Als die beiden Knaben im sechzehnten Jahre standen, wollte Tom

auch einmal seine Schwimmkunst zeigen, wurde aber von einem Krampf

befallen und dem Ertrinken nahe, schrie er um Hilfe. Die Buben von

Dawson pflegten sich häufig einen Spaß daraus zu machen -- besonders

wenn ein Fremder in der Nähe war -- zu thun, als ob sie ertrinken

müßten und nach Hilfe zu rufen; kam nun der Fremde in rasender Eile

herbei, so fuhr der Spaßvogel fort zu zappeln und zu schreien, bis der

Retter dicht bei ihm war, dann schlug er eine höhnische Lache auf und

schwamm gleichmütig davon, während die andern Buben den Gefoppten nach

Herzenslust verspotteten. Tom hatte den Streich noch nie versucht, und

als nun sein Hilferuf ertönte, hielt es niemand für Ernst. Nur Schamber

glaubte, daß sein Herr wirklich in Gefahr sei, deshalb schwamm er

herbei und kam leider noch zu rechter Zeit, um ihm das Leben zu retten.

Das stieß dem Faß den Boden aus. Tom hatte schon viel ertragen, aber,

daß er nun auf immer vor aller Welt einem Neger zu Dank verpflichtet

sein sollte, überstieg seine Kräfte. Er erging sich in Schimpf- und

Scheltworten, weil Schamber ihm nicht vom Leibe geblieben sei und

›vorgab‹ zu glauben, Tom habe im Ernst nach Hilfe gerufen, während man

doch ganz vernagelt dumm sein müßte, um nicht zu sehen, daß er nur Spaß

treiben wollte.

Toms Feinde aber, die diesmal in großer Schar versammelt waren, drehten

jetzt den Spieß um. Sie lachten ihn aus, nannten ihn Hasenherz, Lügner,

Duckmäuser und was dergleichen Liebesnamen mehr waren. Auch kündigten

sie ihm an, daß Schamber von jetzt ab in der ganzen Stadt nicht anders

als ›Tom Driscolls Negerpappy‹ heißen sollte, denn er habe ihn so gut

wie neu geboren und ihm das Leben geschenkt.

Wütend über den Spott und Hohn schrie Tom:

»Schlag’ ihnen den Schädel ein, Schamber -- schlag’ ihnen den Schädel

ein! -- Was stehst du da mit den Händen in den Hosentaschen?«

»Aber, Massa Tom, ’s sind ihrer so viele --« wagte Schamber einzuwenden.

»Thu’, was ich dir sage.«

»Bitte, Massa Tom, zwingt mich nicht! Es sind ihrer wirklich zu viele,

da kann ich --«

Im nächsten Augenblick war Tom auf ihn zugestürzt und hatte ihm sein

Taschenmesser zwei oder dreimal in die Brust gestoßen, bevor die andern

ihn fortreißen und den Verwundeten in Sicherheit bringen konnten.

Schamber war zwar schwer, aber nicht gefährlich verletzt; wäre die

Klinge nur etwas länger gewesen, so würde seine Laufbahn damals ihr

Ende erreicht haben.

Was Roxy betraf, so hatte ihr Tom schon längst gezeigt, ›wo sie

hingehörte.‹ Seit Jahren wagte sie nicht mehr, ihm Schmeichelnamen

zu geben oder ihn zu liebkosen. Das alles war ihm widerwärtig von

einer ›Negerin‹, und er riet ihr, ihm nicht zu nahe zu kommen, sonst

würde es ihr übel ergehen. Allmählich hörte ihr Herzblatt ganz auf,

ihr Sohn zu sein; sie sah _dies_ Verhältnis spurlos verschwinden. Nur

der Gebieter war noch übrig geblieben, und er herrschte durchaus nicht

mit milder Hand. Von dem Ehrenplatz, welcher der Mutter gebührt, sah

sie sich herabgestoßen und zur elenden Sklavin erniedrigt. Ein tiefer

Abgrund hatte sich zwischen ihnen aufgethan. Tom benützte sie nur noch

wie ein Hausgerät zu seiner Bequemlichkeit; sie war ein mißachtetes,

willenloses Opfer, und jeder Laune seiner boshaften Natur hilflos

preisgegeben.

