Selbstachtung hatte ihn ganz zu Boden gedrückt. Kummervoll schlich er
zur Hinterthür hinaus und wanderte durch die Dunkelheit. Er überlegte,
ob es ihm wohl möglich sein würde, des Onkels Gunst zurück zu gewinnen,
wenn er von nun an seinen Lebenswandel aufs sorgfältigste überwachte
und besserte. Sollte er den Onkel nicht bewegen können, das Testament,
in dem er ihn so freigebig bedacht hatte, und das eben vor seinen
Augen vernichtet worden war, noch einmal aufzusetzen? -- Warum denn
nicht? Er hatte ja diesen Triumph schon einmal erlebt, und was ihm
damals gelungen war, konnte auch wieder glücken. Auf der Stelle wollte
er sich ans Werk machen und seine ganze Thatkraft einsetzen, bis er
den Sieg abermals davontrug. Mochte seine Bequemlichkeit auch noch so
sehr darunter leiden und er sein leichtsinniges und ungebundenes Leben
zeitweilig aufgeben müssen -- sein Entschluß war gefaßt. »Zuerst,«
nahm er sich vor, »will ich mit meiner Beute von neulich alle Schulden
bezahlen, und dann muß ich dem Glücksspiel entsagen und zwar ohne
weiteres. Es ist mein schlimmstes Laster, wenigstens in meinen Augen,
weil es am leichtesten ans Licht kommt, wenn die Gläubiger ungeduldig
werden. Dem Alten war es damals zu viel, zweihundert Dollars für mich
an sie auszuzahlen. Zuviel -- lächerlich! Mich hat es sein ganzes
Vermögen gekostet. Aber gewisse Leute sehen alles immer nur von ihrem
Standpunkt aus. Wüßte er, wie tief ich jetzt in Schulden stecke, das
Testament wäre zum Kuckuck gegangen, ohne daß erst noch ein Duell
dabei zu helfen brauchte. Dreihundert Dollars! Was für ein Haufen
Geld! Aber zum Glück braucht er nie etwas davon zu erfahren. Sobald es
bezahlt ist, bin ich frei -- und dann rühre ich keine Karte wieder an.
Wenigstens nicht so lange er lebt, darauf will ich schwören. Ich weiß,
dies ist meine letzte Gelegenheit mich zu bessern -- doch ich setze es
durch. Käme ich hernach noch einmal zu Falle, so wäre ich verloren.«
Vierzehntes Kapitel.
In trübselige Selbstbetrachtung versunken, schlich Tom durch den
Heckenweg an Querkopf Wilsons Haus vorbei und weiter, zwischen Zäunen
und unbebautem Land, bis zum Gespensterhaus. Dort kehrte er unter
vielen Seufzern und mit kummerschwerem Gemüt wieder um. Er sehnte sich
nach fröhlicher Gesellschaft. Sollte er zu Rowena gehen? Das Herz
hüpfte ihm im Leibe bei dem Gedanken, aber gleich darauf verging ihm
die Lust, denn er fürchtete, den verhaßten Zwillingen zu begegnen.
Als er sich jetzt der bewohnten Seite von Wilsons Hause näherte,
bemerkte er, daß drinnen im Zimmer Licht brannte. Das war doch ein
Hoffnungsstrahl. Andere Leute ließen es ihn bisweilen fühlen, daß er
nicht willkommen sei, aber Wilson behandelte ihn immer rücksichtsvoll.
Bei einem höflich verbindlichen Empfang ist man wenigstens vor Kränkung
sicher, selbst wenn die Begrüßung nicht gerade herzlich klingt.
Gleich darauf vernahm Wilson Fußtritte vor seiner Schwelle und ein
starkes Räuspern. »Das wird wohl der unbesonnene junge Thor sein,«
dachte er; »der arme Kerl, er findet heute gewiß wenig Ansprache,
nachdem er die Dummheit begangen hat, einen Fall thätlicher Beleidigung
vor Gericht zu bringen.«
Es ward schüchtern angeklopft. »Herein!«
Tom trat ins Zimmer und sank ohne ein Wort zu sagen auf den nächsten
Stuhl.
