da sagt, aber mit der Selbstlosigkeit, dem Heldentum und Edelmut ist’s
nicht weit her. Vergeßt nur nicht, daß ich Angelos Leben retten mußte,
weil sonst auch meines bedroht war. Würde der Mann mich etwa nicht
umgebracht haben, nachdem er meinen Bruder getötet hatte? Also habe ich
mir selbst das Leben gerettet.«
»Ja, so sprichst du immer,« rief Angelo, »aber ich kenne dich und
glaube, du hast gar nicht an dich selbst gedacht. Die Waffe, mit der
Luigi den Mann getötet hat, bewahre ich als Andenken und will sie Ihnen
einmal zeigen. Sie hat durch dies Ereignis noch an Interesse gewonnen,
aber schon ehe sie in Luigis Hände kam, hatte sie ihre Geschichte.
Ein großer indischer Prinz, der Gaikowar von Baroda, in dessen
Familienbesitz sie sich seit zwei oder drei Jahrhunderten befand, hat
sie Luigi geschenkt. Schon manchem, der jenem Hause feindlich gesinnt
oder lästig war, mag damit der Garaus gemacht worden sein. Es ist
ein absonderliches Ding, ganz anders geformt als ein gewöhnliches
Dolchmesser. Ich will Ihnen gleich eine Zeichnung davon machen.« Er
nahm ein Blatt Papier und warf rasch eine Skizze hin. »So ungefähr
sieht es aus -- die breite, mörderische Klinge ist scharf wie ein
Rasiermesser. Die Namen oder Abzeichen seiner Besitzer sind der Reihe
nach darin eingegraben. Luigis Namen und unser Wappen ließ ich selbst
in lateinischer Schrift hinzufügen. Ganz eigentümlich ist auch der
Griff; er besteht aus massivem, spiegelglattem Elfenbein, ist rund,
vier bis fünf Zoll lang und so dick wie das Handgelenk eines starken
Mannes. Das Ende ist abgeplattet, damit der Daumen darauf ruhen kann,
wenn man das Dolchmesser emporhebt, um zuzustoßen. Der Gaikowar
zeigte uns, wie man es handhaben muß, als er es Luigi gab, und noch in
derselben Nacht stieß ihm mein Bruder einen seiner Leute mit dem Messer
nieder. Die Scheide ist mit prachtvollen Edelsteinen von großem Werte
reich verziert und würde Ihnen vielleicht noch besser gefallen als die
Waffe selbst.«
Als Tom das hörte, dachte er bei sich: »Wie gut, daß ich hergekommen
bin; ich hätte das Dolchmesser um einen Pappenstiel verkauft, weil ich
die Edelsteine für gewöhnliches Glas hielt.«
»Erzählen Sie doch weiter,« bat Wilson, »wir sind begierig, etwas von
dem Ueberfall zu erfahren. Wie ging es denn dabei zu?«
»Das Messer war einzig und allein schuld daran. Ein eingeborener
Diener schlich sich des Nachts in unser Zimmer im Palast, um es zu
stehlen, ohne Zweifel wegen der kostbaren Steine auf der Scheide, die
ein ganzes Vermögen wert sind. Es lag unter Luigis Kopfkissen und wir
waren beide im Bett. Ich schlief, Luigi aber wachte, und beim düstern
Schein des Nachtlichts, das im Zimmer brannte, glaubte er die Umrisse
einer Gestalt zu erkennen, die sich dem Lager näherte. Er zog das
Messer aus der Scheide und rüstete sich zur Gegenwehr. Decken und
Betttücher brauchte er nicht erst zurückzuschlagen, denn bei der großen
Hitze hatten wir keine. Plötzlich richtete sich jener Eingeborene neben
dem Bette auf und beugte sich über mich; in seiner erhobenen Rechten
funkelte ein Dolch, mit dem er nach meiner Kehle zielte. Doch rasch
packte Luigi den Mann am Handgelenk, warf ihn zu Boden und stieß ihm
das scharfe Messer ins Genick. -- Das ist die ganze Geschichte.«
Die Zuhörer holten tief Atem, und man sprach noch eine Weile über den
schrecklichen Vorfall. Dann griff Wilson nach Toms Hand.