Oft fand sie nachts keinen Schlaf, mochte sie auch noch so abgearbeitet

und völlig erschöpft sein. Was sie den Tag über von ihrem Sohn

erlitten, ließ ihr keine Ruhe; in ihr kochte es vor Wut und Ingrimm.

»Geschlagen hat er mich, und ich hatte doch keine Schuld,« grollte

sie, -- »ins Gesicht geschlagen vor allen Leuten. Er nennt mich nur

Negerdirne, Weibsbild, und was es sonst für Schimpfnamen giebt -- und

ich thu’ doch, was ich kann. Herrgott, was hab’ ich alles für ihn

gethan -- mir allein verdankt er sein Glück -- und das ist mein Lohn!«

Manchmal, wenn er ihr irgend eine Schmach zugefügt hatte, die sie mehr

als gewöhnlich kränkte und empörte, faßte sie den Plan, sich zu rächen

und schwelgte in dem Gedanken, ihn vor aller Welt als Betrüger und

Sklaven bloßzustellen. Aber mitten in der Wonne dieses Schauspiels,

das ihr die Einbildungskraft vormalte, ergriff sie eine entsetzliche

Furcht. Er besaß zu große Gewalt und sie hatte keine Beweise --

gerechter Himmel, wenn es nun damit endete, daß man sie als Sklavin den

Fluß hinunter schickte!

So kam denn von allen ihren Entwürfen keiner zur Ausführung und sie

mußte die Absicht endlich aufgeben. Sie hätte rasend werden mögen vor

ohnmächtiger Wut gegen das Schicksal und gegen sich selbst! Warum war

sie auch an jenem verhängnisvollen Septembertage eine solche Närrin

gewesen und hatte sich nicht einen Zeugen verschafft, der für sie

auftreten konnte an dem Tage, da sie seiner bedurfte, um ihr nach Rache

durstendes Herz zu befriedigen?

Und doch -- sobald Tom einmal gut und freundlich gegen sie war, wie

das in seltenen Fällen geschah, so heilten alle ihre Wunden und sie

fühlte sich stolz und glücklich. Das war ja ihr Sohn, ein armer Neger

von Geburt, der als Herr unter den Weißen auftrat, um sie für alle

Missethaten zu strafen, die sie an ihrer Rasse verübt hatten.

Im Herbst jenes Jahres -- man schrieb 1845 -- fanden in Dawson zwei

große Leichenbegängnisse statt. Zuerst begrub man den Oberst Cecil

Burleigh Essex und dann Herrn Percy Driscoll. Auf dem Totenbette hatte

letzterer noch der Sklavin Roxana die Freiheit geschenkt und seinen

vermeintlichen Sohn, den er abgöttisch liebte, feierlich seinem Bruder,

dem Richter, und dessen Frau zur Obhut übergeben. Das kinderlose

Ehepaar freute sich darüber. Leute, die keine Kinder haben, sind in

diesem Punkt nicht sehr anspruchsvoll.

Einen Monat vorher hatte Richter Driscoll seinen Bruder eines Tages

aufgesucht, weil er beabsichtigte, den Sklaven Schamber zu kaufen.

Es war ihm zu Ohren gekommen, daß Tom seinen Vater bereden wollte,

den Knaben flußabwärts zu schicken, und er wünschte dies Aergernis zu

vermeiden, da er wußte, wie ungünstig es allgemein beurteilt wurde,

wenn man mit Haussklaven auf solche Weise verfuhr, ohne daß ein

zwingender Grund vorlag.

Percy Driscoll hatte alles an das Gelingen seiner großen

Landspekulation gesetzt, allein, er starb, ohne seinen Zweck zu

erreichen. Kaum war er ins Grab gestiegen, so brach die ganze

Herrlichkeit zusammen, und der bisher so beneidete junge Erbe und

Glückspilz ward zum Bettler. Aber es brachte ihm keinen Schaden; sein

Onkel versprach ihm, er solle nach seinem Tode der Erbe seines gesamten

Vermögens werden, und damit tröstete sich Tom.

