auch einmal seine Schwimmkunst zeigen, wurde aber von einem Krampf
befallen und dem Ertrinken nahe, schrie er um Hilfe. Die Buben von
Dawson pflegten sich häufig einen Spaß daraus zu machen -- besonders
wenn ein Fremder in der Nähe war -- zu thun, als ob sie ertrinken
müßten und nach Hilfe zu rufen; kam nun der Fremde in rasender Eile
herbei, so fuhr der Spaßvogel fort zu zappeln und zu schreien, bis der
Retter dicht bei ihm war, dann schlug er eine höhnische Lache auf und
schwamm gleichmütig davon, während die andern Buben den Gefoppten nach
Herzenslust verspotteten. Tom hatte den Streich noch nie versucht, und
als nun sein Hilferuf ertönte, hielt es niemand für Ernst. Nur Schamber
glaubte, daß sein Herr wirklich in Gefahr sei, deshalb schwamm er
herbei und kam leider noch zu rechter Zeit, um ihm das Leben zu retten.
Das stieß dem Faß den Boden aus. Tom hatte schon viel ertragen, aber,
daß er nun auf immer vor aller Welt einem Neger zu Dank verpflichtet
sein sollte, überstieg seine Kräfte. Er erging sich in Schimpf- und
Scheltworten, weil Schamber ihm nicht vom Leibe geblieben sei und
›vorgab‹ zu glauben, Tom habe im Ernst nach Hilfe gerufen, während man
doch ganz vernagelt dumm sein müßte, um nicht zu sehen, daß er nur Spaß
treiben wollte.
Toms Feinde aber, die diesmal in großer Schar versammelt waren, drehten
jetzt den Spieß um. Sie lachten ihn aus, nannten ihn Hasenherz, Lügner,
Duckmäuser und was dergleichen Liebesnamen mehr waren. Auch kündigten
sie ihm an, daß Schamber von jetzt ab in der ganzen Stadt nicht anders
als ›Tom Driscolls Negerpappy‹ heißen sollte, denn er habe ihn so gut
wie neu geboren und ihm das Leben geschenkt.
Wütend über den Spott und Hohn schrie Tom:
»Schlag’ ihnen den Schädel ein, Schamber -- schlag’ ihnen den Schädel
ein! -- Was stehst du da mit den Händen in den Hosentaschen?«
»Aber, Massa Tom, ’s sind ihrer so viele --« wagte Schamber einzuwenden.
»Thu’, was ich dir sage.«
»Bitte, Massa Tom, zwingt mich nicht! Es sind ihrer wirklich zu viele,
da kann ich --«
Im nächsten Augenblick war Tom auf ihn zugestürzt und hatte ihm sein
Taschenmesser zwei oder dreimal in die Brust gestoßen, bevor die andern
ihn fortreißen und den Verwundeten in Sicherheit bringen konnten.
Schamber war zwar schwer, aber nicht gefährlich verletzt; wäre die
Klinge nur etwas länger gewesen, so würde seine Laufbahn damals ihr
Ende erreicht haben.
Was Roxy betraf, so hatte ihr Tom schon längst gezeigt, ›wo sie
hingehörte.‹ Seit Jahren wagte sie nicht mehr, ihm Schmeichelnamen
zu geben oder ihn zu liebkosen. Das alles war ihm widerwärtig von
einer ›Negerin‹, und er riet ihr, ihm nicht zu nahe zu kommen, sonst
würde es ihr übel ergehen. Allmählich hörte ihr Herzblatt ganz auf,
ihr Sohn zu sein; sie sah _dies_ Verhältnis spurlos verschwinden. Nur
der Gebieter war noch übrig geblieben, und er herrschte durchaus nicht
mit milder Hand. Von dem Ehrenplatz, welcher der Mutter gebührt, sah
sie sich herabgestoßen und zur elenden Sklavin erniedrigt. Ein tiefer
Abgrund hatte sich zwischen ihnen aufgethan. Tom benützte sie nur noch
wie ein Hausgerät zu seiner Bequemlichkeit; sie war ein mißachtetes,
willenloses Opfer, und jeder Laune seiner boshaften Natur hilflos
preisgegeben.
