sagt, Ihre Leistungen

auf diesem Felde sollen ganz ungewöhnlich sein« -- Blake fühlte sich

sehr geschmeichelt, worauf Tom rasch hinzufügte: »für einen Polizisten

vom Lande.« Das ärgerte den Konstabler gewaltig und er gab sich keine

Mühe, es zu verbergen.

»Jawohl,« antwortete er in gereiztem Ton, »ich gelte etwas unter meinen

Berufsgenossen, trotzdem ich ein ›Polizist vom Lande‹ bin.«

»O, bitte tausendmal um Entschuldigung, das fuhr mir nur so heraus.

Ich wollte Sie eigentlich nach der alten Frau fragen, die so viele

Diebereien verübt hat und nach der Sie fahndeten; wissen Sie, die Alte

mit dem krummen Rücken, deren Sie in kürzester Frist habhaft werden

wollten. Nicht wahr, Sie haben das Weib schon eingefangen? Ich wußte

ja, daß es so kommen würde, denn leeres Prahlen ist nicht Ihre Sache.«

»Der Henker hole das alte Weib!«

»Was -- also ist sie noch nicht im Gewahrsam?«

»Nein, es war nicht menschenmöglich, sie festzunehmen, sonst hätte es

mir gelingen müssen.«

»Das thut mir wirklich leid um Ihretwillen, Blake, denn, wenn sich ein

Polizeibeamter so zuversichtlich ausspricht, und hernach -- --«

»O, seien Sie ganz außer Sorgen -- auch die Stadt braucht sich nicht zu

beunruhigen. Die Diebin entgeht mir nicht -- verlassen Sie sich darauf.

Ich kenne ihre Fährte; die Spuren, die ich gefunden habe -- --«

»Wirklich! Aber sollten Sie sich nicht doch einen alten erfahrenen

Detektiv von St. Louis kommen lassen, der Ihnen hilft, die Spuren zu

verfolgen, damit sie nicht in die Irre gehen oder -- --«

»Ich bin selber alt und erfahren genug und brauche niemandes Beistand.

Es wird keine Woche -- hm -- keinen Monat vergehen, bis ich sie habe --

das will ich beschwören.«

»Kommt Zeit, kommt Rat,« sagte Tom gelassen. »Aber sie soll ja wohl

ziemlich alt sein und alte Leute leben oft nicht so lange Zeit, wie der

vorsichtige Detektiv braucht, um alle Fäden in die Hand zu bekommen und

seine heimliche Jagd zu beginnen.«

Blake wurde rot vor Zorn über den Spott; ehe er aber eine passende

Erwiderung gefunden hatte, wandte sich Tom zu Wilson und fragte in

gleichgültigstem Tone:

»Wer hat denn die Belohnung bekommen, David?«

Wilson biß sich auf die Lippen; jetzt kam die Reihe an ihn.

»Welche Belohnung?«

»Eine war ja wohl auf den Dieb gesetzt und die andere auf das

Dolchmesser.«

»Hm,« antwortete Wilson zaudernd und in sichtlicher Verlegenheit, »ich

weiß nicht, wie es kommt, aber bis jetzt hat sich noch niemand darum

beworben.«

Tom sagte verwundert: »Das ist doch höchst merkwürdig.«

»Wenn es aber einmal der Fall ist, läßt sich’s nicht ändern,«

entgegnete Wilson etwas ärgerlich.

»Gewiß. Ich dachte nur, du hättest ein Mittel erfunden und einen neuen

Plan ausgeheckt, um die veralteten und unwirksamen Methoden der -- --«

Er unterbrach sich und fuhr zu dem Konstabler gewandt, fort: »Nicht

wahr, Blake, Sie hatten es auch so verstanden, als brauche man die

Verfolgung der alten Frau nicht weiter fortzusetzen?«

Der Konstabler war froh, daß nun jemand anders statt seiner in den

Schraubstock kam.

