Beim Frühstück am nächsten Morgen eroberten sich die Zwillinge durch

ihr liebenswürdiges Wesen, ihr höfliches und doch ungezwungenes

Benehmen, rasch aller Herzen. Von Förmlichkeit und Befangenheit war

bald keine Rede mehr, man verkehrte auf dem freundschaftlichsten Fuße

mit einander. Tante Patsy nannte sie schon nach kürzester Frist beim

Vornamen und gab sich keine Mühe zu verbergen, wie neugierig sie war,

Näheres über ihre Vergangenheit zu erfahren, sobald sie sah, daß die

Brüder sich mitteilsam zeigten. Aus ihren Aeußerungen ging hervor, daß

sie in früher Jugend Armut und Mangel gekannt hatten, und im Laufe der

Unterhaltung nahm die Witwe geschickt die Gelegenheit wahr ein paar

hierauf bezügliche Fragen einzuflechten. Sie wandte sich an den blonden

Zwilling, der bei dem Bericht über ihre gemeinschaftlichen Erlebnisse

gerade das Wort hatte, während der brünette sich ausruhte.

»Sie werden mich vielleicht unbescheiden finden, Herr Angelo, aber ich

möchte gern wissen, wie es kam, daß Sie in Ihrer Kindheit so verlassen

waren und in Not gerieten. Sollte es Ihnen jedoch irgendwie unangenehm

sein, davon zu reden, so sagen Sie es mir bitte nicht.«

»Nein, es ist uns durchaus nicht unangenehm, Madam. Das Unglück, das

uns traf, war freilich groß, aber niemand trug die Schuld. Unsere

Eltern waren wohlhabende Leute drüben in Italien und wir ihre einzigen

Kinder. Wir gehörten zum alten florentinischen Adel --« Rowenas Herz

hüpfte, ihre Augen leuchteten, sie sperrte Mund und Nase auf -- »und

als der Krieg ausbrach, unterlag unseres Vaters Partei. Er konnte

sich nur durch die Flucht retten, seine Güter wurden eingezogen,

seine bewegliche Habe mit Beschlag belegt. So kamen wir denn nach

Deutschland, fremd, ohne Freunde, an den Bettelstab gebracht. Wir

zählten damals zehn Jahre, mein Bruder und ich, wir waren für unser

Alter gut erzogen, auch sehr fleißig und lernbegierig. In der

deutschen, französischen, spanischen und englischen Sprache besaßen

wir ziemliche Kenntnisse, und was die Musik betrifft, so waren wir

förmliche Wunderkinder -- ich kann es wohl sagen, weil es die reine

Wahrheit ist.

»Unser Vater überlebte sein Mißgeschick nur einen Monat, die Mutter

folgte ihm bald ins Grab, und wir standen allein in der Welt. Die

Eltern würden sich ein reichliches Einkommen gesichert haben, wenn

sie sich entschlossen hätten, uns zur Schau zu stellen, man bot ihnen

große Summen dafür; bei dem bloßen Gedanken jedoch empörte sich ihr

Stolz -- sie sagten, lieber wollten sie Hungers sterben. Sie hätten nie

darein gewilligt, aber nach ihrem Tode mußten wir es doch thun, wir

mochten wollen oder nicht. Um die Schulden abzutragen, welche durch

ihre Krankheit und das Begräbnis entstanden waren, brachte man uns in

ein sehr untergeordnetes Wandermuseum nach Berlin, wo wir das fehlende

Geld verdienten. Es dauerte zwei Jahre, bis wir aus dieser Sklaverei

befreit wurden; wir waren in ganz Deutschland umhergezogen, bekamen

aber keinen Lohn, nicht einmal unseren Unterhalt. Von dem Geld für die

Schaustellung erhielten wir nichts und mußten unser Brot erbetteln.

»Wie es uns weiter ging, Madam, ist bald erzählt. Als wir die

Sklavenketten brachen, waren wir zwölf Jahre alt, doch in vieler

Hinsicht schon selbstständig wie Männer. Aus unserer Erfahrung

hatten wir manche wertvolle Belehrung geschöpft, hatten gelernt,

für uns selbst zu sorgen, Schwindlern und Gaunern aus dem Wege zu

gehen und unsere Angelegenheiten ohne fremde Hilfe so zu ordnen, daß

wir Nutzen davon hatten. Jahrelang reisten wir hierhin und dorthin,

übten uns in allerlei Sprachen, wurden mit ausländischen Sitten und

Sehenswürdigkeiten vertraut und eigneten uns eine Bildung an, die

ebenso umfassend wie vielseitig und ungewöhnlich war. Wir besuchten

Venedig, London, Paris, Rußland, Indien, China, Japan -- --«

In diesem Augenblick steckte die schwarze Nancy ihren Kopf durch die

Thür.