»Laß doch einmal sehen, Tom,« sagte er, »ob bei dir nicht irgend eine
kleine, verborgene Heimlichkeit zu entdecken wäre. Zufällig habe ich
deine Handfläche noch nie besichtigt. -- Oho! --«
Tom hatte ihm rasch die Hand entzogen und sah ganz bestürzt aus.
»Er wird ordentlich rot,« rief Luigi.
»So?« erwiderte Tom heftig und warf ihm einen bösen Blick zu, »aber
doch wenigstens nicht, weil _ich ein Mörder bin_!«
Luigis dunkle Augen flammten; ehe er jedoch etwas thun oder sagen
konnte, rief Tom schon mit ängstlicher Hast: »O, ich bitte tausendmal
um Entschuldigung, ich habe das gar nicht sagen wollen, es fuhr mir
nur so heraus. Es thut mir wirklich sehr, sehr leid -- nicht wahr, Sie
verzeihen mir?«
Wilson kam ihm zu Hilfe und suchte die Sache friedlich beizulegen, so
gut er konnte. Das gelang ihm auch vollkommen, so weit es die Zwillinge
betraf; denn ihnen war die unangenehme Lage, in die Wilson durch die
rohen Worte seines Gastes geraten war, peinlicher als die Beleidigung
selbst. Auf Tom hatte aber Wilsons Vermittlung keine so günstige
Wirkung. Zwar stellte er sich möglichst unbefangen, und man merkte ihm
auch äußerlich keine Verstimmung an, aber im Grunde grollte er doch den
drei Zeugen seiner Unhöflichkeit. Es verdroß ihn, daß sie überhaupt
zugegen gewesen waren und seine Worte beachtet hatten, und dabei vergaß
er fast, sich über seinen eigenen Mangel an Lebensart zu ärgern. Doch
bald geschah etwas, wodurch seine Gemütsverfassung wieder behaglicher
und menschenfreundlicher wurde. Die Zwillinge fingen nämlich unter
sich Streit an; es war zwar nur ein unbedeutender Wortwechsel, aber
sie erhitzten sich doch in kurzer Zeit gewaltig gegen einander. Tom
hatte große Freude daran und that was er konnte, um das Feuer zu
schüren, natürlich mit Vorsicht, und indem er sich den Anschein gab,
als wünsche er es zu dämpfen. Bald entfachte sich die Glut mit seiner
Hilfe mehr und mehr, und vielleicht hätte er im nächsten Augenblick die
Genugthuung gehabt, die Flamme emporlodern zu sehen, wäre der Auftritt
nicht durch ein Klopfen an der Thür unterbrochen worden. Diese Störung
kam ihm ebenso ungelegen, wie sie Wilson angenehm war.
Der neue Ankömmling, dem Wilson die Thür öffnete, war ein gutmütiger,
handfester und ungebildeter Irländer von mittleren Jahren, Namens
John Buckstone, ein großer Politiker im kleinen, der an allen
öffentlichen Angelegenheiten einen hervorragenden Anteil nahm. Gerade
jetzt war die Stadt in voller Aufregung wegen der herrschenden
Meinungsverschiedenheit über den Genuß berauschender Getränke. Die
Rum-Partei kämpfte einen erbitterten Kampf mit der Anti-Rum-Partei.
Buckstone gehörte zu ersterer und war abgesandt worden, um die
Zwillinge aufzusuchen und sie einzuladen, einer Massenversammlung
der Rum-Partei beizuwohnen. Er richtete seine Botschaft aus und
fügte hinzu, daß die Bundesbrüder sich schon in der großen Halle des
Markthauses versammelten. Luigi folgte der Aufforderung bereitwillig,
Angelo dagegen nur zögernd, denn er liebte weder ein großes Gedränge,
noch konnte er den starken, amerikanischen Branntwein vertragen. Auch
neigte er dem Mäßigkeitsverein zu.