Roxy hatte nun keine Heimat mehr; sie beschloß deshalb bei Freunden und

Bekannten die Runde zu machen und ihnen Lebewohl zu sagen, denn sie

wollte fortreisen, um die Welt zu sehen -- das heißt, eine Stelle als

Stubenmädchen auf einem Dampfschiff annehmen. Eine höhere Befriedigung

des Ehrgeizes gab es nicht für ihre Rasse und ihr Geschlecht.

Den letzten Besuch stattete sie dem schwarzen Riesen Jasper ab, der

gerade Querkopf Wilsons Holzvorrat für den Winter spaltete. Wilson

unterhielt sich eben mit ihm, als Roxy kam, und er fragte sie, ob

es ihr nicht schwer würde, fortzugehen und die Knaben zu verlassen.

Aus Spaß bot er ihr an, er wolle eine Reihe von Abdrücken ihrer

Fingerspitzen bis zum zwölften Jahr für sie zum Andenken abzeichnen.

Doch sie machte gleich ein ernsthaftes Gesicht, -- es ging ihr im Kopf

herum, ob er wohl einen Argwohn hege -- und antwortete, sie möchte

lieber keine Abdrücke haben.

»Oho,« dachte Wilson, »der Tropfen Negerblut, den sie in ihren

Adern hat, macht sie abergläubisch; sie meint, ich treibe allerlei

Teufelswerk und Hexenkünste mit meinen Glasplättchen. Wenn mir recht

ist, kam sie einmal sogar mit einem alten Hufeisen in der Hand zu mir;

möglich, daß es nur ein Zufall war, doch möchte ich es bezweifeln.«

Fünftes Kapitel.

Die Frau des Richters York Driscoll genoß die Freude, den

unvergleichlichen Tom ihr eigen zu nennen, noch zwei Jahre lang --

zeitweise war das Glück wohl nicht ganz ungetrübt, aber es beseligte

sie doch. Dann starb sie, aber ihr Gatte setzte mit Hilfe seiner

kinderlosen Schwester, der verwitweten Frau Pratt, das Verhältnis zu

Tom in alter Weise fort. Tom wurde zu seiner vollsten Zufriedenheit

gehätschelt, verwöhnt und verzogen -- wenigstens in der Regel. Das

ging so weiter, bis er neunzehn Jahre alt war, dann schickte man ihn

nach Yale auf die Universität. Er hatte vorher alle mögliche Nachhilfe

erhalten, doch zeichnete er sich dort in keiner Weise aus. Zwei Jahre

blieb er in Yale, dann wurde ihm die Anstrengung zu viel und er kam

nach Hause.

Aeußerlich hatte er sich entschieden zum Vorteil verändert; sein Wesen

war nicht mehr schroff und mürrisch, sondern verbindlich, glatt und

geschmeidig. Zwar liebte er es, insgeheim oder auch offen, spöttische

Redensarten fallen zu lassen, welche die Leute an ihrer verwundbarsten

Stelle trafen, doch that er es stets mit einer halb gutmütigen, halb

unschuldigen Miene, so daß ihm niemand etwas vorwerfen konnte, und

er sich keine Ungelegenheiten machte. Seine Trägheit war noch ebenso

groß wie früher, und da er nicht den mindesten Wunsch zeigte, sich

nach einem Beruf umzusehen, schloß man allgemein, daß er es für das

beste halte, aus seines Onkels Tasche zu leben, bis dieser ihm einmal

den Platz räumen würde. Ein paar neue Gewohnheiten hatte er auch

mitgebracht -- das Trinken betrieb er ziemlich offenkundig, das Spielen

aber nur heimlich. Daß er sich auf kein Glücksspiel einlassen durfte,

wo es seinem Onkel zu Ohren kommen konnte, wußte er recht gut.

Die jungen Leute von Dawson, Toms Altersgenossen, denen sein

neumodischer Schliff ein Aergernis war, mieden seinen Umgang.