»Das Haus ist gestopft voll Leute, Missis,« rief sie, »es läßt ihnen

keine Ruh, bis sie die Herren da zu sehen kriegen!« Nancy nickte mit

dem Kopf nach den Zwillingen hin und zog sich dann wieder zurück.

Es war ein stolzer Moment in Tante Patsys Leben. Nichts hätte ihr

größere Genugthuung gewähren können, als ihre schönen fremdländischen

Vögel den Freunden und Nachbarn vorzustellen. Diese einfachen Leute

hatten überhaupt kaum je einen Ausländer zu Gesicht bekommen und

sicherlich keinen von so hohem Rang und vornehmer Abkunft. Doch waren

die Gefühle der Witwe noch mäßig im Vergleich zu dem, was ihre Tochter

empfand. Rowena glaubte Flügel zu haben, ihr Fuß berührte kaum noch

den Boden. Mit diesem glorreichen Tage ging ja ein neues Leben an --

eine hochromantische Zeit in der sonst so ereignislosen Geschichte des

unbedeutenden Landstädtchens. Sie aber konnte an der Quelle all der

Herrlichkeit sitzen und sich nach Herzenslust von der Flut umrauschen

lassen, während die andern Mädchen nur von ferne zusehen und sie

beneiden durften, ohne Teil an ihrem Glück zu haben.

Die Witwe war bereit, ihre Gäste zu empfangen, Rowena nicht minder,

und die Fremdlinge gleichfalls. So schritten sie denn allesamt durch

die Hausflur und traten -- die Zwillinge voran -- in die offene Thür

des Besuchszimmers, aus dem ein leises Stimmengewirr ertönte. Am

Eingang stellten sich die Zwillinge auf, die Witwe nahm neben Luigi

Platz, Rowena an Angelos Seite, und nun begann der Vorbeimarsch und die

Vorstellungen. Tante Patsy lächelte über das ganze Gesicht vor innerer

Befriedigung, sie begrüßte die Vorüberziehenden zuerst und dann kam

Rowena an die Reihe.

»Guten Tag, Schwester Cooper --« man schüttelte sich die Hand.

»Guten Tag, Bruder Higgins -- Graf Luigi, erlauben Sie, daß ich Ihnen

Herrn Higgins vorstelle --« abermaliges Händeschütteln -- Higgins

reißt die Augen weit auf und sagt: »Freue mich, Ihre Bekanntschaft zu

machen,« worauf Graf Luigi mit höflichem Kopfneigen und verbindlichem

Ton erwidert: »Sehr angenehm!«

»Guten Tag, Rowena --« man schüttelt sich die Hand.

»Guten Tag, Herr Higgins -- darf ich Sie dem Grafen Angelo Capello

vorstellen?« -- nun folgt wieder das Händeschütteln und bewundernde

Anstarren. »Freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen;« Graf Angelo

verneigt sich lächelnd, erwidert: »Sehr angenehm!« und Higgins geht

weiter.

Die guten Leute waren sämtlich äußerst befangen und dabei ehrlich

genug, es durchaus nicht verbergen zu wollen. Keiner von ihnen hatte je

zuvor einen Herrn von Adel gesehen, auch jetzt erwarteten sie nichts

dergleichen, der Titel war ihnen daher eine vollkommene Ueberraschung.