Oft fand sie nachts keinen Schlaf, mochte sie auch noch so abgearbeitet
und völlig erschöpft sein. Was sie den Tag über von ihrem Sohn
erlitten, ließ ihr keine Ruhe; in ihr kochte es vor Wut und Ingrimm.
»Geschlagen hat er mich, und ich hatte doch keine Schuld,« grollte
sie, -- »ins Gesicht geschlagen vor allen Leuten. Er nennt mich nur
Negerdirne, Weibsbild, und was es sonst für Schimpfnamen giebt -- und
ich thu’ doch, was ich kann. Herrgott, was hab’ ich alles für ihn
gethan -- mir allein verdankt er sein Glück -- und das ist mein Lohn!«
Manchmal, wenn er ihr irgend eine Schmach zugefügt hatte, die sie mehr
als gewöhnlich kränkte und empörte, faßte sie den Plan, sich zu rächen
und schwelgte in dem Gedanken, ihn vor aller Welt als Betrüger und
Sklaven bloßzustellen. Aber mitten in der Wonne dieses Schauspiels,
das ihr die Einbildungskraft vormalte, ergriff sie eine entsetzliche
Furcht. Er besaß zu große Gewalt und sie hatte keine Beweise --
gerechter Himmel, wenn es nun damit endete, daß man sie als Sklavin den
Fluß hinunter schickte!
So kam denn von allen ihren Entwürfen keiner zur Ausführung und sie
mußte die Absicht endlich aufgeben. Sie hätte rasend werden mögen vor
ohnmächtiger Wut gegen das Schicksal und gegen sich selbst! Warum war
sie auch an jenem verhängnisvollen Septembertage eine solche Närrin
gewesen und hatte sich nicht einen Zeugen verschafft, der für sie
auftreten konnte an dem Tage, da sie seiner bedurfte, um ihr nach Rache
durstendes Herz zu befriedigen?
Und doch -- sobald Tom einmal gut und freundlich gegen sie war, wie
das in seltenen Fällen geschah, so heilten alle ihre Wunden und sie
fühlte sich stolz und glücklich. Das war ja ihr Sohn, ein armer Neger
von Geburt, der als Herr unter den Weißen auftrat, um sie für alle
Missethaten zu strafen, die sie an ihrer Rasse verübt hatten.
Im Herbst jenes Jahres -- man schrieb 1845 -- fanden in Dawson zwei
große Leichenbegängnisse statt. Zuerst begrub man den Oberst Cecil
Burleigh Essex und dann Herrn Percy Driscoll. Auf dem Totenbette hatte
letzterer noch der Sklavin Roxana die Freiheit geschenkt und seinen
vermeintlichen Sohn, den er abgöttisch liebte, feierlich seinem Bruder,
dem Richter, und dessen Frau zur Obhut übergeben. Das kinderlose
Ehepaar freute sich darüber. Leute, die keine Kinder haben, sind in
diesem Punkt nicht sehr anspruchsvoll.
Einen Monat vorher hatte Richter Driscoll seinen Bruder eines Tages
aufgesucht, weil er beabsichtigte, den Sklaven Schamber zu kaufen.
Es war ihm zu Ohren gekommen, daß Tom seinen Vater bereden wollte,
den Knaben flußabwärts zu schicken, und er wünschte dies Aergernis zu
vermeiden, da er wußte, wie ungünstig es allgemein beurteilt wurde,
wenn man mit Haussklaven auf solche Weise verfuhr, ohne daß ein
zwingender Grund vorlag.
Percy Driscoll hatte alles an das Gelingen seiner großen
Landspekulation gesetzt, allein, er starb, ohne seinen Zweck zu
erreichen. Kaum war er ins Grab gestiegen, so brach die ganze
Herrlichkeit zusammen, und der bisher so beneidete junge Erbe und
Glückspilz ward zum Bettler. Aber es brachte ihm keinen Schaden; sein
Onkel versprach ihm, er solle nach seinem Tode der Erbe seines gesamten
Vermögens werden, und damit tröstete sich Tom.
