hatte, murmelte er: »Eigentlich hat mir der arme Kerl nichts zu Leide
gethan, aber sein Anblick ist mir unerträglich. Er ist ja der junge
Herr Driscoll, und ich bin ein -- o, wäre ich doch tot!«
* * * * *
Ein großer vulkanischer Ausbruch in den Tropen, bei dem die Erde bebt,
Staubwolken die Luft verdunkeln und die Fluten sich emportürmen,
verwandelt die Landschaft ringsum bis zur Unkenntlichkeit. Die
Niederung wird zur Hochfläche, Berge zu Thälern; wo sich die Wüste
dehnte, glänzt ein See, und statt grüner, lachender Wiesen, sehen wir
eine dürre Steppe. Auf ähnliche Weise hatte die furchtbare Katastrophe,
welche über Tom hereingebrochen war, seine bisherige Umgebung in
moralischer Beziehung verändert: Was ihm bisher als niedrig gegolten,
ward zu den Wolken erhoben, und was er für unantastbar angesehen, lag,
unter der Asche früherer Herrlichkeit begraben, in Trümmern vor ihm.
Tagelang wanderte er an einsamen Orten umher, tief in Gedanken
versunken und bemüht, seinen verlorenen Halt wiederzufinden. Es wollte
ihm nicht gelingen. Wenn er einen Bekannten traf, wich plötzlich seine
lebenslange Gewohnheit auf geheimnisvolle Weise von ihm -- er streckte
nicht unwillkürlich die Hand aus, um des Freundes Hand zu schütteln
-- sein Arm hing schlaff herab. Es war der ›Neger‹ in ihm, der ihn an
seine Niedrigkeit mahnte, er wurde rot und schämte sich. Drückte ihm
dann der weiße Freund die Hand, so war der ›Neger‹ in ihm überrascht
und verwirrt. Ganz von selbst trat der ›Neger‹ demütig beiseite und
machte dem weißen Raufbold oder Bummler auf der Straße Platz. Und als
Rowena, die Geliebte seines Herzens, die er im stillen anbetete, ihn
einlud, ins Haus zu kommen, stammelte der Neger in ihm eine verlegene
Entschuldigung, denn er fürchtete sich, mit hochgebietenden weißen
Leuten an einem Tische zu sitzen, wie ihresgleichen. Der ›Neger‹ in ihm
schlich ängstlich lauernd umher und argwöhnte Mißtrauen oder die Gefahr
der Entdeckung in jedem Wort, jeder Miene und Gebärde. So fremdartig
und verändert war Toms Benehmen, daß es den Leuten auffiel und sie sich
umdrehten und ihm nachsahen, wenn er vorüber war. Dann wandte auch er
den Blick -- ganz gegen seinen Willen, aber er konnte nicht anders
-- und sah den verwunderten Ausdruck in diesem oder jenem Gesicht.
-- Von namenloser Furcht gepackt, suchte er, so rasch er konnte, die
Einsamkeit auf. Wie ein gehetztes Wild floh er über Berg und Thal. »Der
Fluch, der auf Ham lastet, verfolgt mich,« dachte er bei sich selber.
Am meisten waren ihm die Mahlzeiten verhaßt. Der ›Neger‹ in ihm schämte
sich, mit den Weißen zusammen zu speisen, ihm bangte fortwährend davor,
entdeckt zu werden. »Was ist denn mit dir los?« fragte Richter Driscoll
einmal, »du machst ja ein so erbärmliches Gesicht wie ein Nigger.« Da
erwiderte Tom, er fühle sich unwohl und stand rasch vom Tische auf. So
mag es dem heimlichen Mörder zu Mute sein, wenn der Ankläger spricht:
»Du bist der Mann!«
Vor der zärtlichen Besorgnis und den Liebkosungen seiner angeblichen
›Tante‹ hatte er ein wahres Grauen und wich ihnen so viel wie möglich
aus. Gegen seinen vermeintlichen ›Onkel‹ erwachte ein förmlicher Haß in
seinem Herzen, der immer mehr zunahm; denn Tom sagte sich: »er ist ein
Weißer und ich bin sein Eigentum, sein Haustier, seine Ware; er kann
mich verkaufen, so gut wie seinen Hund.«
Eine ganze Woche lang bildete sich Tom ein, daß sein Charakter von
Grund aus verändert sei. Doch er kannte sich selber schlecht. Zwar
hatten seine Ansichten in mancher Beziehung eine völlige Wandlung
erfahren, die sich nie wieder rückgängig machen ließ, aber die
Hauptzüge seines Charakters waren sich doch gleich geblieben und
konnten nicht anders werden. Unter dem Einfluß einer großen geistigen
und moralischen Erschütterung hatte es zwar äußerlich den Anschein
gewonnen, als habe er mit seinem bisherigen Treiben völlig gebrochen,
aber, als sich nach einer Weile der Sturm legte, verfiel er wieder in
die alten Sitten und Gewohnheiten. Allmählich kehrte er auch zu seiner
leichtfertigen und oberflächlichen Gesinnung und Redeweise zurück, und
keiner seiner Bekannten hätte in ihm irgend einen Zug entdecken können,
der ihn von dem nichtsnutzigen Tom aus früherer Zeit unterschied.