Einige suchten sich in dieser schwierigen Lage damit zu helfen, daß

sie ›Euer Gnaden‹ oder ›edler Lord‹ stammelten; die meisten aber

wurden durch das fremdklingende Wort: ›Graf‹ völlig überwältigt. Sie

verbanden damit eine unbestimmte Vorstellung von goldstrahlenden

Hofgesellschaften, feierlichen Zeremonien und dem Königtum von Gottes

Gnaden; so streckten sie denn nur verlegen die Hand hin und schritten

stumm von dannen. Wie das aber bei einem derartigen Empfang regelmäßig

vorkommt, so störte auch hier ab und zu einer der Anwesenden aus

übermäßig freundlicher Gesinnung den Fortgang; er hielt den Zug auf, um

sich zu erkundigen, wie die Stadt den Brüdern gefiele, wie lange sie

zu bleiben gedächten, und ob die Ihrigen sich wohl befänden. Auch das

Wetter mußte herhalten -- es würde hoffentlich bald kühler werden,

und was dergleichen mehr ist. Das war doch ein längeres Gespräch mit

den Herrschaften, von dem man zu Hause erzählen konnte. Keiner sagte

oder that jedoch irgend etwas Ungehöriges, und so wurde die große

Angelegenheit auf anständige und höchst befriedigende Art zu Ende

geführt.

Auf die feierliche Begrüßung folgte eine allgemeine Unterhaltung. Die

Zwillinge gingen von einer Gruppe zur andern, plauderten behaglich und

ungezwungen und ernteten großen Beifall; jedermann betrachtete sie

mit Wohlgefallen und zollte ihnen Bewunderung. Die Witwe folgte ihrem

Triumphzug mit stolzen Blicken und Rowena sagte von Zeit zu Zeit in

vollster Befriedigung zu sich selbst: »Und sie gehören wirklich uns --

uns ganz allein!«

Mutter und Tochter waren fortwährend in Anspruch genommen. Von allen

Seiten bestürmte man sie mit eifrigen Erkundigungen über die Zwillinge

und lauschte ihren Berichten in atemloser Spannung. Alle beide bekamen

jetzt zum erstenmal einen Begriff davon, was das Wort _Ruhm_ eigentlich

zu bedeuten habe. Sie erkannten dessen ungeheuren Wert und lernten

einsehen, warum die Menschen zu allen Zeiten jedes andere Glück,

Geld und Gut, ja das Leben selbst gering geachtet hatten, um diese

höchste und erhabenste Wonne zu empfinden. Napoleon und alle Leute

seines Schlages waren ihnen nunmehr verständlich und in ihren Augen

gerechtfertigt.

Als Rowena endlich ihre Pflicht im Besuchszimmer erfüllt hatte, ging

sie die Treppe hinauf, um die Sehnsucht der dort versammelten Scharen

zu befriedigen, denn die unteren Räume waren nicht groß genug, um alle

zu fassen, die herbeiströmten. Wieder sah sie sich von wißbegierigen

Fragern umringt, sie empfand die eigene Wichtigkeit und durfte sich im

Ruhmesglanz sonnen. So ging der Vormittag seinem Ende zu, und Rowena

fühlte mit Bangen, daß dies herrlichste Ereignis in ihrem Leben bald

vorüber sein werde; es ließ sich auf keine Weise verlängern, und

nie wieder konnte etwas geschehen, was sie so hoch beglücken würde.

Sie tröstete sich jedoch mit dem Gedanken, daß die Begebenheit in

ihrer Art vollkommen gewesen war und nichts zu wünschen übrig ließ;

die Erinnerung daran würde ihr ewig unvergeßlich bleiben. Wenn die

Zwillinge nur jetzt noch irgend eine große That thun wollten, um das

Werk zu krönen und sich die Bewunderung der Massen zu sichern --

etwas, das alle blitzartig durchzucken und überraschen würde, dann, ja

dann -- --

In diesem Augenblick erschallte von unten ein gewaltiges, laut

dröhnendes Bumbum -- und alle liefen hin, um zu sehen, was es

zu bedeuten habe. O Wunder -- es waren die Zwillinge, die ein

vierhändiges, klassisches Konzertstück in großem Stil auf dem Klavier

zum Besten gaben. Rowenas Verlangen war gestillt, und sie freute sich

von Herzensgrund.

Die fremden Jünglinge mußten lange an dem Instrument ausharren. Ihr

prachtvolles Spiel erregte der Bürger Verwunderung und Entzücken in

so hohem Maße, daß sie gar nicht genug davon bekommen konnten. Alle

Musik, die sie je gehört hatten, war nichts als erbärmliche Stümperei

ohne Geist und Anmut, im Vergleich zu diesen berauschenden Fluten

melodischen Klanges. Es wurde ihnen klar, daß sie hier zum erstenmal im

Leben echte Künstler vor sich hatten.

Achtes Kapitel.