Roxy hatte nun keine Heimat mehr; sie beschloß deshalb bei Freunden und
Bekannten die Runde zu machen und ihnen Lebewohl zu sagen, denn sie
wollte fortreisen, um die Welt zu sehen -- das heißt, eine Stelle als
Stubenmädchen auf einem Dampfschiff annehmen. Eine höhere Befriedigung
des Ehrgeizes gab es nicht für ihre Rasse und ihr Geschlecht.
Den letzten Besuch stattete sie dem schwarzen Riesen Jasper ab, der
gerade Querkopf Wilsons Holzvorrat für den Winter spaltete. Wilson
unterhielt sich eben mit ihm, als Roxy kam, und er fragte sie, ob
es ihr nicht schwer würde, fortzugehen und die Knaben zu verlassen.
Aus Spaß bot er ihr an, er wolle eine Reihe von Abdrücken ihrer
Fingerspitzen bis zum zwölften Jahr für sie zum Andenken abzeichnen.
Doch sie machte gleich ein ernsthaftes Gesicht, -- es ging ihr im Kopf
herum, ob er wohl einen Argwohn hege -- und antwortete, sie möchte
lieber keine Abdrücke haben.
»Oho,« dachte Wilson, »der Tropfen Negerblut, den sie in ihren
Adern hat, macht sie abergläubisch; sie meint, ich treibe allerlei
Teufelswerk und Hexenkünste mit meinen Glasplättchen. Wenn mir recht
ist, kam sie einmal sogar mit einem alten Hufeisen in der Hand zu mir;
möglich, daß es nur ein Zufall war, doch möchte ich es bezweifeln.«
Fünftes Kapitel.
Die Frau des Richters York Driscoll genoß die Freude, den
unvergleichlichen Tom ihr eigen zu nennen, noch zwei Jahre lang --
zeitweise war das Glück wohl nicht ganz ungetrübt, aber es beseligte
sie doch. Dann starb sie, aber ihr Gatte setzte mit Hilfe seiner
kinderlosen Schwester, der verwitweten Frau Pratt, das Verhältnis zu
Tom in alter Weise fort. Tom wurde zu seiner vollsten Zufriedenheit
gehätschelt, verwöhnt und verzogen -- wenigstens in der Regel. Das
ging so weiter, bis er neunzehn Jahre alt war, dann schickte man ihn
nach Yale auf die Universität. Er hatte vorher alle mögliche Nachhilfe
erhalten, doch zeichnete er sich dort in keiner Weise aus. Zwei Jahre
blieb er in Yale, dann wurde ihm die Anstrengung zu viel und er kam
nach Hause.
Aeußerlich hatte er sich entschieden zum Vorteil verändert; sein Wesen
war nicht mehr schroff und mürrisch, sondern verbindlich, glatt und
geschmeidig. Zwar liebte er es, insgeheim oder auch offen, spöttische
Redensarten fallen zu lassen, welche die Leute an ihrer verwundbarsten
Stelle trafen, doch that er es stets mit einer halb gutmütigen, halb
unschuldigen Miene, so daß ihm niemand etwas vorwerfen konnte, und
er sich keine Ungelegenheiten machte. Seine Trägheit war noch ebenso
groß wie früher, und da er nicht den mindesten Wunsch zeigte, sich
nach einem Beruf umzusehen, schloß man allgemein, daß er es für das
beste halte, aus seines Onkels Tasche zu leben, bis dieser ihm einmal
den Platz räumen würde. Ein paar neue Gewohnheiten hatte er auch
mitgebracht -- das Trinken betrieb er ziemlich offenkundig, das Spielen
aber nur heimlich. Daß er sich auf kein Glücksspiel einlassen durfte,
wo es seinem Onkel zu Ohren kommen konnte, wußte er recht gut.
Die jungen Leute von Dawson, Toms Altersgenossen, denen sein
neumodischer Schliff ein Aergernis war, mieden seinen Umgang.