Es stellte sich bald heraus, daß jener Beutezug, den er unternommen
hatte, doch ergiebiger gewesen war, als er zu hoffen gewagt. Der Ertrag
genügte, um seine Spielschulden zu bezahlen, und so ging die Gefahr
einer Enthüllung seines Thuns und der abermaligen Vernichtung des
Testaments glücklich vorüber. Mit seiner Mutter kam er ziemlich gut
aus. Zwar vermochte sie noch nicht, ihn zu lieben, weil, wie sie es
ausdrückte, ›nichts an ihm war‹, aber ihrer Natur nach brauchte sie
irgend jemand, den sie beherrschen konnte, und dazu war er gut genug.
Durch ihren starken Charakter und ihr streitbares, gebieterisches
Wesen erregte sie Toms Bewunderung, obgleich er mehr Proben davon
erhielt, als er zu seiner Annehmlichkeit bedurfte. In der Regel
bestand aber ihre Unterhaltung aus allerlei Klatsch und Geschwätz über
die Privatangelegenheiten der besten Familien von Dawson, in deren
Küchen sie regelmäßig ihre Ernte hielt, so oft sie zur Stadt kam. Das
gefiel Tom, denn es war ganz nach seinem Geschmack. Sie stellte sich
immer pünktlich ein, um die Hälfte seines Monatsgeldes zu holen; bei
dieser Gelegenheit trafen sie jedesmal im Gespensterhaus zusammen und
plauderten eine Weile. Auch in der Zwischenzeit machte sie ihm ab und
zu dort einen Besuch.
Manchmal fuhr Tom nun auch wieder auf ein paar Wochen nach St. Louis,
und eines Tages unterlag er abermals der Versuchung zum Glücksspiel.
Er gewann eine Menge Geld, verlor es aber wieder und noch eine
beträchtliche Summe obendrein, die er versprach, so bald als möglich
aufzutreiben.
Zu dem Zweck plante er einen neuen Beutezug in Dawson. Seine Räubereien
an einem fremden Orte zu unternehmen, kam ihm nicht in den Sinn, denn
er hätte sich nicht in ein Haus hineingewagt, ohne daß er die Aus- und
Eingänge genau kannte und mit den Gewohnheiten der Familie vertraut war.
Am Mittwoch vor der Ankunft der Zwillinge begab er sich verkleidet in
das Gespensterhaus, nachdem er seiner Tante Pratt geschrieben hatte,
er käme erst in zwei Tagen. Dort hielt er sich bei seiner Mutter
versteckt, und ging erst am Freitag früh, ehe es hell wurde, nach dem
Driscollschen Hause. Durch die Hinterthür gelangte er in sein Zimmer,
wo er den Spiegel und sonstige Toilettengegenstände benützen wollte.