»Meiner Seel’,« rief er, »Wilson hat gesagt, es würden nicht drei Tage

vergehen, bis er den Dieb hätte, samt den gestohlenen Sachen, und das

ist jetzt fast eine Woche her. Damals behauptete ich gleich, kein

Dieb oder Diebsgenosse würde so dumm sein, etwas zu verkaufen oder zu

versetzen, weil er doch wissen müßte, daß der Pfandleiher sich beide

Belohnungen verschaffen könne, wenn er ihn samt seiner Beute auf die

Polizei brächte. Es war der beste Gedanke, der mir jemals gekommen ist!«

»Sie würden wohl anderer Meinung sein,« entgegnete Wilson in gereiztem

Ton, »wenn Sie meinen ganzen Plan kennten und nicht nur ein Bruchstück.«

»Je nun,« meinte Blake nachdenklich, »ich war eben von Anfang an

überzeugt, daß Sie mit den zwei Belohnungen nichts ausrichten würden,

und bisher habe ich auch recht behalten.«

»Meinetwegen -- lassen wir’s dabei, bis auf weiteres. Mein Plan hat

wenigstens ebensoviel Erfolg gehabt als Ihre eigenen Maßregeln, das

werden Sie zugeben.«

Der Konstabler hatte nicht gleich eine schlagende Antwort bei der Hand;

er räusperte sich nur unzufrieden und schwieg.

Seit jenem Abend, an dem Wilson einen Teil seiner Absichten kund

gethan, hatte sich Tom fortwährend den Kopf zerbrochen, um den ganzen

Plan zu erraten. Da ihm das nicht gelang, beschloß er der klugen

Roxana den Fall zur Entscheidung vorzulegen. Sie dachte eine Weile

nach und gab dann ihr Urteil ab. Was sie gesagt hatte, leuchtete Tom

sehr ein; jetzt aber wollte er die Probe machen und dabei Wilsons

Gesichtsausdruck beobachten.

»Daß du kein Narr bist, David,« sagte er gedankenvoll, »ist ja vor

kurzer Zeit entdeckt worden. Deshalb wird auch wohl der Plan, den

du entworfen hast, nicht gerade unsinnig sein, wenn auch Blake

anderer Meinung ist. Du brauchst ihn nicht zu verraten, aber laß

mich dir sagen, wie ich mir die Sache denke: Du hast fünfhundert

Dollars für Rückgabe des Messers und fünfhundert für den Fang des

Diebes ausgesetzt. Ich will einmal annehmen, daß die erste Belohnung

öffentlich ausgeschrieben und die zweite den Pfandleihern nur durch

einen Privatbrief mitgeteilt worden ist, dann -- --«

Blake schlug sich auf den Schenkel, daß es klatschte. »Donnerwetter,

Querkopf, so muß es sein. Er ist hinter dein Geheimnis gekommen. Warum

mir das nur nicht von selbst eingefallen ist!«

Wilson sagte sich, daß jeder Mensch, dem es nicht an Verstand fehlte,

schließlich den Plan erraten mußte. Daß Blake den Kunstgriff nicht

herausgefunden hatte, nahm ihn nicht wunder, aber Toms Scharfsinn

überraschte ihn. »Es steckt doch mehr hinter ihm als ich dachte,«

überlegte er, äußerte aber nichts dergleichen.

»Auf diese Weise,« fuhr Tom fort, »merkt es der Dieb nicht, wenn er

in die Falle läuft. Er bringt oder schickt das Dolchmesser, sagt, er

habe es billig gekauft oder auf der Straße gefunden und fordert die

Belohnung. Natürlich würde man ihn festnehmen -- nicht wahr?«

»Jawohl.«

»Ohne allen Zweifel. -- Sage einmal, Wilson, hast du das Dolchmesser je

gesehen?«

»Nein.«

»Hat irgend einer von deinen Bekannten es in Augenschein genommen?«

»Nicht daß ich wüßte.«

»Nun, dann begreife ich wohl, warum dein Plan mißglückt ist.«

»Was soll das heißen, Tom, worauf willst du hinaus?« fragte Wilson, dem

es unbehaglich zu Mute wurde.

»Ich meine, es giebt überhaupt gar kein solches Messer.«

»Meiner Treu, Wilson,« rief Blake, »ich möchte gleich tausend Dollars

wetten -- wenn ich sie hätte -- daß Tom Driscoll es getroffen hat.«

Wilson stieg das Blut zu Kopfe. War es möglich, daß die Fremden ihn

wirklich zum besten gehabt hatten? -- Der Schein sprach gegen sie, das

ließ sich nicht leugnen. Aber was sollten sie damit bezwecken? -- Er

warf diese Frage auf.