Vielleicht hätten sie ihn unbehelligt gelassen, wäre er in gewissen
Grenzen geblieben; aber er zog Handschuhe an, und das konnten und
wollten sie nicht dulden. Auch trug er einen so ausgesucht feinen,
städtischen Anzug nach neuestem Stil und Schnitt, daß er seine
Mitbürger dadurch aufs höchste reizte und sie es als absichtliche
Kränkung ansahen. Ihm dagegen machte die Aufregung, in die er alle
Welt versetzte, den größten Spaß, und er stolzierte von früh bis spät
in heiterster Laune durch den ganzen Ort. Die jungen Leute wußten sich
aber zu helfen, sie gingen zu einem Schneider, der sich gleich an die
Arbeit machte, und als Tom am nächsten Morgen wieder in seinem Staat
erschien, wackelte der alte, schwarze, verwachsene Glockenzieher von
Dawson auf Schritt und Tritt hinter ihm her. Man hatte den Mann mit
Kleidern aus brennend rotem Vorhangskattun nach dem Muster von Toms
Anzug ausstaffiert, und er äffte dessen Ziererei in Gang und Manieren
nach, so gut er konnte.
Da strich Tom die Segel und kleidete sich in Zukunft nach einheimischer
Sitte. Das Leben in dem schläfrigen Landstädtchen sagte ihm jedoch gar
nicht mehr zu, seit er ein lustigeres Treiben kennen gelernt hatte, und
es wurde ihm täglich langweiliger. So unternahm er denn kleine Ausflüge
nach St. Louis, um sich eine Abwechslung zu verschaffen. Dort fand er
Gefährten, die zu ihm paßten, Vergnügungen nach seinem Geschmack, und
in gewisser Beziehung eine größere Freiheit, als er zu Hause haben
konnte. Diese Besuche in St. Louis wurden während der nächsten zwei
Jahre immer häufiger, und sein Aufenthalt dort verlängerte sich mehr
und mehr. Er verlor viel Geld im Spiel und machte Schulden, die ihn
eines schönen Tages in große Verlegenheit bringen konnten -- was auch
wirklich geschah.
York Driscoll hatte im Jahre 1850 sein Richteramt niedergelegt
und sich von allen Berufsgeschäften zurückgezogen. Er lebte jetzt
schon seit drei Jahren in behaglicher Muße als Präsident des
Freidenker-Klubs, dessen einziges Mitglied Querkopf Wilson war. Die
allwöchentlichen Beratungen dieser Gesellschaft bildeten nunmehr
das Hauptlebensinteresse des alten Rechtsgelehrten. Wilson selber
verharrte noch immer in seiner Dunkelheit und war seither auf der
Leiter des Glücks keine Stufe höher gestiegen. Die verhängnisvolle
Bemerkung über den Hund, die er vor dreiundzwanzig Jahren gemacht
hatte, vernichtete alle seine Hoffnungen.
Driscoll war sein Freund und behauptete, er besäße hervorragende
Geistesgaben. Das hielt man aber für eine Grille des alten Richters;
die öffentliche Meinung ließ sich nicht dadurch beeinflussen und
zwar aus gutem Grunde. Hätte Driscoll sich damit begnügt, einfach
die Thatsache festzustellen, so würde das ohne Zweifel eine günstige
Wirkung gehabt haben, er wollte jedoch Beweise beibringen, und das war
ein Mißgriff.
Seit einigen Jahren hatte Wilson zu seiner Privatbelustigung ein
wunderliches Tagebuch geführt, eine Art Kalender, in welchem zu
jedem Datum ein kurzer Ausspruch angeblicher Weltweisheit, meist in
humoristischer Form beigefügt war. Driscoll fand, daß diese komischen
Einfälle und harmlosen Sticheleien sehr schlau und treffend ausgedrückt
waren und als er eines Tages eine Handvoll solcher Zettel in der
Tasche hatte, las er einigen angesehenen Bürgern Proben davon vor. Die
guten Leute hatten aber keinen Sinn für Humor -- so etwas ging über
ihren Verstand. Sie machten zu den scherzhaften Kleinigkeiten eine
ernste Miene und erklärten mit großer Bestimmtheit, niemand habe daran
gezweifelt, daß David Wilson ein Querkopf sei, wäre es aber je der
Fall gewesen, so würde durch diese Kundgebung aller Ungewißheit ein
für allemal ein Ende gemacht. So geht es immer in der Welt: Ein Feind
kann dem Menschen zwar erheblichen Schaden zufügen, aber ihn völlig
zu Grunde zu richten, das vermag nur ein gutmütiger, unkluger Freund.