Er trug einen Anzug von seiner Mutter, nebst schwarzem Schleier und
Handschuhen und unter dem Arm ein Bündel mit Mädchenkleidern, die er
zu dem Streifzug anzulegen dachte. Jetzt dämmerte der Morgen: er war
mit der Verkleidung fertig und wollte eben das Zimmer verlassen, als
er durch das Fenster drüben Querkopf Wilson sah, der ihn ohne Zweifel
ebenfalls erblickt hatte. Nun übte er sich, um Wilson zu täuschen, eine
Weile in allerlei Schritten und graziösen Stellungen vor dem Spiegel,
trat dann rasch in den Hintergrund, legte die erste Verkleidung wieder
an, wartete noch geraume Zeit und ging dann die Treppe hinunter und zur
Hinterpforte hinaus. Er wollte auf dem Schauplatz seiner beabsichtigten
Thaten Umschau halten. Doch war ihm unbehaglich zu Mute. Zwar glaubte
er nicht, daß Wilson, wenn er noch auf der Lauer war, ein armes,
altes Weib beachten werde, das früh am Morgen aus der Hinterthür des
Nachbarhauses kam, deshalb hatte er Roxys Kleid wieder angezogen und
schlich in gebückter Haltung einher. Wie aber, wenn nun Wilson doch
Verdacht geschöpft hätte und ihm heimlich folgte? -- Bei dem Gedanken
wurde es Tom bald heiß bald kalt; er beschloß den Raubzug aufzugeben
und eilte auf den verborgensten Wegen nach dem Gespensterhaus zurück.
Seine Mutter war fort, doch kam sie im Laufe des Vormittags wieder und
brachte die Nachricht von der großartigen Empfangsfeierlichkeit bei
Patsy Cooper. Leicht überredete sie ihren Sohn, daß dies eine besondere
Fügung des Himmels sei, die sie sich gar nicht besser wünschen könnten.
So unternahm Tom doch noch den Streifzug und brachte reichliche Beute
mit, während alle Bewohner bei Frau Cooper waren. Durch den Erfolg
ermutigt, wurde er so tollkühn, daß er den Raub nur rasch seiner Mutter
übergab, die in einem Hintergäßchen auf ihn wartete, und dann selbst
dem Empfang der Zwillinge beiwohnte. Auch dort im Hause vermehrte er
seine Beute noch um verschiedene Wertsachen.
* * * * *
Nach dieser langen Abschweifung sind wir jetzt wieder an dem Punkt
unserer Erzählung angekommen, bei dem wir Querkopf Wilson verließen.
Er saß an jenem Freitag-Abend zu Hause, wartete auf die Ankunft der
Zwillinge und zerbrach sich den Kopf über das Mädchen, das er am
Morgen in Tom Driscolls Schlafzimmer gesehen hatte. Soviel er aber auch
hin und her riet und nachsann und sich verwunderte, er brachte es doch
nicht heraus, wer das leichtsinnige Geschöpf wohl sein könnte.
Zwölftes Kapitel.
Als die Zwillinge eingetroffen waren, kam die Unterhaltung gleich in
Fluß; man plauderte lebhaft und behaglich, und der neu geschlossene
Freundschaftsbund befestigte sich mehr und mehr. Auf Verlangen holte
Wilson seinen Kalender herbei und las den Brüdern ein paar Stellen vor,
denen sie aufrichtigen Beifall spendeten. Dies freute den Verfasser
so sehr, daß er ihnen gern die Bitte gewährte, eine Handvoll Blätter
mitnehmen und zu Hause lesen zu dürfen. Auf ihren weiten Reisen
hatten sie die Erfahrung gemacht, daß es drei Arten giebt, sich die
Gunst eines Schriftstellers zu erwerben, welche eine Stufenleiter
gegenseitiger Anerkennung bilden: _Erstens_: man sagt ihm, man habe
eins seiner Bücher gelesen. _Zweitens_: man versichert, man kenne
seine sämtlichen Werke. _Drittens_: man bittet ihn um sein neuestes
Buch im Manuskript.[1] Auf die erste Art gewinnt man seine Achtung,
auf die zweite seine Bewunderung und auf die dritte erobert man sein
ganzes Herz. Die Zwillinge waren beflissen gewesen, gleich die beste
von diesen Methoden anzuwenden.
[1] Wohlverstanden -- im Manuskript! Leute, die den Autor um
sein gedrucktes Buch angehen, pflegen von diesem und seinem
Verleger scheel angesehen zu werden.