Als die Zwillinge sich mit Buckstone entfernten, schloß sich ihnen
Tom Driscoll unaufgefordert an. Schon von weitem konnte man die lange
Reihe der Fackeln hin- und herschwanken sehen, die sich die Hauptstraße
hinunter bewegten; die Pauken dröhnten, die Zimbeln schmetterten, die
Querpfeifen quiekten, und fernes Hurrahgeschrei schallte an ihr Ohr.
Eben stiegen die letzten Teilnehmer am Zuge die Treppe des Markthauses
hinauf, als die Zwillinge sich dem Gebäude näherten; sie fanden die
Halle schon dicht gedrängt voll von Menschen, die Fackeln rauchten und
überall herrschte Lärm und Begeisterung.
Buckstone führte die Brüder auf die Rednerbühne, wohin ihnen Tom
Driscoll gleichfalls folgte, und stellte sie dem Präsidenten vor,
während die Menge sie mit lautem Zuruf willkommen hieß. Als der Lärm
sich etwas gelegt hatte, forderte der Vorsitzende die Anwesenden
auf: »die erlauchten Gäste damit zu begrüßen, daß wir sie alsbald
zu Mitgliedern unserer glorreichen Vereinigung -- dem Paradies der
Freien und dem Verderben der Sklaven -- durch allgemeines Handaufheben
erwählen.«
Dieser rednerische Erguß öffnete die Schleusen der Begeisterung von
neuem; die Wahl erfolgte mit Einstimmigkeit und donnerndem Beifall.
Dann vernahm man stürmische Rufe: »Feuchtet sie an! Feuchtet sie an!
Sie sollen uns Bescheid thun!«
Jedem Zwilling wurde ein Glas Whisky gereicht. Luigi schwenkte es in
der Luft und setzte es dann an die Lippen, während Angelo das seinige
hinstellte. Wieder erhob sich ein Geschrei.
»Was soll das bedeuten? Was ist mit dem andern los? Warum will der
Blonde uns nicht zutrinken? Wie sollen wir das verstehen?«
Der Vorsitzende zog Erkundigungen ein und erstattete der Versammlung
Bericht:
»Wir haben einen unglücklichen Irrtum begangen, meine Herren. Es
stellt sich heraus, daß Graf Angelo Capello unsere Ueberzeugung nicht
teilt. Er ist eigentlich ein Mäßigkeitsvereinler und hat gar nicht die
Absicht gehabt, Mitglied bei uns zu werden. Deshalb wünscht er, daß wir
über seine Wahl noch einmal abstimmen. Ich bitte die Herren, dies in
Erwägung zu ziehen.«
Nun entstand ein gellendes Gelächter, in das sich lautes Murren und
Pfeifen mischte; doch gelang es dem Präsidenten durch den kräftigen
Gebrauch der Glocke die Ruhe einigermaßen wiederherzustellen. Ein
Mann aus der Menge ergriff das Wort und sagte, daß der Mißgriff zwar
sehr zu bedauern sei, doch ließe er sich unmöglich bei der heutigen
Zusammenkunft wieder gut machen. Nach den Statuten könne das erst in
der nächsten, regelmäßigen Sitzung geschehen. Er wolle keinen Antrag
stellen, da das nicht erforderlich sei, doch wünsche er, den Herrn
Grafen im Namen des Hauses um Entschuldigung zu bitten und ihn zu
versichern, daß die ›Söhne der Freiheit‹ alles thun würden, um ihm
seine zeitweilige Mitgliedschaft so angenehm wie möglich zu machen.
Die Rede wurde mit schallendem Beifall aufgenommen. »Ganz
einverstanden!« tönte es von allen Seiten. »Mäßigkeitsvereinler oder
nicht -- er ist doch ein guter Kerl! Laßt ihn leben! Bringt ihm ein
Hoch aus, leert die Gläser!«
Auf der Rednerbühne wurden Gläser herumgereicht, man trank auf Angelos
Gesundheit und die ganze Versammlung brüllte im Chor:
Hoch soll er leben,
Hoch soll er leben,
Hoch soll er leben,
Dreimal hoch!!!
Tom Driscoll trank auch; es war sein zweites Glas, denn er hatte
Angelos Glas geleert, sobald dieser es hinstellte. Der doppelte Trunk
machte ihn sehr lustig, sogar unbändig ausgelassen; er begann sich aufs
lebhafteste an allem zu beteiligen, was geschah und sich besonders
beim Pfeifen und Johlen, sowie durch allerlei schnöde Bemerkungen
hervorzuthun.