Höchst ungern ging die Gesellschaft endlich auseinander, um sich

wieder nach Hause zu begeben. Unterwegs waren alle Zungen geschäftig

und man kam allgemein zu dem Schluß, daß so etwas in Dawson noch

nicht dagewesen sei und sobald nicht wiederkehren werde. Im Laufe des

Vormittags hatten die Zwillinge verschiedene Einladungen angenommen,

auch bereitwillig zugesagt, daß sie bei einer geselligen Vereinigung zu

wohlthätigen Zwecken einige Musikstücke vortragen wollten.

Von allen Seiten war man eifrig bemüht, sie mit offenen Armen zu

empfangen, dem Richter Driscoll aber war das Glück am günstigsten, denn

er durfte sie sogleich zu einer Spazierfahrt mitnehmen, um sie vor

aller Welt sehen zu lassen. Sie stiegen zu ihm in seinen Einspänner,

und während der Wagen die Hauptstraße hinunterrollte, liefen alle

Schaulustigen an die Fenster und drängten sich auf dem Bürgersteig.

Driscoll zeigte den Fremden den neuen Friedhof und das Gefängnis,

das Haus, wo der reichste Mann des Ortes wohnte, die Freimaurerloge,

die Kapelle der Methodisten, die Kirche der Presbyterianer, und die

Stelle, wo die Baptisten ihr Gotteshaus bauen wollten, sobald sie Geld

genug beisammen hätten. Am Rathaus und am Schlachthaus fuhren sie

vorbei, auch ließ der Richter ihnen zu Ehren die freiwillige Feuerwehr

in Uniform aufziehen und ihre Spritzen probieren; die Gewehre der

Bürgermiliz mußten die Zwillinge gleichfalls in Augenschein nehmen. Bei

allen diesen Schaustellungen erging der Richter sich nach Herzenslust

in begeisterten Reden, auch schien er ganz zufrieden mit dem Eindruck,

den die Sehenswürdigkeiten auf die Fremdlinge machten, denn diese

staunten über seine Bewunderung und stimmten ein, so gut sie konnten.

Das wäre ihnen freilich leichter geworden, wenn sie nicht schon in

verschiedenen andern Ländern fünfzehn- oder sechzehntausend Mal ganz

ähnliche Dinge gesehen und erlebt hätten, so daß diese für sie nicht

mehr den Reiz der Neuheit besaßen.

Jedenfalls that Driscoll sein Möglichstes zur Unterhaltung der Brüder,

und wenn sie irgend einen Mangel empfanden, so lag die Schuld nicht

an ihm. Er erzählte ihnen eine Menge lustiger Anekdoten und vergaß

jedesmal den Hauptwitz dabei, doch den konnten sie ohne Mühe ergänzen,

weil sie die meist sehr abgedroschenen Späße von Zeit zu Zeit immer

wieder aufgetischt bekamen und zur Genüge kannten. Auch teilte er ihnen

alle seine Titel und Würden mit und berichtete, was für ehrenvolle

und einträgliche Stellen er früher bekleidet habe, als er noch

Regierungsbeamter war; jetzt aber sei er Präsident des Klubs der

Freidenker. Diese Gesellschaft habe man erst vor vier Jahren gegründet,

doch zähle sie bereits zwei Mitglieder und ihr Bestand sei gesichert.

Wenn die Zwillinge etwa Lust hätten, einer Versammlung beizuwohnen,

würde er sie gegen Abend dazu abholen.

Das that er denn auch, und unterwegs erzählte er ihnen mancherlei

über Querkopf Wilson, um sie zu seinen Gunsten zu stimmen, damit sie

ihm freundlich entgegenkämen. Er erreichte diese Absicht vollkommen.

Gleich der erste Eindruck, den Wilson auf die Brüder machte, war

sehr vorteilhaft; noch höher stieg er aber in ihrer Achtung, als er

vorschlug, man solle diesmal, aus Höflichkeit gegen die Fremden, die

gewöhnlichen Beratungsgegenstände beiseite lassen und sich nur einer

allgemeinen Unterhaltung widmen, die geeignet sei, freundschaftliche

Beziehungen und ein gutes Einvernehmen unter ihnen zu fördern. Dieser

Antrag wurde, nach erfolgter Abstimmung, zum Beschluß erhoben.