»Du siehst ja ganz verzweifelt aus, mein Junge,« redete ihn Wilson
freundlich an. »Nimm dir’s nicht so zu Herzen, versuche den Fußtritt zu
vergessen.«
»O jemine! das ist es nicht, David,« rief Tom in kläglichem Ton,
»sondern ganz etwas anderes. Viel tausendmal schlimmer -- ja
millionenmal schlimmer als das -- du kannst mir’s glauben.«
»Nicht möglich, Tom! Hat etwa Rowena --«
»Mir den Laufpaß gegeben? Nein -- aber der Alte ist wütend.«
»Aha,« dachte Wilson, dem das geheimnisvolle Mädchen im Schlafzimmer
wieder einfiel, »man wird wohl bei Driscolls hinter seine Schliche
gekommen sein!« Dann fuhr er laut mit ernster Miene fort:
»Ich gestehe, daß es Ausschweifungen giebt --«
»Ach was -- von Ausschweifungen ist keine Rede. Er verlangte, daß ich
mich mit dem verdammten Italiener schlagen sollte und ich weigerte
mich.«
»Natürlich mußte er die Sache so ansehen,« sagte Wilson bedächtig; »ich
verstehe nur nicht, warum er nicht gleich gestern abend für das Nötige
gesorgt hat, und wie er zugeben konnte, daß du einen solchen Fall vor
Gericht brachtest, gleichviel ob vor oder nach dem Duell. Das sieht ihm
gar nicht ähnlich. Wie ist es nur zugegangen?«
»Ganz einfach -- er hat keine Silbe davon gewußt. Als ich gestern abend
nach Hause kam, schlief er schon.«
»Und du hast ihn nicht aufgeweckt? -- Wie unrecht war das!«
Also, selbst hier fand Tom nur schlechten Trost. Er rückte unruhig
auf dem Stuhl hin und her. »Ich konnte es nicht über mich bringen, es
ihm zu sagen. Er ging bei Tagesanbruch mit Pembroke Howard auf den
Fischfang, und ich dachte, man würde die Zwillinge ins Loch stecken.
Daß sie für solche Niederträchtigkeit mit einer lumpigen Geldstrafe
fortkämen, hätte ich mir nicht träumen lassen. Warf man sie aber ins
Stadtgefängnis, so waren sie entehrt, und ein Duell mit solchen Leuten
würde Onkel weder von mir gefordert noch überhaupt gestattet haben.«
»Wahrhaftig, Tom, ich muß mich in deiner Seele schämen! Wie hast
du nur so gegen deinen guten alten Onkel handeln können? Da meine
ich’s doch weit besser mit ihm als du. Wäre ich über alle Umstände
unterrichtet gewesen, so würde ich dafür gesorgt haben, daß die Sache
nicht vor Gericht kam, bis ich sie ihm gemeldet hatte, damit er
standesgemäß verfahren konnte.«
»Ist das dein Ernst?« rief Tom mit lebhafter Ueberraschung. »Und es
war doch dein erster Rechtsfall; auch weißt du sehr wohl, daß Onkel
überhaupt nicht vor Gericht gegangen wäre. Dann hättest du noch lange
auf einen Prozeß warten können. Und trotzdem hättest du das wirklich
gethan?«
»Ganz gewiß.«
Tom sah ihn eine Weile an, dann schüttelte er mitleidig den Kopf.
»Meiner Treu, du wärst es imstande gewesen. Querkopf Wilson, ich glaube
wahrhaftig, du bist der thörichtste Mensch, der mir je vorgekommen ist.«
»Sehr verbunden.«
»Keine Ursache.«
»Also, dein Onkel hat verlangt, du sollst dich mit dem Italiener
schlagen und du willst nicht! Du entarteter Sprößling eines ehrenwerten
Stammes, schämst du dich denn gar nicht?«
»O, das ist mir alles ganz einerlei, nun das Testament zerrissen ist.«
»Sage mir die Wahrheit, Tom -- hat Herr Driscoll sonst keinen Grund zur
Unzufriedenheit mit dir, als daß du aufs Gericht gegangen bist und dich
nicht schlagen willst?«
Bei dieser Frage beobachtete Wilson den jungen Menschen genau, aber Tom
verzog keine Miene und entgegnete gelassen:
»Nein, er hat keine andere Klage gegen mich, sonst wäre er gestern
damit herausgerückt, denn er war in nichtswürdiger Laune. Er hatte
die beiden Hansnarren in der Stadt herumkutschiert, um ihnen alle
Sehenswürdigkeiten zu zeigen, und als er nach Hause kam, konnte er