~M. T.~
Nicht lange, so wurde ihr Gespräch unterbrochen. Der junge Tom Driscoll
trat ein und ließ sich vorstellen. Als die Brüder aufstanden und ihm
die Hand schüttelten, that er, als sähe er sie zum erstenmal. Aber das
war nur Schein, er hatte sie schon bei der Empfangsfeier von weitem
erblickt, während er das Haus bestahl. Auf die Brüder machte er den
Eindruck eines hübschen Menschen mit glattem Gesicht und geschmeidigen,
aalgleichen Bewegungen, die nicht ungraziös waren. Angelo fand seine
Augen schön, Luigi sah einen verschleierten und listigen Ausdruck
darin. Angelo gefiel die freie Ungezwungenheit seiner Art zu sprechen,
Luigi fand sie nicht gerade angenehm. Angelo hielt ihn für einen ganz
netten jungen Mann, Luigi war noch nicht mit sich einig darüber. Toms
erster Beitrag zu der Unterhaltung bestand in einer Frage, die er wohl
schon hundertmal im fröhlichsten, gutmütigsten Ton an Wilson gerichtet
hatte. Sie verursachte diesem stets ein etwas peinliches Gefühl,
denn sie berührte eine geheime Wunde; diesmal aber gab sie ihm einen
ordentlichen Stich ins Herz, weil die Fremden zugegen waren.
»Nun, wie steht’s mit der Anwaltspraxis? Hast du schon einen Prozeß
geführt?«
Wilson biß sich auf die Lippen und erwiderte so gleichgültig wie
möglich: »Nein -- noch nicht.«
Als Richter Driscoll den Zwillingen Wilsons Lebensgeschichte erzählte,
hatte er seine Rechtsgelehrsamkeit aus zarter Rücksicht beiseite
gelassen.
»Wilson ist nämlich Advokat, meine verehrten Herren,« erklärte Tom mit
verbindlicher Miene, »doch praktiziert er im Augenblick nicht.«
Der Spott kränkte Wilson, aber er nahm sich zusammen und sagte, ohne
seine Erregung blicken zu lassen:
»Ganz richtig -- ich praktiziere nicht. Mir ist noch kein Prozeß
übertragen worden, und ich habe mir mein Brot zwanzig Jahre lang
mühselig mit der Durchsicht von Rechnungsbüchern verdienen müssen.
Nicht einmal in dieser Beschäftigung bekam ich hier am Orte so viele
Aufträge, als ich gewünscht hätte. Aber, daß ich die Rechtswissenschaft
gründlich studiert und nichts versäumt habe, um mich zu einem tüchtigen
Anwalt auszubilden, ist nicht minder wahr. In deinem Alter, Tom, hatte
ich bereits meinen Beruf erwählt, und wäre jederzeit imstande gewesen,
ihn auszuüben. Vielleicht wird mir nie die Gelegenheit dazu geboten,
tritt aber der Fall noch ein, so soll es an mir nicht fehlen, denn ich
habe meine Rechtsstudien alle die Jahre her ununterbrochen fortgesetzt.«
Tom hatte den Hieb wohl gefühlt, aber er ließ sich nicht einschüchtern.
»Bravo,« rief er, »gesprochen wie ein Mann -- das gefällt mir. Wie
wär’s, wenn ich dich zu meinem Geschäftsträger machte,« fuhr er lachend
fort. »Deine Rechtspraxis und meine Geschäfte würden sich so ziemlich
die Wage halten, meinst du nicht auch, David?«
»Es giebt allerlei Geschäfte --« versetzte Wilson. Er dachte an das
Fräulein in Toms Zimmer, und hatte schon vor, den jungen Menschen wegen
seines heimlichen und verwerflichen Treibens zur Rede zu setzen, doch
kam er wieder davon zurück. »Nein,« unterbrach er sich, »was ich sagen
wollte, ist kein Gegenstand für eine allgemeine Unterhaltung.«
»Dann lassen wir es besser auf sich beruhen. Du wolltest mir gewiß noch
einen zweiten Rippenstoß geben; reden wir lieber von etwas anderem:
Was macht denn dein geheimnisvolles Steckenpferd neuerdings? Weißt du,
deine ›Protokolle‹, wie du sie nennst. -- Wilson hat nämlich den Plan,
das gewöhnliche Fensterglas aus der Mode zu bringen und durch Scheiben
zu ersetzen, die mit Abdrücken fettiger Finger verziert sind. Er wird
steinreich werden, wenn er seine Erfindung an alle gekrönten Häupter