Die Stunde verging rasch unter lebhaftem Gespräch, und als die Zeit um

war, hatte der bisher so vereinsamte und zurückgesetzte Wilson zwei

gute Freunde gewonnen. Er bat die Zwillinge, ihn zu besuchen, sobald

sie von der Gesellschaft loskommen könnten, zu der sie eingeladen

waren, und sie versprachen es ihm mit Vergnügen.

Es war noch nicht spät am Abend, als sie sich nach seiner Wohnung

auf den Weg machten. Wilson erwartete sie daheim und benützte die

Zwischenzeit, um sich den Kopf über eine Angelegenheit zu zerbrechen,

die an jenem Morgen seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Die Sache

verhielt sich folgendermaßen: Er war ungewöhnlich früh aufgestanden

-- schon bei Tagesanbruch -- um etwas aus einer Stube jenseits des

Ganges zu holen, der sein Haus in zwei Hälften teilte. Jene Stube war

lange unbewohnt gewesen, sie hatte keine Vorhänge, und dort erblickte

er durch das Fenster etwas, das ihm sehr auffällig war -- nämlich

eine junge Dame, welche sich an einem Orte befand, wo sie gar nicht

hingehörte. Sie war im Hause des Richters Driscoll in dem Raume, der

über dessen Wohn- und Studierzimmer lag, und wo, soviel Wilson wußte,

Tom Driscoll seine Schlafstube hatte. Tom, der Richter, die verwitwete

Frau Pratt und drei Dienstleute bildeten allein die Bewohner des

Hauses. Was hatte also das Fräulein dort zu suchen, und wer konnte es

sein?

Die beiden Gebäude waren nur durch den Hof von einander getrennt, den

ein niedriger Zaun seiner ganzen Länge nach, von der vorderen Straße

bis zu dem Hintergäßchen durchschnitt. Die Entfernung war nicht groß,

und Wilson konnte das Mädchen deutlich sehen, weil in Toms Zimmer

sowohl der Laden als das Fenster offen standen. Die Unbekannte trug

ein sauberes, rosa und weiß gestreiftes Sommerkleid und einen rosa

Schleier auf dem Hut; sie war eifrig beschäftigt, sich vor dem Spiegel

allerlei Tanzschritte, Gangarten und Stellungen einzuüben. Das that sie

mit ziemlicher Anmut und widmete der Sache ihre ganze Aufmerksamkeit.

Wer konnte sie nur sein, und wie kam sie dort drüben ins Schlafzimmer?

-- Wilson hatte sich rasch so gestellt, daß er das Fräulein beobachten

konnte, ohne Gefahr zu laufen, von ihr gesehen zu werden; er wartete

lange in der Hoffnung, daß sie den Schleier lüften und ihm ihr

Gesicht zeigen werde. Aber das war umsonst; nach etwa zwanzig Minuten

verschwand sie plötzlich und kam nicht mehr zum Vorschein, obwohl er

während einer halben Stunde seinen Platz behauptete.

Um die Mittagszeit sprach er im Hause des Richters vor und unterhielt

sich mit Frau Pratt über das große Tagesereignis: die feierliche

Vorstellung der beiden vornehmen Fremden bei Tante Patsy Cooper. Er

erkundigte sich auch nach ihrem Neffen Tom, worauf sie sagte, er sei

auf der Heimreise, sie erwarte ihn noch vor der Nacht zurück. Zugleich

teilte sie ihm mit, wie sehr sie und der Richter sich gefreut hätten,

aus Toms Briefen zu sehen, daß er sich eines höchst geordneten,

anständigen Lebenswandels befleißige. Darüber hatte nun Wilson

freilich im stillen seine eigenen Gedanken. Er mochte nicht geradezu

fragen, ob bei ihnen Besuch im Hause wäre, aber er brauchte allerlei

Wendungen, welche Frau Pratt Gelegenheit gegeben hätten, ihm ein Licht

aufzustecken. Sie that das jedoch nicht, und so nahm er denn die

Ueberzeugung mit fort, daß in ihrer Familie Dinge vor sich gingen, die

er wisse, und von denen sie keine Ahnung habe.

Jetzt wartete er auf die Zwillinge und grübelte über das Rätsel nach,

wer das Frauenzimmer sein könne und wie es am frühen Morgen in die

Stube des jungen Driscoll geraten sei?

Neuntes Kapitel.

Es wird jetzt Zeit, daß wir uns danach umsehen, was inzwischen aus Roxy

geworden ist.