Der Präsident, der eben eine Ansprache beginnen wollte, stand noch vorn
an der Rampe, ihm zur Seite die Zwillinge. Die wunderbare Aehnlichkeit
der beiden Brüder brachte Tom Driscoll darauf, einen Witz zu machen; er
trat vor und wandte sich mit trunkener Dreistigkeit an die Versammlung:
»Jungens,« rief er, »ich stelle den Antrag: _der da_ soll schweigen und
das _lebendige Vielliebchen_ neben ihm eine Rede vom Stapel lassen.«
Der komische Vergleich der Zwillinge mit einem Vielliebchen gefiel
den Anwesenden, die in ein donnerndes Gelächter ausbrachen. Luigis
feuriges Gemüt ertrug jedoch die Beleidigung, die ihm in Gegenwart von
vierhundert Fremden angethan wurde, nicht mit Gelassenheit. Seine ganze
Natur empörte sich dagegen, die Sache ruhig hinzunehmen, ohne auf der
Stelle Wiedervergeltung zu üben. Kochend vor Wut trat er mit ein paar
Schritten hinter den ahnungslosen Witzbold, holte aus und versetzte
ihm mit wahrer Riesenkraft einen so gewaltigen Fußtritt, daß Tom
geradeswegs über die Rampe hinweggeschleudert wurde und den ›Söhnen der
Freiheit‹ in der vorderen Reihe auf die Köpfe fiel.
Selbst in völlig nüchternem Zustand ist es keinem Menschen angenehm,
wenn er ganz harmlos dasteht und plötzlich so ein lebendiges
Wurfgeschoß auf ihn losgelassen wird. Wer aber einen Rausch hat, kann
dergleichen gar nicht vertragen. Die ›Söhne der Freiheit‹, auf deren
Köpfen Tom landete, hatten alle schon etwas über den Durst getrunken,
es gab überhaupt in der ganzen Versammlung kaum jemand, der nicht zu
tief ins Glas geschaut hatte. So wurde denn Tom mit Entrüstung sofort
auf die Köpfe der nächsten Reihe weiterbefördert, die ihn wieder auf
die Hintermänner ablud und zugleich mit den vorderen ›Söhnen der
Freiheit‹, von denen er auf sie geworfen worden war, eine wütende
Schlägerei begann. Das ging so weiter, von einer Bank zur andern, bis
Tom, auf seinem stürmischen Fluge durch die Luft, die Thür erreichte.
Hinter ihm tobten, rauften, fluchten und wetterten alle in wildem
Durcheinander. Eine Reihe brennender Fackeln nach der andern wurde
bei dem Handgemenge auf den Boden geworfen, und bald erscholl noch
lauter als der betäubende Lärm der Präsidentenglocke, als das Gebrüll
der zornigen Stimmen und das Krachen der zertrümmerten Bänke, der
entsetzliche Schreckensruf: »_Feuer!_«
Sogleich hörte der Kampf auf, das Fluchen verstummte; einen Augenblick
herrschte lautlose Stille, nichts regte sich, wo eben noch der Sturm
gerast hatte. Im nächsten Moment aber kam mit einem Schlage wieder
Leben und Thatkraft in die Menge. Es entstand ein Wogen, Drängen und
Schwanken hierhin und dorthin. Wer konnte, suchte einen Ausweg durch
Thür oder Fenster, das Gewühl wurde bald weniger dicht und die Massen
lichteten sich.
So schnell war die Feuerwehr wohl noch nie zur Hand gewesen; sie
brauchte freilich nicht weit zu gehen, denn ihr Standquartier war in
einem Anbau des Markthauses. Von ihren zwei Abteilungen hatte eine
die Spritze, die andere Haken und Feuerleitern zu verwalten. Eine
Hälfte jeder Abteilung gehörte zur Rum-Partei, die andere Hälfte
zur Anti-Rum-Partei, das hielt man damals für recht und billig. Die
Anti-Rum-Leute, die gerade im Quartier herumlungerten, waren zahlreich
genug, um die Leitern und Spritzen zu bedienen. In zwei Minuten hatten
sie ihre Helme und roten Hemden angelegt, denn ohne die Berufsuniform
rückten sie niemals aus.