Europas zum Schmuck für ihre sämtlichen Paläste verkauft. -- Zeige uns
doch einmal deinen Schatz, David.«
Wilson brachte drei Glasplättchen herbei. »Ich bitte die Herren, sich
mit der rechten Hand durchs Haar zu fahren, wodurch sich etwas von
der natürlichen Fettigkeit den Fingern mitteilt -- und jede einzelne
Fingerspitze der Reihe nach auf das Glas zu drücken. Alle feinen
Linien in der Haut zeichnen sich dann genau darauf ab und verwischen
sich nicht wieder, wenn sie nicht durch die Berührung mit einem rauhen
Gegenstand ausgelöscht werden. Du zuerst, Tom!«
»Ich dächte, du hättest den Abdruck meiner Finger schon ein- oder
zweimal genommen.«
»Ja; aber beim letztenmal warst du noch ein kleiner Junge von etwa
zwölf Jahren.«
»Das stimmt. Seitdem habe ich mich natürlich ganz verändert, und die
gekrönten Häupter sollen ja wohl die mannigfachsten Verzierungen auf
ihre Fensterscheiben bekommen.«
Er fuhr sich mit der Hand durch sein kurzgeschorenes Haar und drückte
dann jeden Finger einzeln auf das Glas. Angelo benützte ein anderes
Plättchen zu dem gleichen Zweck, und zuletzt Luigi ein drittes. Nun
fügte Wilson noch Namen und Datum bei und bewahrte die Glasplättchen
wieder auf.
»Eigentlich wollte ich nichts sagen,« meinte Tom lachend, »aber, wenn
dir’s auf Verschiedenartigkeit ankommt, so hast du jetzt eben ein Glas
unnütz vergeudet. Die Fingerabdrücke des einen Zwillings sind genau wie
die des anderen.«
»Was geschehen ist, ist geschehen,« sagte Wilson und nahm wieder Platz,
»mir ist’s so wie so lieber, wenn ich sie beide habe.«
»Aber, wie steht’s denn, David,« fuhr Tom fort, »früher hast du doch
auch aus der Hand gewahrsagt, wenn du die Abdrücke nahmst? -- Er
ist nämlich ein Allerweltsgenie -- eine Größe ersten Ranges, ein
tiefsinniger Gelehrter, der hier am Ort verkümmert, ein Prophet, der
nur so viel gilt, wie alle Propheten im Vaterlande -- hier fragt kein
Mensch nach seiner Weisheit und man nennt seinen Schädel ein Museum
voll komischer Einfälle -- nicht wahr, David, so ist’s! Doch einerlei
-- er wird schon noch sein Glück machen -- ein gläsernes Glück mit
Fettabdrücken -- hahaha! Wirklich, die Wahrsagerei ist famos -- lassen
Sie ihn nur einmal Ihren Handteller betrachten! Wer für sein Geld nicht
genug hat, bekommt es an der Kasse zurückbezahlt. Er liest, was drin
geschrieben steht, als wäre es ein Buch und sagt einem nicht nur sechs
Dutzend Dinge voraus, die geschehen werden, sondern auch fünfzig oder
sechzigtausend, die nicht eintreffen. Komm, David, zeige den Herren,
was für einen wunderbaren Tausendkünstler unsere Stadt besitzt, ohne
daß wir es ahnen.«
Für Wilson war dies spöttische und nicht sehr rücksichtsvolle Geschwätz
eine arge Pein, und das that den Zwillingen in der Seele weh. Sie
urteilten ganz richtig, daß sie ihm die größte Wohlthat erweisen
würden, wenn sie die Sache ernsthaft behandelten und Toms Neckereien
unbeachtet ließen, deshalb sagte Luigi:
»Wir haben auf unsern Reisen öfters Beispiele von Handwahrsagerei
erlebt und uns selbst davon überzeugt, wie erstaunliche Dinge sie zu
leisten vermag. Sie ist eine Wissenschaft -- wie sollte man sie wohl
anders nennen, und zwar eine der tiefsinnigsten. -- Im Orient zum
Beispiel --«
»Dies Taschenspielerkunststück eine Wissenschaft!« -- rief Tom mit
verwunderter, ungläubiger Miene. »Das kann doch unmöglich Ihr Ernst
sein.«
»Mein völliger Ernst. Vor vier Jahren hat man uns unser Schicksal aus
der Hand geweissagt, als ob es dort geschrieben stände.«
»So meinen Sie also wirklich, daß etwas an der Sache ist?« fragte Tom,
dessen Unglaube schon zu wanken begann.