seines Vaters alte, silberne Uhr nicht finden, die immer nachgeht und
auf die er so große Stücke hält. Er hatte sie zuletzt vor drei oder
vier Tagen in der Hand gehabt und wußte nicht, wo sie hingeraten sein
könne. Als ich dazu kam, war er schon in großer Aufregung und wurde
ganz wütend über meine Aeußerung, daß sie wahrscheinlich nicht verlegt,
sondern gestohlen wäre. Er nannte mich einen Dummkopf, was mir ein
Beweis war, daß er selbst schon an die Möglichkeit gedacht hatte, aber
es sich nicht eingestehen wollte, weil bei verlorenen Sachen eher eine
Wahrscheinlichkeit ist, daß sie sich wiederfinden, als bei gestohlenen.«
Wilson pfiff vor sich hin. »Da kommt also noch einer auf die Liste.«
»Noch einer -- was für einer?«
»Noch ein Diebstahl.«
»Ein Diebstahl?«
»Jawohl. Die Uhr ist nicht verloren, sie ist gestohlen. In der Stadt
ist wieder ein förmlicher Raubzug gehalten worden, ganz auf dieselbe
geheimnisvolle Art, wie schon früher einmal.«
»Unmöglich!«
»Es steht felsenfest. Hast du selbst gar nichts vermißt?«
»Nein. Das heißt, ich konnte meinen silbernen Bleistifthalter nicht
finden, den ich von Tante Pratt zum letzten Geburtstag geschenkt
bekam --«
»Der ist gewiß gestohlen, du sollst es sehen.«
»Bewahre! -- Als mein Onkel so böse wurde, weil ich sagte, die Uhr wäre
gestohlen, ging ich in mein Zimmer hinauf und sah nach meinen Sachen.
Da fehlte mir der Bleistifthalter, aber ich hatte ihn nur verlegt und
fand ihn wieder.«
»Und sonst vermissest du wirklich nichts?«
»Wenigstens nichts von Belang. Ein einfacher Goldring, der etwa drei
Dollars wert ist, war mir verschwunden, aber er wird gewiß bald zum
Vorschein kommen, wenn ich noch einmal nachsehe.«
»Ich bin überzeugt, daß du ihn nicht wiederfindest. Der Dieb hat ihn
gestohlen. -- Herein!«
Der Friedensrichter Robinson, Buckstone und Jim Blake, der städtische
Polizeibeamte, traten ins Zimmer. Nachdem sie Platz genommen hatten,
drehte sich die Unterhaltung eine Zeitlang zweck- und ziellos um das
Wetter und ähnliches, bis Wilson sagte:
»Denken Sie sich, die Liste der Diebstähle, die in unserer Stadt
begangen worden sind, hat sich abermals um zwei vermehrt. Herrn
Driscolls alte silberne Uhr ist verschwunden, und Tom sagt mir eben,
daß er einen goldenen Ring vermißt.«
»Es ist eine abscheuliche Geschichte,« meinte Robinson, »die mit jedem
Tage schlimmer wird. Bei den Hankses, den Dobsons, den Pelligrews,
den Ortons, den Grangers, den Hales, den Fullers, den Holcombs, kurz,
bei sämtlichen Leuten, die in Patsy Coopers Nachbarschaft wohnen,
ist allerlei entwendet worden. -- Theelöffel, Schmuckgegenstände und
sonstige Wertsachen, die sich leicht mitnehmen lassen. Es liegt auf der
Hand, daß der Dieb die Gelegenheit benützt hat, um die unbewachten
Häuser zu plündern, als alle Welt bei dem Empfang war, und die Neger
am Zaun herumlungerten, weil sie auch etwas zu sehen bekommen wollten.
Patsy ist ganz trostlos darüber, um der Nachbarn willen und besonders
auch wegen ihrer fremden Mieter. Vor Kummer über den Schaden der andern
findet sie kaum Zeit, ihre eigenen Verluste zu beklagen.«
»Wir haben es ohne Zweifel noch immer mit dem alten Dieb von neulich zu
thun,« sagte Wilson.
»Konstabler Blake ist anderer Meinung.«
»Und ich habe recht,« sagte Blake. »Bei den früheren Malen war es ein
Mann; das weiß die Polizei aus sicheren Anzeichen, obgleich sie seiner
nicht habhaft geworden ist, aber diesmal ist’s eine Frau.«
Wilson mußte sogleich wieder an das geheimnisvolle Mädchen denken, das
ihm fortwährend im Sinne lag; es war jedoch von einer andern Person die
Rede.