Von da ab war der alte Richter noch zärtlicher gegen Wilson gesinnt
als früher und blieb unerschütterlich bei seiner Ueberzeugung, daß der
Kalender sehr geistreich wäre.
* * * * *
Driscoll durfte ein Freidenker sein, und doch seine gesellschaftliche
Stellung behaupten. Weil er das höchste Ansehen in der Gemeinde genoß,
ließ man ihn seine besonderen Wege gehen, und sich ausdenken, was und
wie viel er wollte. Wilson, dem andern Mitglied des von ihm gestifteten
Klubs, gewährte man das gleiche Vorrecht, aber nur, weil er nach
allgemeiner Schätzung eine Null war, und niemand den geringsten Wert
darauf legte, was er dachte und that. Man war ihm wohlgesinnt und hieß
ihn überall willkommen, aber zu irgend welcher Bedeutung brachte er es
nicht.
Proben aus Querkopf Wilsons Kalender:
Adam war bloß ein Mensch -- damit ist alles erklärt. Ihn gelüstete
nicht nach dem Apfel um des Apfels willen, es reizte ihn nur, zu thun
was verboten war. Die Schlange hätte man verbieten sollen, nicht den
Apfel -- dann würde Adam die Schlange gegessen haben.
* * * * *
Durch den armseligsten Witz, mit dem man jemand lächerlich macht, läßt
sich auch der beste Leumund zerstören. Nehmt zum Beispiel den Esel --
sein Charakter ist beinahe makellos, er hat unter allen Tieren zweiter
Klasse die herrlichste Gemütsart, aber, weil man ihn ins Lächerliche
zu ziehen pflegt, ist er in Verruf gekommen. Statt daß ich mich
geschmeichelt fühlen sollte, wenn man mich einen Esel nennt, weiß ich
nicht recht, woran ich bin.
* * * * *
Mit den ›besonderen Fügungen‹ ist es eine eigene Sache: man weiß nie
recht, wem sie zu gute kommen sollen. Bei der Geschichte vom Propheten
Elias, den Bären und den Kindern zum Beispiel, hatten es die Bären viel
besser als der Prophet, denn sie durften die Kinder fressen.
* * * * *
Wie heilig ist doch die Freundschaft! So süß, so beständig, so
ausdauernd ist kein anderes Gefühl. Sie bleibt uns treu bis ans
Lebensende -- wenn wir sie nicht bitten, uns Geld zu borgen.
* * * * *
Mutig sein, heißt die Furcht überwinden und beherrschen, nicht von
Natur furchtlos sein. Wer nicht ein gut Teil Feigheit in sich hat,
den kann man füglich nicht tapfer nennen, es wäre eine ganz falsche
Anwendung des Wortes. Den besten Beweis dafür liefert uns -- der Floh.
Wäre völlige Furchtlosigkeit gleichbedeutend mit Mut, so müßte man ihn
für das tapferste Geschöpf Gottes erklären. Er verfolgt dich mit seinen
Angriffen, ob du wachst oder schläfst, trotzdem du ihm an Kraft und
Größe so weit überlegen bist, wie die vereinigten Heere der Welt einem
zarten Säugling. Tag und Nacht lebt der Floh in beständiger Gefahr
angesichts des drohenden Todes, doch fürchtet er sich so wenig, wie
jemand der in eine Stadt kommt, die vor tausend Jahren vom Erdbeben
bedroht war. Wenn wir von Helden wie Clive, Nelson und Blücher sagen:
»sie kannten keine Furcht«, so sollten wir immer auch den Floh mit
erwähnen, und ihn an die Spitze stellen. --
* * * * *
Wenn du zornig bist, zähle bis vier; bist du sehr zornig, so fluche.
* * * * *
Alle sagen, wie traurig es ist, daß uns der Tod nicht erspart bleibt!
-- Klingt das nicht seltsam im Munde von Leuten, denen das Leben nicht
erspart geblieben ist?
* * * * *
Nichts bedarf so sehr der Reform, als die Gewohnheiten anderer Leute.
