»Zerrissen -- nicht möglich. Das würde er nie thun. Nimm das gleich

zurück, du erbärmlicher, unechter Neger, den ich mit Kummer und

Schmerzen geboren habe.«

Roxys schönstes Luftschloß -- der monatliche Dollar aus Toms Tasche

-- stürzte vor ihren Augen zusammen. Das war ein entsetzliches

Mißgeschick, der Gedanke schien ihr unerträglich.

»Hahaha!« lachte Schamber belustigt, »hört nur mal das. Wenn ich ein

unechter Neger bin, was bist du dann wohl? Wir sind zwei unechte Weiße,

weiter nichts -- sehr gut nachgemacht noch dazu, hahaha! aber als Neger

ganz mißlungen -- eben drum --«

»Schweig’ still mit deinem Gewäsch, sonst kriegst du eins um die Ohren

-- erzähl’ weiter von dem Testament. Sag’, daß es nicht zerrissen ist,

thu’s, Schatz, und ich will dir’s gedenken.«

»Na, also -- ’s ist wieder ganz -- man hat ein neues gemacht und Massa

Tom ist noch, was er war. Aber, du brauchst dich nicht so drüber zu

erhitzen, Mammy. Was geht’s denn dich an?«

»Mich soll’s nichts angehen? Wen denn sonst, bitte? Bin ich nicht

seine Mutter gewesen, bis er fünfzehn Jahre alt war? Und nun soll

mir’s gleich sein, wenn man ihn kahl und leer in die Welt ’naus jagt!

Du weißt nichts von Muttergefühlen, Schamber, sonst thätst du nicht

solchen Unsinn reden.«

»Also -- der alte Massa hat ihm vergeben und das Papier noch mal

geschrieben -- ist dir’s nun recht?«

Ja, sie war ganz glücklich und zufrieden und weinte ein bißchen vor

Freuden. Alle Tage erschien sie wieder, bis es endlich einmal hieß, Tom

sei nach Hause gekommen. Sie zitterte ordentlich vor innerer Erregung,

schickte auch sogleich zu ihm und ließ ihn bitten, er möchte seiner

armen alten Negermammy die schreckliche Freude machen, daß sie ihn nur

einmal sehen dürfe.

Tom lag träge auf dem Sofa ausgestreckt, als Schamber kam und die

Botschaft brachte. Der alte Widerwille, den er gegen den armen Packesel

und Beschützer seiner Knabenjahre empfand, hatte sich mit der Zeit

nicht gemildert; sein Ingrimm und seine Erbitterung waren noch ebenso

stark wie damals. Jetzt richtete er sich auf und starrte mit zornigem

Blick in das hübsche Gesicht des jungen Burschen, dessen Namen und

Geburtsrecht er gestohlen hatte, ohne es zu wissen. Lange sah er ihn

unverwandt an, bis der Geängstigte so schreckensbleich geworden war,

wie es sein Peiniger wollte.

»Was will das alte Tier?«

Die Bitte wurde in aller Demut wiederholt.

»Wer hat dir erlaubt hereinzukommen und mich mit den Anliegen einer

elenden Negerin zu belästigen?«

Tom war aufgesprungen. Der junge Bursche, der vor ihm stand, zitterte

heftig. Er wußte, was jetzt kommen würde, bog den Kopf zur Seite und

hob als Schild den linken Arm in die Höhe. Ohne ein Wort zu sagen,

holte Tom aus, und Schlag auf Schlag hagelte nun auf Kopf und Schultern

des armen Menschen nieder, der die Hiebe geduldig hinnahm und nur

»bitte, Massa Tom -- o bitte, Massa Tom!« flehte. Nach dem siebenten

Schlag rief Tom: »Umkehren -- hinaus -- marsch!« Er folgte hinterdrein,

um seinem Opfer noch einen, zwei, drei derbe Fußtritte zu versetzen.