»Jawohl,« fuhr Blake fort, »eine alte Frau mit krummem Rücken und einem
Deckelkorb am Arm. Sie ist ganz schwarz gekleidet und hat einen dichten
Schleier vorgebunden. Gestern sah ich sie in das Fährboot steigen; sie
wird wohl in Illinois zu Hause sein. Mag sie aber wohnen, wo sie will,
ich werde sie schon ausfindig machen, davor ist mir nicht bange.«
»Wie kommen Sie denn darauf, sie für die Diebin zu halten?«
»Nun, erstens habe ich sonst niemand im Verdacht und zweitens hat mir
ein Karrenmann, ein Neger, der gerade des Weges fuhr, gesagt, er hätte
sie in verschiedene Häuser hineingehen sehen, und in jedem von diesen
Häusern war gestohlen worden.«
Gegen diese schlagenden Beweise fand niemand etwas einzuwenden. Alle
schwiegen eine Weile nachdenklich, dann sagte Wilson:
»_Ein_ Gutes ist doch dabei. Den kostbaren indischen Dolch des Grafen
Luigi kann die Diebin weder verkaufen noch versetzen.«
»Du meine Güte,« rief Tom, »ist der auch gestohlen?«
»Jawohl.«
»Das nenne ich einen guten Fang! Aber weshalb kann sie das Messer weder
verkaufen noch versetzen?«
»Weil die Zwillinge ihren Verlust überall den Pfandleihern und der
Polizei angezeigt haben. Als sie gestern abend von der Versammlung der
›Freiheitssöhne‹ zurückkamen, waren inzwischen eine Menge Diebereien
ruchbar geworden und Tante Patsy war außer sich vor Sorge, es möchte
ihnen auch etwas abhanden gekommen sein. Sie entdeckten auch gleich,
daß das Dolchmesser verschwunden war. Der Fang war wohl gut, aber der
alten Frau kann er wenig nützen, weil man sie ohne Frage festnehmen
wird.«
»Ist denn eine Belohnung ausgesetzt worden?« fragte Buckstone.
»Ja, fünfhundert Dollars für Rückgabe des Messers und außerdem noch
fünfhundert für Einbringung des Diebes.«
»Was für eine dumme Idee,« rief der Konstabler. »Der Dieb wird
sich wohl hüten, jemand mit dem Dolch zu schicken oder ihn selbst
zurückzubringen, um sich erwischen zu lassen. Und welcher Pfandleiher
würde sich wohl nicht die Gelegenheit zu nutze machen -- --«
Niemand beobachtete Tom in diesem Augenblick, sonst hätte die aschgraue
Farbe seines Gesichts jedem auffallen müssen. »Ich bin verloren,«
dachte er verzweiflungsvoll. »Wie soll ich meine Schulden bezahlen?
Für meine übrige Beute bekomme ich kaum die Hälfte der Summe. Ich weiß
weder aus noch ein -- ich bin rettungslos zu Grunde gerichtet und zwar
auf immer. Was fange ich nur an?«
»Urteilen Sie nur nicht zu schnell,« sagte Wilson zu Blake. »Ich habe
selbst gestern um Mitternacht einen Plan für die Zwillinge ersonnen;
um zwei Uhr morgens war er fix und fertig. Die Eigentümer werden ihr
Dolchmesser zurückbekommen, und dann sollen Sie, Herr Blake, auch
erfahren, wie wir es bewerkstelligt haben.«
Diese Aeußerung erregte große Neugier.
»Spannen Sie uns doch nicht so auf die Folter, Wilson!« sagte
Buckstone. »Ich gestehe, es wäre mir sehr lieb, wenn Sie uns im
Vertrauen mitteilen wollten -- --«
»Das würde ich gern thun, hätte ich nicht mit den Zwillingen
verabredet, daß wir den Plan geheim halten wollen. Aber, verlassen Sie
sich darauf, es wird nicht drei Tage dauern, bis sich jemand um die
Belohnung bewirbt. Dann sollen Sie sowohl den Dieb als das Messer zu
sehen bekommen.«
Dem Konstabler ging die Sache sehr im Kopfe herum. »Wir wollen’s
hoffen,« sagte er enttäuscht; »möglich wäre es ja am Ende. Aber, wie
Sie’s anstellen wollen, weiß ich wirklich nicht, das geht über mein
Verständnis.«
Etwas weiteres schien nun niemand mehr über den Gegenstand sagen zu
wollen. Das Gesprächsthema war erschöpft. Nachdem alle eine Weile
geschwiegen hatten, kündigte der Friedensrichter dem erstaunten Wilson
an, daß er sowohl wie Buckstone und der Konstabler, Bevollmächtigte
der demokratischen Partei seien und gekommen wären, um ihn zu bitten,
bei der bevorstehenden Bürgermeisterwahl als Kandidat aufzutreten.