Als sie freigelassen wurde und fortging, um sich eine Stelle zu

suchen, war sie fünfunddreißig Jahre alt. Sie fand einen guten Platz

als zweites Stubenmädchen auf dem ›Großmogul‹, einem Dampfboot, das

zwischen Cincinnati und New Orleans Handel trieb. Nachdem sie die Fahrt

ein paarmal gemacht hatte, war sie mit allen ihren Obliegenheiten genau

vertraut und ganz entzückt von dem regen Leben und Treiben auf dem

Dampfer und der Unabhängigkeit, die sie genoß. Bald darauf wurde sie

zum ersten Stubenmädchen befördert, machte sich sehr beliebt bei den

Offizieren und war stolz darauf, daß sie ihr so freundlich begegneten

und Spaß mit ihr trieben.

Acht Jahre lang hatte sie während neun Monaten stets auf dem

›Großmogul‹ gedient, und den Winter über auf dem Vicksburger

Postschiff. Jetzt litt sie aber schon seit vielen Wochen an

Rheumatismus in den Armen und konnte die Wäsche nicht mehr besorgen.

So mußte sie denn ihren Abschied nehmen, doch ihr bangte nicht vor der

Zukunft, sie war nicht unbemittelt -- sogar reich nach ihrer Ansicht.

Ganz regelmäßig hatte sie nämlich jeden Monat vier Dollars auf eine

Bank in New Orleans getragen, um im Alter einen Sparpfennig zu haben.

Das hatte sie sich von vornherein vorgenommen. »Einmal bin ich so dumm

gewesen und hab’ ’nem barfüßigen Nigger Schuh angezogen, damit er auf

mir herumtreten kann,« sagte sie sich, »aber, so was thu’ ich nicht

wieder!« Fortan wollte sie von keinem Menschen mehr abhängig sein, wenn

sich das durch harte Arbeit und Sparsamkeit erreichen ließe. Als das

Boot am Kai von New Orleans anlegte, sagte sie den Gefährten auf dem

›Großmogul‹ Lebewohl und ging mit ihren Habseligkeiten ans Land.

Eine Stunde später war sie aber schon wieder da. Das Geschäftshaus

hatte Bankerott gemacht, und ihre vierhundert Dollars mit verpufft.

So war sie denn bettelarm, heimatlos und wenigstens fürs erste außer

stande, zu arbeiten. Die Offiziere hatten Mitleid mit ihrer traurigen

Lage, sie veranstalteten eine Sammlung und übergaben ihr eine kleine

Summe; mit diesem Geld wollte sie nach ihrem Geburtsort gehen, wo

sie Freunde unter den Negern hatte. Sie wußte recht gut, daß die

Unglücklichen ihren Schicksalsgenossen am ehesten beistehen; die armen

Gefährten ihrer Jugend würden sie sicher nicht Hungers sterben lassen.

In Cairo bestieg sie das kleine Paketboot, das den Ortsverkehr

vermittelte und näherte sich nun immermehr der Heimat. Ihre Gefühle

gegen ihren Sohn hatten in der langen Zeit alle Bitterkeit verloren

und sie konnte mit Gemütsruhe an ihn denken. Alles, was er ihr Böses

zugefügt, suchte sie zu vergessen und sich nur an die Freundlichkeiten

zu erinnern, die er ihr ab und zu erwiesen. Sie schmückte seine

Gutthaten so lange aus, bis sie ihr in goldenem Licht erschienen und

sie ordentlich anfing, sich nach ihm zu sehnen. Vielleicht hatte

die Zeit ihn etwas milder gestimmt; wenn sie ihm schmeichelnd und

unterwürfig nahte, wie eine Sklavin, -- was sie natürlich thun mußte --

so würde er sich am Ende freuen, seine alte, längst vergessene Wärterin

wiederzusehen und sie gütig behandeln. Das wäre wunderschön und sie

könnte sich damit leicht über ihre Schmerzen und alle Verluste trösten.

Bei dem Gedanken an ihre Armut fing sie an, ein neues Luftschloß zu

bauen: vielleicht würde er ihr dann und wann eine Kleinigkeit geben,

etwa einen Dollar monatlich; das wäre doch schon eine große, große

Hilfe für sie.