Vielleicht hätten sie ihn unbehelligt gelassen, wäre er in gewissen

Grenzen geblieben; aber er zog Handschuhe an, und das konnten und

wollten sie nicht dulden. Auch trug er einen so ausgesucht feinen,

städtischen Anzug nach neuestem Stil und Schnitt, daß er seine

Mitbürger dadurch aufs höchste reizte und sie es als absichtliche

Kränkung ansahen. Ihm dagegen machte die Aufregung, in die er alle

Welt versetzte, den größten Spaß, und er stolzierte von früh bis spät

in heiterster Laune durch den ganzen Ort. Die jungen Leute wußten sich

aber zu helfen, sie gingen zu einem Schneider, der sich gleich an die

Arbeit machte, und als Tom am nächsten Morgen wieder in seinem Staat

erschien, wackelte der alte, schwarze, verwachsene Glockenzieher von

Dawson auf Schritt und Tritt hinter ihm her. Man hatte den Mann mit

Kleidern aus brennend rotem Vorhangskattun nach dem Muster von Toms

Anzug ausstaffiert, und er äffte dessen Ziererei in Gang und Manieren

nach, so gut er konnte.

Da strich Tom die Segel und kleidete sich in Zukunft nach einheimischer

Sitte. Das Leben in dem schläfrigen Landstädtchen sagte ihm jedoch gar

nicht mehr zu, seit er ein lustigeres Treiben kennen gelernt hatte, und

es wurde ihm täglich langweiliger. So unternahm er denn kleine Ausflüge

nach St. Louis, um sich eine Abwechslung zu verschaffen. Dort fand er

Gefährten, die zu ihm paßten, Vergnügungen nach seinem Geschmack, und

in gewisser Beziehung eine größere Freiheit, als er zu Hause haben

konnte. Diese Besuche in St. Louis wurden während der nächsten zwei

Jahre immer häufiger, und sein Aufenthalt dort verlängerte sich mehr

und mehr. Er verlor viel Geld im Spiel und machte Schulden, die ihn

eines schönen Tages in große Verlegenheit bringen konnten -- was auch

wirklich geschah.

York Driscoll hatte im Jahre 1850 sein Richteramt niedergelegt

und sich von allen Berufsgeschäften zurückgezogen. Er lebte jetzt

schon seit drei Jahren in behaglicher Muße als Präsident des

Freidenker-Klubs, dessen einziges Mitglied Querkopf Wilson war. Die

allwöchentlichen Beratungen dieser Gesellschaft bildeten nunmehr

das Hauptlebensinteresse des alten Rechtsgelehrten. Wilson selber

verharrte noch immer in seiner Dunkelheit und war seither auf der

Leiter des Glücks keine Stufe höher gestiegen. Die verhängnisvolle

Bemerkung über den Hund, die er vor dreiundzwanzig Jahren gemacht

hatte, vernichtete alle seine Hoffnungen.

Driscoll war sein Freund und behauptete, er besäße hervorragende

Geistesgaben. Das hielt man aber für eine Grille des alten Richters;

die öffentliche Meinung ließ sich nicht dadurch beeinflussen und

zwar aus gutem Grunde. Hätte Driscoll sich damit begnügt, einfach

die Thatsache festzustellen, so würde das ohne Zweifel eine günstige

Wirkung gehabt haben, er wollte jedoch Beweise beibringen, und das war

ein Mißgriff.

Seit einigen Jahren hatte Wilson zu seiner Privatbelustigung ein

wunderliches Tagebuch geführt, eine Art Kalender, in welchem zu

jedem Datum ein kurzer Ausspruch angeblicher Weltweisheit, meist in

humoristischer Form beigefügt war. Driscoll fand, daß diese komischen

Einfälle und harmlosen Sticheleien sehr schlau und treffend ausgedrückt

waren und als er eines Tages eine Handvoll solcher Zettel in der

Tasche hatte, las er einigen angesehenen Bürgern Proben davon vor. Die

guten Leute hatten aber keinen Sinn für Humor -- so etwas ging über

ihren Verstand. Sie machten zu den scherzhaften Kleinigkeiten eine

ernste Miene und erklärten mit großer Bestimmtheit, niemand habe daran

gezweifelt, daß David Wilson ein Querkopf sei, wäre es aber je der

Fall gewesen, so würde durch diese Kundgebung aller Ungewißheit ein

für allemal ein Ende gemacht. So geht es immer in der Welt: Ein Feind

kann dem Menschen zwar erheblichen Schaden zufügen, aber ihn völlig

zu Grunde zu richten, das vermag nur ein gutmütiger, unkluger Freund.