Noch nie zuvor war Wilson überhaupt von irgend welcher Partei
einer Aufmerksamkeit gewürdigt worden; so betrachtete er denn den
gegenwärtigen Antrag als einen Schritt vorwärts, als eine Anerkennung
seines ersten öffentlichen Auftretens und war hoch erfreut, daß er sich
endlich an den städtischen Arbeiten und Angelegenheiten beteiligen
sollte. Er nahm die Kandidatur mit Dank an; die Abgesandten entfernten
sich wieder, und Tom Driscoll folgte ihnen.
Fünfzehntes Kapitel.
Während Wilson die Vertreter der demokratischen Partei höflich
hinausbegleitete, trat zur nämlichen Zeit Pembroke Howard drüben in
das Nachbarhaus, um Bericht zu erstatten. Der alte Richter saß hoch
aufgerichtet im Lehnstuhl und erwartete ihn mit ernster Miene.
»Nun, Howard -- was für Nachricht bringst du?«
»Die beste, die man sich wünschen kann.«
»Der Italiener nimmt die Herausforderung an, nicht wahr?« Driscolls
Auge blitzte in froher Kampfeslust.
»Jawohl, mit dem größten Eifer.«
»Wirklich? -- nun das freut mich -- das gefällt mir. Wann soll das
Duell stattfinden?«
»Jetzt gleich. Auf der Stelle. Noch heute abend. Ein herrlicher, ein
ganz vortrefflicher Mensch!«
»Ein wahrer Prachtsjunge! Es ist ja eine Ehre und Freude, sich mit dem
jungen Mann zu schießen. Gehe nur schnell zu ihm und bringe alles ins
reine -- sage auch, ich lasse mich ihm bestens empfehlen. Wahrhaftig,
du hast ganz recht -- ein vortrefflicher Mensch!«
»Ehe noch eine Stunde vergeht, findest du ihn auf dem wüsten Platz
zwischen Wilsons Wohnung und dem Gespensterhaus; ich bringe auch meine
eigenen Pistolen mit,« sagte Howard davoneilend.
In erregter und doch befriedigter Stimmung ging der Richter eine Weile
im Zimmer auf und ab; plötzlich stand er aber betroffen still -- er
dachte an Tom. Zweimal näherte er sich seinem Schreibpult und wandte
wieder um, endlich faßte er einen Entschluß.
»Vielleicht ist dies meine letzte Nacht auf Erden,« sagte er
nachdenklich; »ich darf die Sache nicht dem Zufall überlassen. Er ist
ein unwürdiger Mensch, ein großer Nichtsnutz -- aber, zum Teil bin
ich selbst schuld daran. Mein Bruder hat ihn mir auf dem Totenbette
anvertraut, und statt ihn streng zu erziehen und einen Mann aus ihm zu
machen, habe ich ihm durch übermäßige Nachsicht geschadet. Wenn ich ihn
nun zu guterletzt verstoße, so füge ich zu meiner Pflichtversäumnis
nur noch ein neues Unrecht hinzu. Schon einmal habe ich mich mit ihm
ausgesöhnt, und diesmal würde ich ihn erst einer langen und schweren
Prüfung unterwerfen, bevor er meine Verzeihung erhielte. Allein, der
Ausgang des Duells ist ungewiß. Deshalb will ich mein Testament wieder
aufsetzen. Bleibe ich am Leben, so verberge ich es vor ihm; er soll
nichts davon erfahren. Ich sage ihm nicht eher etwas, bis er sich
gründlich bessert und ich sehe, daß seine Sinnesänderung von Dauer ist.«
Nun griff der Richter unverweilt zur Feder und machte den
vermeintlichen Neffen wieder zum Erben seines Vermögens. Er war noch
mit dieser Aufgabe beschäftigt, als Tom vom langen, trostlosen
Umherirren ermüdet, das Haus betrat. Auf den Fußzehen an der Thür des
Wohnzimmers vorbeischleichend, warf er einen flüchtigen Blick hinein
und sah zu seinem Schrecken den Onkel am Schreibpult sitzen. Was konnte
das bedeuten, zu so ungewöhnlich später Stunde? Tom durchrieselte es
kalt. Ging das Schriftstück, das hier verfaßt wurde, vielleicht ihn
selber an? -- Höchst wahrscheinlich. Vielleicht war ein neues Unheil im
Werke. Jedenfalls mußte er das Papier zu sehen bekommen, mochte daraus
werden, was wollte. Jetzt hörte er Schritte und verbarg sich schnell,
um unbemerkt zu bleiben. Es war Pembroke Howard. Da mußte etwas
Besonderes vorgehen.