Der letzte Tritt beförderte den weißen Sklaven zur Thür hinaus; er

hinkte fort und wischte sich die Augen mit seinem alten zerlumpten

Aermel. »Schick’ sie herauf!« schrie ihm Tom noch nach.

Dann warf er sich keuchend wieder auf den Sofa und brummte: »Der

kam wie gerufen. Ich war zum überfließen voll schwerer Gedanken und

brauchte jemand, an dem ich meine Galle auslassen konnte. Es hat mir

gut gethan, ich fühle mich ordentlich erfrischt.«

Jetzt trat Toms Mutter ein; sie schloß die Thür hinter sich und näherte

sich ihm mit all der kriechenden, schmeichlerischen Unterwürfigkeit,

welche Furcht und Eigennutz den Worten und Gebärden des geborenen

Sklaven verleihen können. Zwei Schritte von ihrem Sohn entfernt blieb

sie stehen und erging sich in bewundernden Ausrufungen über seine

schöne Gestalt und sein ganzes männliches Aussehen. Tom legte seinen

Arm unter den Kopf und warf ein Bein über die Sofalehne, um gehörig

gleichgültig zu erscheinen.

»Potztausend, wie du gewachsen bist, mein Herzchen. Ich hätt’ dich

wahrhaftig nicht wiedererkannt, Massa Tom. Sieh mich mal an. Kennst du

denn die alte Roxy noch, deine Negermammy von früher? -- Ja, nun kann

ich mich hinlegen und in Frieden sterben, weil meine alten Augen -- --«

»Laß das Geschwätz -- komm zur Sache. Was willst du hier?«

»Du meine Güte! Noch immer derselbe Massa Tom, so spaßhaft und lustig

mit der alten Mammy. Ich wußt’s ja ganz gewiß -- --«

»Hörst du nicht -- mach’s kurz und packe dich wieder! Was willst du von

mir?«

Das war eine bittere Enttäuschung. Roxy hatte sich so lange damit

ergötzt und erquickt und in den Gedanken eingewiegt, Tom würde

sich freuen, seine alte Wärterin zu sehen und sie durch ein paar

herzliche Worte stolz und überglücklich machen. Da vermochte sie es

kaum zu fassen, daß ihr schöner Traum nichts als die Eitelkeit ihres

thörichten Herzens und ein jammervoller Irrtum war. Erst nachdem sie

zum zweitenmal hart angelassen worden, begriff sie, daß es kein Scherz

sein sollte. Es kränkte sie tief; vor Scham und Herzeleid wußte sie

nicht gleich, was nun zu thun sei. Ihre Brust hob und senkte sich,

Thränen traten ihr in die Augen und in ihrer Ratlosigkeit beschloß

sie, den Versuch zu machen, ihren Sohn um Unterstützung zu bitten,

damit wenigstens ihr anderer Traum in Erfüllung ginge. Ohne weitere

Ueberlegung flehte sie ihn an:

»O Massa Tom, der armen alten Mammy ist’s so schlecht ergangen, sie hat

großes Unglück gehabt, jetzt sind nun gar ihre Arme gelähmt und sie

kann nicht arbeiten. Gebt ihr doch einen Dollar -- nur einen einzigen

Dol --«

Tom sprang so rasch auf die Füße, daß die Bittstellerin erschrocken

zusammenfuhr.

»Was sagst du -- einen Dollar! Erwürgen könnte ich dich. Du willst hier

um Geld betteln? Pack’ dich auf der Stelle, mach’ daß du fortkommst!«

Roxy zog sich langsam nach der Thür zurück. Auf halbem Wege blieb sie

stehen und sagte voll Trauer:

»Massa Tom, ich hab’ Euch gewartet und gepflegt, als Ihr klein wart,

und hab’ Euch ganz allein aufgezogen. Jetzt seid Ihr jung und reich,

und ich bin arm und krank. Da kam ich her und dachte, Ihr würdet der

alten Mammy helfen, auf dem kurzen Weg, den sie noch hat, bis sie im

Grabe liegt, und -- --«

Tom gefiel dieser Ton noch weniger als der zuerst angeschlagene, denn

er weckte sozusagen die Stimme seines Gewissens. Er fiel ihr daher ins

Wort und sagte, nicht schroff, aber mit großer Bestimmtheit, daß er

nicht in der Lage wäre, ihr zu helfen, und sie nichts von ihm zu hoffen

habe.