Als nun die Massenversammlung im oberen Stock über Hals und Kopf durch
die lange Reihe der Fenster sprang und sich auf das Dach der Arkaden
flüchtete, empfingen die Retter sie mit einem mächtigen Wasserstrahl,
der einige vom Dach herunterspülte und die übrigen fast ersäufte.
Aber immerhin war das Wasser dem Feuer vorzuziehen, deshalb sprangen
fortwährend neue Scharen durch die Fenster und wurden erbarmungslos
so lange durchweicht, bis das Haus sich völlig geleert hatte. Dann
stiegen die Feuerwehrleute in den Saal hinauf und überfluteten ihn mit
einer Wassermasse, die genügt hätte, um ein vierzigmal so großes Feuer
zu löschen. Eine so schöne Gelegenheit sich zu zeigen, kommt für die
Feuerwehr einer kleinen Stadt selten vor und muß gut ausgenützt werden.
Alle anständigen und urteilsfähigen Bürger des Ortes versicherten sich
deshalb nicht mehr gegen Feuerschaden, sondern gegen die Feuerwehr.
Dreizehntes Kapitel.
Am Freitag abend lag Richter Driscoll schon um zehn Uhr im Bett und
schlief; beim ersten Morgengrauen aber war er wieder auf und ging mit
seinem Freunde Pembroke Howard auf den Fischfang. Die beiden hatten
ihre Knabenjahre in Virginien verlebt, als dieser Staat noch der
wichtigste in der ganzen Union war, und sie sprachen nie anders als mit
stolzer Zärtlichkeit vom ›Alten Virginien‹. Jeder, der dorther stammte,
wurde in Missouri als ein höheres Wesen angesehen, zumal, wenn er seine
Abkunft von einer der ersten Familien jenes berühmten Freistaates
nachweisen konnte. Die Howards und Driscolls gehörten zu diesen
Bevorzugten, die sich für den Adel des Landes hielten. Sie gehorchten
einem ungeschriebenen Gesetz, das so streng festgehalten und befolgt
wurde, wie nur irgend ein Artikel der gedruckten Gesetzessammlung.
Jeder Nachkomme dieser vornehmsten Gesellschaft der Südstaaten war
ein geborener Edelmann und hatte keine höhere Pflicht im Leben, als
das große Erbteil der Väter zu bewahren und seine Ehre lauter und
unbefleckt zu erhalten. Dem Standesgesetz mußte er unverbrüchlich Folge
leisten; wich er auch nur um Haaresbreite davon ab, so war es aus mit
ihm und seinem Ansehen bei den Genossen. Verlangte das Gebot der Ehre
Dinge, die mit seiner Religion nicht im Einklang standen, so mußte die
Religion schweigen. Die Ehre ging allem anderen vor, weder religiöse
noch sonstige Pflichten kamen dagegen in Betracht. Jenes Gesetz
bestimmte genau, worin die Ehre des Edelmannes bestand und in welchen
Punkten sie sich von dem unterschied, was das kirchliche Bekenntnis,
das bürgerliche Gesetz sowie Sitte und Brauch aller niedrigeren
Erdenbewohner, in deren Adern kein altvirginisches Blut floß, für den
Inbegriff der Ehre erklärt.
Wenn allgemein anerkannt wurde, daß Richter Driscoll der vornehmste
Bürger von Dawson war, so galt Pembroke Howard als der zweite dem Range
nach. Man nannte ihn gewöhnlich den ›großen Anwalt‹ -- diesen Titel
hatte er sich wohl verdient. Die beiden Freunde standen im gleichen
Alter, sie waren angehende Sechziger.
Daß Driscoll ein Freidenker war und Howard ein strenger, eifriger
Presbyterianer, that der Wärme ihrer Gefühle für einander keinen
Abbruch. Beide Männer sahen ihre Ueberzeugung als ein persönliches
Eigentum an, das sie weder fremdem Lob und Tadel, noch irgend welchen
Verbesserungsvorschlägen zu unterbreiten wünschten, und kämen diese
selbst von seiten ihrer Freunde.