»Alles in Ordnung,« sagte Howard mit großer Befriedigung. »Er ist
mit seinem Bruder und dem Wundarzt auf den Kampfplatz gegangen --
auch Wilson ist dabei, als sein Sekundant. Ich habe alles mit ihm
verabredet. Fünfzehn Meter Abstand. Jeder soll drei Schüsse abfeuern.«
»Gut. Und der Mond?«
»Beinahe tageshell. Man kann deutlich auf die Entfernung sehen. Die
Nacht ist warm und windstill, es rührt sich kein Hauch.«
»Vortrefflich, ganz ausgezeichnet. -- Hier, Pembroke, lies das Papier
und gieb mir deine Unterschrift als Zeuge.«
Howard las das Testament, schrieb seinen Namen darunter und schüttelte
dem Richter kräftig die Hand.
»Recht so, York,« sagte er, »ich wußte es ja, daß du es thun würdest.
Du konntest den armen Burschen unmöglich seinem Schicksal überlassen.
Ohne Beruf im Leben und ohne Mittel wäre er sicher zu Grunde gegangen.
Das hättest du nicht übers Herz gebracht, schon um seines toten Vaters
willen.«
»Ich thu’s dem Andenken seines Vaters zuliebe. Du weißt ja, wie Percy
und ich an einander hingen. Aber höre -- Tom soll nichts davon wissen,
außer wenn ich heute nacht falle.«
»Ich verstehe dich und will das Geheimnis bewahren.«
Die beiden Freunde begaben sich auf den Kampfplatz, nachdem der Richter
zuvor das Testament fortgelegt hatte. Einen Augenblick später hielt
Tom es bereits in Händen. All sein Elend war auf einmal vorbei, er
fühlte sich wie neugeboren. Sorgfältig legte er das Papier wieder
an den nämlichen Platz zurück, sperrte den Mund auf und schwang den
Hut, einmal, zweimal, dreimal um den Kopf herum, was ein dreifaches,
donnerndes Hurrah bedeuten sollte, doch kam kein Laut über seine
Lippen. Vor freudiger Erregung hielt er lange, stumme Selbstgespräche,
die er dann und wann durch ein neues, ebenso unhörbares Hurrahgeschrei
unterbrach.
»Das Vermögen ist wieder mein,« sagte er bei sich, »aber ich verrate
niemand, daß ich etwas davon weiß. Nun soll es mir nicht noch einmal
verloren gehen, dafür will ich schon Sorge tragen. Ich gewöhne mir das
Spielen und Trinken ab -- ich brauche ja nur an keinen Ort mehr zu
gehen, wo man derlei treibt. Das ist das sicherste Mittel, ich hätte es
auch schon längst anwenden können, aber ich wollte nicht. Doch jetzt
steht die Sache ganz anders. Er hat mir solchen Schrecken eingejagt,
daß ich jeder Gefahr ausweichen will. Zwar habe ich mir den ganzen
Abend vorgeredet, ich könnte ihn wieder herumbringen, falls ich mir
rechte Mühe gebe, doch war das im Grunde genommen höchst zweifelhaft
und machte mir schreckliche Sorge. Redet der Alte nicht von selbst über
das Testament, so darf ich mir nichts merken lassen. Querkopf Wilson
möchte ich es gern sagen, aber am Ende ist es besser, ich schweige auch
gegen ihn.«
Wieder schwenkte er seinen Hut in der Luft.