»Wollt Ihr denn gar nichts für mich thun, Massa Tom?«

»Nein. Jetzt geh’ deiner Wege und belästige mich nicht länger.«

Roxy stand mit gesenktem Haupt in demütiger Haltung vor ihm. Da flammte

die Erinnerung an alles alte Unrecht, das sie erlitten, wieder auf und

brannte in ihrer Brust wie Feuer. Langsam hob sie den Kopf und richtete

sich empor, so daß ihre mächtige Gestalt noch zu wachsen schien und sie

unwillkürlich eine Herrschermiene annahm, die ihr alle Würde und Anmut

ihrer entschwundenen Jugend zurückgab.

»Du hast’s gesprochen, das Wort,« sagte sie mit drohend erhobenem

Finger. »Ich gab’ dir ’ne Gelegenheit -- du hast sie mit Füßen

getreten. Soll sie dir wieder geboten werden, so mußt du auf die Kniee

fallen und darum _betteln_.«

Tom durchrieselte es kalt, er wußte selbst nicht warum. Die feierliche

Rede klang so unheimlich und verwirrte ihn. Doch that er, was unter den

Umständen natürlich war, er antwortete mit einem Hohngelächter.

»Du willst mir noch eine Gnadenfrist gewähren -- _du_! Soll ich nicht

lieber jetzt gleich vor dir auf die Kniee fallen? Aber, nehmen wir

einmal an, ich hätte keine Lust dazu -- was wird dann wohl geschehen --

das möchte ich wissen.«

»Was dann geschehen wird? -- Ich geh’, wie ich bin, zu deinem Onkel

und sag’ ihm haarklein alles, was ich von dir weiß.«

Toms Wangen wurden bleich und sie sah es. Wirre Gedanken jagten sich

in seinem Hirn. »Woher soll sie es wissen? -- Und doch -- sie muß es

entdeckt haben, man sieht’s ihr am Gesicht an. Seit drei Monaten erst

ist das neue Testament gemacht und schon bin ich wieder bis an den Hals

in Schulden und muß Himmel und Erde in Bewegung setzen, um mich vor

Schmach und Verderben zu retten. Ich hoffte, es sollte mir glücken,

die Sache zu vertuschen, wenn sich niemand hineinmischt, und nun ist

dies Teufelsweib irgendwie dahinter gekommen. Wie viel sie wohl wissen

mag? -- O Jammer, man möchte rasend werden. Aber, ich muß suchen, ihr

gütlich beizukommen -- ein anderes Mittel giebt es nicht.«

Mit Mühe zwang er sich dazu, ein scherzhaftes Wesen anzunehmen, sein

lustiges Lachen klang hohl und er sagte mit verstellter Munterkeit:

»Weißt du was, Roxy, alte Freunde wie wir zwei dürfen nicht mit

einander zanken. Hier hast du deinen Dollar -- nun sage mir, was du

weißt.«

Er hielt ihr das Papiergeld als Köder hin, aber sie rührte sich nicht

vom Fleck. Jetzt war die Reihe an ihr, seine Ueberredungskünste mit

Verachtung zu strafen, und sie ließ die Gelegenheit nicht unbenutzt.