»Versteht sich,« fiel jetzt Angelo ein. »Die Schilderung unserer
Charaktere zum Beispiel stimmte in allen Einzelheiten; wir hätten
kaum noch etwas hinzuzufügen gewußt. Auch wurden mehrere denkwürdige
Thatsachen aus unserer Vergangenheit enthüllt, von denen keiner der
Anwesenden das Geringste wissen konnte.«
»Das ist ja die reinste Zauberei,« rief Tom mit immer wachsendem
Interesse. »Und was man Ihnen von der Zukunft vorausgesagt hat, ist
auch eingetroffen?«
»Im allgemeinen ja -- so ziemlich,« sagte Luigi. »Zwei oder drei der
Hauptereignisse jedenfalls; das allerwichtigste sogar noch im selben
Jahre. Auch von den unbedeutenden Prophezeiungen haben sich einige
bereits erfüllt, und die andern großen oder kleinen können mit der
Zeit noch wahr werden -- vielleicht gehen sie auch nie in Erfüllung,
doch gestehe ich, daß mich das mehr überraschen würde, als wenn das
Gegenteil eintritt.«
Die Worte machten einen tiefen Eindruck auf Tom, aller Mutwillen war
ihm vergangen.
»Höre, David,« sagte er im Ton der Entschuldigung, »du mußt nicht etwa
denken, daß ich deine Wissenschaft herabsetzen wollte; es machte mir
nur Spaß, dich ein wenig damit aufzuziehen. Bitte, laß dir doch einmal
ihre Handflächen zeigen. Nicht wahr, du thust mir den Gefallen.«
»Jawohl, gern, wenn du es wünschest; aber, du weißt ja, ich habe nie
Gelegenheit gehabt, mich ganz mit der Kunst vertraut zu machen und will
auch nicht als Sachverständiger gelten. Wenn ein vergangenes, wichtiges
Ereignis sehr deutlich in den Linien der Hand geschrieben steht, kann
ich es meist erkennen, aber, was geringfügiger ist, entgeht mir oft --
natürlich nicht immer, jedoch häufig. Wenn es aber gilt, in der Zukunft
zu lesen, so bin ich meiner Sache nicht recht sicher. Ich spreche
beinahe, als ob ich die Handwahrsagerei lebhaft betreibe, doch das ist
durchaus nicht der Fall. In den letzten sechs Jahren habe ich kaum ein
halbes Dutzend Hände untersucht. Die Leute fingen an, sich darüber
lustig zu machen, und da ließ ich die Kunst einschlafen, um dem Gerede
ein Ende zu machen. Wenn es Ihnen recht ist, Graf Luigi, will ich
einmal einen Versuch mit Ihrer Vergangenheit machen -- glückt mir der,
dann -- doch nein, an die Zukunft will ich mich überhaupt nicht wagen;
das sollte wirklich nur ein ganz Kundiger thun.«
Als er Luigis Hand nahm, sagte Tom: »Warte einen Augenblick, David,
-- sieh noch nicht hin! Hier, Graf Luigi, ist Papier und Bleistift.
Schreiben Sie die Prophezeiung auf, von der Sie sagten, es sei die
allerwichtigste gewesen und sie habe sich noch im nämlichen Jahr
erfüllt. Dann geben Sie mir den Zettel, damit ich sehen kann, ob David
das Erlebnis in Ihrer Hand entdeckt.«
Luigi schrieb eine Zeile, faltete das Papier zusammen und reichte es
Tom mit den Worten: »Wenn er es findet, werde ich Sie auffordern, das
Geschriebene vorzulesen.«
Nun begann Wilson seine Untersuchung von Luigis Handfläche. Er folgte
den Lebenslinien, den Herz- und Kopflinien und beobachtete auch alle
die feineren und zarteren Merkmale und Verzweigungen genau, die sich
spinnwebartig nach allen Seiten ausbreiteten. Dann befühlte er den
fleischigen Ballen am Daumen, merkte auf dessen Form, strich von der
Wurzel des kleinen Fingers bis zum Handgelenk hinunter, untersuchte
jeden Finger besonders nach Größe, Gestalt und Verhältnis zu den
anderen, auch ihre natürliche Lage im Zustand der Ruhe. Die Anwesenden
schauten seinem Verfahren mit der größten Spannung zu, sie steckten
die Köpfe zusammen, beugten sich über Luigis Hand, und keiner
unterbrach die Stille mit einem Laut. Schließlich wiederholte Wilson
die Untersuchung noch einmal von Anfang an und verkündete zugleich das
Ergebnis.