Nachdem sie den Tag über gefischt hatten, fuhren sie in ihrem Boot
den Fluß hinunter. Sie unterhielten sich gerade über Volkswirtschaft
und andere hohe Dinge, als ihnen von der Stadt her ein Mann im Kahn
entgegengerudert kam und sie folgendermaßen anredete:
»Wissen Sie’s schon, Herr Richter, daß einer von den neuen Zwillingen
Ihrem Neffen gestern abend einen Fußtritt gegeben hat?«
»_Was_ -- hat er ihm gegeben?«
»Ich sag’s ja -- einen Fußtritt.«
Der alte Richter erblaßte, seine Augen begannen zu funkeln: einen
Moment war er sprachlos vor Zorn, dann stammelte er: »Nun -- und was
weiter? Erzählen Sie mir alles.«
Das that der Mann. Als er fertig war, schwieg der Richter einen
Augenblick; er sah im Geiste, wie Tom mit Schimpf und Schande über die
Rampe flog, dann sagte er, als spräche er laut mit sich selber:
»Hm -- ich kann es nicht verstehen. Ich lag zu Hause im Schlaf. Er
hat mich nicht geweckt. Glaubte vermutlich, er sei Manns genug, seine
Sache ohne meine Hilfe zu führen.« -- Driscolls Züge erheiterten sich
vor stolzer Freude bei dem Gedanken. »Es ist mir lieb,« fuhr er mit
wohlgefälligem Behagen fort, »da zeigt sich das echte, alte Blut -- was
meinst du, Pembroke?«
Howard lächelte in eherner Ruhe und nickte beistimmend mit dem Haupte.
»Aber vor Gericht hat Tom über den Zwilling gesiegt,« nahm der Mann,
welcher die Nachricht gebracht hatte, wieder das Wort.
Der Richter sah ihn verwundert an.
»Vor Gericht? -- Wie meint Ihr das?«
»Nun, Tom hat gegen ihn eine Anklage wegen thätlicher Beleidigung
erhoben. Der Richter Robinson hat die Verhandlung geleitet.«
Der alte Driscoll sank plötzlich in sich zusammen, als hätte ihn der
Schlag gerührt. Howard sprang herzu, fing den Ohnmächtigen in seinen
Armen auf und bettete ihn sorgfältig auf den Boden des Bootes. Während
er ihm Wasser ins Gesicht spritzte, rief er dem Unglücksboten zu:
»Rasch, fahren Sie weiter, damit er Sie nicht mehr hier findet, wenn
er zum Bewußtsein kommt. Sie haben schon Schaden genug angerichtet
mit Ihren unbesonnenen Reden. Wie konnten Sie nur so rücksichtslos
sein und mit der abscheulichen Verleumdung mir nichts, dir nichts
herausplatzen!«
»Es thut mir herzlich leid, Herr Howard, ich würde es auch gewiß
nicht gesagt haben, wenn ich mir’s recht überlegt hätte. Aber eine
Verleumdung ist es nicht, sondern die reinste Wahrheit.«
Er ruderte fort. Bald darauf kam der alte Richter wieder zu sich und
sah den Freund, der sich teilnehmend über ihn beugte, mit jammervollen
Blicken an.
»Sage, daß es erlogen ist, Pembroke -- es kann doch nicht wahr sein!«
flüsterte er mit schwacher Stimme.
Die Antwort erfolgte sogleich im kräftigsten Brustton:
»Du mußt doch so gut wie ich wissen, daß es eine Lüge ist, alter
Freund. Fließt denn nicht das beste Blut Altvirginiens in seinen Adern?«
»Gott lohne dir’s, daß du so sprichst,« entgegnete der alte Herr voll
Innigkeit. »O, Pembroke, es hat mir solchen Stoß gegeben!«
Howard verließ seinen Freund nicht, er brachte ihn heim und ging mit
ihm ins Haus. Es war schon dunkel und Zeit zum Abendbrot, aber der
Richter dachte nicht an Essen und Trinken. Sein einziger Wunsch
war, aus Toms Munde zu hören, daß alles auf Verleumdung beruhe und
Howard sollte bei der Erklärung zugegen sein. Tom wurde gerufen und
erschien auch sogleich, lahm, zerschlagen und in höchst unglücklicher
Verfassung. Sein Onkel hieß ihn sich setzen.