Von da ab war der alte Richter noch zärtlicher gegen Wilson gesinnt

als früher und blieb unerschütterlich bei seiner Ueberzeugung, daß der

Kalender sehr geistreich wäre.

* * * * *

Driscoll durfte ein Freidenker sein, und doch seine gesellschaftliche

Stellung behaupten. Weil er das höchste Ansehen in der Gemeinde genoß,

ließ man ihn seine besonderen Wege gehen, und sich ausdenken, was und

wie viel er wollte. Wilson, dem andern Mitglied des von ihm gestifteten

Klubs, gewährte man das gleiche Vorrecht, aber nur, weil er nach

allgemeiner Schätzung eine Null war, und niemand den geringsten Wert

darauf legte, was er dachte und that. Man war ihm wohlgesinnt und hieß

ihn überall willkommen, aber zu irgend welcher Bedeutung brachte er es

nicht.

Proben aus Querkopf Wilsons Kalender:

Adam war bloß ein Mensch -- damit ist alles erklärt. Ihn gelüstete

nicht nach dem Apfel um des Apfels willen, es reizte ihn nur, zu thun

was verboten war. Die Schlange hätte man verbieten sollen, nicht den

Apfel -- dann würde Adam die Schlange gegessen haben.

* * * * *

Durch den armseligsten Witz, mit dem man jemand lächerlich macht, läßt

sich auch der beste Leumund zerstören. Nehmt zum Beispiel den Esel --

sein Charakter ist beinahe makellos, er hat unter allen Tieren zweiter

Klasse die herrlichste Gemütsart, aber, weil man ihn ins Lächerliche

zu ziehen pflegt, ist er in Verruf gekommen. Statt daß ich mich

geschmeichelt fühlen sollte, wenn man mich einen Esel nennt, weiß ich

nicht recht, woran ich bin.

* * * * *

Mit den ›besonderen Fügungen‹ ist es eine eigene Sache: man weiß nie

recht, wem sie zu gute kommen sollen. Bei der Geschichte vom Propheten

Elias, den Bären und den Kindern zum Beispiel, hatten es die Bären viel

besser als der Prophet, denn sie durften die Kinder fressen.

* * * * *

Wie heilig ist doch die Freundschaft! So süß, so beständig, so

ausdauernd ist kein anderes Gefühl. Sie bleibt uns treu bis ans

Lebensende -- wenn wir sie nicht bitten, uns Geld zu borgen.

* * * * *

Mutig sein, heißt die Furcht überwinden und beherrschen, nicht von

Natur furchtlos sein. Wer nicht ein gut Teil Feigheit in sich hat,

den kann man füglich nicht tapfer nennen, es wäre eine ganz falsche

Anwendung des Wortes. Den besten Beweis dafür liefert uns -- der Floh.

Wäre völlige Furchtlosigkeit gleichbedeutend mit Mut, so müßte man ihn

für das tapferste Geschöpf Gottes erklären. Er verfolgt dich mit seinen

Angriffen, ob du wachst oder schläfst, trotzdem du ihm an Kraft und

Größe so weit überlegen bist, wie die vereinigten Heere der Welt einem

zarten Säugling. Tag und Nacht lebt der Floh in beständiger Gefahr

angesichts des drohenden Todes, doch fürchtet er sich so wenig, wie

jemand der in eine Stadt kommt, die vor tausend Jahren vom Erdbeben

bedroht war. Wenn wir von Helden wie Clive, Nelson und Blücher sagen:

»sie kannten keine Furcht«, so sollten wir immer auch den Floh mit

erwähnen, und ihn an die Spitze stellen. --

* * * * *

Wenn du zornig bist, zähle bis vier; bist du sehr zornig, so fluche.

* * * * *

Alle sagen, wie traurig es ist, daß uns der Tod nicht erspart bleibt!

-- Klingt das nicht seltsam im Munde von Leuten, denen das Leben nicht

erspart geblieben ist?

* * * * *

Nichts bedarf so sehr der Reform, als die Gewohnheiten anderer Leute.