Tom lernte einsehen, daß selbst eine frühere Sklavin der Schmach und

Mißachtung eingedenk sein kann, mit der er ihre Schmeichelreden und

Artigkeiten vergolten hatte. Sie genoß jetzt die Süßigkeit der Rache,

als sie im Ton unversöhnlichen Ingrimms erwiderte:

»Was ich weiß, das will ich dir sagen: So viel, daß dein Onkel sein

Vermächtnis in tausend Stücke reißen wird -- und noch weit _mehr_ --

hörst du -- noch weit mehr.«

Tom sah sie entsetzt an.

»Mehr?« fragte er. »Was soll das heißen? Was kann noch mehr geschehen?«

Roxy lachte spöttisch, warf den Kopf in die Höhe und stemmte die Arme

in die Seiten. »Jawohl, ich kann mir’s denken,« sagte sie voller Hohn,

»möchtest es gern wissen -- für deinen elenden Dollar. Wozu sollt’

ich’s _dir_ verraten -- du hast ja kein Geld. Deinem Onkel will ich’s

sagen -- ich thu’s auf der Stelle -- der giebt mir _fünf_ Dollars für

die Neuigkeit mit tausend Freuden.«

Sie drehte ihm verächtlich den Rücken und wollte gehen. Tom geriet in

furchtbare Angst, er hielt sie am Kleide fest und flehte sie an, noch

zu warten. Da wandte sie sich wieder um.

»Siehst du wohl, hab’ ich dir’s nicht gesagt?« rief sie mit stolzer

Miene.

»Was denn -- ich erinnere mich nicht. Was hättest du mir gesagt?«

»Du würdest vor mir auf die Kniee fallen und mich drum bitten.«

Einen Augenblick stand Tom wie erstarrt, dann sagte er keuchend vor

Aufregung:

»O Roxy, du wirst doch deinem jungen Herrn so etwas Schreckliches nicht

zumuten? Das kann dein Ernst nicht sein.«

»Du wirst schon sehen, ob’s mein Spaß oder Ernst ist. Hast du mich

nicht geschimpft und fast angespieen, als ich hergekommen bin, ich

armes Weib, in aller Demut, um dir zu sagen, wie groß und hübsch du

geworden bist, und wie ich dich gewartet hab’ und dich gepflegt, wenn

du krank warst und keine Mutter hattest außer mir, in der ganzen

weiten Welt? Die arme alte Negerin wollte nur ’nen Dollar haben, um

sich Speise zu kaufen -- du aber hast sie geschmäht und gescholten --

straf’ dich Gott! Jetzt geb’ ich dir noch _eine_ Frist -- nur ’ne halbe

Sekunde lang -- ’s ist deine letzte -- hörst du?«

Tom fiel auf die Kniee.

»Hier lieg’ ich vor dir, Roxy -- und ich bitte und flehe dich an --

sage mir’s jetzt.«

Die Tochter der unglücklichen Rasse, welche zwei Jahrhunderte lang

Schmach und Schimpf ungesühnt erduldet hatte, schaute auf ihn herab und

schien ihre Seele mit Wonne an dem Anblick zu sättigen. Dann sagte sie:

»So ist’s recht. Der schöne, weiße, junge Herr kniet vor dem armen

Negerweib. -- Das hab’ ich immer noch gern mal sehen wollen, so lang

ich leb’. Nun kann meinetwegen der Erzengel Gabriel in sein Horn

stoßen, wann er will -- ich bin bereit ... Steh’ auf!«

Tom erhob sich.

»Strafe mich jetzt nicht noch härter, Roxy,« bat er demütig. »Das hab’

ich alles verdient, aber nun sei gut und laß mich frei. Gehe nicht zum

Onkel. Sage mir alles -- ich gebe dir die fünf Dollars.«

»Jawohl, das sollst du auch, und damit ist’s noch lange nicht genug. --

Aber, ich sag’ dir’s nicht hier --«

»Um Himmels willen, warum denn nicht?«

»Fürchtest du dich vor dem Gespensterhaus?«

»N--nein.«

»Gut, also dann komm um zehn oder elf Uhr heute nacht dorthin;

steig’ die Leiter ’rauf, die Treppe ist abgebrochen -- da wirst du

mich finden. Ich wohn’ im Gespensterhaus, weil ich keinen anderen

Unterschlupf hab’.« -- Sie ging nach der Thür, stand aber wieder still.