Als das Boot in Dawson landete, hatte sie ihr früheres Selbst glücklich

wiedergefunden; mit ihrer Schwermut war es vorbei, sie fühlte sich

heiter und frohgelaunt. Es konnte ihr ja nicht fehlen; in mancher Küche

würden die Dienstleute gern die Mahlzeit mit ihr teilen, auch heimlich

Zucker, Aepfel und allerlei Leckerbissen entwenden und ihr nach Hause

mitgeben, oder -- was ihr ebenso lieb wäre -- ein Auge zudrücken, wenn

sie selbst lange Finger machte. Und dann die Kirche! -- Sie war eine

so eifrige, fromme Methodistin wie je und nicht etwa scheinheilig

bei ihren Andachtsübungen, sondern wahr und aufrichtig. Wenn es ihr

nicht an leiblichen Genüssen mangelte und sie wieder an ihrem alten

Kirchenplatz in der Ecke sitzen und Amen sagen konnte -- ja, dann

wollte sie vollkommen glücklich sein und in Frieden weiter leben, bis

an ihr seliges Ende.

Zu allererst suchte sie die Driscollsche Küche auf, wo man sie höchst

feierlich und mit großer Begeisterung empfing. Ihre wunderbaren Reisen,

die fremden Länder, die sie gesehen und die Abenteuer, die sie erlebt

hatte, machten sie zu einer wahren Romanheldin. Die Neger lauschten

voll Entzücken auf ihre erstaunlichen Berichte, unterbrachen sie alle

Augenblicke mit neugierigen Fragen, mit Gelächter, Beifallsklatschen

oder Ausrufen der Verwunderung, bis sie selbst gestehen mußte, daß es

auf dieser Welt doch noch etwas Schöneres gäbe, als das Leben auf dem

Dampfschiff, nämlich den Ruhm, welchen man erwirbt, wenn man heimkehrt

und davon zu erzählen weiß. Ihre Zuhörer tischten ihr vom Mittagsmahl

auf, soviel sie nur essen konnte und plünderten dann die Speisekammer,

um ihren Handkorb zu füllen.

Tom war in St. Louis; die Haussklaven sagten, er hätte in den zwei

letzten Jahren seine Zeit meistens dort zugebracht. Roxy stellte sich

nun täglich ein und ließ sich allerlei über die Familie und ihre

Angelegenheiten berichten. Einmal fragte sie auch, warum denn Tom

soviel auswärts wäre, worauf der vermeintliche ›Schamber‹ erwiderte:

»Das kommt daher, weil’s dem alten Massa viel wohler ist, wenn der

junge Massa seiner Wege geht. Er liebt ihn auch mehr, wenn er nicht in

der Stadt ist, und giebt ihm jeden Monat fünfzig Dollars --«

»Nein -- ist das wahr, Schamber -- oder sagst du’s nur im Spaß?«

»Bewahre, Mammy, du kannst’s glauben, ich weiß es von Massa Tom selbst.

Aber, liebste Zeit, genug ist’s doch nicht.«

»Was -- nicht genug -- weshalb denn nicht?«

»Das sollst du gleich hören, Mammy, wenn du’s wissen willst. ’S ist

nicht genug, weil Massa Tom um Geld spielt.«

Roxy schlug erstaunt die Hände zusammen, und Schamber fuhr fort:

»Der alte Massa ist dahinter gekommen, als er zweihundert Dollars für

Massa Toms Spielschulden zahlen mußte. So wahr ich hier stehe, Mammy,

es ist, wie ich dir’s sage.«

»Zwei -- hundert -- Dollars! Weißt du auch, was das heißt? -- Zwei --

hundert -- Dollars! Du meine Güte -- da könnt’ man ja fast ’nen starken

Neger aus zweiter Hand dafür kaufen. Du lügst mich doch nicht an,

Söhnchen -- wirst doch deine alte Mammy nicht belügen?«

»’S ist die reine Wahrheit -- zweihundert Dollars -- ich sag’ dir’s ja

und will’s beschwören. Jemine, wie ist der alte Massa gesprungen --

gekocht hat er vor Wut und gleich ist er hingegangen und hat Massa Tom

enterbt.«

Roxy riß die Augen weit auf und starrte ihn verblüfft an. »Ent -- was?«

fragte sie.

»Enterbt,« wiederholte Schamber, »sein Testament zerrissen.«

Querkopf Wilson · 第 3 / 13 段