* * * * *

Der Narr spricht: »Lege deine Eier nicht alle in _einen_ Korb!« --

was nichts anderes heißen soll als: »Verteile dein Geld und deine

Wachsamkeit.« -- Aber der Weise sagt: »Lege alle deine Eier in _einen_

Korb -- und dann gieb recht acht auf den Korb.«

* * * * *

Was sollte wohl daraus werden, wenn alle Menschen gleicher Ansicht

wären? Nur wo jeder eine andere Meinung hat, sind Pferderennen möglich.

* * * * *

Es giebt wenige Dinge, die unleidlicher sind und mehr ärgern, als ein

gutes Beispiel.

* * * * *

Selbst der klarste und vollkommenste Indizienbeweis kann auf Täuschung

beruhen und muß mit großer Vorsicht aufgenommen werden. Das läßt sich

sehr deutlich an jedem Bleistift sehen, der von irgend einer Frau

gespitzt worden ist. Hat man Zeugen, so werden diese aussagen, daß sie

die Spitze mit einem Messer gemacht hat, urteilt man aber nur nach der

Beschaffenheit des Bleistifts, so würde man meinen, sie hätte es mit

den Zähnen gethan!

* * * * *

Wenn du einen halbverhungerten Hund findest und ihm zu fressen giebst,

so beißt er dich nicht. Dies ist der Hauptunterschied zwischen einem

Hunde und einem Menschen.

* * * * *

_1. April._ Dies ist der Tag, der uns daran erinnern soll, was wir an

den übrigen dreihundertvierundsechzig Tagen sind.

* * * * *

Versuchen wir, so zu leben, daß bei unserem Tode sogar der

Leichenbestatter trauert.

* * * * *

Die Entdeckung von Amerika war schon sehr wunderbar, aber noch viel

wunderbarer wäre es gewesen, wenn man es nicht entdeckt hätte.

Sechstes Kapitel.

Die Witwe Cooper, welche von jedermann aufs liebevollste ›Tante

Patsy‹ genannt wurde, wohnte in einem hübschen, sauber gehaltenen

Häuschen, zusammen mit ihrer Tochter Rowena, die neunzehn Jahre alt,

liebenswürdig, schwärmerisch und sehr hübsch war, doch im übrigen für

uns nicht in Betracht kommt. Rowena besaß auch noch ein paar jüngere

Brüder, mit denen wir uns aber auch nicht weiter zu beschäftigen

brauchen.

Die Witwe hatte ein großes Gastzimmer, das sie an einen einzelnen Herrn

zu vermieten pflegte, den sie womöglich auch beköstigte; aber jetzt

stand das Zimmer zu ihrem Leidwesen schon über ein Jahr leer. Die Sache

war nicht ohne Wichtigkeit, denn ihr Einkommen reichte gerade nur für

den täglichen Bedarf der Familie aus; jeder kleine Aufwand mußte mit

dem Mietsgeld bestritten werden. Doch jetzt endlich, an einem glühend

heißen Junitage, kam das Glück, und die lange Wartezeit war zu Ende.

Auf ihre ewige Zeitungsanzeige hin hatte sich ein Bewerber gefunden,

und nicht einmal jemand hier am Orte -- o nein, der Brief kam von

weither, aus der unbekannten großen Welt, die im Norden lag -- er war

aus St. Louis datiert. Tante Patsy saß auf ihrer Veranda, schaute

traumverloren den dahin rollenden Wellen des mächtigen Mississippi nach

und freute sich ihres Lebens. Es war aber auch ein ganz besonderer

Glücksfall, denn sie sollte statt eines Mieters deren zwei bekommen.

Nachdem sie ihren Kindern den Brief vorgelesen hatte, war Rowena

fortgehüpft, um der Sklavin Nancy zu sagen, daß sie das Zimmer putzen

und lüften sollte, und die Knaben liefen gleich in die Stadt, weil sie

die große Neuigkeit überall verkünden mußten. Das öffentliche Interesse

war bei der Sache mit im Spiel, und die Leute würden es sehr übel

vermerkt haben, hätte man sie nicht davon benachrichtigt. Nicht lange,

so kam Rowena wieder; sie glühte über und über vor freudiger Erregung

und bat, den Brief noch einmal lesen zu dürfen. Sein Wortlaut war

folgender:

»Sehr geehrte Frau!