»Gieb mir den Dollarschein.« Er reichte ihr das Papier, sie betrachtete

es nachdenklich: »Vielleicht will die Bank auch nicht mehr zahlen,«

murmelte sie und wollte gehen; vorher aber fragte sie noch: »Hast du

einen Schluck Branntwein?«

»Ja, einen Tropfen.«

»Hol’ mir’s.«

Er lief in sein Zimmer hinauf und kam mit einer Flasche zurück, die

noch über die Hälfte voll war. Ihre Augen funkelten; sie führte die

Flasche zum Munde, trank daraus und steckte sie dann unter ihr Tuch.

»Die Sorte ist gut,« sagte sie, »das nehm’ ich mit.«

Tom geleitete sie bis zur Thür, die er öffnete, worauf sie wie ein

Grenadier in stolzer, aufrechter Haltung hinausmarschierte.

Zehntes Kapitel.

Tom warf sich wieder auf das Sofa und preßte die Hände an seine

pochenden Schläfen. Die Ellbogen auf das Knie gestützt, wiegte er sich

laut stöhnend hin und her.

»Ich habe vor einer erbärmlichen Negerin gekniet,« murmelte er mit

verbissener Wut. »Schon vorher glaubte ich den äußersten Grad von

Erniedrigung erreicht zu haben -- aber das war nichts im Vergleich.

Nun -- eine Gewißheit bleibt mir wenigstens -- es ist freilich nur

ein leidiger Trost -- tiefer kann ich nicht noch fallen, eine größere

Schmach giebt es nicht.«

Doch das war eine voreilige Behauptung.

Als er um zehn Uhr an jenem Abend die Leiter im Gespensterhaus erklomm,

sah er bleich und schwach aus, und ihm war elend zu Mute. Roxy hatte

ihn kommen hören; sie stand an der Stubenthür und wartete auf ihn.

Das zweistöckige Blockhaus lag unbenützt da, seit vor einigen Jahren

das Gerücht entstanden war, es sei darin nicht geheuer. Niemand wollte

mehr dort wohnen, bei Nacht vermied man die Gegend ängstlich, auch am

hellen Tage machten die meisten Leute lieber einen weiten Bogen, um

nicht in die Nähe des gefürchteten Gespensterhauses zu kommen. Mit

der Zeit war es in Verfall geraten und drohte einzustürzen, da man

keinerlei Ausbesserung vornahm; es stand etwa dreihundert Meter von

Querkopf Wilsons Haus entfernt, als letztes Gebäude nach dieser Seite

hin, dazwischen war nichts als unbebautes Land.

Tom folgte Roxy in die Stube hinein. In einer Ecke lag eine Schütte

reines Stroh, auf dem sie schlief; ihre ärmlichen, aber sauber

gehaltenen Kleidungsstücke hingen an der Wand, eine Blechlaterne warf

hier und da kleine Lichtflecke auf den Boden, einige alte leere Kisten,

die verstreut umherstanden, ersetzten die Stühle. Nachdem sie beide

Platz genommen hatten, begann Roxy:

»Ich mach’ kein langes Federlesen und komm’ jetzt gleich zur Sache; vom

Geld reden wir nachher -- ich hab’s nicht eilig. Was glaubst du wohl,

daß ich dir sagen will?«

»Nun du -- du -- o Roxy, mache mir’s doch nicht so schwer. Schieß los

und sage, daß du irgendwie dahinter gekommen bist, in welche Klemme ich

mich gebracht habe durch thörichten Leichtsinn und Ausschweifung.«

»Leichtsinn -- Ausschweifung -- i bewahre! Das ist rein gar nichts im

Vergleich zu dem, was ich weiß.«

Tom starrte sie mit offenem Munde an: »Aber Roxy, was soll denn das

heißen?«

Sie stand auf und blickte düster und erbarmungslos, wie das Schicksal

selbst, auf ihn herab.