* * * * *
Der Narr spricht: »Lege deine Eier nicht alle in _einen_ Korb!« --
was nichts anderes heißen soll als: »Verteile dein Geld und deine
Wachsamkeit.« -- Aber der Weise sagt: »Lege alle deine Eier in _einen_
Korb -- und dann gieb recht acht auf den Korb.«
* * * * *
Was sollte wohl daraus werden, wenn alle Menschen gleicher Ansicht
wären? Nur wo jeder eine andere Meinung hat, sind Pferderennen möglich.
* * * * *
Es giebt wenige Dinge, die unleidlicher sind und mehr ärgern, als ein
gutes Beispiel.
* * * * *
Selbst der klarste und vollkommenste Indizienbeweis kann auf Täuschung
beruhen und muß mit großer Vorsicht aufgenommen werden. Das läßt sich
sehr deutlich an jedem Bleistift sehen, der von irgend einer Frau
gespitzt worden ist. Hat man Zeugen, so werden diese aussagen, daß sie
die Spitze mit einem Messer gemacht hat, urteilt man aber nur nach der
Beschaffenheit des Bleistifts, so würde man meinen, sie hätte es mit
den Zähnen gethan!
* * * * *
Wenn du einen halbverhungerten Hund findest und ihm zu fressen giebst,
so beißt er dich nicht. Dies ist der Hauptunterschied zwischen einem
Hunde und einem Menschen.
* * * * *
_1. April._ Dies ist der Tag, der uns daran erinnern soll, was wir an
den übrigen dreihundertvierundsechzig Tagen sind.
* * * * *
Versuchen wir, so zu leben, daß bei unserem Tode sogar der
Leichenbestatter trauert.
* * * * *
Die Entdeckung von Amerika war schon sehr wunderbar, aber noch viel
wunderbarer wäre es gewesen, wenn man es nicht entdeckt hätte.
Sechstes Kapitel.
Die Witwe Cooper, welche von jedermann aufs liebevollste ›Tante
Patsy‹ genannt wurde, wohnte in einem hübschen, sauber gehaltenen
Häuschen, zusammen mit ihrer Tochter Rowena, die neunzehn Jahre alt,
liebenswürdig, schwärmerisch und sehr hübsch war, doch im übrigen für
uns nicht in Betracht kommt. Rowena besaß auch noch ein paar jüngere
Brüder, mit denen wir uns aber auch nicht weiter zu beschäftigen
brauchen.
Die Witwe hatte ein großes Gastzimmer, das sie an einen einzelnen Herrn
zu vermieten pflegte, den sie womöglich auch beköstigte; aber jetzt
stand das Zimmer zu ihrem Leidwesen schon über ein Jahr leer. Die Sache
war nicht ohne Wichtigkeit, denn ihr Einkommen reichte gerade nur für
den täglichen Bedarf der Familie aus; jeder kleine Aufwand mußte mit
dem Mietsgeld bestritten werden. Doch jetzt endlich, an einem glühend
heißen Junitage, kam das Glück, und die lange Wartezeit war zu Ende.
Auf ihre ewige Zeitungsanzeige hin hatte sich ein Bewerber gefunden,
und nicht einmal jemand hier am Orte -- o nein, der Brief kam von
weither, aus der unbekannten großen Welt, die im Norden lag -- er war
aus St. Louis datiert. Tante Patsy saß auf ihrer Veranda, schaute
traumverloren den dahin rollenden Wellen des mächtigen Mississippi nach
und freute sich ihres Lebens. Es war aber auch ein ganz besonderer
Glücksfall, denn sie sollte statt eines Mieters deren zwei bekommen.
Nachdem sie ihren Kindern den Brief vorgelesen hatte, war Rowena
fortgehüpft, um der Sklavin Nancy zu sagen, daß sie das Zimmer putzen
und lüften sollte, und die Knaben liefen gleich in die Stadt, weil sie
die große Neuigkeit überall verkünden mußten. Das öffentliche Interesse
war bei der Sache mit im Spiel, und die Leute würden es sehr übel
vermerkt haben, hätte man sie nicht davon benachrichtigt. Nicht lange,
so kam Rowena wieder; sie glühte über und über vor freudiger Erregung
und bat, den Brief noch einmal lesen zu dürfen. Sein Wortlaut war
folgender:
»Sehr geehrte Frau!