»Nun bin ich ein anderer Mensch,« sagte er, »und diesmal wird die
Besserung anhalten.«
Mitten in seinem Jubel fiel ihm plötzlich ein, daß Wilson ihm die
Möglichkeit genommen hatte, das indische Messer zu versetzen oder zu
verkaufen. Er sah sich außer stande, seine Gläubiger zu befriedigen,
und wenn sie ihn verklagten, was dann? -- Seine Freude war mit einem
Schlage vorbei; jammernd und stöhnend über sein Mißgeschick, schlich er
aus dem Wohnzimmer und schleppte sich die Treppe hinauf. In trostloser
Stimmung saß er oben in seiner Stube; Luigis Dolchmesser wollte ihm gar
nicht aus dem Sinn.
»Als ich noch glaubte, die Steine wären Glas und das Elfenbein Knochen,
war mir das Ding gleichgiltig,« dachte er, »denn es konnte mir nicht
aus der Not helfen. Aber jetzt ist es mir von höchstem Wert und macht
mich zugleich totunglücklich. Es ist wie ein Sack voll Gold, der sich
in meinen Händen zu Staub und Asche verwandelt. Wie leicht könnte es
mir Hilfe bringen -- und doch muß ich zu Grunde gehen. Ich ertrinke,
während der Rettungsgürtel dicht neben mir liegt. Andere Leute haben
Glück, ich dagegen werde förmlich verfolgt vom Unheil. Wenn ich nur
an Querkopf Wilson denke -- sogar seine Laufbahn nimmt jetzt einen
Aufschwung, ich möchte wohl wissen, womit er das verdient hat! Ihm
öffnet sich ein neuer Weg, aber statt froh darüber zu sein, weiß er
nichts besseres, als mich in die Enge zu treiben. Die ganze Welt ist
so niederträchtig und selbstsüchtig -- am liebsten wäre ich tot.« Er
hielt die Scheide des Dolches an das Licht, daß die Juwelen funkelten
und blitzten, aber der Glanz, an dem er sein Auge erfreuen wollte,
war ihm nur ein Stich ins Herz. »Ich darf Roxy nichts von dem Messer
sagen,« überlegte er, »sie ist zu tollkühn und wäre im stande, die
Steine herauszubrechen, um sie zu verkaufen, -- man würde sie einfach
festnehmen, den Ursprung der Juwelen entdecken und --« rasch verbarg er
den Dolch; ihm schauderte bei dem Gedanken. An allen Gliedern zitternd,
blickte er verstohlen um sich, wie ein Missethäter, der glaubt, daß ihm
die Verfolger schon auf den Fersen sind.
Sollte er versuchen zu schlafen? -- O nein, für ihn gab es keinen
Schlummer; sein Unglück war zu quälend, zu unerträglich. Er brauchte
jemand, der seine Bekümmernis teilte. Roxy sollte mit ihm trauern -- er
wollte zu ihr gehen.
In der Ferne ließen sich wiederholt Schüsse hören, aber das machte
keinen Eindruck auf Tom, es war nichts Ungewöhnliches. Er ging zur
Hinterthür hinaus und an Wilsons Wohnung vorüber. Als er durch den
Heckenweg kam, sah er mehrere Personen über den unbebauten Platz
auf Wilsons Haus zugehen. Es waren die Duellanten, die vom Kampfe
zurückkehrten; Tom glaubte sie zu erkennen, wünschte jedoch eine
Begegnung zu vermeiden, deshalb duckte er sich rasch hinter einen Zaun,
bis er die Gesellschaft aus dem Gesicht verlor.
Roxy war in der besten Laune.
»Wo kommst du her, Kind?« fragte sie, »warst du nicht mit dabei?«
»Wobei denn?«
»Bei dem Duell!«
»Ist hier ein Duell gewesen?«
»Versteht sich. Der alte Richter hat sich mit einem Zwilling
geschossen.«
»Du meine Güte! -- Also, deshalb hat er das Testament wieder gemacht,«
überlegte er im stillen; »der Gedanke, daß er fallen könnte, hat seinen
Zorn gegen mich besänftigt. Das war es auch, was Howard und er so
eifrig mit einander beredet haben! ... O, wenn ihn der Zwilling nur
totgeschossen hätte, dann wäre meine Qual auf einmal aus gewesen.«
»Was murmelst du da vor dich hin, Schamber? Wo warst du denn? Hast du
von dem Duell gar nichts gewußt?«
»Kein Sterbenswort. Der Alte verlangte, ich sollte mich mit dem
Grafen Luigi schlagen, doch da kam er an den Unrechten. Nun hat er
wahrscheinlich selbst die Familienehre wieder zusammenflicken wollen.«