»Ich will dir’s sagen -- und ’s ist die lauterste Wahrheit. Du bist so

wenig mit dem alten Massa Driscoll verwandt wie ich selbst -- daß du’s

nur weißt.« Ihr Auge flammte auf in wildem Triumph.

»Was!«

»Jawohl -- und damit ist’s noch nicht genug. Du bist ein Nigger -- als

Sklave geboren und nichts anderes als ein Nigger und Sklave bis zu

dieser Stunde. Wenn ich den Mund aufthu’, verkauft dich der alte Massa

Driscoll nach dem Süden, flußabwärts, bevor noch zwei Tage um sind.«

»Was faselst du da, du erbärmliche alte Hexe, es ist eine verdammte

Lüge!«

»Die reine Gotteswahrheit ist’s -- meiner Seel’, ich lüge nicht. Glaub’

mir’s nur -- du bist _mein Sohn_ -- --«

»Du Teufelsweib!«

»Und der arme Junge, den du heut’ gestoßen und geschlagen hast, der

ist Percy Driscolls Sohn und dein Herr!«

»Du Ungeheuer!«

»Sein Name ist Tom Driscoll und du heißt Valet de Schamber, ’nen

Familiennamen hast du nicht, weil den kein Neger hat!«

Tom sprang auf, griff nach einem Holzscheit und hob es drohend empor,

aber seine Mutter lachte nur höhnisch.

»Setz’ dich hin, du Gelbschnabel,« sagte sie. »Glaubst du, ich fürcht’

mich vor dir und deinesgleichen? Wenn du könntest, jagtest du mir ’ne

Kugel in’n Rücken -- das säh’ dir ganz gleich -- ich kenn’ dich durch

und durch. Bring’ mich nur um -- dir nützt’s doch nichts -- alles ist

aufgeschrieben und in sichern Händen. Der Mann, der’s in Verwahrung

hat, weiß auch, wer der Rechte ist, an den er sich halten muß, wenn mir

ein Leids geschieht. -- Du meine Güte, denkst du denn, deine Mutter ist

ebenso erzdumm wie du? Das bilde dir nur nicht ein. Jetzt setz’ dich

dorthin, betrag’ dich anständig und steh’ nicht eher wieder auf, bis

ich dir’s sage!«

Tom war wie rasend vor ohnmächtiger Wut. Eine Weile tobte er noch und

stürmte im Zimmer umher, endlich schien er zu einem festen Entschluß

zu kommen.

»Es ist alles nur Unsinn und Faselei,« sagte er so bestimmt er konnte.

»Gehe nur hin und versuche es, mich zu verderben; ich habe nichts mehr

mit dir zu schaffen.«

Ohne ein Wort der Erwiderung nahm Roxy die Laterne vom Nagel und

schritt nach der Thür. Der kalte Angstschweiß trat Tom auf die Stirne.

»Komm wieder, Roxy, komm wieder!« jammerte er. »Es war nicht mein

Ernst, ich will es nie mehr sagen, ich nehme alles zurück! Sei nur gut,

Roxy, und bleibe hier.«

Das Weib stand einen Augenblick still und befahl dann in strengem Ton:

»_Eins_ muß jetzt ganz aufhören, Valet de Schamber. Du darfst mich

nicht mehr Roxy nennen, als wärest du meinesgleichen. So reden Kinder

nicht mit der Mutter. Du sagst Ma oder Mammy zu mir, wie sich’s gehört

-- wenigstens wenn niemand dabei ist. -- Sag’s!«

Mühsam brachte Tom das Wort heraus.