Zufällig ist uns Ihre Anzeige zu Gesicht gekommen, und wir --
mein Bruder und ich -- möchten das Zimmer mieten, das Sie zu
vergeben haben. Wir sind Zwillinge, vierundzwanzig Jahre alt
und von Geburt Italiener. Doch haben wir lange in verschiedenen
Ländern von Europa gelebt und sind jetzt schon seit mehreren
Jahren in den Vereinigten Staaten. Wir heißen Luigi und Angelo
Capello. -- Sie rechnen zwar nur auf einen Gast, geehrte Frau,
wenn Sie uns aber gestatten wollen für zwei zu bezahlen, werden
wir Ihnen gewiß nicht lästig fallen. Nächsten Donnerstag
gedenken wir einzutreffen.«
»Italiener! Wie romantisch! Stelle dir’s nur ’mal vor, Mama -- noch
nie ist ein Italiener hier in der Stadt gewesen und alle werden vor
Neugierde brennen, sie zu sehen -- aber sie gehören uns -- uns ganz
allein! Welche Ueberraschung, welches Glück!«
»Ja, sie werden viel Aufsehen machen.«
»Das will ich meinen! Die ganze Stadt wird auf dem Kopf stehen. Denke
nur -- in Europa sind sie gewesen und überall. Solche große Reisende
kennt man hier gar nicht. Meinst du wohl, daß sie auch Prinzen und
Könige gesehen haben?«
»Wie soll ich das wissen -- aber sie werden so wie so alles in
Aufregung bringen.«
»O, natürlich. Luigi -- Angelo! Was für schöne Namen, wie vornehm
und ausländisch das klingt -- ganz anders als Jones und Robinson. Am
Donnerstag kommen sie, und heute ist erst Dienstag, da müssen wir noch
schrecklich lange warten. -- Ach, dort macht Herr Richter Driscoll eben
das Thor auf. Er hat gewiß auch davon gehört; ich will ihm die Hausthür
öffnen.«
Driscoll brachte die besten Glückwünsche und war voller Neugierde.
Der Brief wurde vorgelesen und besprochen. Bald stellte sich auch der
Amtsrichter Robinson ein und das Lesen und Besprechen begann von neuem.
Dies war erst der Anfang. Nun folgten die Nachbarn und Nachbarinnen
in langer Reihe; das Kommen und Gehen wollte kein Ende nehmen bis zum
Abend und den ganzen Mittwoch und Donnerstag über. Immer wieder wurde
der Brief vorgelesen, bis er ganz abgegriffen war. Jedermann bewunderte
die höfliche und freundliche Ausdrucksweise, den gefälligen, gewandten
Stil; alle waren voll Anteil und gespannter Erwartung, die Familie
Cooper wußte sich kaum zu fassen vor Freude und Stolz.
Damals hielten die Dampfer ihre Ankunftszeit bei der Ebbe nie
regelmäßig ein. An dem bewußten Donnerstag war das Dampfboot um
zehn Uhr abends noch nicht da; den ganzen Tag über hatten die Leute
umsonst am Landungsplatz gewartet, und zuletzt wurden sie von einem
heftigen Gewitterregen nach Hause getrieben, ohne daß sie die berühmten
Fremdlinge zu Gesicht bekommen hatten.
Es schlug elf Uhr. Das Coopersche Haus war das einzige in der ganzen
Stadt, wo noch Licht brannte. Der Regen strömte und der Donner
grollte, während die besorgte Familie wartete und hoffte. Endlich
vernahm man ein Klopfen an der Hausthür und alle sprangen auf. Zwei
Neger traten ein, jeder mit einem Koffer auf der Schulter und gingen
die Treppe hinauf nach dem Gastzimmer. Ihnen folgten die Zwillinge --
wahrlich, so schöne, feingekleidete und vornehm aussehende junge Herren
hatte man hier im Westen noch nie erblickt! Einer war etwas blonder als
der andere, aber im übrigen das genaue Abbild seines Bruders.
Siebentes Kapitel.