»Man hat uns dein Abenteuer erzählt, Tom,« sagte er, »und uns zum
Ueberfluß noch eine hübsche Lüge aufgetischt. Die sollst du mir jetzt
gleich zu Schanden machen, daß kein Stäubchen davon übrig bleibt.
Welche Maßregeln hast du getroffen? Wie steht deine Sache? Sprich!«
»Sie steht gar nicht mehr,« antwortete der arglose Tom, »es ist alles
vorüber. Ich ging mit ihm vor Gericht und klagte. Querkopf Wilson hat
ihn verteidigt, es war sein erster Prozeß, den er aber verlor. Robinson
hat den elenden Hund wegen thätlicher Beleidigung um fünf Dollars
gestraft.«
Howard und der Richter waren gleich bei den ersten Worten aufgesprungen
-- sie wußten beide nicht warum. Nachdem sie einander eine Weile mit
ausdruckslosen Mienen angestarrt hatten, nahm Howard voll stummer
Trauer wieder Platz. Des Richters Zorn aber brach in hellen Flammen aus.
»Du erbärmlicher Wicht, du Hund, du Scheusal!« schrie er. »Das wagst
du mir ins Gesicht zu sagen! Ist es möglich, daß ein Glied meiner
Familie, ein Mensch, dem unser Blut in den Adern fließt, einen Schlag
erhält und aufs Gericht läuft, um den Schimpf zu sühnen? Antworte mir!«
Tom ließ den Kopf hängen, sein Schweigen war die beredteste Antwort.
Der Onkel starrte ihn mit einem Ausdruck an, in dem sich Scham und
ungläubiges Staunen mischten. Er litt zum Erbarmen; endlich fragte er:
»Welcher von den Zwillingen war es?«
»Graf Luigi.«
»Hast du ihm eine Herausforderung geschickt?«
»N--nein,« stammelte Tom.
»Du wirst es noch diesen Abend thun. Howard wird sie ihm bringen.«
Tom wurde jämmerlich zu Mute, und man sah es ihm an. Er drehte seinen
Hut fort und fort in der Hand und der Blick des Onkels verfinsterte
sich immer mehr, während Sekunde auf Sekunde verrann.
»O bitte, Onkel, verlange das nicht von mir,« stammelte er endlich
in kläglichem Ton. »Er ist ein blutgieriger Teufel -- ich wäre außer
stande -- wirklich -- ich fürchte mich vor ihm.«
Dreimal öffnete der alte Driscoll den Mund und schloß ihn wieder, ehe
er der Sprache mächtig war, dann donnerte er:
»Ein Feigling in meiner Familie! Ein Driscoll und solche elende Memme!
O, was habe ich gethan, um diese Schmach zu verdienen!«
Er wiederholte die Klage fort und fort in herzbrechendem Ton, während
er nach seinem Schreibpult in der Ecke wankte. Aus einer der Schubladen
nahm er ein Papier heraus und riß es in kleine Stücke, die er achtlos
im Zimmer verstreute, während er tiefbekümmert und seufzend hin- und
herging. Endlich sagte er:
»Jetzt habe ich es zum zweitenmal zerfetzt und zerrissen -- mein
Testament. Wieder hast du mich gezwungen, dich zu enterben, du
verächtlicher Sohn deines edeln Vaters. Geh’ mir aus den Augen! Geh’ --
damit ich dir nicht ins Gesicht speie!«
Der junge Mann ließ sich das nicht zum zweiten Mal sagen. Nun wandte
sich der Richter zu Howard:
»Nicht wahr, du bist mein Sekundant, alter Freund?«
»Natürlich.«
»Da ist Papier und Tinte. Schreibe die Herausforderung, verliere keine
Zeit.«
»Der Graf soll sie in Händen haben, ehe eine Viertelstunde um ist,«
versetzte Howard.
* * * * *