»So ist’s recht. Vergiß das nicht wieder, sonst soll dir’s übel

bekommen. Also -- du hast eben versprochen, du wirst es nie mehr Lüge

und Unsinn nennen? Nun gut -- ich warne dich: hör’ ich’s noch einmal

aus deinem Munde, so hast du’s zum letztenmal gesagt. Auf der Stelle

geh’ ich dann zum Richter Driscoll, sag’ ihm, wer du bist und geb’ ihm

die _Beweise_. Glaubst du mir das alles, Schamber?«

»O,« stöhnte Tom, »ja, ich glaube es -- ich weiß es nur zu gut!«

Roxys Triumph war vollständig, das stand außer Frage. Zwar hätte sie

ihre Behauptung keinem Menschen gegenüber beweisen können, und die

schriftliche Aufzeichnung war ganz erlogen, aber sie wußte, mit wem sie

es zu thun hatte und der Erfolg entsprach vollkommen ihrer Erwartung.

Im Bewußtsein ihres herrlichen Sieges nahm sie mit stolzer Haltung

wieder auf der alten Kiste Platz, als wäre es ein Thron.

»Nun also, Schamber, -- reden wir jetzt von Geschäften; mit der

Narretei ist’s aus. Du kriegst fünfzig Dollars monatlich -- davon

zahlst du die Hälfte deiner alten Mammy. Heraus damit!«

Aber Tom hatte auf der Gotteswelt nichts als sechs Dollars. Die gab er

ihr und versprach, vom neuen Monat an ihre Forderung zu erfüllen.

»Wie groß sind deine Schulden, Schamber?«

»Fast dreihundert Dollars,« sagte Tom schaudernd.

»Wie denkst du sie zu bezahlen?«

Tom stöhnte laut. »Das weiß ich nicht; was fragst du mich nach so

schrecklichen Dingen?«

Aber sie ließ sich nicht abweisen und trieb ihn immer mehr in die

Enge, bis er sich zu einem Geständnis bequemte. Vor vierzehn Tagen,

während alle Welt glaubte, er sei in St. Louis, hatte er einen

förmlichen Raubzug gegen seine Mitbürger unternommen. Er war verkleidet

umhergeschlichen und hatte allerlei Wertsachen aus Privathäusern

entwendet. Die Beute, welche er fortschickte, genügte aber noch nicht,

um soviel Geld dafür zu lösen, als er brauchte, und doch getraute er

sich, bei der Aufregung, die in der Stadt herrschte, jetzt nicht, das

Wagnis zu wiederholen.

Seine Mutter billigte das Unternehmen und bot ihm ihre Hilfe an,

allein das erschreckte ihn nur. Mit ängstlichem Stammeln brachte er

endlich die Bitte vor, sie möge die Stadt verlassen. Er würde sich

dann wohler und sicherer fühlen und den Kopf höher halten können. Zu

seiner freudigen Ueberraschung unterbrach sie ihn, als er noch weitere

Gründe anführen wollte, und erklärte sich mit diesem Vorschlag ganz

einverstanden. Sie sagte, es wäre ihr einerlei, wo sie wohnte, wenn sie

nur das Kostgeld regelmäßig ausgezahlt erhielte; doch werde sie nicht

weit fortgehen, und einmal im Monat nach dem Gespensterhaus kommen, um

ihr Geld in Empfang zu nehmen.

»Seit vielen langen Jahren hab’ ich dich verabscheut, aber jetzt hass’

ich dich nicht mehr so arg,« sagte sie. »Alles hatt’ ich für dich

gethan -- dich ausgetauscht, dir ’ne gute Familie und ’nen vornehmen

Namen gegeben, dich zu ’nem reichen, weißen Herrn gemacht, der seine

Kleider im Laden kauft -- und was war mein Dank? -- Verachtet hast du

mich immerzu, mich vor den Leuten gescholten und geschmäht, mich fort

und fort dran erinnert, daß ich ’ne Negerin bin -- und -- und -- --«

Sie brach in Schluchzen aus und konnte nicht weiter reden.