Zufällig ist uns Ihre Anzeige zu Gesicht gekommen, und wir --

mein Bruder und ich -- möchten das Zimmer mieten, das Sie zu

vergeben haben. Wir sind Zwillinge, vierundzwanzig Jahre alt

und von Geburt Italiener. Doch haben wir lange in verschiedenen

Ländern von Europa gelebt und sind jetzt schon seit mehreren

Jahren in den Vereinigten Staaten. Wir heißen Luigi und Angelo

Capello. -- Sie rechnen zwar nur auf einen Gast, geehrte Frau,

wenn Sie uns aber gestatten wollen für zwei zu bezahlen, werden

wir Ihnen gewiß nicht lästig fallen. Nächsten Donnerstag

gedenken wir einzutreffen.«

»Italiener! Wie romantisch! Stelle dir’s nur ’mal vor, Mama -- noch

nie ist ein Italiener hier in der Stadt gewesen und alle werden vor

Neugierde brennen, sie zu sehen -- aber sie gehören uns -- uns ganz

allein! Welche Ueberraschung, welches Glück!«

»Ja, sie werden viel Aufsehen machen.«

»Das will ich meinen! Die ganze Stadt wird auf dem Kopf stehen. Denke

nur -- in Europa sind sie gewesen und überall. Solche große Reisende

kennt man hier gar nicht. Meinst du wohl, daß sie auch Prinzen und

Könige gesehen haben?«

»Wie soll ich das wissen -- aber sie werden so wie so alles in

Aufregung bringen.«

»O, natürlich. Luigi -- Angelo! Was für schöne Namen, wie vornehm

und ausländisch das klingt -- ganz anders als Jones und Robinson. Am

Donnerstag kommen sie, und heute ist erst Dienstag, da müssen wir noch

schrecklich lange warten. -- Ach, dort macht Herr Richter Driscoll eben

das Thor auf. Er hat gewiß auch davon gehört; ich will ihm die Hausthür

öffnen.«

Driscoll brachte die besten Glückwünsche und war voller Neugierde.

Der Brief wurde vorgelesen und besprochen. Bald stellte sich auch der

Amtsrichter Robinson ein und das Lesen und Besprechen begann von neuem.

Dies war erst der Anfang. Nun folgten die Nachbarn und Nachbarinnen

in langer Reihe; das Kommen und Gehen wollte kein Ende nehmen bis zum

Abend und den ganzen Mittwoch und Donnerstag über. Immer wieder wurde

der Brief vorgelesen, bis er ganz abgegriffen war. Jedermann bewunderte

die höfliche und freundliche Ausdrucksweise, den gefälligen, gewandten

Stil; alle waren voll Anteil und gespannter Erwartung, die Familie

Cooper wußte sich kaum zu fassen vor Freude und Stolz.

Damals hielten die Dampfer ihre Ankunftszeit bei der Ebbe nie

regelmäßig ein. An dem bewußten Donnerstag war das Dampfboot um

zehn Uhr abends noch nicht da; den ganzen Tag über hatten die Leute

umsonst am Landungsplatz gewartet, und zuletzt wurden sie von einem

heftigen Gewitterregen nach Hause getrieben, ohne daß sie die berühmten

Fremdlinge zu Gesicht bekommen hatten.

Es schlug elf Uhr. Das Coopersche Haus war das einzige in der ganzen

Stadt, wo noch Licht brannte. Der Regen strömte und der Donner

grollte, während die besorgte Familie wartete und hoffte. Endlich

vernahm man ein Klopfen an der Hausthür und alle sprangen auf. Zwei

Neger traten ein, jeder mit einem Koffer auf der Schulter und gingen

die Treppe hinauf nach dem Gastzimmer. Ihnen folgten die Zwillinge --

wahrlich, so schöne, feingekleidete und vornehm aussehende junge Herren

hatte man hier im Westen noch nie erblickt! Einer war etwas blonder als

der andere, aber im übrigen das genaue Abbild seines Bruders.

Siebentes Kapitel.

Querkopf Wilson · 第 2 / 13 段