»Nun,« sagte Tom, »du selbst würdest vielleicht keinen Wert auf solche

Dinge legen, aber sie sind fremd in der Stadt und müssen sich erst die

Gunst der Leute erwerben. Muß es ihnen nicht schmeicheln, wenn sie

sich als Lieblinge eines orientalischen Fürsten aufspielen können --

ohne daß es sie was kostet? Verleiht es ihnen keine Wichtigkeit, wenn

sie hier in unserem armen Städtchen glänzende Belohnungen von tausend

Dollars ausschreiben, -- die sie nie zu bezahlen brauchen? -- Verlaß

dich darauf, Wilson, wäre das Messer überhaupt vorhanden, so hättest

du es zum Vorschein gebracht. Entweder giebt es also gar kein solches

Messer, oder es ist noch in ihrem Besitz. Ich meinesteils glaube, daß

sie das Dolchmesser einmal irgendwo gesehen haben. So schnell und

geschickt hätte Angelo es nicht aufs Papier zeichnen können, wenn

die ganze Sache nur auf Erfindung beruhte. Natürlich kann ich nicht

schwören, sie hätten es nie gehabt, aber, daß es noch in ihrem Besitz

ist, wenn sie es überhaupt mit hierher gebracht haben -- dafür will ich

mich verbürgen.«

»Was Tom sagt, klingt sehr einleuchtend,« meinte Blake, »das läßt sich

nicht bestreiten.«

»Schaffen Sie nur die alte Frau zur Stelle, Blake, und wenn sie Ihnen

das Messer nicht abliefern kann, so halten Sie Haussuchung bei den

Zwillingen.«

Nach diesen Worten schlenderte Tom fort und Wilson blieb in sehr

gedrückter Stimmung zurück. Er wußte nicht recht, was er denken sollte.

Den Zwillingen sein Vertrauen zu entziehen, fiel ihm schwer, und er

beschloß, es nicht auf einen so unbestimmten Verdacht hin zu thun;

jedenfalls wollte er sich die Sache erst reiflich überlegen.

»Was halten _Sie_ denn davon, Blake?« fragte er.

»Ich muß gestehen, ich teile Toms Ansicht: sie haben das Messer

überhaupt nicht gehabt, oder, wenn sie es hatten, so haben sie es

noch.«

Die beiden Männer trennten sich.

»Ich glaube, daß sie es gehabt haben,« dachte Wilson im Weitergehen.

»Wäre es ihnen gestohlen, so hätte mein Plan es wieder ans Licht

gebracht, das steht fest. Demnach müssen sie es noch in Händen haben.«

* * * * *

Tom hatte dieses wichtige Gespräch begonnen, ohne einen bestimmten

Zweck zu verfolgen. Er hoffte nur Blake und Wilson etwas zu ärgern und

sich auf ihre Kosten lustig zu machen. Beim Abschied aber triumphierte

er innerlich. Durch den reinsten Glücksfall und ohne jegliche

Anstrengung seinerseits waren ihm ein paar köstliche Dinge gelungen: er

hatte die beiden Männer an ihrem wundesten Fleck getroffen und gesehen,

wie sie sich krümmten; er hatte in Wilsons zuckersüße Gefühle für

die Zwillinge einen Tropfen Wermut gegossen -- den bittern Geschmack

sollte er nicht so bald los werden -- und, was ihn am meisten freute:

es war ihm geglückt, die verhaßten Fremden von ihrer Höhe zu stürzen.

Blake würde ohne Zweifel die Neuigkeit weiter herumtragen, nach Art

des Detektivs, und bevor noch acht Tage um waren, würde sich jedermann

den Zwillingen gegenüber ins Fäustchen lachen, weil sie für eine

Kostbarkeit, die sie entweder niemals besessen oder niemals verloren

hatten, großartige Belohnungen aussetzten. Tom war wirklich ausnehmend

mit sich zufrieden.

Die ganze Woche über hatte er sich zu Hause musterhaft aufgeführt. Dem

Onkel und der Tante war so etwas noch gar nicht vorgekommen; sie fanden

nicht das geringste an ihm zu tadeln.

Am Samstag abend sagte er zu dem Richter: »Mir liegt etwas schwer auf

dem Herzen, Onkel, und da ich bald fortreise, und man nie weiß, ob man

sich wiedersieht, ertrage ich es nicht länger. Du hast glauben müssen,

daß ich mich aus Furcht nicht mit dem italienischen Abenteurer schlagen

wollte. Es kam mir so überraschend, und ich habe vielleicht einen

falschen Vorwand gewählt, um davon los zu kommen, aber kein Ehrenmann,

der von ihm wüßte, was ich weiß, würde sich auf einen Zweikampf mit ihm

einlassen.«

»So? -- Und was wäre denn das?«

»Graf Luigi bekennt selbst, daß er einen Mord begangen hat.«

»Unglaublich!«

Querkopf Wilson · 第 8 / 13 段