»Aber,« sagte Tom, »ich wußte doch nicht, daß du meine Mutter bist, und

übrigens -- --«

»Sei nur still davon, man kann’s nicht mehr ändern, ich will’s

vergessen. Doch, gieb acht, daß du mich nie mehr daran erinnerst,«

fügte sie drohend hinzu, »sonst geht dir’s schlecht.«

Als sie sich trennten, sagte Tom noch im süßesten Ton, der ihm zu

Gebote stand: »Mammy, hättest du vielleicht nichts dagegen, mir zu

sagen, wer mein Vater war?«

Wenn er geglaubt hatte, die Frage würde sie in Verlegenheit setzen, so

irrte er sich gewaltig. Roxy richtete sich stolz empor.

»Ich soll was dagegen haben?« erwiderte sie. »Nein, ganz und garnichts.

Du brauchst dich deines Vaters nicht zu schämen, das sag’ ich dir.

Er gehörte zu den vornehmsten Leuten der ganzen Stadt, zu den besten

Familien von altvirginischer Herkunft. Das Geschlecht ist allerwege

so gut wie die Driscolls und Howards.« Sie warf sich noch mehr in die

Brust und fuhr mit Nachdruck fort: »Kannst du dich noch auf Oberst

Cecil Burleigh Essex besinnen, der im selben Jahr starb, wie der Pappy

von deinem jungen Herrn Tom Driscoll? Alle hohen Beamten, Freimaurer

und Aeltesten der Kirchen kamen und folgten ihm zu Grabe; so ’ne schöne

Leiche hat die Stadt noch nie zu sehen bekommen. -- Das war der Mann.«

Sie sprach mit so hohem Selbstgefühl und war so begeistert von der

Erinnerung, daß ihr ganzer Jugendreiz auf einmal zurückkehrte und ihre

Haltung eine stattliche Würde annahm, die man fast königlich hätte

nennen können, wäre die Umgebung nur ein wenig besser damit im Einklang

gewesen.

»Kein anderer Neger hier am Ort ist so hochgeboren wie du. Nun geh’

deiner Wege und trag’ den Kopf so hoch wie du willst -- du hast das

Recht dazu, verlaß dich drauf.«

Elftes Kapitel.

In der folgenden Nacht schreckte Tom von Zeit zu Zeit plötzlich aus dem

Schlafe auf, und sein erster Gedanke war: »Welches Glück, es ist nur

ein Traum!« Aber jedesmal fiel er stöhnend wieder in die Kissen zurück

und murmelte: »Ein Nigger! Ich bin ein Nigger! O, wäre ich doch tot!«

Als er im Morgengrauen munter wurde, wiederholte sich diese

entsetzliche Qual abermals, und er beschloß, dem trügerischen Schlafe

nicht mehr zu vertrauen; er wollte wach bleiben und mit sich zu Rate

gehen. Allerlei bittere Gedanken stiegen in ihm auf und wanderten

ziellos hierhin und dorthin.

»Warum sind Neger und Weiße erschaffen worden? Was hat der erste

ungeborene Neger verschuldet, daß er zu seinem Fluch in die Welt

gesetzt wurde? Weshalb macht man einen so grauenvollen Unterschied

zwischen den Weißen und Farbigen? ... Wie hart erscheint mir des Negers

Geschick heute morgen! -- und doch ist bis gestern abend ein solcher

Gedanke noch nie in meinen Kopf gekommen.« So sann er ächzend und

seufzend wohl über eine Stunde lang.

Dann kam ›Schamber‹, um in unterwürfiger Haltung zu melden, daß das

Frühstück bald fertig wäre. ›Tom‹ wurde feuerrot, als er sah, wie der

junge vornehme Weiße vor ihm, dem Neger, im Staube kroch und ihn Massa

nannte.

Querkopf Wilson · 第 4 / 13 段