Er entwarf eine genaue Schilderung von Luigis Charakter und Gemütsart,
beschrieb seine Geschmacksrichtung, seine Zu- und Abneigungen, seine
natürlichen Anlagen und Absonderlichkeiten, so daß Luigi oft die
Lippen zusammenkniff und die andern lachten. Beide Zwillinge erklärten
jedoch, daß jeder Zug richtig sei und alle Angaben zuträfen.
Hierauf ging Wilson zu Luigis Lebensgeschichte über. Er verfuhr dabei
nur zögernd und mit großer Vorsicht; langsam strich er mit den Fingern
über die Hauptlinien der inneren Hand und hielt zuweilen bei einem
Kreuzpunkt oder einem besonderen Kennzeichen still, um die ganze
Stelle sorgfältig zu durchforschen. Einige Thatsachen aus Luigis
Vergangenheit, die er aufzählte, erwiesen sich als richtig, und die
Untersuchung ward fortgesetzt. Auf einmal sah Wilson überrascht in die
Höhe.
»Hier stoße ich auf ein Ereignis, von dem Sie vielleicht nicht wünschen
würden -- --«
»Sprechen Sie es nur aus,« sagte Luigi gutmütig, »es wird mich nicht in
Verlegenheit bringen, verlassen Sie sich darauf.«
Aber Wilson zögerte noch immer und schien nicht recht zu wissen, was er
thun sollte.
»Es ist wirklich eine zu heikle Sache,« sagte er endlich. »Ich möchte
sie lieber aufschreiben oder Ihnen ins Ohr flüstern, damit Sie selbst
entscheiden, ob man davon reden soll oder nicht.«
»Das wird am besten sein,« versetzte Luigi, »schreiben Sie es nieder.«
Wilson warf einige Worte auf ein Stück Papier, das er Luigi reichte.
Dieser las sie für sich und sagte dann zu Tom:
»Sehen Sie nach, was auf Ihrem Zettel steht, Herr Driscoll.«
Tom las laut:
»_Man prophezeite mir, daß ich einen Menschen umbringen würde. Der
Spruch ging in Erfüllung, noch ehe das Jahr vorüber war._«
»Nun lesen Sie auch dies!«
»_Sie haben jemand umgebracht, ob es aber ein Mann, eine Frau oder ein
Kind ist, kann ich nicht ermitteln_,« las Tom mit Verwunderung. »Aber,
das ist ja unerhört, das geht über alle Begriffe,« rief er in großer
Erregung. »Die eigene Hand eines Menschen ist sein ärgster Todfeind
-- sie führt ein Verzeichnis über die schlimmsten und verborgensten
Geheimnisse seines Lebens und ist stets bereit, sie dem ersten besten
Schwarzkünstler, der des Weges kommt, treulos zu verraten. Warum lassen
Sie denn aber auch Ihre Hand ansehen, wenn etwas so Schreckliches
darin geschrieben steht?«
»O, das macht mir nichts aus,« versetzte Luigi gelassen. »Ich hatte
meine guten Gründe, den Mann zu töten und bereue es keineswegs.«
»Weshalb thaten Sie es denn?«
»Es war ein Ding der Notwendigkeit.«
»Ich will Ihnen sagen, wie es kam, da mein Bruder mit der Sprache
zögert,« rief jetzt Angelo eifrig. »Er tötete ihn, um mir das Leben zu
retten; es war eine edle That, die das Licht nicht zu scheuen braucht.«
»Gewiß nicht, gewiß nicht,« bestätigte Wilson, »wer so etwas um seines
Bruders willen vollbringt, darf sich dessen wohl rühmen.«